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Heute ist eine Studie veröffentlicht worden, die meine Kirche betrifft. Es geht um sexualisierte Gewalt und andere Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und der Diakonie. Was geschehen ist und wie das aufgearbeitet wird. Die Studie ist wissenschaftlich und unabhängig. Was sie alles zu Tage gebracht hat, das haben wir deshalb erst heute erfahren.

Gut, dass diese Studie nun vorliegt und dass die evangelische Kirche sie in Auftrag gegeben hat - immerhin und wenigstens etwas.

Menschen sind verletzt worden und teils jahrzehntelang nicht gehört worden. Hoffentlich werden sie jetzt gehört. Wenigstens das. Und hoffentlich bekommen sie von der Kirche jetzt das, was sie brauchen und zu Recht fordern.

Seit einiger Zeit gibt es in meiner Kirche und der Diakonie verpflichtende Schulungen, damit nicht immer wieder neu Menschen Gewalt erleben. Wenigstens das. Ich hoffe, dass wir aus den Ergebnissen der Studie weiter dazu lernen und immer wieder neu fragen: Schauen wir genug hin? Sind wir wirklich aufmerksam?

Ja – und wo sind wir womöglich immer noch blind? Wie ist die Kirche bisher mit den Tätern umgegangen? Wie tut sie es heute und was muss sich weiter verändern und verbessern?
Und auch die Frage nach der Studie selbst müssen und werden wir uns gefallen lassen. Ob sie umfassend genug ist und offen. Kirche und Diakonie werden Stellung beziehen.

Sexualisierte Gewalt gab und gibt es in der evangelischen Kirche. Spätestens seit heute ist das nicht mehr wegzureden. Solche Gewalt an vermeintlich sicheren Orten, bei und von vermeintlich guten Menschen, kann Leben zerstören. Kann so schöne Worte wie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ unglaubhaft machen. Und die betroffenen Personen müssen sich hart zurück ins Leben kämpfen. Das kann so schwer sein. Und das Schweigen der Evangelischen Kirche kann das Herz richtig hart werden lassen, den Glauben tief drinnen begraben.

Wenigstens jetzt will meine Kirche dazu stehen.
Und das ist nicht einfach das wenigste, das wir tun wollen – es ist das einzige, das jetzt und in Zukunft in Frage kommt: Hinsehen, Aufarbeiten und bereit sein, dazuzulernen.

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24JAN2024
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„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ So sagt es ein Sprichwort. Und ich finde, da ist auch was dran. Es ist nicht immer gut, anderen Menschen zu vertrauen. Manchmal braucht es auch Kontrolle. Und manchmal sogar ein gesundes Misstrauen. Denn es gibt einfach zu viele Menschen, die Böses im Schilde führen. Darum bringen wir unseren Kindern auch bei, nicht zu einem Fremden ins Auto zu steigen. Auch dann nicht, wenn der Fremde freundlich aussieht und leckere Süßigkeiten anbietet. Wir mussten unseren Kindern auch erst einschärfen, in solchen Situationen vorsichtig und misstrauisch zu sein, denn von Natur aus sind Kinder zunächst einmal vertrauensselig. Kleine Kinder können sich gar nicht vorstellen, dass es jemand böse mit ihnen meinen könnte. Sie sind so voller Vertrauen, dass sie erst das Misstrauen lernen müssen.

Ich habe als Erwachsener das Misstrauen längst gelernt. Telefonanrufe, bei denen mir erklärt wird, ich hätte viel Geld gewonnen, glaube ich nicht mehr. Angebliche Anwälte, die im Namen meiner Kinder anrufen, um mir zu sagen, dass diese Kinder in einer Notsituation sind und dringend 10.000 Euro brauchen, durchschaue ich als „Enkeltrick“. Ich habe es gelernt, misstrauisch zu sein. Das Problem ist nur: Das Misstrauen ist mir so selbstverständlich geworden, dass mir jetzt es mir jetzt eher schwerfällt, anderen Menschen zu vertrauen. Ich muss Vertrauen wieder neu lernen. Sogar das Vertrauen auf Gott.  Vertraue und glaube ich wirklich, dass Gott es gut mit mir meint? Auch dann, wenn im Leben nicht alles gut verläuft und ich Unglück und Schmerz erlebe? Ich ertappe mich dann manchmal dabei, dass auch Gott gegenüber misstrauisch bin. Dann denke ich meinen Konfirmationsspruch. Er lautet: „Werft euer Vertrauen nicht weg, das eine große Belohnung hat“ (Hebr.10,35) Mein Konfirmationsspruch macht mir Mut, mein Misstrauen zu überwinden und wieder Vertrauen zu lernen. Die meisten Menschen wollen mir ja nichts Böses tun. Und Gott erst recht nicht. Gott meint es gut mit mir. Ihm kann ich wirklich absolut vertrauen.

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23JAN2024
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Es gibt so viele schöne alte Worte, die in unserer Sprache nicht mehr vorkommen. Schabernack zum Beispiel. Das sagt heute kaum mehr jemand, aber es ist ein wundervolles Wort für Unsinn oder Spaß. Oder das Wort „Wonne“. Ich finde, das klingt noch mal ganz anders als einfach nur „Freude“. Und kennen Sie noch „Lindigkeit“? Das Wort meint in etwa das, was wir heute mit Freundlichkeit oder Sanftmut wiedergeben. - Am schönsten finde ich aber das Wort „harren“. Auch das verwendet keiner mehr. Aber manche kennen das Wort noch aus alten Gesangbuchliedern. Da heißt es zum Beispiel: „Harre, meine Seele, harre des Herrn“. Auch in der Bibel kann man das Wort finden. Im Buch des Propheten Jesaja steht: „Die auf den Herrn harren bekommen neue Kraft“ (Jes. 40,31)

Harren, das bedeutet so viel wie Warten. Aber es ist eine besondere Art des Wartens. Nicht wie ungeduldig in einer Warteschlange vor einer Kasse. Oder wie ängstliches Warten auf eine ärztliche Diagnose. Ärgerliches Warten auf dem Bahnsteig, weil der Zug Verspätung hat. Verzweifeltes Warten auf Hilfe in Not.

„Harren“ ist etwas anderes. Harren, das ist Durchhalten. Das ist eine Mischung aus sehnsuchtsvollem Warten voller Vorfreude, aber auch Ängstlichkeit. Harren bezeichnet ein Warten, bei dem ich es fast nicht aushalten kann, bis endlich das kommt, worauf ich warte.

Und nun lese ich in der Bibel, dass ich genauso auf Gott warten darf. Wenn ich in einer schwierigen Situation bin, wenn ich mir Sorgen mache um mich oder einen anderen Menschen und Gott um Hilfe und Beistand bitte; wenn mir die Kraft für das Leben fehlt, dann ist die Zeit, um zu harren. Voller Sehnsucht warte ich dann darauf, dass Gott etwas tut. Vielleicht erhört er mein Gebet. Vielleicht hilft er. Vielleicht zeigt er einen Weg. Dieses Harren ist aber nicht einfach ein Nichtstun. Sondern wenn die Bibel von Harren spricht, dann meint sie immer, dass Menschen beten, hoffen, zu Gott schreien und jeden Tag nicht aufgeben, ihr Leben weiterzuleben. Aber immer in der Hoffnung: Es lohnt sich. Wer auf den Herrn harrt, wartet nicht umsonst. Er bekommt neue Kraft.

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22JAN2024
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Ich hasse Umwege. Ich denke immer, das ist doch verlorene Zeit. Zum Beispiel, wenn ich beim Wandern mit meiner Frau eine Wegmarkierung übersehen habe und wir darum auf den falschen Weg abgebogen sind. Oft müssen wir dann eine Extraschleife laufen. Oder unterwegs mit dem Auto: Ich bin im letzten Jahr zu einer Veranstaltung zu spät gekommen, weil ein großes Schild auf der Straße stand: „Umleitung“. Dadurch habe ich 20 Minuten länger gebraucht und mich über die verlorene Zeit ziemlich geärgert.

Umwege kosten Zeit und Kraft, auch die Umwege in meinem Leben. Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückschaue, dann fällt mir auf, dass auch dort nicht immer alles gradlinig verlaufen ist. Auch im Leben gibt es Umwege. Vor einigen Jahren hatte ich mich auf eine neue Stelle beworben, aber die bekam dann nach einem halben Jahr Bewerbungsverfahren ein anderer. Ein halbes Jahr schien umsonst. Verlorene Zeit. Oder als mein Studium zu Ende war, wollte ich unbedingt als Pfarrer in eine Gemeinde. Aber zuerst hat man mich für ein Jahr an eine Schule gesetzt, damit ich dort Religionsunterricht gebe. Auch so ein Umweg, der mich Zeit und Kraft gekostet hat. Aber ich habe gelernt, dass das Leben eben nicht einfach geradlinig verläuft, sondern eher Schritt für Schritt. Vorwärts und rückwärts und in Schleifen und manchmal, ohne dass ich weiß, wohin das alles führt.

Und trotzdem: Mancher Umweg ist für mich auch zum Segen geworden. In der Zeit an der Schule habe ich viel gelernt und ich habe Menschen kennengelernt, die mir bis heute wichtig sind. Und weil ich an der einen Stelle nach dem langen Bewerbungsverfahren nicht genommen wurde, habe ich eine andere bekommen, die mir richtig Freude macht.

Umwege kosten Zeit und Kraft. Ich suche sie mir meistens nicht aus. Aber sie gehören zu meinem Leben und prägen mich. Und manchmal sind sie sogar ein Segen. Wenn also etwas nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe, dann lohnt es sich danach zu fragen, ob darin trotzdem ein Sinn, etwas Gutes oder sogar Gottes Führung und Segen stecken könnte.

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19JAN2024
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Mit meinen beiden Hunden bin ich morgens und abends draußen unterwegs. Und natürlich habe ich da meine üblichen Runden, die ich gehe. Ich wechsle schon ab, aber unbegrenzt ist die Auswahl nicht. Meistens ist da also nichts Spektakuläres. Nur eine Sache, die finde ich immer wieder bemerkenswert, ja regelrecht spannend: Es macht einen Unterschied, ob ich rechts rum oder links rum gehe, also welche Richtung ich beim Loslaufen einschlage. Je nachdem sieht die Landschaft anders aus. Mir fallen Einzelheiten auf, die ich so nur sehe, wenn ich in einer der beiden Richtungen gehe: ein alter Baum, der ums Überleben kämpft oder das Wasser des Bachs, der einmal mir entgegen, mal in die gleiche Richtung fließt, die ich eingeschlagen habe. Und auch das Heimkommen ist anders. Mal der Sonne entgegen, mal ihr Licht im Rücken.

Ich finde, das ist eine Beobachtung, von der ich und nicht nur ich etwas lernen kann. Denn bei vielem, das wir tun, ist es genauso. Es macht einen Unterschied, wie ich beginne, wie ich an eine Sache herangehe. Da gibt es meistens zwei, wenn nicht sogar mehr Alternativen. Und je nachdem, welche Möglichkeit ich für den Anfang wähle, sieht auch der Weg anders aus, und oft das Ergebnis. Weil ich die Dinge unterschiedlich betrachte, mir andere Menschen begegnen, Dinge sich eben nur dann ereignen, wenn ich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort bin.

Ich muss ein Gespräch führen, das ich schon lange vor mir herschiebe. Ich weiß, dass ich mehrere Möglichkeiten habe, das auf den Weg zu bringen. Ich kann die Probleme sofort und ohne Umschweife und als erstes auf den Tisch bringen und dann versuchen, eine Lösung zu suchen. Oder umgekehrt: Ich kann einen Lösungsvorschlag einbringen und dann Schritt für Schritt die alten Probleme aufarbeiten. Das macht einen Unterschied. Es hilft mir, beide Varianten in Gedanken einmal durchzuspielen. Um zu sehen, wo jeweils die Vor- und wo die Nachteile dabei liegen. Ich denke, es ist sogar am besten, das grundsätzlich so zu versuchen, wenn ein Weg nicht ganz klar ist. Weil ich mehr sehe, wenn ich die Alternativen kenne. Weil Licht und Schatten sich so ergänzen und ich mich dann besser in mein Gegenüber hineindenken kann.

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18JAN2024
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Zwei Frauen aus meinem Bekanntenkreis müssen gerade eine Wohnung von Verwandten auflösen. Sie erzählen mir oft davon, weil es sie belastet. Es tut ihnen weh, den persönlichen Besitz eines anderen Menschen anzutasten, auszusortieren und wegzuwerfen. Zumal im einen Fall der ehemalige Bewohner noch lebt und alles mit ansehen muss. Der sagt dann auch hin und wieder, wie gut er das eine oder andere jetzt noch gebrauchen könnte. Aber in seinem Zimmer im Pflegeheim ist dafür einfach kein Platz. Wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss, bedeutet das immer einen großen Eingriff in das Leben von Menschen. Von meiner Mutter weiß ich, dass sie so lange wie möglich dort bleiben will, wo sie jetzt seit 55 Jahren lebt. Jeder Winkel in ihrem Zuhause weiß eine Geschichte zu erzählen. Ungezählte Erinnerungsstücke hat sie im Laufe der Zeit gesammelt. Sie stehen einfach nur da und müssen hin und wieder abgestaubt werden. Aber da steckt eben auch ihr Leben drin. Und so ein Foto von früher oder eine Hummel-Figur kann dann richtig wertvoll sein, weil sie ausdrückt: Das war dein Leben, du bist am Leben und hast noch dein eigenes Leben. Wenn jemand aus seiner Heimat ausziehen muss, gibt er einen großen Teil seiner Selbständigkeit auf. Er kann immer weniger bestimmen, was er wann tun will. Er gibt sich mehr und mehr in die Hände anderer, oft fremder Menschen. Das tut weh und ist schwer. Das verstehe ich nicht nur gut, sondern will mir das für mich selbst gar nicht vorstellen. Gleichzeitig weiß ich, dass es auch bei mir nur eine Frage der Zeit ist. Ich weiß es auch deshalb, weil ich mich für Beerdigungen oft mit einem Wort aus dem Johannesevangelium beschäftigt habe. Dort ist von der Wohnung bei Gott die Rede, besser gesagt von den Wohnungen[1], weil sich Johannes das offensichtlich ganz individuell vorstellt. Jeder bekommt nach diesem Leben seine persönliche Wohnung im Himmel. Die ist dann endgültig, die muss nicht mehr aufgelöst werden. Das ist ein schönes Bild, finde ich, eine gute Perspektive. Die Zeit bis dahin nütze ich, um mich vorzubereiten: aufs Loslassen und Abschiednehmen. Ich bin sicher, das hilft, wenn es soweit ist.

 

 

 

 

 

[1] Vgl. Johannes 14,1-6

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17JAN2024
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„Das Leben ist den Ideen überlegen, immer.“[1] Hin und wieder sagt Papst Franziskus etwas, das mich begeistert. So wie dieser Gedanke, den er der Verwaltungsspitze des Vatikans in seiner letzten Weihnachtsansprache mitgegeben hat. Das Leben ist den Ideen immer überlegen.

Mir ist bewusst, dass man über diese Behauptung streiten kann. Wie immer, wenn jemand versucht ein Prinzip gegen ein anders auszuspielen. Oft liegt ja der richtige Weg in der Mitte, und es ist falsch, sich allzu einseitig festzulegen. Aber der Akzent, den Franziskus hier setzt, den halte ich für bemerkenswert, weil es in der Kirche zu oft um Ideen geht und zu selten um das ganz normale Leben.

In der Kirche – und das gilt für die katholische ganz besonders – gibt es große Ideale. Was wird da nicht alles von den Menschen verlangt, vor allem im Bereich von Partnerschaft und Sexualität. Der Anspruch ist dabei so theoretisch und so überzogen, dass das Scheitern vorprogrammiert ist. Heraus kommt bei vielen ein schlechtes Gewissen, das Gefühl minderwertig zu sein, weswegen sich inzwischen immer mehr von der Kirche abwenden. Wer sich aber nicht für das Leben interessiert, katapultiert sich selbst ins Abseits.

Nun sagt Papst Franziskus, dass es seiner Meinung nach gerade andersherum sein müsse. Und ich gebe ihm Recht. Weil das genau die Priorität war, die Jesus auch gesetzt hat. Der Mensch ist nicht für den Sabbat da[2], sondern umgekehrt, der Mensch und sein Leben stehen über dem Gesetz, über einem hehren Ideal. Was aber bedeutet das dann für eine Kirche, in der es ein Gesetzbuch mit vielen hundert Seiten gibt und einen Katechismus, der bis in die letzten Feinheiten hinein das Leben reglementieren will? 

Es ist wichtig, dass wir Ideen haben, und uns an Idealen orientieren. Es braucht auch kluge Gesetze, die unser Zusammenleben regeln, damit nicht jeder tut, was er will. Jesus hat sehr wohl eine klare Vorstellung davon, was richtig und falsch ist und wie einer leben soll, wenn er sich ihm anschließen will. Trotzdem ist das Leben oft kompliziert. Und das Scheitern ist keine Ausnahme, sondern ganz normal. Deshalb hat all das, was eben ist, wie es ist, seinen eigenen großen Wert. So ist das Leben. Und das Leben ist heilig. So sind wir von Gott gemacht. Nicht perfekt. Und trotzdem mehr wert als jedes noch so hohe Ideal. Wenn die Kirche das beherzigt, diesen grundsätzlichen Wandel im Denken mitmacht, dann – davon bin ich fest überzeugt – glauben ihr die Menschen wieder, und laufen nicht in Scharen davon.

 

 

 

 

 

 

 

[1]https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2023-12/wortlaut-papst-an-roemische-kurie.html

 

[2] Markus 2,27b

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16JAN2024
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Kenne ich mich gut genug? Wahrscheinlich nicht. Denn immer wieder kommt es vor, dass andere sich über mich ärgern. Und ich merke es oft erst, wenn es schon zu spät ist. Dass ich wieder mal zu schnell war und damit anderen keine Chance gegeben habe, auch mitzumachen. Oder einen Plan gemacht habe, ohne ihn mit denen abzusprechen, die auch beteiligt sind. Wenn ich mich besser kennen würde, dann würde mir sowas vorher auffallen, nicht erst dann, wenn andere sich über mich ärgern.

Nun könnte ich ja denken: „Dem sein Problem, nicht mein’s!“ Aber so denke ich nicht, sondern suche dann schon auch bei mir, woran es liegt, dass eine Sache nicht gut läuft oder wir sogar aneinandergeraten. Und wieder mal erst dann merke, dass ich mich auch nach fast sechzig Jahren immer noch nicht gut genug kenne. Sonst würde mir das nicht passieren, denn mit Absicht mache ich’s nicht.

Im Laufe der Jahre habe ich einige Möglichkeiten entdeckt, wie ich die Eigenheiten von mir besser in den Griff kriege, die für andere anstrengend oder schwierig sind.

Menschen, mit denen ich zusammenarbeite und deshalb viel Zeit verbringe, ermutige ich zum Beispiel immer wieder, mir das möglichst offen und vor allem schnell zu sagen, wenn ich für sie zum Problem werde. Am besten natürlich, bevor sie sich zu ärgern beginnen. Denn gerade wenn es um meine eingefleischten Charaktermerkmale geht, brauche ich die Unterstützung anderer.

Ich bin so weit wie möglich bereit, Kritik an mich ran zu lassen. Das heißt, ich reagiere nicht beleidigt, und wehre mich auch nicht, sondern versuche zu verstehen, wie andere mich sehen. Und dann suche ich nach Kompromissen.

Besonders wichtig ist es mir, mich zu entschuldigen, aufrichtig zu zeigen, dass es mir leidtut, und dann die anderen zu bitten, es noch einmal mit mir zu versuchen. Und nochmals und nochmals, weil ich nicht von heute auf morgen ein anderer Mensch werden kann. Aber ich zeige, dass ich an mir arbeiten will. Das ist womöglich das Wichtigste bei der ganzen Sache. Und hat am Ende sogar was Religiöses. Zu wissen, dass ich nicht perfekt bin, dass andere anders sind, dass ich mich bis zum letzten Atemzug ändern kann – das verhindert, dass ich mich selbst überschätze und lässt mich demütig werden. Vor Gott.

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15JAN2024
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Meine Großmutter war eine fromme Frau. So habe ich das immer gesehen und auch gesagt, wenn mich jemand nach ihr gefragt hat. Das war oft der Fall, wenn andere wissen wollten, wie ich denn dazu kam, Priester zu werden. Oma Antonie wohnte nämlich mit meinen Eltern und mir zusammen, seit ich fünf Jahre alt war. In einer Wohnung, ich im einen, sie im zweiten Kinderzimmer. Wir waren immer zusammen, und dass sie einen Einfluss gehabt haben könnte, lag nahe. Am Kopfende über ihrem Bett hatte sie ein großes hölzernes Kruzifix und an anderer Stelle ein Ölgemälde vom guten Hirten. Etwas kitschig für meine Augen, so im Nazarener-Stil, wie das in einfachen Haushalten üblich war. Als meine Oma eben jung war, als sie 1900 geboren wurde. Für sie aber war das Bild heilig; ein Statement würde man heute wohl denken. Bis sie starb, hat meine Oma die Heilige Messe mitgefeiert, wann immer sie konnte, sonntags und werktags. Daheim hat sie gebetet, mehrmals am Tag, den Rosenkranz und andere Gebete, die sie kannte. Es gab auch ein Gebetbuch, aber das war zerfleddert, und sie hatte es nur in der Hand, weil sie sowieso alles auswendig konnte.

Wer nun aber denkt, das wären die Gründe, an denen ich festmache, dass sie fromm war, der irrt sich. Meine Großmutter hat sich für Äußerlichkeiten wenig interessiert. Und in religiösen Angelegenheiten schon gar nicht. Sie hat mich nie gedrängt mit ihr zu beten oder in die Kirche zu gehen; nicht ein einziges Mal. Sie ging, und wenn ich mitging, war’s ihr willkommen. Wir saßen in der Kirche auch nicht nebeneinander. Sie hatte ihren Platz und ich den meinen. Beim Friedengruß haben wir uns kurz einen Blick zugeworfen; dann hat der andere gewusst: „Friede sei mit dir!“ Ihr Leben als Christenmensch war weder auffällig noch gar aufdringlich. Alles spielte sich eher im Verborgenen ab. Ein bisschen so, wie’s an einer Stelle in der Bergpredigt Jesu heißt: Wenn du betest, geh in deine Kammer …[1]So war das.

Ich glaube schon, dass meine Großmutter mich beeinflusst und auch geprägt hat. Nicht, was sie geglaubt hat, sondern welche Haltung sie dabei hatte. Das hat für mich dem oft seltsam gebrauchten Wort „fromm“ eine schöne Bedeutung gegeben. Und so habe ich das Wort später auch immer verstanden und so gebrauche ich es bis heute.

                                                 

 

 

 

 

[1] Matthäus 6,6

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12JAN2024
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Zum Abschied in den Ruhestand aus meinem Dienst als Pfarrerin habe ich ein Buch geschenkt bekommen, das Menschen für mich gestaltet haben. Freunde und Verwandte, Gemeindemitglieder und Kolleginnen, Bauleute und Musikanten, ehemalige Konfirmanden und Brautleute, die ich getraut hatte, Menschen, die ich als Seelsorgerin begleitet habe oder bei denen ich einen Verwandten beerdigt habe, Mitstreiter und Weggefährten.

Menschen haben sich für das Buch noch einmal daran erinnert, was sie mit mir verbindet, und haben diese Erinnerungen für das Buch zum Abschied aufgeschrieben.

Das Buch ist ein ganz großer Schatz für mich. Eine Freundin hat ganz liebevoll den Einband gestaltet, mit meinen Lieblingsfarben. Deswegen ist es auch von außen schon ganz herrlich anzuschauen. Und eine geschickte Buchbinderin hat es nach allen Regeln der Kunst zusammengebaut. Auch wenn es eigentlich eine Überraschung zu meiner Verabschiedung war, habe ich doch ein wenig davon mitbekommen, wie viel Arbeit darin steckt, die Leute zum Mitwirken einzuladen, die gestalteten Seiten einzusammeln, die Vergesslichen zu erinnern, die Nachzügler auch noch mit reinzunehmen und das alles zum Verabschiedungstermin fertig zu haben.

Und jetzt ist es ein Buch der Wertschätzung geworden und der Freundschaft; manche sagen darin Danke, und manche haben geschrieben, wie gerne sie sich an die gemeinsame Zeit erinnern.

In biblischer Zeit haben sich die Menschen vorgestellt, dass Gott über jeden Menschen ein solches Buch führt. Das „Buch des Lebens“ enthält die Namen derer, die zu Gott gehören. Mir gefällt die Vorstellung, dass Gott auch so ein Buch hat wie ich, wo die Namen derer drinstehen, die ihm etwas bedeuten.

Und was darin steht, das ist gut aufgehoben – sogar für die Ewigkeit. Ich kann das, was gewesen ist, loslassen: das Gute genauso wie das Schwierige. Es steht ja aufgeschrieben bei Gott und liegt sicher in seiner gütigen Hand. Und so ähnlich hilft mir mein Buch in der Gegenwart dabei, mich von meinem Dienst als Pfarrerin gut zu lösen. Ich habe meinen Beruf sehr gerne gemacht, und manches davon geht im Ruhestand ja auch noch weiter. Aber ich sehe auch, wie sehr das Buch mir hilft, ein großes Kapitel in meinem Leben nun wirklich gut abzuschließen. Das Erinnerungsbuch ist mir eine große Hilfe, weil so ein großes Stück aus meinem vergangenen Leben mitkommt in eine neue Zeit.

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