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SWR3 Gedanken
Mit einem einzigen Foto kann man viel verändern. Der Fotograf Hyp Yerlikaya hat das bei mir geschafft. Seit ich dieses eine Foto von ihm gesehen habe, denke ich anders über das Thema Prostitution. Ich bin viel entschiedener dagegen, dass alles so bleibt wie es ist. Betroffene brauchen viel mehr Unterstützung.
Ich habe das Foto in einer Ausstellung mit dem Titel „gesichtslos“ entdeckt. Gerade sind die Bilder in Offenburg zu sehen, und entstanden sind sie in Mannheim. Dort hat Hyp Yerlikaya Frauen jahrelang mit der Kamera begleitet, zusammen mit der Beratungsstelle „Amalie“.
Auf dem Foto ist im Vordergrund ein 20-Euro-Schein zu sehen, angelehnt an so eine schlichte weiße Gesichtsmaske, wie man sie vielleicht aus dem Theater kennt. Und im Hintergrund sieht man verschwommen eine Frau stehen. Sie ist leicht bekleidet und schaut aus dem Fenster.
Ich habe dieses Foto gesehen und verstanden: wenn eine Frau als Prostituierte arbeitet, dann verliert sie ihr Gesicht, kaum jemand möchte sie wirklich sehen.
Außer den Frauen und Männern in den Beratungsstellen. Sie helfen, wenn eine Frau aussteigen möchte, auch wenn das fast nicht zu schaffen ist.
Unter dem Foto mit dem Geldschein lese ich, was eine Prostituierte in Mannheim zu ihrem Leben sagt: „Das Schönste ist, wenn sie dir das Geld geben. Dann weißt du, du siehst sie nie wieder.“
Ich frage mich: was sind schon 20 Euro? Dafür, dass ein Mensch einen anderen Menschen nur für sich benutzt.
Auch wenn es noch so schwierig, beunruhigend oder beklemmend ist, darüber müssen wir sprechen. Denn auch diese Frauen haben eine Würde und ihr ganz persönliches Gesicht.
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Prosit Neujahr.
Das klassische Gläschen Sekt nachts um zwölf gehört einfach dazu, völlig egal ob mit oder ohne Alkohol. Ich hab es schon in ganz unterschiedlichen Stimmungen getrunken. Verliebt und glücklich oder krank und enttäuscht. Voller Vorfreude und im nächsten Jahr dann wieder eher ängstlich und voller Bedenken, was im Neuen Jahr alles kommt.
Gestern kurz vor Mitternacht hat mein Freund Martin bei uns in der Runde einen „Sekt-Segen“ angekündigt. Ich war gespannt, und natürlich funktioniert der Segen auch mit Limo oder Mineralwasser. Als wir dann kurz vor zwölf die Gläser eingeschenkt haben, hat Martin gesagt:
„Wenn mir jetzt mein Glas eingeschenkt wird, bete ich: Gott, du beschenkst mich mit allem, was ich brauche.
Und wenn ich gleich anstoße, dann denke ich: Jesus, du machst mein Leben aufregend, vor allem dann, wenn ich in meinem Leben mit anderen in Kontakt komme.
Und wenn die Kohlensäure im Mund bizzelt, dann passt dieses Gebet: Heiliger Geist, wenn´s in meinem Leben prickelt, dann bist du dabei. Du lässt mich sogar manchmal überschäumen und dann ist deine Liebe perfekt.“
Dieser Sekt-Segen hat meinem Jahreswechsel eine ganz eigene Note gegeben.
In diesem Sinn will ich im neuen Jahr dankbar für alles sein, was mir geschenkt wird. Gutes Essen und genügend Zeit zur Erholung, aber auch schöne Musik und liebe Überraschungen. Ich freue mich auf Begegnungen, egal ob lange geplant oder ganz unverhofft. Und ich bitte um das Prickeln. Um die Lebendigkeit, wenn ich Liebe spüre oder Lust auf Neues bekomme oder darauf eine schöne alte Gewohnheit wieder neu auszugraben.
Prosit Neujahr!
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Alles glitzert, alles funkelt – vor allem heute. Meine Freundin trägt ihren Silvesterspezialpulli aus Glitzergarn, das silbrige Konfetti liegt schon auf dem Esstisch ausgestreut, und meine Tochter hat passend für heute Glitzernagellack aufgetragen.
Der viele Glitzerkram erinnert mich an eine schöne Sache aus meinem Glauben. Es gibt nämlich eine Stelle in der Bibel, da wird erklärt wie es im Himmel bei Gott aussehen soll. Da ist der Himmel wie eine große schöne Stadt beschrieben, und in dieser Stadt glitzert und funkelt es an jeder Ecke. Da heißt es: „Die Stadtmauer ist aus lauter Edelsteinen gebaut und die zwölf Stadttore sind aus zwölf Perlen gemacht. Die Hauptstraße ist aus reinem Gold.“
Da könnte man denken: „Ganz schön dick und verschwenderisch aufgetragen.“ Ich verstehe diese Bibelstelle so: Statussymbole haben bei Gott ausgedient. Damit braucht im Himmel niemand mehr angeben, denn bei Gott liegt aller Schmuck einfach für alle auf der Straße. Jeder kann ihn sehen und genießen. Edle Materialien sind nichts wert, aber edle Menschen!
Die Realität sieht leider anders aus, aber so könnte sie sein, wenn es nach Gott ginge.
Das hilft mir, wenn ich heute auf 2025 zurückschaue und überlege, wo ich diese Glitzermomente in diesem Jahr hatte oder mich so sehr danach gesehnt habe.
Und ich bin überzeugt: Bei Gott ist jeder Mensch, egal ob mit oder ohne Glitzer, so wertvoll wie das reinste Gold und der schönste Edelstein.
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Timo ist x-facher Deutscher Meister im Karate, er kommt aus dem gleichen Ort wie ich, und seine Ansichten sind echt stark.
„Stark sein“ ist sowieso sein Thema, denn Timo macht nicht nur Karate, er gibt auch Kurse zur Selbstverteidigung. So einen Kurs hab ich gemacht, und Timo hat erklärt: „Wer äußerlich und innerlich stark sein will, der muss stolz sein. Und das ist kein Ego-Stolz, sondern gesunder, guter Stolz. Und den kann man üben.“
Ich schaue Timo skeptisch an. Denn sofort fallen mir lauter Situationen ein, in denen ich eben gar nicht stolz war, sondern eher das Gegenteil: Wenn ich mich im Streit weggeduckt habe, und mich beleidigt verzogen hab, anstatt in Ruhe weiter zu erklären, was mir wichtig ist. Oder wenn ich mich mal wieder voll in das reinsteigere, was mich an anderen aufregt.
Aber dann meint Timo weiter: „Wer selbstsicher und mutig durchs Leben gehen will, der muss sich selber immer wieder ein paar gute Sachen sagen. Denn ehrlich, alle haben mal schlechte Tage, fühlen sich mies und schwach, oder klein. Aber genau das ist ja niemand! Jede und jeder trägt einen starken und stolzen Kern in sich.“
Und für den Anfang hat Timo noch diesen Tipp: „Überlege dir jeden Abend drei Sachen, auf die du stolz sein kannst, wenn du auf den Tag zurückschaust. Stolz, dass du endlich dieses unangenehme Telefonat durchgezogen hast. Oder dass du es geschafft hast, was Gutes zu kochen, auch wenn es verdammt aufwendig war. Oder stolz auf den entspannten Nachmittag mit dem Kind. Solche Dinge.“
Soweit Timo. Also warum nicht heute, am vorletzten Tag im Jahr, mal überlegen: Was sind die drei Dinge, auf die ich einfach stolz sein kann?
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„Mutperlen“ - die machen gerade in unserer Gegend von sich reden. Und das liegt an Lene und Claudia aus meinem Nachbarort. Für die Mutperlen haben die beiden an Weihnachten Charity-Aktionen auf die Beine gestellt.
Mutperlen sind wertvoll gestaltete Perlen, die krebskranke Kinder während ihrer Therapie bekommen. Da gibt es für jeden Schritt, den ein krankes Kind gehen muss, eine passende Perle zum Auffädeln, das motiviert. Für jeden Tag Chemo gibt es zum Beispiel eine orangene Perle, für jede Bestrahlung eine rote. Und wenn ein Kind isoliert werden muss, kriegt es eine glitzernde blaue Perle.
Wenn ein Kind die Behandlung dann endlich beenden konnte, ist die Kette wie ein buntes Tagebuch aus schwerer Zeit, und im besten Fall auch eine Erinnerung, die stolz macht.
So ein buntes Tagebuch aus schwerer Zeit wäre bestimmt auch was für alle, die jemanden verloren haben, oder bei denen eine heftige Krankheit ins Leben getreten ist. Da kann jeder einzelne Tag eine Riesen-Herausforderung sein.
Wenn ich mir vorstelle, wie sich die schweren Tage wie Perlen nacheinander auffädeln, hat das im Nachhinein vielleicht was Ermutigendes. Denn auch wenn Trauer, Schmerzen oder Sorgen sich erst mal nur grau oder schwarz anfühlen, gibt es hoffentlich auch bunte Erfahrungen, die sich darin verstecken.
Ich denke an die frechen Sprüche, die die Pflegerin meiner Mutter immer drauf hatte oder an liebe Nachrichten auf meinem Handy. Oder dieser eine Morgen, an dem wieder der erste Hauch Lebenslust in mir aufgestiegen ist.
Die Mutperlen sind ein tolles Projekt für krebskranke Kinder und sagen gleichzeitig allen: auch nach schweren Zeiten kann ich eine ganze Kette von Erfahrungen in der Hand halten. So wie ein buntes Tagebuch aus schwerer Zeit.
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Was man im Selbstverteidigungskurs alles lernt!
Ich hab erst mal geübt selbstbewusst und aufrechter zu gehen. Danach hab ich dann ein paar typische Handgriffe gelernt, und wir haben in der Gruppe geübt laut zu schreien.
Und jetzt kommt noch ein richtiger Clou aus diesem Kurs: das Nein sagen. Unser Leiter Timo hat dazu erklärt: „Überlegt mal: ein Ja, das erklärt ihr nicht. Aber ein Nein, das begründen wir fast immer. Wenn der Nachbar fragt, ob du beim Umzug hilfst, dann heißen die klassischen Antworten dazu entweder: „Ja klar.“ Oder so was wie „Leider nein, ich hab keine Zeit und außerdem hab ich Rückenschmerzen und kann nicht schwer tragen.“
Soweit erstmal das Übliche, und dann hat Timo das Ganze umgedreht und gemeint: „Stell dir vor jemand antwortet so: „Ja klar, denn ich finde es ja immer wichtig anderen zu helfen, und ich habe gerade auch noch Zeit. Und überhaupt, du hast mir ja damals auch geholfen.“ Und beim Nein wäre der Dialog: „Kannst du mir beim Umzug helfen?“ Und die Antwort: „Nein. Punkt.“
Sofort denke ich: „Naja, wenn das jeder immer so macht, dann wird unsere Gesellschaft ja noch egozentrischer, als sie eh schon ist. Es braucht doch auch Leute, die einfach anpacken, auch wenn es grade nicht so passt!“
Das sieht mir Timo wohl an, denn sofort ergänzt er: „Ich meine das nicht ego-mäßig. Mir geht es drum, dass ihr innen drin stärker werdet, wisst was ihr wollt und was nicht. Und dann klar „ ja“ sagen oder eben ein beherztes „Nein“.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43609SWR Kultur Lied zum Sonntag
„Bruder Sonne, Schwester Mond, Bruder Wind und Schwester Wasser“. Was im ersten Moment vielleicht kitschig oder einfältig klingt, ist Weltliteratur! Der Sonnengesang des Heiligen Franz von Assisi feiert sein 800-jähriges Jubiläum, sein Text ist das älteste Dokument in altitalienischer Sprache.
Wir hören eine schlichte Liedvariante aus den 70er Jahren. Die Melodie stammt vom italienischen Filmkomponisten Riz Ortolani.
Musik
1) Höchster, allmächtiger und guter Herr, dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehr.
Herr, sei gelobt durch Bruder Sonne, er ist der Tag, der leuchtet für und für.
Wenn ich diese Hymne des Heiligen Franziskus höre, kann ich mir leicht vorstellen, wie er in seiner braunen Kutte barfuß im Gras steht, zu den Vögeln predigt und fröhlich die ganze Schöpfung als Familie besingt. Aber so romantisch war es eben nicht.
Im Winter 1225 liegt Francesco nämlich todkrank und fast blind in einer Hütte. Die Mäuse sollen über ihn gekrochen sein, so ärmlich war die Situation. Völlig entkräftet formuliert er seinen Sonnengesang. Er wählt den umbrischen Dialekt, nicht das hochgestochene Kirchenlatein. Das passt, denn was Franziskus schreibt, ist ganz persönlich, und es ist erstaunlich: denn wer lobt schon die Sonne, wenn er nichts mehr sieht?
Der Sonnengesang steckt voller Ehrfurcht. Vor dem ganzen Kosmos und der Erde, vor allen friedfertigen Menschen, und sogar vor dem Tod. Der klingt in dieser Strophe an.
Musik
2) Herr, sei gelobt durch unsren Bruder Tod, dem kein Mensch lebend je entrinnen kann. Der zweite Tod, tut uns kein Leides an.
Franziskus hat viel von sich selbst verlangt. Er hat freiwillig ganz arm gelebt, und unter seiner Zeit gelitten. Im 13. Jahrhundert gab es die Kreuzzüge. Das war für Franziskus so unerträglich, dass er sogar – krank wie er war – zum damaligen Sultan in den Orient gereist ist. Und obwohl die Begegnung zwischen christlicher und muslimischer Welt fruchtbar gewesen ist, hat sich die Friedensmission des Franziskus nicht erfüllt.
Musik
3) Herr, sei gelobt durch jene, die verzeihn, und die ertragen Schwachheit, Leid und Qual.
Höchster, allmächtiger und guter Herr, dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehr.
Franziskus wollte, dass sein Sonnengesang unter die Leute kommt. Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen, sein Vermächtnis wirkt immer noch. Jedenfalls bei mir.
Ich kann in großer Verbundenheit mit allem Gott loben. Verbunden mit der Schöpfung, mit anderen Menschen und meinem eigenen Leben, bis zum Schluss.
Das ist nicht blauäugig. So kann ich beten, mit weitem Horizont und „in Dankbarkeit und mit großer Demut“ – wie es im Lied heißt.
Musik
4) Lobet und preiset den Herrn in Dankbarkeit und dienet ihm mit großer Demut.
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Quellen:
1) Eigenproduktion von Lukas Grimm vom 25.09.2025, Liedrechte: Textübertragung: Johannes Lehrner, Musik: nach der Filmmusik zu „Fratello sole sorella luna“ von Riz Ortolani.
SWR3 Gedanken
Mit einer Horde von dreißig Kindern ins Pflegeheim? Geht!
Ich hab es ausprobiert, mit meinen dreißig Chorkindern. Wir waren an einem Nachmittag zum Auftritt eingeladen.
Gut fünfzig Seniorinnen und Senioren haben unten im Speisesaal auf uns gewartet. Gleich in der ersten Reihe eine Frau, die immer vor sich hin gebrabbelt hat, daneben eine Frau, die durchgängig geweint hat. In der zweiten Reihe war die Oma von Chormädchen Pia, und in der dritten Reihe der Opa von Livie.
Die Kinder stellen sich schön in Reih und Glied auf, ich platziere mein E-Piano, und dann legen wir los. Obwohl es im Raum stickig ist und so typisch nach Pflegeheim riecht, halten die Jungs und Mädchen durch. Es ruft immer wieder mal jemand rein, aber die Chorkinder wissen: alles was jetzt zählt ist singen und lächeln.
Ganz am Schluss kommt dann unser Höhepunkt im Programm. Dazu verteilen sich die Kinder im Raum. Pia läuft gleich zu ihrer Oma, Livie zu ihrem Opa, und unsere ältesten Mädchen trauen sich ganz nach hinten, dorthin wo die Menschen mit den aufwendigeren Liegerollstühlen sind.
Das Lied beginnt, und die Kinder breiten ihre Arme aus, ganz weit. Ich habe es ihnen so erklärt: „Wir machen ein Segensdach, das soll gut schützen.“ Jetzt fangen die Kinder zu singen an: „Der Vater im Himmel segne dich, er passe auf dich auf. Er gebe dir was nötig ist, verlasse dich darauf.“
Mit Müh und Not kann ich noch meine Noten am Klavier spielen, denn viele Menschen beginnen zu weinen.
Kinder bringen so viel mit, auch ins Pflegeheim, wo ja so viele leiden, und es oft auch kaum noch Hoffnung gibt. Wie gut tun da die Kinder mit ihren fröhlichen Liedern und ihrem Lächeln, da sind sie ein echter Segen.
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Petra war mein Schubs-Engel. Ja, richtig gehört: Schubs-Engel, also so einer, der dir einen Schubser gibt. Es war bei der Sommerferienbetreuung, hundert Kinder wuseln in einer Sporthalle. Ich treffe dort Petra, eine Bekannte von mir, genau in dem Moment als meiner Tochter einfällt, dass sie anders als abgemacht, nun doch zur Übernachtung bleiben möchte. Ich bin eh schon abgekämpft, also fange ich an zu schimpfen. Da schaltet sich Petra ein: „Ich würde es ihr erlauben. Sag ihr nur, dass du sie nicht mitten in der Nacht abholst.“ Dass Petra sich eingemischt hat, war der perfekte Aufrüttler für mich. So hab ich es gemacht.
Meine Kollegin hat mir erzählt, dass ihr verstorbener Mann für sie manchmal auch so was ist, wie ein Schubs-Engel. Er kommt ihr manchmal in den Sinn, wenn sie nicht weiß was sie machen soll. Dann sieht sie ihn vor sich mit einer seiner typischen Bemerkungen oder diesem besonderen Gesichtsausdruck, den nur er so hingekriegt hat. Dann weiß meine Kollegin wieder, was ihr eigentlich wichtig ist. Und das ist dann wie ein liebevoller Schubser, genau in die richtige Richtung.
Schubs-Engel sind frecher als die normalen Schutz-Engel, bei denen sich viele vorstellen, dass sie so verklärt über einem schweben. Schubs-Engel sind anders. Sie stehen selbstbewusster hin, kommen mal von der Seite und sagen dir offen ins Gesicht, was Sache ist. So einen Schubs-Engel zu treffen, immer eine gute Sache
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42846SWR3 Gedanken
Was für ein Wahnsinns-Projekt! In Meßkirch im Schwäbischen bauen sie den „Campus Galli“, eine mittelalterliche Klosteranlage. Und zwar so richtig mittelalterlich. Also ohne Kran und Motorsägen, nur mit Muskelkraft und dem Know-how von vor über tausend Jahren.
Nach den ersten zwei Stunden dort bin ich richtig nervös geworden, weil ich meistens drei, vier Sachen auf einmal mache, und hier ging es ganz anders zu. In der ersten Laube arbeitet Ernst. Er stellt einfach nur Wasserfässer her, oder besser gesagt: ein Wasserfass. Denn wenn man alles von Hand macht, braucht das seine Zeit. Ein paar Meter weiter drechselt Juliane so einen Griff aus Holz, den man für einen Hammer braucht.
Die letzte Station ist bei Finnja. Sie spaltet aus Fichtenbaumstämmen solche Holzschindeln, mit denen dann Dächer gedeckt werden. Ich frage sie: „Wie viele Schindeln schaffst du am Tag?“ Sie zuckt mit den Schultern und meint nur: „In diesem Sommer habe ich vier Baumstämme vor. Die hat unser Wald hergegeben.“
Ernst, Juliane und Finnja wissen alle drei nicht, ob sie die komplett aufgebaute Klosteranlage mal sehen werden. Und genau das ist es, was mich auf dem Campus Galli nervös gemacht hat. Wie fokussiert die Leute dort arbeiten und wie bescheiden sie einfach nur ihren Part im großen Ganzen übernehmen.
Ich wünschte ich könnte wenigstens ein bisschen auch so leben. Weniger getrieben und weniger „alles auf einmal“. Mit mehr Klarheit und mehr nach dem Motto Schritt für Schritt, oder Besenstrich für Besenstrich.
Finnja und die anderen kennen ihr Ziel: die Klosteranlage. Und ich überlege welches eigentlich meins ist.
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