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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Im Gedränge am Stuttgarter Hauptbahnhof habe ich ihn zuerst nur von hinten gesehen. Er hatte viel längere Haare als ich es in Erinnerung hatte, aber Größe, Figur und Körperhaltung haben gestimmt. Also hab ich ihm auf die Schulter getippt und, wie der junge Mann sich umdreht, sehe ich meinen jüngsten Sohn vor mir stehen.
Ich hatte es eilig an diesem Morgen. Auf Gleis neun war gerade durchgesagt worden, dass mein IC heute von Gleis drei abfahren würde, und mit dem umständlichen Gepäck, das ich bei mir hatte, war ich nicht gerade die schnellste. „Wo fährst du hin?“, habe ich ihn gefragt und „geht’s dir gut?“ Seine Antworten fielen genauso knapp aus: „Nach Hause“, hat er gesagt und „ja. Muss ja.“ „Ja, ich muss dann auch …“
Wir haben uns noch zugelacht. Dann bin ich zum Gleis drei gelaufen und in meinen Zug gestiegen. Die zufällige Begegnung hat mir das Herz erwärmt. Gleichzeitig war ich traurig, dass ich die Chance hatte verstreichen lassen, noch mehr und länger mit ihm zu reden. Hätte ich den Zug nicht fahren lassen sollen und ihn auf einen Kaffee einladen? Und ob er mitgekommen wäre?
Mein Sohn hat vor mehr als einem Jahr ziemlich abrupt den Kontakt zu mir abgebrochen. Ich weiß bis heute nicht, was der Auslöser dafür war. Wir haben eine schwierige Geschichte wie viele Adoptivkinder sie mit ihren Adoptiveltern haben. Mir ist bewusst, dass ich viele Fehler gemacht habe. Gerne würde ich mit ihm darüber reden. Aus unserer gemeinsamen Geschichte habe ich aber auch eigene Verletzungen mitgenommen und immer Angst, dass sie aufbrechen könnten. Eigentlich lerne ich gerade zu akzeptieren, dass er seinen eigenen Weg gehen muss und dass ich eben nicht zu den Menschen gehöre, die ihm dabei helfen können. Ganz schön schwer!
Mir helfen in dieser Situation andere, denen es genauso geht. Maria zum Beispiel, eine Mutter, die auch damit leben muss, dass ihr Sohn sich von ihr abgewendet hat. Sie war stolz auf ihn. Ganz am Anfang seiner Karriere hat sie mal seine Geschwister mitgeschleppt zu einem seiner Auftritte. Als man sie dann als Ehrengast in die erste Reihe schieben wollte, musste sie sich aus dem Mund ihres Sohnes die Frage anhören, was das denn soll? Dann hat er auf sein Publikum gezeigt und gesagt: „Ihr seid meine Familie!“ Mit dieser Watsche hat sie dann weitergelebt. Aber vielleicht hat sie sich in einzelnen Momenten doch auch dran gefreut, wie unbeirrt ihr Ältester den Weg gegangen ist, den er für sich als den richtigen erkannt hat. Das versuche ich auch und bewege dazu sein Bild von jenem Morgen am Bahnhof in meinem Herzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43129Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Es gibt ja so Zeiten, da bricht plötzlich alles gleichzeitig über einen herein. Mir ist es dieses Jahr nach den Sommerferien so ergangen. Ich war richtig gut erholt und voller Energie für die neue Arbeitsphase. Montags lief soweit auch noch alles nach Plan, aber am Dienstag hat eine überraschende Ankündigung aus der Chefetage dann alle Abläufe gründlich durcheinandergebracht.
Mein Telefon stand nicht mehr still. Die einen haben mich angerufen, um zu beschwichtigen und zu vermitteln und auf alle Fälle ruhig zu bleiben. Andere waren der Meinung, es sei jetzt an der Zeit, um zu protestieren, sich nichts bieten zu lassen, aufzubegehren. Jedenfalls war ich mit einem Mal im Krisenmodus und alles, was ich so mustergültig und schön nacheinander hatte erledigen wollen, blieb erst mal liegen. Und wie das dann so geht: zu den beruflichen gesellten sich auch noch private Hilferufe. Ich wusste abends nicht mehr, wo mir der Kopf steht.
Eine Freundin, die einen viel stressigeren Job hat als ich, hat mir in dieser Situation einen Schlachtruf beigebracht, der ihr immer hilft, Ordnung ins Chaos zu bringen. „Pick your battles“, sagt sie sich oft mehrmals am Tag, wenn es gerade mal wieder drunter und drüber geht. Auf Deutsch etwa: Entscheide selbst, an welchen Fronten du den Kampf aufnimmst und an welchen nicht. Lass Dir keine Schlachten aufzwingen. Oder etwas weniger kriegerisch formuliert: Überlege gut, welche Krise es wert ist, dass du ihr jetzt Zeit und Energie widmest. Was hat Priorität? Wer kann warten? Und wofür bin ich überhaupt nicht zuständig? Und auch, wenn alle gleichzeitig was von Dir wollen, sortiere erst mal für Dich, was jetzt wirklich wichtig ist. „Pick your battles“ und lass andere getrost ihr Pulver verschießen, bevor Du Dich wieder um sie kümmerst.
Gar nicht so einfach, wenn einem alles über den Kopf zu wachsen droht. Aber sehr heilsam. Es gibt übrigens auch eine geistliche Variante des englischen Ratschlags. Die ist etwas ausführlicher, wendet sich um Beistand an Gott und geht so: „Gib mir Kraft, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Gib mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Und, am wichtigsten: gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43128SWR1 Begegnungen

Heute mit Martina Steinbrecher und Peter Brändle. Den Pfarrer aus Wendlingen am Neckar habe ich kurz nach dem 26. August getroffen. Dieses Datum weckt bei ihm zwiespältige Gefühle. Denn im Jahr 2022 hat er auf der Fahrt in den Urlaub an diesem Tag einen schweren Verkehrsunfall verursacht. Außer ihm wurden dabei zwei weitere Personen lebensgefährlich verletzt. Alle haben überlebt. Aber das war nicht von Anfang an klar. Peter Brändle erinnert sich an den Tag vor drei Jahren. In den Serpentinen, die sich in der Schweiz zum San Bernardino hochschlängeln, hat er gemerkt, dass er langsam müde wird.
Und dachte dann, komm, das schaffst du noch. Und dann fährst du durch den Tunnel und danach machen wir eine Pause, trinken Kaffee und dann ist eigentlich Italien schon vor dir. Und dann geht’s eh wieder.
Es ist der letzte Gedanke, an den Peter Brändle sich noch erinnern kann. Der Unfall selbst ist dagegen in seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Wahrscheinlich ist er kurz eingeschlafen. Sein Wagen gerät auf die Gegenfahrbahn und prallt bei 85km/h frontal mit einem anderen Auto zusammen.
Das war ein furchtbares Bild, weil ich in einem zerstörten Auto saß. Die Airbags waren offen. Durch den Schock hatte ich keinerlei Schmerzen. Ich bin dann rumgelaufen, habe versucht, die Tür bei der Christl zu öffnen. Das ging nicht.
Seine Frau Christl auf dem Beifahrersitz ist schwer verletzt. Und die Fahrerin aus dem entgegenkommenden Fahrzeug auch. Der Notarzt kommt, Hubschrauber und Krankenwagen; alle drei werden in eine Klinik in der Nähe gebracht. Es folgen verschiedene Operationen, danach ein Erwachen auf der Intensivstation. Was geht einem da durch den Kopf?
Ich hatte schon sehr schnell den sehr klaren Gedanken und auch Verdacht, dass ich wahrscheinlich der Verursacher bin und dass ich schuldig bin an diesem Unfall. Und damit hatte ich sehr, sehr zu kämpfen.
Peter Brändle kämpft nicht nur mit Schuldgefühlen, sondern mit einer wirklichen Schuld. Denn noch lange schwebt die dritte Person in Lebensgefahr. Versuche, über die dafür zuständige Opferhilfe Verbindung mit ihr aufzunehmen, scheitern. Bis heute hat die Frau auf seine Briefe nicht reagiert – es ist ihr gutes Recht.
Ich habe da lange dran rumgemacht und dachte dann irgendwann, ja okay, offensichtlich will sie das nicht. Aber das war und ist nicht so einfach.
Wie lebt man mit einer Schuld, ohne mit der Person, an der man schuldig geworden ist, ins Gespräch kommen zu können? Peter Brändle sucht Hilfe bei einem Seelsorger und väterlichen Freund:
Dem habe ich das Ganze auch geschildert und der hat mich da freigesprochen. Der sagte: Peter, ja, ohne dich wäre das nicht passiert, aber es war in keiner Weise irgendeine böse Absicht und mach dir dann nicht zu viele Vorwürfe. Und das hat mir sehr gutgetan.
Als die dritte Person außer Lebensgefahr ist, wird es für Peter Brändle leichter, diesen „Freispruch“ für sich zu akzeptieren. Aber der Weg zurück in den Alltag ist lang. Und auch sein bis dato gesundes Selbstvertrauen hat Schaden genommen.
Dass mir das passiert, das hat nicht nur an dem Auto einen Totalschaden, sondern in meiner Wahrnehmung als Autofahrer eine Delle hinterlassen. Und ich versuche da weiterzukommen, dass ich oft in meinem Leben gedacht habe, das schaffst du noch. Und jetzt komm, streng dich mal ein bisschen an, dann hältst du schon durch. Und das hat bis dahin eigentlich auch immer funktioniert. Und da hat es halt nicht mehr funktioniert.
Plötzlich braucht er andere Menschen, die ihm Selbstwertgefühl und Zuversicht geben. Seine drei Kinder sind ihm in dieser Zeit ein großer Halt. Und noch immer bewegt ihn sehr, was seine Tochter an einem trostlosen Tag zu ihm gesagt hat:
Papa, das schaffen wir schon. Und bisher war ich immer derjenige, der zu ihr gesagt hat: Nelly, das schaffen wir schon. Und da hat sie das zu mir gesagt, und das hat extrem gutgetan.
Als es Peter Brändle schon wieder besser geht, fällt seine Frau Christl ins Koma. Noch einmal beginnt eine schwere Zeit, ein Bangen zwischen Leben und Tod. Als sie doch wieder zu sich kommt, kann er dabei sein. Ein bewegender Moment. Die erste Frage der Krankenschwester: Wissen Sie, wer das ist?
Und dann hat sie mich angeschaut und hat gesagt: Ja, mein Liebling. Und das war sehr schön und sehr bewegend.
Peter Brändle sagt heute, dass dieser Unfall und seine Folgen, die gemeinsam durchgestandene Zeit, seine Frau Christl und ihn einander nähergebracht haben. Und wie hat der Unfall ihn selbst verändert?
Ich habe schon meine Energie und Kraft und meinen Lebensmut, auch manchmal vielleicht Übermut, nach wie vor in mir. Aber es gibt schon Dinge, die seit diesem Unfall anders sind. Also, ich glaube tatsächlich, ich lebe dankbarer. Ich habe auch das Gefühl, es gibt einen, der wollte, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42915SWR1 3vor8
Am Sonntagmorgen hat sich ein Bettler direkt vor die Kirchentür gesetzt. Es ist kurz vor zehn, und er weiß, dass hier gleich jede Menge gut Gläubige vorbeikommen. Menschen, die daran glauben, dass Gottesliebe und Nächstenliebe zusammengehören wie die zwei Seiten einer Münze. Wie zur Erinnerung daran hat der Mann einen Plastikbecher mit ein paar Münzen neben sich auf die Stufen gestellt. Ich sehe die Leute, die zum Gottesdienst kommen und ihre unterschiedlichen Strategien, mit dem Überraschungsgast umgehen. Einer holt sein Portemonnaie heraus und schüttet einfach die Abteilung mit den Münzen in den Becher. Andere übersehen den Mann geflissentlich, drücken sich innerlich und äußerlich an ihm vorbei. Eine Frau spricht ihn an, lädt ihn ein, doch mit hineinzukommen und gerne auch anschließend zum Kirchkaffee noch zu bleiben. Ohne Erfolg. Dann wird die Tür geschlossen. Drinnen beginnt nun der Gottesdienst. Und da wird heute über einen biblischen Text aus der Apostelgeschichte gepredigt, in dem sich genau so eine Szene abspielt: Ein Bettler sitzt in Jerusalem vor der Tür zum Tempel. Er ist gelähmt und wird dort täglich hingebracht, um sich ein paar Münzen für seinen Lebensunterhalt zu erbetteln. Und die Leute, die an ihm vorbeimüssen, um in den Tempel zu kommen, verhalten sich genau wie ihre späteren Nachfahren; da hat sich in 2000 Jahren nicht viel verändert. Aber dann kommen Petrus und Johannes vorbei. Und Petrus sagt zu dem Bettler: „Silber und Gold habe ich nicht, was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und plötzlich spürt der Mann tatsächlich Kraft in seinen Beinen, rappelt sich auf und kann auf eigenen Füßen stehen, sogar hüpfen, tanzen und springen. Und in der Tat: Wer braucht da noch Silber und Gold, wenn er ein ganz neues Leben zugeworfen bekommt? Es lohnt sich also, genau hinzusehen, was einer wirklich braucht und gut zu überlegen, was ich alles im Säckel habe. Petrus und Johannes haben es erfahren: Der Glaube an Jesus Christus ist eine große Schatzkiste, die ungeahnte Möglichkeiten birgt. Und vielleicht geht da am Ende noch viel mehr als gedacht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42896SWR4 Sonntagsgedanken
Im Konfirmandenunterricht habe ich die Zehn Gebote durchgenommen. Im Alten Testament wird erzählt, dass Gott selbst sie in Stein gemeißelt und dem Mose übergeben hat. Ein Zeichen für ihre Autorität und Würde. Und für ihre ewige Gültigkeit.
Ich habe erklärt, dass die ersten drei Gebote die Beziehung zwischen Gott und den Menschen betreffen, und die Gebote vier bis zehn die Beziehung der Menschen untereinander regeln. Anschließend habe ich den Konfis die Aufgabe gestellt, die Zehn Gebote in eine eigene Reihenfolge zu bringen. Auf Platz eins soll das Gebot stehen, das ihnen am wichtigsten erscheint. Dann das zweit- und drittwichtigste und so weiter, bis auf den hinteren Plätzen die Gebote landen, die ihrer Meinung nach nicht ganz so wichtig sind.
Fast immer dreht sich dabei die Reihenfolge komplett um. Gott rutscht nach hinten und der Mensch nach vorn. Und fast immer gewinnt mit großem Abstand das Gebot, das in der biblischen Zählung an fünfter Stelle steht: Du sollst nicht töten! In der Diskussion stellt sich heraus, dass viele Konfis dabei nicht nur an die Todesstrafe oder an Militäreinsätze denken, sondern der Meinung sind, dass auch Tiere und andere Lebensformen auf der Erde geschützt werden sollen. Sie ernähren sich vegetarisch oder vegan, sind dabei oft erstaunlich konsequent und bringen mit ihren Ernährungsgewohnheiten den Speisezettel zuhause ganz schön durcheinander.
Du sollst nicht töten! Ja, mit Blick in eine Welt, in der Kriege das gegenseitige Töten scheinbar wieder unvermeidlich erscheinen lassen, ist das ganz bestimmt ein wichtiges Gebot. Andererseits denke ich: Es ist auch leicht, ein Gebot auf Platz eins zu setzen, das mich - und ich denke auch meine Konfis - im Alltag nicht wirklich betrifft. Denn ich habe noch nie einen Menschen getötet und komme hoffentlich auch nie in die Lage. Mit dem Töten von Menschen oder Tieren habe ich einfach nichts zu tun.
Was dagegen in den anderen Geboten angesprochen wird, ist meinem Alltag viel näher: Du sollst über andere keine Lügen verbreiten, nicht stehlen, nicht die Ehe brechen, nicht vor Neid platzen. Auch darüber spreche ich mit den Konfis. Sie fragen mich, wer eigentlich Schaden daran nimmt, wenn sie bei Rossmann oder dm mal einen Nagellack mitgehen lassen, sie leben in Familienmodellen, in denen Mütter oder Väter auch Beziehungen mit anderen Männern und Frauen haben und sie wissen ganz genau, wie schwer manche Mitschüler es haben, die sich zum Beispiel keine hippen Markenklamotten leisten können, und welchen Schaden Neid, Missgunst und Verachtung anrichten können. Braucht es da nicht noch viel mehr Regeln und Gebote, um mit dem komplizierten Leben zurechtzukommen?
Die Frage, welches denn nun das wichtigste Gebot sei, ist auch Jesus einmal gestellt worden. Überraschenderweise hat er keines aus der Liste der Zehn Gebote genannt, sondern eine Art Zusammenfassung zitiert. Und die geht so: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit aller deiner Kraft. Das andere ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als dies.“ Jesus hat also die drei Gebote, die von Gott und den Menschen handeln, zu einem zusammengefasst: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit aller deiner Kraft.“ Und dann hat er die sieben Gebote, die das zwischenmenschliche Leben betreffen, auch in einem zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Aus zehn mach zwei. Oder eins im Doppelpack. Aber, frage ich die Konfis, was ist denn jetzt abgesehen von Zahlen und Nummerierungen der eigentliche Clou an dem, wie Jesus die Zehn Gebote interpretiert? Es ist anscheinend so einfach, dass die Konfis eine ganze Weile herumrätseln, bis eine es entdeckt: Es ist die Liebe! Genauer gesagt die Tätigkeit: lieben. Die ist in den Zehn Geboten nicht vorgekommen. Da sollte Gott gefürchtet, Vater und Mutter geehrt, der Feiertag geheiligt werden. Da war alles Mögliche verboten. Du sollst dies und jenes nicht tun. Aber was der Mensch aktiv tun könnte, das war nicht formuliert. Noch einmal Jesus im O-Ton: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Von da an sprudeln die Konfis nur so von Ideen, wie das gehen könnte: anderen Menschen mit Respekt begegnen. Tiere als Mitgeschöpfe behandeln, sich einschalten, wenn jemand gemobbt wird, dem neuen Freund der Mutter eine Chance geben, am eigenen Selbstwertgefühl arbeiten. Und wie liebt man Gott? wage ich nachzufragen. Na, indem man das alles eben macht, sagt eine. Dann wären die beiden Gebote am Ende doch eins? Gottesliebe und Nächstenliebe zwei Seiten einer Medaille? Mit dieser Frage habe ich die Konfis in die Sommerferien entlassen. Und hoffe, dass die kommenden Wochen viele Möglichkeiten bieten, es herauszufinden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42768SWR Kultur Wort zum Tag
Genau 300 Jahre ist es her, dass der Komponist Antonio Vivaldi sein berühmtestes Werk geschrieben hat: Die vier Jahreszeiten. Es muss eine Sensation gewesen sein, als das italienische Publikum dieses Stück 1725 zum ersten Mal gehört hat. Die virtuosen Geigenklänge ließen staunen. Aber vor allem: So malerisch hatte bis dahin noch kein Komponist Bilder aus der Natur in barocke Klangbilder übersetzt. Da hatte es einer geschafft, in Tönen festzuhalten, wie der Sommer klingt: Nach einer Flötenweise, die durch die Mittagsstille dringt, ein Vogel zwitschert leise, dumpf fällt ein Apfel in das Gras, ein Wind rauscht in den Bäumen, ein Kind lacht hell, dann schweigt es schnell und möchte lieber träumen. Vogelgezwitscher und Wind, ein aufziehendes Gewitter: Seit 300 Jahren klingt jeder Sommer eben auch ein bisschen nach Vivaldi.
Und ich höre darin auch das Versprechen, das Gott der Menschheit nach der Sintflut gegeben hat: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Die Gewissheit, dass sich die Erde auch weiterhin im verlässlichen Rhythmus der Jahreszeiten drehen wird, ist im 21. Jahrhundert allerdings brüchig geworden. Denn längst hat der Mensch durch einen rücksichtslosen Umgang mit der Natur die Welt aus dem Gleichgewicht gebracht. In einem Projekt mit dem Titel „Die unsicheren vier Jahreszeiten“ haben Wissenschaftler und Komponisten diesen Tatbestand und die daraus folgenden Katastrophen nun auch in die Musik von Vivaldi eingetragen. Mit digitalen Programmen haben sie sein Notenmaterial verändert. Und 14 Orchester aus sechs Kontinenten haben zur Aufführung gebracht, was bei diesem Experiment herausgekommen ist. Wie anders der Sommer jetzt klingt, wie er Frühling und Herbst verschlingt, wie das Vogelgezwitscher verstummt. Bedrohlich und trostlos. Ob Gott sein Versprechen hält? Ob er die vier Jahreszeiten retten wird, wenn es sein muss auch ohne die Menschheit? Ich hoffe und bete, dass er uns Wege zum Überleben zeigt. Und dass wir bereit sind, sie dann auch zu beschreiten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42767SWR Kultur Wort zum Tag
Auf meinem Schreibtisch steht eine kleine Porzellanschale. Eine Freundin hat sie mir geschenkt, zusammen mit einem Gebet von Martin Luther: „Siehe, Herr, ich bin ein leeres Gefäß, das wartet, bis einer es fülle, dass es dankend überfließt.“
Mit dem Geschenk ist auch eine Aufgabe verbunden. Ich soll nämlich dafür sorgen, dass die kleine Schale immer leer bleibt, damit in meinem Alltag Platz ist für Gottes Liebe. Gar nicht so einfach! Ständig bin ich versucht, irgendetwas hineinzuwerfen: herumliegende Spitzer, Büroklammern, zerknüllte Taschentücher, abgenagte Pfirsichkerne. Manchmal verschwindet die Schale auch ganz unter Stapeln aus Papier. Dabei soll sie mir doch den Spiegel vorhalten, mich warnen: Pass auf, dass du nicht zugemüllt wirst wie dein Schreibtisch, mit Informationen und Aufgaben und Terminen, achte darauf, was du alles in dich hineinstopfst! Nur leere Gefäße sind aufnahmefähig. Es ist ein täglicher Kampf um leere Plätze, außen und innen.
Jetzt war meine Freundin, die Schalenschenkerin, in Paris. Von dort hat sie mir den Link zu einem Kunstwerk geschickt, das sie in einem Kunstmuseum entdeckt hat. „Das musst du dir ansehen“, schreibt sie, und klingt begeistert. Und tatsächlich: In der Rotunde der Bourse de Commerce hat der französische Künstler Céleste Boursier-Mougenot ein großes Wasserbecken angelegt. Achtzehn Meter Durchmesser. Durch die gläserne Kuppel darüber spiegelt sich der Himmel. Auf der Wasseroberfläche schwimmen weiße Porzellanschalen, die von einer sanften Strömung angetrieben werden. Wo sie aneinanderstoßen, entstehen glockenartige Klänge. Ich sehe und höre diese dahintreibenden Schalen zwar nur auf dem Bildschirm, dennoch ziehen sie mich in ihren Bann. Stundenlang könnte ich auf die Wasseroberfläche mit den leeren Gefäßen schauen und ihren Zufallsklängen lauschen. Das Hören und Betrachten lassen mich eintauchen in eine andere Welt und zur Ruhe kommen. Und plötzlich entsteht diese schöne Leere, die es braucht, damit ich wieder so beten kann: „Siehe, Herr, ich bin ein leeres Gefäß, das wartet bis einer es fülle, dass es dankend überfließt.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42766SWR Kultur Wort zum Tag
Meine Freundin sitzt in der Klinik einer deutschen Mittelstadt. Am Bett ihres über 90 Jahre alten Vaters wartet sie vor sich hin. Auf Facebook teilt sie ihre Gedanken: „Seit zwei Tagen ein Hingehalten-Werden mit spärlichen Informationen, die man nur auf Nachfrage bekommt. Keine Visite. Ich war gestern von neun bis halb sechs hier. Und heute seit acht Uhr, in der schwebenden Annahme, endlich würde mein Vater operiert – aber gestern und heute nichts. Der Termin wurde nun innerhalb von drei Tagen vier Mal verschoben. „Viel los“, lautet die Begründung. Das mag stimmen, aber für die Betroffenen ist es zermürbend. Einen alten Menschen lange Tag nüchtern zu halten für eine Narkose, die dann nicht kommt, ist schon herb. Die Kranken, vor allem Alte und Kinder, brauchen hier unbedingt einen Fürsprecher, Fütterer, Kümmerer.“
Was meine Freundin postet, trifft offenbar einen Nerv. In Nullkommanichts füllen sich die Kommentarspalten mit ähnlichen Erfahrungen. Es ist zum Heulen! Und ich muss an eine Geschichte aus der Bibel denken, eine der ersten, die von Jesus erzählt wird. Aber obwohl er da einen Gelähmten gesund macht, ist er nicht der einzige Held. Denn vier Leute haben diesen Kranken zu ihm gebracht. Auf einer Matte haben sie ihn buchstäblich angeschleppt. Doch die Menschenmenge um Jesus ist zu dicht. Sie kommen nicht an ihn heran. Da klettern sie kurzerhand auf das Dach des Hauses. Sie nehmen die Sachbeschädigung in Kauf und öffnen das Dach. Dann seilen sie ihren kranken Freund ab, Jesus direkt vor die Füße. Genau diese Beharrlichkeit braucht es auch im Gesundheitssystem des 21. Jahrhunderts. Es braucht ein Netz aus Fürsprechern, Fütterern, Kümmerern und furchtlosen Dachabdeckern, die dem überforderten Personal zur Seite springen. Denn ohne Begleitung sind Kranke leider oft aufgeschmissen. Ein Loblied also auf die vier aus dem Evangelium und auf die vielen auf den Krankenstationen überall! Denn erst, wenn aus medizinischer Sicht alles getan ist, mag gelten, was Eva Zeller in einem Gedicht mit dem Titel „Testament“ festgehalten hat: „Und wenn es dann soweit ist, sollt ihr wegen dem Gedränge aufs Dach steigen und mich hinablassen auf meiner Trage durch die Ziegel hinab direkt vor seine Füße.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42765SWR Kultur Lied zum Sonntag
Von Joachim Ringelnatz gibt es ein Gedicht mit dem schönen Titel „Morgenwonne“. Ein ausgeschlafener Mensch singt darin das Loblied der frühen Stunde:
„Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.
Aus meiner tiefsten Seele zieht
mit Nasenflügelbeben
ein ungeheurer Appetit
nach Frühstück und nach Leben.“
Ja, so möchte man gerne morgens aus den Federn springen: Gut gelaunt, voller Energie und Tatendrang. Oft genug beginnen meine Tage jedoch viel verhaltener. Und für diese eher nachdenkliche Gemütslage hat Martin Gotthard Schneider ein Morgenlied geschrieben:
Ein neuer Tag beginnt. Was wird er bringen?
Herr, gib, dass bei allem, was heute geschieht,
ein Schritt hin zum Guten mir möchte gelingen.
Ein neuer Tag beginnt. Wie viele hoffen
auf Liebe, Verständnis, ein freundliches Wort.
Mach mich für die Sorgen der Mitmenschen offen.
Geschrieben im Jahr 1975, ist das Lied gerade 50 Jahre alt geworden. Es gehört damit zum neuen geistlichen Liedgut. Es ergänzt die klassische evangelische Choraltradition um eine neue Sprache und neue Musikstile. Die neuen Lieder werfen einen nüchternen Blick auf Pflichten, Alltagssorgen und den Lärm ihrer Zeit und begegnen den Herausforderungen des Menschen im 20. Jahrhundert. Das Morgenlied von Martin Gotthard Schneider lädt dazu ein, den kommenden Tag mit einer kleinen Morgenmeditation zu beginnen. Heute würde man es vielleicht als Achtsamkeitsübung beschreiben. Es regt an, den Tag zu durchdenken und ihm liebevoll und wachsam zu begegnen: Das eine zu tun, das andere zu lassen. Sich nicht zu überfordern. Fehlerfreundlich mit sich selbst umzugehen. Und offen zu bleiben für andere.
Ein neuer Tag beginnt mit manchen Pflichten.
Gib, dass ich erkenne, was nötig heut ist,
das eine zu tun, auf das andre verzichten.
Ein neuer Tag beginnt. Lass im Getriebe
mich nicht überhören, wie du zu mir sprichst,
entdecken die Spuren von Güte und Liebe.
Das Lied ist auch ein Gebet. Ähnlich wie einst Luthers Morgensegen eignet es sich für den alltäglichen, allmorgendlichen Gebrauch, auch für all jene Tage, die mir nicht knallvergnügt entgegenspringen. Denn das Lied ist erfüllt von dem tiefen Vertrauen, dass mein Leben und die ganze Welt, komme, was da wolle, geborgen sind in Gottes Hand, umfangen von einer großen segnenden Kraft. Ob die Nasenflügel nun vor Lust beben oder vor Angst zittern. Ob der Tag lockt oder lähmt. Es gilt:
Ein neuer Tag beginnt. Ich muss nicht sorgen.
Du, Herr, hältst mein Leben doch fest in der Hand.
Du kennst ja mein Gestern, mein heute und Morgen.
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Musikangaben:
Text: Martin Gotthard Schneider (1975)
Melodie: Martin Gotthard Schneider (1975)
Aufnahme: LP Eine freudige Nachricht breitet sich aus. Neue Lieder für Kinder und Erwachsene aus „Sieben Leben möchte ich haben“, Sätze von Martin Gotthard Schneider. Der kleine Chor der Heinrich-Schütz-Kantorei Freiburg (LC0612)
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„Im Reich Gottes geht es nicht ums Essen und Trinken. Es geht um Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist.“ Das hat der Apostel Paulus in einem seiner Briefe im Neuen Testament geschrieben. Wohl wahr, werden viele sagen: Im Glauben, in der Religion geht es um so abstrakte Sachen, um bestimmte Ansichten, Werte und Haltungen. Große Ideen halt. Jesus, würde ich sagen, war da ganz anders unterwegs. In den Evangelien ist überliefert, dass er den Beinamen „Fresser und Weinsäufer“ hatte. Nicht gerade schmeichelhaft, aber doch ein eindeutiger Hinweis darauf, dass er einem guten Essen und einem edlen Tropfen anscheinend nicht abgeneigt war. Und eine der bekanntesten von ihm überlieferten Geschichten erzählt sogar davon, dass er eine große Menge Menschen, die extra gekommen waren, um ihn predigen zu hören, erst mal mit Brot und Fisch versorgt hat. Das muss man sich mal vorstellen: Da gehst du sonntagmorgens zum Gottesdienst und der Pfarrer sagt, nun lass uns erst mal zusammen frühstücken! Ich war neulich bei der 750-Jahrfeier im Nachbarort. Das Fest hat mit einem ökumenischen Gottesdienst angefangen. Mit Frieden und Freude im Heiligen Geist. Aber anschließend hat es dort „eine große Tafeley“ gegeben. Die Straße vor der Kirche war gesperrt, und die Anwohner hatten dort in einer langen Reihe achtzig Biergarnituren aufgebaut. Darauf Tischdecken und Kissen in allen Farben. Blumensträuße aus den Gärten ringsum. Geschirr und ihr Besteck, Gläser und Tassen, Essen und Trinken wurden mitgebracht. Für den eigenen Bedarf plus eins. Damit auch die Gäste versorgt waren. Das Ganze hat wunderbar funktioniert. Ich kann es gar nicht aufzählen, wie viele verschiedene Maultaschen ich an diesem Tag probiert habe. Und Frieden und Freude und Gerechtigkeit, lieber Paulus, die saßen einfach mit am Tisch. Denn wo und wie sollen diese großartigen Vorstellungen denn anfangen? Mit langen Erklärungen und Appellen? Oder vielleicht doch mit Essen und Trinken? Mit einem Gespräch? Mit Geben und Nehmen und Teilen? Jesus hat sogar das Himmelreich einmal mit einem riesigen Straßenfest verglichen. Und eins stimmt auf jeden Fall: Wo Menschen zusammen tafeln, schlagen sie sich schon mal nicht die Köpfe ein.
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