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06DEZ2025
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„Hast du deine Stiefel auch geputzt?“ Das hat meine Oma mich immer gefragt, am 5. Dezember abends. Und natürlich hatte ich damals alles schon längst vorbereitet: Die Stiefel mehr oder weniger gut geputzt und aus Ermangelung eines Kamins unter den Heizkörper in der Küche gestellt. Damals als ich Kind war.

Auch als ich älter und erwachsen wurde, hat meine Oma die Frage immer mal wieder gestellt: „Hast du deine Stiefel geputzt?“ Und immer häufiger war ich unvorbereitet und die Stiefel waren nicht geputzt.

Längst der Aufregung am Vorabend des 6. Dezember entwachsen, habe ich auf die Frage meiner Oma, das ein oder andere mal blöd reagiert. Und zwar immer dann, wenn mir gar nicht bewusst war, dass es ja der Nikolausabend ist. Weil der alltägliche Stress den Blick verstellt hat für den in der Kindheit so wichtigen Tag. 

Wenn es besonders blöd lief, habe ich die Frage tatsächlich sogar als Maßregelung gehört, habe nach unten geschaut, ob meine Schuhe sauber sind. 

Wenn ich dann unwirsch reagierte, hat meine Oma mir einen enttäuschten, sorgenvollen Blick zugeworfen. Enttäuscht, weil ich unser Spiel aus Kindertagen vergessen habe und sorgenvoll, weil ich wohl so im Stress bin, dass ich noch nicht mal mitbekommen habe, dass Nikolausabend ist.

Heute – Jahrzehnte später – und einige Jahre nachdem meine Großmutter gestorben ist, tut mir ihr Blick immer noch weh, wenn ich an ihn denke. Denn er erinnert mich immer wieder daran, dass ich aufpassen muss, mich nicht zu verlieren.

Dass Advent und Nikolaus, Anker in meiner Zeit sein sollten – nicht Stressfaktoren. Anker, kleine Momente, in denen ich kurz innehalte, quasi die Stiefel putze und nachdenke – und eben ankomme bei mir und den anderen.

Der Nikolaustag ist für viele ein erster großer Schritt auf dem Weg nach Weihnachten. Heute verstehe ich die Frage meiner Großmutter „Hast du die Stiefel schon geputzt?“ als Aufforderung kurz innezuhalten und mich zu fragen: „Bist du auf dem Weg nach Weihnachten?“ Und wenn ich die Frage nicht ehrlich mit „Ja“ beantworten kann, dann lade ich mich selbst ein: Fang an!  Erinnere dich an die Legenden vom Nikolaus, öffne dich für das Wunderbare, damit du an Weihnachten die Chance hast, mit geputzten Stiefeln und offener Seele dem Wunder der Geburt Jesu zu begegnen.

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05DEZ2025
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Wie komme ich eigentlich an bei den Anderen? Eine Frage, die viele Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen stellen:
„Wie komme ich an bei den Anderen?“, fragt sich zum Beispiel ein Schüler, der neu in eine Klasse kommt. Oder die Kollegin, die das Gefühl hat, nicht so richtig dazu zu gehören. Wie komme ich an bei den Anderen? 

In Rhetorikschulungen, in denen man lernt, Vorträge und Reden zu halten, die bei den anderen gut ankommen, steht sie auch immer im Raum, diese Frage: Wie komme ich gut an bei den Anderen? Heißt: Wie kann ich die Brücke schlagen zu anderen Menschen?

Es ist also gar nicht so leicht bei der Anderen oder bei dem Anderen anzukommen. Ankommen ist vielleicht auch gar nicht so leicht zu „machen“.

Ich glaube, eine Grundvoraussetzung, um überhaupt beim Anderen anzukommen ist, dass ich bereit bin für offene und ehrliche Gespräche.  Ich muss die eigene Vorsicht, vielleicht sogar Abwehr ablegen - meine Maske fallen lassen, die mir so oft dabei hilft, mich und meine Gefühle zu verstecken. Wenn ich mich selbst offen und ehrlich zeige, dann mache ich es auch meinem Gegenüber einfacher, sich zu öffnen. So haben wir es leichter, uns näher zu kommen.

“Wie komme ich an? Bei mir und den anderen?“ Wie kommen wir uns näher – das hat erst einmal ganz viel damit zu tun, dass ich ehrliche und freundliche Angebote mache. Und dann – ja dann und das ist das Schwere – dann müssen die anderen auch noch wollen.

Das mit dem Ankommen und Sich-Öffnen ist also gar nicht so einfach. Aber: Im Advent fällt mir das etwas leichter – meistens.

Ich glaube das hängt damit zusammen, dass ich irgendwie „weicher“ bin, und das macht Nähe leichter.  Und ja, wahrscheinlich ist der Grund für dieses „weicher sein“, dass ich auf Weihnachten warte, dass ich schon oft an die Geburt Jesu denke. Ich denke an Jesus. An das kleine Kind in der Krippe. Mit ihm ist Gott angekommen. Ganz klein, ganz nackt und verletzlich. Er ist bei uns, bei seinen Menschen, angekommen. Bei mir. Und bei allen anderen.

Vielleicht braucht es nur diese Verletzlichkeit und ein Lächeln. Probieren wir es aus.  Advent heißt Ankunft, „Ankommen“. Einander Näherkommen. Lassen wir es darauf ankommen.

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04DEZ2025
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Der Advent ist für mich immer eine Zeit der Spannung. Innerlich wie äußerlich. Ich habe in mir den dringenden Wunsch die Adventszeit zu genießen. Zeit zu finden bei gemütlichem Licht und warmem Tee. Ich sehne mich danach langsam zur Ruhe zu kommen auf dem Weg nach Weihnachten.

Und gleichzeitig ist Jahresendspurt – der normale Wahnsinn mit zusätzlichen Adventsterminen und sovielen Dingen die auf dem Schreibtisch liegen und alle noch vor Jahresende bearbeitet sein müssen. Also eigentlich gar nicht die rechte Zeit, um mal durchzuatmen und bei mir selbst anzukommen.

Das Wort Advent kommt aus dem Lateinischen und heißt soviel wie Ankommen. Gott kommt in seinem Sohn Jesus in der Welt an.

Wenn ich dann so in der Schleife bin zwischen:  ich muß doch zur Ruhe und Besinnung kommen. Und es klappt einfach nicht mit dem Ankommen bei mir selbst, weil der Wahnsinn um mich herumtobt.

Dann denke ich: „es ist doch eigentlich auch gar nicht gesagt, dass ich unbedingt zur Ruhe kommen muss im Advent. Ich könnte doch auch warten bis ich sozusagen bei mir angekommen bin.“

Ich muss es vielleicht gar nicht erzwingen – nein ich kann doch einfach warten. Auf mich warten und bei mir ankommen.

Was jetzt vielleicht wie Wortklauberei klingt oder für manche auch einfach unsinnig, hat für mich im Advent ganz konkrete Auswirkungen.

Ich warte in all dem Vorweihnachts-Trubel, ob es Momente gibt, in denen ich bei mir bin. Das kann durchaus auch mal bei Tee und Kerzenschein sein, aber manchmal ist es dann doch im Stau auf der Autobahn oder in der überfüllten Straßenbahn.

Und ja – manchmal ist es leichter, wenn ich mich einlade anzukommen, wenn ich mir selbst entgegenkomme.

Wenn ich mal auf Nachrichten oder PodCasts verzichte, mir ruhige Musik anschalte und dann an Weihnachten denken.  An ein Weihnachten das so viel in sich trägt: Ruhe, Liebe und Hoffnung. Dann komme ich an, langsam aber sicher. Sehe Weihnachten als einen der großen Momente im Jahr, der mir Hoffnung gibt. Ich fühle mein Herz angefüllt mit Liebe zu meinen Lieblingsmenschen und Mitmenschen.

Ich denke an die Weihnachtsgeschichte und das, was für mich Weihnachten bedeutet: Gott ist hier – auf dem Sofa, auf der Autobahn, in der Straßenbahn, im Stress und Wahnsinn des Jahresendes.

Es ist Advent.

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03DEZ2025
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„So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“

Diese Zeilen habe ich die letzten Wochen häufig vor mich hingesummt- besonders dann, wenn ich aus der Chorprobe gekommen bin. Da singen wir nämlich gerade ein Stück von Mendelssohn, und darin diese biblische Zeite: Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“. Die Frage ist nur: Was meint die Bibel damit – mit Waffen des Lichts“? Meine Schwester, die im gleichen Chor singt und mit diesem militärischen Bild der Waffen ein wenig hadert, singt manchmal einfach „Waffeln des Lichts“ statt „Waffen“. Die passen besser zu ihrer Vorstellung vom Christsein: Frischgebackene Waffeln des Lichts mit Puderzucker – da musste ich doch ganz schön schmunzeln.

Als ich einer Freundin davon erzählt habe, ist ihr dazu etwas ganz anderes eingefallen: Nämlich die Star-Wars-Filme und  an die Lichtschwerter der Jediritter. Ich habe grinsen müssen bei den Filmschwertern und dem Lichtstrahl als Klinge. Zum Glück gibt’s die nicht wirklich.

In der Bibel, wo das Bild von den „Waffen des Lichts“ herkommt, sind  auch keine echten Waffen gemeint.

Sondern was der Apostel Paulus meint: es gibt etwas, das uns Christen hilft,  uns für das Gute einzusetzen. Was genau diese Waffen sind, das wird im Römerbrief nicht ausgeführt. Ich finde es lassen sich aber gut drei Worte einsetzen: Glaube, Liebe und Hoffnung.

Glaube – das Vertrauen, dass Gott da ist, selbst in schwierigen Situationen. Ein unsichtbares Schild, das uns schützt, wenn alles um uns dunkel scheint. Liebe – aktiv und greifbar. Mit Liebe lassen sich Menschen gewinnen, ohne sie zu überrumpeln. Und Hoffnung – der Blick nach vorne, dass Veränderung möglich ist. Hoffnung schenkt einem Ausdauer und  lässt uns weitermachen, auch wenn alles aussichtslos scheint.

Glaube, Liebe Hoffnung als Waffen des Lichts, mit denen wir den Krisen unserer Welt entgegenstehen – damit kann ich doch mehr anfangen.

Es ist aber noch etwas ganz wichtig, und davon schreibt Paulus in der Bibel auch:  „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen.“ Den Kampf gegen die Dunkelheit – um im Bild zu bleiben – das ist eigentlich nicht unsere Aufgabe. Gott sorgt dafür, dass die Nacht vergeht. Wir dürfen uns darauf konzentrieren, den anbrechenden Tag zu gestalten. Mit unseren kleinen Lichtfunken aus Glaube, Liebe und Hoffnung. Das Licht kommt von allein.

An diese Hoffnung erinnern wir uns gerade in der Weihnachtszeit: Dass mit Jesus Gott in diese Welt gekommen ist und es anfängt, Licht zu werden. Weihnachten ist der Morgen einer Welt, die voller Frieden und Liebe sein wird. Und zum Frühstück gibt’s Waffeln.

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02DEZ2025
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Wenn ich als Kind mit meinen Geschwistern oder Nachbarskindern nachmittags draußen gespielt habe, dann gab es eine Regel: Wenn draußen die Straßenlaternen angehen, dann gibt es Abendbrot und wir müssen nach Hause kommen. Oft hat uns das herausgerissen aus unserem Spiel und unserem Miteinander. Denn es war klar: Nach dem Abendessen geht es ins Bett und der Tag ist vorbei. Das Licht der Straßenlaternen war eine ganz eigene Zeitansage.

Menschen, die wie ich in Mainz um die große Christuskirche herum leben, kennen noch einen anderen Zeitgeber: Denn drei Mal am Tag erklingt das Glockenspiel vom Turm der Christuskirche: morgens um viertel vor 8, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr. Die 25 kleinen Glocken hängen ganz oben im Kirchturm. Schaut man genau hinauf, kann man sie über der Kuppel der Kirche gut erkennen. Gestiftet wurden sie von der Stadt Mainz Anfang der 1950er Jahre, als die im Krieg zerstörte Christuskirche wieder aufgebaut wurde. Seitdem hängen sie dort oben und spielen jedes Mal ein bekanntes Kirchenlied. Alle paar Wochen wechseln die Lieder, so passen sie immer zur Jahreszeit. Seit über 70 Jahren hat sich nichts daran verändert – die Technik, die Lieder, die Uhrzeiten sind gleichgeblieben. Nur manche Glocken haben sich inzwischen etwas verstimmt.

Immer wieder erzählen mir Menschen, wie wichtig das Glockenspiel für sie als Zeitansage ist. Hört man morgens die Glocken – dann ist es höchste Zeit aufzustehen.. Oder man muss sich schnell auf dem Weg zur Schule machen, damit man nicht zu spät kommt. Und abends ist es wie bei mir früher: Wenn die Glocken spielen, dann ist es Zeit fürs Abendbrot.

Mein Tagesablauf ist inzwischen oft anders, so dass mich das abendliche Glockenspiel nicht nach Hause zum Essen ruft. Aber die Glocken machen dennoch etwas mit mir: Sie rufen mich heraus aus meinen Gedanken und aus dem, was ich gerade tue. Ich merke dann: Oh, so spät ist es schon! Und meistens überlege ich: Was brauche ich jetzt? Weitermachen oder doch lieber eine Pause? So ist mir das Glockenspiel zu meiner ganz eigenen Zeitansage geworden.

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01DEZ2025
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Vor einigen Tagen saß ich bei meiner Ärztin im Wartezimmer. Und da ist mir ein Lied eingefallen. Der Sänger Bosse singt es und es heißt „Wartesaal“. „Wir sitzen im Wartesaal zum Glücklich sein“ singt er da. Er meint kein Wartezimmer in einer Arztpraxis, wie das, in dem ich gesessen habe. Sondern er singt vom großen Ganzen. Der Sänger Bosse singt davon, dass wir Träume haben, aber uns manchmal nicht trauen, sie wahr werden zu lassen. Dass wir Pläne nicht angehen, sondern sie aufschieben. Und dass wir immer darauf warten, dass wir später irgendwann glücklich sind. „Und so bleiben wir im Wartesaal zum Glücklichsein und warten mal und warten mal“ singt er weiter.
So wie Bosse vom Warten singt, meint er kein unbeschwertes Warten. Sondern ein Warten, das uns nicht guttut.

Jetzt im Advent warten wir darauf, dass es Weihnachten wird. Ab heute verkürzen uns Adventskalender die Wartezeit. Jeden Tag öffnen wir ein Türchen, freuen uns über ein Stück Schokolade, eine kleine Überraschung oder eine Geschichte. Sich jeden Tag über eine Kleinigkeit freuen, macht das Warten deutlich schöner. Und es lässt uns fast aus dem Blick verlieren, dass wir überhaupt warten.

Ich glaube, der Advent ist eine gute Zeit zum Warten. Dieses Jahr nehme ich mir vor, mir mehr Zeit für das Warten zu nehmen und mich weniger mit allen Vorbereitungen und Terminen zu stressen. Ich will das Genießen nicht aufschieben, sondern jetzt schon spüren. Und mir die Wartezeit schön machen.

Ich will mir auch Zeit nehmen, um bei mir das große Ganze in den Blick zu nehmen. Das, wovon der Sänger Bosse gesungen hat. Worauf warte ich eigentlich? Welche Träume, welche Pläne habe ich noch? Was brauche ich, dass ich das eine oder andere endlich angehe? Und ich will mich fragen: Sitze ich noch, wie der Sänger Bosse gesungen hat, im Wartesaal zum Glücklichsein? Oder bin ich jetzt schon glücklich?

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29NOV2025
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Neulich hörte ich im Radio eine Nachricht, die mich riesig gefreut hat. Der brasilianische Regenwald scheint sich etwas zu erholen. Im letzten Jahr wurde viel weniger abgeholzt als in den Jahren zuvor. Die Abholzung ist zurückgegangen.

Ich höre das und denke: Wow, das ist wirklich mal eine gute Nachricht! Natürlich, das Problem bleibt riesig, das ist klar. Es muss noch mehr getan werden für den Regenwald. Aber diese Meldung zeigt mir, dass Politik tatsächlich etwas bewirken kann. Dass Menschen etwas verändern können, wenn sie es denn wollen und gemeinsam nach guten Wegen suchen.

Solche Nachrichten tun gut. Und trotzdem hört man sie viel zu selten. Ich ertappe mich so oft dabei, dass ich die Nachrichten manchmal gar nicht mehr hören mag. So viel Schlimmes, so viel Zerstörung, so viel Streit. Aber so ist es doch nicht. Es passiert auch unglaublich viel Gutes, nur redet kaum jemand darüber. Vielleicht, weil sich schlechte Nachrichten einfach besser verkaufen und mehr Aufmerksamkeit bekommen. Dann heißt es: Bad news are Good news, also nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Ich finde, das stimmt nicht: Auch gute Nachrichten sind gute Nachrichten - Good news are good news! Und wir sollten viel mehr darüber sprechen!

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28NOV2025
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Wie jeden Abend setze ich mich auch an diesem Abend noch kurz ans Bett meines Sohnes. Wir sprechen meistens noch über den Tag, überlegen was gut lief und was nicht so gut lief.

An diesem Abend hält mein Sohn jedoch lange inne und sagt völlig aus dem Nichts: Papa, ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass ich einmal nicht da war. Und auch, dass ich irgendwann nicht mehr da sein werde. Wie kann das sein? Ich finde das genauso verrückt wie du, sage ich ihm.

So jung, und schon solche Fragen, denke ich mir. Aber viele Kinder fragen so. Wenn ich mich in der Geschichte der Menschheit umsehe, dann hat Menschen schon immer fasziniert, dass sie existieren. Dass sie überhaupt da sind. Dass es etwas gibt und nicht Nichts. Das ist doch ein riesiges Wunder.

Nach dem Gute-Nacht-Sagen gehe ich die Treppe runter und frage mich, wie oft ich eigentlich darüber staune, dass ich überhaupt da bin. Viel zu selten, denke ich. In meinem Alltag ist meistens alles andere wichtiger. Der Alltag fordert meine ganze Aufmerksamkeit.

Umso dankbarer bin ich, dass mein Sohn mich manchmal daran erinnert, dass das Leben doch etwas völlig Verrücktes und etwas total Wunderbares ist.

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27NOV2025
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Im nächsten Jahr geht unser Postbote in den Ruhestand. Seit wir in unserem Wohngebiet leben, ist er fast immer da, um uns die Post zu bringen. Er bringt aber nicht nur Briefe und liefert kleine Päckchen Pakete ab. Oft nimmt sich unser Postbote die Zeit für ein Gespräch, je nach Zeitdruck auch ein etwas Längeres. Mit seiner offenen und freundlichen Art hat er unser Wohngebiet untereinander verbunden. Viele Menschen, die hier wohnen, kennen sich nicht, aber alle kennen ihn, unseren Postboten. Fast unsichtbar und doch immer da und für ein Schwätzchen gut.

Mir zeigt das, wie wichtig Menschen sind, die einfach da sind, die unaufgeregt ihrer Arbeit nachgehen und kein großes Bohei um sich machen. Oft sind es ja die scheinbar Unwichtigen, Kleinen und wenig Beachteten, ohne die alles auseinanderfallen würde.

Solche Menschen leisten oft unschätzbar viel für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, ohne dass ihnen das bewusst ist. Leider übersehen vergessen das viele allzu oft. Am Ende zählt doch wieder nur, wer Erfolg hat, wer Angesehen ist oder am meisten Geld verdient. Es sind Menschen wie unser Postbote, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Ich bin mir sicher, dass nicht nur ich es sehr bedauern werde, wenn unser Postbote uns im nächsten Jahr nicht mehr die Post ausliefert.

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26NOV2025
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„Kannst Du heute auch mal lachen?“. Das hat mich eine von den jüngeren Messdienerinnen vor dem diesjährigen Totengedenken gefragt.

Und dann habe ich den Gottesdienstbesuchern die Geschichte vom „Brandner Kaspar“ erzählt, die Franz von Kobell vor etwa 150 Jahren geschrieben hat. Für den Brandner Kaspar ist die Lebensuhr abgelaufen und der Tod kommt als leibhaftige Person bei ihm vorbei, um ihn mitzunehmen. Kaspar macht den Tod mit Kirschgeist betrunken und luchst ihm beim Kartenspiel noch ein paar Lebensjahre ab. Der Tod geht ohne Kaspar wieder in den Himmel zurück. Aber irgendwann fliegt der Schwindel im Himmel auf und der Tod kommt wieder auf die Erde. Es gelingt ihm, Kaspar zu überreden, mit ihm zu gehen und wenigstens einmal einen Blick in den Himmel zu werfen. Was er dort sieht, ist alles wunderschön. Sogar seine alte Hütte. Die sieht im Himmel aus wie ein Palast. Und im bayerischen Himmel füllen sich sogar die Bierkrüge ganz von selbst! Als Kaspar wieder zurückkommt und gefragt wird, wie es da oben gewesen ist, sagt er nur: „Wie daheim, nur viel, viel schöner“.

Für mich hat Kaspar im Theaterstück damit sagen wollen: Himmel ist irgendwie wie daheim. Wo ich mich wohlfühle. Und dieses Zuhause, sagt Kaspar, ist „viel, viel schöner“ als hier auf der Erde. Schöner, als ich es mit meinen Worten ausdrücken kann. Es ist ganz neu und ganz anders. Und das glaube ich auch!

Als ich die Geschichte im Gottesdienst erzählt habe, mussten einige herzlich lachen. Für mich war dieses Lachen schon ein kleiner Vorgeschmack davon, wie es im Himmel sein kann. Und wenn es dort genauso heiter zugehen sollte, freue ich mich schon ein bisschen auf dieses neue, und „viel, viel schönere“ Zuhause.

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