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20FEB2024
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„Sei ein Mensch“, diesen kleinen Satz trage ich seit dem 31. Januar in mir. Er ist wie eine Push-Nachricht, die immer mal wieder aufploppt, wenn ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, was ich tun und was ich lassen sollte. Ich verdanke diesen Satz „Sei ein Mensch!“ dem Sportjournalisten Marcel Reif.

Bei der diesjährigen Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag hielt er eine Rede. Eine der besten, die ich je gehört habe. Er erinnerte an seinen jüdischen Vater, einer der wenigen die den Holocaust überlebt haben. Er habe nie von den Gräueln erzählt. Alles, was er heute über das Leben seines Vaters wisse, habe er erst Jahre nach seinem Tod von seiner Mutter erfahren. Und, so fügt Marcel Reif hinzu, er sei seinem Vater dankbar dafür, denn so habe er ihm und seiner Schwester eine fröhliche und sorgenfreie Kindheit ermöglicht. Marcel Reif wörtlich: „Es durfte nicht sein, dass auch noch seine Kinder von den furchtbaren Schatten heimgesucht ... werden, die seine Kindheit und Jugend ...  zerstört hatten. Wir sollten ... nicht in jedem Postboten, Bäcker, in jedem Straßenbahnfahrer oder Lehrer einen möglichen Mörder unserer Großeltern vermuten.”  Aber einen Satz habe ihm sein verschwiegener Vater doch mitgegeben. Er erinnere sich täglich mehr daran, wie oft er ihm diesen Satz geschenkt hat – mal als Mahnung, mal als Warnung, als Ratschlag oder auch als Tadel. „Sei ein Mensch!“

Und Marcel Reif wendet sich an die Damen und Herren im Bundestag: „Und wenn Sie es mir erlauben und wenn Sie mögen … dann lass ich Ihnen den kleinen und doch so großartigen, wundervollen Satz … hier:  „Sei ein Mensch!“ 

Ein wichtiger Satz für Menschen, die über Gesetze entscheiden müssen, die die Menschlichkeit in unserem Land betreffen. Ein wichtiger Satz aber auch für mich – für mein Tun und mein Lassen. 

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19FEB2024
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„Meine Nationalität: Mensch!“ Auf einem Plakat auf dem Koblenzer Münzplatz stand dieser Spruch. Mitgeführt bei einer der vielen Demonstrationen der letzten Wochen gegen den Rechtsextremismus. Im ersten Moment hat mich dieser Satz irritiert. Denn Nationalität hat normalerweise etwas mit einem Land oder einem Volk zu tun. Diese Irritierung war vom Schreiber des Spruches wohl gewünscht und hat - bei mir zumindest - auch geklappt. Denn bevor ich Deutscher, bevor ich Engländer, Franzose, Chinese, Türke, Syrer oder Russe bin, bin ich erstmal Mensch. Und das gilt für jede und jeden, das verbindet uns Menschen über alle Grenzen hinweg. Dabei kommt jedem Menschen das zu, was unser Grundgesetz Würde nennt. Und als Deutscher bin ich stolz darauf, dass das der erste Satz unseres Grundgesetzes ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben dies bewusst an den Anfang gestellt, denn sie hatten den Nationalsozialismus erlebt und erlitten. Sie hatten erlebt, was dabei herauskommt, wenn man Menschen ihre Würde nimmt, weil sie Juden, Sinti oder Roma sind. Weil sie behindert oder homosexuell sind. Weil sie andere Auffassungen von Politik, Kunst und Kultur haben, weil sie eben nicht so sind wie eine herrschende Ideologie das gerne hätte.   

Viele von den Männern und Frauen, die das Grundgesetz geschrieben haben, waren gläubige Christen. Bis heute steht deshalb als Einleitung zum Grundgesetz der Satz: “Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …. hat sich das Deutsche Volk … dieses Grundgesetz gegeben.” Für mich bedeutet das: Auch in meiner Verantwortung vor Gott habe ich dafür zu sorgen, dass die Würde eines jeden Menschen in unserm Land weiterhin unantastbar bleibt.

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17FEB2024
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Howard Carpendale ist der Held meiner Kindheit und frühen Jugend. Meine erste selbst gekaufte Kassette war von ihm. Vielleicht teilen Sie meine frühere Leidenschaft. Falls Sie aber kein Fan waren oder sind - kommt Ihnen meine Aussage vielleicht eher wie ein Geständnis oder gar eine Peinlichkeit vor.

Aber: Howard Carpendale war nicht nur der Held meiner Kindheit und Jugend, er hat mich im letzten Jahr auch in einem Zeitungsinterview ziemlich beeindruckt. Da ging es um Respekt. Um gesehen, wahrgenommen werden. Und darum, akzeptiert zu werden. Howard Carpendale hat in diesem Interview gesagt, dass er Respekt möchte.

Hintergrund der Geschichte war ein vorangegangenes Gespräch mit einem Journalisten, der eher erstaunt auf ein neueres Lied von Howard Carpendale reagiert hatte. Er war überrascht, weil das Lied ja politisch sei.

Carpendale zählte ihm darauf andere Lieder auf, die aus seiner Sicht politisch sind und die er schon früher veröffentlicht hat.  Und er hat nun im Interview erklärt, was ihn an dieser Situation geärgert hat: Der Interviewer hatte offensichtlich schlecht recherchiert.

Er hatte ein Bild von Howard Carpendale als Wohlfühl-Schlagersänger und zu diesem Bild passen keine politischen Aussagen oder gar komplexere Textzeilen. Das hat Howard Carpendale als respektlos empfunden. Und das kann ich gut verstehen.

Auch ich will gesehen, wahrgenommen werden von meinem Gegenüber und nicht nur als Klebefläche für das Abziehbild, dass der Mensch von mir hat, dienen. Das bedeutet Respekt haben vor anderen Menschen.

Sie wirklich ansehen in all ihrer Komplexität und auch Uneinheitlichkeit. Und dann eben nachfragen, wenn mich etwas irritiert, wenn mich eine Frage umtreibt. Ich kann nachfragen, wenn mich eine Aussage, ein Verhalten oder wie in diesem Fall ein Lied überrascht, bevor ich ein Urteil fälle. Der Journalist hätte fragen können: „Wie haben Sie das gemeint?“ Oder: „Wie kam es zu diesem Song?“ Damit hätte er Interesse gezeigt. Und Respekt.

Gesehen und wahrgenommen werden, ist ein Grundbedürfnis. In der Bibel heißt es dazu: „Du bist ein Gott, der mich sieht“. Oder anders: „Du bist ein Gott, der mich respektiert“. Eine bessere Beschreibung Gottes kann es gar nicht geben.

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16FEB2024
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Wissen Sie, manchmal wäre ich gerne frommer als ich es bin. Also fromm im Sinne von getragen sein von Ritualen und Spiritualität, eingebettet in die gefühlte Anwesenheit Gottes.

Leider ist es aber nicht immer so, oder sagen wir mal: eher selten. Vielleicht sind deshalb diese Momente auch so besonders. Etwas, was ich zum Beispiel immer wieder tue, ist die sogenannte Tageslosung lesen – ein zufällig von der Herrenhuter Brüdergemeine ausgewählter Bibelvers.

Für heute ist es ein Satz aus Psalm 90: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“. Dieser Vers rührt mich immer ganz besonders tief an. „Auf dass wir klug werden…“ Nicht: auf, dass wir klein, demütig oder ängstlich werden. Nein: Auf, dass wir klug werden.  Das Wissen um die Endlichkeit, um das Ende des Lebens, des eigenen und das der anderen, soll uns klug machen.

In mir lösen die Worte zunächst immer ein Gefühl von Trauer aus. Aber diese Traurigkeit regt mich auch zum Denken, zum Suchen an. Ich frage mich, was mir wichtig ist, womit ich meine begrenzte Zeit verbringen will, wen ich um mich haben möchte und mit wem ich diese uns und mir geschenkte Zeit verbringen möchte. Während die Gedanken kreisen, bewege ich mich dann zwischen Melancholie und Euphorie. Melancholie, weil da eben der Gedanke an mögliche Abschiede ist, aber auch Euphorie, weil ich sehe, was mir geschenkt ist, wofür ich dankbar sein kann.

Ich finde das Ergebnis dieser Überlegungen und Gedanken immer bemerkenswert – dieses Bedenken, dass man sterben muss, ist wie ein Kompass. – Es richtet mich für eine Weile in meinem Leben wieder neu aus. Ich achte mehr auf die Mitmenschen und die Zeit, gestalte Beziehungen bewusster und mache auch so manche Dummheit nicht.

Dann fühle ich mich auch Gott näher und in seine Anwesenheit eingebettet. Ja, wahrscheinlich ist es das, was mit klug gemeint ist. Sich der Endlichkeit bewusst, dem Leben und den Menschen zuzuwenden, getragen von Gott. Das ist klug.

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15FEB2024
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Immer wieder begegnen mir Worte, die mir durch Mark und Bein gehen, weil sie soviel an Erfahrung, Wunsch und Wirklichkeit transportieren. Lebenssatt ist so ein Wort. Lebenssatt. Vor kurzem gesagt von einem prominenten Menschen – anlässlich seines achtzigsten Geburtstags.

Lebenssatt als ein Zustand der Zufriedenheit mit sich, der Welt und dem Leben. Gesättigt, wohlgenährt und zufrieden schwingt da für mich mit. Wenn man so auf das Leben blicken kann, ist das ein Geschenk und alles weitere Bonus oder eine Extrarunde.

Das Wort ist deshalb so schön, weil es nicht bedeutet, dass man das Leben satthat, sondern das Gegenteil ist der Fall: Das Leben hat einen gesättigt. Der Appetit ist gestillt. Wenn es ums Essen geht, heißt das, der Bauch ist gut gefüllt, man fühlt sich vielleicht warm, wohlig und auf jeden Fall satt. Das bedeutet nicht, dass man nie wieder etwas essen möchte – aber gerade ist es einfach gut so, wie es ist.

Ich frage mich, ob man diesen Zustand auch erreichen kann, wenn man noch keine achtzig Jahre alt ist. Wenn man vielleicht eigentlich mitten im Leben steht, dieses Leben aber nicht so verläuft, wie man sich das erhofft hat. Z.B. weil man schwer krank ist.  Kann man dann – in diesem Sinne – sagen, dass man lebenssatt ist? 

Bei Anke habe ich das erlebt. Früh hat sie in ihrem Leben die erste Krebsdiagnose bekommen. Und mit Anfang vierzig gab es dann keine Hoffnung mehr.  Wir haben viel zusammen geweint, geklagt und mit Gott gehadert.

Bei einem unserem letzten Treffen war sie ganz aufgeräumt. Sie war bereit zu gehen, auch wenn sie nicht wusste, warum es so sein sollte. Dennoch hat sie zu mir gesagt: „Ich habe in den letzten Wochen nochmal an alles gedacht, was mir lieb und wichtig war in meinem Leben – ich konnte sehen, wie reich mein Leben war, auch in der Kürze. Ich bin lebenssatt. Ich habe das Leben nicht satt – das sicher nicht – aber ich hatte bis hierher ein reiches, sättigendes Leben. Wenn ich nun gehen soll, dann finde ich das richtig doof, aber ich hoffe mal auf eine Fortsetzung. Dann sehen wir uns wieder. Bei Gott.“

Ich bin in Tränen ausgebrochen – und ich hoffe, dass es so sein wird, dass wir uns wiedersehen werden, nachdem auch ich – lebenssatt in Ankes Sinne, zu Gott gegangen bin.

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14FEB2024
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Die größten Schätze findet man nicht – man bekommt sie geschenkt. Wie wahr dieser Satz ist, den man vielleicht von Kalenderblättern kennt, habe ich selbst erlebt. Und zwar mit Engeln.

Meine Großmutter war eine toughe Frau aus Ostpreußen. Auf der Flucht nach dem 2. Weltkrieg hat es sie in die Pfalz verschlagen.

Sie ist überzeugt gewesen, dass ein Engel sie in Ihrem Leben begleitet und geschützt hat. Wenn es besonders schwierig gewesen war oder wenn das Schicksal unbarmherzig zugeschlagen hat, dann war sie sich sicher, dass der Engel auf ihrer Schulter ihr geholfen hat. Es war ihr im Rückblick immer sehr wichtig, dass der Engel den Unterschied gemacht hat – nicht der Zufall oder einfach Glück.

Mich hat das schon als Kind immer etwas irritiert. Ich hatte es nicht so mit Engeln. Aber meine Oma war für mich eine Autorität und wenn sie sagte, dass ihr da ihr Engel geholfen hat, dann habe ich das nicht in Frage gestellt.

Im Laufe der Jahre hat sie als Engel-Fan immer Engel geschenkt bekommen. Figuren, Bilder, usw. Für mich passte das nie so richtig zu ihr. Aber ihr waren diese Engel wertvoll und wichtig. Noch wichtiger aber waren ihr die Geschichten, die sie mit „ihrem“ Engel verbunden hat.

Gegen Ende ihres Lebens hatte sie dann viele der Engelgeschichten vergessen. Ihr verschmitztes und dennoch so überzeugtes „da hat mir mein Engel geholfen“ wurde seltener. Dafür war das Gefühl, ja die Gewissheit getragen und begleitet zu sein, stärker spürbar.

Als meine Oma gestorben ist, war ich mir – trotz meiner Engel-Skepsis - sicher, dass ihr Engel sie mitgenommen hat. Diese Vorstellung war tröstlich für mich – denn ich hatte doch irgendwie das Gefühl, dass mit ihr auch mein Engel mich verlassen hat. Mir ist bewusst geworden, dass sie für mich eine Art Engel gewesen ist, der mich über all die Jahrzehnte, durch all die Widerfahrnisse meines Lebens, begleitet hat.

Meine Oma ist nun schon einige Zeit lang bei Gott, aber ich habe immer wieder das Gefühl, dass ihr Engel jetzt auch nach mir schaut.

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13FEB2024
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Manchmal weiß ich nicht, ob ich Lachen oder Weinen soll. Weinen, weil ich als Pfarrer bedauere, dass es immer mehr Menschen gibt, die mit Kirche und Glauben so wenig oder nichts anfangen können. Dadurch gehen nicht nur Wissen und Tradition verloren, sondern auch ein Schatz und Anker in der Zeit und bei allem, was einem im Leben passiert. Und Lachen, weil es so manchmal zu lustigen Begebenheiten kommt.

Zum Beispiel beim Thema „Engel“. Für manche mag der Glaube an sie kitschig sein und fragwürdig. Aber für andere ist er heilsam und stützend. Aber was ist, wenn ich „Engel“ gar nicht kenne? 

Dann ergeben sich auch lustige Begebenheiten, die einen schmunzeln lassen. Ich hatte da vor Kurzem ein verblüffendes Erlebnis: letztes Jahr an Heiligabend beim Krippenspiel hab ich in der Nähe eines kleinen Jungen gesessen.

Das Schauspiel nahm seinen Lauf, Maria und Josef, Hirten und Schafe, alles was dazu gehört. Und eben auch Engel. Deutlich erkennbar, in Weiß und Gold gekleidet, mit Flügeln auf dem Rücken. Plötzlich hat der Junge neben mir geflüstert: „Mama, die Schmetterlingsmenschen da bei den Hirten und Schafen sind toll – die beschützen Sie und nehmen Ihnen alle Angst weg, da allein auf dem Feld.“

Schmetterlingsmenschen – ich musste mich zusammenreißen, um nicht loszulachen. Und gleichzeitig war ich irgendwie gerührt. Für diesen kleinen Jungen waren die Engel mit ihren Flügeln „Schmetterlingsmenschen“ – aber klar war: Sie schützen und stärken!

Eigentlich eine schöne Idee. Schmetterlinge sind für viele Menschen ein Symbol für die Auferstehung. Etliche Geschichten nehmen die Verwandlung der Raupe in einen Schmetterling als Sinnbild für Tod und Auferstehung. Für den Übergang von einem Zustand der Existenz hier in diesem Leben, in einen anderen Zustand der Existenz bei Gott.

Ob dies dem kleinen Jungen klar war, wage ich zu bezweifeln. Aber ich hoffe, dass ihn Schmetterlingsmenschen auf seinem Weg durch das Leben und darüber hinaus schützen und begleiten.

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12FEB2024
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„Engelsgleich“ – das sage ich manchmal ironisch zu meinen Kindern, wenn Sie mal wieder wie eine Elefantenherde die Treppen runtertrampeln.

Aber woher weiß ich eigentlich, wie das wohl Engel machen würden? Ich habe kein klares Bild von Engeln in meinem Kopf, aber irgendwie bin ich mir sicher, dass Engel nicht stampfen und trampeln würden. Dabei habe ich noch keinen Engel in meinem Leben gesehen. Zumindest keinen, wie wir sie uns oft vorstellen. Mit weißem Gewand und Flügeln und so. Ich weiß nicht, ob Engel groß oder klein, dick oder dünn, ob sie Flügel und einen Heiligenschein haben oder ob sie schweben oder trampeln.

Was ich aber schon oft erlebt habe, ist, dass mir andere Menschen zu Engeln geworden sind. Sie waren da in Situationen, in denen ich sie nicht erwartet hätte, sie aber brauchte.

Als einer meiner Söhne schwer krank war und ich mit ihm im Krankenhaus war – da kamen zwei Engel zu mir. So habe ich es erlebt. Es waren zwei Menschen aus der Kirchengemeinde, die mich im Krankenhaus besucht haben. Dadurch wurden Sie in diesem Augenblick irgendwie zu Engeln für mich.

Unerwartet, einfach da, für eine kurze Zeit Begleitung und dann wieder in den Hintergrund getreten. Vielleicht kennen Sie das auch – Menschen, die einem in wichtigen – manchmal sehr kurzen Augenblicken – zu Engeln werden. Mal weisen sie einem nur den Weg, mal helfen sie einem in einer sehr schwierigen Situation.

Und auch wenn meine Kinder nicht engelsgleich die Treppen hinunterschweben, so sind sie für mich doch immer wieder meine Engel.

Ich hoffe einerseits, dass auch sie immer wieder Menschen begegnen, die ihnen zu Engel werden. Ich hoffe andererseits aber auch, dass sie immer mal wieder für andere Menschen Engelsfunktionen haben können.

Und so sollen sie ruhig elefantengleich die Treppen herunter trampeln, wenn sie dann engelsgleich den Menschen begegnen.

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10FEB2024
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„Heiterkeit des Herzens ist Leben für den Menschen…Frohsinn verlängert die Tage…“ (Sir 30,22.24b)

Das ist kein Motto für eine Fastnachtssitzung. Ich habe die Sätze in der Bibel gefunden. Ja, die Bibel lädt ein, das Leben mit Humor und Heiterkeit zu nehmen. Doch einfach ist das oft nicht. Die Nachrichten sind voll von schrecklichen Katastrophen, die das Herz schwer machen und alles andere als Frohsinn verbreiten. Und im eigenen Umfeld reißen die Sorgen auch nicht ab.

Ich frage mich da schon, wie das gehen soll mit der Heiterkeit des Herzens. Und frage auch: Darf ich mich überhaupt freuen, darf ich Fastnacht feiern? Wo doch so viel Leid passiert? Ich finde, wenn es ums Leben geht, um gutes und glückliches Leben, dann ist es nicht die Frage, ob ich das darf. Dann ist klar, dass ich trotz allem, trotz Krieg und Unrecht, trotz Sorgen und Trauer mich auch freuen darf; Ängste und Traurigkeit mal eine Zeit lang vergessen kann. Weil es einfach guttut, mich aufbaut und stärkt. Wenn ich mit Freundinnen und Freunden zusammen bin. Die Lebendigkeit und die Freude um mich herum genieße. Das heißt ja nicht, zu lachen, wo es nichts zu lachen gibt. Es bedeutet nicht, etwas schönzureden, wegzuschauen oder Unrecht zu ignorieren, sondern ganz bewusst das Andere, das Schöne zu sehen und mich daran zu freuen. Vielleicht ist es die Perspektive, die den Unterschied macht: Worauf schaue ich besonders? Was rücke ich in den Vordergrund? Von welchem Standpunkt aus betrachte ich das Leben und die Umstände? 

In diesen Tagen kann ich ausprobieren, die Welt mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wenn mir danach ist, vielleicht sogar mit einem Clownshut oder einer Narrenkappe auf dem Kopf. Die Wirklichkeit mal mit anderen Augen anzusehen, kann so manche Sorge für einen Moment an den Rand schieben. Und vielleicht spüre ich dann ja: „Heiterkeit des Herzens ist Leben für den Menschen.“

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09FEB2024
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Die letzten Tage ging es ganz schön hektisch und stressig zu in unserem Büro. Vieles sollte fertig und vorbereitet werden. Und da kommt es auch schon mal vor, dass der Umgangston ein wenig ruppiger und rauer wird.

Mir hilft da, dass auf meinem Schreibtisch eine Karte mit einem Spruch steht. Sie bremst mich, die ein oder andere spitze Bemerkung loszuwerden: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.“ Der Dichter Joachim Ringelnatz bringt die Weisheit auf den Punkt.

Und recht hat er. Schon oft habe ich erlebt, dass Streit und Ärger verhindert werden können, wenn nur einer aus der Runde mit Humor reagiert. Zum Beispiel, wenn im Büro mal wieder alles Mögliche im Weg rumsteht. Darüber kann ich meckern und vor mich hin schmollen. Aber manchmal fällt mir auch eine lustige Bemerkung dazu ein. Davon räumt noch niemand im Büro auf. Aber Humor hilft, dass mir nicht der Kragen platzt und die Stimmung auf den Nullpunkt sinkt.

Das Wort Humor kommt von „Humus“. Mit Humus versorgen die Gärtner gerne die Pflanzen. Humus ist nahrhaft, feucht und locker. Das lässt die Pflanzen gut gedeihen und wachsen. Ganz ähnlich wirkt da der Humor. Es tut einfach gut, wenn Humor im Spiel ist, die Stimmung aufhellt und alles etwas lockerer und leichter von der Hand geht. Und auch mal Kritisches mit einem Augenzwinkern gesagt werden kann.  

An Fastnacht können wir das üben: Wenn die Büttenredner die Politik und die kleinen und großen Ungerechtigkeiten des Lebens auf`s Korn nehmen. Wenn liebevoll geschmückte Motivwagen durch die Straßen rollen und einladen, über die Skandale der letzten Monate einfach herzhaft zu lachen. Oder die Kostüme aus dem Keller geholt werden und wir uns in einen anderen verwandeln. So ist auch mal ein Scherz möglich, ohne dass es uns jemand krummnimmt. Ich finde, Fastnacht ist eine prima Übung, das Leben humorvoll ernst zu nehmen.

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