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13APR2024
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Als ich zehn Jahre alt war, habe ich einen Zauberwürfel geschenkt bekommen. Kennen Sie bestimmt. Ein Würfel mit farbigen Seiten in Rot, Orange, Blau, Grün, Gelb und Weiß. Die Würfelseiten sind in neun kleinere Würfel unterteilt. Und die kann man gegeneinander verschieben und verdrehen. Wenn der Würfel ganz verdreht und durcheinander ist, dann muss man ihn wieder richtig hinbekommen – sodass jede Seite nur eine Farbe hat. Das ist gar nicht so einfach. Als Kind hat mich der Würfel fasziniert, aber ich habe es nicht geschafft, diese Knobelaufgabe zu lösen.

Vor kurzem habe ich mir wieder einen Zauberwürfel gekauft. Das wollte irgendwie mein Kind im Manne so. Ich wollte es noch mal wissen. Aber ich gebe zu, dass ich mir diesmal Hilfe geholt haben. Es gibt nämlich Anleitungen, die erklären, wie man ganz grundsätzlich den Zauberwürfel lösen kann. Die genauen Lösungswege sind dann immer noch verschieden. Trotzdem hat mir die grundsätzliche Anleitung geholfen und ich habe es diesmal geschafft. Das war ein gutes Gefühl.

„Weise mir, Gott, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit“, steht in Psalm 86. Den Zauberwürfel habe ich natürlich nicht mit Gottes Hilfe gelöst, sondern mit der Anleitung eines erfahrenen Zauberwürfellösers.

Gott gibt ganz andere Anleitung – nämlich: wie wir gut zusammenleben können. Die bekannteste Gottesanleitung heißt Nächstenliebe. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wie ich das genau mache, ist von Mal zu Mal so verschieden wie das Lösen des Zauberwürfels. Nächstenliebe ist auch nicht immer so einfach. Aber die Anleitung funktioniert. Vor allem, das Ergebnis befriedigt am Ende nicht nur mich selbst, sondern es tut meinem Nächsten gut. Und darum sollten sich von dieser Knobelaufgabe immer wieder alle herausfordern lassen.

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12APR2024
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Ich gehe gerne ins Museum. Denn ich lasse mich gerne von Kunst zum Nachdenken herausfordern. Am liebsten von Malerei. Zum Beispiel der von William Turner. Vor ein paar Wochen habe ich eine Ausstellung mit Bildern von ihm besucht. Turner war Engländer und hat vor etwa zweihundert Jahren gelebt. Zeit seines Lebens ist er viel gereist:  England, Wales, Schottland, Italien, Frankreich, Deutschland. Immer hatte er sein Skizzenbuch und Farben dabei, um zu zeichnen, was er gesehen hat. Von seinen Skizzen hat er zu Hause dann große Ölbilder gemalt. Turner wurde in seiner Zeit geliebt und gehasst, weil er nicht immer so malte, wie man es erwartet hat.

In der Ausstellung waren links die Bilder aufgehängt, die Turner für die Öffentlichkeit gemalt hat. Rechts, die er selbst behalten wollte. Und die haben mich besonders angesprochen. Denn je älter Turner wurde, umso abstrakter hat er gemalt.

Eines der Bilder hat einen Blick in den Alpen gezeigt. Die Berggipfel konnte man nicht genau erkennen. Alles hatte Turner in hellem Gelb und Rot gemalt. Ganz viel Weiß war in dem Bild. Dunstig und durchflutet von Licht konnte ich Gipfel und Tal und ganz viel Sonne erahnen.

„Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke. Aber dann werde ich vollständig erkennen, so wie Gott mich schon jetzt vollständig kennt“, hat der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief geschrieben. Daran habe ich denken müssen, als ich Turners Bild angeschaut habe.

Denn es gibt so Vieles, das ich nicht erkennen kann – von der Welt, von Gott, von den andern. Es gibt viel mehr als das, was ich sehe – wie in dem Bild von William Turner. Ich gucke es mir an und erkenne nichts Konkretes. Es gibt aber ganz viel Licht, das aus dem Bild leuchtet. Darum spüre ich mehr, als ich erkenne. Ich muss nur lange genug hinschauen und dem Moment etwas Zeit geben. Und ich werde entdecken. Und darum lasse ich mich gerne von der Kunst herausfordern.

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11APR2024
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Heute vor siebzig Jahren, am 11. April 1954 war der langweiligste Tag im zwanzigsten Jahrhundert. Das hat ein britischer Computerwissenschaftler herausgefunden. Er hat eine Suchmaschine konstruiert und sie mit dreihundert Millionen Fakten und Ereignissen des letzten Jahrhunderts gefüttert. Und dann kam raus: am 11. April 1954 ist in der Weltgeschichte nichts Erhebliches passiert.

Jetzt widersprechen hoffentlich alle, die heute vor siebzig Jahren geboren wurden. Denn natürlich wurden auch an diesem Tag Kinder geboren, und das war mindestens für Kind und Eltern alles andere als langweilig. Und: An diesem Tag sind auch Menschen gestorben. Ein einschneidendes Ereignis. Und zwischen Geburt und Tod eines Menschen ist auch sonst ganz viel passiert. Die große Liebe gefunden. Vom Schicksal getroffen. Unvergessliches erlebt. Das waren vielleicht keine Ereignisse für die große Weltbühne. Aber es war etwas für das persönliche Leben. Und es war nicht langweilig.

„Die Himmel erzählen von der Schönheit Gottes. Vom Tun seiner Hände kündet das Firmament. Ein Tag sprudelt dem anderen Worte zu. Eine Nacht gibt der anderen Nacht Wissen weiter.“ So heißt es in Psalm Neunzehn.

Wer manche Tage langweilig nennt, der übersieht leicht, dass jeder Tag etwas zu erzählen hat. Persönliche Ereignisse. Erlebnisse. Nichts Langweiliges. Und selbst wenn: Ich persönlich finde ja sowieso: Langeweile ist gar nichts Schlechtes. Sie führt mich zu mir selbst und zu anderen. Denn sie macht mich frei, dass ich mich mehr auf andere einlasse. Weil ich nicht abgelenkt bin. Vielleicht entdecke ich an den angeblich langweiligen Tagen auch viel besser die Schönheit am Himmel und die Spuren von Gott.

So gesehen, hat die Suchmaschine ausgerechnet, dass am 11. April 1954 die Chancen am größten waren, ohne Ablenkung das Leben zu betrachten und zu bewundern. Mal schauen, was heute so geschieht.

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10APR2024
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Vor einigen Jahren habe ich einen jungen Mann kennengelernt – der hatte es wahrlich nicht leicht. Der junge Mann, kaum 19 Jahre alt, musste in eine psychosomatische Klinik eingewiesen werden, weil er magersüchtig war. Magersüchtig war er, weil er kaum etwas essen konnte. Und essen konnte er kaum, weil er sich mit allem, was lebt, auf das engste verbunden gefühlt hat.

Im Gespräch hatte er eine spröde Art. Es mit ihm auszuhalten war nicht leicht einfach, weil man immer das Gefühl hatte, von ihm beurteilt zu werden. Oder besser: als würde man von ihm verurteilt werden: beim Blumenpflücken als sinnloser Zerstörer von Pflanzen. Bei einem unachtsamen Schritt als Mörder von Schmetterlingen und Ameisen. Und mit jedem Brotkrümel, den man auf dem Teller zurücklies, hatte man Ackerboden um sonst gepflügt, mit Dünger und Pestiziden malträtiert und sowieso die Weizenhalme fürs eigene Überleben ausgebeutet.

Es war nicht leicht mit dem jungen Mann. Aber am aller schwersten war es für ihn selbst. Denn er war ja nicht dumm. Er war auch nicht wirklich arrogant oder besserwisserisch. Er wusste genau, dass das völlig übertrieben war, und dass er ein Recht hatte zu leben und zu essen – auch lebendige Pflanzen. Aber seine übergroße Empathie und sein Mitfühlen mit jeder Kreatur konnte er trotzdem nicht unterdrücken – er konnte einfach nicht anders – aus welchen Gründen auch immer.

Einmal, als er etwas Vertrauen gefasst hatte, sagte er zu mir: „Weißt Du, ich sehe eine Art Kraft um alles, was lebendig ist.“ „Du siehst das wirklich?“, frage ich. „Ja – wie eine Aura, eine Art Leuchten um alles, was lebendig ist.“

Ich habe die große Not und das Leid dieses jungen Menschen niemals vergessen. Ich hoffe und bete, dass es ihm heute gut geht – oder wenigstens besser. Und obwohl sein Mitgefühl und seine Empathie für ihn selbst zerstörend gewesen sind – mir hat er eine heilsame Dosis davon mitgegeben. Und ich denke gern an ihn - an seinen Blick auf die Welt und auf alles, was darin lebendig ist und fühlt und wächst - jedes Mal, wenn ich eine Blume pflücke und dann zu meiner Freude in die Vase stecke oder ein paar Brotkrümel mit der Fingerspitze vom Teller sammle und auf der Zunge schmecke.

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09APR2024
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Vor ein paar Jahren war ich Teilnehmerin bei einer Gesprächsrunde von Pfarrerinnen und Pfarrern. Wir haben uns über das Bild von uns selbst ausgetauscht – über unser Selbstverständnis in unserem Beruf. Und kaum hatten wir angefangen, ging es auch schon los, und die eine hat berichtet, wie unzufrieden sie mit ihren Predigten im Gottesdienst ist. Der nächste: wie er bei Beerdigungen manchmal einfach nicht die richtigen Worte findet. Und der wieder der nächste, wie sehr er unter Zeitdruck steht… Der Leiter unserer Runde hat sich das leise lächelnd eine Weile angehört. Und dann gesagt: „Aber verehrte Kolleginnen und Kollegen – wir sind doch als Christen alle gerechtfertigt.

Ich habe das nie vergessen – auch nicht, wie mich dieser Satz damals aus meinen fest eingefahrenen Gedanken herausgerissen hat. Eine der zentralen Aussagen des christlichen Glaubens: Ich bin gerechtfertigt.

Damit ist nicht gemeint: Wenn ich Mist gebaut habe, dass ich dann eine Rechtfertigung parat habe wie: „Mein Wecker hat nicht geklingelt“ oder „Bus verpasst. Selbst wenn es stimmt und mir wirklich etwas in die Quere gekommen ist und ich deshalb eine Sache nicht ordnungsgemäß erledigen konnte. „Ich bin gerechtfertigt“ meint nicht, dass es einen Grund dafür gibt. Sondern gemeint ist: Ich habe Christus an meiner Seite – und der rechtfertigt mich.

Diesen zentralen Glaubenssatz hat der Leiter unserer Gesprächsrunde von Pfarrerinnen und Pfarrern mitten hineingestellt in unser Nachdenken über uns selbst – und man konnte förmlich spüren, wie fast augenblicklich die Atmosphäre eine andere geworden ist. Als hätte jemand das Fenster geöffnet und frische Frühlingsluft hereingelassen. Als wäre der Druck auf der Schulter eines jeden einzelnen von uns auf einmal weniger geworden.

Ich bin gerechtfertigt. Weil ich getauft bin und zu Christus gehöre. Und der ist mein Fürsprecher vor Gott und lässt mich Mensch bleiben – mit allen meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten. Es wird mir trotzdem immer zu schaffen machen und niemals egal sein, wenn ich wieder einmal einen Termin vergesse, eine Aufgabe nicht pünktlich erledige oder sonst hinter dem zurückbleibe, was andere zu Recht von mir erwarten können. Aber gerade dann tut es mir gut, wenn ich mich an die Stimme meines Kollegen von damals erinnere: „Frau Wurz, vergessen Sie nicht: Sie sind gerechtfertigt.“

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08APR2024
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Ein Vorteil meiner Wohnung ist, dass ich auch mal zu Fuß zum Einkaufen gehen kann. Der Supermarkt ist nicht weit. Ich gehe also die Straße entlang Richtung Fußgängerampel – da sehe ich gegenüber einen Mann laufen – etwa in meinem Alter. Und ich sehe, dass er weint.

Das ist jetzt zwei, drei Wochen her und ich frage mich, wie’s ihm heute wohl geht. Man weint ja nicht einfach so, ohne Grund. Noch dazu auf offener Straße und in aller Öffentlichkeit. Andererseits: Gibt es überhaupt irgendeinen Ort, an dem Weinen etwas Normales oder Passendes ist? Den Mann hat es auf dem Weg zum Supermarkt gepackt. Warum nicht zu Hause? Weil ihn da vielleicht die eigenen Kinder sehen oder der Partner oder die Partnerin? Oder die eigenen Eltern? Die würden das ja nicht einfach nur sehen, sondern sich auch Gedanken machen. Sich Sorgen machen. Und würden sich vielleicht mit runterziehen lassen. Oder es geht sie vielleicht schlicht und ergreifend nichts an… Dann doch lieber allein auf der Straße, wo wahrscheinlich niemand so richtig hinsieht. Beim Supermarkt angekommen sollte man sich allerdings wieder einigermaßen im Griff haben.

Ich glaube, genau deshalb muss ich an den Mann immer noch denken. Am Supermarkt hatte er sich ganz bestimmt wieder im Griff, oder zu Hause vor seiner Familie oder bei der Arbeit vor den Kollegen. Da geht’s vielleicht sogar lustig zu: positives Betriebsklima, good vibrations… Gute Stimmung teilt man gern mit anderen – warum nicht die schlechte?

Vermutlich, weil es so schwer ist, das eigene Innere zu zeigen. Und das eigene Innere anderen zuzumuten. Ich denke, es gibt viele Menschen, die eher heimlich weinen: auf der Straße, allein im Auto oder nachts allein in der Küche – einfach, weil es gar nicht leicht ist, wirklich in Gemeinschaft mit anderen zu leben. Und gemeinschaftlich wirklich alle zu teilen – die guten Seiten des Lebens, aber eben auch die schlechten.

In der Bibel meint der Apostel Paulus einmal: Wenn ihr Teil der Gemeinschaft von Jesus Christus sein wollt, dann lacht mit den Lachenden und weint mit den Weinenden. Habt Mitgefühl. Scheut euch nicht, von euch etwas zu zeigen und auch, den anderen etwas zuzumuten. Ein weiser Rat, wie ich finde.

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06APR2024
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Es gibt Zeiten, da macht es mir der liebe Gott nicht gerade leicht. Um ehrlich zu sein, ich liege ziemlich oft mit ihm im Clinch. Und ich kenne genug Menschen in meinem Bekannten- und Freundeskreis, die mit ihm nichts  zu tun haben wollen. Sie sagen: “Was ist das für ein Gott, der Menschen schafft, dann aber Pandemien zulässt, der Kinder zur Welt kommen und dann verhungern lässt, der Menschen nicht vor Flucht schützt und dann noch im Mittelmeer ertrinken lässt? Was ist das für ein Gott, der Tyrannen keinen Herzinfarkt schickt?“

Ja, was ist das für ein Gott? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht! Und ich werde einige Fragen an ihn haben, wenn ich ihm denn einmal von Angesicht zu Angesicht begegnen sollte. Was ich weiß: die Bibel ist voller Geschichten von Menschen, denen es genau so ging. Jakob, der Stammvater des Volkes Israel: der kann vor Sorgen nachts nicht schlafen. Das kenn ich gut: wenn nachts das Kopfkino einsetzt und alle Probleme immer größer werden. Die Bibel erzählt es so, dass Jakob mit einem Mann kämpft. Die ganze Nacht. Als es hell wird am Morgen, da will der Mann flüchten, aber Jakob hält ihn fest. “Ich lasse dich nicht los, es sei denn du segnest mich!”. Da will der Mann wissen, mit wem er da gekämpft hat: ”Wie heißt du?”  “Jakob, und wer bist du?”. Und jetzt zeigt sich wieder, dass Gott, um den handelt es sich bei dem Fremden, mindestens zwei Seiten hat. Er nennt Jakob seinen Namen nicht, er bleibt unverfügbar, anonym. Gott segnet ihn, um wieder frei zu kommen. Und dann haut der ihn so auf die Hüfte, dass Jakob den Rest seines Lebens hinken muss. Eine tolle Bildgeschichte, die erzählt, wie Menschen an Gott verzweifeln können.

Was für ein seltsamer Gott! Auf jeden Fall einer, der es den Menschen, die sich auf ihn einlassen, nicht einfach macht. Einer, der sie herausfordert. Immer wieder. Jeden Menschen, mal mehr, mal weniger intensiv. Mal scheint Gott weit weg, manchmal spürt man ihn ganz nah. Nur fertig – das werde ich mit ihm wohl nie werden. Zu rätselhaft, zu umständlich sind mir oft seine Wege. Aber los lassen, das kommt für mich nicht infrage. Und vielleicht hat er mich ja schon längst gesegnet, wie den Jakob. Und ich hab es nur noch nicht so richtig gemerkt.

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05APR2024
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„O Je, wenn dat moo gohd gieht met  dem watt ich heude morje em Radio suh rede..“ Nicht weil ich den ersten Satz gerade im Dialekt gesprochen habe.  Nein, das Problem ist das „O Je“. Denn schon in den Zehn Geboten der Bibel steht: „Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen!“ „O Je“ nutzen manche nämlich  gar nicht in so frommer Absicht. Für mich ist  „O Je“ aber so ziemlich das kürzeste Gebet dass ich kenne. „Je“ steht nämlich für  „Jesus“. Der Dialekt hat einfach drei Buchstaben weggelassen. Wem das zu kurz ist, der sagt: „Jesses nää“. Damit haben wir daheim den Kopf geschüttelt, wenn mal wieder was Unvorhergesehenes in die Quere gekommen war. Wem der Jesus allein nicht gereicht hat, der hat seine Mutter noch dazu genommen: „Jesses Maria“ oder noch mehr: „Jesus, Maria und Josef“ gerufen. Majusebetter“ sagen die Trierer und haben den Petrus noch mit dazu genommen. „Ojemine“, man ahnt es jetzt schon, heißt „O mein Jesus“  und „Herrje“, das weiß dann jeder. Was mir wichtig ist: jeder dieser Ausrufe ist eigentlich ein Gebet. „Herr, hilf mir!“ sagen die Menschen damit, wenn sie auch heute kaum noch darüber nachdenken. Und egal, ob Sie Dialekt mögen oder nicht: wenn‘s emotional wird, verfalle ich gerne in mein Platt. Dabei bin ich schon über dreißig Jahre weg und rede eigentlich hochdeutsch. Meine Muttersprache ist und bleibt aber mein moselfränkisch aus Engers am Rhein. Damit bin ich groß geworden, habe den Dialekt quasi mit der Muttermilch eingesogen. Und ich bin froh, dass ich ihn nicht verlernt habe. „Herrje, han ich de Dalles!“ klingt einfach besser als „Ach, was habe ich für einen trockenen Reizhusten!“.  Und wenn Sie mal nicht wissen, wie Sie ihrem Herzen Luft machen sollen, versuchen Sie es mit einem leisen Zwiegespräch mit Gott. So wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist. Gerne auch auf Platt. Denn sollte er wirklich zuhören, was ich ja hoffe, dann versteht er jeden Dialekt und nicht nur Hochdeutsch.

Tschö dann, bis morje villeischt, sagt Wolfgang Drießen, jetzt aus Zweibrücken, katholische Kirche

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04APR2024
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Ab und zu sieht man mich tatsächlich mit dem Smartphone in der Hand durch die freie Natur laufen. Grund ist eine Vogelstimmen App, die ich mit großem Vergnügen nutze. Die App nimmt die Vogelstimmen der Umgebung auf, analysiert sie und zeigt mir dann die Ergebnisse an. Mit Bild vom Vogel. Den sieht man ja in der Regel nicht, hört ihn nur irgendwo in den Ästen pfeifen. Bisher habe ich in den meisten Fällen nicht gewusst, wer da zwitschert, jetzt bekomme ich einen ganz guten Eindruck von der Welt, die da um mich herum flattert und piept. Der Zaunkönig zum Beispiel ist so klein, dass ich ihn in seiner Hecke so gut wie nicht sehen kann. Und von der Mönchsgrasmücke habe ich bis vor zwei Jahren noch nicht mal gewusst, dass es sie gibt. Dabei scheint der kleine Sänger fast überall zu Hause zu sein. Sagen mir zumindest die Ergebnisse meiner  Vogelstimmen App. Und die schwarze  Kappe beim Männchen erinnert tatsächlich irgendwie an die Kopfbedeckung der alten Mönche. Nachtigall und Grauschnäpper, Gartenrotschwanz und Rotkehlchen, Gartenbaumläufer, Stieglitz  und noch viele andere unserer heimischen Singvögel habe ich mittlerweile so näher kennengelernt. Ich erzähle davon, weil ich gemerkt habe, dass ich dadurch aufmerksamer geworden bin, wo und wie die Vögel in unserer Umwelt leben. Leider braucht man keine Statistiken um zu merken, dass der Vogelbestand in Europa massiv zurückgegangen ist. Denn heute wird den Vögeln erbarmungslos ihr Lebensraum streitig gemacht. Und die meisten von uns merken das überhaupt nicht. Der Theologe Leonardo Boff hat einmal gesagt: Es ist dringend nötig, dass der Mensch ein neues Bündnis mit der Erde eingeht. Das stimmt. Aber dazu muss ich erst einmal wissen und kennen, was da alles auf unserer Erde lebt und Platz braucht. Meine Vogelstimmen App hilft mir dabei. Denn jetzt weiß ich etwas besser, was man da unter Umständen unwiderruflich kaputt macht. Und sollten Sie mich demnächst am Wegesrand knien und mit dem smartphone rumfuchteln sehen, dann wundern sie sich nicht: ich habe mir jetzt auch eine Blumen- und Pflanzen App aufs Handy geladen.

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03APR2024
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Ganz allein steht der Mann auf einer Wiese, mitten in der Natur. Hinter ihm Bäume, Büsche und Felder. Er hat eine Gitarre umgehängt und singt. Ein altes englisches Kirchenlied. „Now the green blade rises from the buried grain…“. Übersetzt: „Jetzt wächst der grüne Halm aus dem vergrabenen Korn...“.  Der Mann in dem Video ist Steve Winwood, einer der ganz Großen der Rock- und Popgeschichte und seit 60 Jahren im Geschäft. Titel wie  „Valerie“ oder  „Higher Love“ waren in den 80er Jahren auch Hits in Deutschland. Das Lied, von dem ich erzählen möchte, hat er auf seiner Homepage gepostet. Während des ersten Lockdowns in der Coronapandemie.  Seitdem übt es auf mich einen ganz besonderen Reiz aus. Das liegt sicher auch daran, dass so ein in Anführungszeichen „MusikGott“ ganz allein mit Akustikgitarre in der Pampa steht, irgendwie verloren und zerbrechlich. So wie sich viele damals im Lockdown vorgekommen sind. Und es liegt daran, dass er dieses Lied, ein  Lied zu Ostern, gewählt hat. Und auch daran, wie er es spielt. In einer offenen Gitarrenstimmung irgendwie zwischen Dur und Moll. Als könne er sich nicht entscheiden  zwischen froh und hoffnungsvoll oder düster und traurig. Auch das passt zu den Gefühlen, die ich oft genug  empfinde: zwischen Lachen und Weinen. Wenn ich mit meinen Enkeln spiele oder auf das Weltgeschehen blicke. Und in all das hinein singt Steve Winwood ein Osterlied. In Bildern. Vom Getreidekorn, das in der Erde begraben wird und im Frühling grün aus der Erde wächst. So wie Jesus Christus, der –so erzählt es die Bibel- nach drei Tagen von den Toten auferstanden ist. Und jede Strophe endet mit  demselben Satz: „ Die Liebe kommt zurück, so wie der Weizen, der immer wieder grün sprießt.“  Ach ja: es ist so eine Sache mit dem großen Wort „Liebe“. Ich bin schon immer sehr sparsam damit umgegangen. Aber es führt kein Weg an ihr vorbei. Wenn wir als Menschen leben wollen. So einfach ist das. Und vielleicht gerade deshalb so unendlich schwer. Am Sonntag erst war Ostern! Das heißt: das Leben und die Liebe haben das letzte Wort. Hoffentlich. Danke an Steve Winwood, der mich mit seinem Lied daran erinnert.

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