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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

22MRZ2026
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Zwei Frauen vor Gericht. So beginnt eine der spannendsten True Crime Geschichten der Bibel. True Crime, das heißt, was da verhandelt wird, ist kein Krimi, den sich jemand zur Unterhaltung für den Sonntagabend ausgedacht hat, sondern ein Fall aus dem echten Leben. Solche Geschichten jagen mir immer einen leichten Schauer über den Rücken. Die beiden Frauen werden nämlich beschuldigt, ein Kind getötet zu haben. Und die eine schiebt der anderen die Tat in die Schuhe. „Wir wohnen im selben Haus“, beginnt Frau A. ihre Verteidigung, „und wir waren zur selben Zeit schwanger. Ich hab mein Kind ein paar Tage vor Frau B. zur Welt gebracht. Wir waren oft allein und zuerst haben wir uns gegenseitig unterstützt. Aber dann ist das Kind von Frau B. nachts an plötzlichem Kindstod gestorben. Und was macht sie? Schleicht sich zu mir rüber und tauscht nachts die Kinder aus. Mir schiebt sie ihr totes Kind unter und nimmt mir meins weg. Aber was glaubt die eigentlich? Dass ich mein eigenes Kind nicht erkenne? Das war überhaupt nicht meins, das ich da morgens tot in seinem Bettchen gefunden habe! Das war ihr Kind, ihr totes Kind!“ „Unverschämtheit!“, fällt ihr Frau B. ins Wort. Es war alles genau umgekehrt. In Wirklichkeit ist ihr Kind gestorben und sie hat mir meins weggenommen!“ So geht das eine ganze Weile hin und her. Und so viel verstehe auch ich von Kriminalfällen, dass es in diesem Fall schier unmöglich ist, die Wahrheit herauszufinden. Es steht Aussage gegen Aussage; es gibt keine Zeugen außer einem überlebenden Säugling, der sich nicht äußern kann, und im Raum steht die ungeheuerliche Frage, wie groß der Schmerz einer Mutter über ihr verstorbenes Kind sein muss, dass sie zu einer solchen Tat überhaupt in der Lage ist.

Das beschäftigt in diesem Fall wohl auch den Richter, in dessen Haut ich wahrlich nicht stecken wollte. Alle warten gespannt auf sein Urteil. Der Richter sagt: „Bringt mir ein Schwert! Wir teilen jetzt das überlebende Kind in zwei Teile. Wenn ihr euch nicht einig werdet, soll eben jede Frau was davon haben.“ Im Gerichtssaal wird es mucksmäuschenstill. Dann hört man einen langgezogenen Schrei: Nein! Brüllt eine der Frauen. Macht das nicht! Gebt das Kind der anderen! Und alle verstehen: In diesem Moment ist die Wahrheit ans Licht gekommen. Die echte Mutter überlässt ihr Kind lieber einer anderen Frau als zuzulassen, dass ihm etwas passiert. Aus Liebe verzichtet sie auf ihr Recht.

Mögen doch alle, denen Unrecht droht, auf so einen weisen Richter stoßen!

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SWR1 Begegnungen

01MRZ2026
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Hannah Broß Foto: Eugen Niedenthal

Heute mit Martina Steinbrecher und Hannah Broß aus Achern-Fautenbach. Hannah ist in der 12ten und steckt gerade mitten in ihren Abi-Vorbereitungen. Zur Entspannung liest sie Fantasyromane oder übt sich im Bühnentanz. Und sie hat gerade den zweiten Preis im Wettbewerb „Christentum und Kultur“ gewonnen. Mit einer 40 Seiten starken Arbeit über die katholische Jugendkirche in Fautenbach. Der Preis wird jährlich von den evangelischen und katholischen Kirchen in Baden-Württemberg vergeben und richtet sich an Oberstufenschülerinnen. So hat auch Hannah davon erfahren:  Vor gut einem Jahr ist ihre Religionslehrerin mit einem Werbeflyer in die Klasse gekommen …

… mit der Übersicht, Themen und so weiter, und hat uns halt auch eben vorgestellt, dass man damit eine mündliche Prüfung ersetzen kann und dann hat mich das dann doch interessiert.“

Weil ihr auch sofort ein Thema eingefallen ist: Die Jugendkirche, die es seit 2017 in ihrem Heimatort gibt. Die will eine neue Verbindung zwischen Christentum und Jugendkultur schaffen. Angefangen hat alles mit dem Umbau der katholischen Dorfkirche:

… und seitdem gibt es dort eben keine festen Kirchenbänke mehr, sondern Stühle. Es gibt auch noch einen verschiebbaren Altar, der ganz neugestaltet wurde. Der steht jetzt auch in der Mitte des Gebäudes. Und dann natürlich auch diese moderne technische Ausstattung …

Das Besondere sind für Hannah aber nicht nur die coolen neuen Räume, sondern …

… das Team, das dazugehört. Also Jugendliche hier aus der Gegend zwischen 14 und 27 Jahren, die auch selbst diese Aktivitäten sich überlegen und die Veranstaltungen planen und dann auch gemeinsam durchführen. Und das ist eben das Besondere, dass das von Jugendlichen für Jugendliche geplant wird.  

Ein Pater, eine Pastoralreferentin und eine Gemeindepädagogin gehören zum hauptamtlichen Personal der Jugendkirche. Wenn sie zusammen mit den Jugendlichen planen und gestalten, fühlt sich auch der Gottesdienst gleich ganz anders an:

Also in so einem normalen Gottesdienst hat man vielleicht manchmal das Gefühl, man muss jetzt geradestehen und man soll lieber nicht reden und so weiter, aber das war da ganz anders. Also, es hat niemandem was ausgemacht, wenn man sich auch mal kurz mit dem Nachbarn unterhalten hat, oder es wurden vielleicht auch sogar Anlässe dafür geschaffen und eben auch Witze erzählt.

Der „Funfact“, meint Hannah, spielt in der Jugendkirche überhaupt eine große Rolle, also dass die Leute selber Lust haben auf das, was sie da veranstalten. So sind schon Spieleabende, Bälle, ein Pub-Quiz oder ein Sommerfest zustande gekommen. Alles übrigens kostenlos oder mit Essen und Getränken für wenig Geld.

Man will natürlich den Jugendlichen auch den Glauben näherbringen und auch das Erleben von Gott. Aber es geht eben auch um die Gemeinschaft, sich auch mit anderen Jugendlichen zu unterhalten, ins Gespräch zu kommen, vielleicht auch über Religion, aber auch nicht nur.

Für ihren Wettbewerbs-Beitrag über die Jugendkirche hat Hannah einige Veranstaltungen besucht und zahlreiche Interviews geführt. Sie hat aber auch kirchliche Konzeptpapiere gelesen, Statistiken ausgewertet und sich mit theologischen Fragen beschäftigt. Eine dieser Fragen ist zum Titelthema ihrer Arbeit geworden: „Heißt ‚zum Glauben finden‘ ‚zur Vernunft kommen‘?“ Die Abiturientin aus Achern hat in einer preisgekrönten Arbeit „kirchliche Jugendarbeit im Spannungsfeld von Denkanstößen und starken Gefühlen“ untersucht. Ich habe sie gefragt, wo sie sich da selber sieht. Sie zögert ein bisschen:

Wahrscheinlich würde ich sagen, ich bin eher der rationalere Typ. Ja, weil es natürlich eben doch wichtig ist, auch vernünftig zu denken.

Das steht aber für sie nicht im Gegensatz zu emotionalen Momenten oder religiösen Gefühlen. In der Jugendkirche findet sie beides in einer guten Mischung. Christlicher Glaube und jugendliche Lebenswelten treffen sich. Und was prägt jetzt die Lebenswelt von jungen Leuten?

Natürlich Schule auch, weil man da doch sehr viel Zeit verbringt. Social Media, würde ich auch sagen, weil das auch immer mehr wird und weil das auch fast jeder hat. Ja, und dann natürlich aber auch der Freundeskreis und Hobbies und Sport.

Social Media auf Platz zwei. Noch vor Freunden und Hobbies und Sport. Hannahs vielleicht eher zufällig genannte Reihenfolge passt zur aktuellen Diskussion um ein Handyverbot an Schulen. Dazu hat Hannah eine klare Meinung:

Also ich glaube, dass es auch schwierig ist, das wirklich konsequent zu machen, dass man einfach gar keinen Zugang mehr hat. Da ist es vielleicht dann wichtiger, auch einfach den Jugendlichen zu erklären, wie man am besten damit umgehen sollte, was dann vielleicht eher der richtige Weg ist.

Was für eine kluge, kritische und sympathische junge Frau! Fazit ihrer Arbeit: Die Lebenswelten von Jugendlichen ernst nehmen, eine Atmosphäre zum Wohlfühlen schaffen, aber auch Freiräume zum kritischen Nachfragen und zum gegenseitigen Austausch, das hält Hannah für wichtige Ziele kirchlicher Jugendarbeit.

Weil die Kirche natürlich auch Mitglieder verliert und dann muss man die Jugendlichen auch früh ansprechen, weil, wenn man schon in der Jugend oder in der Kindheit auch keinen Kontakt hat dazu, dann ist es, glaube ich, schwieriger als Erwachsene dann überhaupt irgendwie noch einen Bezug dazu zu finden. Darum sollte man das auf jeden Fall weiter ausbauen, wenn möglich.

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SWR1 3vor8

22FEB2026
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Kennen Sie Uli Keuler? Leider hat der schwäbische Kabarettist im letzten Dezember seine Abschiedsvorstellung gegeben. Ich kenne viele seiner legendären Stücke auswendig und gebe Ihnen gleich mal eine Kostprobe – natürlich auf Schwäbisch:

„Ah! Des hat mr jo dies Johr wiedr soo viel brocht: Die Landschaft, des Licht, die Leit!

Mr isch a so offe fir vieles, gell? I hab jo irreweise ausgrechnet  dodurch, dass mr uff de Piazza Navona  en Satz Kaffeedasse nunnergfalle isch, schlagartig  glernt zu akzeptiere, dass sich s eigene Ich permanent verändert … wie de Kellner komme isch, han e glei gsagt, ich wars net!“

Ich war’s nicht! Dieser Satz führt uns direkt in den Predigttext für den heutigen Sonntag und mitten hinein ins biblische Paradies: Die Landschaft, das Licht, die Leute … Da sind Adam und Eva, das erste Menschenpaar. Sie haben sich versteckt, vor Gott, ihrem Schöpfer. Aber Gott, der in dieser Erzählung im Abendrot spazieren geht, kommt ihnen schnell auf die Schliche und stellt sie zur Rede. „Habt ihr etwa von dem verbotenen Baum gegessen?“ fragt er sie. Darauf Adam, wie aus der Pistole geschossen: „Die Eva war’s! Die hat mir von den verbotenen Früchten gegeben.“ Und Eva: „Die Schlange wars, die hat mich verführt!“

„Ich wars nicht!“ Anscheinend fällt es uns seit Menschengedenken schwer, Fehler zuzugeben. Auch ich kenne diesen Reflex, mich erst mal zu ent-schuldigen, wenn ich zur Rechenschaft gezogen werde. Und die Ausflüchte hören sich oft gar nicht so viel anders an als bei Adam und Eva: Da sind dann die Eltern schuld oder die misslichen Umstände. Oder die oder jene falsche Schlange, die mich mit falschen Informationen versorgt hat.

Was wäre passiert, wenn Adam und Eva damals gesagt hätten: „Gott, ja, du hast recht: wir haben von dem verbotenen Baum gegessen!“

Und was würde passieren, wenn ich öfter mal zugeben könnte: „Ja, ich hab’s verbockt! Das nehm ich auf meine Kappe!“? Vielleicht wäre das ja gar nicht so schlimm. Ja, vielleicht würde mir irrerweise ausgerechnet dadurch klar, dass ich verführbar bin, anfällig für Fehler und angewiesen auf die Fehlerfreundlichkeit anderer und ihre Vergebungsbereitschaft. Ich nehme mir vor, es auszuprobieren. Nächstes Mal sag ich: „Ich wars! Tut mir leid! Die Kaffeetassen sind kaputt, aber unsere Freundschaft soll daran nicht zerbrechen!“ Und vielleicht fühlt sich das dann ein bisschen so an wie im Paradies.

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SWR Kultur Wort zum Tag

21FEB2026
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Ein Jammer: Der Fasching ist rum, die Ballsaison vorbei, und jetzt gehen morgen auch noch die Olympischen Spiele zu Ende! Auch wenn ich kein großer Wintersportfan bin, haben diese Spiele mir in den letzten zwei Wochen immer wieder Hoffnung gemacht. Hoffnung, dass es doch so etwas wie ein friedliches Aufeinandertreffen von Menschen unterschiedlicher Nationen, Hautfarben, Weltanschauungen gibt. Wettstreit ja, aber eben regelbasiert, wie es sich so viele auch für die internationalen politischen Beziehungen wünschen.

Der Einzug der Nationen - fast ein biblischer Moment, denn dort gibt es auch diese Vision einer Völkerwallfahrt, in der alle Nationen friedlich an einem Ort zusammenkommen, um ihren Streit und ihre Auseinandersetzungen zu begraben. Mir haben diese Bilder gutgetan. Und auch andere olympische Momente. Da gab es diesen Eiskunstläufer Ilia Malinin. Auf Insta ist er als QuadGod unterwegs ist, als Gott des Vierfachsprungs. Wahrscheinlich würde er als erster Läufer der Welt sogar einen Fünffachsprung zeigen; schon im Vorfeld flogen ihm die Goldmedaillen zu wie die Herzen des Publikums.

Aber dann lief alles komplett schief. Er verpatzte seine Kür, sprang den Axel nur einfach, stürzte, rutschte zusehends von einem sicheren Medaillenplatz in die mittleren Ränge ab. Und was macht er? Heult, ja, das auch, aber dann geht er zu dem neuen Gewinner, der sein Glück noch gar nicht fassen kann, nicht bloß pro forma, bleibt bei ihm stehen, gibt ihm die Hand, redet mit ihm, nimmt ihn in den Arm. Das ist groß!

Und vielleicht zeigt sich, wozu ein Mensch fähig ist, im Guten fähig ist, ja sowieso viel eher im Scheitern als auf den Siegertreppchen. Das hat nicht nur der QuadGod gespürt, auch der biblische Gott hat diese Erfahrung gemacht. Die Geschichte seines Sohnes, auf den er alles gesetzt hat, geht nämlich auch ganz anders aus als seine Fans vermutet haben. Daran erinnert die kommende Passionszeit. Alle setzen große Stücke auf Jesus, dass er mit seiner charismatischen Art und seinem wirklich alternativen Lebensstil die Welt zum Guten verändert, aber dann endet alles in einem Desaster: Intrigen, Verrat, Feigheit, Spott und Hohn, ein Schauprozess, Folter und ein Todesurteil.

Sieben Wochen haben wir nun wieder Zeit, uns damit auseinanderzusetzen, welche Größe im Scheitern liegt. Dass Gott nicht auf dem Siegertreppchen landet, sondern am Kreuz. Und welch ungeheure Kraft das entfalten könnte auch für unsere eigenen Niederlagen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

20FEB2026
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Wir hören alle mit zwei Ohren, sagt Bernhard Pörksen, Jahrgang 1969, Professor für Medienwissenschaften an der Uni Tübingen. Was daran aufregend ist? Nun, Pörksen meint, dass Ohr eins und Ohr zwei ganz unterschiedliche Dinge hören. Da gibt es das Ich-Ohr. Es hört darauf, ob ich mit dem, was andere sagen, übereinstimme und filtert alles, was reinkommt, nach meinen eigenen Vorlieben, Perspektiven und Ideen. Es lechzt nach Zustimmung. Das Du-Ohr ist ganz anders aufgestellt. Es hört darauf, ob in dem, was andere sagen, etwas Wahres und Plausibles steckt, auch wenn es sich nicht mit meinen eigenen Vorstellungen deckt. Für mich ist es keine Frage, welches von beiden Ohren häufiger auf Durchzug gestellt ist.

Bernhard Pörksen will dem Zuhören wieder auf die Spur kommen. In seinem gleichnamigen Buch nennt er das Zuhören die stille Supermacht der Kommunikation. Und leider, so seine Analyse, kommt uns die gerade immer mehr abhanden. Denn die sozialen Medien haben die Kommunikation radikal und grundlegend verändert. Jedermann und jedefrau ist ständig am Posten, Publizieren, Senden. Selten ist auch mal Sendepause. Und genauso schnell muss reagiert, geantwortet, kommentiert werden. „Sofortismus“ nennt Pörksen dieses Phänomen. Zack, zack; als wäre Verständigung ein Tennisspiel. Dabei geht uns das Zögerliche verloren, das Nachdenken, das Abwägen. Das wichtige zweite Ohr, das Du-Ohr verkümmert, das anderen Meinungen, Haltungen, Erfahrungen eine Chance geben könnte.

Der biblische König Salomo, der in der Tradition als besonders weise gilt, hat schon vor 3000 Jahren in einer vorurteilsfreien Wahrnehmung die entscheidende Kompetenz für ein erfolgreiches Regieren erkannt. Als Gott ihm zu seinem Dienstantritt die Erfüllung jedweden Wunsches in Aussicht stellt, bittet er nicht um Reichtum, nicht um Siege oder Superkräfte, sondern um ein hörendes Herz. Großartig! Denn darin sind sich der antike Herrscher und der moderne Kommunikationswissenschaftler einig: Wer wirklich zuhört, lebt Demokratie im Kleinen und Konkreten, anerkennt Andersartigkeit, setzt sich mit Verschiedenheit auseinander, ja, schafft die Grundlage für die gemeinsame Erkundung einer Welt, die überhaupt erst im Miteinanderreden und Einanderzuhören entsteht.

Auch eine gute Übung für die anstehende Fastenzeit: Das Zweitohr trainieren, das Handy zur Seite legen und Gott jeden Morgen um ein hörendes Herz bitten.

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SWR Kultur Wort zum Tag

19FEB2026
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„Sieben Wochen ohne Härte“, das hat sich die evangelische Fastenaktion in diesem Jahr auf ihre Fahnen geschrieben. Nicht mein Thema, hab ich gedacht und überlegt, den dazu gehörigen Fastenkalender diesmal nicht zu bestellen. Ich bin ja kein Ellenbogentyp, behandle alle Menschen mit großer Empathie, pflege einen kollegialen Führungsstil. Härte ist ganz bestimmt nichts, was ich mir abtrainieren muss!

Aber dann ist mir doch etwas eingefallen. Es ist jetzt genau zehn Jahre her, dass das Leben mich in eine tiefe Krise gestürzt hat. Viele Wochen lang war ich krankgeschrieben; schließlich habe ich mich in einer psychosomatischen Klinik wiedergefunden. Diagnose: Schwere Depression. Und mein Gefühl, trotz aller Erschöpfung: Ich doch nicht! Es hatte doch immer alles funktioniert – ich hatte doch immer funktioniert; siebenundvierzig Jahre lang. Und plötzlich ging gar nichts mehr.

Erst in der Klinik habe ich mich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Therapieangebote neu kennengelernt und neu aufgestellt, und konnte nach einem Vierteljahr wieder in mein Leben zurückkehren. Ich habe damals auch im Chor gesungen. Das war mir vertraut; seit Kindertagen war ich als Chorsängerin aktiv. Aber in diesem Chor der Versehrten ging es nicht um schwierige Intervallsprünge oder um lupenreine Intonation. Es ging überhaupt nicht darum, ein Stück einzuüben. Das heilsame Singen hatte nur den einen Sinn, sich selbst näherzukommen. Und Musik ist einfach ein guter Seelenöffner. Die Lieder waren einfach, immer wieder dieselben Worte, dieselbe Melodie. So wie dieses: „Wieder weich, zart und lebendig werden dürfen im Fluss meiner Liebe, im Fluss meines Klangs.“ Und nochmal: „Wieder weich, zart und lebendig werden dürfen im Fluss meiner Liebe, im Fluss meines Klangs.“ Und irgendwann, als ich nicht mehr über die Worte und die Töne nachdenken musste, ist es tatsächlich passiert: Tränen sind mir – ich kann es nicht anders sagen – in Strömen übers Gesicht gelaufen. Gleichzeitig habe ich gespürt, wie etwas in mir zusammenbröselt. Wie ein Panzer, der abfällt, wie eine Mauer, die in sich zusammenstürzt. Und tief in mir drinnen war es auf einmal ganz zart, weich und lebendig. Nein, ich habe auch damals nach außen nie Härte gezeigt. Aber in mir war vieles zu Stein geworden, eingemauert oder zugeschüttet.

„Sieben Wochen ohne Härte“. Ich habe den Kalender zur Fastenaktion jetzt doch bestellt. Und wünsche allen, die sich auch darauf einlassen mögen, dass sie wieder einmal weich, zart und lebendig werden dürfen.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

15FEB2026
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Wehret den Anfängen! Nennt Ungerechtigkeit beim Namen, auch im Kleinen! Erstickt das Böse schon im Keim! Wenn das nur immer so einfach wäre …
„Verbrecherische Rede kann eine böse Falle sein“, warnt ein biblisches Sprichwort. Aber wo fängt verbrecherische Rede an? Ab wann wird sie gefährlich? Und was setze ich ihr entgegen? Die Liedermacherin Dota Kehr hat darüber ein Lied geschrieben, das mich gepackt hat. Es handelt von zwei im Bus:

Der Bus fährt in die Kurve, die Tanzstunde war toll,
Foxtrott hat sie immer interessiert.
Und seine Hobbys. Meine Güte, sie weiß gar nicht, was sie sagen soll.
Sie ist total fasziniert.
Rollenspiel und Backen – aus uns könnte was werden,
denkt sie gerade, da reißt er diesen Witz.
Sie ist perplex. So ein rassistischer Witz.
Er lacht. Und sie lacht kurz mit aus Reflex.

Wehret den Anfängen! Erstickt das Böse schon im Keim! Nennt Rassismus beim Namen, auch wenn er sich als Witz getarnt hat. Was ist zu tun? Das fragt sich auch die Frau im Bus bei Dota Kehr:

Was ist zu tun? Sie zögert irritiert.
Er lacht noch und sie überlegt, wie sie jetzt reagiert.
„Tut mir leid, dass mit uns beiden kannst du knicken.
Such dir anderswen zum Reden. Manche blicken es halt nie.
Ich steig hier aus. Fick dich ins Knie!“
Das könnte sie sagen.
Es wär vielleicht nicht ganz ihr Stil.
Die Formulierung wär zu drastisch für ihr Taktgefühl.
„Bleib ich jetzt höflich? Oder scheiß ich auf höflich?
Zieh ich jetzt nicht diese Linie, stell dir vor, was könnte werden.
Da wäre alles inbegriffen. Vielleicht würden wir ein Paar,
es kommen Kollegen zu Besuch,
er macht rassistische Sprüche und ich gucke verkniffen.
Vielleicht kommen ein paar Freunde von ihm,
sitzen auf dem Sofa, essen Kekse, neigen zu Gewalt.
Rassismus ist Rassismus, ob im Witz oder im prügelnden Mob,
der gleiche Scheiß-Rassismus halt.“
Was ist zu tun? Sie zögert irritiert.
Er lacht noch und sie überlegt, wie sie jetzt reagiert.
„Tut mir leid, dass mit uns beiden kannst du knicken.
Such dir anderswen zum Reden. Manche blicken es halt nie.
Ich steig hier aus. Fick dich ins Knie.“
Das könnte sie sagen, doch der Bus fährt gerade an, zur nächsten Halte ist es lang,
sie glaubt an Dialog und dass man seine Meinung ändern kann. Hmmm. Hmmm.

Ja, reden hilft. Diskutieren. Unterschiedliche Anschauungen miteinander ins Gespräch bringen. Davon war ich immer überzeugt. Jetzt bin ich manchmal zögerlich. Funktioniert das wirklich? Mit Radikalen? Was hilft, um all den Fallstricken zu entkommen? Das fragt sich auch die Frau im Bus:

Hakt sie nach, wird er sie ganz bestimmt humorlos nennen.
Eben dachte sie, sie würde ihn so gerne besser kennenlernen.
Oh Mann, wie kompliziert, denkt sie, wahrscheinlich bin ich schon verliebt?
Und vielleicht bin ich auch zu kleinlich.
Ist ein Witz nur ein Witz? Oder wirklich ein Problem?
Sie schaut ihn an. Er lacht die ganze Zeit.
Wie diskriminiert man jetzt korrekt diesen Rassist? Das heißt, wenn er einer ist?
Und woher weiß man das mit Sicherheit?
Was ist zu tun? Ein Ausweg wär zu denken: Ach, er hat’s nicht so gemeint,
er ist so nett und er scheint so reflektiert.
Und so macht’s das halbe Land, weil keiner weiß, wie man am besten reagiert.

Kommunikationstrainer sagen: Ein Mensch braucht sieben Impulse, bis er von einer fest gefassten Meinung ablassen kann. Was ist also zu tun? Geduld haben, sechs verbrecherischen Reden standhalten und die siebte gute Idee finden, die es wenden könnte. Und zum Durchhalten um Gottes Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit bitten. Damit lässt sich den Anfängen wehren. Und ihren Fortsetzungen auch.

Wollt ihr wissen, wie es weiter ging, mit den beiden im Bus?
Kam’s zur Schlägerei oder kam’s zum Zungenkuss?
Stieg sie einfach aus und hinterließ ihn konsterniert?
Oder haben die beiden stundenlang gemeinsam diskutiert?
Ich weiß es nicht, ich kenn die nicht, ich kann es euch nicht sagen,
wie in dem Fall der Verlauf war und der Schluss -ich saß in einem andern Bus.

 

Musikangaben:
Text und Musik: Dota Kehr
Aufnahme: Dota, Die Freiheit. Kleingeldprinzessin Records 2018 LC 09274

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

17JAN2026
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„Beim Geld hört die Freundschaft auf!“, hört man oft. Ich habe das zum Glück persönlich noch nicht erlebt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich mir bisher um Geld keine Sorgen machen musste. Mein ältester Sohn lebt in Berlin und kennt ganz andere Geschichten. Er gibt ehrenamtlich Nachhilfe für Schüler, deren Eltern die Nachhilfestunden nicht bezahlen können. Im selben Projekt arbeitet auch ein Rechtsanwalt als ehrenamtlicher Schuldnerberater. Und viele andere bringen sich mit ihren Fähigkeiten unentgeltlich ein.

Gerade erst hat mein Sohn etwas erlebt, was ihm sehr nahe gegangen ist. Unter dem Vordach seines Wohnblocks in Neukölln hat Norbert sich eingerichtet. Norbert ist obdachlos, schläft mal hier und mal da; tagsüber hält er sich die meiste Zeit in der überdachten Hausecke auf. Es sieht dort entsprechend aus, es riecht unangenehm, immer wieder kommt es zu Konflikten mit einzelnen Hausbewohnern; Frauen trauen sich nicht zu allen Tageszeiten allein an ihm vorbei. Manchmal hat Norbert auch Besuch; dann sitzen sie da zu zweit auf seinem Schlafsack, er und sein Freund.

Als mein Sohn mit einer großen Tüte Plastikpfandflaschen vorbeikommt, spricht Norbert ihn an. „Können wir die haben?“ „Klar“, sagt mein Sohn und drückt Norberts Freund die Tüte in die Hand. Er freut sich und überschlägt im Kopf, dass wohl knapp über zehn Euro rauskommen dürften, wenn die beiden das Pfand einlösen. Ein paar Wochen vergehen. Norbert scheint anderswo untergekommen zu sein; jedenfalls bleibt sein Platz unter dem Vordach lange leer. Dann sitzt er doch wieder da. Er spricht meinen Sohn an: „Nächstes Mal drückst du mir die Tüte in die Hand. Er hat mir nichts abgegeben.“

Mein Sohn ist getroffen. Und ich auch, als er mir die Geschichte am Telefon erzählt. Er ist selbstverständlich davon ausgegangen, dass die beiden sich den Erlös geteilt haben, vielleicht sogar mit zwei Bierchen angestoßen haben. Dass Not zusammenschweißt und geteiltes Leid irgendwie halbes Leid ist. Aber wieder einmal ist deutlich geworden, wie wenig ich die Not von Menschen kenne, denen nicht nur Geld und Obdach und Wäsche zum Wechseln fehlen, sondern auch menschliche Beziehungen, die ich so leicht als selbstverständlich erachte. „Jedem auf des Lebens Pfad einen Freund zur Seite“ wünscht der Dichter Johann Peter Hebel in einem Neujahrslied. „Und zu stiller Herzensgüte Hoffnung ins Geleite.“ Ich schließe mich ihm heute aus vollem Herzen an.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

16JAN2026
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Margit liegt unter einem ganzen Haufen von Turnmatten begraben und rührt sich nicht. Wir sind zu siebt und haben eine Gruppentherapiesitzung. Psychodrama nennt sich die Methode. Heute ist Margit an der Reihe. Sie darf Gegenständen oder anderen Gruppenmitgliedern Rollen zuweisen. Sie hat sich für die Turnmatten entschieden. Sie liegen auf ihr drauf und sollen alles darstellen, was sie bedrückt. Manchen Matten hat sie Namen gegeben.

Dann beginnt die kreative Phase. In Nullkommanichts hat Margit sich freigestrampelt. Einzelnen Matten verpasst sie Schläge und Fußtritte, andere werden mit Schmackes in die Ecke gepfeffert. Die Aktion dauert ziemlich lang. Margit tobt durch den Raum und wird immer röter im Gesicht. Als sie alle Matten erledigt hat, setzen wir uns mit dem Therapeuten zusammen und sprechen über das, was wir gesehen und erlebt haben.

Ich selbst hatte mehrfach den Impuls abzuhauen. Margits Aggressivität war mir total unangenehm. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich sie bewundere. Woher nimmt sie nur diese Energie? Und wird sie eigentlich nie müde? Gibt sie niemals auf? Margit hat mich an einen Mann aus der Bibel erinnert. An Jakob. Der ist nach einem Streit in seiner Familie, den er maßgeblich mit verursacht hat, von zuhause abgehauen und hat ein paar Jahre ohne jeden Kontakt zu seiner Familie in der Fremde verbracht. Dann kehrt er zurück. Das Wiedersehen steht an, vor allem mit dem verhassten Bruder, den er um sein Erbe gebracht hat. Jakob ist ein gemachter Mann; er muss sich vor niemand verstecken, aber vor der Begegnung mit der eigenen Vergangenheit hat er dann doch Angst. Er kann nicht schlafen und geht nachts unruhig auf und ab. Und dann heißt es in der Bibel: „Plötzlich war da jemand, der bis zum Morgengrauen mit ihm kämpfte.“ Wer oder was es ist, mit dem Jakob ringt, bleibt unklar, aber als der Gegner sich davonmachen will, macht Jakob ihm eine Ansage: „Ich lasse dich erst los, wenn du mich segnest!“ Und da sehe ich Margit vor mir. Wir sind Freundinnen geworden und seit jener Therapiestunde sind elf Jahre vergangen. Für mich ist Margit in all den Jahren die Gotteskämpferin von damals geblieben: Sie gibt keine Ruhe, sie lässt nicht locker, bis sie nicht allem, was sich ihr an Widrigkeiten in den Weg stellt, allem, was sie erdrücken und klein machen will, ein Stück Segen abgetrotzt hat. Ich bewundere das. Und manchmal schaffe ich es sogar, mir eine Scheibe Trotzkraft von ihr abzuschneiden.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

15JAN2026
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Das Gleichnis vom verlorenen Groschen hat mir noch nie besonders gut gefallen. Da wählt Jesus schon einmal eine Frau, um etwas über Gott zu erzählen, und dann passiert Folgendes: Einer Frau kullert eine Silbermünze aus dem Geldbeutel. Sie kehrt daraufhin ihr ganzes Haus von oben nach unten, findet den Groschen und, so wörtlich: „ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir! Ich habe die Silbermünze wiedergefunden, die ich verloren hatte!“

Ist doch übertrieben, oder? Und voller Klischees über dusselige, pedantische Hausfrauen, die wegen jeder Kleinigkeit ihre Freundinnen anrufen. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich manche Sachen, die ich verloren habe, nicht wiedergefunden habe. Mein lila Fahrrad zum Beispiel. Das hatten meine Tübinger Studienfreunde für mich zusammengeschraubt, nachdem mir mein altes geklaut worden war. Und dann haben sie es auch noch in meiner Lieblingsfarbe angemalt. Was für ein wunderbarer Freundschaftsbeweis! Mein lila Fahrrad war absolut unverwechselbar. Ich habe es geliebt! Und dann war es plötzlich weg. Weil ich einmal zu faul gewesen bin, es abzuschließen; ich wollte ja nur schnell zum Bäcker und mir eine Brezel holen. Aber die eine Minute hat gereicht. Als ich wieder rauskam, war es weg. Und ist nie wieder aufgetaucht. Noch heute schmerzt es mich, wenn ich dran denke.

Aber nicht nur Gegenstände kommen abhanden. Mir sind auch Menschen verloren gegangen. Annette zum Beispiel, eine Freundin aus der Tübinger Clique. Wir waren ganz eng, haben stunden- und nächtelang miteinander geredet; später kam nur sie als Trauzeugin infrage. Und dann? Das Studium war zu Ende und jede von uns in einer anderen Stadt mit ihrem Berufsanfang beschäftigt; später mit Kindern und Karriere. Und da haben wir uns einfach aus den Augen verloren. Ohne dass etwas zwischen uns vorgefallen wäre. Es ist einfach so gekommen. Aber dann habe ich Annette wiederentdeckt. Auf einem Foto in der Zeitung. Ich habe sie gegoogelt, gefunden und ihr geschrieben. Und sie hat tatsächlich geantwortet. Neulich haben wir uns sogar getroffen. Zum ersten Mal seit 36 Jahren. Sofort war die alte Vertrautheit wieder da, ihr unverwechselbares Lachen und ihre Kunst, mich erfolgreich auf den Arm zu nehmen. Und da habe ich begriffen, dass es in dem Gleichnis vom verlorenen Groschen nicht bloß um eine Silbermünze geht, sondern um echte Goldstücke. Und hab mich gefreut wie Bolle und allen meinen Freundinnen davon erzählt.

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