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29MAI2024
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Ein Bekannter, seit Jahrzehnten Lehrer, hat mir erzählt, dass das Klima an seiner Schule rauer geworden sei. Er merke einfach, dass es unter den Schülern inzwischen öfter gereizt und manchmal sogar gewalttätig zugeht. Mehr und anders jedenfalls als noch vor einigen Jahren. Denn Schulhofraufereien gab es auch schon zu meiner Schulzeit.

Sein subjektiver Eindruck ist durch eine wissenschaftliche Studie unter mehr als tausend Lehrkräften bestätigt worden. Kein Wunder also, dass sich Lehrerinnen und Lehrer immer öfter überlastet fühlen. Und darum fand ich besonders interessant, was sie laut der Studie den Kindern vor allem mitgeben möchten. Wissen auch, klar. An erster Stelle allerdings haben viele Lehrkräfte soziale Kompetenzen genannt. Dazu gehört etwa: Vertrauen zu haben in sich selbst. Ein Bewusstsein, dass ich für das, was ich tue, auch verantwortlich bin. Und eben auch: Empathie.

Das Wort Empathie kommt aus dem Griechischen und bedeutet heute so viel wie „Mitfühlen“. Mich hineinversetzen zu können in einen anderen Menschen. Mir vorstellen zu können, wie es ihm oder ihr geht. Und was es mit einem Menschen macht, der beleidigt, geschlagen oder runtergemacht wird. In einer Gesellschaft ohne Empathie wollte ich jedenfalls nicht leben. Empathie zu lernen ist absolut wichtig. Aber das fängt eben viel früher an als im Schulunterricht. Empathie lerne ich von meinen Eltern, meinen Geschwistern, meinen Freundinnen und Freunden. Und natürlich auch in der Schule. Empathie fängt damit an, wie ich über die Kollegin, den Nachbar, einen Politiker rede. Abwertend und gehässig. Oder trotz allem respektvoll, auch wenn ich den Anderen nicht leiden kann und ganz anders ticke. Es geht weiter damit, wie ich mit den Menschen umgehe, die mir begegnen. Rotzig und unhöflich. Oder freundlich und mit Respekt. Überhaupt: Respekt ist für mich so ein Schlüsselwort. Weil ihn jede und jeder verdient. Einfach, weil da ein Mensch ist.

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28MAI2024
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Immer wieder mal höre ich den Satz: „Sie oder er hat fest an mich geglaubt!“ Manchmal sind dann die Eltern gemeint, die an den Studienerfolg ihres Kindes glauben. Die Chefin an die Fähigkeiten eines Mitarbeiters, der Fußballtrainer an das Talent des jungen Spielers. Bloß was heißt hier eigentlich „Glauben“? Ich glaube ja auch. Ich glaube an einen Gott, den ich in seiner Schöpfung erahnen kann. Und doch scheint das auf den ersten Blick etwas ganz Anderes zu sein, als an einen Menschen zu glauben.

Was ich als Vater aber sehr wohl kenne: Dass ich ein tiefes Vertrauen habe in meine Kinder. Darin, dass sie ihr Studium erst nehmen, den Job gewissenhaft machen. Dass sie zu Menschen werden, die nicht nur an sich selbst denken, sondern auch was tun für die Gesellschaft. Hab ich deshalb an meine Kinder geglaubt? Ja, wenn Glauben ein anderes Wort ist für Vertrauen. Für etwas, das ich selbst nicht in der Hand habe, auf das ich nur hoffen kann. Was meine Kinder betrifft, so habe ich es nicht mehr in der Hand, was sie mal aus ihrem Leben machen. Es ist schließlich ihres, nicht meins. Ich kann nur hoffen, darauf vertrauen, daran glauben, dass es gut werden wird. Und, dass ich ihnen alles dafür Nötige mitgegeben habe.

Und dann gibt’s da auch eine Parallele zu meinem Glauben an Gott. Denn da habe ich ja noch viel weniger in der Hand. Ich kann nicht mal sicher wissen, ob es diesen Gott überhaupt gibt. Ich kann nur darauf vertrauen, darauf hoffen, daran glauben, dass er da ist. Und mit diesem Vertrauen auf Gott kann ich auch manches Schwere im Leben ein bisschen besser tragen. Meinen Kindern tut es jedenfalls gut, wenn ich an sie glaube, ihnen unbedingt vertraue. Denn das weiß ich selbst. Dass es kaum einen anderen Satz gibt, der mehr aufbaut und Mut macht als: Ich bin überzeugt, dass du es schaffen wirst. Ich glaube an dich!

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27MAI2024
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Ich hab im Radio mal einen Beitrag gemacht zu einem Satz unseres früheren Gesundheitsministers. Jens Spahn hatte ja mal gesagt: „Wir werden wahrscheinlich einander viel verzeihen müssen.“ Ein kluger Satz, so fand ich damals. Und so wahr. Und zwar völlig unabhängig von irgendeiner Pandemie oder sonst was. Mir hat er gefallen. Wer anderen verzeihen kann ist eindeutig im Vorteil.

Einem anderen Fehler verzeihen zu können ist ja eine tolle Sache. Für einen selbst, weil ich meinen Groll gegen den Anderen damit begraben kann. Und auch für denjenigen, der Fehler gemacht hat. Zu hören: „Ich hab dir vergeben. Alles wieder gut!“, heißt ja: Du und ich, wir können jetzt wieder friedlich miteinander umgehen. Was da zwischen uns war, ist wieder im Lot. Damit sowas im Privaten zwischen zwei Menschen klappen kann, müssen aber ein paar Sachen stimmen.

Für mich wäre da vor allem: Ehrlichkeit. Was auch immer passiert ist, alles muss auf den Tisch. Wenn der Verdacht besteht, dass einer was verschweigt, warum auch immer, wird das nix mit dem Verzeihen. Für mich ebenso unverzichtbar: Wenn ich wirklich Mist gebaut habe, muss ich auch offen dazu stehen. Leicht ist das nie. Aber solange ich rumeiere und versuche, mich aus der Affäre zu ziehen, wird das auch nichts. Und schließlich: Falls mir Unrecht geschehen ist, dann muss ich natürlich auch bereit sein, dem anderen zu vergeben. Manchmal geht das lange nicht. Aber solange ich dem Anderen weiter miese Absichten unterstelle, kann ich nicht vergeben. Um Vergebung bitten und dem anderen vergeben sind eben zwei Seiten derselben Medaille.

Der Satz von Spahn, dass wir einander viel verzeihen müssten, stimmt für mich noch immer. Aber vielleicht hapert es im Blick auf die Pandemie ja gerade in allen drei Punkten. Das wäre schade, weil ich viel gewinnen kann, wenn ich verzeihe und meine Fehler verziehen bekomme.

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25MAI2024
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Schwarzwälder Kirsch und Himbeer-Sahne – das steht auf Inges und Günthers Kaffeetafel zur Auswahl. Schwarzwälder Kirsch, weil das Günthers Lieblingstorte ist, und Himbeer-Sahne, weil Inge die am liebsten mag. Und dann gibt es noch Butterkuchen, für die Enkelkinder.

Günther und Inge haben etwas zu feiern. Sie sind seit 50 Jahren verheiratet. Ihre Gäste tummeln sich heute im Wohn- und Esszimmer.

Alle bewundern die liebevolle Dekoration: Die feinen Tischdecken, die noch von Tante Liesel bestickt wurden, dazu das kostbare Geschirr und farblich passende Blümchen in zierlichen kleinen Vasen.

Gerade haben die Inge und Günther erzählt, wie sie sich kennengelernt haben, damals, als Günther zur Ausbildung in den Betrieb von Inges Eltern kam. Dann, zwischen Kaffee, Sahnetorte und Prosecco erzählen die beiden kichernd, wie sie sich heimlich in der Mittagspause getroffen haben.

Und jetzt sind sie also schon 50 Jahre verheiratet.

„Was ist denn euer Geheimnis? Wie habt ihr das geschafft?“ fragt ihre Nachbarin, während sie die Kuchengabel weglegt und ihre Serviette zusammenfaltet.

Die beiden schauen sich verschmitzt an, und Inge lacht: „Ach, mit der Zeit lernt man, nicht mehr so schnell beleidigt zu sein. Dann geht´s schon.“

Und schnell wird klar: Das Geheimrezept von Inge und Günther ist keines, das von rosa Brillen und Romantik erzählt. Sondern eher davon, wie man Kompromisse schließt und über Bedürfnisse spricht, wie man verhandelt und nachgibt, wie man lernt, einander weniger zu verletzen und wieder aufeinander zuzugehen, wenn es doch passiert ist. Und vor allem, das betont Günther noch einmal, hat es ihnen immer wieder geholfen, wenn sie sich selbst nicht zu ernst zu genommen haben.

„Wenn ich könnte, würde ich euch das Rezept ja aufschreiben“, sagt Inge am Ende und fährt mit dem Finger die Stickereien auf der Tischdecke nach. Aber das kann sie leider nicht. Denn die Zutaten, so sagt sie, die könne man leider nicht kaufen. Manche könne man sich erarbeiten.

Aber die meisten, sagt Inge, die meisten bekäme man wohl geschenkt, weiß der Himmel woher.

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24MAI2024
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Nirgendwo kann ich mich so herrlich aufregen wie beim Autofahren.

Besonders, wenn ich durch diese eine enge Straße fahre. In der muss man sich immer in die nächstbeste Lücke quetschen, wenn einem jemand entgegenkommt. Wenn dann aus beiden Richtungen mehrere Autos gleichzeitig kommen, kann es passieren, dass erstmal gar nichts mehr geht. Jede und jeder beharrt auf seinem Recht, zuerst fahren zu dürfen – nur, wenn es eben einfach zu eng ist, dann kann das eine echte Geduldsprobe werden.

Manchmal geht es auch ganz reibungslos. Dann merke ich schon beim Näherkommen, dass der andere auch abbremst oder seine Fahrtrichtung korrigiert. Und ich spüre irgendwie, dass wir die gleiche Idee davon haben, wie wir am elegantesten aneinander vorbeikommen und wer jetzt am besten zuerst Gas gibt. So mag ich das. Manchmal hilft auch eine nette Geste oder ein kurzes Blinken, und dann läuft´s.

Das ist ja auch außerhalb des Straßenverkehrs nett: Wenn nicht jeder einfach stur auf seinem Recht besteht, ohne nach links oder rechts zu gucken. Sondern wenn Menschen gemeinsam vor einer Situation stehen und es ihnen gelingt, diese elegant und ohne viele Diskussionen zu lösen. Vielleicht sogar mit einem Lächeln.

Sei es in der Schlange beim Bäcker, wenn nicht klar ist, wer als nächstes bedient wird.

Unter Kolleginnen, wenn es darum geht, wer wann in die Mittagspause geht.

Oder in der Familie, wenn es gilt, viele Interessen unter einen Hut zu bekommen.

Ein bisschen Kulanz gehört dazu. Ein bisschen Entgegenkommen, Ab- und Zugeben, ein bisschen Geduld.

In der Bibel ist einmal die Rede davon, dass man sich solche Verhaltensweisen bewusst „anziehen“ kann, wie ein Kleidungsstück. Da heißt es: „Legt nun das neue Gewand an.

Es besteht aus herzlichem Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld.“ (Kol 3,12)

Solche Kleidungsstücke könnten für mehr Eleganz im Umgang miteinander sorgen.

Vielleicht zieh ich mir so eins an, wenn ich mal wieder mit dem Auto wohin muss und es eng wird.

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23MAI2024
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Petra steht am Spülbecken in ihrer Küche und heult. Ihre Hände im lauwarmen Wasser schrubben mechanisch das Fett von der Pfanne. Und die Tränen laufen. Sie hat sich lange im Griff gehabt. Aber es ist einfach alles zu viel. Auf der Arbeit immer neue Aufträge und immer neuer Knatsch mit den Kolleginnen. Zuhause die Bedürfnisse ihrer Kinder und die Hausarbeit, die nie aufhört. Gleich wartet noch ein Telefonat mit ihrer Mutter. Petra macht sich Sorgen, wie lange ihre Eltern noch alleine zurecht kommen. Und eigentlich wollten Petra und ihr Mann endlich mal den Sommerurlaub planen. Aber dazu kommen sie irgendwie nie.

Es ist einfach alles zu viel. Manchmal kommt Petra sich vor wie eine Löwenbändigerin im Zirkus. Die alle Löwen immer im Blick behalten muss.

„Was für ein Quatsch“, denkt Petra, „Reiß dich zusammen.“

Sie trocknet sich die Hände ab und will wenigstens noch ein bisschen aufräumen, bevor sie ihre Mutter anruft.

Seufzend sammelt Petra die Filzstifte ihres Jüngsten vom Küchentisch. Das aufgeschlagene Freundebuch eines Klassenkameraden erinnert sie daran, dass ihr Sohn noch ein Foto braucht, um es dort einzukleben. Petra liest, was er in den Steckbrief eingetragen hat. Lieblingsessen: Spaghetti. Lieblingstier: Löwe. Traumberuf: Tierforscher oder Arzt. Und dann steht da:

Mein größtes Vorbild: Mama, Papa, Oma, Opa, und Jesus.

Petra muss lachen. Und es kullert noch eine Träne.

Die Löwen, ja, die sind noch da.

Aber sie sind nicht das Einzige. Sie sind nicht das, was Petras Wirklichkeit allein bestimmt. Da ist noch etwas anderes.

Etwas, das ihr Kraft gibt.

Es ist schwer zu greifen und schwer in Worte zu fassen.

Es ist eine Ahnung davon, wofür es sich zu leben lohnt.

Es ist die Gewissheit, dass sie nicht allein ist mit ihren Löwen.

Es ist das Festhalten daran, dass es eine Zukunft geben soll, die anders ist als das, was sie heute bedrückt.

Es ist Vertrauen. Und Liebe. Und es ist Hoffnung.

Petra hebt den Hörer ab und wählt die Nummer ihrer Mutter.

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22MAI2024
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Meine Freundin sitzt vor mir und hält sich an ihrer Kaffeetasse fest. Sie sieht erschöpft aus. Ich frage, ob sie noch etwas braucht. Sie antwortet: „Alles gut.“

Ein Pärchen streitet sich. Eigentlich ging es um eine Kleinigkeit, doch dann hat ein Wort das andere ergeben. Er will nicht mehr diskutieren und sagt: „Alles gut.“

Ein Kind weint. Es klettert auf Papas Schoß. Der schließt es in die Arme, wiegt es hin und her und flüstert: „Alles gut.“

„Alles gut“ – das höre ich oft. Zwei kleine Wörtchen, die von Menschen in unzähligen und ganz unterschiedlichen Situationen benutzt werden.

Von der Freundin, die grad einfach nicht mehr kann. Sie sagt „Alles gut“ und meint eigentlich: „Alles ist grad Mist. Aber gut, dass ich einen Moment hier bei dir sitzen kann.“

Von dem Mann, der nicht schon wieder streiten will. Er sagt „Alles gut“, und meint eigentlich: „Können wir es vielleicht für heute gut sein lassen?“

Von dem Papa, der sein Kind trösten will. Er sagt „Alles gut“ und meint damit: „Ich bin hier, hab keine Angst.“

„Alles gut“ – zwei kleine Wörtchen, die manchmal gerade dann benutzt werden, wenn eben nicht alles gut ist.

Oft sagt dann jemand „alles gut“, um sein Gegenüber zu entlasten. Vielleicht auch, um sich selbst zu entlasten. Um der Situation, die nicht gut ist, die Wucht und Schwere und Dramatik zu nehmen.

Manchmal ist es vielleicht auch eher ein Wunsch: Dass alles gut wird.

Aber damit daraus dann ein wahrer Satz wird, fehlt oft noch etwas:

Ein wenig Zeit. Ein wenig Zuversicht.

Ein wenig Festhalten und Vertrauen.

Oder ein wenig Loslassen und Vertrauen.

In der Bibel steht, dass wir nicht allein sind mit dem Wunsch, dass für uns alles gut wird. Gott sagt: Mein Plan mit euch steht fest: Ich will euer Glück und nicht euer Unglück. Ich habe im Sinn, euch eine Zukunft zu schenken, wie ihr sie erhofft. (Jeremia 2̈9,11 Gute Nachricht Bibel)

Noch ist nicht alles gut. Aber alles kann gut werden. Und bis dahin gibt es die kleinen Momente, in denen es schon hilft, wenn wir füreinander da sind. Alles gut.

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21MAI2024
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Neulich ist mir was Peinliches passiert:

Ich war auf einer Tagung mit lauter fremden Leuten. Mittags wollten wir zusammen Essen gehen. Und auf dem Weg zum Lokal habe ich festgestellt, dass ich mein Geld zu Hause vergessen hatte. Ich habe hektisch in meiner Tasche gekramt und leise vor mich hin geflucht.

Eine der anderen Teilnehmerinnen hat mich gefragt, was los ist – und dann gesagt: „Kein Problem, ich lade Sie ein.“ Das war mir total peinlich. Von einer Fremden etwas anzunehmen.

Aber ich hatte keine Wahl. Also habe ich ein günstiges Gericht bestellt, auf Kosten der Frau gegessen und mich geschämt. Ich schäme mich übrigens für so manches. Ich schäme mich für die Fehler, die mir passieren. Ich schäme mich, wenn ich etwas nicht gut kann. Ich schäme mich für Dinge, die ich gesagt oder getan habe und für Dinge, die ich nicht gesagt oder getan habe. Auch für Dinge, die ich bloß gedacht habe, oder weil ich mir über manches noch nie Gedanken gemacht habe.

Die Scham kommt fast immer zusammen mit der Angst. Mit der Angst, jemand könnte enttäuscht sein.Mit der Angst, jemand könnte schlecht über mich denken. Mit der Angst vor dem Urteil der anderen. 

Aber manchmal passiert etwas, das die Scham kleiner werden lässt. Mit der Frau, die mich zum Essen eingeladen hat, habe ich noch eine richtig lustige Mittagspause verbracht. Wir haben beschlossen, dass es doch ganz schön ist, einfach mal was geschenkt zu bekommen im Leben. Und dann hat sie noch Schokomousse für uns beide bestellt.

Die Bibel erzählt davon, dass wir von Gott auch etwas geschenkt bekommen, und zwar einfach so: Seine Gnade. Das heißt eigentlich nichts anderes, als: Gott will nicht, dass wir uns vor ihm schämen. Vor ihm braucht uns nichts peinlich zu sein.Wir sollen keine Angst vor seinem Urteil haben.Uns alle sieht Gott nämlich so an, wie wir sind.Auch das, wofür wir uns schämen, sieht er. Und er sagt: „Hier – ist meine Liebe. Ich schenk sie dir.“

Es ist gar nicht so leicht, das anzunehmen. Aber könnte ja eigentlich ganz schön sein, einfach mal was geschenkt zu bekommen im Leben.

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18MAI2024
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Heute ist Tag 815 des Kriegs in der Ukraine. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Der Aggressor im Kreml macht keine Anstalten, den völkerrechtsswidrigen Angriffskrieg zu beenden. Russland soll wieder eine imperiale Macht werden. Das ist Putins erklärtes Ziel. Davon rückt er nicht ab. Koste es, was es wolle.

Auch für mich ist klar: Es geht in dieser Auseinandersetzung nicht nur um das Schicksal der Ukraine. Die Freiheit Europas ist bedroht. Das weckt Ängste. Und so wird über Art und Umfang der Waffenhilfe für Kiew diskutiert, auch vom „Einfrieren“ des Konflikts ist die Rede. Dass sich Christen mit dem Krieg schwertun, ist nur zu verständlich. Ist Jesus nicht ein Prophet der Gewaltlosigkeit? Hat er nicht alle die selig genannt, die Frieden stiften? Wenn aber ein gewissenloser Diktator ein Nachbarland überfällt und dabei auch zahllose Zivilisten tötet, dann hat der Angegriffene das Recht sich zu verteidigen. Das tut die Ukraine seit mehr als zwei Jahren. Und der Westen unterstützt diesen Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit, auch mit Waffen. Aber wäre es christlich, wenn man mit dem Verweis auf die Gewaltlosigkeit Jesu den Opfern nicht beistehen würde?

Seit der Antike diskutieren Philosophen und Theologen über den „Gerechten Krieg“, darunter auch Kirchenmänner wie Augustinus oder Thomas von Aquin. Sie haben Bedingungen formuliert, die einen Krieg rechtfertigen. So darf er nur das allerletzte Mittel sein, um Frieden und Freiheit wiederherzustellen. Es muss einen gerechten Kriegsgrund geben, etwa die Selbstverteidigung. Unbeteiligte sind zu schützen, die Gewalt muss auf das Nötigste beschränkt werden und verhältnismäßig sein. Das sind nur einige der Punkte, die auch in das moderne Völkerrecht eingeflossen sind.

Mit der Lehre vom gerechten Krieg stellt sich das Christentum den Realitäten dieser Welt. Das sollte man nicht gering schätzen. Es ist wahr: Der christliche Glaube ist dem Frieden verpflichtet. Das aber bedeutet nicht, Unschuldige der Willkür und Gewalt von Kriegsverbrechern auszuliefern.

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17MAI2024
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Religion und Politik, Staat und Kirche. Das sind für die meisten Zeitgenossen getrennte Bereiche. Und in der Tat: Es gehört zu den großen Errungenschaften der Aufklärung, dass beide weitgehend unabhängig voneinander existieren. Für die Gesellschaften des Westens sind die Bündnisse von Thron und Altar nur ferne Erinnerungen. Bei uns in Deutschland war diese Allianz mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Sturz der Monarchie Geschichte.

Ganz anders sieht das heute in Russland aus. Dort lässt sich studieren, wie unheilvoll eine enge Verbindung von Staat und Kirche sein kann. So stützt Patriarch Kyrill, das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, Präsident Putin uneingeschränkt. Bei den Gottesdiensten an den großen Feiertagen stehen Putin und Kyrill Seite an Seite. Der Kirchenführer segnet die Politik des Kremlherrn im wahrsten Sinne des Wortes ab. Jetzt, in Zeiten des Krieges gegen die Ukraine, ist der Schulterschluss besonders eng. Kyrill erklärt den Überfall auf das Nachbarland zum „Heiligen Krieg“. Russland, so Kyrill wörtlich, kämpfe gegen die „Weltenherrscher der Finsternis“. In diesem Ringen stehe nicht weniger als die Zukunft des Christentums auf dem Spiel. Russland müsse die Feinde Gottes besiegen. Und das seien die „Faschisten“ in Kiew und ihre gottlosen Helfershelfer aus dem moralisch verkommenen Westen.

Zwischen Patriarch Kyrill und Wladimir Putin, beide einst Mitarbeiter im sowjetischen Geheimdienst KGB, passt kein Blatt Papier. Papst Franziskus hat Kyrill 2016 in Havanna auf Kuba getroffen. Schon damals schüttelten viele den Kopf, als beide in einer gemeinsamen Erklärung davon sprachen, dass sich „in Russland eine noch nie dagewesene Erneuerung des christlichen Glaubens“ ereigne. In Wahrheit aber tritt Kyrill die Botschaft des Evangeliums mit Füßen. Das sollte auch Papst Franziskus seinem orthodoxen Mitbruder unmissverständlich entgegenhalten!

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