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Unser Sohn studiert in Karlsruhe. Das ist von uns ein ganz schönes Stück weg. Mit dem Zug braucht er rund drei Stunden und da kann er nicht jedes Wochenende nach Hause kommen - auch wenn wir das als Familie natürlich schön fänden. Stück für Stück geht er immer mehr seinen eigenen Weg. Für mich als Mutter heißt das Loslassen. Das ist eine Kunst eigener Art.
Kriegt er das alleine hin? Diese Frage begleitet mich durch die Jahre hindurch: Als er beginnt, mit dem Roller auf dem Gehweg unterwegs zu sein, als der kleine Erstklässler morgens in den übervollen Bus zur Schule steigt. Kriegt er das allein hin?
Wie harmlos mir dieser Bus heute erscheint, wenn ich daran denke, wie er später zum ersten Mal mit dem Fahrrad zur Schule gefahren ist – und erst recht, als er mit dem Auto vom Hof fuhr.
Vor ein paar Wochen war er mit einem Interrailticket unterwegs – kreuz und quer durch Osteuropa: fast 5000 km - sieben Länder -mit 20 verschiedenen Zügen.
Er hat sich ganz bewusst entschieden, alleine unterwegs zu sein, im Rucksack Kleidung für fünf Tage. Und es hat geklappt. Nicht, weil alles perfekt durchgeplant war, sondern weil er seinen Weg auf dieser Reise gefunden hat. Schritt für Schritt. Es war kälter als gedacht, vielfältiger und bunter. Einheimische haben ihm Wanderwege empfohlen, Ostern hat er in einer deutschsprachigen Gemeinde in Siebenbürgen gefeiert und er ist überzeugt: slowenische Mehlspeisen sind die allerbesten!
Unser Sohn bekommt sein Leben alleine geregelt. Das weiß ich. Mit seiner Europareise hat er das mir und ein Stück weit auch sich selbst noch einmal bewiesen.
Und trotzdem frage ich ihn, wenn er von unserem Zuhause zu seinem Studienort aufbricht: „Hast Du alles eingepackt?“ „Ja, habe ich,“ sagt er und lächelt mich an.
Denn er weiß, dass ich inzwischen nicht mehr die Brotdose und den Turnbeutel meine, sondern eine große Portion Liebe von uns, seiner Familie. Die hatte ich ihm nämlich beim Abschied zu seiner großen Reise mitgegeben. Und dazu einen leisen Segen „Gott behüte dich!“ Ein Satz und Wunsch für Wege, die weiterführen, als die, die ich als Mutter mitgehen kann und möchte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44401Meine Oma hat den Mai immer den Wonnemonat genannt. Ein Wort aus einer Zeit, in der man noch wusste, was es heißt, lange zu warten. Denn der Wonnemonat war der Weidemonat, in dem das Vieh nach dem langen, kalten Winter endlich wieder hinaus auf die Weide durfte. Ich erinnere mich noch, wie im Mai der Bauer in unserer Straße mithilfe der ganzen Nachbarschaft und uns Kindern die Kühe das erste Mal auf die Weide getrieben hat. Kaum auf der Weide angekommen, sprangen die Tiere fröhlich hin und her, drehten ausgelassen ihre Runden und schienen ihre neu gewonnene Freiheit mit jedem Schritt zu feiern. Mir geht es in diesem Jahr ganz ähnlich. Die Wintermonate haben sich hingezogen; vieles fühlte sich gerade auch aufgrund der politischen Weltlage schwer und grau an.
Jetzt im Mai scheint endlich wieder die Sonne. Die Vögel singen bei uns morgens und abends, ein Schwanenpaar brütet am Ufer der Tauber. Die Bäume tragen ihr frisches Grün. Alles drängt nach draußen und unser Städtchen wird neu belebt. Radfahrtouristen kommen zu uns nach Tauberfranken, und Schiffe mit Gästen aus der ganzen Welt legen an. Auf dem Marktplatz wird geschwätzt und gelacht. Die Cafés und Eisläden haben geöffnet. Das Leben fühlt sich plötzlich schöner an, so viel leichter als noch vor ein paar Wochen, obwohl sich das Weltgeschehen im Grunde leider nicht verändert hat.
Aber die Lebensfreude, die jetzt an so vielen Orten spürbar ist, verändert meinen Blick. Ich lasse mich nicht mehr so ganz gefangen nehmen von Sorgen und Schwere. In der Bibel heißt es: „Ein frohes Herz macht das Gesicht heiter, doch Kummer im Herzen bedrückt den Geist.“ (Sprüche 15,13)
Der Mai feiert das Leben- unübersehbar. So wie wir dem Leben Raum geben, hellt sich auch unser Blick auf. Ein frohes Herz lässt sich nicht verordnen. Es wächst dort, wo wir wahrnehmen, wie viel und was uns alles geschenkt ist. Freude ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie ist eine Kraft, die uns trägt. Sie richtet uns auf, schenkt uns Mut und verändert mehr als wir denken.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44400Heute vor 81 Jahren mussten die Nationalsozialisten offiziell zugeben, dass sie den 2. Weltkrieg verloren haben. Wenige Tage vorher hatten die Aufpasser im KZ Mauthausen bereits die Türen aufgemacht und alle Häftlinge frei gelassen. Unter ihnen war damals auch Jehuda Bacon, ein Jude. Niemand aus seiner Familie hat überlebt. Verlaust, völlig abgemagert und krank ist er als 16-Jähriger vor den KZ-Türen gestanden und hat mit seinem einzigen Freund beraten, in welche Richtung sie nun gehen sollen. Die beiden hatten Glück. Schon bald haben sie einen amerikanischen Soldaten getroffen, der dafür gesorgt hat, dass sie versorgt und gepflegt wurden. Ich habe Jehuda Bacon persönlich kennen gelernt und die Begegnung mit ihm nie vergessen. Er lebt heute als Künstler in Jerusalem und wird in diesem Sommer 97 Jahre alt.
Ich selbst bin erst nach dem Krieg geboren, und trotzdem hat der Zweite Weltkrieg auch mein Leben geprägt. Das war mir lange nicht bewusst. So kann ich z.B. bis heute nicht einfach sagen, wo meine Heimat ist. Auch ich spüre die Entwurzelung meiner Eltern nach der Vertreibung, obwohl ich nicht vertrieben worden bin. Oder wenn ich irgendwo neu dazukomme, zu Leuten, die ich nicht kenne. Da fürchte ich oft völlig unbegründet, ich könnte nicht erwünscht sein. So, wie das meine Eltern in dem Dorf im Odenwald erlebt haben, nachdem sie dort in Viehwagons nach der Vertreibung angekommen sind. 81 Jahre danach wissen wir ganz genau, welche Folgen der 2. Weltkrieg hatte. Welche Folgen jeder Krieg hat. Der im Sudan, der zwischen der Ukraine und Russland, die Kriege im Nahen Osten. Kein Krieg endet damit, dass die Waffen schweigen.
Dass Menschen friedlich und gewaltfrei miteinander umgehen, ist mir ein tiefes Bedürfnis. Ich kann gar nicht anders als mich dafür einzusetzen, wo ich gehe und stehe. Im Augenblick mache ich das fast täglich als Lehrerin in einer Grundschule. Deshalb weiß ich auch: Es ist anstrengend, friedlich miteinander zu leben. Wir brauchen jeden Tag Zeit, um Konflikte zu klären. Zu verstehen, wie sie entstehen. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis einer um Entschuldigung bitten kann, weil er jemandem Unrecht getan hat. Und manchmal können wir nichts anderes erreichen, als dass sich die Streitenden in Ruhe lassen.
Im Alltag kommt mir das manchmal wenig vor. Aber ich weiß, wie viel schon das wert ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44339Heute erzähle ich Ihnen von Unsicherheiten und Ängsten. Und von dem, was mir hilft, mit Ihnen zu leben. Seit ich denken kann, habe ich Angst. Das war schon als Kind so: Ich hatte Angst, die Freundin zu verlieren. Angst, schwer krank zu sein. Angst, früh zu sterben. Es gibt ein Foto von mir, auf dem diese frühe Angst gut zu sehen ist. Ich stehe sehr unsicher auf den neuen Rollschuhen, eingerahmt von Tante Erika und Onkel Gerhard, die mich rechts und links sicher an der Hand halten. Die Situation auf dem Bild ist typisch für mich. Rollschuhe, Schwebebalken oder Ski sind bis heute nichts für mich. Ich brauche festen Boden unter den Füßen. Und wenn ich den nicht habe, brauche ich irgendwie anders Halt.
Ich bin mit meiner Angst immer einigermaßen zurechtgekommen. Bis mich eine Krise in meinem Leben ganz aus der Spur geworfen hat. Mir hat nichts mehr geholfen, was ich bis dahin kannte. Keine Ablenkung. Keine Freundin. Auch nicht mein Glaube an Gott.
Ich habe Hilfe bei einer Therapeutin gesucht, die sich auskennt mit traumatischen Erfahrungen. Mit ihr habe ich entdeckt, welche Kraft innere Bilder haben können. Heilsame Vorstellungen meiner eigenen Fantasie. Eines dieser inneren Bilder ist ein vertrauter Ort geworden. Den kann ich jederzeit aufsuchen, wenn die Angst zurückkommt. Es ist ein Haus. Die Räume sind lichtdurchflutet und gemütlich. Sie strahlen Geborgenheit und Wärme aus. Ein sicherer Ort. Das Haus steht in einem Garten mit alten Obstbäumen. Ich sitze auf der Bank vor dem Haus, zusammen mit einer alten, gütigen und weisen Frau. Sie beschützt mich und ist für mich da.
Dieses Bild ist viel mehr als ein Bild. Es ist ein Teil meiner Seele. Unverletzt, heil. Es ist ein Ort in mir selbst, der heilig ist und an dem ich mich Gott ganz nahe fühle. Mich beeindruckt, dass ich inzwischen nicht mehr hilflos bin, wenn ich Angst habe. Ich habe jederzeit Zugang zu dieser Quelle. Ich nenne sie Quelle des Göttlichen. Sie verbindet mich mit den Psalmbetern aus dem Alten Testament. Sie sprechen von Gott als Ort ihrer Zuflucht. Als Fels in der Brandung, als sichere Burg, der sie in aller Not und Verzweiflung hält und beschützt. Mein Ort der Zuflucht ist das lichthelle Haus, in dem ich geborgen bin und mich angenommen weiß. Und wo ich Gott ahnen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44338Ich freue mich auf Pfingsten. Jedes Jahr aufs Neue. Denn da ist Maientag in Vaihingen an der Enz. Wie alle Vaihinger liebe ich dieses Fest. Ich bin in der Kleinstadt aufgewachsen. Nach dem Krieg sind wir als Familie dort gelandet und waren erst einmal vollkommen fremd. Wir kannten niemanden, egal wo wir hingekommen sind. Deshalb war die Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen die erste Gemeinschaft, zu der wir Kontakt aufgenommen haben. Der Glaube an Jesus, die vertrauten Rituale im Gottesdienst, gemeinsame Gebete und unsere Mitchristen haben uns als Familie Halt gegeben. Ich habe schon als Kind gespürt, wie existentiell es ist, dazuzugehören. Mit anderen Menschen verbunden zu sein, sich füreinander zu interessieren, Freundschaften zu finden. Deshalb war auch der Maientag so wichtig.
Glücklicherweise gibt es im Ländle ja in vielen Dörfern und Städten solche Feste, bei denen alle zusammenkommen. In Ravensburg ist es zum Beispiel das Rutenfest. In Göppingen, Nürtingen und Vaihingen an der Enz ist das der Maientag. Ursprünglich waren das Schulfeste. Mich verbindet der Maientag noch immer mit den Vaihingern, obwohl ich schon über 40 Jahre nicht mehr dort lebe. Wenn es geht, bin ich jedes Jahr dabei. Besonders zu Herzen gegangen ist mir vor zwei Jahren ein Moment, als mir auf dem Marktplatz ein Schwarzes Mädchen über den Weg gelaufen ist. Sie hatte ein rotblaues Kleid an. Das sind die Stadtfarben von Vaihingen. Im Haar ein wunderschön gebundenes Kränzchen aus echten Blumen und weiße Lackschuhe an den Füßen. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Für einen Moment war ich selbst wieder acht Jahre alt. Habe mich gesehen mit meinem rotblauen Kleid und dem Blumenkranz im Haar zum Maientag. Ich war glücklich damals. Beim traditionellen Umzug bin ich mit meiner Klasse mitgelaufen. Ich habe dazugehört. Zu dieser Schule. Zu dieser Stadt. Zur ökumenischen Gemeinde. Die ganze Stadt feiert an Pfingsten miteinander. Musik- und Sportvereine, Schulen, Stadtteilgemeinden, ausländische Vereine. Menschen, die sich kennen oder auch nicht, wünschen sich auf der Straße „an scheena Maiadag“.
Zum Abschluss des Maientags singen dann alle auf dem Vaihinger Markplatz am Pfingstmontag: „Nun danket alle Gott. Mit Herzen, Mund und Händen.“ Ein Gänsehautmoment für mich. Weil ich etwas davon spüren kann, wie wir Menschen verbunden sind. Ganz gleich, welche Hautfarbe wir haben, welche Sprache wir sprechen und wo wir geboren sind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44337"Wie kann ich an einen liebenden Gott glauben, wenn Menschen leiden; wenn ich selbst leide?“ Das ist eine der schwierigsten Fragen in der Theologie. Ich habe für mich eine Antwort gefunden. Die Worte des Theologen Hans Küng haben mir dabei sehr geholfen.
Er sagt dazu: „Gottes Liebe bewahrt nicht vor allem Leid, sondern in allem Leid“. Ja, Gottes Liebe bewahrt mich in allem Leid. Das habe ich immer wieder selbst genau so erlebt. Gottes Liebe hat mich nicht vor Kummer und Leid bewahrt. Ich habe als junge Frau Entscheidungen getroffen, die mich bis heute manchmal schmerzen. Ich hatte große Angst um meinen Sohn, als er schwer krank war. Ich bin sehr traurig über den Tod einer Freundin. Aber keine Krise hat mich zerstört. Ich bin gewachsen daran. Glauben zu können, dass Gott mir nah ist, hat mir geholfen. Vieles, was passiert ist, kann ich nicht verstehen und es kann mir niemand erklären. Das betrifft mein eigenes kleines Leben und den Kummer weltweit. Trotzdem kann ich glauben: Gott ist da. Er hält mit mir und in der Welt das Leben aus. Das ist mein unzerstörbares Fundament. Hans Küng hat Worte dafür gefunden, die mir guttun und genau das beschreiben:
„Unser Leben ist kurz. Unser Leben ist lang. Voll Staunen stehe ich vor einem Leben, das seine unerwarteten Wendungen und doch seine Geradlinigkeit hatte.
Ich danke dir unfasslicher, alles umfassender und alles durchwaltender Urgrund, Urhalt, Ursinn unseres Seins – den wir Gott nennen.
Den Plan, nach dem unser Leben verläuft mit all seinen Irrungen und Wirrungen, erkennst nur du allein. Und dein Angesicht können wir in dieser Welt nicht sehen. Aber wir dürfen deine Hand in unserem Leben im Rückblick erkennen.“
Ich glaube, dass mich Gott bewahrt und mir nahe ist. Auch in den undurchsichtigen und schwierigen Momenten. Dafür bin ich dankbar. Für Kummer und Leid bin ich es erstmal nicht. Das ist zu viel verlangt. Und ich kann gut verstehen, wenn Menschen deshalb nicht glauben können, dass es Gott überhaupt gibt. Aber wenn ich im Rückblick erkenne, wie ich gerade durch schwere und unerklärliche Lebensumstände gewachsen bin; wenn ich spüre, wie kostbar das Leben auch durch die schmerzhaften Erlebnisse ist, kann ich mich Hans Küng anschließen. Und Gott für dieses Leben danken mit allen Erfahrungen. Den Hellen und den Dunklen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44336Ich erzähle Ihnen heute von einer Freundschaft, die ich beenden musste. Das war damals schwer. Inzwischen kann ich friedlich an diese Freundin denken, zu der ich keinen Kontakt mehr habe. Im Nachhinein würde ich sagen, dass die Auseinandersetzung mit ihr ein Meilenstein war. Meine Freundin und ich hatten einen Streit, den wir nicht lösen konnten. Ihr Partner hatte sich von ihr getrennt. Und sie wollte, dass ich mich ganz hinter sie stelle. Dass ich über diese Trennung denke wie sie selbst. Das konnte ich nicht. Ich habe beide gut gekannt und erlebt, wie sie sich gegenseitig gekränkt haben. Ich habe meiner Freundin gesagt, wie ich das sehe. Wir haben telefoniert. Briefe gingen hin und her. Keine Chance. Wir haben alles versucht und uns nicht verstanden. Am Ende waren wir enttäuscht und wütend. Ich habe mich schuldig gefühlt und an mir gezweifelt. Habe mich gefragt, ob ich wirklich alles versucht habe? Ob ich mich genügend in ihre Situation eingefühlt hatte?
Ich habe einer Seelsorgerin von diesem ungelösten Konflikt erzählt. Und sie hat mir etwas Überraschendes vorgeschlagen: „Wie wäre es, wenn Sie sich für einen Augenblick sich selbst zuwenden? Schauen Sie sich an. Sie sind eine gewissenhafte Frau. Sie haben ihren eigenen Worten nach alles versucht. Sie haben ihrer Freundin viel Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt. Also: Wenn es Ihnen möglich ist, haben Sie jetzt Mitgefühl mit sich selbst. Mit der Frau, die an sich selbst zweifelt. Die traurig ist, weil sie sich nicht verständlich machen kann.“ Ein ungewöhnlicher Perspektivwechsel. Da standen auf einmal nicht mehr die Schuldgefühle über mein Unvermögen im Mittelpunkt, sondern Mitgefühl mit mir selbst. Und diese Perspektive war mir zunächst fremd. Ich habe aber gleichzeitig erlebt, was sich in mir verändert. Es hat mir gutgetan, mit mir zu fühlen. Wahrzunehmen und anzuerkennen, wie sehr ich mich angestrengt habe. Und dann, allmählich ... hat sich auch meine Wut auf meine Freundin aufgelöst. Ich konnte sie sein lassen, wie sie ist; ihre Sicht auf die Situation einfach stehen lassen. Ich war traurig darüber, dass es das gibt: Konflikte, die ich nicht lösen kann. Und Situationen, in denen ich mich nicht verständlich machen kann. Aber ich habe dabei gelernt, eben nicht immer weiterzukämpfen. Ich habe gelernt, uns beide verschieden sein zu lassen. Das ist schon viel.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44335Für mich ist der Mai ein ganz besonderer Monat. Nicht nur, weil gefühlt die Hälfte meiner Familie im Mai Geburtstag hat. Sondern weil der Mai der Monat ist mit den meisten Feiertagen.
Und gleich heute, mit dem 1. Mai, hat der Reigen der Feiertage begonnen. Mit dem sogenannten „Tag der Arbeit“. Es ist kein kirchlicher Feiertag, aber trotzdem hat der 1. Mai eine christliche Botschaft: Er erinnert daran, dass die Arbeit dem Menschen dient und nicht der Mensch der Arbeit – und dass der Mensch mehr ist als das, was er leistet. Gerade in einer Zeit, in der viele sich über ihre Arbeit definieren oder unter ihr leiden, ist das ein wichtiges Zeichen: Jeder Mensch hat Würde – unabhängig von dem, was er schafft oder verdient.
Am 14. Mai folgt in diesem Jahr Christi Himmelfahrt. Der Tag richtet den Blick nach oben – hinaus über das, was ich festhalten und begreifen kann. Und er erinnert daran, dass Jesus nach seiner Auferstehung nicht einfach verschwunden ist, sondern dass er uns vorausgeht – und unser Leben in Gottes Weite geborgen ist.
Und Pfingsten, dieses Jahr am 24. und 25. Mai, erzählt davon, wie Gottes Geist zu den Menschen kommt. Uns bewegt, verbindet und uns neue Worte schenkt. Damit wir uns gegenseitig verstehen – trotz aller Unterschiede. Pfingsten erzählt davon, dass Angst sich in Mut verwandeln kann. Und dass es möglich ist, Streit, Konflikte, überhaupt alles, was Menschen voneinander trennt, zu überwinden.
All diese Feiertage stehen nicht einfach nur im Kalender. Sie stellen Fragen.
Wie lebe ich eigentlich – und wie würde ich gerne leben? Was trägt mich – auch dann, wenn Arbeit und Alltag einmal wegfallen?
Der Mai gibt mir Zeit darüber nachzudenken. Weil er mir kleine Lücken schenkt. Tage, an denen ich nichts „muss“. Genau darin liegt seine Kraft.
Heute beginnt der Mai. Und mit ihm die Einladung, mich unterbrechen zu lassen – und so dem näherzukommen, was meinem Leben Tiefe gibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44286Ich öffne meine Emails. Eine davon ist eine Beschwerde:
„Wir wohnen seit kurzem in der Nachbarschaft Ihrer Kirche. Dass sie sonntags zum Gottesdienst läuten, war uns klar. Aber was soll das Läuten mitten unter der Woche? Immer wieder mal morgens oder nachmittags läutet es einfach unglaublich lange und laut. Da ist doch gar keine Veranstaltung in ihrer Kirche. Sind Ihre Kirchturmglocken kaputt? Können Sie das nicht abstellen?“
Beschwerden übers Glockengeläut erreichen mich immer mal wieder. Diese Email ist freundlich und umgänglich formuliert. Und sie ist auch nicht anonym verschickt worden. Deshalb kann ich antworten und tue es auch gerne. Denn das Thema liegt mir am Herzen.
„Herzlich willkommen in der Nachbarschaft!“, antworte ich. „Es tut mir leid, dass Sie sich über unser Glockengeläut an Wochentagen ärgern. In den vergangenen Wochen war es leider auch sehr häufig zu hören. Das Läuten unter der Woche hat folgenden Hintergrund: Immer, wenn wir an Werktagen lange mit allen drei Glocken läuten, ist eines unserer Gemeindeglieder gestorben. Wir nennen das Ausläuten oder auch Sterbeläuten.“
Schon am nächsten Tag bekomme ich eine kurze Antwortmail: „Danke für die Erklärung. Jetzt klingen die Glocken schon ganz anders für uns.“
Genau so geht es mir auch. Ein Tag, an dem jemand ausgeläutet wird, fühlt sich für mich anders an. Das Läuten ist für mich Einladung zum Innehalten. Zum still werden. An den Tod und den Toten denken:
Da ist eine oder einer aus meinem Stadtteil gestorben. Einer, mit dem ich ganz nahe zusammengelebt habe, über Jahre, vielleicht über Jahrzehnte. Eine, die ich vielleicht sogar gekannt habe, flüchtig vom Sehen oder näher.
Die Glocken mahnen: Das Leben ist begrenzt. Deines auch. Aber gerade darum ist es kostbar. Für mich klingen die Glocken deshalb nicht nur nach Abschied. Sie klingen auch nach Leben. Nutze die Zeit!
Wen möchte ich heute noch anrufen? Wem möchte ich sagen, was mir wichtig ist? Was will ich nicht auf später verschieben?
Und die Glocken klingen nach Hoffnung:
Dass ein Leben, das endet, nicht nur im Ausläuten vom Kirchturm nachklingt, sondern dass es bei Gott einen bleibenden Klang hat.
Jetzt sind sie wieder da. Seitdem es wieder Frühling wird. An schönen Abenden sehe ich sie auf dem Platz vor unserem Haus. Es sind zwei, manchmal auch drei. Ältere Damen, die sich gegen „Feierabend“ treffen, wenn im Haus oder im Garten alles erledigt ist: so um sechs Uhr abends. Sie sitzen auf einer der Bänke auf dem Platz und erzählen. Manchmal haben sie auch etwas zu feiern. Haben eine Flasche Sekt und ein paar Gläser dabei.
Wenn ich vorbeigehe, grüßen sie freundlich, schicken noch einen Satz übers Wetter hinterher. Einmal haben sie sogar eingeladen auf einen Feierabendsekt. Und ich habe mit ihnen angestoßen. Denn eine der Damen ist Uroma geworden. Zwar ist das Ur-Enkelkind weit weg, in Norddeutschland, erzählt sie uns. Aber ein Grund zum Feiern ist das doch allemal. Und sie zeigt uns stolz die ersten Bilder des Urenkelchens auf ihrem Handy.
Die Damen machen wirklich Feierabend auf der Bank. Sie sitzen da und betrachten gemeinsam den vergangenen Tag. Genauso, wie Gott es vorgemacht hat, ganz am Anfang. Als er Tag und Nacht geschaffen hat:
„Gott trennte das Licht von der Finsternis. Er nannte das Licht »Tag« und die Finsternis nannte er »Nacht«. Und Gott sah, dass es gut war.
Es wurde Abend und wieder Morgen – der erste Tag.“ (1. Mose, 1,4f.)
Schon am ersten Tag der Welt gönnt Gott sich am Abend eine kleine Pause. Und ich male mir in meiner Fantasie aus, wie das aussehen könnte: Wie Gott sich auf seine Himmelsbank setzt, tief ein- und ausatmet. Feierabend! Rechts von ihm Jesus, links der Heilige Geist. Vielleicht sogar ein bisschen verwundert, sagt Gott zu den anderen beiden: „Das ist richtig gut geworden, was wir da gemacht haben.“ Er betrachtet stolz sein Werk und nach der Nacht kann der neue Tag kommen.
Die Damen auf der Bank können bei ihrem abendlichen Treffen vielleicht nicht immer sagen, dass heute alles richtig gut war. Aber sie können miteinander erzählen, darauf zurückblicken und ihren Tag abschließen. Können so zumindest sagen: „Es war.“ Und nach der Nacht kann der neue Tag kommen.
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