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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Alles hört auf. Alles vergeht. Novembergedanken. Alles findet ein Ende. Irgendwann. Tröstlich können sie sein, solche Gedanken im November. Ich weiß nicht, ob Sie mir da gleich zustimmen können… Aber mir geht es so. Ich bin zwar nicht immer, aber doch manches Mal froh, wenn etwas, das mir „ewig“ erschien, am Ende dann doch endlich ist. „Das Gute am Gewitter ist, dass es irgendwann aufhört“, so habe ich einmal gelesen. Da ist was dran.
Die Krankheit von Martin, die Pflege, die seine Frau Gitte so lange ausgelaugt hat. Beides erschien „ewig“. Es schien, als würden sie jeden Tag zwar mit weniger Energie beginnen, aber ein Ende? Ein Ende war einfach nicht abzusehen. Ich hatte den Eindruck, dass das alles für immer so weitergehen würde. Dass beide immer weniger wurden, konnte man sehen. Und doch ging es Tag für Tag weiter…
Und dann sagt man schließlich, was wahr ist: Es war eine Erlösung. Für Martin. Und so auch für Gitte.
Der Gedanke ist nicht neu. Schon auf den ersten Seiten der Bibel bestimmt Gott, so wird da erzählt, die körperlichen Grenzen des Menschen. Mit maximal 120 Jahren soll Schluss sein*. Novembergedanken. Tröstlich. Kein weiteres Leiden mehr, kein „ewig“, jedenfalls nicht in diesem Körper.
Ewigkeitscharakter schien auch die eigentümliche Beziehung von Frank und Beate zu haben. Doch dann haben sie sich getrennt. Zwei Jahre ist das jetzt her. Ich wusste nicht so recht, ob ich mich freuen oder schreien soll. Alles hört auf. Alles vergeht. Ich leide daran und doch konnte ich sehen, dass sie einander nicht guttun, dass sie keinen Weg herausfinden aus der Spirale von Verachtung und Enttäuschung. Es schien, als würden sie ewig aufeinander einhacken. Jetzt nicht mehr. Sie haben ein Ende gesetzt. Novembergedanken. Es muss nicht schlecht sein. Sie haben gemerkt: Die Gefechte haben aufgehört. Die Liebe eigentlich nicht. Sie ist anders geworden. Die beiden sind Freunde geworden. Frank scherzt mit mir: „Du zitierst doch immer die Bibel, dass alles aufhört, nur Glaube, Hoffnung und Liebe nicht.“
Novembergedanken. Alles hat seine Zeit. Begrenzte Zeit. Solche Gedanken können auch tröstlich sein. „Das Gute am Gewitter ist, dass es irgendwann aufhört.“ Wenn man mittendrin ist, scheint es „ewig“. Das ist es nicht. Und das ist gut so.
*Genesis/1.Mose 6,3
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Viele leben christliche Werte in ihrem Alltag, auch wenn sie nicht in Gottesdienste gehen und die Institution Kirche kritisch sehen. Vielleicht gehören Sie dazu.
Fragt man weiter nach, welches denn christliche Werte sind, dann kommen Werte wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und: dass man nicht nur egoistisch auf den eigenen Vorteil sieht. Wie gut! Das ist so viel wert!
Ich wünschte mir, dass alle, die diese Ehrlichkeit leben, keine Falschmeldungen und Verleumdungen im Netz posten, dass nichts, was sie nicht auf Wahrheit überprüft haben, von ihnen per Whatsapp geteilt wird. Ich wünsche mir, dass sie in der Nachbarschaft den Gerüchten entgegentreten und nicht mitmachen, wenn über Menschen geurteilt wird, die man gar nicht kennt.
Ich wünschte mir, dass wir die Hilfsbereitschaft nicht nur im engen Kreis der Familie und in der nächsten Nachbarschaft leben, sondern einfach gegenüber denen, die Hilfe brauchen. Wir können so viel mehr Wärme und Herzlichkeit und selbstverständliche Unterstützung leben!
Ja, und ich wünsche mir von allen, die für sich als Wert in Anspruch nehmen, dass sie nicht egoistisch ihr eigenes Ding machen, dass sie das auch dann beherzigen, wenn es darum geht, Menschen aus anderen Ländern bei uns aufzunehmen und sie hineinzunehmen. Integration bedeutet nichts anderes als zu sagen: Hier ist noch Platz. Wir sind so eine große Menge von Menschen, die diese Werte leben! Wenn wir ein bisschen mehr zusammenrücken, wenn wir einander Anteil geben an unseren Werten, dann gelingt das.
Ein spezieller Wert des christlichen Glaubens fehlt mir persönlich ja in der Aufzählung: Die Vergebung. Vergebung wird fast nie genannt, wenn die christlichen Werte aufgezählt werden. Sie macht aber den Unterschied zu fast allen anderen Wertesystemen. Ich kann das gar nicht – immer nach den christlichen Werten leben. Ich habe zum Beispiel manchmal einfach keine Lust, zu helfen! Ich weiß, dass das nicht gut ist und inkonsequent ist es auch noch. Und trotzdem…
Ich brauche Vergebung. Ohne Vergebung, ohne Gnade und Begnadigung, werden die christlichen Werte zum moralischen Zwang ohne Erlösung.
Das wollte ich Ihnen heute gern sagen. Es ist toll, wenn Sie die christlichen Werte leben. Auch außerhalb der Kirche. Und: Es gibt einen Wert, den brauchen wir alle: Vergebung. Den findet man in der Kirche häufiger als außerhalb.
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Glauben Sie an einen persönlichen Gott? Ein Freund hat mir geschrieben, dass er das schon lange nicht mehr kann. Ein Gott, der das Weltgeschehen lenkt und die Welt sogar geschaffen hat, ist ihm immer fremder geworden. Schon allein, weil dieser Gott immer „der“ Gott ist. Männlich. Warum? Kann man an so einen Gott glauben?
Ja, man kann! Und ich bin versucht, ihm den halben Katechismus in eigenen Worten zu schreiben.
Aber das würde wohl nicht viel helfen. Denn da ist ein tiefer Zweifel entstanden an der Weltsicht der Kirche, in der er aufgewachsen ist. Und wenn ich nicht im Affekt antworte, sondern hinhöre, dann merke ich: Es geht ihm darum, dass es so viel Leid und Ungerechtigkeit in der Welt gibt. Wie kann „der Gott“ das zulassen?
Heute ist mein Freund viel näher am Buddhismus als am christlichen Glauben. Weil ich das ernst nehme, nehme ich ihn mit auf meine spirituelle Reise und erzähle ihm von meiner Erfahrung. Warum? Genau deshalb, weil ich an diesen persönlichen Gott glaube!
Gott zeigt sich, das ist meine Erfahrung. Nach Jahren, in denen ich alles, was ich an christlicher Lehre mitbekommen hatte, in Frage gestellt hatte, nach Jahren habe ich erlebt, dass Gott sich selbst zeigt. Er meldet sich zu Wort! In meiner größten Verlorenheit und Einsamkeit, hat er sich mir persönlich vorgestellt. Ausgerechnet mit all seiner mütterlichen, liebevollen, weichen, ins Leben bringenden Kraft ist er mir begegnet. Es war wie eine Neugeburt. „Die Gott“ hat sich gezeigt. In meinem Leben. Sehr persönlich.
Ja, das kann ich meinem Freund erzählen. Aber das ist nicht seine Erfahrung. Er wird, das ist meine Hoffnung, seine eigene Erfahrung machen. Ich weiß mich da in einer Linie mit Jesus. Der fragte einmal in die Runde der Menschen, die immer an seiner Seite waren, was die Leute so von ihm denken. „Ein faszinierender Lehrer“, sagt einer. „Manche sagen: ein Prophet.“, weiß ein anderer. Und Jesus fragt dann: „Was denkt ihr denn, wer ich bin?“ Und aus Petrus platzt es förmlich heraus: „Du bist der, den Gott geschickt hat, Gottes Sohn!“ – Wo hat er das her? Woher weiß Petrus das? Jesus sagt zu ihm: „Was für ein Glück für dich! Diese Einsicht hast nicht von einem anderen Menschen! Nein, Gott, mein Vater, der über allem thront, hat dir diese Einsicht geschenkt!“*
So geht Glaube an den persönlichen Gott. Gott zeigt sich selbst. Er wird einem nicht eingeredet. Wer ihn sucht, dem zeigt er sich, dieser persönliche Gott. Dann kann man wie ich, nicht nur an seine Existenz glauben, sondern ihm - persönlich - vertrauen.
*Matthäus 16,17
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Waren Sie in letzter Zeit auf einer Trauerfeier? Durch meinen Beruf bin ich bei vielen Beerdigungen und ich erlebe dabei etwas von dem, was die Bibel für das Zusammenleben von Menschen empfiehlt: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Trauernden!“*. Wie gut, dass es Verwandte, Freunde und Nachbarn, Kolleginnen und Wegbegleiterinnen gibt, die sich die Zeit nehmen, um den Verstorbenen noch einmal Respekt zu erweisen und die Angehörigen zu stärken.
Solche Nähe zu zeigen, oft ohne viele Worte, das ist etwas ganz und gar Wertvolles. Man kommt nicht als Zuschauer, sondern als Teilnehmer. Eigentlich sogar als An-teilnehmer. Und ich wünschte mir, dass viel mehr Menschen bei Trauerfeiern mit diesem Selbstbewusstsein dabei sind.
Eine Frau fällt mir ein, die mich in diesem Sinn sehr beeindruckt hat:
Sie kam zur Trauerfeier, da war die kleine Halle schon ziemlich voll. Einzelne standen schon hinten an der Wand. Aber vorn, direkt hinter der Familie war eine ganze Bankreihe leer! Niemand wollte sich dorthin setzen, obwohl deutlich war, dass da keine Plätze reserviert waren.
Die Frau ging nach vorn und setzte sich in diese zweite Reihe, direkt hinter die Witwe und den Sohn. Später sagte sie mir: „Wir waren doch alle da, um der Familie den Rücken zu stärken! Und genau in ihrem Rücken saß überhaupt niemand!“
Sie setzte sich also und sie begrüßte die Familie nicht, anders als andere, die die Witwe und den Sohn sofort überfallen hatten, mit all ihren eigenen Gedanken und ihrem Leid. Sie setzte sich und war einfach da. Teilnehmerin mit einem Ziel: Die Angehörigen sollten spüren, dass der Verstorbene wichtig ist und dass sie nicht allein sind.
Später, am Grab, fiel sie mir noch einmal auf. Das ist immer eine schwierige Situation für die, die nicht so nah dran sind. Was sagt man da? - Diese Frau hat ganz kurz etwas über den Verstorbenen gesagt.
Sie hat gesagt, dass sie mit ihm einige Jahre zusammengearbeitet hat. Er hat sie beeindruckt, weil er freundlich und hilfsbereit war. Blitzschnell im Kopfrechnen sei er außerdem gewesen. Und: Er hat so liebevoll von seiner Frau und seinem Sohn gesprochen. Deshalb sei sie heute gekommen, um ihnen das zu sagen.
Mit dem Selbstbewusstsein, nicht nur Zuschauerin, sondern Teilnehmerin und Anteilnehmerin zu sein, hat sie mehr getan, als Kraft zu wünschen. Sie hat Kraft gegeben.
*Römer 12,15
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Glaube und Zweifel sind keine Gegensätze. Der Zweifel gehört zum Glauben dazu. So untrennbar, dass Gott persönlich meine Fragen und meine Zweifel in ein Buch hineinschreibt. Sie sollen nicht vergessen sein. Das habe ich mir nicht ausgedacht. Das steht so in der Bibel*. Und seit ich das gelesen habe, ist es eins meiner liebsten Bilder dort.
Das Bild stammt aus dem kleinen Büchlein des Propheten Maleachi. Gott schreibt meine Zweifel auf! Und das macht er bei allen so, die eigentlich an Gott glauben und versuchen, so zu leben, wie Gott das will. Aber sie sehen, dass die, die auf Gerechtigkeit pfeifen, viel weiter zu kommen scheinen als sie. Und da kommt der Zweifel: Wie kann Gott das zulassen, dass jemand, der im großen Stil anderen hilft, den Staat zu betrügen, dennoch eine große Nummer in der Politik wird? Wie kann das sein, dass Despoten in so vielen Staaten der Welt das Sagen haben? Ganz zu schweigen von denen in der eigenen Firma… Sind es am Ende nicht immer die rücksichtslosen Egoisten, die gewinnen? Ist nicht der Ehrliche der Dumme, der, der sich an die Anleitung zum Leben hält, die Gott in den 10 Geboten gegeben hat?
Immer wieder spreche ich mit anderen über solche Zweifel. Und all das, was ich da rede, was meine Zweifel sind, was meine Gedanken sind, was mich umtreibt, das alles schreibt Gott in ein Buch. Warum? Weil ihm mein Zweifel wertvoll ist.
Eines Tages, so schreibt der Prophet Maleachi weiter, eines Tages wird Gott das Buch wieder hervorholen. Die Menschen, deren Worte Gott in sein Buch geschrieben hat, werden erfahren, warum es nicht dumm war, ehrlich zu sein.
Manchmal ahne ich etwas davon, wenn ich sehe, dass die rücksichtslosen Egoisten nicht glücklich, sondern einsam werden. Im Moment kenne ich die Antworten auf meine Fragen natürlich noch nicht. Aber ich fühle mich von dem Bild bestärkt: Gott schreibt das auf, was mich quält, er hält es für wertvoll.
Ist es so wertvoll, weil Gott es genauso sieht wie ich, aber mehr im Blick hat als ich es je haben kann? Ist es so wertvoll, weil Gott auf der Seite der Ehrlichen ist? Auf der Seite derer, die leiden, auf der Seite von denen, denen Gerechtigkeit wichtig ist? - Da könnte etwas dran sein.
Und so versuche ich weiter, mich an die guten Gebote Gottes zu halten und einfach Mitmensch zu sein – mit allen Zweifeln. Die sind wertvoll. Und letztlich kann nur Zweifel haben, wer glaubt. Glauben heißt darauf vertrauen, dass Gott sich mit seiner Güte durchsetzen wird. Wird er? Mein Zweifel ist ihm wertvoll.
* Maleachi 3,16
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41057SWR4 Abendgedanken
Ich kann mich ja richtig ärgern, wenn wieder jemand von „Fake-News“ anfängt. Überall gibt es sie jetzt, diese „Fake-News“. In der Politik sowieso, am Stammtisch und im Verein und immer und immer wieder in den sogenannten sozialen Medien. Das Gegenteil davon ist ganz einfach Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit. Warum sagen wir also nicht auf Deutsch, was wir meinen? Wir meinen, dass jemand nicht ehrlich ist, sondern lügt. Wir meinen, dass jemand nicht wahrhaftig ist, sondern verschlagen. Wir meinen, dass jemand nicht verlässlich ist, sondern Gerüchte verbreitet und ein Schwätzer ist.
Wenn ich Menschen frage, was für ihre Eltern in der Erziehung das Wichtigste war, dann sagen fast alle: Ehrlichkeit. Das kommt an erster oder zweiter Stelle: die Ehrlichkeit. Es gibt so gut wie keine Ausnahmen. Ehrlichkeit steht ganz oben.
„Euer Ja soll ein Ja sein. Und euer Nein ein Nein“, das hat schon Jesus so gesagt und das ist ein in unserer Gesellschaft tief verwurzelter christlicher Wert: ehrlich, wahrhaftig, klar und verlässlich soll das sein, was wir sagen und – wegen mir – auch „posten“.
Warum machen wir es dann anders? Oder vielleicht frage ich besser erst einmal mich selbst? Mache ich es denn so, wie es mir die Elterngeneration beigebracht hat? Mache ich es so, wie mein Glaube es mich lehrt? Bevor ich rede und womöglich etwas weitererzähle, weiß ich, dass das auch der Wahrheit entspricht?
Ich weiß doch ganz genau, dass „das Internet“ eine Lügnerin sein kann, eine Schwatzbase, die Gerüchte verbreitet. Ich weiß doch, dass Facebook ein Verführer sein kann, der versucht, mich zu manipulieren mit halben Wahrheiten und gefälschten Bildern. Ich weiß doch, dass nicht alles, was mir per WhatsApp geschickt wird, real ist.
Ehrlichkeit soll für mich ein hoher Wert sein. Ganz weit oben. Ich will keine Lügen verbreiten. Ich will keine Unwahrheiten verbreiten, schon gar nicht über andere Menschen, ob sie meine Nachbarn sind, Politiker oder andere Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Egal. Es gibt niemanden, über den ich Gerüchte verbreiten will. Fake-News? Sind mir auch egal.
Mir geht es um Ehrlichkeit. „Euer Ja soll ein Ja sein. Und euer Nein ein Nein.“ – So habe ich das mal gelernt. So soll es sein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=39738SWR4 Abendgedanken
War früher nicht alles besser war als jetzt? – Man kann sich das schon fragen, weil es manchmal so wirkt, als würde sich alles zuspitzen, als gebe es jetzt und plötzlich all das, was es früher nicht gegeben hat: Unser Wohlstand ist in Gefahr, der Krieg scheint in der Nachbarschaft stattzufinden und die Menschen werden immer rauer und bösartiger.
Wie kommt das nur, dass es immer schlimmer wird?
Nun, es kommt gar nicht. Und darauf komme ich, weil ich in der Bibel Sätze gefunden habe, die 3000 Jahre alt sind. Und an denen sehe ich: Die Sorge, dass früher alles besser war, ist nicht besonders originell. Schon in der Bibel steht:
„Sag nicht: ‚Wie kommt es nur, dass früher alles besser war als jetzt?‘, denn ein Weiser fragt nicht so“ (Prediger 7,10).
Schon vor 3.000 Jahren waren manche der Meinung, es würde alles schlimmer und schlimmer! Wenn das wirklich die letzten drei Jahrtausende so gewesen wäre, dann wäre heute einfach nichts mehr von uns übrig! Aber wir leben noch. Und immer wieder hat sich die Menschheit besonnen, haben Kulturen sich verändert. Oder, wie ich es glaube und sage: Immer wieder hat Gott eingegriffen.
Wir sind nicht unbedingt besser geworden. Aber eben auch nicht völlig schlecht.
Mensch bleibt Mensch, so könnte man sagen: Es gibt die Normalen und es gibt auch immer ein paar, die schwierig sind. Es gibt die katastrophalen Auswüchse, Kriege und Diktatur, und es gibt die berührenden Zeichen der Liebe. Es gibt Zeiten, die schwer sind. Und es gibt Zeiten wie die letzten sieben Jahrzehnte, in denen wir in Deutschland zumindest so sicher und im Wohlstand gelebt haben wie nie zuvor in der Geschichte.
Ein Weiser, also jemand mit Lebenserfahrung, könnte fragen: Was ist anders als früher? Und welche Veränderung verschlechtert das Leben? Und schließlich: Was kann ich dafür tun, dass es besser wird?
Ein Beispiel: Ich persönlich denke manchmal, dass wir früher viel verlässlicher waren. Da hat sich etwas verändert. Wer in einem Verein, einer Kirchengemeinde, oder einer Partei engagiert war, hat über einige Jahre Aufgaben übernommen. Heute ist es schwer, jemand zu finden, der sich für mehr als eine kurze Zeit festlegt.
Ja, ich frage mich manchmal, wie es dazu gekommen ist. Da gibt es viele Antworten, aber keine bringt mich weiter. Besser ist die Frage, was ich dagegen tun kann. Auf diese Frage gibt es nämlich eindeutige Antworten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=39737SWR4 Abendgedanken
Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie und ihr Mann auf einer Demo für Menschenrechte und Demokratie waren. „Seit dem Nato-Doppelbeschluss waren wir nicht mehr auf einer Demo“, sagt sie ärgerlich.
Das, was beim Masterplan-Treffen in Potsdam, in Büchern und sogar bei Reden im Bundestag geäußert wird, darf nach ihrer Ansicht nicht unwidersprochen bleiben. Sie will einstehen für die Menschenrechte und für die Menschenwürde.
Aber was ist das denn, „Menschenwürde“? Gibt es so etwas? Sind wir nicht alle nur Tiere? Zu 95% ist unser genetisches Erbgut baugleich mit dem vom Schwein. Ein Kabarettist hat einmal gesagt: „Ich denke immer, wenn ich in eine Metzgerei gehe, dass es ein reiner evolutionärer Glücksfall ist, dass ich auf dieser Seite der Theke stehe“ (Dieter Nuhr).
Ich würde wahrscheinlich ähnliche Sprüche von mir geben, wenn ich nicht an einen Gott glauben könnte, der jeden einzelnen Menschen im Blick hat. Ich glaube an den Gott, der selbst Mensch wurde, um uns Menschen das zu zeigen. Dieser Mensch, Jesus, zeigt den Gott, der nicht nur „die“ Menschen allgemein, sondern jeden einzelnen von uns liebt.
Jesus erzählt deshalb all die Geschichten von der Unersetzlichkeit des Einzelnen. Das verlorene Geldstück ist so eine Geschichte, der verlorene Sohn – und natürlich die Geschichte von dem Schäfer, der 100 Schafe hatte, aber eines kam ihm abhanden.
Da lässt er die 99 anderen im sicheren Gehege zurück und sucht so lange, bis er das verlorene Schaf gefunden hat. Und die Freude darüber ist riesig! So, sagt Jesus, freut sich der Himmel über jeden einzelnen Menschen, wie gut oder schlecht er auch ist. Er hat Würde.
Ich weiß nicht, wie ich die Würde „des Menschen“ sonst begründen sollte. Das genetische Material ist es nicht. Das Verhalten ist es nicht. Der Intellekt kann es auch nicht sein, sonst wären Viele würdelos.
Die Würde liegt begründet darin, dass es einen gibt, der sie uns gab. Sie ist – von außen – in uns hineingelegt. Und genau deshalb ist die Würde des Menschen unveränderlich.
Meine Freundin hat recht, dafür einzustehen und zu demonstrieren. Wer diese Würde nicht allen Menschen gleichermaßen zuspricht, muss andere Kriterien anlegen. Solche Menschen unterscheiden automatisch zwischen besseren und schlechteren Menschen, ziehen einen Graben zwischen „wir“ und „die“. Aber die Würde des Menschen ist unantastbar. Denn sie kommt von Gott.
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Jeden Morgen sehe ich die „Gang“. So nenne ich die 7 Zweitklässler, die kurz nach halb acht am Fenster meines Arbeitszimmers vorbeiziehen. Sie gehen zur Schule, reden, schubsen sich, lachen. Vier Jungs und drei Mädchen. Was sie wohl für sich erhoffen? Und was sie wohl erwartet?
Was sie wohl an diesem Tag erwartet? In der zweiten Klasse ist für viele die Welt auch in der Schule noch in Ordnung. Jeden Tag gibt es Neues zu entdecken, jeden Tag gibt es etwas zu lernen und jeden Tag wird gelacht und gespielt. Wenn ich die „Gang“ beobachte, bete ich manchmal für die Kinder. Ich kann von weitem schon sehen, dass sie sehr unterschiedlich aufwachsen. Die Schulranzen und die Jacken, die sie tragen, sind bei den einen funkelnagelneu. Andere tragen wohl die Sachen der älteren Geschwister auf und ein Mädchen hat einen Diddl-Schulranzen, der ist eindeutig aus den 90ern. Ist das Vintage oder aus der Kleiderkammer der Diakonie? So unterschiedlich wird auch das sein, was sie erwartet, wenn sie dann wieder nach Hause kommen. Die einen haben ihr eigenes Zimmer, wo sie die Hausaufgaben am höhenverstellbaren Schreibtisch machen, die anderen sind im Mehrbettzimmer mit den Geschwistern. Wenn sie Glück haben, haben sie etwas Ruhe und einen Platz am Wohnzimmertisch, um ihre Hausaufgaben zu machen. Was erwartet sie wohl, die „Gang“, an diesem Tag und darüber hinaus?
Wie wird das Leben dieser 7-jährigen aussehen, wenn sie erwachsen sind? Was werden sie bis dahin erleben? Was erhoffen sie sich? Welche Werte werden ihnen wichtig sein? In welcher Welt werden sie leben? Wird es wirklich immer heißer? Werden ganze Teile der Welt überschwemmt sein, weil wir den Klimawandel nicht aufgehalten haben? Wird das so sein, weil es uns, den Jetzt-schon-Erwachsenen, so wichtig war, unseren eigenen Wohlstand unverändert zu leben? Wenn ich die „Gang“ beobachte, bete ich manchmal für die Kinder. Und ich weiß doch, dass das nicht ausreicht.
Werden sie vertrauen können, wenn sie denen nicht vertrauen können, die jetzt verantwortlich für sie und ihre Zukunft sind? Werden sie an Werte glauben, oder nur an das Recht des Stärkeren?
Jesus stellt einmal ein Kind mitten unter alle Erwachsenen und warnt sie: Wer auch nur einen von diesen kleinen Menschen vom Vertrauen abhält, der hätte es verdient, mit einem Mühlstein am Hals ins Meer gestürzt zu werden. Manchmal denke ich daran, wenn ich die „Gang“ kurz nach halb acht an meinem Fenster vorbeiziehen sehe. Was sie wohl erhoffen? Was sie wohl erwartet? Und was ich für sie tun kann? Beten. Ja. Und ich weiß, dass das allein nicht ausreicht.
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Es ist Nikolaustag! Hoffentlich war etwas in den Stiefeln vor der Tür und hoffentlich wird heute ein Tag, an dem viele sich gegenseitig eine kleine Freude machen. Und zum Glück gibt es vom Nikolaus heute keine Ohrfeige! Sie haben richtig gehört. Ohrfeige. Dafür steht Nikolaus von Myra, das historische Vorbild des Nikolauses, nämlich auch. Auf einer Kirchenversammlung im Jahr 325, soll er einem anderen Theologen tatsächlich eine krachende Ohrfeige gegeben haben.
Er wurde dafür verhaftet und erst am Ende der Versammlung, etwa zwei Monate später, durfte er wieder teilnehmen. Recht so.
Auch wenn der andere aus heutiger Sicht der Kirchen ein Irrlehrer war – so führt man keine Diskussionen, schon gar nicht in der Kirche, oder?
Und doch… Manchmal wünscht man sich ja schon etwas mehr Leidenschaft in der Kirche. Ich jedenfalls denke, dass nicht immer alles friedlich und höflich sein muss. Ein Kommunikationspsychologe (Friedemann Schulz von Thun) hat einmal gesagt: „Zu friedlich und zu höflich, das ist »friedhöflich«: Da ist keine wirkliche Lebendigkeit, keine Streitlust, keine Herzlichkeit.“*
Dabei werden Christinnen und Christen in der Bibel Epheser 4,25-26 aufgefordert: „Sagt zueinander die Wahrheit!“ Also: Seid ehrlich, seid beherzt, streitlustig, lebendig. Ja, seid auch einmal zornig! Nur: „Wenn ihr in Zorn geratet, versündigt euch nicht.“ Also ganz sicher keine Ohrfeigen. Das ist, wie gesagt, auch gut.
„Versündigt euch nicht“. Was das bedeutet, wenn man doch beherzt und sogar zornig sein kann, das wird in der Bibel dann zum Glück auch erklärt: Versündigt euch nicht, sondern „versöhnt euch wieder und lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Das ist gut. Sich intensiv, mit Herzblut auseinandersetzen, aber dann beieinanderbleiben, sich auch wieder versöhnen.
Schießen und dann wegrennen, Shoot and Run, das ist leider viel zu oft die einzige Art, wie Menschen miteinander streiten. Jemand schreibt einen bösen Kommentar und verschwindet dann, eine andere beschimpft beim Verlassen des Ladens noch die Verkäuferin und dampft dann ab. Mit Herzblut streiten heißt für mich: Du bist es mir wert, mich mit dir auseinanderzusetzen, damit wir beieinanderbleiben. Wenn ich das nicht will, kann ich mir den Streit auch sparen.
Der Bischof Nikolaus von Myra hat später, soweit wir wissen, niemanden mehr geohrfeigt. Er war aber auch weiterhin mit viel Herzblut an Auseinandersetzungen beteiligt. Recht so. Wir brauchen Leidenschaft. In diesem Sinne einen lebendigen, vielleicht sogar streitlustigen Nikolaustag, und, wenn es nötig ist, Versöhnung, und dann eine Nacht ohne Zorn.
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