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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

10DEZ2022
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„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Die Liebe aber ist die größte unter ihnen.“ Das wusste schon Paulus. Vor fast 2000 Jahren hat er diesen Vers in einem Brief an die Menschen in Korinth geschrieben. Er steht in der Bibel. Die Liebe ist die Größte. Dabei kommt sie manchmal ganz klein daher.

Die kleine Hand schiebt sich in meine. „Liest du mir ein Buch vor?“ Meine kleine Patentochter schaut mich mit ihren großen Augen an. Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich bin seit langer Zeit mal wieder zu Besuch. Draußen brennt ein Feuer, ich drehe regelmäßig das Stockbrot, damit es nicht schwarz wird. Zunächst hält sie noch Abstand zu mir. Dann zeigt sie mir ihren Roller und wie toll sie schon damit durch die Gegend flitzen kann. Und kurze Zeit später essen wir gemeinsam das warme Stockbrot. Mir schmeckt es heute besonders gut.

Und das gemeinsame Essen schafft noch mehr Nähe zwischen uns. Und dann ist der Moment da: „Liest du mir ein Buch vor?“ Wir gehen ins Haus. Sie stellt ihre kleinen rosa Schuhe nebeneinander vor die Tür. „Das ist ganz wichtig“, sagt sie. „sonst ziehe ich sie später verkehrt rum an.“ Drinnen setzen wir uns aufs Sofa. Sie sucht ein ganz bestimmtes Buch. Ich bin ganz überrascht. Sie hat ein Fotobuch geholt. Wir schauen uns ganz viele Bilder an. Es sind Bilder von ihr seit sie geboren ist. Sie ist fasziniert, wie klein sie mal war. Aber sie sucht anscheinend ein ganz bestimmtes Bild. Als sie es gefunden hat, strahlt sie mich an. Es ist ein Bild von uns beiden. Es zeigt, dass wir eine Geschichte miteinander haben. Mir wird ganz warm ums Herz. Sie zeigt mir mit dem Bild, dass die Liebe bleibt.

Die Liebe bleibt und sie ist die Größte. Ja, das stimmt. Und dass sie sich im Kleinen zeigt, erlebe nicht nur ich. Genau das feiern wir in der Adventszeit. Wir warten auf Jesu Geburt. Mit dem Blick auf ein kleines schutzbedürftiges Kind verändert sich die Welt. Denn ich verändere mich. Ich möchte das Leben schützen. Ich möchte das Schlechte von ihm fernhalten. Mit dem Blick auf meine kleine Patentochter bleibt die Liebe und macht mich zu einem besseren Menschen.

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09DEZ2022
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„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.“ Das steht in der Bibel. Paulus hat diese Worte in einer schwierigen Zeit an die Menschen in Korinth geschrieben. Was sich verändert, wenn sich die Hoffnung auf einmal mit an den Tisch setzt und dableibt, das habe ich vor kurzem erlebt.

Zu viert sind wir nach einem langen Tag spontan zum Essen zusammengekommen. Eine Freundin hat uns eingeladen zu Ofengemüse und Schafskäse. Der Tisch ist liebevoll gedeckt, die Kerzen leuchten warm in der Küche. Während wir noch auf das Essen warten, zeigt ein Freund uns das Bild seiner kleinen süßen Enkelin. „Ich bin noch immer überwältigt,“ sagt er. Er ist zum ersten Mal Opa geworden. Seine Augen leuchten. Seine Enkelin ist gerade 3 Wochen alt. Er erzählt, wie er das Warten auf das Kind aus der Ferne miterlebt hat. Er beschreibt seine Freude und seine Anspannung. Hoffentlich geht alles gut, so denkt er immer mal wieder. Und dann vor drei Wochen hat ihn seine Tochter mitten in der Nacht angerufen, dass es losgeht, dass sie jetzt ins Krankenhaus fahren. Er war gleich hellwach und ist aufgestanden. Jetzt bin ich bald Opa, so hat er gedacht. Doch die Geburt hat ganz schön lang gedauert. Erst am nächsten Tag und viel Anstrengung kam die Nachricht: Sie ist da!  Und die Mutter, das kleine Mädchen und auch der Vater sind wohlauf. Der Freund wischt auf seinem Handy und zeigt uns noch mehr Fotos. Wir anderen spüren, wie glücklich er ist. „Das verändert alles,“ sagt er plötzlich. Er sucht nach Worten. „Jetzt rückt alles andere in die 2. Reihe“, sagt er dann. „Dieser kleine Mensch lässt mich ganz neu auf meine eigenen Sorgen schauen. Es wird weitergehen, das macht mich gelassener!“ Wir drei anderen sind ganz still. Seine Worte haben uns berührt. Denn wir kennen auch seine Sorgen. Er ist selbständig. Erst hat die Coronapandemie ihm und seinem Betrieb ziemlich zugesetzt, jetzt sind es die Energiekosten.

Doch seine neugeborene Enkelin wirft für ihn auf all das ein anderes Licht. Das Licht der Hoffnung. Sie sitzt hier mit am Tisch, macht ihn glücklich und stärkt ihn. Und uns irgendwie auch.

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08DEZ2022
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Was bleibt, wenn viele Krisen in unser Leben hineingreifen, wenn es dunkler ist innen und außen. „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei.“ In einer Krisenzeit hat das vor fast 2000 Jahren Paulus an Menschen in Korinth geschrieben. Ich habe mich in diesem Jahr dazu entschlossen. Im Advent schaue ich genau hin, wo mir Glaube, Hoffnung und Liebe begegnen. Und mit dem Glauben fang ich an.

„Ich fahre mit dem Rad durch Europa.“ Das hat mein Sohn Paul zu mir gesagt. Gerade erst ist er von einem Auslandsjahr in Frankreich zurückgekommen. Mir liegen 100 Einwände auf der Zunge. Ich spreche sie nicht aus aber mein Gesicht spricht anscheinend Bände. „Was schaust du so?“  Ich fühle mich ertappt, denn ich möchte gar nicht dagegenreden, ich bin nur nicht ganz so abenteuerlustig oder anders gesagt bin ich manchmal etwas ängstlich. Aber ich stelle die Angst nach hinten. Denn es ist ja gar nicht Pauls Angst. Und dann frage ich nach seinem Plan. Und Paul erzählt. Er möchte mit einem Freund von Weimar nach Athen radeln. Erst einmal. „Ich war jetzt ein Jahr an einem festen Ort, jetzt möchte ich noch einmal los. Bis Athen radeln wir gemeinsam, dann schaue ich mal.“

Von da an tüftelt er aus, wie die Sachen am Besten aufs Fahrrad passen. Er ist sehr konzentriert, gut durchdacht und strukturiert. Ich staune über meinen Sohn. Einige Tage bevor er aufbricht frage ich ihn: „Warum machst du eigentlich diese Reise?“

„Ich mache mich auf den Weg und bin offen für das, was mir begegnet,“ antwortet Paul. Daraus spricht so viel Vertrauen in das Leben und in diese Reise. Und das beeindruckt mich. Dem Weg vertrauen. Jeden Abend neu schauen, wo es einen Platz für das Zelt gibt. Vertrauen ist ein anderes Wort für glauben. Glauben christlich beinhaltet genau das. Sich Gott anvertrauen und das Leben wagen ohne zu wissen, was kommt. Weil Glaube bleibt, radelt Paul los und ich kann ihn ziehen lassen.

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07DEZ2022
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„Und vergessen Sie das Atmen nicht!“ Daran hat uns die Sprechtrainerin immer wieder erinnert, während sie uns zu Körper-Übungen angeleitet hat. „Und vergessen Sie das Atmen nicht!“

Geht das denn, das Atmen vergessen? Klar, es kann schon mal vorkommen, dass man vor lauter Konzentration auf andere Dinge die Luft anhält. Oder nur ganz oberflächlich atmet, mit angezogener Handbremse, sozusagen.

Aber wirklich das Atmen vergessen...? Das geht nicht. Ob man nun will oder nicht, man kann es nicht lassen. Ich kann das Atmen nicht mal eben abstellen oder auf später verschieben; gut, vielleicht für einen Moment, aber dann muss ich auch schon wieder tüchtig durchatmen, ich habe gar keine Wahl. Denn Atmen und Leben, das gehört zusammen. Ohne unseren Atem können wir nicht sein.

Und von daher sagt man auch, wenn jemand stirbt: Sie hat ihr Leben ausge-haucht. Oder: Er hat sein Leben ausgehaucht. Weil der letzte Atemzug das Ende des Lebens anzeigt. Genau so, wie der erste Atemzug den Beginn des Erden-lebens markiert und der erste Schrei aus voller Lunge.

Überhaupt hat alles Leben mit dem Atem angefangen, so erzählt es jedenfalls die Bibel: Danach hat Gott seiner Schöpfung den Atem eingehaucht.

In der hebräischen Bibel heißt dieser Atem „Ruach“. Und weil es so lebens-wichtig ist, kommt das Wort Ruach auch an die vierhundert Mal in der Bibel vor. Es steht für Atem, aber auch für Lebensenergie, für Kraft, für den Geist Gottes und den Wind. Für die Menschen im Orient ist Atem und Wind das gleiche Wort. Der Atem ist der kleine Wind. Und wenn der frische Wind aus dem Norden in die Täler bläst, so richtig stark, dann sagen sie sogar: die Erde atmet.

Genau genommen bin ich also mit der ganzen Schöpfung verbunden, wenn ich atme; mit der Erde und allen Kreaturen - und dem Schöpfer selbst. Sein Lebenshauch geht gewissermaßen durch mich hindurch.

Wenn man in diesem Bewusstsein ein und ausatmet, nennen es die einen Meditation. Für mich ist es auch Gebet. Ich fülle meine Lunge mit Luft und Dankbarkeit. Und gebe sie wieder frei. Und: Nein, ich vergesse das Atmen nicht...

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06DEZ2022
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Heute freuen sich sicher wieder unzählige Kinder, wenn sie aufstehen und etwas in ihrem Stiefel finden, oder im Schuh. Wie kommt das überhaupt?

Dieser Brauch geht auf den Bischof Nikolaus von Myra zurück, der im 4. Jahrhundert gelebt hat und um den sich unzählige Legenden ranken. Einer Legende zufolge hat er einmal drei reisenden Schülern das Leben gerettet - oder vielmehr: er hat sie nicht nur gerettet, er hat sie wieder zum Leben erweckt.

Und das kam so:
Die drei Schüler mussten auf ihrer langen Reise natürlich immer irgendwo übernachten. Und dabei sind sie einmal in einer Herberge gelandet, die einsam gelegen und so düster war, wie die Gesinnung des Wirtes. Das war nämlich ein ganz durchtriebener Mensch. Und als er die Schüler gesehen hat, hat er gedacht, dass sie reich sein müssten und sicher lauter kostbare Schätze bei sich trugen. Und da hat er sie in der Nacht umgebracht, um sie zu berauben.

Aber Nikolaus von Myra hat auf wundersame Weise von dieser Tat erfahren, denn ein Engel hat es ihm berichtet. Und er war so entsetzt, dass er sich direkt aufgemacht hat, um den Wirt zur Rede zu stellen. Und so hat er dann auch die toten Schüler gefunden; und hat sie neu zum Leben erweckt.

Diese Geschichte erklärt schon mal, wie Nikolaus von Myra zum Schutzherrn der Kinder wurde. Schön und gut - aber was hat das mit den Stiefeln zu tun?

Von Nikolaus wird auch erzählt, dass er es geliebt hat, Kindern eine Freude zu machen. Manchmal habe er viele kleine Geschenke für sie in die Luft geworfen - so ähnlich, wie Kamellen. Und der Effekt war natürlich der gleiche:

Alle Kinder haben versucht, sie aufzufangen. Manche Kinder haben Beutel zur Hilfe genommen, die sie weit geöffnet nach oben gehalten haben. Und andere haben zum gleichen Zweck ihre Stiefel oder Schuhe ausgezogen und in die Höhe gereckt.

Und daher der Brauch mit den Stiefeln. An jedem 6. Dezember, an seinem Todestag, kommt der Nikolaus zurück und steckt den Kindern eine kleine Überraschung in den Stiefel.

Und bestimmt will er uns alle auch daran erinnern: Kinder brauchen Freude - und unser aller Schutz.

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05DEZ2022
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Meine Kinder und ihre Partner bekommen zum Nikolaustag selbstgestrickte Strümpfe; die finden sie dann morgen im Weihnachtskalender. Warum ausge-rechnet Strümpfe? Weil es dazu zwei Strumpf-Geschichten gibt, die ich so sehr mag:

Die eine handelt vom Nikolaus. Nikolaus von Myra, der im 4. Jahrhundert lebte, stammte aus einem sehr reichen Elternhaus. Seine Eltern sind dann aber schon früh an der Pest gestorben und schon allein deswegen konnte er sich über das große Erbe wenig freuen. Hinzu kam, dass ihn die grenzenlose Armut um ihn herum bedrück hat. Unzählige Legenden handeln davon, was Nikolaus alles unternommen hat, um die Not zu lindern.

Nach einer dieser Legenden hat er drei verarmte, junge Mädchen vor der Zwangsprostitution bewahrt. Ihm war zu Ohren gekommen, in was für einer verzweifelten Situation die Mädchen steckten; und da hat Nikolaus einen Teil seines Goldes genommen, und es nachts heimlich durch deren Kamin geworfen.

Jetzt hatten die Mädchen aber über Nacht ihre Socken zum Trocknen im Kamin aufgehängt. Und so sind die Goldstücke allesamt in die geöffneten Strümpfe gefallen. War das ein Jubel, am anderen Morgen, als sie die Strümpfe abgehängt und das Gold gefunden haben! Ein wahres Sockenwunder, eben...

Die andere Strumpfgeschichte hat mir meine Tochter erzählt:
Einmal, in ihrer Weiterbildung, hat die ausbildende Psychotherapeutin plötzlich im Reden innegehalten und auf ihre Strümpfe gezeigt.
„Sind die selbstgemacht?“
„Ja.“
„Wer hat sie gestrickt?“
„Meine Mutter.“
„Das ist gut“, hat die Therapeutin gesagt. „Dann sind Ihre Füße immer von mütterlicher Liebe umgeben.“

Diese Geschichte hat mich natürlich enorm motiviert, emsig weiter zu stricken. Jedenfalls, solange Finger und Augen es zulassen. Sonst muss die mütterliche Liebe eben andere Wege finden, durchzudringen. Das gelingt ja auch ganz gut über den Magen, mit Plätzchen und Stollen. Oder was es sonst noch zum Verwöhnen gibt. Und wenn alle Stricke reißen, muss die mütterliche Liebe eben mit gekauften Socken wärmen.

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