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SWR Kultur Lied zum Sonntag
Manchmal trifft ein Popsong einen Nerv. Mit dem Lied „Über sieben Brücken musst du gehen“ geht mir das so. Auch ich finde mich manchmal darin wieder. Es ist ein Lied, das in einfachen Worten die Wechselfälle des Lebens besingt.
Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick
Manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück
Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh
Manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu
Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß
Manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß
Manchmal bin ich schon am Morgen müd
Manchmal such ich Trost in einem Lied
Im Jahr 1978 wird der Song von der DDR-Rockband Karat veröffentlicht. Im Westen ist es Peter Maffay, der ihn populär gemacht hat. In Osten wie im Westen Deutschlands wird er schnell zu einer Art Volkslied.
Weil er etwas beschreibt, was jeder und jede kennt: Höhen und Tiefen, Wege und Sackgassen. Das Leben, wie es eben sein kann. Und einen manchmal hilflos und ratlos zurücklässt. Gäbe es nicht den Trost, den ein solches Lied vermittelt. Denn es gibt nicht nur Abgründe. Sondern auch Brücken, die über diese Abgründe führen.
Über sieben Brücken musst du gehen
Sieben dunkle Jahre überstehn
Sieben Mal wirst du die Asche sein
Aber einmal auch der helle Schein
Die Sieben spielt eine besondere Rolle. Ich denke an die sieben mageren und fetten Jahre, wie sie im Alten Testament beschrieben werden. Und sprichwörtlich geworden sind. Nach Zeiten des Mangels kommt wieder eine Zeit der Fülle. Und umgekehrt.
Auch das biblische Bild von den sieben Schöpfungstagen fällt mir ein. Als sich aus dem Chaos des Urzustandes nach und nach Leben entfaltet. Da steht die Sieben für Vollkommenheit und Ganzheit.
Mit solchen Aussichten kann ich vielleicht manche Unruhe und manche Leere besser ertragen.
Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn
Manchmal scheint man nur im Kreis zu gehen
Manchmal ist man wie von Fernweh krank
Manchmal sitzt man still auf einer Bank
(Manchmal greift man nach der ganzen Welt
Manchmal meint man dass der Glücksstern fällt
Manchmal nimmt man wo man lieber gibt
Manchmal hasst man das was man doch liebt
Ja, es gibt Situationen, da scheint alles zu Asche zu werden. Meine Pläne. Eine Beziehung. Ein ganzes Leben. In der Bibel ist von Asche immer dann die Rede, wenn es um die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Lebens geht.
Aber da leuchtet auch - nicht zu übersehen - ein heller Schein auf! Es gibt das wunderbare Bibelwort vom hellen Schein, den Gott in unsere Herzen gelegt hat.
„Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“
Am Ende des Liedes ist der Lichtblick stärker als die Asche. Hoffnung auf Zukunft! Mag mir der Tunnel noch so endlos erscheinen...
Über sieben Brücken musst du gehen
Sieben dunkle Jahre überstehn
Sieben Mal wirst du die Asche sein
Aber einmal auch der helle Schein
***
CD: Über sieben Brücken, Karat 2, BMG, Amiga, LC 0055
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43693SWR Kultur Lied zum Sonntag
Wie kommt Gott in diese Welt? Das heutige Lied zum Sonntag sagt: Gott kommt, indem wir auf ihn warten. Der Text ist während des Dreißigjährigen Krieges entstanden. In dunklen Zeiten also. Gott kommt, heißt es in dem Lied, indem wir unser Herzen öffnen und ihn bei uns einkehren lassen: den „wunderstarken Held“, der der Welt „Licht und Leben versprochen hat zu geben.“
Mit Ernst, o Menschenkinder,
das Herz in euch bestellt;
bald wird das Heil der Sünder,
der wunderstarke Held,
den Gott aus Gnad allein
der Welt zum Licht und Leben
versprochen hat zu geben,
bei allen kehren ein.
Darum geht es: „Bestelle dein Herz, bereite dich vor!“ Damit Gott bei dir einkehren kann. Das ist die Botschaft dieses Adventsliedes. Aber wie geht das? Gott einkehren lassen?
Einkehren setzt Auskehren voraus! Also muss ich erst Platz schaffen.
Auskehren, was hinderlich und sperrig ist. So wie wenn ich ein Zimmer oder eine Wohnung neu tapeziere oder neu möbliere. Das Abgewohnte und Abgestandene muss raus. Damit Neues einkehren kann. Und dann heißt es: Bahn frei für den, der da kommt!
Bereitet doch fein tüchtig
den Weg dem großen Gast;
macht seine Steige richtig,
lasst alles, was er hasst;
macht alle Bahnen recht,
die Täler all erhöhet,
macht niedrig, was hoch stehet,
was krumm ist, gleich und schlicht.
Wo Gott einkehren soll, muss ich mich abkehren von dem, was mich bewegungsunfähig macht und oft auch gefangen hält. Vielleicht schlage ich mal wieder ein Gesangbuch auf und erinnere mich an den Schwung eines alten Adventsliedes. Vielleicht suche ich in der vorweihnachtlichen Hektik einen stillen Kirchenraum auf und gönne mir eine Pause. Vielleicht überlege ich mir ein Geschenk für einen Menschen, an den oder die sonst niemand denkt. Und warte voller Vorfreude auf den, der sich nicht im Scheinwerferlicht der großen Weltbühne inszeniert, sondern in einem entlegenen Stall und einer schlichten Krippe zur Welt gekommen ist.
Ach mache du mich Armen
zu dieser heilgen Zeit
aus Güte und Erbarmen,
Herr Jesu, selbst bereit.
Zieh in mein Herz hinein
vom Stall und von der Krippen,
so werden Herz und Lippen
dir allzeit dankbar sein.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Adventssonntag! Klaus Nagorni aus Karlsruhe von der evangelischen Kirche
CD: Weynacht Gesaenge. Advent und Weihnacht in Renaissance und Frühbarock. Stimmwerck. Christophoros. Track 4, LC 00612
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43430SWR Kultur Wort zum Tag
Es gibt nicht wenige Leute, die haben schon genug von Weihnachten, lange bevor es Weihnachten ist. Zu viel „Stille Nacht“ und „O, Tannenbaum“ schon im Vorfeld: in Fußgängerzonen, in Supermärkten und auf Weihnachtsmärkten. Zu viel über Balkone kletternde Nikoläuse. Zu viel Lichtgirlanden in den Vorgärten.
Ich kann sie gut verstehen. Ich mag ja auch nicht, wenn die Pointe einer Geschichte, schon lange bevor sie zu Ende erzählt ist, vorweggenommen wird. Bei Weihnachten scheint man sich daran gewöhnt zu haben, dass die Pointe bereits Wochen vor dem Fest abgebrannt wird wie eine Wunderkerze. So dass am Fest selber nur noch ein Häuflein Asche übrigbleibt. Und Erschöpfung lange vor den Feiertagen.
Ich versuche mich dem zu entziehen. Indem ich die alten Traditionen des Wartens ernst nehme. Und sie, wo es möglich ist, wiederbelebe. Den Adventskranz, auf dem – Woche für Woche - eine Kerze nach der anderen entzündet wird. Den Adventskalender, an dem sich - Tag für Tag - eine weitere Tür öffnet. Die Adventslieder, die mich ins Warten einüben. Später dann das Schreiben eines Wunschzettels, mit dem ich auf Überraschungen gefasst bleibe. Das Schmücken des Weihnachtsbaumes, der erst am Fest selbst zum Strahlen kommen wird. So bleibt meine Neugier ungestillt. Und gelassen verbindet sich meine Erwartung mit dem Geschehen der Heiligen Nacht.
Ich glaube nämlich, dass Warten Können verändert. Was ich erwarte, verändert meine Haltung. Von dem, was ich erwarte, strahlt etwas ab an Glanz und Vorfreude in meine Gegenwart. Aber eben so, dass keine Ermüdung und Übersättigung entsteht.
In einem alten Kirchenlied heißt es: „Wir warten dein, o Gottessohn, und lieben dein Erscheinen. Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen; du kommst uns ja zum Segen.“
Erwartungsvoll leben! Das ist für mich die Herausforderung. Nicht die Vorfreude abbrennen wie trockene Tannenzweige. Sondern so warten, dass sichtbar wird, worauf wir warten. Den Kopf nicht hängen lassen, wie es in dem Lied heißt. Sondern das Haupt erheben und nach vorne schauen.
Ich finde, das ist eine gute und passende Haltung - jetzt, wo die Adventszeit beginnt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43340SWR Kultur Wort zum Tag
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Eine Zeile aus Rainer Maria Rilkes berühmtem Herbstgedicht, die auf die Flüchtigkeit des Lebens verweist.
An Rilke denke ich heute Morgen. Sein Geburtstag am 4. Dezember in Prag jährt sich bald zum hundertfünfzigsten Mal.
Rilke war ein Gottsucher, wenn er auch ganz eigene Wege ging. Früh hatte er sich vom Katholizismus seiner Mutter abgewendet. Kein Haus zu haben, keine Religion, in der er sich einrichten konnte, das hat auch für ihn selbst gegolten. Dennoch - ein Gottsucher ist er sein ganzes Leben lang geblieben. Daher kannte er auch die Gefahren, denen man bei dieser Suche ausgesetzt ist, weil ein Mensch immer in der Gefahr ist, sich die Gottesbilder zu schaffen, die einem selbst sympathisch sind. Der liebe Gott. Oder – auf der entgegengesetzten Seite der Sympathieskala - ein grausamer Gott.
Heute, denke ich, liegt die Gefahr eher in der Politisierung Gottes. Wenn nämlich Gott vereinnahmt wird, um eigene Wahrheitsansprüche zu untermauern. Weil Rilke diese Gefahren kennt, schreibt er bemerkenswerte Sätze, die wie eine Warnung klingen: „Alle, welche dich suchen, versuchen dich. Und die, die dich finden, binden dich an Bild und Gebärde.“ Und dann: „Ich aber will dich begreifen, wie dich die Erde begreift, mit meinem Reifen reift dein Reich. Ich will von dir keine Eitelkeit, die dich beweist. Ich weiß, dass die Zeit anders heißt als du.“ Was für eine Aussage!
Ja, Gott – so viel wir von ihm auch zu wissen meinen - bleibt doch zu allen Zeiten ein Gott, der sich nicht festlegen lässt, weder auf einen Tempel noch auf ein Gedankengebäude. Nicht einmal auf einen Namen.
Und doch gibt es Situationen, von denen ich glaube, dass ich in ihnen Gott begegne. In einem Wort, das mich gerade jetzt trifft. In einem Menschen, der sich mir gerade jetzt zuwendet und mich auffängt.
Machen oder herbeiführen kann ich solche Situationen nicht. Aber offen dafür sein, das schon. In diesem Sinne war Rilke dann doch ein religiöser Denker.
Einer, der darauf warten konnte, dass Gott kommt. Jenseits aller Gottesbilder. Aber unaufhaltsam.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43339SWR Kultur Wort zum Tag
Dreimal in der Woche herrscht buntes Markttreiben in unserem Viertel. Auf dem großen Platz, wo sonst Autos parken, pulsiert dann das Leben. Ein Gewimmel an Menschen. Marktstände mit bunten Angeboten, herrliche Gerüche nach Brot und Kaffee. Aber noch etwas anderes und ganz Besonderes zieht mich immer wieder zu diesem Platz. Dort steht, und das die ganze Woche über, ein gläserner Bücherschrank. Alles findet sich dort: Romane, Reiseberichte, Lehrbücher, Lyrik. Und das Beste: jeder darf sich dort gratis bedienen, darf Bücher in den Schrank hineinstellen und Bücher herausnehmen. Ich selbst mache das auch so. Und habe dabei festgestellt: vor diesem Bücherstand kann man interessante Menschen treffen.
Alle auf der Suche nach einem passenden Buch. Immer wieder ergeben sich interessante Gespräche. Über Lesevorlieben, über die Neigung oder auch Abneigung zu bestimmten Autorinnen und Autoren.
Ich habe mich schon öfter gefragt: gibt es eigentlich ein Buch, das alle Menschen gleichermaßen begeistern würde? Gibt es eine Geschichte, in der sich alle wiederfinden? Ich vermute: nein. Längst vorbei sind ja die Zeiten, wo die Menschen nur zwei Bücher im Regal hatten: Die Bibel und das Gesangbuch.
Heute haben wir es mit einer unüberschaubaren Vielfalt an Büchern, aber auch an Meinungen und Weltanschauungen zu tun. Und das spiegelt sich in der Vielfalt dessen, was im gläsernen Bücherschrank angeboten wird.
Trotzdem: etwas gibt es schon, denke ich, was die Menschen, die dort suchen, verbindet. Das spüre ich in den Begegnungen vorm Bücherschrank. Sie alle sind neugierig. Haben Freude daran, etwas Neues zu entdecken. Ihre Suche treibt sie an und zieht sie - wie mich auch - immer wieder an den gläsernen Bücherschrank.
Ich mag Menschen, die nicht fertig sind mit sich und der Welt. Mit ihnen möchte ich gerne über Gott und die Welt ins Gespräch kommen, interessante und bewegende Geschichten austauschen. Selbst erlebte und solche, wie sie die Bibel erzählt. Auf der Suche nach den Spuren Gottes in unserer Welt. Der gläserne Bücherschrank inspiriert mich dazu. Dafür danke!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43338SWR Kultur Lied zum Sonntag
Ein einzelnes Akkordeon. Ein ungewöhnlicher Klang an einem Sonntagmorgen. Im langsamen Walzertakt erklingt die bekannte Melodie „Amazing Grace“. Ein Lied, das von einer Verwandlung erzählt: Wie einer vom grausamen Sklavenhändler zum gläubigen Christen wird.
In Amerika hat es seinen Weg gefunden weit über die Kirche hinaus in die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre. Bei der Amtseinführung Joe Bidens ist es vorgetragen worden. Und Barak Obama hat es bei einer Beerdigung für ermordete schwarze Kirchenmitglieder gesungen.
Hubert von Goisern, ein Musiker aus der Steiermark, hat in das Lied hineingehorcht und es in seine musikalische Sprache und Welt übertragen. Es ist, wie im Original, ein Lied voller Dankbarkeit geblieben. Und erzählt darüber hinaus in seiner Version vom Segen, der uns umgibt: „So ein Segen, der uns geschenkt ist. Und dass wir uns so gut spüren. Und dass wir miteinander spielen und hören, wie es ist...“
So ein Segen, der uns geschenkt ist,
Und dass wir uns so gut spüren
Und das wir miteinander spielen und hören,
wie es ist, und das,
dass es so ist, wie es ist
Von früh an hat Hubert von Goisern die Ohren gespitzt und Melodien aufgegriffen, wo er sie gefunden hat. Auf der ganzen Welt. Angefangen in seiner Heimat, der Steiermark. Und von dort stammt auch die Klangfarbe seiner Texte. Wie bei diesem Lied, dessen atmosphärische Wärme im Hochdeutschen nur schwer wiederzugeben ist. Und dessen zweite Strophe etwa so lautet: „Dass uns heute so etwas geschieht, das tut uns gut, weil ja kein Tag wie der andere ist, weil uns das Glück und auch der Segen im Leben zufallen wie vom Himmel der Sommerregen.“
Dass uns heute so etwas geschieht, das tut uns gut,
weil ja kein Tag wie der andere ist,
Weil uns das Glück und auch der Segen im Leben zufallen -
Wie vom Himmel der Sommerregen
Hubert von Goisern schaut in diesem Lied nicht auf das, was sein könnte oder sein sollte, sondern auf sein Leben. Was es ist und wie es ist. Was ihm geschenkt ist und was meistens übersehen wird, weil es so alltäglich ist, so selbstverständlich.
Dafür öffnet mir das Lied die Augen. Macht die kleinen Dinge groß. Hebt das Übersehene ans Licht. Verlangsamt das Tempo meines Lebens, damit ich nicht an dem vorbeihaste, was mir segensreich begegnet. Wie so ein Sonntagmorgen wie dieser. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!
*
CD: Hubert von Goisern, Federn, Capriola 2015, Blanko Musik GmbH, München, Distributed by Sony Music Entertainment Germany
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43108SWR Kultur Wort zum Tag
Neulich habe ich mein erstes Gespräch mit einer künstlichen Intelligenz geführt. Ich habe mir die entsprechende App auf mein Handy geladen, das Mikrophon eingeschaltet und probehalber mal ein paar Fragen gestellt.
Eine angenehme Frauenstimme hat mir unverzüglich und meist zutreffend Auskunft gegeben. Über alles, was ich sie gefragt habe. Welche Ferienlektüre sie mir empfiehlt. Was sie meint zu der Frage, ob es Gott gibt. Auf meine Bitte hin hat sie mir sogar eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt.
Ich war beeindruckt. Dennoch ist mir klar: künstliche Intelligenz ist und bleibt eine Maschine, wenn auch eine, die sehr clever ist. Ich bin fasziniert von ihrem Wissen und ihrer Schnelligkeit. Und weiß, dass sie nützlich sein kann: einem Routinearbeiten abnimmt, Zeitersparnis bringt, Entlastung schafft.
Aber eins fehlt ihr eben doch: es fehlt ihr die Seele. Letztlich ist und bleibt sie ein seelenloses Gegenüber. Die Aufmerksamkeit eines Menschen kann sie nicht ersetzen. Sie gleicht einer Wand, gegen die ich rede und die ein Echo zurückwirft von Sachen, die sie im Internet zusammengesucht und kombiniert hat.
Mir ist eine Bibelstelle eingefallen, wo die Rede ist von Göttern, die Menschen ersonnenen haben. Anders als von dem lebendigen Gott wird von ihnen gesagt: „Sie haben einen Mund und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht.“
Diese künstlichen Götter lassen sich zwar anbeten. Aber zu einem echten Dialog sind sie nicht fähig. Sie täuschen Empathie vor, sind in Wirklichkeit aber ein stummes Gegenüber ohne Mitgefühl. Denn es fehlt etwas Grundsätzliches: Resonanz.
Gott hingegen, so sagt mir die Bibel, ist, selbst wenn er schweigt, keine tote Wand. Ich vertraue darauf, dass er mich hört. Dass er mit mir ist und mich durch mein Leben begleitet.
Sicher, künstliche Intelligenz kann vieles leisten. Sie wird aber immer eine, wenn auch nützliche, Maschine bleiben.
Das aber, was ich zum Leben brauche, ist ein lebendiges Du. Ein Gegenüber, mit dem ich reden und schweigen, zweifeln und hoffen, weinen und lachen kann. Und das ist unersetzlich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43046SWR Kultur Wort zum Tag
Heute ist Tag der Deutschen Einheit. Oder sollte es nicht eher heißen: Tag der deutschen Spaltung?
Vierzig Jahre lang war unser Land in zwei Hälften geteilt. Jahrzehnte davon getrennt auch durch eine Mauer. Unzählig viele Menschen haben darunter gelitten. Auch in meiner Familie war das so. Ein Teil hat im Westen, ein anderer Teil im Osten gelebt. Es war mit vielen Komplikationen verbunden, wenn man miteinander in Kontakt bleiben wollte. Besuche waren nur in Ausnahmefällen möglich. Der Traum, eines Tages wieder zusammen sein zu können: unvorstellbar.
In den Jahren der Trennung der beiden Deutschlands haben viele Kirchengemeinden große Anstrengungen unternommen, um die Brücken nicht abreißen zu lassen. Unzählige Partnerschaften zwischen West- und Ostgemeinden sind entstanden. Besuche wurden organisiert, wenn sie meistens auch nur von einer Seite möglich waren. Päckchen geschickt und Spenden organisiert.
Ich war damals Pfarrer der evangelischen Studentengemeinde in Freiburg. Wir hatten eine Partnerschaft mit der evangelischen Studentengemeinde in Rostock. Zweimal im Jahr konnten wir uns unter strengen Auflagen zu Tagesbesuchen in einem Gemeindehaus in Ostberlin treffen. Gerade für uns aus dem Westen war es wichtig, bei diesen Treffen ein Gespür zu entwickeln für das, was unsere Partnerinnen und Partner in Ostdeutschland beschäftigt und bedrückt hat.
Seit fünfunddreißig Jahren ist der damals für unerfüllbar gehaltene Traum in Erfüllung gegangen. Wir sind wieder ein Land. Ohne Mauer. In Freiheit. Und Demokratie. Aber das Zusammenwachsen gestaltet sich mühsamer als viele es damals in der anfänglichen Euphorie gedacht haben. Die staatlich verfügte Trennung ist zwar Geschichte. Nicht aber die Spaltung in den Köpfen.
Vor wenigen Tagen erst habe ich in einer großen deutschen Zeitung gelesen: „Die Spaltung der deutschen Gesellschaft, die seit Jahren ängstlich beschworen wird, ist offenbar endlich geglückt und weitgehend abgeschlossen – und jetzt stehen sich zwei Gruppen gegenüber und bekämpfen einander mit immer schärfer werdender Rhetorik... Sie interessieren sich nicht im Geringsten für die Argumente der anderen. Sie wollen nicht klüger werden, sie wollen sich nicht einigen, sie wollen den Streit gewinnen.“
Eine schmerzhafte Feststellung. Und ich frage mich, wie kann es sein, dass die Kräfte des Auseinanderdriftens und der Spaltung so stark geworden sind? Warum haben wir viele Ost-West-Partnerschaften so früh beendet? Wo sind die Geschichten und was die Werte, die uns nach wie vor verbinden?
Früher, erinnere ich mich, haben wir uns ziemlich regelmäßig Briefe geschrieben, Familienfeste gefeiert, uns besucht, wenn es staatlicherseits genehmigt wurde. Auch ganz praktische Dinge wie das gemeinsame Anpacken beim Flicken des undicht gewordene Kirchendaches haben dazu gehört.
Heute, wo so vieles möglich geworden ist, müsste es darum gehen, die gewonnene Freizügigkeit zu nutzen. Reisen „nach drüben“ zu machen, um Menschen, Städte und Landschaften im jeweils anderen Teil unseres Landes kennenzulernen. Eine Sprache zu pflegen, die nicht Unterschiede und Ausgrenzung verstärkt, sondern zusammenführt und verbindet.
Ich versuche, mir immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, was uns allen gemeinsam ist: dass wir Menschen sind, die nur eine begrenzte Lebenszeit haben. Geschöpfe eines Gottes. Und wir darum eine Schicksalsgemeinschaft bilden.
Und selbst da, denke ich, wo dieses Bewusstsein nicht dazu führt, friedlich miteinander auszukommen, könnte es eine Grundlage sein, um wenigstens in Frieden unterschiedliche Wege zu gehen.
Dann wäre dieser Tag ein guter Impuls, Spaltung und Zerrissenheit zu überwinden. Jeder noch so kleine Schritt dahin zählt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43045SWR Kultur Wort zum Tag
Vor ein paar Tagen haben wir in einer alten Dorfkirche den Michaelistag gefeiert. In der evangelischen Kirche wird dieser traditionelle Festtag ja eher selten begangen. Ein Tag, der dem Erzengel Michael und allen übrigen Engeln gewidmet ist.
Vielleicht weil Engel Lichtgestalten sind, haben sich die Erbauer der über vierhundert Jahre alten Dorfkirche für diesen Tag etwas Besonderes einfallen lassen. Immer am Michaelistag fällt nämlich am frühen Abend ein Sonnenstrahl auf das Kruzifix über dem Altar. Und beleuchtet für wenige Minuten die Schrift darunter. Da steht: „Es ist vollbracht“.
Es ist das letzte Worte Jesu kurz vor seinem Tod am Kreuz. Und bedeutet, dass das grausame und sinnlose Leiden endlich zu Ende ist. Die Botschaft ist, dass nun etwas Neues, Helles beginnt. Christus, das Licht der Welt, hat das Dunkel der Welt ein für alle Mal durchbrochen.
Ich finde, es ist eine im wahrsten Sinne des Wortes lichte Idee, diese Botschaft umzusetzen in die Architektur einer Kirche. Trotzdem muss ich nicht ein ganzes Jahr auf den nächsten Michaelistag warten. Im Grunde ist ja jeder Morgen eine Erinnerung daran, dass das Dunkel nicht bleibt. Sondern vom Licht überwunden wird.
Das Licht des frühen Morgens. Ich finde es immer zauberhaft. Ich weiß gar nicht genau, woher es kommt. Aber irgendwann findet es seinen Weg durch die Ritzen und Spalten der Fensterläden. Oder als schmaler Streifen unter der Tür meines Schlafzimmers.
Mir erzählt dieses Licht jeden Morgen eine kleine Schöpfungsgeschichte. Und erinnert mich an die Worte der Bibel, als Gott am Anfang der Schöpfung sprach: „Es werde Licht“.
Auch in vielen Geburtsanzeigen findet sich diese Erinnerung. Wenn da steht: ein Neugeborenes hat das Licht der Welt erblickt. Was für ein schöner Ausdruck! Ein neugeborenes Kind erblickt das Licht der Welt. Aber nicht nur ihm geht es so. Genau genommen erblickt jeder von uns jeden Morgen neu das Licht der Welt.
Darum geht es: es wird nicht dunkel bleiben! Die Botschaft der alten Dorfkirche mit den einbrechenden Sonnenstrahlen hat mich am Michaelistag wieder daran erinnert. Und auch das Licht dieses neuen Morgens.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43044SWR Kultur Wort zum Tag
Über Jahrzehnte hat die kleine Dorfkirche in Kösseln leer und ungenutzt dagestanden. Kösseln - ein kleiner Flecken nördlich von Halle. Lange ist es her, dass in dem Kirchlein der letzte Gottesdienst gefeiert wurde. Seitdem ist das Kirchlein mehr und mehr verfallen. Erst das Dach, dann drohte auch eine Wand einzustürzen. Eine Zeitung schrieb: „Keine Schule, kein Spielplatz, Kirche zu: Das Dorfleben in Kösseln ist so gut wie tot.“ Aber dann hat sich alles geändert, und der Ortsbürgermeister hat die Sache in die Hand genommen. Als Kind hatte er immer mal wieder neugierig von außen durch die trübe gewordenen Kirchenfenster geschaut. Und war fasziniert von dem Mysterium, das sich im dunklen Innenraum zu verbergen schien. Irgendwann hat er dann die Initiative ergriffen. Hat einen Dorfverein gegründet mit dem Ziel, die baufällige Kirche zu retten. Die anfängliche Skepsis der Dorfbewohner ist allmählich gewichen. Der Funke ist übergesprungen.
Der Gemeindepfarrer hat zwar gerechnet: es gebe ja nur noch vier Protestanten und acht Katholiken im Ort. Dafür allein brauche es keine Kirche. Aber, so hat er gemeint: „Das Dorf, das Dorf braucht die Kirche.“
Schnell hat sich gezeigt, dass die geweckten Lebensgeister nicht nur dem Wiederaufbau der Kirche zugutegekommen sind. Auch die Dorfgemeinschaft hat sich durch die Zusammenarbeit belebt. Junge und Alte haben ihre Talente in den Dienst der neuen Initiative gestellt. Gemeinsam haben sie Schutt weggeräumt und elektrische Leitungen verlegt, Fenster gestrichen und die Kirche mit Blumen geschmückt. Auch die Kirchenglocken werden jetzt wieder geläutet. Und es gibt Pläne für die Zukunft. Wenn die Kirche wieder instandgesetzt ist, wollen die Dorfbewohner sie vielfältig nutzen: für Gottesdienste, aber auch für Konzerte, für Lesungen oder Filmvorführungen.
Ich bin mir sicher: wenn dieser neue Geist durch die Kirche weht, wird sie den Menschen reichlich zurückgeben, was sie investiert haben. Gemeinschaft und Stille. Himmlische Klänge, Freude, Trost und Lebensmut.
Mich hat das Projekt begeistert. Und ich möchte es gerne unterstützen. Denn bis alles fertig ist, ist es noch ganz schön weit.
Ich beziehe mich auf den Artikel: Eine Kirche schweißt zusammen. Aus:
MONUMENTE-MAGAZIN, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, August 2025
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42895Zeige Beiträge 1 bis 10 von 452 »
