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15MAI2024
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Woraus besteht die Welt? Gibt es den einen Stoff, der allem zugrunde liegt? Jahrhundertelang haben Menschen angenommen, dass es vier Grundelemente gibt, die nicht weiter teilbar sind: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Die schönste Beschreibung dazu liefert Ovid in seinen Metamorphosen: „Vier erzeugende Stoffe enthält das ewige Weltall. Zwei von ihnen sind schwer, und es drängt sie beständig nach unten, weil ihr Gewicht sie belastet: Die beiden sind Erde und Wasser. Ebenso viele entbehren der Schwere; sie streben, weil nichts sie presst, in die Höhe: die Luft und das Feuer, das reiner als Luft ist. Aber obwohl sie räumlich getrennt sind, wird dennoch aus ihnen alles und alles zerfällt in sie.“

Feuer, Wasser, Erde, Luft. Das waren die elementaren Stoffe, die der Mensch zum Leben gebraucht hat. Bis die Wissenschaft im 19. Jahrhundert das Atom entdeckt und die Elemente sich vervielfacht haben.

Mich fasziniert das Denken in diesen alten Kategorien von Feuer, Wasser, Erde und Luft. Ich glaube, dass es uns helfen kann, den Blick wieder mehr auf die großen Kreisläufe in der Natur zu richten: auf die Zusammenhänge, die wir an so vielen Stellen missachtet und zerstört haben. Und im Gespräch mit anderen gehe ich gerne der Frage nach, welchem dieser vier Elemente sich jemand zuordnen würde: Bist du ein bodenständiger Typ, ein Schollenmensch oder eher ein Luftikus? Wofür brennst du und was lässt dich dahinschmelzen? Fängst du leicht Feuer? Oder hast du nah am Wasser gebaut? Was gibt dir Auftrieb, was beflügelt dich?

Als Christin glaube ich, dass Gott es ist, der die Welt im Innersten zusammenhält. Und in der Bibel wird erzählt, dass er sich in allen vier Grundelementen zeigt: Im Feuerschein und in einer Wolkensäule, im Beben der Erde und als lebensspendende Quelle. Ich glaube, dass er mich teilhaben lässt an diesen großen Kräften, mich buchstäblich in meinem Element sein lässt. So wie Jochen Klepper es einmal gesagt hat: „Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott ein Tropfen in der Glut, ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“

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14MAI2024
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Versteckt am Längenbach bei Bad Liebenzell im nördlichen Schwarzwald liegt die Maisenbacher Sägmühle. Sie ist ein schönes Ziel für eine Wanderung, die ich am heutigen Tag des Wanderns gerne empfehle. Die Mühle liegt in malerischer Umgebung, und in dem denkmalgeschützten Gebäude ist auch ein Wassermuseum eingerichtet, das Sonntag nachmittags geöffnet hat.

Ein bekanntes Volkslied behauptet ja, dass der Mensch sich die Wanderlust direkt vom Wasser abgeguckt hat, denn: „Es steht nicht still bei Tag und Nacht, ist stets auf Wanderschaft bedacht, das Wasser.“ Eine Mühle, ein Müller, das Wasser und das Wandern – hier gehören sie noch ganz eng zusammen. Im Wassermuseum in der Maisenbacher Sägmühle habe ich aber noch mehr gelernt: Nämlich, dass Wasser auf seiner Wanderschaft niemals den geraden Weg nimmt. In Bächen und Flüssen schlängelt es sich durch die Landschaft, und selbst an Fensterscheiben laufen die Regentropfen in Kurven hinab. Verwirbelungen sind gut für die Wasserreinigung, und in geraden Rohren verliert Wasser an Energie und wird ganz schnell schal.

Ich glaube, dass ich auch von dieser Eigenschaft des Wassers profitieren kann, wenn ich sie mir mehr zu eigen mache: Das Mäandern für mich entdecke, mir häufiger erlaube abzuschweifen – zu Fuß und auch in Gedanken. Dann komme ich vielleicht nicht auf dem schnellsten und direkten Weg ans Ziel, aber vielleicht komme ich stattdessen frischer und gesünder dort an. Denn auf den Nebenwegen, die ich oft nur als lästige und überflüssige Umwege abtue, liegt womöglich ganz viel Potential. Und vielleicht geben mir solche Abschweifungen in Wirklichkeit viel mehr Energie als sie mir rauben.  

Für Flüsse steht fest: In begradigten Flussläufen herrscht eine höhere Fließgeschwindigkeit, aber auch eine gesteigerte Hochwassergefahr. Dort, wo Flussläufe renaturiert worden sind und das Wasser wieder mäandern darf, wie es nun einmal seine Art ist, ist die Natur widerstandsfähiger. Wäre doch schön, wenn das bei uns Menschen auch klappen würde! Geschwindigkeit rausnehmen und lustvoll mäandern.

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13MAI2024
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Zum Geburtstag habe ich ein kleines Postkartenbuch geschenkt bekommen. Es besteht aus 15 Postkarten mit Sprüchen über das Lesen, über Bücher und über das Leben an sich. Auf einer dieser Karten steht: „Gott sei Dank gibt es nicht nur die Bibel!“ Als passionierte Leserättin stimme ich diesem Satz aus ganzem Herzen zu. Ich bin ja ständig auf der Suche nach neuem Lesestoff und verbringe viele Stunden des Jahres in Bibliotheken und Buchläden. Wenn es da nur die Bibel gäbe, wäre ich komplett aufgeschmissen.

Auch in einem übertragenen Sinn gehe ich voll mit: Gott sei Dank gibt es nicht nur die Bibel. Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, in denen Wissenschaftler um ihr Leben bangen mussten, weil sie etwas entdeckt hatten, das sich nicht durch ein biblisches Zitat hat belegen lassen oder sogar einzelnen Aussagen widersprochen hat. Gott sei Dank haben die meisten Christen heutzutage einen aufgeklärten und kritischen Umgang mit ihrer Heiligen Schrift gelernt, und die Texte sind ihnen trotzdem lieb und teuer. Der Theologe Heinz Zahrnt hat es für mich treffend auf den Punkt gebracht: „Wir sollen die Bibel zwar beim Wort, aber um Gottes willen nicht wörtlich nehmen. Denn Gott hat uns sein Wort gegeben, nicht seine Wörter.“ Gott sei Dank gibt es die Bibel!

Nur in einer Hinsicht löst der flotte Spruch aus meinem Postkartenbuch auch einen kleinen Schmerz in mir aus. Denn die Bibel mag zwar das meistgedruckte und am weitesten verbreitete Buch der Welt sein, aber ich frage mich: Wer liest eigentlich noch darin? Wer greift auf der Suche nach einer spannenden Geschichte, nach einem guten Rat, nach anregender Lektüre und sinnvollem Zeitvertreib zu diesem Buch? Zu Zeiten, als sie noch das einzige Buch im Haus war, hat sie ja auch das Lesebuch ersetzt, und Kinder haben mit den biblischen Geschichten lesen gelernt. Was passiert heute mit all den Bibeln, die zu Taufen, zur Konfirmation und zur Hochzeit in zielgruppengerechter Aufmachung verschenkt werden? Martin Luther hat sich einmal gewünscht, dass die Bibel nicht nur ein Lesebuch sei, sondern zu einem echten Lebebuch werden soll. Vielleicht kann ich seinen Wunsch ja auf den Kopf stellen. Und mir wünschen, dass die Bibel wieder zu einem Lesebuch wird. Nicht nur für Kinder. Und ich bin mir sicher: Das Leben kommt dann ganz von allein.

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11MAI2024
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"Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ So sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen. Haben Sie diesen Satz auch schon so oft gehört? Und natürlich „sieht man nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“. Immer wieder müssen die weisen Sätze von Antoine de Saint Exupéry herhalten, wenn Menschen keine eigenen Weisheiten einfallen. Vor allem bei standesamtlichen Hochzeiten höre ich sie immer wieder. Ich denke manchmal, die ansonsten eher nüchterne Zeremonie soll dadurch etwas Feierliches bekommen und vor allem soll der Ehe damit ein Sinn zugesprochen werden. Aber funktioniert das mit immer gleichen Geschichten ohne Bezug auf einen Schöpfer, einen göttlichen Grund?

Die klassische „Sinn-Agentur“ war bei Eheschließungen und an anderen Schlüsselmomenten des Lebens die Kirche. Und in solchen Momenten wird mir auch wieder deutlich, warum das so ist. Der Glaube an Gott gibt unserem Leben einen Sinn, die Lehre Jesu und die Geschichten der Bibel geben mir Deutungsmuster für das, was im Leben passiert. Wir Menschen suchen zeitlebens nach Sinn und finden ihn darin, dass wir kein Zufall und keine Laune der Natur sind, sondern von Gott geschaffen und gewollt. Sein Sohn Jesus hat uns gelehrt, unser Leben für andere einzusetzen und ihm so einen Sinn zu verleihen.

Es ist sogar wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich die Einwohner wohlhabender Länder schwerer tun mit der Frage, was ihrem Leben einen Sinn gibt als etwa Menschen aus ärmeren Teilen der Welt. Denn ein Gefühl von Sinn spendet hauptsächlich der Glaube. Je reicher und gebildeter die Bevölkerung, desto mehr mache man den Sinn des Lebens an der Selbstverwirklichung des Einzelnen fest, so die Forscher. An die sinnstiftende Kraft des Glaubens reichten Individualität und Bildung aber nicht heran.

Unsere Zeit braucht Widerstand gegen die Sinnlosigkeit mehr denn je. Sie ist so verbreitet wie nie zuvor. Menschen, die an ihr erkrankt sind, finden Heilung darin, dass diese nicht das letzte Wort hat und darin, dass sie gebraucht werden. Sinn ist heilsam wie eine Medizin und nichts möchte Gott mehr als Menschen, die heil sind und auch anderen helfen können, heil zu werden.

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10MAI2024
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Ich lese: „Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.“ So steht es auf einer babylonischen Steintafel aus ca. 1000 Jahren vor Christi Geburt. Ein Beweis dafür, dass es zu allen Zeiten pessimistische Stimmen gab über die „Jugend von heute“.

Viele Jahrhunderte später war die Kriegsgeneration entsetzt über die 68er und ihre wilde Musik. Diese wiederum waren entsetzt über die mehrheitlich unkritische, nur nach Konsum strebende „Generation Golf“ und heute besteht der Gegensatz zwischen den sogenannten Babyboomern und der Generation Z, die in aller Munde ist. Ich bin selbst drin in dieser Auseinandersetzung – mit 52 Jahren als Vater zweier Töchter. Und auch bei meiner Arbeit fordert mich diese Generation mit ihren anderen Werten und Ansichten.

Was kann man denn über die „Gen Z“, wie sie auch genannt wird, sagen? Erstmal: Sie ist immer online. Das reale Leben ist mit dem digitalen verschmolzen. Das geht einher mit enormem Leistungsdruck, weil die jungen Menschen sich permanent über Social Media mit dem (vermeintlich) schönen Leben der anderen vergleichen, sich schlecht fühlen und getroffene Entscheidungen wieder in Frage stellen. Überhaupt: Es gibt viel zu viele Möglichkeiten, zu viel Information und zu wenig Zeit, um in Ruhe über Entscheidungen nachzudenken. Egal ob es also um eine Verabredung oder einen neuen Job geht. Jede Entscheidung ist nur ein Zwischenstand, bis womöglich etwas Besseres kommt.

Aber ist dies wirklich so schwer verständlich? Mir scheint das allgemein menschlich zu sein und in dieser Generation lediglich noch etwas stärker zugespitzt als dies früher der Fall war.

Der beste Weg ist ins Gespräch zu gehen und Wege suchen, uns gegenseitig zu verstehen. Dann werden beide Seiten merken, dass viele unserer Werte gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Wir Alten können Stärken fördern, das Positive sehen und die Kritik der Jungen an uns heranlassen – Zukunft gemeinsam gestalten muss das Motto sein!

Der Jugendforscher Simon Schnetzer sieht dann auch eine Eigenschaft der Gen Z, die vielleicht unerwartet kommt und uns Ältere mit ihr zusammenbringen kann: Sie sucht die Geborgenheit der Familie. Dieser Rückhalt ist ihr extrem wichtig, da so viele Beziehungen heute nur digital gepflegt werden, im realen Leben oft nicht belastbar sind. Wer nimmt dich in den Arm, wenn es dir schlecht geht und ein Like nicht hilft? Gerne jemand von uns Boomern.

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08MAI2024
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„Was macht Menschen glücklich?“ - das untersucht eine Langzeitstudie der Universität Harvard seit über 80 Jahren. 1938 haben die Forschenden mit der Studie begonnen. Seitdem haben sie über 2000 Männer und Frauen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ihrem Leben gefragt: Was macht Sie glücklich? Die Haupterkenntnis, die sie dabei gewonnen haben, ist: der Schlüssel zu einem glücklichen Leben sind Beziehungen.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, erfüllende Beziehung zu anderen Menschen tragen entscheidend dazu bei, dass es einem selbst gut geht. Wer sich jeden Tag darum bemüht eine Verbindung zu einem anderen Menschen aufzubauen, der hat gute Chancen während und am Ende des Lebens glücklich und zufrieden zu sein. Das muss nicht unbedingt eine partnerschaftliche Beziehung sein. Eine positive Wirkung haben auch der Kontakt zu Freunden oder Gespräche mit Fremden. Und es kommt wohl auch gar nicht unbedingt so sehr darauf an, was man gemeinsam tut. Hauptsache ich trete immer wieder in Verbindung zu anderen.

Ist es also gar nicht so schwer glücklich zu sein? Ich glaube, dass klingt einfacher als es im Alltag oft ist.

Ich stelle es mir besonders herausfordernd vor, wenn man allein lebt, und ein regelmäßiger Kontakt zu Freunden oder zur Familie sich im Alltag nicht so ohne weiteres ergibt. Vielleicht, weil man selbst sehr beschäftigt ist, oder die anderen wenig Zeit haben. Weil wichtige Menschen weit weg leben oder ein nahestehender Mensch verstorben ist. Dann kostet es Mühe und Aufwand, immer wieder die Verbindung zu suchen. Vielleicht besteht auch die Angst, sich anderen zuzumuten, mit allem, was einen beschäftigt oder wie man gerade drauf ist.

Aber manchmal ist es auch gar nicht so einfach, wenn ich in einer Partnerschaft oder Familie lebe. Die Eltern haben auf der Arbeit viel zu tun, die Kinder sind in der Schule gefordert und nebenher sollte noch der Haushalt erledigt werden. Und dann gibt es da noch das Handy, das uns immer wieder lockt.

Zeit und Aufmerksamkeit habe ich nur begrenzt und ich muss mich entscheiden, wem oder was ich sie widme: gleich heute melde ich mich mal wieder bei einem guten Freund, das nächste Mal steige auf das Gesprächsangebot des Nachbarn ein. Und ich nehme mir vor, wenn ich unterwegs bin die Menschen und nicht mein Smartphone anzuschauen. Danke, liebe Harvard-Studie, dass du mich daran erinnert hast, was eigentlich auch ohne dich gewusst habe: mit Menschen in Verbindung sein macht glücklich:  mich – und hoffentlich auch die anderen. 

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07MAI2024
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Himbeere oder Heidelbeere? Ich zögere kurz, nehme das Glas Himbeerjoghurt aus dem Kühlregal und packe es in meinen Einkaufswagen. Eigentlich wollte ich Erdbeerjoghurt kaufen, aber der ist aus. Früher hätte ich vermutlich länger für diese Entscheidung gebraucht. Aber in einem Seminar habe ich den Tipp bekommen, bei solchen kleinen Entscheidungen nicht zu lange nachzudenken. Der Dozent hat gemeint: Trainieren Sie ihren Entscheidungsmuskel in den alltäglichen Situationen, dann werden Ihnen auch größeren Entscheidungen leichter fallen.

Ich brauche oft lange, um eine Entscheidung zu treffen. Ich versuche alle Vor- und Nachteile abzuwägen, möchte sicher sein, welche der möglichen Optionen die richtige ist. Das ist prinzipiell nichts Schlechtes. Das Problem ist nur: Ich vertage die Entscheidung und denke immer mal wieder darüber nach, ohne wirklich weiterzukommen. Das belastet mich. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich nicht mutiger und entscheidungsfreudiger bin. Woher kommt dieses Zögern? Ich glaube es ist die Angst, mich für das Falsche zu entscheiden.

 Aber oft gibt es gar kein falsch. Die meisten Entscheidung muss ich zwischen zwei Dingen treffen, die beide gut sind: so wie Himbeer- oder Heidelbeerjoghurt. Beide werden mir vermutlich schmecken.

Dieser Gedanke, dass ich bei den meisten Entscheidungen zwischen zwei guten Dingen wählen darf, war mir lange nicht bewusst. Mein Doktorvater mich damals darauf hingewiesen, als ich hin- und herrissen war, ob ich meine Promotion fortsetzen oder direkt ins Berufsleben einsteigen soll. Damals hat er gemeint: „Denken Sie daran, Sie entscheiden sich zwischen zwei guten Optionen, nicht zwischen einer guten und einer schlechten!“. Ich habe damals entschieden, meine Doktorarbeit weiterzuschreiben, und es unterwegs manchmal bereut. Im Nachhinein betrachtet kann ich mit der Entscheidung gut leben. Wahrscheinlich wäre das aber auch der Fall, wenn ich mich andersherum entschieden hätte.

Daran denke ich immer wieder, wenn eine Entscheidung ansteht. Und dann versuche ich, eine mutige Wahl zu treffen. So komme ich voran und trainiere gleichzeitig meinen Entscheidungsmuskel. Auch dann, wenn es um mehr als nur um Himbeer- oder Heidelbeerjoghurt geht.

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06MAI2024
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Es war ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für einen Papst.  Am 6. Mai 2001, heute vor 23 Jahren, hat Papst Johannes Paul II. als erster Papst in der Geschichte eine Moschee betreten.  Zusammen mit dem damaligen Großmufti von Syrien hat er die Umayyadenmoschee in Damaskus besucht. Seite an Seite, jeder auf seinen Stock gestützt, haben die beiden über 80jährigen Männer gemeinsam den Gebetsraum betreten und damit ein Zeichen für Frieden und Verständigung zwischen Islam und Christentum gesetzt.

Der Großmufti hat in seiner Ansprache betont, dass die Religion die Menschen nicht zu Hass und Feindschaft aufrufen soll, sondern dazu, zusammenzukommen, sich kennenzulernen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Dem hat sich der Papst angeschlossen und gefordert, die beide Religionen sollten jungen Menschen vermitteln, andere zu respektieren und sie besser zu verstehen, damit sie ihre eigene Religion nicht dazu missbrauchen, um Hass und Gewalt zu fördern oder zu rechtfertigen.

Das Treffen wird damals live im syrischen Staatsfernsehen übertragen, und die Bilder gehen um die Welt. Im selben Jahr, nur wenige Monate später, erschüttern die islamistischen Anschläge vom 11. September die Welt. Im anschließenden „Krieg gegen den Terror“ sterben unzählige Menschen, die meisten von ihnen Muslime. Zehn Jahre später bricht in Syrien ein schrecklicher Bürgerkrieg aus, in dem der syrische Präsident Assad auf sein eigenes Volk schießen lässt.

Ich frage mich, was solche Zeichen des Dialogs wie der Moscheebesuch des Papstes bewirken können. Sind sie stark genug, um Hoffnung zu geben für ein besseres Miteinander auf unsere Erde?

In seiner Ansprache antwortet der Papst damals genau auf diese Frage. Er sagt: „Jede Person und jede Familie kennt Zeiten der Eintracht und dann wieder Augenblicke, in denen der Dialog zusammengebrochen ist. Die positiven Erfahrungen müssen unsere Hoffnung auf Frieden stärken, und den negativen Erfahrungen darf es nicht gelingen, diese Hoffnung zu untergraben.“

Ich möchte mir meine Hoffnung nicht rauben lassen. Auch wenn ich mich machtlos fühle, angesichts dessen, was gerade im Nahen Osten passiert. Dieser Konflikt wirkt sich auch auf unsere Gesellschaft aus, und ich merke wie viele Schritte des Dialogs hier noch zu gehen sind. Ich habe erfahren, dass Dialog nur funktioniert, wenn wir miteinander reden und uns gegenseitig kennenlernen. Dazu müssen wir uns aber begegnen. Ein Schritt dazu könnte sein, einfach mal die nächstgelegene Moschee zu besuchen.

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04MAI2024
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Glauben heißt vertrauen - ohne Beweise, dass es wirklich etwas Vertrauenswürdiges gibt. Das ist das Dilemma des Christentums und eigentlich jeder Religion. In einer Welt, die sich in ganz vielen Zusammenhängen rational begründet, fordern Menschen Beweise ein. Der Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard hat den Glauben mit einem Sprung verglichen. Man muss sich trauen zu springen, auch ohne Garantie und Sicherheit, dass am Ende des Sprungs fester Boden ist. Aber wer traut sich schon zu springen, wenn es so ein Risiko ist?

Mir hilft dabei die biblische Geschichte von Thomas. Der steckt nämlich auch in einem Dilemma. Seine Freunde behaupten Dinge, für die es keinerlei rationale Grundlage gibt:  

Einige Tage nach Jesu Tod am Kreuz haben sie Jesus angeblich wieder gesehen.
Abends saßen sie zusammen, als Jesus zu den trauernden Gefährten gekommen ist.
Friede sei mit euch!“, ist das Einzige, was Jesus sagt. Er erklärt nichts, sagt sonst nichts, ist einfach da und dann auch schon wieder weg. Die Jünger und Freundinnen von Jesus sind erschrocken und verwirrt. Aber sie sehen seine Wundmale und glauben ihm. Thomas ist an dem Abend aber nicht dabei und sagt klipp und klar, dass er das alles erst glaubt, wenn er selbst in die Wundmale von Jesus gefasst hat.  

Eine Woche später kommt Jesus noch einmal zu den Gefährten zurück. Wieder sagt er: „Friede sei mit euch!“ Und er zeigt Thomas seine Wundmale und lässt ihn in seine Seite fassen und seine Wunden spüren. Da glaubt Thomas.
Jesus sagt ihnen, dass sie von nun an ohne Beweise auskommen müssen. Und er erklärt dem Thomas: „Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben!“ (Johannes 20,29).

Von da an haben die Gefährten rund um Jesus erzählt, was passiert ist. Sie sind Zeugen und Botschafterinnen der Auferstehung geworden. Wenn Menschen in der Osterzeit und danach an den Tod von Jesus erinnern und die Auferstehung feiern, dann vertrauen sie bis heute auf die alten Zeugenberichte und trauen sich zu springen, -  ganz ohne Beweise und Sicherheit. Sie tun es einfach. Wer vertraut, kann Überraschendes erleben. Und wer springt, kommt irgendwo an. Manchmal ganz woanders, als gedacht.

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03MAI2024
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Seit Anfang des Jahres steht in meinem Büro in der Mainzer Hochschulgemeinde ein nagelneues knallrotes Sofa. Ein echter Hingucker. Schnell ist es zum neuen Lieblingsort für viele Menschen geworden. Planungstreffen für kleine Gruppen, Seelsorge und Beratungen… alles findet plötzlich auf dem roten Sofa statt. Und das beste: Die Polsterung ist so gut, dass niemand in dem Sofa versinkt. Kaffee, Tee, Obst und Kekse können in aufrechter Haltung genossen werden. Ich könnte es mir gar nicht besser wünschen.

Dabei war das gute Stück gar keine geplante Anschaffung gewesen. Wir haben es geschenkt bekommen. Von der Oma einer Studentin. Die hatte sich beim Einrichten ihres Wohnzimmers mit den Maßen vertan und erst bei der Anlieferung festgestellt, dass ein neuer Schrank und ein neues Sofa zusammen leider nicht ins Wohnzimmer passen.
Was also tun? Zurückgeben? Umtauschen?

Die Enkelin – eine unserer aktiven Studentinnen - hatte eine bessere Idee. „Wie wäre es, wenn du das Sofa der Hochschulgemeinde schenkst?“, hat sie die Oma gefragt. Nach Rücksprache mit mir und einer diesmal sorgfältigen Ausmessaktion haben schließlich alle Seiten eingewilligt. 
Zwei Studierende haben das Sofa angeliefert und gemeinsam in mein Büro geschleppt.
Und es hat sich gelohnt. Auch die Oma ist zufrieden. Als sie gehört hat, dass das rote Sofa bei den Studierenden beliebt ist für Besprechungen aller Art, hat sie wohlwollend genickt und der Enkelin erklärt: „So sollte es wohl sein. Erst bin ich genervt gewesen, weil ich falsch gemessen habe. Aber manchmal muss man wohl einen Fehler machen, damit sich die eigentliche Bestimmung einer Sache zeigt.“
Recht hat sie! Und das ist nicht nur bei einem roten Sofa so. Manchmal braucht es Umwege, falsche Lieferungen, scheinbare Missverständnisse oder Unverhofftes, damit eine Sache gut wird. Das rote Sofa wird mich jedenfalls auch in Zukunft daran erinnern, dass gerade das, was gar nicht im Blick war und nicht geplant gewesen ist, sich am Ende genau als das erweist, was es gebraucht hat.

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