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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20MAI2026
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In der Mitte der Woche will ich ein paar Gedanken zur Mitte mit Ihnen teilen. Es sind viele, denn wenn man erst mal anfängt, drüber nachzudenken, kommt man schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen; und so gibt es heute Morgen mal ein buntes Sammelsurium an Gedankensplittern. Ich hoffe, es ist auch für Sie einer dabei. Mittwochmorgen also. Mitte der Woche. Zwei Arbeitstage schon hinter sich gebracht, zwei noch voraus. Wenn’s gut läuft, ist heute alles im Gleichgewicht.  Und wenn nicht: Irgendwann wird es zwölf Uhr Mittag sein. Dann ist der Tag seiner Höhe nah und wird seine Last bald hinter sich gebracht haben. Schon bald haben wir die Mitte des Jahres erreicht. Noch gut ein Monat bis zur Sommersonnenwende. Dann werden die Tage wieder kürzer. Dabei fängt der Sommer erst an. Mitte des Lebens. Irgendwann zwischen dem 40. Und 50. Lebensjahr; oft verbunden mit Krisenzeiten, irgendetwas kippt, gerät ins Ungleichgewicht. Lange ging alles bergauf, einem unsichtbaren Gipfel entgegen. Fragen tauchen auf: Habe ich erreicht, was ich erreichen wollte?  Geht es ab jetzt nur noch bergab? Bin ich zufrieden, mit dem, was geworden ist? Und was kommt noch?

„Sie war der Mittelpunkt unserer Familie“ lese ich in vielen Todesanzeigen von verstorbenen Müttern; ja, meist sind es die Mütter, die eine Familie zusammenhalten gegen alle möglichen Fliehkräfte. Als Mitte des Universums galt lange die Erde. Noch heute sprechen wir davon, dass die Sonne auf- und untergeht. Dabei sind wir es, die sich drehen auf einem blauen Planeten durchs All. Zeitgleich mit diesen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen entdecken die Reformatoren im 16. Jahrhundert, Christus ist die Mitte der Heiligen Schrift und das Zentrum des christlichen Glaubens. Und wenn Du an Gott zweifelst oder gar verzweifelst, sagt Martin Luther, dann wende Dich dieser Mitte zu. Von Christus aus ordnet sich alles. Und schließlich finde ich in einem Lied die Bitte: „und mach die Mitte gut“. Diesen Mittwoch. Die Mitte des heutigen Tages. Die Mitte und die vielen Mittelpunkte des Lebens. Egal, welcher Gedanke Ihnen hängenbleibt. Ich schließe mich an: Gott, mach die Mitte gut.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19MAI2026
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Noch vierzehn Tage bis zum Konzert; und nur noch zwei Proben. Das Programm unseres Chors ist umfangreich, 23 Lieder aus den 50er und 60er Jahren; alles soll möglichst auswendig gesungen werden. Französiche Chansons sind dabei, Azzuro auf Italienisch, La Bamba auf Spanisch. Und selbst so ein Ohrwurm wie Obladi Oblada von den Beatles hat textlich so seine Tücken. Wir geben uns Mühe, und so klingt es denn auch: bemüht. Während wir beim Singen angestrengt nach Noten und Textzeilen kramen, ruft unser Chorleiter: „Ihr sollt Geschichten erzählen!“ Und plötzlich, wir merken es selbst, verändert sich was. Als ob die Lieder auf einmal zum Leben erweckt wären, kommen sie völlig anders rüber. „Ihr sollt Geschichten erzählen!“ Warum hat diese Ansage funktioniert wie ein Zauberwort?

Nun, Menschen teilen sich mit, teilen ihr Leben, indem sie sich Geschichten erzählen. Oft braucht es dazu noch nicht einmal eine Aufforderung „Liebling, wie war Dein Tag heute?“ Sobald wir uns begegnen, fangen wir an, uns Geschichten zu erzählen, kleine oder ausführliche, großartige und unbedeutende.

Mit dem Geschichtenerzählen hat menschliche Kommunikation einmal angefangen. Und immer noch ist es die beste Art und Weise, um miteinander in Kontakt zu kommen. Auch für einen Chor und sein Publikum. Da verwundert es nicht, dass auch die ältesten Überlieferungen der Bibel Geschichten sind. Keine Gebote, keine Gesetze. Geschichten. Von Generation zu Generation werden sie mündlich weitergegeben, bevor einer sie aufgeschrieben hat. Die Geschichten vom Garten Eden, von der großen Flut, von Abraham und Sara, von Jakob und Esau, von Rahel und Lea. Eine überschaubare Anzahl von Geschichten verglichen mit dem, was uns heute zur Verfügung steht. Aber wichtig war nicht, dass ständig Neues dazukam; wichtig war die Überlieferung. Sie hat Menschen verortet, in eine Geschichte verstrickt, mit anderen Menschen und mit Gott. Noch immer ist unser Gehirn auf Erzählungen gepolt. Es springt an, wenn uns jemand eine Geschichte erzählt. Und das klappt sogar beim Singen. „Ihr sollt Geschichten erzählen!“ Und die Welt hebt an zu singen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18MAI2026
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Seine Lieder haben mich mein ganzes Leben lang begleitet; jetzt ist er 70 geworden und wirkt noch kein bisschen müde: Herbert Grönemeyer. Zwölf Jahre älter als ich, deutlich jünger als meine Eltern – ein guter Lebensbegleiter. Ich war gerade konfirmiert; da kam sein Album „Bochum“ heraus, und obwohl ich den Ruhrpott nicht kannte, konnte ich die Zeile „Du bist keine Schönheit“ aus vollem Herzen mitsingen. Ich bin in Pforzheim aufgewachsen, und dieser Stadt klebt auch das Image an, nix Besonderes zu sein. Der Song „Bochum“ hat da Mut gemacht: Nicht aus einer Weltstadt zu kommen, musste kein Nachteil sein. Und Schönes gibt es überall zu entdecken; es muss nicht immer offensichtlich sein.

Dann kamen die 90er, und Grönemeyer hat einer ganzen Generation die Männer so ins Herz gesungen, wie wir sie haben wollten: verletzlich und unersetzlich, furchtbar stark und auf der Suche nach Zärtlichkeit, ehrlich und selbstkritisch. Außen hart und innen ganz weich. Und dann grätscht auch bei diesem Mann das Leben dazwischen oder besser gesagt der Tod. Seine Frau Anna wird schwer krank, und innerhalb von wenigen Tagen sterben sie und sein Bruder Wilhelm an Krebs. Um Herbert Grönemeyer wird es still. Aber dann wird auch aus diesem Schmerz ein Lied. Unzähligen Menschen wird es zu einem treuen Trauerbegleiter; oft gespielt bei Beerdigungen: „Hast jeden Raum mit Sonne geflutet, jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt. Hab dich sicher in meiner Seele, trag dich in mir bis der Vorhang fällt.“

Ja, er hat ein Gespür für Menschen, dieser Grönemeyer, und so heißt auch sein wohl bekanntestes Lied Mensch: „Und der Mensch ist Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt, weil er wärmt, wenn er erzählt, und weil er lacht, weil er lebt, weil er irrt, und weil er kämpft, und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt.“ Dieses Lied ist sein Vermächtnis, aber noch ist er ja da, der Mensch Herbert Grönemeyer. Ein unermüdlicher Zuversicht-Verbreiter, Hoffnungs-Weiterträger, ein unverbesserlicher Nicht-Schwarzmaler. Möge er uns noch lange erhalten bleiben. Auf Dich, Herbert Grönemeyer! Glück und Segen!

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

17MAI2026
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Ein verregneter Sonntagnachmittag, viel zu kalt für die Jahreszeit. Ich liege auf dem Sofa und mache etwas, das ich nicht wirklich gutheiße: Mitten am Tag schalte ich den Fernseher an und zappe mich durch die Mediatheken. Bei einer 16teiligen US-amerikanischen Serie bleibe ich schließlich hängen: „Das Haus David“ aus dem Jahr 2025. Was ganz Neues! Der Film erzählt die Geschichte vom Aufstieg des biblischen Hirtenjungen David zum König von Israel. Den biblischen Stoff lasse ich als Entschuldigung fürs nachmittägliche Fernsehen durchgehen – ist ja ein bisschen wie Gottesdienst. Inzwischen habe ich die ganze Staffel gesehen und warte sehnsüchtig auf das Erscheinen der nächsten. Wie das eben so ist, wenn es einer Verfilmung gelingt, einen in ihren Bann zu ziehen und für ihre Figuren einzunehmen.

Im Moment jedenfalls ist für mich klar: Es gibt keine spannendere biblische Gestalt als David. Um das Jahr 1000 vor Christus ist er Israels zweiter und wohl berühmtester König geworden. Dabei ist er am Anfang nur der jüngste von acht Brüdern eines Landwirts, meistens mit einer Herde Schafe unterwegs, irgendwo in der Steppe. Nicht im Blick, wenn es um wichtige Entscheidungen und die Vergabe von Posten geht. Wunderbar darum die Folge, in der der Prophet Samuel gerade diesen Außenseiter zum künftigen König salbt. Denn, so der biblische Begleittext, „ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“ Wer wollte sich in diesen Worten nicht wiederfinden! Trotzdem ist der Weg auf den Königsthron für David noch mit vielen Hindernissen gepflastert. Weil er ein begabter Harfenspieler ist, wird er an den Hof des amtierenden Königs Saul geholt und ist dort als Musiktherapeut tätig. Seine Musik beruhigt und belebt den König, der an depressiven Stimmungen und aggressiven Schüben leidet. Seinen endgültigen Durchbruch schafft Davd, als er im Krieg gegen die Philister den bis an die Zähne bewaffneten Superhelden Goliath besiegt – mit einem einzigen Wurf aus seiner Steinschleuder. Der Kampf der ungleichen Gegner ist sprichwörtlich geworden, immer wenn sich ein völlig chancenloser Winzling gegen eine überwältigende Übermacht durchsetzen kann. Und natürlich gewinnt David schließlich auch noch die Hand der schönen Königstochter Michal. Aber sine Frauengeschichten werden erst in Staffel zwei erzählt. Ich kanns kaum erwarten!

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SWR Kultur Wort zum Tag

13MAI2026
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„Timmy ist abgetaucht“, lautet die neueste und womöglich letzte Schlagzeile über den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal. In den letzten Wochen hat er viele Gemüter bewegt - jetzt schwimmt er wieder in der Nordsee, wo er hingehört. Der Peilsender, der auch weiterhin Auskunft über sein Schicksal geben sollte, ist verschwunden oder funktioniert nicht wie vorgesehen. Fast sieht es so aus, als hätte der Wal all den Experten, Schaulustigen, Regierungen und Sponsoren, die sich so intensiv mit seinem Wohlbefinden beschäftigt haben, ein Schnippchen geschlagen. Ich bin dann mal weg …! Möge er seinen Frieden finden, wünsche ich ihm, durch ein unbeschwertes Leben oder durch einen sanften Tod!

Bis zuletzt hat Timmy alles auf den Kopf gestellt. Übrigens auch eine biblische Geschichte, an die ich in den letzten Wochen dieses Waldramas oft habe denken müssen. Da retten nicht Menschen einen gestrandeten Wal, sondern ein Wal rettet einen gestrandeten Menschen. Es handelt sich um den Propheten Jona. Der will abtauchen. Nicht vor den Augen einer allgegenwärtigen Öffentlichkeit, sondern vor Gott höchstpersönlich und vor einem göttlichen Auftrag, dem er sich nicht gewachsen fühlt. Weil er aber die Auseinandersetzung mit seinem göttlichen Auftraggeber scheut, bleibt ihm nur die Flucht: Er heuert auf einem Schiff an, das ihn ans andere Ende der Welt bringen soll – weit weg von irgendeiner Verantwortung. Aber der Mensch entkommt seiner Verantwortung nicht. Das muss auch Jona erfahren. Ein Sturm kommt auf; die Mannschaft wirft ihn über Bord. Jona sieht sein letztes Stündchen kommen, da taucht in letzter Minute ein riesiger Fisch auf und verschluckt ihn. In dessen Leibeshöhle hat er Zeit zum Nachdenken, zum Beten, ja, schließlich für einen umfassenden Sinneswandel. Geläutert spuckt ihn der Fisch nach drei Tagen ans rettende Ufer.

Ein Wal hat einen Menschen gerettet. Ihn im besten Sinn des Wortes geborgen und ihm eine zweite Chance gegeben. So wie Timmy uns viele Chancen gegeben hat, über unseren Auftrag für die Welt nachzudenken. Jona hat seinen Auftrag schließlich erfüllt, Verantwortung übernommen – aber das ist wieder eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

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SWR Kultur Wort zum Tag

12MAI2026
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Nun geht es also dem alten Bismarck an den Kragen. Schon in vielen deutschen Städten sind Straßen und Plätze umbenannt worden, wenn sich herausgestellt hat, dass deren Namensgeber – ich sage es mal salopp - Dreck am Stecken hatten. In Stuttgart hat gerade ein Diskussionsprozess begonnen, in dem über den Namen Bismarck im öffentlichen Raum verhandelt werden soll. Rund 3000 Bismarckplätze, -straßen, -türme, -gymnasien und -Denkmäler gibt es deutschlandweit - die ganzen Bismarckheringe noch gar nicht mitgezählt. Zu Beginn 20. Jahrhunderts wurde der Reichsgründer, Reichskanzler und Begründer der Sozialgesetzgebung wie eine Lichtgestalt verehrt. Hundert Jahre später blickt man viel kritischer auf seine autoritäre Staatsführung, seinen harten Umgang mit politischen Gegnern und die von ihm verantwortete Kolonialpolitik.

In Stuttgart ist das erste Stadtgespräch zum Thema gut verlaufen. Es ist deutlich geworden, dass es nicht um einfache Ja-Nein-Lösungen geht, sondern darum, die Widersprüche einer Persönlichkeit zu benennen und zu gewichten. Erinnerungskultur verändert sich. Und eine Gesellschaft muss sich mit ihrer Geschichte immer wieder neu auseinandersetzen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Straßen in neu entstehenden Stadtvierteln zum Beispiel gern mit harmlosen Blumen- oder Vogelnamen versehen; da konnte man praktisch nichts falsch machen. Es gab aber auch Siedlungen, in denen sich eine Sudetenstraße, eine Banater Straße und eine Königsberger Straße kreuzten – ein bewusstes Statement, um den Geflüchteten, die dort eine Heimat verloren hatten, zu signalisieren, dass ihre Herkunft nicht vergessen und ihre Zukunft nun Teil westdeutscher Siedlungsgeschichte sein würde.

Namen sind Schall und Rauch? Mitnichten! Namensgebung ist ein hoch politisches Ding. Auch bei Straßen und Plätzen. Wie es mit Bismarck weitergehen wird? Ich bin gespannt. Und ich finde, er hat nun wirklich eine lange Zeit in Ehren gehabt und könnte ruhig hie und da seinen Platz räumen. In Stuttgart ist Betty Rosenfeld im Gespräch. Eine Frau statt eines Mannes. Eine Jüdin statt eines Protestanten. Und ein Opfer der Nationalsozialisten statt eines Helden des ersten deutschen Reiches. Die Zeit wäre reif.

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SWR Kultur Wort zum Tag

11MAI2026
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Der letzte Urlaubsabend in den Hügeln Liguriens. Die Koffer sind gepackt für die Abreise am frühen Morgen. Jetzt wollen wir es uns noch einmal so richtig gut gehen lassen und essen gehen. „Dolce vita, da Pepe, nonna Jolanda, la vecchia taverna …“ Die Liste der infrage kommenden Restaurants in der Umgebung ist so lang wie wohlklingend. Die beste Bewertung allerdings hat ein Lokal mit einem ungewöhnlichen und noch dazu englischen Namen: Serendipity. Ich habe das Wort noch nie zuvor gehört, buche aber bereitwillig einen Tisch und mache mich dann auf die Suche nach dessen Bedeutung.

Erste Entdeckung: Ein Engländer hat das Wort erfunden, weil es einfach noch keins gab für das, was er zum Ausdruck bringen wollte, nämlich die Freude über einen glücklichen Zufall. So plündert er ein persisches Märchen, in dem „drei Prinzen von Serendip“ auf einer Reise lauter zufällige Entdeckungen machen. Sogar das Datum ist bekannt, an dem das Wort entstanden ist: der 28. Januar 1754. Großartig! Aber erst zweihundert Jahre später macht das Wort so richtig Karriere: Serendipität bezeichnet jetzt das zufällige Stolpern über eine Sache, nach der man nicht gesucht hat, die aber ein Problem auf überraschende Weise löst.

Zum Beispiel: Kolumbus sucht einen Seeweg nach Indien, entdeckt stattdessen aber einen neuen Kontinent. Oder: Der schottische Bakteriologe Alexander Fleming räumt sein Labor nicht ordentlich auf, bevor er in Urlaub fährt. In zwei dreckig gebliebenen Petrischalen schimmelt es gewaltig vor sich hin. Als er wiederkommt, entdeckt er in der vor sich hin gegammelten Masse das Penicillin und revolutioniert die Behandlung bakterieller Erkrankungen.

Eine glückliche Mischung aus einem Zufall und einem Geistesblitz. Das gefällt mir. Und ich verstehe es so: Gott hat die Welt geschaffen und sie mit wunderbaren Geheimnissen ausgestattet. Einigen ist der Mensch schon von ganz allein auf die Spur gekommen. Bei anderen braucht es noch so einen kleinen göttlichen Wink und einen Menschen mit offenen Augen und wachen Sinnen, empfänglich für Neues. Dann kann so ein Zufall zur Quelle für große Entdeckungen und kleine Freuden werden. Das Restaurant Serendipity hat sich übrigens am Ende nicht als Offenbarung erwiesen. Aber halb so wild - dafür habe ich ja etwas anderes entdeckt. Was für ein wunderbarer Zufall!

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SWR4 Sonntagsgedanken

03MAI2026
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Singen macht glücklich, behauptet der Autor Stefan Moster in seinem Buch „Vom Glück, im Chor zu singen“. Das gilt nicht erst, seit es Männergesangvereine gibt. Am Sonntag Kantate beleuchtet der Predigttext die geistlichen Wurzeln des Singens. Sie liegen im Gebet, in der Anrufung Gottes, wie eine biblische Szene aus dem zweiten Buch der Chronik belegt.

Mit großem Vergnügen habe ich gerade das Buch „Vom Glück, im Chor zu singen“ gelesen. Als langjährige Chorsängerin kann ich dem Glück, das da auf 200 Seiten beschrieben wird, nur aus vollem Herzen zustimmen.

Außerdem gelingt es dem Autor Stefan Moster vieles, was sich rund ums Chorsingen abspielt, ganz lebensnah zu schildern. Zum Beispiel diese Szene vom runden Geburtstag seines Großvaters, mit der das Buch beginnt. Er schreibt: „Zu diesem Anlass hatten sich beide Chöre, denen mein Großvater angehörte, eingefunden, um ihm ein Ständchen zu bringen, der Männergesangverein Heiterkeit und der Männergesangverein Einigkeit. Die Männer setzten andächtige Mienen auf, dann gab mein Onkel mit beiden Händen den Einsatz, und die Stimmen, die eben noch in mundartlichem Tonfall geplaudert und gelacht hatten, schraubten sich zu etwas Kostbarem, Feierlichem in die Höhe. Wo das Alltägliche war, herrschte nunmehr das Erhabene, in dessen Dienst Menschen, die gerade noch über banale Dinge gesprochen hatten, ihre Stimmen stellten: „O wie schön ist deine Welt, Vater, wenn sie golden strahlet!“

Als Pfarrerin habe ich viele ähnliche Auftritte selbst miterlebt, wenn sich bei einem Jubilar oder einer Jubilarin ein Chor oder eine Handvoll Leute zu einem Geburtstagsständchen eingefunden hat. Und oft hat der Gesang das bewirkt, was all die mündlich oder schriftlich übermittelten Glückwünsche bis dahin nicht geschafft hatten: Ich sah dann Tränen in den Augenwinkeln glitzern, ein tiefes Bewegt-Sein, Rührung, eine Ergriffenheit von Herz und Seele. Oder noch einmal mit Stefan Moster: „Wo das Alltägliche war, herrschte nunmehr das Erhabene, in dessen Dienst Menschen, die gerade noch über banale Dinge gesprochen hatten, ihre Stimmen stellten.“

Ja, Singen kann Festtagen einen besonderen Glanz verleihen und allererst zu dem machen, was sie dann in der Erinnerung werden: unvergessliche Momente, eindrückliche Augenblicke. Und das gilt nicht nur für runde Geburtstage von Großvätern, sondern auch für große staatstragende Ereignisse. Kein Festakt ohne Musik!

So war das schon in biblischen Zeiten, zum Beispiel bei der Einweihung des neuen Tempels in Jerusalem, wie sie im heutigen Predigttext aus dem zweiten Buch der Chronik beschrieben wird. Da hat der König Salomo in seiner Hauptstadt einen Tempel bauen lassen, und nun ist er mit feierlichen Prozessionen eingeweiht worden. Der biblische Autor berichtet: „Alle Sänger waren in feines Leinen gekleidet.“ Wie in einem Konzertprogramm führt er die Solisten namentlich auf:  „Asaf, Heman und Jedutun“, im Chor ihre Söhne und Ihre Brüder – quasi ein biblischer Männergesangverein. „Mit Zimbeln, Harfen und Leiern standen sie östlich vom Altar. Bei ihnen waren 120 Priester, die Trompeten bliesen.“ Sein Eindruck: „Die Trompeter und Sänger musizierten mit einer Stimme. Sie lobten und dankten dem Herrn. Sie vereinten Trompeten, Zimbeln und alle Instrumente zu einem Lobgesang für den Herrn: „Ja, er ist gut; für immer bleibt seine Güte bestehen!“

Ich stelle mir vor, dass die versammelte Festgemeinde im Vorhof des Tempels zu Jerusalem dasselbe empfunden haben muss, wie die Gäste im Garten des Großvaters von Stefan Moster: Wo bisher das Alltägliche regiert hat, herrschte nun das Erhabene. Ich glaube: Singen macht nicht nur glücklich; es bringt uns auch „näher, mein Gott, zu dir“.

Heute ist der Sonntag Kantate. Er fordert Menschen zum Singen auf. Kantete: Singt! Auch die, die immer von sich behaupten, sie könnten gar nicht singen. Nachweislich sind das aber noch nicht einmal zwei Prozent.

Dass Singen glücklich macht, ist vielfach erwiesen: Beim Singen schüttet das Gehirn ganz viele Glückshormone aus. Man fühlt sich nach ein paar Liedern einfach gut. Ich zum Beispiel bin nach jeder abendlichen Chorprobe so wach und voller Energie, dass ich Bäume ausreißen könnte. Das bewusste Atmen beim Singen sorgt für eine gute Durchblutung. Davon profitieren Herz und Hirn und alle anderen Organe. Wer singt, tut etwas für sein Wohlbefinden und stärkt sein Immunsystem.

Ich könnte es noch endlos fortsetzen, das Lob des Singens. Ein letzter Gedanke ist mir wichtig. Und auch den finde ich bei Stefan Moser in seinem Buch „Vom Glück im Chor zu singen“, wenn er schreibt: „Erstaunlich, wie schnell man beim Gebet landet, wenn man sich Gedanken über den Gebrauch der Stimme macht.“ Oder auch nicht erstaunlich, denke ich, denn wahrscheinlich ist das Gebet, das Gotteslob, die Anrufung Gottes, die Wurzel allen Gesangs. Und dieser göttliche Funke steckt noch in jedem Lied.

Noch einmal zurück in Großvaters Garten. Zum Männergesangverein und seinem Lied „O wie schön ist deine Welt, Vater, wenn sie golden strahlet“. Dazu schreib Stefan Moster: „Schuberts Lied war ein Gebet, das auch Weltlichen offenstand. Und als der Chor es sang, konnte man glauben, dass es aus dem Mund der ganzen Menschheit kam.“

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Begegnungen

26APR2026
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Dirk Thümmler Foto: privat

Martina Steinbrecher trifft den Fußchirurgen Dr. Dirk Thümmler aus Bad Säckingen.

Der Arzt ist Spezialist einer noch jungen chirurgischen Disziplin, die sich ausschließlich mit dem Wohlergehen von Füßen befasst. Das oft stiefmütterlich behandelte Körperteil weckt in ihm große Begeisterung:  

Ja, also der Fuß ist für mich ein Wunder der Evolution. Der besteht aus 26 Knochen, aus 33 Gelenken, aus mehr als 100 Bändern und aus 20 Sehnen. Und wenn nur einer dieser Bauteile nicht funktioniert oder einen Defekt hat oder nicht richtig angesprochen wird durch eine Nervenverletzung oder Nervendysfunktion, dann kann dieses ganze System kollabieren und man merkt es erst, wenn der Fuß nicht mehr funktioniert, wie wichtig der dann ist.

Tatsächlich habe ich seit dem Gespräch mit Dirk Thümmler meinen Füßen schon häufiger ein paar liebevolle Blicke und Gedanken zugeworfen - schließlich tragen sie mich seit vielen Jahren zuverlässig durchs Leben. Für den Fußchirurgen sind Füße aber noch viel mehr. Was den Mensch zum Menschen macht? Was ihn vom Tier unterscheidet? Für Dirk Thümmler ist die Antwort klar:

Aus der Evolution finde ich auch spannend, dass die Füße wohl das erste waren, was den heutigen Menschen auszeichnet, also das zweibeinige Gehen, dadurch sind die Hände frei geworden und dann erst ist das Gehirn gewachsen.

OK, denke ich mir, aber auch auf zwei Beinen sind wir anderen Lebewesen doch weit unterlegen. Aber da denke ich wohl zu kurz:

Was uns Menschen auszeichnet: Wir sind nirgends wirklich gut, aber wir können fast überall mitmachen. Also wir sind weder die Schnellsten, wir sind sehr ausdauernd, wir können weder gut auf Bäumen, aber wir können gut auf dem Boden, wir können einigermaßen schwimmen, wir sind sehr vielseitig, wir können bei Tag, bei Nacht, wir kommen in jedem Gelände zurecht und das haben wir unseren Füßen zu verdanken.

In seinem Arbeitsalltag in einer Schweizer Klinik behandelt Dirk Thümmler Patienten nach Sportunfällen, mit Verschleißerkrankungen oder mit Problemen als Folge von Ersterkrankungen wie Diabetes; das Spektrum ist groß. Richtig in die Öffentlichkeit gerückt ist seine Arbeit jetzt durch einen Preis, den er Anfang des Jahres bekommen hat: Der Hermann-Stratz-Preis für Zivilcourage würdigt die Arbeit, die Dirk Thümmler ehrenamtlich in Indien leistet. Auch dort operiert er Füße, aber die von Kindern aus ärmeren Familien - und setzt dafür jedes Jahr zwei von sechs Wochen seines Jahresurlaubs ein.  

In der Regel gehen wir immer zu dritt los. Zwei Fußchirurgen, die sich wirklich anatomisch perfekt auskennen. Das ist wichtig, weil wir haben häufig keine Röntgengeräte, die uns helfen. Das macht es spannend und dafür ist es aber gut, dass es zwei gibt, die sich aufeinander verlassen können, weil wir tasten dann gegenseitig Fixpunkte am Fuß und dirigieren uns über die Finger, in welche Richtung wir die Schrauben bohren …

Dirk Thümmler ist ein Mann Mitte 50, verheiratet, vier Kinder, und ein renommierter Spezialist für Fuß-Chirurgie.  Zusätzlich zu seiner regulären Arbeit in der Schweiz operiert er in Indien jedes Jahr ehrenamtlich vierzehn Tage lang Kinderfüße. Sein Einsatz ermöglicht dort nicht nur die Korrektur von Fehlstellungen, sondern die Begradigung kompletter Lebensläufe: 

Wir hatten in Srinagar ein Mädchen, die hat eine Deformität an einem Unterschenkel gehabt. Bei der sind am Unterschenkel die Hälfte der Knochen nicht angelegt gewesen. Und wenn dieses Kind gestanden ist, dann stand die wie ein Storch, und dieses kurze Ding war in der Luft. Und wenn sie laufen wollte, dann musste sie ihr gesundes Bein um 90 Grad im Knie biegen, damit sie ebenerdig stand, und dann ist die gewackelt.

Dafür gab es von Gleichaltrigen vor allem Spott und Hänseleien. So schlimm, dass sie nicht mehr in den Kindergarten gehen wollte. In der Klinik hat sie einen Arzt-Kollegen von Dr. Thümmler getroffen, der selbst beinamputiert ist.

Der hat dann seine Jeanshose hochgehoben und dann hat die dieses Kunstbein gesehen und dann hat dieses fünfjährige Kind gesagt: Das will ich auch. Und sie hat sich amputieren lassen, und dieses Kind läuft heute schmerzfrei mit einer Prothese, ohne dass sie in der Schule gehänselt wird.

Dirk Thümmler und sein Team erhalten viel Unterstützung von einheimischen Fachkollegen und indischen Sponsoren. Besonders wichtig ist das für die Nachsorge bei den kleinen Patienten, wenn das Ärzteteam aus Europa das Land wieder verlassen hat. Das indische Gesundheitssystem sieht für alles eine finanzielle Eigenbeteiligung vor. Wer arm ist, muss für eine Operation lange sparen. Diese Ungerechtigkeit wird kaum infrage gestellt:  

Wir sind zum Beispiel mal von einem Arzt beschimpft worden, wir würden denen die Patienten wegnehmen, und wir waren dann ganz entsetzt und haben geantwortet, wir nehmen doch nur die Ärmsten, die sich das nicht leisten können. Er sagte, ja, das stimmt nicht, die können 20 Jahre lang sparen und dann können wir die operieren. Dass ein Kind dann nicht in die Schule gehen kann, das ist denen vollkommen egal. Also das sind Gedankengänge, die sind uns nicht zugänglich, das kann man nicht verstehen.

Solange ein soziales Bewusstsein für die Armen und Schwachen fehlt, wird der Verein „Kinderfüße brauchen Hilfe“, der die Arbeit von Dirk Thümmler und seinen Kollegen trägt, weiterhin ärztliches Know-how und chirurgisches Material ins Land bringen.

Dort unten sind wirklich Kinder, die können einfach das eigene Haus nicht verlassen, weil man denen nicht hilft, und die könnten es, wenn man ihnen helfen würde. Das heißt, wir geben dort Kindern eine Chance, ins Leben hineinzugehen, sprichwörtlich, die die dann auch nutzen.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, geht mir der Satz aus einem biblischen Psalm nach unserem Gespräch durch den Kopf. Das Engagement von Dirk Thümmler hat mir dafür ganz neue Perspektiven eröffnet: Was es wirklich heißt, auf eigenen Füssen stehen zu können.

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SWR1 3vor8

19APR2026
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Das Ehebett meiner Großeltern war ein beeindruckendes Möbelstück und hat fast das gesamte Schlafzimmer eingenommen. Tagsüber thronten dort wie riesige Wolkengebirge die aufgebauschten Federbetten und auf den Kopfkissen zusätzliche Paradekissen. In den frühen Morgenstunden aber zerfiel diese ganze Pracht. Dann kamen mein Bruder und ich, wenn wir bei den Großeltern übernachtet haben, ins Bett geklettert und haben mithilfe der Schrankuhr gegenüber, wie schon meine Mutter und ihre Geschwister in der Generation davor, die Uhr lesen gelernt: Sieben Uhr, Viertel achte, halber achte, dreiviertel Achte, drei vor acht, neune; in süddeutscher Zählung.

Über dem Bett der Großeltern hing ein Bild. Das war nicht wie die Uhr Gegenstand lebensdienlicher Lektionen und hat mir doch mindestens genau so viel beigebracht. Darauf Wolken wie Federbettengebirge, in der Bildmitte ein weißes Kirchlein umgeben von Bäumen; im Vordergrund ein kleiner See. Rechts unten steht ein Mann am Ufer, den Kopf geneigt, wie in Andacht versunken, zu seinen Füssen ein Hund, und um ihn herum eine Schafherde mit frisch geborenen Lämmern. Eine Idylle mit haarscharfer Absturzkante ins Kitschige. Lange bevor ich wusste, dass es sich bei diesem Bild um eine gängige volkstümliche Darstellung des guten Hirten handelt und lange bevor ich wusste, dass der auferstandene Christus nach Ostern in die Rolle dieses guten Hirten schlüpft, hat mir dieses Bild eine Geborgenheit vermittelt, wie es sie vielleicht nur als Kind in Großelternbettenlandschaften gibt.

Heute heißt es im sonntäglichen Predigttext aus dem ersten Petrusbrief: „Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten. Jetzt seid ihr zurückgekehrt zu eurem Hirten, der euch beschützt.“  Es mag als Erwachsene kein Weg zurückführen in die Kuschelwelten der Kinderzeit. Aber der Kraft dieses Bildes traue ich immer noch. Ich glaube, dass einer mein Leben beschützt und es gut mit mir meint. Dass einer mich auf grüne Auen führt und zum frischen Wasser. Dass einer meine Seele erquickt. Und wenn es durch dunkle Täler geht, muss ich kein Unglück fürchten, denn er ist bei mir. Sein Stecken und Stab trösten mich. Zur Kraft des Bildes ist die Kraft der Worte getreten, wie hier aus dem 23. Psalm.

Die Schrankuhr meiner Großeltern steht heute bei meinem Bruder im Regal. Und das Bild von Christus, dem guten Hirten, hängt jetzt über meinem Bett. Und beide wissen wir: Unsere Zeit steht in Gottes Händen.

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