Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR2 / SWR Kultur

 

Autor*in

 

Archiv

SWR Kultur Wort zum Tag

16SEP2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich habe mich gewundert und gefreut, als sich  der Papst unlängst zu einem ungewöhnlichen Thema geäußert hat – und zwar in klaren Worten:

„Göttliche Schönheit kann man überall finden – im niedlichen Gesicht eines Kindes genauso wie in den Falten eines alten Menschen.“

„Sie zeigt sich sowohl in festlichem Schmuck als auch in Arbeitskleidung.“

„Vielfach begegnet man Menschen, deren Gesicht von den Jahren und von Leid gezeichnet ist, und die dennoch in der Lage sind, Gelassenheit, Wohlwollen und Frieden auszustrahlen.“

Der Spitzensatz seiner Predigt: „Liebe ist der schönste Schmuck des Menschen“

Ein großartiger Satz!

Was unternehmen so viele Frauen und Männer alles,
um einem medial vorgegebenen Schönheitsideal zu entsprechen.
Ganze Körperteile werden „in Form gebracht“ – uniformiert – auch operiert. Vom Kopf bis zu den Füßen. Haare, Muskeln, Gerüche – alles nach Standards gestylt.  Und ich weiß auch, wie sehr solche Standards Junge wie Alte unter Stress setzen und quälen können. Auch Scham auslösen und zur Verzweiflung treiben. Abgründig ist das.Es braucht heute Mut, diese  propagierten Schönheitsideale zu hinterfragen.

Der Papst ist mutig. Er findet kultur- und konsumkritische Worte – ohne die Lebensfreude zu trüben. Im Gegenteil, seine Worte entlasten. Sie entspringen dem biblischen Bild vom Menschen:
Jede und jeder ist ein Ebenbild Gottes. So oder so erschaffen. So oder so geprägt.
Jung oder alt. Werktags oder Festtags.

Auch für die Schönheit, die in einem Menschen strahlt, gilt: „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“ Diese Liebe strahlt in Schönheit. Und zwar in Freud und Leid, im Lachen und im Weinen. Unter Schmerzen und mit Freudentränen.
Eine alte Arbeiterin kommt mir in den Sinn. Zwei ihrer Kinder hat sie verloren. Ihr Körper und ihre Hände sind von schwerer Arbeit gezeichnet. Und doch strahlt aus ihrem ganzen Körper Liebe und Wärme und Zuwendung. Aus jedem ihrer Blicke.

In denke, Papst Leo spricht aus seiner Lebenserfahrung als Priester.
Seine Sicht ist die Sicht der Bibel auf den Menschen.
Menschliche Schönheit mitten im Leben, ohne Filter – ohne Verpackung – ohne kommerzielle Inszenierung - von der Geburt bis zum letzten Atemzug:

„Der schönste Schmuck des Menschen ist die Liebe“.

Quelle: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2026-08/papst-leo-xiv-mariae-himmelfahrt-liebe-schoenheit-maria-reinheit.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45109
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

15SEP2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich wohne in einem alten Bauernhaus. Lange schon beunruhigt mich ein Riss in der Mauer. Genau genommen sind es sogar drei. Zwei ganz dünne – und ein dicker. Ich habe Angst: Da bricht einmal die ganze Wand zusammen. Und zwar bald. Manchmal denke ich auch: Vielleicht schon Morgen? Eine Horrorvorstellung.

Der Architekt, der den Umbau gestaltet hat, kennt sich mit Altbauten bestens aus. Er hat sich meine Sorgen angehört und mir dann diese Geschichte erzählt:

Er war einmal als Architekt für eine Kirche zuständig. Da gab es auch einen Riss - im Gemäuer des Chorraumes. Die Beunruhigung in der Gemeinde war groß. ((So wie meine.))
Die Angst wuchs ständig: „Schnell muss gehandelt werden! Einsturzgefahr!“ ((„Sanierungsmaßnahmen in großem Stil.“))

Mein Architekt hat die Ruhe bewahrt: „Ich kenne einen Statiker.  Der ist ein absoluter Experte. Den sollten wir unbedingt zu Rate ziehen. Auf sein Urteil ist Verlass.“

Gott sei Dank hatte dieser Experte noch einen Termin frei. Beim Lokaltermin waren alle aufgeregt: Pfarrgemeinderäte, Bauausschuss und Vertreter der Kirchenbehörde.

Der Statiker ging gemessenen Schrittes in den Chorraum, schaute an die Decke und auf die Wände. Kehrte um. Ging dann wortlos noch einmal vom Kirchenschiff in den Chor. Drehte sich um und fragte die Anwesenden: „Wie lange steht die Kirche schon?“ „500 Jahre.“ Darauf seine Antwort: „Dann komme ich in 300 Jahren wieder.“

Ja, so ist das mit richtig alten Gebäuden. Sie sind viel stabiler als wir denken.
Zu mir sagte mein Architekt: „Keine Sorge. Ihr Haus steht noch lange – ohne Einsturzgefahr!“ Da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Und ich habe gedacht:

„Bewährtes bricht nicht gleich zusammen, wenn sich erste Risse zeigen.“ Wie oft sehe ich da und dort Risse, und wie bewährte Strukturen bröckeln.

Wenn ich an Familien denke, an die Kirche oder Entwicklungen in der Politik.
Wie schnell stellen sich dann oft Angst und Panik ein.

Aber gewachsene und bewährte Institutionen brechen nicht einfach zusammen.

Schon gar nicht von Heute auf Morgen. Erst einmal ist Durchatmen angesagt.
Risse beobachten, ob sie wachsen. Vielleicht verputzen - und einfach zunächst einmal damit leben.

Vieles Altbewährte hat einen sehr langen Atem. Diese Lebensweisheit stimmt! Erst recht, wenn ich an den Panikvertreiber schlechthin denke: Von Gott – vom Ewigen-heißt es in der Bibel einmal:
ER lässt das Geknickte nicht zerbrechen – und den glimmenden Docht nicht verlöschen. (Jes 42,39) ER wird Risse und Wunden verbinden und heilen. An SEINEM Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45108
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

14SEP2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor kurzem hat mich eine gute Bekannte angerufen. Sie war ganz aus dem Häuschen und hat geschwärmt:
„Was für ein Morgen. Ich lüfte und stehe in der kühlen Luft der Haustür! Es fühlt sich für mich an wie ein neues Leben.“

Ich bin überrascht. Solche Töne kenne ich gar nicht von ihr. Sonst hat sie mir immer zuerst von ihren schweren Wegen erzählt. Von ihren Schmerzen und ihren körperlichen Gebrechen. Auch von ihren Selbstzweifeln: „Bin ich in meinem Beruf noch die Richtige? Kann ich das überhaupt noch?“ Es gab da auch jede Menge Ärger – Konkurrenz und Missgunst. Und jetzt das: „Ich lüfte und stehe in der kühlen Luft der Haustür! Ich singe wieder- das war fast weg. Jetzt ist es von alleine zurück!

Und der Auslöser? Ein einziges Blatt Papier. Post von der Bundesversicherungsanstalt. Ihr Rentenbescheid. Der entlastet sie dermaßen, dass das Leben sich plötzlich ganz leicht anfühlt.

Keine üppige Pension steht in Aussicht. Doch: Sie wird auskömmlich leben können.
Es reicht für die Wohnung, für Essen und Kleidung, für alles Nötige.

Ihre Ängste und Lähmungen sind mit einem Mal wie verflogen, von jetzt auf nachher.

Und nun steht sie da - am Morgen, in der Tür – und lüftet.
Und genießt die kühle Morgenluft.

Ich muss dabei an den Propheten Elia denken. Auf der Flucht, voller Angst vor Verfolgung und Anfeindungen - war er erschöpft und an den Grenzen seiner Kräfte:

Da begegnet ihm Gott.

Ganz anders als erwartet: Kein Sturm, kein Erdbeben, kein Feuer! Nichts Extremes. Nichts Bedrohliches. Sondern in einem „stillen sanftem Windhauch!“ (1.Könige 19,12)

So umspielt der Ewige den Elia im Eingang seiner Höhle. Und so steht meine Bekannte in der kühlen Morgenluft und spürt:

„Ich lebe. Ich muss keine Angst mehr haben. Für mich ist gesorgt. Ich bekomme bald eine auskömmliche Rente. Mir widerfährt soziale Gerechtigkeit.“

Menschen sind in unserem Land bereit zu teilen. Hier und heute.

Die eine Generation steht für die nächste ein. Solidarisch. Gottes Geist der Liebe und der Gerechtigkeit wirkt auch darin. In einem Stück Papier, in einem Rentenbescheid.

Statt Angst vor Konkurrenz und Streit – Ruhe und ein großes, tiefes Aufatmen.

Sie ist im Segen des Ewigen unterwegs. Wie Elia. Und wir mit ihr – auf den Weg in einen neuen gesegneten Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45107
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

18APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn es für mich eine herausragende Darstellung vom auferweckten Jesus gibt, dann ist es die von Jörg Ratgeb. Zu sehen auf dem Herrenberger Altar. Entstanden zwischen 1518 und 1521 für die Stiftskirche im württembergischen Herrenberg:

Da schwebt Christus vor dem Felsengrab.
Eine schmale, blasse Gestalt. Ein schwacher, geschundener Leib. Wie durchsichtig.
Nur noch Haut und Knochen. Deutlich erkennbar sind seine Wunden.
Bei Ratgeb ist der auferweckte Jesus alles andere als ein Kraftprotz oder strahlender Sieger. Heutige Symbole von Manneskraft sucht man vergeblich.
Die bewaffneten Soldaten, die sein Grab bewachen sollen, liegen am Boden.
Sie sind von Ratgeb als farbenfrohe Muskelpakete gemalt -  vor Kraft strotzend.

Der Altar, der mich so fasziniert, fand in Herrenberg keine positive Resonanz.
Rund 350 Jahre lang wurde Jörg Ratgebs Altar in der Kirche mit einem grünen Tuch verhüllt. Und 1891 wurde er dann für 5.000 Mark an die württembergische Staatssammlung verkauft.
So verschmäht war seine Kunst.
Und das hat auch mit der Lebensgeschichte des Malers zu tun.
Heute würde man sagen: Falsche Frau und falsche Partei.
Seine Frau war eine Leibeigene des württembergischen Herzogs Ulrich.
Und im Bauernkrieg wurde Jörg Ratgeb von den aufständischen Bauern zu einem ihrer Anführer gewählt.
Alles nicht gerade Karriere dienlich.
Nach der militärischen Niederlage der Bauern bei Böblingen wurde er verfolgt, gefangen genommen, verurteilt – und auf grausame Weise hingerichtet.
Das geschah in Pforzheim 1526 – vor genau 500 Jahren.

Jörg Ratgeb – ein Leidender und ein Märtyrer. Seine Nähe zu Leidenden ist intensiv und einzigartig auch auf seinem Osterbild zu spüren:
Die Auferstehung erscheint als ein stiller und leiser Triumph über die Mächte des Todes.

Und genau das ist mir von Ostern her ein Trost: »Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig!« Eben das hat Ratgeb ins Bild gesetzt. Gott hat den leidenden Christus zu neuem Leben erweckt. Seine Wunden sind über-wunden. Aber sie sind nicht weggewischt, nicht ungeschehen gemacht.
Richard Mössinger hat in einem Buch Ratgebs Werk unlängst so überschrieben:
Er sei der „Maler des Mitleids“ „weil er von der österlichen Hoffnung zehrt, muss er dem Leiden nicht ausweichen...“ *
Ratgebs Altar ist in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen. Ein Besuch in der Osterzeit lohnt sich ganz besonders.

* Richard Mösinger, Jörg Ratgeb, Maler des Mitleids, Tübingen 2025, S.82

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44260
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

17APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Menschen widerfährt Unrecht:
Benachteiligungen, Vorwürfe, Ablehnungen ohne Grund. In der Familie, in der Schule, im Beruf. Wer hat das noch nicht erlebt?!
Da könnte man doch aus der Haut fahren. Sich empören und Rachegedanken hegen.
Oder – diese Variante kenne ich von mir: Dem Unrecht aus dem Weg gehen,
sich wegducken, so gut es geht. Aber das geht nicht immer. Was dann?

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas  23,34)
Das ist eines der Worte von Jesus am Kreuz.
Soll das nun etwa einfach heißen „Schwamm drüber!“? Soll Gott so etwas wie eine Generalamnestie für alle Vergehen und Verbrechen erlassen? Wohl kaum.
Jesus spricht in eine konkrete Situation. Er leidet zu unrecht.
Römische Soldaten kreuzigen ihn. Sie machen ihren Job. Sie spielen um seine Kleider.
Sie funktionieren. Sie haben keine Ahnung von den Abgründen ihres Tuns.
Sie haben kein Unrechtsbewusstsein, und sie empfinden auch keine Schuld.
Für sie betet Jesus:
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas  23,34)
Mir hilft dieses Jesus-Wort in zweierlei Hinsicht:
Zum ersten denke ich, Jesus legt mit seinem Wort etwas zwischen das erlittene, Himmel schreiende Unrecht und denen, die es ihm antun. Denn, wenn Menschen sich so aufführen, dann steckt etwas Abgründiges in ihnen, von dem sie keine Ahnung haben. Das nämlich lässt sie solche Untaten tun. Die bleiben weiter schmerzvoll.
Aber wo man das sieht, verlieren Täter ein Stück weit an Macht.
Sie werden kleiner. Sie werden als ahnungslose Täter zu Bedürftigen.
Als zweites fiel mir auch noch auf: Jesus begnügt sich nicht damit, das nur festzustellen und um Vergebung zu bitten. Dahinter steht eine Aufgabe.
Der Auferweckte Jesus ruft nach Ostern dazu auf: Predigt das Evangelium zur Veränderung des Bewusstseins! Also: Schaut nach den Abgründen in euch und Anderen! Verändert die Gesinnung! Ändert den Wertekompass! Er sagt damit: „Leben ist möglich ohne dumpfe Gewalt, ohne Verrat und ohne Missachtung Anderer. Mein Leben steht dafür ein - und ist selbst mit der Kreuzigung nicht aus der Welt zu kriegen!“

Wo immer Unrecht aufbricht – geht es um diese zwei Fragen:
Warum kommt es so weit?
Und: Wie kann das verhindert werden. Wie kann ich mich immer wieder neu auf ein Leben in Frieden mit Anderen einlassen?
Das kann ein weiter Weg sein. Doch kürzer geht es vermutlich nicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44259
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

16APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wie oft höre ich zur Zeit diese Litanei: „Es geht alles bergab!“
Ein Mix aus Lähmung, Traurigkeit und Wut. Ich kenne das auch von mir.Und sage mir dann: Pass auf! Lasse Dir diese miese Stimmung nicht einreden!Und dabei die eigenen Empfindungen ausreden, die gar nicht so negativ sind!

Etwas spöttelnd sagte man früher über so einen Depri-Zeitgeist: „Ja, ja, Schiller ist tot. Goethe ist tot. Und mir ist auch schon ganz schlecht.“Das ist gewiss etwas zu flapsig und trifft nicht den Ernst der Lage.
Und doch frage ich mich:
Wo bleiben die Lichter der Hoffnung? Wo der Blick für das Gelungene?
Gerade jetzt ist es so wichtig, sich nicht den Blick für eine gute Zukunft verstellen zu lassen. Dafür braucht es eine kraftvolle Gegenstimme.
Ja, Pro-Test im besten Sinn des Wortes. Ein Wort, das eine andere Sicht eröffnet.

So wie einst am ersten Ostermorgen. Es steht im Lukasevangelium.
Da wird erzählt, wie Frauen, betrübt an Jesu treten.  Sie wollen dem Verstorbenen Gutes tun – den Leichnam mit wohl riechenden Ölen und Salben einreiben, ((so wie es Brauch war)).
Aber sie finden ihn nicht. Stattdessen, heißt es, stehen da zwei Männer mit glänzenden Kleidern und fragen sie: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? (Lk 24,5)

Was für eine Frage ist das denn? Nicht gerade einfühlsam. Oder?
Sie stoßen die Frauen vor den Kopf. Kein Mitleid, sondern Kritik:
„Ich glaube, ihr seid im falschen Film. Ihr sucht einen Toten und wollt ihm Gutes tun. Doch der ist hier nicht zu finden. Er lebt, er ist auferweckt worden. Das hat er doch selber so angekündigt.“

Für mich ist das eine Schlüsselszene für unser Zeitempfinden. Die Klage und das Beweinen verpasster Chancen und Gelegenheiten verkleben den Blick für Gegenwart und Zukunft. Heute sind Wohlstands-Weltuntergangsgesänge so laut.
Viel zu selten hören wir die andere Musik, die in der Luft liegt.
Ostertöne, Klänge, die eine feine Zukunft mit all ihren Chancen ansagen. Hier und Heute: Menschen leben doch miteinander in Frieden! Jetzt schon. Wie oft gelingt Mitbestimmung und Teilhabe an so vielen Orten!
Es kann genug für alle wachsen und gedeihen. Und tut es schon!
Wie viele neue Wege finden Mediziner und Techniker für unser Wohlergehen!
Sehn wir das noch?

Oder lassen wir uns von der ganzen Schwarzmalerei lähmen? Es kommt darauf an, sich in solchen Stimmungen hinterfragen zu lassen.
So wie am Ostermorgen: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten! Schaut voraus, schaut auf das neue Leben, auf den auferweckten Christus. Dazu provoziert Ostern.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44258
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

04FEB2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich lese gerade ein Buch von Michael Sommer und Stefan von der Lahr – zwei Kenner der antiken Geschichte. Sie haben 1.500 Jahre beleuchtet - unter der einen Perspektive: „Die verdammt blutige Geschichte der Antike“.* So Blutiges ist eigentlich nicht mein Ding. Aber dieser Stoff hat etwas Tröstliches. Und eine starke Verbindung zur Bibel. Aber der Reihe nach.

Viele haben jetzt Angst vor der Zukunft. Ich auch. Und fragen sich: „Wie können wir, wie können unsere Kinder und Enkel, das alles in Zukunft ertragen? Solche tiefen Spannungen und Krisen hatten wir noch nie. Wir hatten es ja noch einfach. Aber, was kommt...?!“

In der Tat sind die Verhältnisse auf dieser schönen Erde mächtig ins Wanken geraten. Jetzt spürbar auch für uns. Despoten und Diktatoren, Multimilliardäre und selbsternannte Weltretter erschüttern Völker und Kontinente. Sie wecken Ängste und spielen damit.  Aber ist das wirklich neu? Oder sind wir jetzt an einem Punkt - an dem schon viele Generationen vor uns schon standen, ob sie jung oder alt waren?
Da hilft mir der Blick in die Geschichte. Auch und gerade in die Zeit als das Neue Testament entstanden ist. Ich lerne von den beiden Autoren: Auch diese Zeit ist voller irrsinniger und herrschsüchtiger Despoten gewesen. Von Augustus über Nero bis Domitian –  und  vorher und nachher auch.

Und in einer solchen Zeit voller Gewalterfahrungen und wahnsinniger Herrscher wird in der Bibel nun von einem Kind in der Krippe erzählt und von einem Mann am Kreuz, den Gott nicht im Stich lässt. Der alle Gewalten und Demütigungen überwindet.
Selbst den Tod. Die große Hoffnung für so viele - damals und heute.

Auch für mich. Darum höre ich so gerne Bibelworte. Sie geben den Schwachen und Unterlegegen Kraft. Und mehr noch: Trost.
So wie im Buch der Offenbarung, dem prophetischen Buch am Ende des Neuen Testaments. Da erfahre ich: Was die einen als ewige Weltherrschaft verkünden, ist nur eine Episode. Sie vergeht! Da stehen die, die die Welt beherrscht und ausgebeutet haben und weinen. Weil ihre Geschäfte und Machenschaften zerbrechen. (Offb 18)
Ich höre daraus: Auch Despoten und Tyrannen vergehen – und mit ihnen die Tyrannei.

Mich lässt das immer wieder getrost in den nächsten Tag gehen. Mit all denen Ängsten, die ich von mir kenne. Denn: Egal, wie oft die Welt auch in dieser Woche wieder medial untergehen wird: Es gilt Gottes Zusage: „Ich bin das A und das O,  - der da ist und der da war und der da kommt.“ (Offb 1,8).


* Michael Sommer, Stefan von der Lahr: Die verdammt blutige Geschichte der Antike, C.H.Beck, 2025, 3.Aufl.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43799
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

03FEB2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn ich mich in einem Geschäft umschaue, wo es religiöse Gegenständen zu kaufen gibt, dann stoße ich auffällig oft auf ein Motiv, das ich seit meiner Kindheit kenne:
„Die betenden Hände“. Als geschnitztes Relief, als Wandbehang oder auch als Zeichnung. Mittlerweile sind „Die betenden Hände“ auch schon als Tattoo weit verbreitet. Zwei Hände zum Beten – Handfläche an Handfläche aneinander gelegt.
Das Motiv hat Albrecht Dürer im Jahr 1508 gezeichnet. Ursprünglich so groß wie ein DIN A 4 Blatt. Man weiß auch: Es sind die Hände seines besten Freundes. Der hatte schwere Handarbeit zu leisten.

Dürers „Betende Hände“ sehen aus wie eine anatomische Zeichnung. Man kann Haut und Knochen und Gelenke erkennen, genauer als auf jeder Fotografie. Mein Blick blieb eigentlich nie länger daran hängen. Niemals wollte ich dieses Motiv in irgendeiner Form erwerben – und schon gar nicht bei mir aufhängen. Doch in letzter Zeit fasziniert es mich: Eine anatomische Zeichnung. Und sie ist doch zugleich viel mehr als das.

Für mich hat Dürer eine religiöse Urszene festgehalten.Die Fingerkuppen der Hände berühren sich. Das ist eine Geste, die mir sagt: Jetzt geht es nicht darum, etwas in die Hand zu nehmen. Nicht nach außen gerichtet aktiv werden. Schon gar nicht etwas in Besitz nehmen oder erobern. Wenn sich meine Hände so berühren, dann gebe ich alles aus der Hand, weg von meinem sonst unentwegt betriebsamen Machertum.
Für mich ist das auch eine Geste der Demut. Ich nehme mich bewusst zurück. Lege ich so die Hände aneinander, nach oben gerichtet – dann spüre ich: Ich bin bei mir – ohne Ablenkung – um nun im Gebet vor Gott mein Herz zu öffnen.Mein Danken, mein Flehen, meine Fragen und Klagen – alles das kann ich im Gebet in dieser Haltung intensiv ausdrücken.

Katholisch sei diese Haltung, haben mir viele gesagt. Kann sein. Wenn ich mich in protestantischen Kirchen so umschaue, sehe ich wirklich nur wenige Menschen, die in dieser Haltung beten. Da werden die Hände gefaltet. Doch ganz gleich – ob so oder so: Ich brauche betende Hände ineinander oder aneinander. Sie suchen sich förmlich, wenn ich beten will.

Beides bestärkt und fördert nämlich das, was der Betende in Psalm 62 so sagt:
„Meine Seele ist still zu Gott, ... Ich schütte mein Herz vor ihm aus – denn er ist meine Hoffnung.“ (Psalm 62,2,8,9 und 6)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43798
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

02FEB2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Fröhliche Freihnachten! – hat mein Enkel mir gewünscht. Der knapp Vierjährige hat sich gleich verbessert: „Äh, Weihnachten!“ Mir geht sein Versprecher nicht mehr aus dem Sinn: Fröhliche Freihnachten! Gerade heute an »Lichtmess«, am letzten Tag des Weihnachtsfestkreises. Da bekommt das für mich einen besonderen Glanz.

»Lichtmess« heißt der 2. Februar – auch wegen der Kerzenweihe in katholischen Kirchen. Oder auch: „Darstellung Jesu im Tempel“ – wegen der letzten Szene im Weihnachtsevangelium nach Lukas. Da gehen Joseph und Maria in den Tempel nach Jerusalem. Im christlichen Festkalender ist Lichtmess am 40.Tag nach Jesu Geburt.

Zwei jüdische Bräuche sind in der Erzählung ineinander verwoben:
Die „Reinigung Marias“ am 40. Tag nach Jesu Geburt (3. Mose 12,3+4).
Joseph und Maria danken Gott für ihren ersten Sohn. Sie bringen dafür als Dankopfer ein paar Tauben. Der zweite Brauch ist die sogenannte „Auslösung der Erstgeburt“ (4.Mose 8,17f). 33 Tage nach der Beschneidung (3. Mose 12) - so wie es jüdische Gebote vorsehen.

Für mich ist Lichtmess jedes Jahr ein ganz besonderer Festtag. Nicht so sehr wegen der schönen Bauernregel: „Lichtmess – Spindel vergess – bei Tag ess!“ Ja, seit der Sonnenwende sind die Tage wirklich schon spürbar länger geworden. Und das tut richtig gut. Doch noch mehr freut mich diese besondere Verbindung der christlichen Weihnachtszeit mit dem jüdischen Brauch der sogenannten »Auslösung der Erstgeburt«.

Woher kommt dieser Brauch? Und was besagt er eigentlich? In der Bibel wird erzählt: Als Pharao einst den Israeliten verbot, aus der Knechtschaft in die Freiheit zu ziehen – da erschütterte eine 10. und letzte Plage ganz Ägypten. Alle Erstgeborenen starben. Erst dann ließ der Pharao die Israeliten mit Mose in die Freiheit ziehen. Und die erstgeborenen Israeliten? Sie wurden verschont. Auf Gottes Geheiß hin.

Bei der „Auslösung der Erstgeburt“ wird in jüdischen Gemeinden an diese Verschonung der Erstgeborenen bei der Befreiung aus Ägypten erinnert. Gefeiert wird dabei jedes Mal auf´s Neue: Ein Kind kommt durch. Gott behütet und bewahrt sein Leben in großer Not. Auch dafür haben Joseph und Maria ihre Dankbarkeit gezeigt. Fröhliche Freihnachten!

Der als Kind zur Welt gekommen ist, kommt durch. Er befreit von Angst und Schuld, von Mächten, die uns knechten, von Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Nicht nur zur Weihnachtszeit!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43797
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

24DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Geburtsdatum vierundzwanzigster zwölfter.Es muss, wenn ich richtig gerechnet habe, statistisch gesehen heute so ungefähr 100.000 Geburtstagskinder allein in Deutschland geben. In meinem Dorf sind es dann geschätzt 3 Personen.

Wie feiern die heute ihren Geburtstag?
Das ist am 24. Dezember nicht einfach.  Wenn man sich seinen Geburtstag von Anfang an mit dem prominentesten Geburtstagskind der Welt teilen muss. Denn da sind die meisten möglichen Gäste mit anderen Dingen beschäftigt.

Ich erinnere mich an Geburtstagsbesuche in der Kirchengemeinde am Vormittag von Heiligabend. Ich hatte nicht das Gefühl zu stören. Im Gegenteil: Oft sind wir uns besonders herzlich und intensiv begegnet. Vielleicht  auch, weil mein Besuch so unerwartet gewesen ist. „Wie machen Sie das? Sie haben doch jetzt keine Zeit.“

Genau das war so besonders: Eine besondere Auszeit in diesen Stunden geschäftiger Vorbereitungen. Wenn man dann genau das tut, wofür jetzt eigentlich keine Zeit ist:
Der Freude am Geschenk des Lebens eine Zeit geben: „Wie schön, dass Du geboren bist!“ Ein Glückwunsch, ein Gebet, ein Segenswort.

Von einer Frau bin ich bis heute sehr beeindruckt. Jahr für Jahr gibt es bei ihr ein Mittagessen mit Gästen am späten Vormittag - ein Vesper sozusagen.
Kartoffelsalat und Würstchen – mit Nachtisch. Und dann?
Dann ist für dieses Geburtstagskind auch heute das andere Geburtstagsfest dran.
Sie ist Chorsängerin und hilft als Kirchengemeinderätin im Gottesdienst.

Sie spielt Klavier beim Festessen im Gemeindehaus.
So feiert sie den Doppel-Geburtstag: den eigenen und den von Jesus in Bethlehem.

Eine Konkurrenz ist das für sie nicht. Für sie hängen beide wundersam zusammen.
Die Geburt von Jesus Christus leuchtet in ihr neues Lebensjahr.

Ich empfinde genau das besonders stark, wenn heute Abend das Lied „In „dulci jubilo“ gesungen wird. Da heißt es von Jesus. „Du bist A und O“, also Anfang und Ende, die Lichtquelle für mein Leben, die alle Finsternis vertreibt.

Von meiner Geburt an bis zum letzten Atemzug. Da kommen mir die Tränen und ein tiefes Sehnen wird in mir wach:

Frieden all überall – hier und heute -  wie im Himmel, so auf Erden. So wie am Anfang – bei unserer Geburt – so ein Leben lang – willkommen im Frieden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43558
weiterlesen...