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SWR2 / SWR Kultur

   

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

05JUL2026
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Noch bevor ich sie sehe, höre ich sie: die Bläserinnen und Bläser des Posaunenchores. Dann sehe ich auch das glänzende Messing ihrer Instrumente durch das Grün der Blätter schimmern. Eine bunte Gottesdienstgemeinde aus Jungen und Alten hat sich unter dem schützenden Blätterdach mächtiger Buchen versammelt und feiert einen Gottesdienst im Grünen.

Mir gefällt es, draußen in der Natur unter freiem Himmel Gottesdienst zu feiern. Statt fester Kirchenbänke: bewegliche, wetterfeste Sitzplätze. Statt eines stabilen Daches über den Köpfen: ein Blätterdach aus belaubten Baumkronen. Ganz vorne: ein improvisierter Altar mit einem Holzkreuz und zwei Kerzen. Dazu der morgendliche Gesang der Vögel. Die sanfte Bewegung der Blätter. Die Kühle eines Sommermorgens...

Der Theologe und Autor Jörg Zink hat diese besondere Morgenstimmung in Worte gefasst. Die Melodie hatte er in einem alten Tanzlied aus Italien gefunden und sich vom Schwung der Melodie inspirieren lassen zu einer eigenen Textfassung. So ist aus dem poetischen Zusammenspiel der Worte und dem Dreivierteltakt der Melodie ein beschwingtes Morgenlied geworden.

Dich rühmt der Morgen. Leise, verborgen
singt die Schöpfung Dir, Gott, ihr Lied.
Es will erklingen in allen Dingen
und in allem, was heut geschieht.

Du füllst mit Freude der Erden Weite,
gehst zum Geleite an unsrer Seite,
bist wie der Tau um uns, wie Luft und Wind.
Sonnen erfüllen Dir Deinen Willen,
sie geh´n und preisen mit ihren Kreisen
der Weisheit Überfluss, aus dem sie sind.

Darf man in Zeiten des überall spürbaren Klimawandels so poetisch von der Schöpfung sprechen? Ich glaube, man muss es! Um immer wieder daran zu erinnern, dass Menschen den Auftrag haben, die Schöpfung zu schonen, nicht zu plündern. Nicht an den kurzfristigen Vorteil zu denken, sondern an die Generationen, die nach uns kommen. Das kalte Kalkül, mit dem die Natur lediglich als Ressource für wirtschaftlichen Gewinn gesehen wird, führt in der Konsequenz zu dem überhitzen Planeten, wie wir ihn dieser Tag erleben.

Gottes gutes Wort aber, von dem in der nächsten Strophe des Liedes die Rede ist, sein Segen, der Mensch und Tier versprochen ist, bewährt sich gerade dort, wo Menschen mit Respekt und Dankbarkeit mit dem umgehen, was ihnen gegeben und anvertraut ist. 

Du hast das Leben allen gegeben,
gib uns heute Dein gutes Wort.
So geht Dein Segen auf unsern Wegen,
bis die Sonne sinkt, mit uns for.t
Du bist der Anfang, dem wir vertrauen,
Du bist das Ende, auf das wir schauen,
was immer kommen mag, Du bist uns nah. 
Wir aber gehen, von Dir gesehen,
in Dir geborgen, durch Nacht und Morgen
und singen ewig Dir: Halleluja

Unter einem Baum habe ich mir ein schattiges Plätzchen gesucht. Und habe mich mitnehmen lassen vom Schwung dieses Morgenliedes: „Leise, verborgen singt die Schöpfung Dir, Gott, ihr Lied. Es will erklingen in allen Dingen und in allem, was heut geschieht.“

Das wünsche ich Ihnen an diesem Sonntagmorgen, dass das Lied der Schöpfung Sie zuversichtlich hineintanzen lässt in die neue Woche.

CD: genesis brass, Choralfantasien, Track 14, In dir ist Freude, Gerth Medien 2009, LC13743
„Dich rühmt der Morgen“, Aufnahme beim Chorfest in Ettlingen, Achim Plagge

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SWR Kultur Wort zum Tag

27MAI2026
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„Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“ Kann man Zuversicht ins Leben besser ausdrücken als mit solchen Worten? Da oben, die Wolken am Himmel, sie ziehen unbeirrt ihre Bahn. Und du und ich hier unten, wir dürfen darauf vertrauen, unseren Weg genauso zu finden.

Das war die Überzeugung von Paul Gerhardt. Heute, an seinem Todestag vor dreihundertfünfzig Jahren, erinnere ich an ihn, den großen Theologen und Liederdichter.

Der Schrecken des Dreissigjährigen Krieges, familiäre Katastrophen und massive berufliche Konflikte haben sein Leben gezeichnet. Aber Spuren bis in die Gegenwart hat etwas anderes hinterlassen: seine Zuversicht und sein Glaube, den er in einhundertvierzig Liedern immer wieder neu in Worte gefasst hat.

Im Jahr 1648, als Soldaten aus aller Herren Länder noch plündernd durch Ruinenlandschaften ziehen, stimmt er sein Sommerlied an. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Gegen den starren Blick, der überall nur Verwüstung sieht. Ein Lied, das die Augen öffnet für die kommende, in Gott zu findende Schönheit, deren Vorzeichen aber schon jetzt überall zu entdecken sind.  

Um das wahrzunehmen, muss ich nur die Blickrichtung ändern. Weg vom ewigen Gekränktsein - hin zu dem, was heilsam ist und heilen kann. „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt,“ so dichtet Paul Gerhardt. Worte, die noch heute bei Trauungen oder auf Beerdigungen gesungen werden.

Und wer schon morgens gerne singt, kann sogar den Tag mit einem Morgenlied von Paul Gerhardt beginnen. Wenn die ersten Sonnenstrahlen den Anbruch eines neuen Tages ankündigen, dichtet er: „Die güldene Sonne voll Freud und Wonne bringt unseren Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes liebliches Licht.“ In diesem Licht hat er unter einem weiten Himmel gelebt. Und da lässt sich‘s auch heute leben!

Dafür sage ich danke an den großen Dichter, der vor dreihundertfünfzig Jahren gestorben ist. In seinen Liedern kommt er mir bis heute ganz nah.

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SWR Kultur Wort zum Tag

26MAI2026
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„Da lebst du aber hinterm Mond!“ Wer das gesagt bekommt, wird sich nicht gerade geschmeichelt fühlen. Hinterm Mond zu leben, das heißt ja so viel wie: du bist nicht auf der Höhe der Zeit, liegst ziemlich daneben.

Aber vor kurzem haben eine Frau und drei Männer, die Crew der Artemis Mission, tatsächlich hinter den Mond geschaut. Noch nie waren Menschen bis dahin so weit weg gewesen von der Erde.   

Hinterm Mond waren sie vierzig Minuten lang getrennt von jeder Verbindung zur Erde. Niemand konnte sie während dieser Phase ihrer Expedition hören oder sehen. Ich habe mich gefragt: was macht man da, allein in der unendlichen Schwärze des Alls?

"Ich habe ein kleines Gebet gesprochen, aber dann musste ich weitermachen", so hat der Astronaut Victor Glover diesen besonderen Moment kommentiert.

Ein kleines Gebet? Ich wäre vermutlich sprachlos gewesen. Oder hätte mir irgendwo Worte gesucht. Solche vielleicht wie in dem Psalm 139 aus dem Alten Testament: „Von allen Seiten umgibst du mich. Führe ich gen Himmel, so bist du da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen. Spräche ich: Finsternis möge mich decken, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.“

Ich weiß nicht, ob der Astronaut Victor Glover diese Worte für sein Gebet gewählt hat. Aber sie würden passen. Das Vertrauen, das darin liegt, dass Gott noch in der schwärzesten Einsamkeit und Weite des Universums da ist. Dass der Mondschatten noch so groß und das Weltall noch so finster sein kann - und es dennoch kein gottverlassener Ort ist.

Und dann noch die Worte der einzigen Frau an Bord, Christina Koch! Als die Kapsel den Funkschatten hinter dem Mond wieder verlassen hatte und die Verbindung zur Erde wieder hergestellt war, hat sie spontan gesagt: "Wir werden uns immer für die Erde entscheiden, wir werden uns immer füreinander entscheiden.“

Was für ein schönes Versprechen! Genau so soll es sein, denke ich, beides gehört doch unbedingt zusammen: ein Gottvertrauen, das hinterm Mond nicht endet. Und das Bekenntnis zur Erde. „Wir werden uns immer füreinander entscheiden.“

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SWR Kultur Wort zum Tag

16MAI2026
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„Es ist noch früh am Tage, die Sonne hat kaum die Hälfte ihres Weges zurückgelegt, und mein Herz duftet schon so stark, dass es mir betäubend zu Kopfe steigt“. So erinnert sich Heinrich Heine an seine berühmte Harzwanderung, die er im Jahr 1824 unternommen hatte.

Und voller Begeisterung geht es weiter: „Wie ein Meer des Lebens ergießt sich der Frühling über die Erde, der weiße Blütenschaum bleibt an den Bäumen hängen, an den Dächern bauen die Spatzen wieder ihre Nestchen, auf der Straße wandeln die Leute, und wundern sich, dass ihnen selbst so wunderlich zu Mute ist“

Herrlich, dieser Überschwang, finde ich.  Maienausflüge sind anscheinend nicht erst seit heute beliebt. Und können eine Menge zur seelischen und körperlichen Gesundheit beitragen. Gerade wenn sich im Leben manches verfinstert, dann tun der Blick ins Offene und der Gang ins Freie Körper und Seele gut.

Heine fügt sogar noch hinzu: „Lebet wohl, ihr glatten Säle! Glatte Herren! Glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, lachend auf euch niederschauen.“ 

Übrigens: Heines „Harzreise“ ist neben vielem anderen eben auch ein Plädoyer gegen platten Rationalismus. Der Dichter fürchtet den Tunnelblick eines „Vernunftabsolutismus“ mancher Zeitgenossen. Weil die von ihnen hochgepriesene Vernunft, so meint er, „das Herrliche aus dem Leben herausphilosophiert, alle Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen“. 

Ein anderer Dichter, der Jahrhunderte vor ihm gelebt hat, hatte es ihm schon vorgemacht. Paul Gerhardt, dessen Todestag sich jetzt im Mai zum 350. Mal jährt. Sein Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ ist ein großer Gesang, der durch alle Finsternis hindurch den Blick hebt auf die Schönheit der Welt und die Wunder der Schöpfung.

Ich glaube, die beiden hätten sich in ihrer Naturliebe und Schöpfungsbegeisterung gut verstanden. Beiden ist ja der Impuls gemeinsam: bleib nicht sitzen in deiner trüben Stimmung, sondern mache dich auf! Es gibt doch so vieles, was die Seele fliegen lässt, das Herz öffnet, und den Blick weitet. Du musst es nur suchen. Also: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud!“

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SWR Kultur Wort zum Tag

15MAI2026
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„Maikäfer, flieg!“ Das Lied haben wir als Kinder gesungen und uns nicht viel dabei gedacht. Wir haben Maikäfer, die in Mengen unter den Straßenlaternen schwärmten, gefangen, mit frischen Buchenblättern versorgt und sie in den Zigarrenkisten unserer Väter aufbewahrt. Ein paar Tage später haben wir sie dann wieder ins Freie gelassen. Maikäfer flieg!

Aber das Lied geht ja weiter: „Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt.“ Heute erst wird mir richtig bewusst, wie vordergründig die Idylle ist, die das Lied beschreibt. Was ich höre, ist die sanfte Melodie eines Wiegenliedes. Dahinter aber verbirgt sich das Grauen des Krieges. Vater und Mutter sind im Krieg. Die Heimat: verbrannte Erde. Und die kann überall sein. In Pommerland. Oder im Donbass. Im Nahen Osten. Im Iran oder Sudan.

Ich spüre die scharfe Dissonanz zwischen dem Vordergründigen und dem Hintergründigen dieses Liedes. Die absurde Gleichzeitigkeit: das Aufsteigen von Maikäfern, und das Fallen von Bomben. Ich frage mich auch: wer singt eigentlich dieses Lied? Vielleicht ein älteres Kind, das sein jüngeres Geschwisterchen trösten will? Eine Verwandte, die für die verschollenen Eltern einspringt und Hoffnung macht für die Zeit danach, wenn Maikäfer wieder fliegen dürfen ohne das Grauen des Krieges im Hintergrund?

Und dann denke ich: wer einen Maikäfer fliegen lässt, hat noch einen Hoffnungsfunken in sich aufbewahrt, weiß noch, dass es eine heitere und freundlichere Welt gibt. Vielleicht so wie sie der Prophet Jesaja im Alten Testament beschrieben hat. Wenn eine Zeit kommt, wo der Wolf beim Lamm wohnt, und der Panther beim Ziegenbock. Und ein kleines Kind sich gefahrlos zwischen ihnen bewegen kann.

Und ich denke: wenn Menschen sich schwer tun mit dem Frieden, dann erinnert mich Gottes Schöpfung daran, dass Krieg kein unausweichliches Schicksal ist.

Darum können uns, finde ich, diese kleinen Zeichen und Hinweise helfen: Dass Maikäfer fliegen. Und Kinder singen. Dass Lieder trösten. Und Menschen Acht aufeinander geben. Und eines Tages vielleicht sogar miteinander Frieden schließen.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

10MAI2026
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„Bist du es - oder bist du es nicht?“ Eine Frage, die Menschen zu allen Zeiten gestellt haben, wenn sie Jesus begegnet sind. „Bist du, Jesus, der ersehnte Heiland? Die Freudensonne, die unser Leben wärmt? Das Licht der Welt? Oder müssen wir auf andere Heilsbringer warten?“ 

Ein Lied aus dem Jahr 1623 gibt darauf eine eindeutige Antwort: „Such, wer da will ein ander Ziel, die Seligkeit zu finden; mein Herz allein bedacht soll sein, auf Christus sich zu gründen.“

Such, wer da will, ein ander Ziel, die Seligkeit zu finden;
mein Herz allein bedacht soll sein, auf Christum sich zu gründen.
Sein Wort sind wahr, sein Werk sind klar,
sein heilger Mund hat Kraft und Grund all Feind zu überwinden.

Bist du auch für mich der lange ersehnte Erlöser? Das hat sich vor vierhundert Jahren der Dichter dieser Zeilen gefragt, der lutherische Theologe Georg Weissel. Er hat das Lied für seine eigene Einführung als Pfarrer in Königsberg verfasst. Das war im Dezember 1623.

Sein von ihm geschätzter Kollege und Domkantor Johann Stobäus hat die Melodie dazu komponiert. Schnell hat sich das Lied verbreitet. Und Eingang gefunden in alle deutschsprachigen Gesangbücher.

Such, wer da will, Nothelfer viel, die uns doch nichts erworben;
hier ist der Mann, der helfen kann, bei dem nie was verdorben.
Uns wird das Heil durch ihn zuteil,
uns macht gerecht der treue Knecht, der für uns ist gestorben.

Die Frage, ob Jesus der von Gott gesandte Erlöser ist, betrifft auch das Fundament meines Glaubens. Gerade in Zeiten, wo viele verunsichert sind, wem und was man glauben kann oder soll. Wo Politiker sich als Heilsbringer stilisieren und mit messianischen Versprechungen aufwarten.  

Das Lied gibt zu dieser Frage eine klare Auskunft: „Meins Herzens Kron, mein Freudensonn, sollst du, Herr Jesu, bleiben; lass mich doch nicht von deinem Licht durch Eitelkeit vertreiben. Bleib du mein Preis, dein Wort mich speis, an dich stets fest zu glauben.“

Meins Herzens Kron, mein Freudensonn sollst du, Herr Jesu, bleiben;
lass mich doch nicht von deinem Licht durch Eitelkeit vertreiben;
bleib du mein Preis, dein Wort mich speis,
bleib du mein Ehr, dein Wort mich lehr, an dich stets fest zu glauben.

Jesus, die Freudensonne, ist längst da.  Ein Licht in hellen und dunklen Tagen. Das Wort, das Orientierung gibt.  
So zu singen, schenkt Widerstandkraft in den Turbulenzen des Alltags. Trägt hindurch, durch schwere und leichte Zeiten.

Hilf mir zur Freud nach diesem Leid,
hilf, dass ich mag nach dieser Klag dort ewig dir Lob sagen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

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CD: Klingendes Gesangbuch 4
CD: Preußische Festlieder, Vocal Concert Dresden, Capella de la Torre

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SWR Kultur Lied zum Feiertag/Zum Feiertag

03APR2026
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Musik: Colors of Bach, Intro

Es gibt Melodien, die gehen mir nicht aus dem Kopf. Für mich gehört diese dazu. Sie ist traurig und tröstlich zugleich.

Musik: Colors of Bach, Choral

„O, Haupt voll Blut und Wunden“. Ein Lied, das mir zu Herzen geht. Und unter die Haut. Kein Wunder, war es doch, bevor es zu einem Kirchenchoral wurde, ein Liebeslied.
Heute, am Karfreitag, erzählt es von einer Liebe, die mit dem Tod nicht zu Ende war. Die weitergeht. Es erzählt von einem Schmerzensweg, den einer alleine gegangen ist. Und es erklingt heute für alle, die auf ihrem Schmerzensweg unterwegs sind.

Musik: J.S.B. Matthäuspassion

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
O Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron’...

In der Geschichte des Jesus von Nazareth, von dessen Passion in diesem Choral die Rede ist, gehören Liebe und Tod untrennbar zusammen. Seine grenzenlose Liebe zu den Menschen. Und sein Verzicht, mit Gewalt zu reagieren, wo seine Liebe nicht erwidert wird. Unvergessen darum seine Geschichte am heutigen Karfreitag. Von einem, der ausgebrochen ist aus der tödlichen Spirale von Schlag und Gegenschlag. Von Gewalt und Gegengewalt.

O Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr’ und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
Gegrüßet sei’st du mir!

Erzählt wird eine Passionsgeschichte. Passion, das heißt aber nicht: Verklärung des Todes. Sondern: Leidenschaft für das Leben. In einer Welt, die seit je von der Macht und den Mitteln der Mächtigen fasziniert ist.

Jenseits aller Verklärung beschreibt der Dichter des Liedes, Paul Gerhard, die Brutalität einer Kreuzigung. Schreibt von „Blut und Wunden“, von „Schmerzen und Hohn“, von Schimpf und Schande. Und eben auch davon, wozu Menschen fähig sind, wenn sie das Kommando dazu bekommen.

Musik: Colors of Bach, Choral

Du edles Angesichte,
davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte,
wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht’?

Wohin das führt, wenn die Würde des Menschen mit Füssen getreten wird, wird hier beschrieben! Paul Gerhardt findet während des Dreißigjährigen Krieges Worte für Grausamkeiten, die keine Vergangenheit zu kennen scheinen. Weil sie so bedrängend aktuell sind.

Aber es geht in diesem Choral nicht nur um Passion, sondern auch um Compassion. Um Mitleiden. Wer einstimmt in diese Melodie, bleibt nicht unbeteiligt am Rande des Geschehens stehen. Sondern identifiziert sich mit dem Leid des Opfers.

Musik: Colors of Bach, Choral

Ich will hier bei dir stehen,
Verachte mich doch nicht!
Von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht.
Wenn dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.

Der Weg des Friedenskönigs Jesus von Nazareth endet nicht zufällig am Kreuz. Es scheint voll innerer Notwendigkeit, dass der, der den Frieden bringt, ja ihn verkörpert, dass genau der zwischen alle Stühle gerät. Und zerrieben wird zwischen den Fronten.
Johann Sebastian Bach meint, dass ihm dieses Schicksal schon in die Wiege gelegt ist. Und bringt das auch musikalisch zum Ausdruck. Kunstvoll und beziehungsreich lässt er den alten Passionschoral schon in seinem Weihnachtsoratorium erklingen.

Musik: J.S.B. Weihnachtsoratorium

Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn' ich dir,
o aller Welt Verlangen,
o meiner Seelen Zier?

Ich finde, ganz gleich ob zur Weihnachtszeit oder zur Passionszeit, kann einen dieser Choral durchs Leben begleiten. Und das ist wohl der Grund, warum er - weit über die Barockzeit hinaus - Menschen immer wieder angerührt hat.
In der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung des letzten Jahrhunderts hat das Lied neue Aktualität gewonnen. Und wieder daran erinnert, dass Menschen nicht gemacht sind, einander zu Feinden zu werden.  
Darum zum Schluss die Version des Trios Peter, Paul and Mary. Bei ihnen heißt es: „Alle Menschen sind Brüder und Schwestern. Die Ängste meines Bruders sind auch meine Ängste. Und seine Tränen sind auch meine Tränen – egal ob gelb, weiß oder braun.“

Ein altes Liebeslied, in dem ich spüre, dass in ihm die Leidenschaft für ein anderes, ein mitmenschliches Leben brennt.

Musik: Peter, Paul, Mary  

My brothers are all others forever hand in hand
Where chimes the bell of freedom there is my native land
My brother′s fears are my fears yellow white or brown
My brother's tears are my tears the whole wide world around.
Let every voice be thunder, let every heart beat strong
Until all tyrants perish our work shall not be done
Let not our memories fail us the lost year shall be found
Let slavery′s chains be broken the whole wide world around

Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen Klaus Nagorni aus Karlsruhe von der evangelischen Kirche

***

Colors of Bach, Befiel du deine Wege, Variation, Arr. For Violon & String Quintet
Matthäus-Passion BWV 244, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart
Weihnachtsoratorium, BWV 248, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart
See what tomorrow brings. Peter, Paul and Mary, “Because all men are brothers”

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SWR Kultur Wort zum Tag

21MRZ2026
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Über Lost Places habe ich neulich gelesen. Lost Places – das sind aufgegebene Orte. Verlassene Industriegelände. Ruinen vormaliger Landgüter.   Verfallene Grandhotels. Dass von solchen Orten eine gewisse Anziehungskraft ausgeht, kann ich nachvollziehen.

Denn es gibt solche verlassenen Orte auch im Blick auf den Glauben. Das können religiöse Formeln sein, die zu Floskeln geworden sind. Sätze, die ich nicht mehr nachsprechen kann, weil sie für mich hohl geworden sind.

Vielleicht die Vorstellung eines lieben und gütigen Gottes. Der aber nicht einschreitet gegen das, was Menschen gerade an Leid und Irrsinn erdulden müssen. Vielleicht der Glaube an Frieden und Gerechtigkeit. Der sich aber als Illusion zu erweisen droht.

Und dennoch: ich ahne, dass in solchen Sätzen etwas an Erfahrung steckt, das Menschen einmal Trost und Zuversicht geschenkt hat. Und das ich heute nicht leichtfertig aufgeben, sondern verstehen und bewahren will. Damit es nicht entsorgt wird wie altes Spielzeug aus einem Kinderzimmer.

Der Soziologe Norbert Elias hat in einem Bild geschildert, wie die vom Fortschritt faszinierten Menschen einen Turm ersteigen. Aber sie kümmern sich nicht darum, dass die Geländer und Treppen, die die Verbindung nach unten herstellen, intakt bleiben. Fasziniert von der Höhe erklimmen sie Stockwerk um Stockwerk. Und bemerken nicht, dass hinter ihnen die Stufen längst weggebrochen sind.

Ohne solche Verbindung aber verliert das Leben an Tiefe und verflacht. Ein Mensch, der nur noch sich selbst gegenübersteht, ist in Gefahr, wie einst der Jüngling Narziss im antiken Mythos, im eigenen Spiegelbild zu ertrinken.

Darum brauche ich die Treppen und Geländer meines Glaubens, an denen ich mich orientieren kann. Den Respekt vor dem, was größer ist als ich. Die Empathie für den Mitmenschen, der anders ist als ich. Damit nicht das Recht des Stärkeren gewinnt, sondern die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft lebendig bleibt.

Mir ist es wichtig, dass mein Glaube nicht zu einem aufgegebenen Ort wird. Sondern etwas bleibt, das mir aufgegeben ist. Eine Aufgabe! Und ein lebendiges Zuhause für Glaube, Hoffnung und Liebe.

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SWR Kultur Wort zum Tag

20MRZ2026
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Neulich hat eine große Wochenzeitung eine Frage gestellt, die auch mich bewegt. Sie hat getitelt: Wie hält man das aus? Dieses Leben in Zeiten, in denen sich der politische Horizont verdüstert hat und so viel an vertrauten Sicherheiten ins Rutschen gekommen ist.

Bewährte Bündnisse und Partnerschaften zerbrechen. Eine Demokratie, die jahrzehntelang als Vorbild gegolten hat, gibt sich autoritär. Misstrauen zwischen Freunden und Verbündeten macht sich breit.

Wie hält man das aus? Messen lässt es sich nicht, wie sich unsere Gemütslage verändert hat. Aber das Gefühl, dass Menschen sich verunsichert und niedergedrückt fühlen, das spüre ich deutlich. Wie hält man das aus?

Mir fallen Zeilen eines Liedes ein, das in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts entstanden ist. Ein Lied, das auf die Zerbrechlichkeit äußerer und innerer Verhältnisse reagiert hat: „Es mag sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt um Dich her in Trümmer brechen... Es mag sein, dass Trug und List eine Weile Meister ist.“

Die Schlussfolgerung daraus ist dann aber nicht Resignation oder Verzweiflung. Sondern ein Bleiben an dem, was für den Liederdichter der Grund von allem ist: „Halte Du den Glauben fest, dass Dich Gott nicht fallen lässt: Er hält sein Versprechen.“

Diese Zeilen hat Rudolf Alexander Schröder im Jahr 1936 geschrieben. Er war selbst verstrickt  in die politischen Umwälzungen seiner Zeit. Aber er hat formuliert, was Halt geben kann in unsicheren Zeiten.

In diesem Lied finde ich etwas, das Zuversicht schenkt. Eine Zuversicht, die für mich in der Gewissheit liegt, dass auch die destruktiven Kräfte, dass auch Trug und List, an ihr Ende kommen werden. Weil sie dem Gesetz der Endlichkeit unterliegen.

Denn letztlich sind andere Mächte stärker. Glaube, Liebe und Hoffnung. Sie haben den längeren Atem.

Für mich sind das keine blutleeren Ideale. Sondern Markierungen. Orientierungspunkte in orientierungslosen Zeiten. An sie kann ich mich halten. Mich ihnen anvertrauen.

Denn, so heißt es am Schluss: „Angst und Sorge wird´s nicht wenden,  Deine Zeit und alle Zeit stehn in Gottes Händen.“

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SWR Kultur Wort zum Tag

19MRZ2026
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Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Siegfried Lenz in Masuren, im heutigen Polen, geboren. Dass ich seine Bücher so gerne lese, hat wohl damit zu tun, dass meine Großeltern auch aus dieser Gegend stammen.

Eine Erzählung von ihm ist mir in besonderer Erinnerung. Sie heißt: Nacht im Hotel. Und beginnt etwas unheimlich. Herr Schwamm sucht zu später Stunde noch ein Hotelzimmer. Aber alles ist belegt. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich ein Doppelzimmer mit einem anderen zu teilen. Einem verbitterten, vom Leben gezeichneten Mann, wie sich herausstellt.

In der Nacht erzählt ihm Herr Schwamm, warum er hier ist. Er hat einen Sohn. Der steht Tag für Tag auf seinem Schulweg vor der Bahnschranke. Und winkt den Menschen in den vorbeirauschenden Zügen zu. Aber nie, nie winkt jemand zurück. Und das macht den Jungen tieftraurig.

So ist er, sein Vater, auf die Idee gekommen, sich am nächsten Tag selbst in einen der Züge zu setzen. Um seinem Jungen aus dem Fenster zuzuwinken. Auf diesen Plan reagiert der Fremde im Nachbarbett voller Ablehnung und ohne Verständnis. Als Herr Schwamm am nächsten Morgen aufwacht, ist der andere verschwunden. Er selbst hat verschlafen und seinen Zug verpasst.

Aber offensichtlich hat die nächtliche Begegnung etwas bei dem hartherzigen Fremden ausgelöst. Denn als der Vater nach Hause kommt, läuft ihm sein Junge voller Begeisterung entgegen: „Heute“, ruft er, „heute hat mir zum ersten Mal jemand zugewinkt!“ Die Beschreibung dieses Jemand passt genau auf den nächtlichen Gesprächspartner.

Ich finde, die Geschichte erzählt von der Kraft kleiner menschlicher Gesten. Die nächtliche Begegnung hat den Fremden offensichtlich berührt. So sehr, dass er am nächsten Morgen für den schlafenden Vater eingesprungen ist. Und dessen Sohn das ersehnte Zuwinken geschenkt hat.

Siegfried Lenz zeigt mir mit dieser Geschichte, wie das große Wort Menschlichkeit in kleiner Münze ausgezahlt wird. Eine Haltung, die in dem Glauben wurzelt: Menschen können sich ändern. Aus Abneigung kann Zuwendung werden. Und ich, ich kann selbst mit kleinen Gesten etwas bewirken!

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