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SWR2 / SWR Kultur

  

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

09JUN2024
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Es ist früh am Sonntagmorgen. Ich bin früher aufgestanden als sonst, weil ich bei einem Gottesdienst im Grünen dabei sein will. Mein Weg führt mich durch einen Park. An schlanken, hochgewachsenen Buchen vorbei, die in vollem Laub stehen. Ich genieße die frische Luft, den Atem der Bäume. Und schon von weitem höre ich den Bläserchor: „Morgenglanz der Ewigkeit...“

Es ist eine besondere Stimmung, wie sie nur ein junger Morgen hat. Wenn nach dunkler Nacht das Licht zurückkommt. Was für ein unglaubliches Wunder an jedem Morgen! Es ist fast so, als würde die Schöpfung noch einmal von vorne beginnen. So wie damals, als Gott sprach: Es werde Licht! Der Tag ist noch unverbraucht und liegt aufgeschlagen vor mir wie ein unbeschriebenes Blatt. Ich frage mich: Wie wird er werden? Wem werde ich heute begegnen? Was wird mich berühren?

Morgenglanz der Ewigkeit,
Licht vom unerschaffnen Lichte,
schick uns diese Morgenzeit,
deine Strahlen zu Gesichte
und vertreib durch deine Macht
unsre Nacht!

Ja, es gibt auch andere Morgen, da fällt wenig Glanz vom Himmel. Wenn die Nacht nicht weichen will. Eine Krankheit, die mich quält. Die Nachrichten im Radio, die den Horizont verdunkeln. Oder die Sorge um Angehörige. Das Leben, die „Lebensaue“, fühlt sich dürr und ausgetrocknet an. Umso mehr strecke ich mich dann aus nach dem Licht. Wie nach einer Quelle, aus der ich neue Kraft schöpfen kann. Oder wenigstens ein paar Tropfen frischen Morgentaus.

Deiner Güte Morgentau
fall auf unser matt Gewissen,
lass die dürre Lebensau
lauter süßen Trost genießen
und erquick uns, deine Schar,
immerdar!

Es ist schön, an diesem Morgen auf Menschen zu treffen, die meine Hoffnung teilen. Vielleicht in einem Park, in einer Kirche oder beim Frühstück. Gemeinsam hofft es sicher besser. Die Nähe, die entsteht, wenn wir miteinander singen, facht die müden Lebenskräfte an. Und ich stimme ein in dieses Lied, das mir helfen kann, gut aufzustehen und gut in den Tag zu kommen. Mit der Bitte am Schluss: „Erweck‘ uns Herz und Mut bei erstandener Morgenröte, dass wir, eh wir gar vergehn, recht aufstehn!“

Gib, dass deiner Liebe Glut
unsre kalten Werke töte
und erweck uns Herz und Mut
bei erstandner Morgenröte,
dass wir, eh wir gar vergehn,
recht aufstehn!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

                                                   *

CD: Gott danken ist Freude, Sächsische Posaunenmission Dresden, III
CD: Wach auf, mein Herz, und singe. Morgenglanz der Ewigkeit. Choralsatz für gemischten Chor a cappella, Wilhelmshavener Vokalensemble; Popken, Ralf

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SWR Kultur Wort zum Tag

29MAI2024
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Zuweilen kommt es mir vor, als hätte dieses Wort gerade Hochkonjunktur. Ich meine das Wort „Demut“. Fußballtrainer sprechen davon, wenn sie sagen: man müsse mit Demut in die nächste Partie gehen. Politiker teilen mit, was auch immer das zu erwartende Wahlergebnis sei, sie würden es mit Demut annehmen.   

Was ist da los?, frage ich mich. Verbirgt sich dahinter nur eine besonders raffinierte Form der Eitelkeit? Im Alltag geht es ja eher um andere Dinge. Um Selbstdarstellung und Profilierung. Darum sich groß, aber nicht klein zu machen.

Demut ist eigentlich ein Schlüsselbegriff aus der jüdischen und christlichen Glaubenstradition. Ursprünglich ist Demut eine Haltung, die ein Mensch Gott gegenüber einnimmt. Wenn er etwa Erfahrungen macht, wie hilflos und klein ein Mensch im Kosmos ist. Wie machtlos ausgeliefert gegenüber Naturgewalten und Schicksalsschlägen.

Im Alten Testament entdeckt Hiob das unbegreifliche Geheimnis Gottes, als im klar wird, dass er viele Fragen in seinem Leben nicht auflösen kann.

Da zerbricht das Bild, das er sich von Gott gemacht hatte. Gott, den er bisher nur aus überlieferten Bildern und Vorstellungen kannte, wird für ihn zu einem lebendigen Gegenüber.

Es stimmt ja: es sind meistens einschneidende Ereignisse im Leben, bei denen mir bewusst plötzlich wird, dass nicht ich das das Maß aller Dinge bin. Sondern dass ich gehalten und angesprochen bin von einer Macht, die größer ist als ich. Die mich demütig werden lässt.

Der Theologe Fulbert Steffensky hat das so gesagt: „Man darf sich“ schreibt er, „nicht gewissenslos irgendeiner Autorität unterwerfen. Man darf sich aber auch nicht sich selbst und dem eigenen Ich unterwerfen. Demut heißt, sich dem eigenen falschen Bewusstsein zu entwinden. Es heißt, sich treffen und beunruhigen zu lassen von Wahrheiten, die größer sind als unsere eigenen.“ 

Demut hat also nichts zu tun mit falscher oder künstlicher Bescheidenheit. Sie verhilft vielmehr zu einer heilsamen Erkenntnis der Selbstbegrenzung.

Und mir wird klar: In Gottes großer Schöpfung habe ich einen einmaligen und unverwechselbaren Platz. Mit unzähligen Möglichkeiten. Aber eben auch: mit meinen Grenzen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

28MAI2024
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„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Fragt die Königin im Märchen ihren Wunderspiegel. Und der antwortet pflichtschuldig: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“ Da war die Königin zufrieden, heißt es im Märchen, denn „sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte.“

Die Ironie ist nicht zu überhören. Im Märchen wird ein tiefsitzender menschlicher Wunsch angesprochen. Den es nicht nur im Märchen gibt. Das Bedürfnis nämlich, schöner, größer, mächtiger zu sein als andere. Was bedenklich daran ist: dass diese Art der Selbstbespiegelung grenzenlos ist. Der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter hat schon vor Jahren vom Gotteskomplex gesprochen. Der Gotteskomplex bezeichnet den tief sitzenden Drang eines Menschen, andere in allem nicht nur zu übertreffen, sondern selbst letztlich gottgleich zu sein.

Die kirchliche Tradition kennt eine solche Haltung und nennt sie: Hochmut. Der Hochmut rangiert unter den sieben Todsünden an erster Stelle.

Und macht selbst vor dem engsten Umfeld Jesu nicht Halt.

In der Bibel wird in einer Episode erzählt, wie die Jünger in einen Wettstreit miteinander treten. Zwei von ihnen schleichen sich heimlich an Jesu Seite mit der Bitte, er möge ihnen doch bitte die besten Plätze in seinem kommenden Reich reservieren. Aber Jesus durchkreuzt ihren Ehrgeiz: „Anders herum !“, sagt er, „Wer unter euch groß sein will, der soll den anderen dienen!“

Jesus macht die Jünger darauf aufmerksam, dass man die eigenen Begabungen und Talente durchaus besser einsetzen kann als zur Steigerung   des eigenen Ruhms. Indem ich auch die Fähigkeiten und Talente anderer gelten lasse. Vielleicht sogar fördere.

So möchte ich seinen Einwand verstehen: Nicht nur mich selbst im Blick zu haben, sondern auch das, was andere mitbringen.

Und vielleicht wäre das gerade in Zeiten, wo Wahlen anstehen und sich Menschen in besonderer Weise in Konkurrenz zueinander treten, eine schöne Übung: den eigenen Überlegenheitsimpuls zu zügeln. Statt Hochmut Fairness im Umgang miteinander zu praktizieren.

Und - anders als die Königin im Märchen - Mut zu haben zum Respekt voreinander. 

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SWR Kultur Wort zum Tag

27MAI2024
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Es gibt Worte, die verströmen einen besonderen Zauber. Für mich ist das Wort Anmut so eines. Es ist selten geworden im heutigen Sprachgebrauch. 

Was ist das - anmutig? Nicht leicht zu sagen. Die Anmut kommt aus einer anderen Welt als der des Nützlichen und Funktionalen. Anmut ist Grazie, absichtslose Schönheit. Eine Geste, ein Blick, eine Haltung, die mich unmittelbar berührt.

Es ist wohl gerade dieses Absichtslose, was es der Anmut heute so schwer macht. Wo wir doch darauf trainiert werden: Wie wirke ich? Wie komme ich an? Wie steigere ich meine Beliebtheitswerte?

Ich glaube, Jesus spricht von der Anmut in der Bergpredigt, wenn er die Menschen seligpreist, die reinen und aufrichtigen Herzens sind. Über sie sagt er: „Sie werden Gott schauen“. 

Für mich sind es tatsächlich oft biblische Frauengestalten, die ich mir anmutig vorstelle: Maria Magdalena in der Selbstvergessenheit, mit der sie sich Jesus nähert. Die zarte Begegnung zwischen Maria und Elisabeth am Beginn ihrer Schwangerschaft. Aber auch von einem Mann heißt es in der Bibel:  er war von anmutiger Gestalt. Gemeint ist der junge David.

Dabei hat Anmut nicht unbedingt etwas mit äußerlicher Schönheit zu tun. Der Philosoph Martin Seel meint sogar: eine im Sinne der Anmut „gute Figur können auch Leute machen, die sonst keine haben.“

Denn Anmut schafft einen Raum, der das Körperliche und Materielle übersteigt. Wo ich berührt werde, ohne genau sagen zu können, warum.

Wie beim Betrachten einer Rose. So hat der christliche Mystiker Angelus Silesius gedichtet:

„Die Ros‘ ist ohn‘ Warum/sie blühet, weil sie blühet./Sie acht‘ nicht ihrer selbst/fragt nicht, ob man sie siehet.“

Die Rose fragt nicht, wie sie wirkt oder ob jemand ihren Duft wahrnimmt. Sie ist, was sie ist – anmutig!

 

Ich finde, die Wiederentdeckung des Anmutigen könnte uns in zuweilen hässlichen Zeiten helfen, den Sinn ür das Schöne nicht zu verlieren. Und: das Anmutige kann Mut machen –  für ein gutes Wort, eine schöne Geste, ein strahlendes Lächeln. Also: Nur Mut!

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SWR2 Lied zum Sonntag

14APR2024
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Ein Lied, das zum Tanzen einlädt! „Auf, auf mein Herz mit Freuden, nimm wahr, was heut geschieht!“ Heiter und beschwingt ist die Melodie. In Hoffnung verliebt der Text. Er stammt von demselben Dichter, der auch das schwungvolle Sommerlied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ gedichtet hat: Paul Gerhardt.
Auch in diesem Osterlied steht ein weckender Impuls am Anfang: Mach dich auf! Lass die Traurigkeit hinter dir! Nimm wahr, was an Ostern geschehen ist: „Es kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht.“

Auf, auf, mein Herz,
mit Freuden nimm wahr,
was heut geschieht;
wie kommt nach großem Leiden
nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.

Ein Lied, das zum Hoffen einlädt! Licht fällt in das Grab, in dem Christus begraben lag. Und von dort in die stickigen Grabkammern der Trostlosigkeit überall auf der Welt. Es wird nicht dunkel bleiben. Denn seit Ostern weht ein Hoffnungsschimmer durch die Welt. Oder wie es Paul Gerhardt sagt: „Das Leben schwingt seine Siegesfahne.“

Er war ins Grab gesenket,
der Feind trieb groß Geschrei;
eh er's vermeint und denket,
ist Christus wieder frei
und ruft "Viktoria",
schwingt fröhlich hier und da
sein Fähnlein als ein Held,
der Feld
und Mut behält.

Ein Lied, das zum Lachen einlädt! Zum Osterlachen! Diese Welt mit ihrer Verbissenheit und in ihrer Zerrissenheit ist lächerlich! Ich will mich davon nicht länger entmutigen lassen. Denn an Ostern leuchtet ein Gegenlicht auf. Es stellt in den Schatten, was mich deprimieren und mein Leben verdunkeln will. Und lässt noch in die finstersten Nächte einen „Sonnenblick“ fallen.

Tanzen, hoffen, lachen! So will ich hineingehen in diesen österlichen Sonntagmorgen...

Die Welt ist mir ein Lachen
mit ihrem großen Zorn;
sie zürnt und kann nichts
machen, all Arbeit ist verlorn.
Die Trübsal trübt mir nicht
mein Herz und Angesicht;
das Unglück ist mein Glück,
die Nacht mein Sonnenblick.

                    *

CD 1: Paul Gerhard, die schönsten Choräle, Bach Chor Siegen
CD 2: Lob, Ehr und Preis sei Gott, Vocal Concert Dresden, Berlin Classics 2013

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SWR2 Wort zum Tag

06APR2024
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Wir sind gute Freunde. Ab und zu machen wir zusammen Musik. Dann harmonieren wir gut miteinander. Wenn wir aber dann über Gott und die Welt diskutieren, sind wir ziemlich verschiedener Meinung.

Neulich haben wir darüber gesprochen, dass unser Grundgesetz in diesem Mai 75 Jahre alt wird. Eine große Errungenschaft nach den Zeiten der Nazi-Diktatur. Darin sind wir uns einig! Und auch darin, dass diese demokratische Errungenschaft heute bedroht ist. Und es jede Anstrengung wert ist, sie zu verteidigen!

Was wir allerdings unterschiedlich einschätzen: warum sich das Grundgesetz in seiner Präambel ausdrücklich auf Gott bezieht. Da steht ja: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen hat sich das deutsche Volk dieses Grundgesetz gegeben.“

Mein Freund meint, diesen Gottesbezug brauche es in einer säkularen Gesellschaft nicht. Er ist Naturwissenschaftler und denkt ganz rational. 

Ich meine: bei dem Bezug auf Gott geht es nicht um irgendeine Art ideologischer Überhöhung. Sondern, wie es der Verfassungsrechtler Horst Dreier sagt: „In Verantwortung vor Gott soll immer auch heißen: Wir nehmen nicht für uns in Anspruch, dass wir jetzt die letzte Wahrheit präsentieren... Sondern wir sind uns bewusst, dass das gewissermaßen Menschenwerk ist. Und Menschenwerk kann immer auch fehlbar sein.“

Ich finde es großartig, dass das Grundgesetz diese Grenzziehung vornimmt. Gegenüber einer Inthronisation von Instanzen, Parteien oder Machthabern, die beanspruchen, das allerletzte Wort zu haben. 

Durch den Gottesbezug, so verstehe ich es, bleibt der oberste Platz unbesetzt. Unbesetzt für etwas, das nicht greifbar oder definierbar ist. Eine Chiffre für Transzendenz sozusagen.

Und gerade das räumt mir als einem gläubigen Menschen genauso weltanschauliche Freiheit ein wie meinem Freund. Oder allen anderen, die nicht an Gott glauben wollen oder können.

Zusammen mit meinem Freund werde ich also auch in Zukunft mit Begeisterung musizieren. Und beide werden wir uns gemeinsam darüber freuen, dass unser in die Jahre gekommenes Grundgesetz ein Dach ist, unter dem Gläubige wie Ungläubige, Männer wie Frauen, Christen wie Juden und Muslime sich frei bewegen können. Und ihren Glauben frei leben dürfen.

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SWR2 Wort zum Tag

05APR2024
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Es sind Sätze, die mir nachgehen. Sätze über den Hass und seine Auswirkungen. Der Schriftsteller Heinrich Mann hat sie im Deutschland der 1930er Jahre geschrieben. Wie die Nationalsozialisten ein ganzes Volk erobert haben:

„Die Nazis“, schreibt Heinrich Mann, „würden dieses Volk niemals erobert haben, hätten sie sich nicht des Hasses bedient. Der Hass war ihnen nicht nur das Mittel hochzukommen, er war der einzige Inhalt ihrer Bewegung.“ Und: „Der Antisemitismus verrät einen Fehler im inneren Gleichgewicht einer Nation“.

Heinrich Mann war einer der ersten, der früh und in großer Klarheit die Bedrohung heraufziehen sah. Wie Hass, der sich ungebremst in einer Gesellschaft ausbreitet, in die politische Katastrophe führt. 

Seine Worte sind erschreckend aktuell, wenn ich sehe, wie aufgeladen und feindselig zuweilen der Umgang im gesellschaftlichen Miteinander geworden ist.

Was aber schützt vor dem Hass? Heinrich Mann hoffte, die Tradition der Aufklärung und des Geistes. „Wer Tradition hat“, so schreibt er, „ist sicher vor falschen Gefühlen. Tradition befähigt uns zur Erkenntnis, und sie macht uns geneigt zur Skepsis und zur Milde.“

Skepsis und Milde. Ein schönes Paar, finde ich. Zugleich ein Lebensentwurf, der für mich verkörpert ist in der Haltung einer Christusfigur, die der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen geschaffen hat. An vielen evangelischen Kirchen ist er zu sehen: der segnende Christus.

Dieser Christus ist einerseits skeptisch: gegenüber hohlen Worten und drohenden Gebärden. Aber er verkörpert auch die Milde und Sanftmut derer, die er in der Bergpredigt seligpreist.

Wenn ich am Schreibtisch sitze, steht in meiner Nähe eine Nachbildung dieses segnenden Christus. Sie verströmt eine gelöste und friedliche Aura, in die ich mich gerne hineinziehen lasse.

Die Theologin Dorothee Sölle hat heilsame Worte gefunden über den segnenden Christus, in dieser besonderen Verbindung von Skepsis und Milde:
»den hass macht er müde“ schreibt sie, „die übermüdeten bringt er zum atmen, die zitternden zum schlafen, die träumenden zum handeln, und die handelnden zum träumen.« 

Literaturempfehlung: Heinrich Mann, Der Hass, Deutsche Zeitgeschichte, Essays, Fischer. Taschenbuch 1983

 

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SWR2 Wort zum Tag

04APR2024
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Vor einhundert Jahren ist der Schriftsteller Franz Kafka im Alter von vierzig Jahren gestorben. Eine seiner Geschichten ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Da erzählt einer von einer langen Reise, zu der er aufbricht:

Ich befahl, mein Pferd aus dem Stall zu holen. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte den Diener, was das bedeutete. Er wusste nichts und hatte nichts gehört.
Beim Tor hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitet der Herr?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“
„Du hast keinen Essvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme.“

Der Erzähler, das wird sofort klar, bricht nicht zu einer Urlaubsreise auf. Es geht um die ungeheure Reise eines ganzen Lebens. Als Jude sind Kafka die Geschichten der hebräischen Bibel vertraut. Da gibt es auch diesen ungeheuren Aufbruch des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten. Endlose Wege durch die Wüste. Da hilft kein Proviant, den man mitgebracht hat. Also muss ich unterwegs etwas Nahrhaftes finden.

Weil der Weg endlos erschienen ist, begann das Volk an Gott zu zweifeln. Da ließ Gott, so erzählt die Bibel, Manna vom Himmel fallen. Manna war eine besondere Speise. Man konnte sie nicht aufheben. Sie reichte immer nur für einen einzigen Tag.

Auch in Kafkas Geschichte sagt der Erzähler: Ich muss verhungern, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Ich kenne das auch. Dass ich täglich neu finden muss, was ich brauche - an Motivation, an Kraft und an Energie.

Jeden Tag bin ich angewiesen darauf, dass jemand mit mir teilt, was er hat. An Wissen, an Erfahrung, auch an Wasser und Brot. Und umgekehrt: dass andere schätzen, was ich beisteuern kann.

Dann kann ich los gehen. Ins Ungewisse, aber voller Vertrauen, dass Gott mich finden lässt, was ich für diesen Tag brauche.

Vielleicht mit so einem Gebet: „Ich bitte dich, Herr, um die große Kraft, diesen kleinen Tag zu bestehen. Um auf dem großen Wege zu dir, einen kleinen Schritt weiterzugehen.“

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SWR2 Wort zum Tag

09MRZ2024
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Moderne Gesellschaften, so hat der Philosoph Wilhelm Schmid kürzlich in einem Radioessay gesagt, befinden sich „mitten in einem Großexperiment“. Er meint damit, dass die gesamte Moderne seit ihren Anfängen vor über 200 Jahren zusammen mit der „Befreiung von allerlei Bindungen auch die Befreiung von Religion“ im Sinn habe.

Eine stetig wachsende Zahl von Menschen - jedenfalls in der westlichen Welt - unternehme seither, so Schmid, „den Versuch, ein Leben ganz ohne Religion zu leben.“

Für mich stellt sich allerdings die Frage, und das fragt auch der Philosoph nicht ganz ohne Sorge: wie wird dieses Experiment ausgehen? Angenommen es scheitert. Was dann?

Das Thema ist ja wichtig. Denn es hat viel zu tun mit dem Leben jedes Einzelnen wie auch unserer Gesellschaft im Ganzen.

Wenn nämlich alles abgelegt wird wie ein veraltetes Gewand - nicht nur das Religiöse im engeren Sinn, sondern zugleich damit auch andere Bindungen wie Traditionen und Konventionen -  was dann?  

Der Gedanke liegt nahe, dass jeder Mensch dann vor der kaum lösbaren Aufgabe steht, sich jeden Tag neu erfinden und orientieren zu müssen. Jeden Schritt, den man tut, neu zu begründen. Alles, was sich bewährt hat, immer wieder neu auszuhandeln.

Aber auch auf viele Fragen und Antworten, die der Glaube gibt, zu verzichten. Nach dem Anfang und dem Grund allen Lebens. Nach dem Sinn und der Zukunft meiner Existenz.

Schwierig! Ich möchte jedenfalls den Ausgang dieses Großexperiments nicht abwarten. Weil ich den Verdacht habe, dass die Freiheit, zu der die „Befreiung von Religion“ führen soll, ein falsches Versprechen enthält. Und die versprochene Freiheit in einer ständigen Überanstrengung endet.

Ich meine, der religiöse Glaube, da wo er ernst genommen wird, thematisiert ja das Menschsein mit allen seinen Höhen und Tiefen. Er verbindet Vergangenheit mit Zukunft. Schafft Gemeinschaft. Und vermittelt mir Dankbarkeit für die geschenkte Lebenszeit.

Der Glaube zeigt mir eine verlässliche Spur, wie andere Menschen gelebt, gehofft und gehandelt haben. Einsichten und Erfahrungen, an die ich anknüpfen kann. Und die mir heute Orientierung geben können für ein befreites Leben.

Vor allem aber entlastet er von dem Druck, mich jeden Tag neu erfinden zu müssen.

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SWR2 Wort zum Tag

08MRZ2024
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Hundertmal gesehen und doch nicht bemerkt! So ging es mir mit der Frauengestalt, die auf dem berühmten Deckenfresko von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan dargestellt ist. Ich meine die berühmte Szene, in der Gott und Adam sich aufeinander zu bewegen. Und sich mit ihren Fingerspitzen zu berühren scheinen.

Dieses aufregende Detail auf dem Gemälde habe ich lange übersehen. Dass nämlich Gott seinen anderen Arm um eine Frau gelegt hat. Lange hat man in der Kunstgeschichte angenommen, es handele sich dabei um Eva. Heute sagen Bibelwissenschaftler: Nein! Es ist die Frau, die von Anfang der Schöpfung an mit dabei war: die Weisheit. Personifiziert in einer Frau.

Im biblischen Buch „Sprüche Salomos“ kommt Frau Weisheit selbst zu Wort.  „Ich war dabei“, sagt sie, „als Gott das Dach des Himmels baute, als er den Horizont über dem Meer bildete... Als er dann die Fundamente der Erde legte, stand ich ihm als Handwerkerin zur Seite.

Frau Weisheit, so erfahren wir, ist eine kluge Ratgeberin. Sie berät Einzelne, aber auch das Volk. Und sogar die Regierung. Man könnte sagen: sie ist so etwas wie die antike Lebenskunst in Person.

So ruft sie zur Verantwortung für die Schwachen und sagt: „Tue deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ Sie weiß: „Hochmut kommt vor dem Fall“. Und warnt davor, mit der eigenen Zukunft zu prahlen, denn: „Du weißt nicht, was der morgige Tag bringt.“ Sie findet, „dass ein Geduldiger besser ist als ein Starker“ und dass Gott es ist, der letztlich unsere Schritte lenkt.

Von Anfang an ist die Weisheit das weibliche Gegenüber zu Gott. Die göttliche Urkraft, die bis heute die ganze Schöpfung durchwebt.

Erstaunlich finde ich, dass es ein halbes Jahrtausend gebraucht hat, bis man sie auf Michelangelos Bild so wahrgenommen hat: als Frau an der Seite Gottes.

Uns heute, finde ich, hat Frau Weisheit in einer Zeit, wo so manches aus der Balance geraten ist, einiges zu sagen. Sie predigt keinen religiösen Moralismus. Sondern sie steht für eine Art dringend benötigter geistlicher Lebenskunst.
Torheit gibt es schließlich genug auf der Welt!

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