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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

05JUL2022
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Egal ob beim Kartenspiel, beim Fußballturnier, oder wenn ich mich um eine Arbeitsstelle bewerbe – es fühlt sich wunderbar an, wenn man gewinnt. Wenn man verliert, ist man deprimiert, enttäuscht, ärgerlich. Als Sieger vergisst man das leicht und spottet dann auch noch über die Verlierer. Autsch.

Jeder möchte gerne ein Gewinner sein: Begabt und fleißig, Karriere gemacht, gutes Gehalt, Haus gebaut, gesunde und harmonische Familie…

Jesus erzählt von so einem Gewinnertypen. Der kommt zum Beten in den Tempel und stellt sich nach ganz vorne in die erste Reihe. Und dann erzählt er Gott wie toll er ist: dass er alles richtig und gut macht und dass er mit Wohlstand und Ansehen gesegnet ist. Dass er sich auch an alle Gebote hält und immer brav alle Steuern zahlt. Und dann dankt er Gott, dass er nicht so ein Versager ist wie der Typ, der da ganz hinten steht und sich hinter einer Säule versteckt…

Aber dieser erfolgreiche Mensch dient nicht etwa als Vorbild.
Jesus lenkt die Aufmerksamkeit vielmehr auf den anderen, den „Looser“. Sein Gebet klingt ganz anders: „Gott, sei mir gnädig!“ sagt der. Und dann schüttet er sein ganzes Herz aus: „Alle verachten mich, ich verachte mich für alles was schiefgegangen ist in meinem Leben. Ich weiß nicht mehr weiter.“

Und dann stellt Jesus die provokante Frage: „Was meint ihr – wer geht an diesem Tag gerechtfertigt nach Hause?“ – Also: welcher von den beiden wird aufgerichtet und gestärkt?

Die Antwort ist klar: Das ist der Looser. Gott beschenkt ihn. Lächelt ihn förmlich an und erinnert ihn daran: Du bist wertvoll für mich. Ich sehe Dich! Das gibt dem Mann neue Kraft und richtet ihn auf.

Der andere, der Gewinnertyp, der hat ja schon alles. Alles selbst erarbeitet und verdient – und das ist gut. Er braucht dieses Geschenk nicht - im Moment zumindest. So ist das mit Gott: Er beachtet die Verlierer. Er schenkt ihnen Achtung. Das, was sie grade verloren haben.

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04JUL2022
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Ich kann mich noch gut erinnern: ich bin ungefähr acht oder neun Jahre alt gewesen, da habe ich auf dem Weg nach Hause meinen Haustürschlüssel verloren. Nachmittags waren wir auf der Baustelle gewesen, von dem Haus, das meine Eltern gebaut haben. Der Weg hat durch ein kleines Waldstück geführt – und da muss es passiert sein. Ich weiß nicht mehr wie, aber vor der Wohnungstür angekommen, ist die Hosentasche leer gewesen. Also bin ich wieder zurückgelaufen und hab meiner Mutter mit Herzklopfen erzählt, was passiert ist. „Oh je!“ hat sie gesagt, aber zum Glück nicht weiter geschimpft. „Komm, wir suchen zusammen!“

Zwei oder dreimal sind wir den Weg abgegangen. Es ist schon langsam dämmrig geworden, da hab ich plötzlich etwas zwischen den Blättern schimmern sehen: Der Schlüssel! Juhuu – was hab ich mich gefreut! Unsere Mühe hatte sich gelohnt!

Jesus hat diese Erfahrung des Suchens und Findens einmal als Vergleich genommen. Er hat damit beschreiben wollen, dass für Gott jeder Mensch wichtig ist.

Meine Mutter hätte ja auch sagen können: „Doof, dass Du den Schlüssel verloren hast. Aber dann lassen wir eben einen nachmachen.“ – Man kann alles ersetzen. Diese Haltung gibt es auch gegenüber Menschen: Jede und jeder ist ersetzbar. Besonders die, die nicht ihre Leistung bringen oder sonst wie aus dem Rahmen fallen.

Jesus hält dagegen: Bei Gott ist das anders. Er macht sich auf die Suche und gibt keinen verloren. Er macht keinen Unterschied, ob ein Mensch berühmt und wichtig ist, ob er versagt hat und keine große Rolle spielt. Gott lässt nicht locker und gibt nicht auf. Und rettet die, die sich verloren fühlen und aus eigener Kraft nicht zurückfinden.

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