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SWR3 Gedanken

23JUN2024
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Heute feiert meine Mutter ihren 70. Geburtstag. Es gibt ein großes Fest mit gutem Essen, guten Getränken, etwas Programm – mit guten Gesprächen und hoffentlich glücklichen Gästen. In den 70 Jahren, die meine Mama jetzt gelebt hat, hat sie viel Schönes erlebt, aber auch einiges Schweres. Ich denke, das ist in jedem Leben so. Und heute feiert sie das Leben – so wie es eben ist! 

Bei einer Fortbildung letzte Woche haben wir über Bibelgeschichten gesprochen. Es ging auch um die Hochzeit zu Kana. Jesus ist da auf einer Hochzeit. Mit seiner Mutter und vielen anderen Gästen. Bei der Hochzeit geht der Wein aus. Die Gäste wollen, dass Jesus neuen macht. Eigentlich ist das ja nicht möglich. Aber sie haben schon erlebt, dass Jesus Wunder tut und trauen ihm das zu. Und nach einigem Zögern macht Jesus das tatsächlich. Die Feier ist da schon einige Stunden im Gange. Als der Koch den Wein testet, wundert er sich: denn der Wein ist richtig gut. Besser als der alte. Das ist ungewöhnlich: Normalerweise wird der gute Wein doch zuerst an die Gäste ausgegeben und dann, wenn die Feier an ihr Ende kommt der schlechtere. Jesus macht das anders.

Das gefällt mir. Es zeigt: Jesus war wirklich ein echter Mensch. Einer, der das Leben richtig gelebt hat. Das Schöne und das Schwere gekannt hat. Und das Leben feiern wollte – so wie es eben ist.

Mir gefällt der Gedanke. Auch mit Blick auf den Geburtstag meiner Mutter. Jesus wollte, dass wir schöne Feste feiern. Dass wir das Leben feiern. Mit allem, was dazu gehört. Und mit allem, was es dafür braucht. Und das muss ja nicht nur Wein sein. 

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

23JUN2024
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Ich treffe mich mit Fabien; morgens um halb acht in einem Café in Paris. Er wohnt in dieser wunderbaren Stadt. Wir kennen uns über Instagram. Und weil wir beide Kaffeefans sind, schickt er mir immer wieder frühmorgens ein Foto mit einer Espressotasse irgendwo in einem Café in Paris. Und ich ihm dann meist ein Bild von meinem Milchkaffee. Zuhause in meinem Wohnzimmer neben meinem Sessel.

Ich bin gerade für ein paar Tage in Paris und wir beschließen uns zu treffen. Natürlich früh morgens. Und jetzt sitze ich neben ihm und ausnahmsweise stehen zwei Espressotassen auf dem Tisch. Wir reden über unsere Arbeit, was an dem Tag noch so ansteht und irgendwann frage ihn frech: „Sag mal, warum sitzt Du so oft morgens hier? Kannst Du eigentlich zuhause keinen Kaffee kochen?“ Er schaut mich an, lächelt und sagt: „Sieh mal, Wolfgang: Ich hab nen stressigen Job, bin viel unterwegs und lebe in einer echt anstrengenden Großstadt. Diese halbe Stunde, früh morgens, in diesem Café in dem noch nichts los ist, in dieser Stadt, die um diese Zeit noch so herrlich ruhig ist, ist meine persönliche heilige Zeit.“

Das rührt mich ein wenig. Nicht nur, dass ich das verstehen kann, sondern, dass er diese Zeit, die eigentlich ihm gehört, mit mir teilt. Es stimmt. Ich merke auch, wie wichtig mir die halbe Stunde ist, die ich morgens in meinem Sessel sitze, frühstücke und ein wenig lese.

Es gibt dafür auch ein neumodisches Wort: Me-Time. Die Zeit, die ich nur für mich habe. Meist versteht man darunter, sich selbst Zeit zu gönnen. Aber das ist keine moderne Erfindung. Der Heilige Bernhard von Clairvaux hat vor über 900 Jahren schon dem damaligen Papst Eugen III. geschrieben: „Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen. Deswegen: Gönne Dich Dir selbst.“ Ich finde ein guter Rat.

Egal, wie ich es nenne: „Me-Time“ oder „Gönne Dich Dir selbst“. Diese Zeiten sind wichtig. Für mich zu sein, damit ich dann wieder für andere da sein kann.

Am besten gefällt mir es aber, wie Fabien es genannt hat: „Das ist meine heilige Zeit.“

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SWR3 Worte

23JUN2024
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Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Und so wichtig die Freiheit für viele Menschen auch ist, so sehr sind wir auch herausgefordert, uns für sie einzusetzen. Das bringt die Journalistin Dunja Hayali treffsicher auf den Punkt:

„Freiheit ist für mich der Luxus und das Privileg, in einem Land leben zu können, in dem ich alles sagen und alles fragen darf, ohne staatliche Repressionen fürchten zu müssen. Flankiert ist diese Freiheit allerdings auch von Verantwortung und Anstand.“

Dunja Hayali, Instagram, bei @ttt_titel_thesen_temperamente

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SWR1 Begegnungen

23JUN2024
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Dr. Manuel Frey Foto: Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann trifft: Weltraumingenieur Manuel Frey

Manuel Frey hat als Raumfahrtingenieur acht Jahre lang die Weltraumrakete „Ariane 6“ mitentwickelt. Die soll Anfang Juli in dem südamerikanischen Französisch-Guyana in der Nähe des Äquators zum ersten Mal ins All fliegen. Die Ariane wird von der Europäischen Weltraumorganisation ESA finanziert. Solche Raketen bringen Satelliten und Sonden ins All – warum ist das für die Menschheit wichtig?

Wo wären wir ohne Satelliten? Wir hätten keine Navigation in dem Sinn wie wir sie heute haben-wir hätten heute kein Satellitenfernsehen, eine ganze Menge der Kommunikation läuft über Satellit, wir haben Wettersatelliten, wir haben Erdbeobachtungssatelliten, wir wüssten zum Beispiel wesentlich weniger über Umwelteinflüsse, Umweltveränderungen, die es ja auf unserer Erde unbestritten gibt. Aber auch zum Beispiel  die Aufheizung der Meere-solche Dinge, das kann alles aus dem Weltraum vermessen werden.

Manuel Frey ist der Fachmann für Raketenantriebe, die so viel Kraft besitzen, dass sie bis zum Mars oder zum Jupiter fliegen können. Ein Ingenieur und Technikexperte durch und durch.  Und doch hat er das Staunen nicht verlernt:

In meiner Arbeit entwickle ich Maschinen, aber wenn der Mensch ins Spiel kommt, da wird die ganze Sache doch deutlich komplexer: Da lassen sich eben nicht so einfache Gesetzmäßigkeiten anwenden, wie beim Bau einer Maschine. Wir berechnen zum Beispiel die Strömungen, die chemischen Reaktionen in einem Raketenantrieb und können das schon sehr genau machen, aber ich glaub es ist noch keinem gelungen, die Reaktionen eines Menschen auf irgendeine Nachricht vorherzusagen, so wie wir das können. Also da sind wir in einer ganz anderen Liga unterwegs und ich denke, das ist auch sehr schön so.

Der Mensch ist für Manuel Frey eben kein Zufallsprodukt des Universums, sondern ein Geschöpf Gottes- und als solches bleibt er auch immer ein Geheimnis:

Ich find den Weltraum faszinierend natürlich auch mit seinen Entfernungen, aber die Menschen, die tragen ja einen Kosmos in sich. Der Mensch ist ein Mikrokosmos, er ist sehr komplex und ja: Glaube, Liebe, Hoffnung sind natürlich Dinge, die den Menschen fundamental von einer Maschine unterscheiden.  Wenn man Gott sucht, denke ich dann kann man ihn auch in der Natur finden, man kann ihn auch im Weltraum finden, man kann ihn vor allem auch im Mitmenschen finden-da muss man eben offen sein.

Wie meint er das  - Gott im Mitmenschen finden?

Wenn Menschen einem freundlich und nett begegnen, oder wenn man Hilfe braucht und die dann wirklich kriegt-das sind schon Begegnungen, die man immer auch religiös deuten kann.

Manuel Frey ist in Überlingen am Bodensee aufgewachsen. Später hat er in Stuttgart studiert und seinen Doktor beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Lampoldshausen nahe Heilbronn gemacht. Heute entwickelt er Flüssiggasantriebe für die Ariane in München.  Physik und Technik  - das ist seine berufliche Welt.  Der Katholik glaubt aber an mehr als Materie:

Es gibt natürlich einen Geist, für mich ist das völlig klar. Also mit einer reinen Technikfokussiertheit kann man denke ich keine Gesellschaft zusammenhalten und auch keine Menschen am Ende glücklich machen.

Weil jeder Mensch als Abbild Gottes eine unantastbare Würde hat?

Ja, der Würdeaspekt ist für mich sehr wichtig. Ist für uns als Gesellschaft ja auch sehr wichtig, im Grundgesetz ganz stark verbrieft. Ja , das ist ein wichtiger Aspekt, ja.

Ich treffe Manuel Frey in München, wo er Weltraumraketen entwickelt. Sie bringen Satelliten ins All, die uns auch über den Klimawandel neue Erkenntnisse bringen. 

Bewahrung der Schöpfung ist ein großes Thema, Schutz unserer Erde, Umweltschutz auch, das sind alles Themen die heute hochaktuell sind. Ich denke wir müssen schon schauen- dass wir- und da muss auch jeder persönlich dran mithelfen - unsere Erde schon in einem Zustand an die nächste Generation weitergeben, dass nicht alles verloren ist, das halte ich für sehr wichtig.

Für ihn hat das viel mit Nächstenliebe zu tun. Nicht über die eigenen Verhältnisse zu leben:  Verzicht und technologischer Fortschritt- Manuel Frey glaubt, dass es beides braucht, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. Er wünscht sich auch eine Kirche, die sich positioniert zu aktuellen Themen:

Geistige Nahrung und die Reflexion der gesellschaftlichen Vorgänge halte ich für sehr wichtig und da spielt die Kirche eine große Rolle. Ich finde auch sehr wichtig die Rolle der Kirche was ganz generell ethische Fragen anbelangt und ich finde, dass sie sich da auch in die Politik stark einmischen muss.

Neben diesen mehr ethischen Aspekten ist für ihn der Glaube aber auch eine Quelle der Hoffnung. Das hat er ganz persönlich erlebt, als der heute 54-Jährige mit Anfang 30 an Krebs erkrankt:

Im Endstadium meiner Doktorarbeit, ich war schon kurz vor Fertigstellung, habe ich gesundheitliche Probleme bekommen, unter meinem rechten Arm hat sich ein Tumor gebildet. Und ich musste dann in Chemotherapie und auch Bestrahlungstherapie in Heilbronn gehen-das hat fast ein Jahr gedauert. In so einer Phase, wenn man so eine lebensbedrohliche Krankheit hat und anfangs auch nicht weiß, ob man sie übersteht, bekommt man doch ein kleines Geschenk, wenn es das in so einer Situation überhaupt geben kann, man kann nämlich auf einmal sehr gut unterscheiden, was für einen im Leben wichtig und was für einen im Leben unwichtig ist.

Er hat für sich gelernt:

Das Leben ist sehr kostbar. Das merkt man vor allem wenn man das Ende vor Augen hat, absolut, da merkt man das wie sonst nie.  

Und als Christ glaubt er, dass auch nach diesem Ende noch was kommt. Sein Glaube hat ihm Kraft gegeben:

Die Religion oder der Glaube hat in der Bewältigung dieser Tumorerkrankung bei mir eine große Rolle gespielt würde ich sagen. Dieses Wissen, dass das nicht das Ende sein muss, das ist natürlich schon sehr tröstlich: die Hoffnung zu haben, dass es weitergeht nach dem Tode, das seh ich auch so, ja.

Und so bleiben am Ende auch für Manuel Frey in den Weiten des Weltalls und in seinem ganz persönlichen Mikrokosmos drei Dinge: Glaube, Liebe und Hoffnung.

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SWR4 Sonntagsgedanken

23JUN2024
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Neuerdings bekomme ich immer wieder Nachrichten mit ganz besonderen Fotos geschickt. Auf den ersten Blick sind es Fotos von ganz alltäglichen Dingen, wie einem Hauseingang oder einem Baumstamm. Aber auf den zweiten Blick werden aus den Astgabeln am Baumstamm zwei Augen, und ein Riss in der Rinde ist der Mund. Gesichter, die man erst auf den zweiten Blick erkennt. Unter dem Hashtag Randomfaces finden sich im Internet solche Gesichter, die eigentlich gar keine sind. Häuserfassaden mit runden Fenstern und einem liegenden Bogen. Mülleimer mit besonderen Einwürfen. Baumstämme, deren Astlöcher ein Gesicht markieren. Wenn man einmal aufmerksam ist, dann sieht man sie. Ich liebe es, sie zu fotografieren und oft poste ich sie dann bei Instagram.

„Was fotografieren Sie da eigentlich immer?“, fragte mich jüngst auf einer Reise ein Mitreisender. Nachdem ich es ihm gesagt und erklärt hatte, kam er nach einigen Tagen auf mich zu, lachte und sagte: „Ich sehe jetzt auch überall Gesichter.“

Ich sammle diese besonderen Gesichter. Zufallsfunde, meist fröhlich, manchmal grimmig. Sie zaubern mir immer ein Schmunzeln ins Gesicht. Vor allem aber erinnern Sie mich daran, genau hinzusehen und Gesichter zu entdecken, wo man erst keine vermutet. Und sie sind ein Hinweis dafür, Gesicht zu zeigen, gerade jetzt.

Im 1. Petrusbrief heißt es: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“ Rechenschaft geben – das beginnt damit, Gesicht zu zeigen. Es beginnt damit, dass ich einstehe und geradestehe für das, was mir anvertraut ist und was mich trägt.

Es hat mich sehr berührt, als bei der Gedenkfeier für den im Dienst getöteten Polizisten Rouven Laur zu hören war, dass auf seinem Schreibtisch das aufgeschlagene Arabisch-Lehrbuch lag. Er wollte dazu beitragen können, dass brenzlige Situationen entschärft und deeskaliert werden. Vor gut drei Wochen hatte er Dienst auf dem Mannheimer Marktplatz. Mit seinen Kolleginnen und Kollegen war er dazu da, die Meinungsfreiheit zu schützen. Als diese durch eine Messerattacke angegriffen wurde, griff er ein und wurde dabei tödlich verletzt. Wenige Sekunden, die das Leben dieses jungen Polizisten beendeten und die unsere Gesellschaft ins Mark getroffen haben.

Der Polizist Rouven Laur hat wie so viele Polizistinnen und Polizisten Verantwortung übernommen für unsere freie Gesellschaft, dafür, dass Menschen ihre Meinung zum Ausdruck bringen können. Er hat sich gegen islamistisch motivierte Gewalt gestellt und hat das mit dem Leben bezahlt. Bei der Gedenkfeier für ihn vor einer Woche wurde ein Brief der Familie verlesen. Besonders eindringlich war der Appell, dass es gerade jetzt nicht dazu kommen darf, dass Hass und Gewalt siegen. Das lachende Gesicht von Rouven Laur auf dem großen Foto vor Augen haben wir es alle gehört: Gewalt darf gerade jetzt nicht die Antwort sein. Klare Worte und entschiedenes Handeln jedoch schon.

Gesichter sehen, auch da, wo man sie erst nicht vermutet und Gesicht zeigen da, wo die Menschlichkeit mit Füßen getreten wird. Darum geht es. Der 1. Petrusbrief ruft dazu auf, dass wir jederzeit bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die in uns ist. Das habe ich vorhin in den SWR 4 Sonntagsgedanken erzählt.

Es klingt wie ein Verwaltungsvorgang und ist doch viel mehr: Rechenschaft geben über die Hoffnung, die in uns ist. Das ist dann wieder wie die Sache mit den Randomfaces. Nüchtern betrachtet und beschrieben ist es eine Häuserfassade oder eine Tür mit zwei runden Türknaufen. Aber beim genauen Hinsehen und mit der Erwartung, mehr zu sehen zeigt sich ein Gesicht.  Das Gesicht der Hoffnung entdecke ich, wenn ich genau hinsehe. Sie ist kein geschürtes Paket, das ich von Zeit zu Zeit hinausnehme und davon berichte. Die Hoffnung, die in mir ist, ist die Glut, die von Gottes Geist immer wieder angefacht wird. Sie ist der Sinn dafür und der Glaube daran, dass trotz allem, was mir die Zuversicht sinken lässt, es einmal eine gute Wendung nehmen wird mit meinem Leben und mit dieser Welt. Das ist keine Traumtänzerei, erst recht kein Augen-Verschließen vor dem, was schiefläuft, sondern es ist das beharrliche Festhalten daran, dass Gottes Zukunft noch vor uns liegt und dass er uns selbst aus dieser Zukunft entgegenkommt. Daran müssen wir einander erinnern und die Hoffnungsbilder und Hoffnungsgeschichten so teilen wie wir die Bilder von Randomfaces teilen.

Und am Ende geht es uns dann so wie dem Mann, der mit auf der Reise war, über meine Fotos von Randomfaces gestaunt hat und plötzlich auch überall Gesichter gesehen hat. Dann lässt sich die Hoffnung entdecken an Orten, an denen wir sie nicht vermutet haben. So ein Ort ist der Hoffnungsgarten in Eppingen. Ein Stück Garten in der Kleingartenanlage, in dem eine Initiative mit geflüchteten Menschen eine kleine Oase und ein Café für Begegnungen geschaffen hat. Das stolze Leuchten in den Augen derer, die das mit erschaffen haben, ist ein Hoffnungszeichen, das mich weiter sehen lehrt.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine Woche, in der Sie Hoffnungszeichen finden.

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SWR1 3vor8

23JUN2024
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Wenn ich einen Feind habe – irgendjemand, der mich als Konkurrentin bekämpft, mich klein hält oder mir sonst irgendwie das Leben schwer macht – und ich bekomme unverhofft die Chance, ihn ein für alle Mal loszuwerden und selbst in die Pfanne zu hauen… Wäre das nicht in Ordnung? Und wenn wirklich gelten würde: „Er oder ich“, wäre das nicht sogar normal und absolut gerechtfertigt?

Die Bibel erzählt im Alten Testament von genau so einer Situation:
Saul ist rechtmäßiger König Israels – aber er ist krank: schwermütig; in Ungnade gefallen bei Gott. Und: er hat sich verrannt, jagt und verfolgt einen seiner besten Männer: David. Saul wittert in ihn Konkurrenz und einen Verräter und will ihn töten. David auf der anderen Seite ist tatsächlich nicht abgeneigt, irgendwann den Thron zu besteigen – aber nicht durch Verrat! Nicht durch einen Krieg gegen den rechtmäßigen König.

David flieht mit seinen Leuten in die Wüste – Saul ihm mit seiner Armee hinterher, und es gilt: „Er oder ich – auf Leben und Tod.“ Aber dann nimmt der Machtkampf eine groteske Wendung: Saul muss nämlich mal – er muss unterwegs aufs Klo, und geht dazu in eine Höhle, um vor seinen Männern seine Würde zu bewahren. Und erwischt ausgerechnet die Höhle, in der sich David mit seiner kleinen Truppe versteckt hat.

Grotesk: David erwischt Saul mit heruntergelassenen Hosen, und der merkt es nicht einmal. Und David? Der schleicht sich an Saul. Er zückt sein Messer – schneidet ihm aber nur einen Zipfel von seinem Gewand ab.

Saul hat nichts gemerkt und verlässt die Höhle. Und David ihm hinterher! Er wirft sich vor dem König auf die Erde und hält ihm gleichzeitig seinen eigenen Gewand-Zipfel unter die Nase. Und stellt damit klar: Du verfolgst mich zu Unrecht und machst mir zu Unrecht das Leben schwer: Dafür verdienst Du eine Strafe. Aber das ist nicht meine Sache! Das ist Gottes Angelegenheit. Er wird über Dich urteilen – und auch über mich.

Zurück zu meiner Anfangsfrage, zu meinen Feinden und ob ich eine günstige Gelegenheit nutzen sollte, um sie loszuwerden. David tut das – er nutzt die Gelegenheit, um sich zu wehren. Aber vor allem nutzt er die einmalige Chance, das ohne Gewalt zu tun, ohne seinen Feind zu besiegen. Und ohne selbst zum Richter zu werden. Der Richter über „Richtig und Falsch“, „Gut und Böse“, „Er oder ich“, der bleibt Gott. Nur er darf letztlich urteilen.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

23JUN2024
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Halt an, wo läufst du hin – der Himmel ist in dir!
Suchst du Gott anderswo. Du fehlst ihn für und für.

Davon ist Johann Scheffler zutiefst überzeugt. Für ihn ist klar: Gott ist nicht in Büchern zu finden. Und an Gott zu glauben heißt nicht, abstrakte Wahrheiten über ihn anzuerkennen. Für Scheffler ist Glaube ein Gefühl. Eine überwältigende Erfahrung – wie die Liebe. Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich – heißt es im Kehrvers in einem seiner bekanntesten Lieder:

Musik Strophe 1

Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. Diesem Gedanken aus dem 1. Johannesbrief der Bibel hat Scheffler, der im 17. Jahrhundert als Arzt und Theologe in Breslau gelebt hat, sein Lied gewidmet.

Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm – Schefflers Interpretation solcher Verse, seine mystische Glaubensüberzeugung, dass Gott nur in uns selbst zu finden ist, ja nur in uns existiert, war seinerzeit eine Provokation.

Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht einen Augenblick kann leben: Solche Sätze brachten den Protestanten in Konflikt mit der evangelischen Geistlichkeit in Breslau, die sich als Hüterin lutherischer Rechtgläubigkeit verstand. Als die zugespitzten Verse aus seinem Hauptwerk, dem „Cherubinische Wandersmann“, zensiert werden sollten, konvertierte Scheffler, der später unter dem Namen Angelus Silesius bekannt geworden ist, aus Protest zum katholischen Glauben. Dort sah er eine größere Offenheit für die Mystik.

Musik Strophe 3

Gott ist die Liebe – was das bedeutet, beschreibt Scheffler in seinem Lied Strophe für Strophe. Und geht dabei – obwohl es ihm ums Gefühl geht – doch recht systematisch die ganze christliche Glaubenslehre durch: Gottes Liebe erfährt er durch Gott den Schöpfer, durch Christus und den Heiligen Geist. Und Gottes Liebe, darauf vertraut Scheffler, wird es auch sein, die ihn ganz am Ende empfängt

Liebe, die mich wird erwecken, aus dem Grab der Sterblichkeit,
Liebe, die mich wird umstecken, mit dem Laub der Herrlichkeit;
Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu blieben ewiglich.

Schefflers Ideen sind, finde ich, auch heute ihrer Radikalität provokant – und bedenkenswert. Denn sie können eine Brücke sein zum christlichen Glauben für alle, die sich mit theoretischen Glaubenswahrheiten schwertun. Nein, sagt Scheffler, Gott finde ich nicht in Dogmen, sondern in mir selbst und meinen Gefühlen. Glauben heißt: Davon überwältigt sein:
Liebe, die mich ewig liebet, heißt es in der sechsten Strophe seines Liedes. Und in dieser Vertonung zitiert die Oberstimme dazu einen Vers aus dem Kolosserbrief der Bibel – wohl ganz in Schefflers Sinne: Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

Musik Strophe 6

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SWR Kultur Wort zum Tag

22JUN2024
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Offenbar war es mehr als nur Galgenhumor kurz vor der Hinrichtung – der Mann war auch sonst begabt mit der lebenswichtigen Fähigkeit Humor. Sir Thomas More jedenfalls wird ein Gebet zugeschrieben, in dem er mir durchaus humorvoll erscheint: „Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen. Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lass nicht zu, dass ich mir allzu viel Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich »Ich« nennt. Herr, schenke mir Sinn für Humor, gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.“

Inzwischen ist klar, dass viel später erst ein anderer Autor dieses Gebet aufgeschrieben hat. Aber Thomas More wäre wohl sicher mit ihm einverstanden gewesen.

Der ist sowieso ein ganz besonderer Heiliger in der katholischen Kirche. Hatte überlegt, ob er Mönch oder Pfarrer werden sollte; hatte sich dann aber doch für ein Leben als Ehemann und Vater entschieden. Thomas More war Schriftsteller und Politiker, schließlich als Lordkanzler der zweite Mann im englischen Königreich.

Aber dann will König Heinrich der Achte seine Ehefrau verstoßen und Anna Boleyn heiraten; dazu muss er leider erst einmal die Kirche von England abspalten von der römisch-katholischen Kirche… – Da ist der Lordkanzler Thomas More zurückgetreten. Das mitzumachen – dafür fehlt ihm dann doch der Humor. Deswegen haben der König und seine Leute ihn als Hochverräter zum Tod verurteilt.

Noch bei seiner Enthauptung, den Hals schon auf dem Klotz, hat er immer noch Humor gezeigt. Hat noch mal den Kopf gehoben und seinen Bart vom Fallbeil weg geschoben – und gesagt: Du, mein Bart, hast ja keinen Hochverrat begangen.

Einer unserer Söhne trägt seinen Namen – wir fanden Thomas Morus ein gutes Vorbild für ein Leben mit Zivilcourage und klaren Linien – und eben mit Humor und Selbstkritik; bereit, sich weniger wichtig zu finden… Glückwunsch zum Namenstag dir, Tom und allen anderen auch, die auf den Namen Thomas Morus getauft sind.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22JUN2024
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Morgen Abend laufen sie wieder auf – die Stars der deutschen Nationalelf. Wo ich das Spiel schaue, weiß ich noch nicht. Aber mitfiebern werde ich schon. Wenn ich den Profis zuschaue – vor allem den ganz jungen Spielern wie Jamal Musiala oder Florian Wirtz – dann denke ich manchmal, dass es noch gar so nicht lange her ist, dass die als kleine Knirpse mit der F-Jugend oder den Bambinis auf dem Platz standen. Oft bei lokalen Clubs in ihrem Dorf oder Stadtteil, die niemand groß kennt.

Dass die Jungs jetzt in der Nationalmannschaft kicken, ist also auch denen zu verdanken, die sie damals trainiert und ihnen die Grundlagen beigebracht haben – vor allem aber: die ihnen den Spaß am Fußball vermitteln haben.

Darum geht es – jenseits vom großen Kommerz – im normalen Vereinssport ja Gott sei Dank vor allem: um Teamgeist und Spielfreude. Manchmal muss man zu ehrgeizigen Eltern am Spielfeldrand auch beim Dorfclub daran erinnern: Es ist sind nur Kinder. Es ist nur ein Spiel. Und alle hier machen das ehrenamtlich.

Ich finde es bemerkenswert, wenn Leute Woche für Woche, Monat für Monat, Wochenende für Wochenende als ehrenamtliche Trainerinnen und Trainer auf dem Platz sind, für die Jungs – und natürlich auch die Mädels –, die heute bei den Jüngsten spielen. Egal, ob die das Potenzial für eine große Karriere haben oder einfach Freude am Spiel und an der Gemeinschaft.

Wie großartig, dass überall so viele Menschen ihre Zeit, aber auch ihre Kompetenz, ihre Kraft, Nerven und Geduld einsetzen, um Kindern und Jugendlichen diese Erfahrung zu ermöglichen. Natürlich nicht nur als Trainerinnen und Trainer. Um den Spielbetrieb und einen Verein am Laufen zu halten, braucht es ja auch Leute, die sich als Schiris ausbilden lassen, die die Vereinskasse führen, die Trikots waschen und – vielleicht auch dieses Wochenende wieder – beim Vereinsfest die Bierbänke aufbauen und die Pommes braten. Ohne jede Menge ehrenamtliche Arbeit ist das alles jedenfalls nicht möglich. Und jede und jede ist mit seinen und ihren Fähigkeiten gefragt: Seid füreinander da, ruft übrigens schon der erste 1. Petrusbrief in der Bibel auf, mehr noch: Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er erhalten hat.

Ja, ob etwas geht oder nicht, liegt auch an unserem Engagement. Und falls Sport so gar nicht ihr Ding ist, Sie aber trotzdem auch nur ein bisschen Zeit erübrigen können: Der Naturschutzbund vor Ort, der Tafelladen in ihrer Stadt, der Besuchsdienstkreis ihrer Kirchengemeinde oder der Ortsverein ihrer Lieblingspartei wartet schon auf Sie!

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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

22JUN2024
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„Von jetzt auf gleich war alles anders.“ Wenn ich diesen Satz in Trauer- oder Seelsorgegesprächen höre, geht er mir immer sehr nahe. Das Klingeln an der Tür und Polizei und Pfarrerin überbringen die Todesnachricht. Der Abschied für immer von der Familie und Freunde, um auf die Flucht zu gehen, ob damals aus der DDR oder heute aus Syrien -  ohne Rückkehr. Die Gewissheit, dass ein geliebter Mensch gestorben ist. Die Trennung, die für die eine Person aus dem Nichts kommt.

Momente im Leben, die alles auf den Kopf stellen. Momente der totalen Veränderung. Momente, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Momente, ab denen nichts mehr ist, wie es war.  Sie sind schrecklich und grausam. Und oft fragen Menschen sich, wie es weitergehen, wie sie weiterleben sollen.

In Seelsorgegesprächen ist dies meist ein ganz besonderer Moment. Ich spüre die Bodenlosigkeit, die Angst, in dieses Loch zu stürzen und darin gefangen zu bleiben. Einsam. Verlassen. Unverstanden.

Mir kommen dann oft die Worte in den Sinn, die Jesus kurz vor seinem Tod am Kreuz gesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen“ – Dieser Satz – Ein Zitat aus Psalm 22 -  bringt für mich diesen Moment des totalen Verlassenseins von Gott und der Welt auf besondere Weise zum Ausdruck.

Momente, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen, sind kaum zu ertragen. Das weiß auch der Gott, der da am Kreuz hing.

Manchmal gelingt es in solchen Seelsorgegesprächen auch darüber zu sprechen. Über dieses Gefühl der Verlassenheit, das auch Jesus erlebt hat.

Und manchmal – nicht immer -  gibt es den Augenblick, in dem sich dann das Gespräch weitet. Indem der Blick über den Tod hinausgeht. Indem der Blick von der Verlassenheit am Kreuz, der Verlassenheit in diesen Momenten der Bodenlosigkeit weiter geht – bis zur Auferstehung. Nicht „nur“ am Ende aller Tage. Auch zu einer möglichen Auferstehung mitten im Leben. Wenn dieser Moment in einem Gespräch erscheint, danke ich innerlich Gott.

Diese Momente der Auferstehung wünsche ich allen Menschen, die den Moment der Bodenlosigkeit erlitten haben.

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