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SWR4 Feiertagsgedanken
Gestern haben wir Christen Ostern gefeiert. Auferstehung vom Tod. Halleluja, Jesus lebt! So haben wir in den Kirchen gesungen. Und heute in den biblischen Texten im Gottesdienst schon Zweifel. Kann das wirklich sein? Soll man sich das ernsthaft vorstellen?
Nun gehören die Zweifel zum Glauben wie die Erde zum Himmel. Blind zu glauben ohne irgendeinen Zweifel? Ich persönlich kann mir das gar nicht vorstellen. Und mit am schwierigsten zu glauben ist ja das, worum es jetzt an Ostern geht. Dass dieser Jesus auferstanden ist vom Tod und dass ein paar seiner Freunde ihm sogar begegnet sind. So berichtet es die Bibel. Andere, denen sie aufgeregt davon erzählen, nehmen ihnen das zuerst gar nicht ab. Und auch die beiden Jünger, die nach dem Tod Jesu traurig aus Jerusalem weggehen, unterhalten sich unterwegs über nichts anderes. Angeblich soll er leben, haben sie gehört. Doch so richtig glauben können sie das nicht. Noch nicht. Heute, am Ostermontag, wird ihre Geschichte in den Kirchen erzählt. (Lk 24,13-35) Für mich gehört sie zu den schönsten in der Bibel. Die Geschichte der beiden Jesusjünger, die sich von Jerusalem auf den Weg machen ins Dorf Emmaus, ist einer meiner absoluten Favoriten. Weil sie eben nicht schwarz-weiß ist. Weil sie auch Raum lässt für Fragen und Zweifel. Weil sie gerade nicht fundamentalistisch daherkommt, nach dem Motto: Entweder glaubst du alles, wie es im Katechismus steht, oder du gehörst nicht dazu, bist kein richtiger Christ.
Die Geschichte berichtet davon, wie die beiden, die den Tod ihres Freundes noch gar nicht fassen können, immer wieder darüber reden. Sie müssen einfach, wollen begreifen, was da geschehen ist. Die Nachricht, dass Jesus leben soll, verstört sie. Auf ihrem Weg treffen sie einen Fremden. Er schließt sich ihnen an, fragt behutsam nach, lässt sich alles von ihnen berichten. Den beiden, so aufgewühlt wie sie sind, tut die Begegnung mit ihm gut. Es ist so wohltuend, einem anderen sein Herz ausschütten zu können. Einem, der aufmerksam ist, genau hinhört, Anteil nimmt. Am Ziel angekommen ist es Abend geworden. Die beiden laden den Fremden ein, zu bleiben. Als sie dann miteinander am Tisch sitzen, nimmt der das Brot, spricht den jüdischen Lobpreis und bricht es. Und an der Art, wie er das macht, merken sie: Das ist Jesus! Mit ihm selbst haben sie also den ganzen Tag gesprochen. In dem Augenblick aber, als ihnen das klar wird, können sie ihn nicht mehr sehen.
Ein verstorbener Freund, der plötzlich wieder auftaucht. Kann gar nicht sein. Gibt’s doch nicht! Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte der beiden Jünger tatsächlich etwas schräg. Schon möglich, dass mir auch Zweifel kämen, wenn ich sie zum allerersten Mal hören würde. Dass sie mit ihm reden, sich sogar mit ihm austauschen. Dass ihnen dabei das Herz brennt, wie es in der Geschichte heißt.
Aber vielleicht erzählt die Geschichte ja auch etwas, das vielen, die einen lieben Menschen verloren haben, gar nicht so fremd vorkommt. Vor ein paar Monaten ist ein Kollege und Freund von mir gestorben. Aus heiterem Himmel, über Nacht, völlig unerwartet. Eine gemeinsame Bekannte, die in seiner Nähe wohnt, sagte vor kurzem: Wenn ich um die Ecke gehe, dann denke ich immer noch: Gleich kommt er mir wieder entgegen. Ganz ähnlich ging es mir auch. Wie oft sind wir in der Mittagspause ein paar Schritte zusammen gegangen. Haben diskutiert, über Gott und die Welt geredet. Wenn ich in den Wochen nach seinem Tod dieselben Wege gelaufen bin, dann kamen mir viele Gespräche mit ihm wieder in den Sinn. Und bei Problemen, die mir durch den Kopf gingen, habe ich mich immer wieder gefragt: Was hätte er jetzt dazu gesagt. Dann war es fast so, als ob ich seine Stimme neben mir hören würde.
Natürlich weiß ich, dass er gestorben ist. Ich war auf seiner Beerdigung, habe an seinem Grab gestanden. Aber ich weiß auch, dass es vielen anderen, die den Partner, Freund oder Freundin, Mutter oder Vater verloren haben, ähnlich geht. Sie wissen: Dieser Mensch ist tot, kommt nicht mehr wieder. Und ist trotzdem da. Ganz nah, beim Spaziergang, am Tisch gegenüber. Lebt, irgendwie und doch so anders. Und deshalb steht ein entscheidender Satz in der Geschichte der beiden Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus auch am Ende: Als sie erkennen, dass er es ist, sehen sie ihren Freund nicht mehr. Es gibt keinen greifbaren Beweis. Kein sicheres Wissen. Nur ein Vertrauen, dass das möglich ist: Auferstehung. Das schafft nur der Glaube. Ein so oft strapazierter Satz des Dichters Antoine de Saint Exupery trifft da mitten hinein: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Die Menschen, die meinem verstorbenen Freund nahe waren, seine Witwe, seine Freunde, seine Bekannten, können es ahnen: Es muss noch mehr geben als den Tod. Das ist Ostern.
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„Heute ein König“! Mit dem Satz wurde vor Jahren mal Werbung für ein Bier gemacht. Der Satz passt aber auch auf die Geschichte, die heute am Palmsonntag im Mittelpunkt der katholischen wie evangelischen Gottesdienste steht. (Mt 21,1-11) Denn auch da geht’s um einen König. Sie erzählt davon, wie Jesus kurz vor seinem Tod mit seinen Jüngern in Jerusalem einzieht. Wie ein König eben, nur nicht nach den üblichen Maßstäben. Eher ein König der Herzen. Einen, der später von sich selbst sagen wird, dass sein Königtum nicht von dieser Welt sei. Denn so manches an dieser Geschichte passt nicht zu einem König, wie man ihn sich gemeinhin vorstellt. Da lässt Jesus etwa eine Eselin samt Fohlen organisieren, kein stolzes Pferd. Und auf der Eselin reitet er, wenig königlich, nach Jerusalem hinein. Oder da sind Leute, die ihre Kleider vor ihm auf dem Weg ausbreiten, ihm quasi den roten Teppich ausrollen wie einem großen Herrscher. Das Ganze garniert mit Palmzweigen. Einem alten Symbol für den Triumph. Und doch wirkt das verglichen mit einem echten Herrscher oder Feldherrn eher wie eine Parodie auf den ganz großen Auftritt. Man stelle sich die Szene mal vor: Kurz vor dem Passahfest war Jerusalem damals prallvoll mit tausenden Pilgern. Die Stadt platzte förmlich aus allen Nähten. Und die Jesusanhänger eine kleine, überschaubare Gruppe unter vielen anderen. Der Einzug auf einem Esel mit ein paar dutzend Anhängern, die ihn wie einen König bejubeln. Aus der Distanz betrachtet wirkt er wie eine Lachnummer. Warum also erzählt die Bibel das so bewusst?
Weil dieser König nicht wie die üblichen Herrscher sein soll. Weil es bei ihm nicht um Macht und Einfluss und schon gar nicht um militärische Stärke geht. Weil dieser Herrscher eher ein Anti-König ist. Einer, in dem sich die alten Prophezeiungen vom Friedenskönig erfüllen. Juble laut, Tochter Zion! / Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, heißt es da. Und weiter: Demütig ist er und reitet auf einem Esel, / ja, auf einem Esel, dem Jungen einer Eselin. (Sach 9,9) In einer Welt, in der – wie gerade mal wieder – das Recht des Stärkeren herrscht, mag so ein König eine Lachnummer sein. Aber vielleicht wäre er gerade jetzt besonders wichtig.
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„Viel Erfolg“! Vor kurzem erst habe ich das einer Kollegin gewünscht. Sie musste sich um eine Fernsehübertragung kümmern und da gibt’s unglaublich viel zu organisieren. Viel Erfolg! Was ich ihr damit sagen wollte: Ich wünsche dir, dass alles so gelingt, wie du es geplant hast.
Nun ist das mit dem Erfolg so eine Sache. Ein Erfolg kann ja ganz vieles sein. Ein berufliches Projekt, wie bei meiner Kollegin. Das Fairnesskaufhaus in unserer Stadt, wo Leute für wenig Geld gute, gebrauchte Dinge bekommen. Oder auch konsequenter Naturschutz, wenn Pflanzen und Tiere plötzlich wiederkommen, die wir fast ausgerottet hatten. Auf der anderen Seite kann aber auch ein Krieg erfolgreich sein. Oder ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter schikaniert und ausbeutet. Und ein Garant für gute Laune ist Erfolg leider auch nicht. Manchmal spaltet er. Lässt die neidisch und gehässig werden, die nicht so erfolgreich sind wie andere. „Über deine Erfolge freuen sich deine Eltern. Über deine Misserfolge freuen sich alle anderen“, meinte der Autor Harald Martenstein mal spöttisch in einem Interview.
Der große jüdische Religionsgelehrte Martin Buber war deshalb skeptisch beim Wort „Erfolg“. Erfolg, so hat Buber mal gesagt, sei für ihn „keiner der Namen Gottes“. Das heißt: Wenn irgendwas super läuft, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch gut und wünschenswert ist. Dass es Menschen nützt, ihnen Zuversicht gibt, im Sinne Gottes ist. Wer Schlechtes tut. Wer rücksichtslos mit Menschen und Natur umgeht, kann nicht mit Gott rechnen, selbst, wenn er noch so erfolgreich erscheint.
Für mich heißt das: Als gläubiger Mensch sollte ich besonders wachsam sein, wenn ich mal wieder sage: Viel Erfolg. Es kommt halt drauf an, was damit gemeint ist.
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Er steht noch immer da, der alte Kulturbeutel meines Vaters. Vor ein paar Jahren ist mein Vater im Krankenhaus gestorben. Den Beutel haben wir damals mit anderen persönlichen Dingen mitgenommen. Darin ist wertloses Zeug. Seine Zahnbürste, sein Rasierapparat, etwas Duschgel und manches andere. Nichts davon konnte ich gebrauchen und doch habe ich diesen Kulturbeutel lange aufbewahrt wie einen Schatz. Wegwerfen ging nicht. Es hätte zu weh getan.
Ich habe mich oft gefragt, warum das so ist. Denn nüchtern betrachtet war er zu nichts mehr zu gebrauchen. Mit dem Beutel ist es wie mit zig anderen Gegenständen, die ebenfalls mein Haus bevölkern. Die herumliegen, in Schränken oder Schubladen. Die zustauben und Platz wegnehmen. Ich brauche sie nicht und doch kann ich sie auch nicht einfach wegwerfen. Da sind Mitbringsel aus einem wundervollen Urlaub. Geschenke, die mir meine Kinder mal gemacht haben, als sie klein waren. Und an jedem einzelnen Teil kleben Erinnerungen, zäh wie ein altes Kaugummi. Manche tun gut und wärmen die Seele. Andere sind schmerzhaft, wie beim Kulturbeutel meines Vaters. Aber jedes einzelne Teil erzählt eine Geschichte und jedes steht für etwas Wichtiges in meinem Leben.
Oft spüre ich erst viel später, dass die Erinnerungen ein Teil von mir geworden sind. Dass ich sie anschauen, mich daran freuen kann. Dass sie aber nicht mehr weh tun. Das ist der Moment, an dem ich endgültig Abschied nehmen und Dinge loslassen kann. Von dem alten Kulturbeutel werde ich mich demnächst wohl doch trennen. Weil die Erinnerungen an meinen Vater längst ein Stück von mir sind.
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„Home is, where your heart beats“. Heimat ist da, wo dein Herz schlägt. Der Spruch steht auf einem Aufkleber. Er pappt an der Tür zum früheren Kinderzimmer meiner Tochter. Als Schülerin vor vielen Jahren hatte sie den Spruch mal dorthin geklebt. Heimat, da, wo ich ganz ICH sein darf, das war ihr wichtig. Ich glaube, es ist es heute noch.
Wenn ich an der Tür vorbeilaufe und den Spruch sehe, dann erinnert er mich immer auch an einen kleinen Satz aus der Bibel, den ich mag: Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. (Mt 6,21) Nun meint die Bibel mit dem Schatz nicht das, was Verliebte meinen, wenn sie von „meinem Schatz“ reden. Hier geht’s um andere Schätze. Klar, mancher denkt bei „Schatz“ wohl erstmal ans Materielle. Mein Haus, mein Auto, mein Bankdepot. Dabei könnten es auch Orte sein, an denen ich mich wohlfühle. Wo ich ICH sein darf. Werte vielleicht, die mir kostbar sind im Leben. Gerecht zu handeln etwa oder barmherzig zu sein. Und natürlich Menschen, die mich durchs Leben begleiten. Die sind sogar ein besonderer Schatz.
Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Was die Bibel damit sagen will: Mach dir klar, welche Schätze wirklich wichtig sind im Leben. Welche nachhaltig sind, würde es heute vielleicht heißen. Welche ein Schatz im Himmel sein könnte. Ich glaube, am Ende würde ich mich wohl für Beziehungen entscheiden. Beziehungen zu Menschen, die mein Leben reicher machen. Die mir Heimat geben, egal wo ich bin. Ein Stückchen Himmel auf Erden. Dort, wo mein Herz schlägt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44062SWR1 3vor8
Wer die Münchener Sicherheitskonferenz vor zwei Wochen zumindest ein wenig verfolgt hat, dem dürfte endgültig klar sein: Die Welt, wie wir sie kannten, hat sich dramatisch verändert. Das, was manche als die gute alte Zeit verklären, ist vorbei. Endgültig. Eine neue Epoche beginnt. Zeit, aufzubrechen. Aber wie und wohin? Auch mich macht das gerade oft ratlos.
Ein uralter Text, der heute Morgen in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist, könnte da ein wenig Mut machen. Er erzählt von Abraham, dem gemeinsamen Vorfahren von Juden, Christen und Muslimen. Eines Tages sagt Gott zu ihm: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! (Gen 12,1ff) Und Abraham? Der nimmt seine Sippe, macht sich auf und zieht los. Ohne zu wissen wohin. Aber im Vertrauen darauf, dass es gut ausgehen wird.
Ich gebe zu, ich könnte das nicht. Ich bin ein Mensch, der gerne vorausplant. Der wissen will, was ihn erwartet. Abraham aber hat etwas, das ihn in der Geschichte scheinbar gelassen losziehen lässt. Denn Gott verspricht ihm: Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Mehr noch: Ich werde segnen, die dich segnen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen.
Segnen und gesegnet werden. Im Ursprung meinte Segen wohl einen Art Kraft, die etwas wachsen und gut werden lässt. Eine Kraft, die von Gott kommt. Und die wünsche ich eben einem Menschen, wenn ich ihn segne. „Gott segne dich“ meint also: Gott möge dir Mut und Kraft verleihen, damit dein Leben gelingt. Eine Garantie darauf gibt es natürlich nicht. Ein Segen ist kein Zauberspruch. Er ist eine Zusage: Du bist nicht allein. Gott geht mit dir. Was die kleine Abrahamsgeschichte aber auch noch erzählt: Wer so gesegnet ist, Gottvertrauen gewonnen hat, kann sogar für andere zum Segen werden. Zum Mutmacher und Kraftspender.
Was die nähere Zukunft für mich und alle anderen bringen wird ist ungewiss. Vielleicht passt das etwas verstaubt klingende Wort vom „Gottvertrauen“ da ja ganz gut. Denn ich werde nie alles planen und im Griff haben können. Aber ich kann trotzdem losgehen und mit meinen begrenzten Möglichkeiten Gutes tun. Im Vertrauen darauf, dass ich gesegnet bin und Gott mir alles, was nötig ist, dafür mitgeben wird. Und vielleicht kann ich sogar zum Segen werden für andere.
Wer die Münchener Sicherheitskonferenz vor zwei Wochen zumindest ein wenig verfolgt hat, dem dürfte endgültig klar sein: Die Welt, wie wir sie kannten, hat sich dramatisch verändert. Das, was manche als die gute alte Zeit verklären, ist vorbei. Endgültig. Eine neue Epoche beginnt. Zeit, aufzubrechen. Aber wie und wohin? Auch mich macht das gerade oft ratlos.
Ein uralter Text, der heute Morgen in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist, könnte da ein wenig Mut machen. Er erzählt von Abraham, dem gemeinsamen Vorfahren von Juden, Christen und Muslimen. Eines Tages sagt Gott zu ihm: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! (Gen 12,1ff) Und Abraham? Der nimmt seine Sippe, macht sich auf und zieht los. Ohne zu wissen wohin. Aber im Vertrauen darauf, dass es gut ausgehen wird.
Ich gebe zu, ich könnte das nicht. Ich bin ein Mensch, der gerne vorausplant. Der wissen will, was ihn erwartet. Abraham aber hat etwas, das ihn in der Geschichte scheinbar gelassen losziehen lässt. Denn Gott verspricht ihm: Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Mehr noch: Ich werde segnen, die dich segnen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen.
Segnen und gesegnet werden. Im Ursprung meinte Segen wohl einen Art Kraft, die etwas wachsen und gut werden lässt. Eine Kraft, die von Gott kommt. Und die wünsche ich eben einem Menschen, wenn ich ihn segne. „Gott segne dich“ meint also: Gott möge dir Mut und Kraft verleihen, damit dein Leben gelingt. Eine Garantie darauf gibt es natürlich nicht. Ein Segen ist kein Zauberspruch. Er ist eine Zusage: Du bist nicht allein. Gott geht mit dir. Was die kleine Abrahamsgeschichte aber auch noch erzählt: Wer so gesegnet ist, Gottvertrauen gewonnen hat, kann sogar für andere zum Segen werden. Zum Mutmacher und Kraftspender.
Was die nähere Zukunft für mich und alle anderen bringen wird ist ungewiss. Vielleicht passt das etwas verstaubt klingende Wort vom „Gottvertrauen“ da ja ganz gut. Denn ich werde nie alles planen und im Griff haben können. Aber ich kann trotzdem losgehen und mit meinen begrenzten Möglichkeiten Gutes tun. Im Vertrauen darauf, dass ich gesegnet bin und Gott mir alles, was nötig ist, dafür mitgeben wird. Und vielleicht kann ich sogar zum Segen werden für andere.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43955SWR3 Gedanken
Uns Deutschen wird schon mal nachgesagt, dass wir ein gestörtes Verhältnis zum Essen hätten. Nicht Genuss und Lebensfreude wie in Frankreich oder Italien. Eher Pflichtübung nach dem Motto „Hauptsache satt“. Okay, das mag reichlich überspitzt sein, aber so ganz daneben ist es leider auch nicht.
Ein paar Politiker*innen in Berlin hatten eine Idee, die beide Aspekte miteinander verbindet. „Kiez-Kantinen“ in den Stadtbezirken solle es geben, mitfinanziert vom Land. Quasi öffentliche Einrichtungen, in denen man für wenig Geld gesund und abwechslungsreich essen kann. Am besten nicht in abgeranzten Speisesälen mit Plastikstühlen und Resopaltischen unter Neonlicht, sondern in schönen Räumen, in denen man sich wohl fühlt.
Ob das je umgesetzt wird? Eher fraglich. Aber die Idee find ich gut. Weil Essen viel mehr sein kann als bloßes Sattwerden. Es war ja kein Zufall, dass die frühen Christen als ihr Erkennungszeichen ein gemeinsames Mahl hatten. Erst beim Abendmahl im Gottesdienst, und danach als gemeinsames Essen an einem Tisch. Jeder durfte kommen. Ob reich oder arm, alt oder jung, konservativ oder progressiv. Essen schafft Gemeinschaft, bringt Menschen zusammen. Vielleicht bräuchte es solche Orte heute ja wieder, mehr denn je. Orte, wo jeder, auch mit sehr wenig Geld, gesund und günstig essen kann. Orte gegen den Hunger und auch gegen das Alleinsein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43910SWR3 Gedanken
Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die viel schlauer sind als ich, dann fühle ich mich immer ein bisschen kleiner als sonst. Der Intelligenz des anderen einfach nicht gewachsen. Vielleicht habe ich ja deshalb oft ein mulmiges Gefühl, wenn von Künstlicher Intelligenz die Rede ist. Und dass die in ein paar Jahren schon viel, viel schlauer sein könnte als jeder Mensch. Ein digitales Super-Brain also, dem auch die Allerklügsten nicht mehr gewachsen sind. Faszinierend und gruselig zugleich.
Allwissend und jedem Menschen haushoch überlegen? Bis jetzt war sowas eigentlich immer Gott vorbehalten. Jedenfalls so, wie sich wohl die meisten Menschen Gott vorstellen. Und nun basteln diese Menschen an einer Art gottähnlicher KI? Bei der Vorstellung muss ich jedenfalls an die uralte Erzählung vom Turmbau zu Babel denken. Auf Augenhöhe mit Gott wollten die Menschen sein, so heißt es in der Bibel. Deshalb fangen sie an, einen riesigen Turm zu bauen. Bis in den Himmel soll er reichen. Als der Turm höher und höher wird, die Menschen Gott scheinbar immer näherkommen, wird es dem dann doch zu bunt. Er bringt ihre Sprache völlig durcheinander. Ihr ambitioniertes Projekt müssen sie abbrechen. Das ist heute kaum zu erwarten.
In der Medizindiagnostik und anderen Bereichen ist künstliche Intelligenz ja auch wirklich ein Segen. Und die Entwicklung wird noch weitergehen. Bloß wohin, das weiß ich nicht. Ich weiß nur: Mein mulmiges Gefühl vor einem digitalen Superhirn, dem irgendwann kein Mensch mehr gewachsen ist, das wird bleiben.
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„Great again“ – endlich wieder großartig sein. Was den Slogan offenbar so attraktiv macht ist, dass Viele sich darin wiederfinden. Großartig sein. Oder wenigstens, sich großartig fühlen. Mal ehrlich: Wer wünscht sich das nicht? Die Frage ist, was das eigentlich heißen soll. Wann bin ich denn großartig? Wenn ich beim Sport auf dem Treppchen oben stehe? So viel Geld wie möglich anhäufe? Im Job meine Konkurrenten kaltstelle? Die Vorstellungen dürften ziemlich auseinandergehen.
Völlig schräg klingt da erstmal, was die Bibel dazu sagt. Wer der Größte sein will, heißt es da, soll der Diener aller sein. Schaue ich mir die Geschichte meiner eigenen Kirche an, dann hat sie das selbst leider nicht immer so ernst genommen. Da gibt’s nämlich neben viel ehrlicher Bescheidenheit auch noch hochwürdige Herren oder Exzellenzen und manche verhalten sich auch so. Der Satz aus der Bibel, der hat da schon was. Weil er subversiv ist. Weil da eine Idee vom Groß-Sein drinsteckt, die einfach großartig ist.
Groß ist danach eben nicht der mit der größten Klappe oder den breitesten Ellenbogen. Groß ist nicht, wer sich am rücksichtslosesten durchboxt. Groß ist, wer sich selbst auch zurücknehmen und andere glänzen lassen kann. Groß ist, wer es schafft, Gegensätze auszuhalten und miteinander zu versöhnen. So, dass daraus am Ende vielleicht wirklich was Großes werden kann. Für alle.
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Zwölf Gänge mit orientalischen Köstlichkeiten. Meine Tochter und ich haben letztes Jahr in Berlin ein Restaurant ausprobiert, von dem ich schon oft gehört hatte. Das „Kanaan“. Vor 11 Jahren gegründet vom jüdischen Israeli Oz Ben David und Jalil Dabit, einem muslimischen Palästinenser. Kennengelernt haben sich die beiden erst in Berlin. Ihre Idee: Ein Hummusrestaurant. Denn der ewige Streit, wer Hummus und Fallafel, orientalische Gerichte aus Kichererbsen, eigentlich erfunden hat, verbindet beide Völker. Und genau das wollten sie auch: Beim Kochen und gemeinsamen Essen Gegensätze zusammenbringen. Ein Ort sein, wo sich im Idealfall Rechte und Linke, Homos und Heteros, Menschen verschiedenster Kulturen begegnen. Heftig gefetzt haben sich die beiden oft. Und beim Kochen dann doch immer wieder zusammengefunden. Oder, wie Jalil Dabit es sagt: „Frieden entsteht, wenn sich Leute an einen Tisch setzen und trotz der Streitpunkte, die sie miteinander haben, zusammen essen.“ „Make hummus, not war“, mach Hummus und nicht Krieg, so steht es auf einem Schild in ihrem Laden.
Ihre Idee vom Frieden durch gemeinsames Kochen und Essen wollen die beiden weiterführen. Ihr einzigartiges Restaurant am Prenzlauer Berg aber werden sie Ende Februar leider schließen. Die Krise in der Gastronomie trifft sie auch. Ich finde das jammerschade! Weil man bei Oz und Jalil eben nicht nur köstlich essen, sondern auch einem Traum nachhängen konnte. Dass Frieden zwischen ganz unterschiedlichen Menschen möglich ist. Und dass er manchmal eben einfach durch den Magen geht.
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