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SWR Kultur Wort zum Tag

14AUG2025
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Das kleine Mädchen mir gegenüber in der U-Bahn kuschelt sich eng an seine Mutter. Doch dann lugt es vorsichtig und doch auch neugierig zu mir herüber. Vielleicht ist es zwei Jahre alt. Jedenfalls alt genug, um mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich lächele, beginne mit den Fingern kleine Gesten zu machen. Und tatsächlich: Das Mädchen winkt zurück. Es rückt sogar ein bisschen zu mir hin, weg vom sicheren Schutz der Mutter. Ich staune, wie ausdrucksstark sein Gesicht ist – zwischen Scheu und keckem Interesse. Und ich frag mich, was wohl im Kopf des Mädchens vor sich geht.

Die Hirnforschung weiß heute: Unmittelbare Blickkontakte sind für kleine Kinder enorm wichtig. Sie ahmen intuitiv die Mimik ihres Gegenübers nach. Und das wirkt tief, denn über die Mimik werden Gefühle in ihnen wachgerufen. Wenn ein Kind etwa das Lächeln seines Gegenübers nachahmt, empfindet es dadurch Freude. Durch Blickkontakte lernen Kleinkinder also ihre eigenen Gefühle kennen. Das ist ein hochkomplexes Geschehen, denn all die feinen Verbindungen im Gehirn müssen sich erst noch bilden. 

So lernen Kinder auch im Gesicht ihres Gegenübers zu lesen, was der Blick des anderen verrät: Ob sie ihm vertrauen können oder nicht. Wie ist der Blick: liebevoll oder streng?

Psychologen sagen, dass Kinder den Glanz in den Augen ihrer Eltern brauchen, wenn sie angeschaut werden. Dieses Leuchten, das ihnen sagt: Wir freuen uns, dass du da bist.

Das bleibt ein Leben lang wichtig: Wie schauen andere auf mich? Werde ich überhaupt wahrgenommen? Habe ich ein Ansehen in ihren Augen?

Viele tun sich schwer einen Blick länger auszuhalten. Weil da die Erfahrung lauert oder zumindest die Angst: Der andere findet mich nicht gut, er schaut auf mich herab oder er lehnt mich sogar ab.

Und dann gibt es auch diese Augenblicke, die unter die Haut gehen. Wenn ein Neugeborenes zum ersten Mal die Augen aufschlägt und einen anschaut wie aus einer anderen Welt. Da entsteht Bindung. Oder wenn ich jemandem gegenüber ehrlich bin und meine Gefühle offenbare. Dann suche ich in seinem oder ihrem Blick nach einer Resonanz: Wie steht es jetzt mit uns? 

Mich berührt daher eine alte Segensformel aus der Bibel: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“ (Numeri 6,25).

Gott sieht mich an. Voll Liebe, voll Gnade. Und ich muss nicht ängstlich und beschämt zu Boden schauen, sondern darf mit ihm Kontakt aufnehmen und darin entdecken: Ich bin wertvoll in seinen Augen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

24MAI2025
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Ich liebe große Bäume: Wie sie da stehen mit mächtigen, ausladenden Ästen und einem Stamm, der fest in der Erde wurzelt. Manchmal stehen auch zwei Bäume so nahe beieinander, dass sie eine gemeinsame Krone entwickeln. Es sieht dann fast wie ein Baum aus. 

Ich finde, das ist ein schönes Bild für eine Ehe: so zusammenzuwachsen, dass ein größeres Ganzes entsteht. Dabei bringen sich beide mit ihren ganz persönlichen Eigenarten und der eigenen Lebensgeschichte ein. Oft ist es so, dass sich ein Paar dabei ergänzt. Da ist die eine spontan, der andere überlegt. Einer kümmert sich darum, dass die äußeren Rahmenbedingungen fürs Zusammenleben stimmen, die andere, dass man sich innerlich nicht aus dem Blick verliert. Man passt sich aneinander an und entwickelt gewisse Zuständigkeiten. Und so wachsen zwei zu einem Paar zusammen – eben wie zwei Bäume, die nahe beieinanderstehen, und eine prächtige gemeinsame Krone entwickeln. 

Aber Leben ist ein fortdauernder Wachstumsprozess. So kann es sein, dass sich etwas verändern oder neu entwickeln möchte. Das passiert oft um die Lebensmitte. Manchmal stellt sich dann die Frage: Wer bin ich eigentlich jenseits meiner Zuständigkeiten? Gibt es auch Seiten, die bisher zu kurz gekommen sind, und die sich jetzt entfalten möchten? 

Wenn zwei Bäume nah beieinanderstehen, kann einer auch verkümmern, wenn er nicht genug Licht und Raum hat. Und jeder Baum braucht seine eigene Wurzel, um lebendig zu sein. Das ist meines Erachtens auch für eine Ehe wichtig. Jeder braucht seinen Selbststand und seine eigene Verwurzelung. Es tut einer Beziehung gut, wenn persönliche Freundschaften und die Beziehungen zu der eigenen Herkunftsfamilie gepflegt werden, wenn jeder auch ein eigenes Leben hat, das ihm etwas bedeutet, etwa der Beruf oder ein Hobby. Das jeweils beim andern zu respektieren kann ganz schön herausfordernd sein, wenn dabei Lebensweisen und Einstellungen zu Tage treten, die nicht so gut zusammenpassen. 

Statt Harmonie gibt es dann Meinungsverschiedenheiten, manchmal auch Streit. Sich damit ehrlich auseinandersetzen und dabei anzuerkennen, dass eben jeder Mensch ganz eigen ist und nicht nur die optimale Ergänzung, ist nicht leicht. Aber durch diese Reibung kann auch Energie und Lebendigkeit entstehen und manchmal ganz überraschend neue Nähe.   

Wenn ich daher zwei Bäume dicht beieinander wachsen sehe, dann macht mir das Mut, dass beides zusammen möglich ist: sich aufeinander einzulassen und miteinander ein gemeinsames Leben aufzubauen – also zusammenzuwachsen – und zugleich jedem seinen und ihren Eigenraum zuzugestehen und die eigene Entwicklung zu fördern. 

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SWR Kultur Wort zum Tag

23MAI2025
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Wer wird der nächste Papst sein – und welchen Weg wird die katholische Kirche unter seiner Führung einschlagen? Diese Frage hat nach dem Tod von Papst Franziskus viele Menschen bewegt. 

Das Papstamt hat sich im Verlauf der Geschichte immer wieder verändert. Im Mittelalter treten Päpste als machtvolle Herrscher auf mit allen Insignien – bis hin zur Papstkrone. Doch spätestens seit dem 2. Vatikanischen Konzil geht diese Ära zu Ende. Das hat viele Gründe. Der Wichtigste: Die Kirche besinnt sich auf die biblischen Wurzeln.  

Jesus ist nicht gekommen ist, um zu herrschen. Als sich seine Jünger darüber streiten, wer von ihnen im Reich Gottes die besten Plätze einnehmen wird, weist er sie zurecht und sagt „Wer von euch der Größte sein will, der sei der Diener aller“ (Mk 9,35).

Franziskus hat diese Haltung seiner Kirche und besonders ihren Würdenträgern ins Stammbuch geschrieben. Und er hat sie nicht nur gepredigt, sondern selbst gelebt. Natürlich hat Franziskus mit seinem Kurs auch Widerspruch ausgelöst. Manche sahen in seinem Abschied von prunkvollen Formen einen Verlust an Tradition – sie befürchteten, dass die Kirche an Strahlkraft verlieren könnte. Und andere spürten, dass ihre angestammte Macht in Frage gestellt war. Doch genau darin lag die Kraft seines Zeugnisses: Er stellte das Evangelium über jede Form. 

Wer würde sich nun bei der Papstwahl durchsetzen? Ich saß also, wie so viele andere, voller Spannung vor dem Fernseher. Lange blieb es ruhig und man sah nur einen strahlend blauen Himmel und ein paar Tauben, die um den Schornstein flogen und ihre Jungen fütterten. Und dann auf einmal: weißer Rauch - das Konklave hatte den Amerikaner Robert Prevost zum Papst gewählt. Seine ersten Worte an die jubelnden Gläubigen auf dem Petersplatz lauteten: „La pace sia con tutti voi“ – Der Friede sei mit euch allen. Es sind dieselben Worte, die der auferstandene Jesus seinen Jüngern gesagt hat, sein Geschenk für die Welt. Die Tauben auf dem Dach der sixtinischen Kapelle – sie waren nachträglich wie ein Zeichen, dass die Kirche berufen ist, zum Werkzeug des Friedens zu werden – eines unbewaffneten und entwaffnenden Friedens, der von Gott kommt. 

Papst Leo IVX. hat mit seinen ersten Worten den Weg für diesen Frieden gewiesen - eine Aufgabe, die er mit all seiner Kraft annehmen möchte. Doch einer allein und sei es der Papst, kann es nicht bewirken. Ich hoffe, dass die ganze Kirche dazu beitragen wird. 

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SWR Kultur Wort zum Tag

22MAI2025
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Wenn ich meine übliche Spazierrunde auf dem Feuerbacher Höhenweg am Rand von Stuttgart drehe, mache ich gerne bei einer Bank ein Päuschen, auf der man einen wunderbaren Blick über Gärten und Weinberge hat. Gestiftet wurde die Bank von einem örtlichen Handwerksbetrieb. Sie ist nicht die einzige. Ein paar Meter weiter steht eine, die vom Biosupermarkt gespendet wurde, und auch ganz normale Bürger haben zu weiteren Aussichtsbänken beigetragen, die von den Spaziergängern reichlich benutzt werden.

Wie schön, denke ich, dass es so etwas gibt: großzügiges Engagement für andere. Dann fällt mein Blick auf den Boden, und meine Freude wird getrübt. Da liegen Zigarettenkippen, leere Getränkedosen und Verpackungsmüll. Einfach so weggeworfen, ohne an die zu denken, die nach einem kommen.

Wie kommt es, dass den einen die kleine Mühe zu viel ist, keinen Müll zu hinterlassen, während die anderen freiwillig etwas für andere tun?

Was motiviert eigentlich Menschen bei einer Waldputzete mitzumachen? Warum engagiert man sich als Vorlesepatin oder bei der freiwilligen Feuerwehr. Wenn ich andere danach frage, dann kommen Antworten wie: „Ich habe viel Glück im Leben gehabt und will etwas zurückgeben“, oder „Es macht einfach Freude, sich gemeinsam für etwas Sinnvolles einzusetzen“ oder auch: Das Leben wird schöner, wenn wir auch an andere denken.“

Ich kann das gut nachempfinden. Denn das Leben wird für alle so viel schöner, wenn Menschen nicht nur sich, sondern auch die andern im Blick haben. Aber wenn mir dann mal wieder ein rücksichtsloses Verhalten quer kommt – etwa ein Leihroller, den jemand quer auf der Fahrbahn hat stehen lassen, dann bremst mich das schon aus. Warum gelingt es nicht, dass sich alle rücksichtsvoll verhalten? Und diese Frage stellt sich ja nicht nur bei einem Roller, der stört, sondern auch bei den großen Fragen unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts. Nicht nur den eigenen Vorteil suchen, sondern das, was für alle gut ist, selbst wenn es mich eine gewisse Mühe kostet.

Manchmal scheint es einfach so, dass die Guten letztlich die Dummen sind.

Wenn mich solche Gedanken plagen, dann tut mir die kleine Pause auf der Bank gut, weil ich mich auf ihr mit den vielen verbunden fühle, die sich trotz allem von ihrem Engagement nicht abhalten lassen. Und ich denke darüber nach, mit meinem Mann zusammen auch so eine Bank zu spenden.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

18MAI2025
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Bei der Suche nach einem passenden Lied für den heutigen Sonntag bin ich im katholischen Gotteslob auf ein altes Marienlied gestoßen. Mit seinem romantisch-schwärmerischen Text und seiner beschwingten Melodie wirkt es ziemlich aus der Zeit gefallen – aber gerade das hat mich gereizt.

Strophe 1:

Maria, Maienkönigin, dich will der Mai begrüßen;

O segne ihn mit holdem Sinn und uns zu deinen Füßen.

 

Dieses Lied wird in Maiandachten gesungen, bei denen Maria, die Mutter Jesu, im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht. Ich persönlich habe keine Beziehung zu dieser Frömmigkeitstradition –aber ältere Frauen haben mir oft erzählt, wie gerne sie als Kind einen Marienaltar mit frischen Blumen geschmückt haben und wie schön die abendliche Atmosphäre mit den Marienliedern in der Kirche war.

 

Maria Maienkönigin. Es heißt nicht Maria – Himmelskönigin. Hier scheinen ältere religiöse Traditionen zum Vorschein zu kommen. Der Mai ist nach der römischen Göttin Maia benannt, die für das Wachstum des Getreides zuständig war. In vielen vorchristlichen Kulten verkörperten die weiblichen Fruchtbarkeitsgöttinnen die göttliche Kraft des neu aufbrechenden Lebens, die wir im Frühling so üppig erleben können. Im Zuge der Christianisierung wurde diese religiöse Urerfahrung auf Maria, die Mutter Gottes, übertragen.

 

Aber ist das nicht ein bisschen heidnisch, Maria als Maienkönigin zu besingen?  Guido Görres, von dem der Text dieses Liedes stammt, war beeinflusst von den Dichtern der Spätromantik, denen die Natur nach der kalten Rationalität der Aufklärung  wieder zum Resonanzraum des Göttlichen geworden war. Von Eichendorff stammen zum Beispiel die berühmten Zeilen: „Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst.“ Görres hatte 1842 auf einer Italienreise die Form der Maiandacht kennengelernt und davon inspiriert viele Marienlieder gedichtet. Ein Jahr zuvor hatten französische Ordensfrauen in München die erste Maiandacht auf deutschem Boden gefeiert. Von da an entwickelten sich Maiandachten im 19. Jahrhundert zu den beliebtesten religiösen Ausdrucksformen.

 

Und heute?

Mit der traditionellen Marienfrömmigkeit tue ich mich wie die meisten Frauen heute schwer. Vor allem das Frauenbild, das dabei vermittelt wurde – gehorsam, demütig und keusch zu sein – finde ich in dieser Einseitigkeit problematisch. Aber Maria als Maienkönigin zu besingen – das hat etwas. Das Lied ist eine Einladung, den Frühling als göttliches Geschenk zu feiern. Vielleicht entdecken wir dabei auch eine neue Sprache für unseren Glauben. Die beiden Musiker, die das Lied für diese Sendung eingespielt haben, haben sich auf solch eine Entdeckungsreise begeben, und dabei Neues und Altes verbunden.  

 

Strophe 2:

Die Schöpfung hat sich aufgemacht, den Schöpfer zu verehren,

mit Farben, Duft und Blütenpracht will sie sein Lob vermehren.

 

Strophe 3:

Maria, dir befehlen wir, was grünt und blüht auf Erden

Auch uns lass eine Himmelszier in Gottes Garten werden.   (in verjazzter Variante) 

 

 

Text: Guido Görres (1842), Stophe 1 + 3 trad, Strophe 2 Peter Gerloff

Melodie: Johann Kaspar Aiblinger (1845)

Private Aufnahme von Adrian Brenneisen (Gitarre) und Jana Maier (Gesang), Studierende der Musikhochschule Trossingen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

01MRZ2025
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Wenn man jetzt draußen unterwegs ist, ist alles ein bisschen bunter und verrückter als sonst. Eben Fasnet.

Wie hätte das Jesus wohl gefallen? Wir wissen es nicht. Aber manche seiner Aussprüche zeigen ein gewisse Tendenz auf. Deswegen geht es heute in Reimen weiter……

 

Diese Tage, liebe Leut,

gilt das Motto: Lust und Freud.

Fasenacht und Karneval

Tönt es jetzt von überall.

Schräge Hüte, lange Nasen

Geistern da durch unsre Straßen.

Jeder will ein andrer sein

Als er ist, tagaus, tagein.

 

Ganz verpönt sind Ernst und Würde,

Schalk und Spott gelten als Zierde.

Jeder lässt fünf grade sein

Und tanzt in die Welt hinein.

 

Do wo treibt das Leben hin

Ohne Pflicht und Ordnungssinn?

Arbeitseifer, stetes Streben,

ja, die braucht es wohl zum Leben.

Wer nicht für das Morgen sorgt,

hat das Heute nur geborgt.

 

Solche Predigt höret gern,

wem der Leichtsinn lieget fern,

und sich sorgt von früh bis spät,

wie das Leben weiter geht.

 

Jesus lehrte dahingegen,

dass im Sorgen liegt kein Segen.

„Sorgt euch nicht ums Mittagessen,

sorgt euch nicht ums Kilo-messen,

sorgt euch nicht um Kontostand,

sorgt euch nicht um eitlen Tand.

 

All der sorgenvolle Fleiß

Wie man aus Erfahrung weiß,

macht das Leben auch nicht länger

nur die Tage bang und bänger.

 

Lasst den Sorgen ihre Pein,

ihr sollt Gottes Kinder sein.

Wie ein Vater liebt er euch

Und ein jeder gilt ihm gleich.

 

Sorgt euch nicht – vertraut dem Herrn!

Nichts soll euer Herz beschwern.

Nur die Liebe sei euch Pflicht.

Und ein Griesgram, der liebt nicht.

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SWR Kultur Wort zum Tag

28FEB2025
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Als Kind hat mich diese Erzählung aus der Bibel fasziniert: Der ägyptische Pharao hatte geträumt, dass 7 wohlgenährte Kühe aus dem Nil stiegen und dort im Nilgras weideten. Danach kamen 7 abgemagerte Kühe aus dem Fluss. Die fraßen die 7 fetten Kühe einfach auf. Ein Traum des Pharao  - der musste ein wichtige Bedeutung für das ganze Land haben. Aber niemand verstand den Traum. Bis auf einen. Josef verstand den Traum. Ausgerechnet er, ein unbedeutender Sklave, den es aus seiner Heimat Israel nach Ägypten verschlagen hatte. Er sagte zum Pharao:  „Die 7 fetten Kühe sind 7 Jahre, in denen Überfluss herrscht. Danach kommen die 7 mageren Kühe. Das sind 7 Jahre, in denen großer Mangel sein wird. Man wird nichts mehr vom Überfluss spüren. Alle werden hungern. Deswegen solltet ihr Vorsorge treffen. Setze Bevollmächtigte ein, die in den 7 fetten Jahren je ein Fünftel allen Getreides in großen Vorratshäusern speichern sollen. Dann habt ihr in der Zeit der Not genug, so dass die Menschen nicht am Hunger zugrunde gehen müssen.“

Der Pharao war beeindruckt von Josef und er folgte seinem Rat. Er machte ihn sogar zum obersten Aufseher, damit er die Vorsorge gut überwachte. Diese steile Karriere des Josef  fand ich als Kind toll.

Wenn ich heute darüber nachdenke, dann gehört schon Weisheit dazu, sich in guten Zeiten nicht einfach an den Wohlstand zu gewöhnen, als ginge er immer weiter. Josef empfiehlt einen Solidaritätsfonds für die schlechten Zeiten, von dem dann später alle profitieren sollten, besonders die einfachen Leute, die ja sonst in Notzeiten sich selbst überlassen blieben.

Dass der Pharao den Vorschlägen Josefs folgt, ist erstaunlich. Aber die Geschichte von Josef und dem Pharao ist eben keine historische Tatsache, sondern sie ist eine Episode aus der Josefsgeschichte, einer wunderbaren Erzählung aus dem Alten Testament.  An Josef wird deutlich, was es heißt, weise zu sein. Immer wieder wird er in seinem Leben extrem herausgefordert, er erlebt Höhen und Tiefen, doch auch in der größten Not verzweifelt er nicht, sondern vertraut auf Gott. Und er spürt auch, dass Gott ihm etwas zutraut. So kann er Entwicklungen erkennen – wie sie sich in dem Traum zeigen – und ihnen mit kluger Vorsorge begegnen. Nicht egoistisch nur für sich und seine Leute sondern zum Wohle aller. Deswegen fasziniert mich diese Geschichte bis heute.

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SWR Kultur Wort zum Tag

27FEB2025
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Heute ist Weiberfasnet. Da geht es vielerorts hoch her mit Verkleidung und lauter Musik. Rathäuser werden gestürmt und manche Chefs müssen um ihre  Krawatten fürchten. Auch in manchen Kirchengemeinden hat die Weiberfasnet Tradition, und da kommt manches zur Sprache, was man sonst nicht so leicht sagen würde, zumal als Frau.

Dazu passt eine Erzählung aus der Bibel. Eine Frau hatte von Jesus gehört und davon, dass er Menschen geheilt hatte. Und nun sollte dieser Jesus sich in ihrem Gebiet aufhalten. Für die Frau ein Hoffnungsschimmer, denn ihr Kind war schwer krank. Obwohl sie keine Jüdin war spürte sie Jesus auf und bedrängte ihn, dass er ihr Kind heilen sollte. Aber Jesus - wohl genervt von ihrem Verhalten - wehrte ab. Er war doch ausschließlich zu seinem  Volk geschickt und nicht für jeden zuständig. Seine wenig freundliche Antwort war daher: „Lass zuerst die Kinder Israels satt werden, denn es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ Unglaublich, diese brüske Antwort, die die Frau und ihr krankes Kind mit Hunden auf eine Stufe stellt. Doch die Frau lässt sich nicht abwimmeln. Gewitzt gibt sie Jesus zur Antwort: „Du hast Recht, aber auch für die Hunde unterm Tisch fällt etwas von dem Brot ab, das die Kinder essen.“ Das hat auf Jesus Eindruck gemacht. Auf einmal begreift er, dass das „Brot“ also die Liebe Gottes nicht exklusiv sein kann, keine Sonderration nur für sein Volk. Denn Gott ist der Vater aller Menschen. Alle will er satt machen und heilen mit dem Brot seiner Liebe. Das hat Jesus von dieser Frau gelernt.

Bestimmt gibt es heute einige Frauen, z.B. aus der Bewegung Maria 2.0, die auf ihrer Weiberfasnet mit Witz und Hartnäckigkeit daran erinnern, dass Frauen in der katholischen Kirche nicht länger am Katzentisch sitzen wollen, sondern die gleichen Rechte wie Männer einfordern – z.B. Diakonin und Priester zu werden. Zwar gibt es immer mehr Bischöfe, die das befürworten, aber de facto geändert hat sich noch nichts. Und die Frauen werden nicht mehr lange warten. Schon jetzt haben sich viele der Kirche entfremdet.

Jesus war fähig umzudenken – als Mann und als Jude. Er hat erkannt, wieviel Glauben und Gottvertrauen  in dieser fremden Frau längst da war. Deswegen sagt er zu ihr: „Weil du das gesagt hast, gehe nach Hause. Deine Tochter ist geheilt.“

Zu einem Umdenken über die Frauen sollten daher auch seine Nachfolger fähig sein.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

12JAN2025
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Für Angehörige und Freunde da zu sein, wenn sie Hilfe brauchen – für viele ist das selbstverständlich. Etwa wenn die Eltern sich nicht mehr allein versorgen können. Oder wenn ein guter Freund schwer krank wird. 

Wenn so etwas passiert, dann möchte ich mir Zeit nehmen und anderes zurückstellen, weil es jetzt wichtig ist, da zu sein. Aber wenn die Situation dann viel länger dauert, als ich es mir vorgestellt habe, dann wird es oft schwierig. Mein eigenes Leben mit all seinen Aufgaben und meinen Bedürfnissen geht nämlich auch weiter.

Deswegen hat mich das Lied von Clemens Bittlinger, dass ich heute Morgen für Sie ausgesucht habe, besonders angesprochen.

 

1) Dass mir der Atem nicht ausgeht,

wenn ich dich still begleiten will,

auf deinem Weg durch schwere Zeiten.

Dass mir der Atem nicht ausgeht,

wenn ich dich still begleiten will,

auf deinem Weg durch schwere Zeiten.

Ref.: Das wünsch ich mir, das wünsch ich dir,

und unser Gott steht uns dabei zur Seite. (1x)

 

Besonders schwierig finde ich es, für jemanden da zu sein, wenn ich nichts mehr tun kann. Einfach nur still da zu sein, etwa am Bett eines schwer kranken Menschen konfrontiert mich mit meiner eigenen Hilflosigkeit. In solchen Situationen hilft es mir, ganz bewusst meinen Atem wahrzunehmen. Denn jeder Atemzug verbindet mich auch mit dem Menschen neben mir. Ausatmen und einatmen – das ist der Rhythmus des Lebens, an dem wir alle teilhaben. Ich spüre dann, dass wir eingebunden sind in einen viel größeren Kontext. Für mich ist es der Lebensatem Gottes. Wenn ich mich ihm anvertraue, werde ich ruhiger und ich lerne Geduld zu haben – auch mit mir selbst und meiner ohnmächtigen Ungeduld.

Doch es gibt auch die Situationen, wo ich sehr wohl etwas tun kann und tun sollte. Ganz konkret. Nach dem Rechten schauen. Papierkram übernehmen. Jemanden zum Arzt oder zu einem Spaziergang begleiten. Oder etwas Gutes kochen.

In Notsituationen sind viele Menschen hilfsbereit. Das gilt im Kleinen wie im Großen. „Wenn du was brauchst – ich bin für dich da“. Und das ist meistens auch ehrlich gemeint. Aber wenn der Moment der Erschütterung vorbei ist und das normale Leben wieder sein Recht einfordert, schaffe ich es oft nicht mehr, sie einzulösen. Ich möchte daher lernen realistisch einzuschätzen, was ich tun kann und darin verlässlich sein. Denn es hängt nicht alles nur von mir ab.

 

2) Dass es die Worte nicht verweht,

mit denen ich mein Reden füll,

sobald es gilt, zur Tat zu schreiten.

Dass es die Worte nicht verweht,

mit denen ich mein Reden füll,

sobald es gilt, zur Tat zu schreiten.

Ref.: Das wünsch ich mir, das wünsch ich dir,

und unser Gott steht uns dabei zur Seite. (1x)

 

Der wiederkehrende Satz im Refrain erinnert mich daran, dass in solchen herausfordernden Situationen Gott an meiner Seite ist: Das hilft mir, herauszufinden, was jetzt dran ist. Wenn ich mich selbst von Gott getragen weiß, kann ich auch für andere da sein. Ob es nun ums Tun geht oder darum, einfach da zu sein Beides gehört für mich zum Glauben.

3) Dass wir uns nicht im Kreise drehn,                                                                               

sondern erkennen, was Gott will,

und das nicht nur in schweren Zeiten.

Dass wir uns nicht im Kreise drehn,                                                                                    

sondern erkennen, was Gott will,

und das nicht nur in schweren Zeiten.

Ref.: Das wünsch ich mir, das wünsch ich dir,

und unser Gott steht uns dabei zur Seite.

Das wünsch ich mir, das wünsch ich dir,

und unser Gott steht uns dabei zur Seite.

 

Bei Abdruck und öffentlicher Verwendung muss das Lied bei der VG Musikedition angemeldet werden Text: Clemens Bittlinger Melodie: David Plüss

 

Komponist:

T+M: Clemens Bittlinger

Musikquellen:  

CD „Glaube zieht ein“, Kleine Kantorei des Christlichen Sängerbundes, Verlag Singende Gemeinde, Wuppertal

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SWR Kultur Wort zum Tag

23OKT2024
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Gedichte in der U-Bahn! Das gibt's in Stuttgart. Sie hängen in den Waggons, und wenn ich mit der U-Bahn unterwegs bin, lese ich sie gerne. Eines hat mich besonders angesprochen:

Gegen Abend gerieten wir

in einen stau die alpen eine kreidezeichnung am horizont

irgendwann war das letzte auto verstummt

die kleine weiße kirche auf dem hügel

hielt die welt fest   …..

Das Gedicht von Frank Schmitter greift eine Erfahrung auf, die wohl die meisten kennen.  Reisende sind in einen Stau geraten. Das kann als Sinnbild verstanden werden: Die Reisenden wollten fort in ein anderes Leben und stecken doch fest, das Ziel in weiter Ferne, unwirklich wie eine Kreidezeichnung am Horizont. Schließlich machen die Reisenden Rast - bei einerkleinen weißen Kirche“, wie es im Gedicht heißt. Mir kommt das Bild von einer Dorfkirche mit einer Piazza davor in den Sinn. Ein stimmungsvoller Platz, auf dem Einheimische ihren Abend genießen. Die Reisenden sind plötzlich in einer ganz anderen Welt gelandet. Und da passiert wohl etwas Überraschendes. Im Gedicht heißt es weiter:

die türen öffneten sich

in das leben der anderen die kinder

tauschten spiele proviant wanderte von hand

zu hand aus reisenden wurden siedler

die namen und herkunft tauschten

Mit wenigen Worten skizziert Frank Schmitter diesen wunderbaren Moment, in dem Gemeinschaft entsteht, weil sich Türen öffnen und Menschen aus ihrer engen geschlossenen Welt hinaustreten. Sie teilen, was sie haben – Spiele und Proviant. Sie erzählen, wie sie heißen und woher sie kommen. Und so werden aus Reisenden Siedler – wie es in dem Gedicht heißt.  Als ob sie hierhergehören würden. Die kleine Szene spielt „Gegen Abend“ – so ist das Gedicht überschrieben. Das ist nicht zufällig. Abends wird man müde. Man sehnt sich nach einem Zuhause. Im Gedicht klingt so der Wunsch an, nicht mehr ruhelos unterwegs zu sein, sondern ankommen können.

Für die Reisenden wird „die kleine weiße kirche auf dem hügel“ zum Haltepunkt - sie „hielt die welt fest“. Eine eigenwillige Formulierung! Frank Schmitter geht es vermutlich um mehr als nur um ein Gebäude. Für mich ist diese kleine weiße Kirche auf dem Hügel eine wunderbare poetische Umschreibung für das, was Kirche und Religion sein können. Orte und Zeiten, an denen ich innehalten und ankommen kann. Wo ich meinen oft ruhelosen Alltag unterbreche, um Atem zu holen.

Das kann sich auch in der U-Bahn ereignen, in der ich zufällig ein Gedicht lese.

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