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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

29OKT2025
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„Ich glaube an Gott.“ Das kann man so oder so sagen: Wie ein persönliches Statement: „Ich glaube an Gott...“ - und gebe damit zu erkennen:
Das ist  m e i n  Ding. Das erwarte ich nicht von Anderen.

Es geht aber freilich auch im Brustton der Überzeugung:  „I c h glaube an G o t t !“Soll heißen: Schaut her! So ist es recht! Und Andere sollten das auch tun! Mein Gegenüber! Oder Abwesende. Am besten der Rest der Welt.Es kommt schon sehr drauf an, wie das rüberkommt: „Ich glaube an Gott...“

Einmal ist jemand nach dem Gottesdienst auf mich zugegangen.Und ich habe gleich gespürt: Da liegt Ärger in der Luft. Was ich mir denn einfallen würde - das Glaubensbekenntnis wegzulassen:

„Das ist hier fester Bestandteil des Gottesdienstes. kein Pfarrer kann aus persönlichen Gründen daran rütteln.“ Wollte ich auch gar nicht. Ich wusste nur nicht, was in dieser Gemeinde üblich ist.

Und in andren Gemeinden kommt es immer seltener vor, dass das Glaubensbekenntnis gesprochen wird. Manche halten das nämlich für zu exklusiv. Das könnten nicht alle mitsprechen.

Da würden Zweifelnde rausgedrängt. Und zB das mit der Jungfrauengeburt sei doch so ein Anstoß. Manche haben mir gesagt: Das spreche ich nicht mit. Warum auch?

Das Glaubensbekenntnis ist kein religiöser Appell.
Das Glaubensbekenntnis ist keine Verpflichtung.
Schon gar nicht im Kollektiv. 
Ich weiß: Viele kirchliche Bekenntnisse beginnen mit dem „Wir“:

„Wir bekennen, wir stimmen darin überein...“
Aber eben nicht das sogenannte »Apostolische Glaubensbekenntnis« - das beginnt subjektiv: Und genau das gefällt mir immer besser: Das »Ich glaube« in der ersten Person! Ich glaube an Gott ...  Ich spreche für mich - persönlich!

In den Aussagen, die dann folgen, über Gott und Jesus und den Heiligen Geist, stecken die christlichen Essentials, die mich stärken und hoffen und nicht verzweifeln lassen. Gottes großes Ja zu dieser Welt.

Und wenn sich beim Sprechen der Worte meine Stimme mit anderen verbindet – noch schöner. Ich spüre: Ich bin da nicht allein. Aber: Ich habe keine Erwartungen an Andere. Es ist eher wie Angebot – man kann mich darauf ansprechen: „Das glaubst Du wirklich? Ist ja allerhand. Warum nur?“

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SWR Kultur Wort zum Tag

28OKT2025
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»Die Meile der Religionen«: Seit einigen Jahren führt sie einmal im Jahr mitten durch die Mannheimer Innenstadt. Alle sind eingeladen an eine lange Tafel. Zum Austausch, zum miteinander Essen und Trinken. Viele machen mit: Christen, Juden, Muslime und andere Religionsgemeinschaften. Bewirtet auch von Vereinen und Schülergruppen. Ein prächtiges Zeichen des Miteianders.

Doch in diesem Sommer hat das »Forum der Religionen« die Veranstaltung abgesagt aus Angst vor Spannungen und Übergriffen. 

Der Dialog der Religionen stockt - ist da und dort sogar ganz erloschen. Es knirscht in den in den sog. »Räten der Religionen«. Seit die Spannungen im Nahen Osten so unerträglich geworden sind. Seit Feindschaft gegen jüdische Bürger offen zu Tage tritt.
Schaue ich auf Fotos aus den ´90er Jahren, werde ich richtig wehmütig:

Ich sehe Muslime, die kommen auf Einladung unserer Gemeinde zur Kirche und zum Mittagessen. Wir sprechen miteinander – von unserem Glauben und unserem Leben.
Ich konnte unbeschwert mit Jugendlichen zum Besuch in die Moschee gehen.

Und heute? Ich hoffe auf Frieden und Verständigung – auf eine Wiederbelebung des Dialogs.
Ein Wort könnte dabei helfen. Es stammt vom II. Vatikanischen Konzil.
Auf den Tag genau heute vor 60 Jahren hat das Konzil erklärt:
„Nostra aetate“ -  zu Deutsch  „in unserer Zeit“ – kommt es auf Dialog und geschwisterliche Anerkennung aller religiösen Überzeugungen an.
Ausdrücklich werden Muslime und Juden erwähnt.
Und auch die Schuld, die Christen zu tragen haben, die diesen Dialog behindert und in manchen Jahrhunderten mit Verfolgungen zerstört haben.
Zum Schluss heißt es da:
(5.) „Wir können (...) Gott, (...) , nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern. (...) die Schrift sagt: "Wer nicht liebt, kennt Gott nicht" (1 Joh 4,8).
Und weiter:
„So wird (...) jeder Theorie oder Praxis das Fundament entzogen, die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk bezüglich der Menschenwürde und der daraus fließenden Rechte einen Unterschied macht.“

Dieses Wort ist auch nach 60 Jahren für mich eine Motivation, hier und heute weiter für den Dialog einzutreten.

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SWR Kultur Wort zum Tag

27OKT2025
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Manchmal kann man auf einem Schild in schwäbischen Gasthäusern lesen:»Da hocken die, die immer da hocken«. Das klingt gemütlich, nach Stammtisch und auch nach einer Portion Selbstironie. Ich höre aber auch eine leise Warnung: „Besetzt! Du - gehörst da nicht hin!“

Ich halte dann Abstand. Setzte mich nicht dazu und denke: „Die ticken anders als Du. Komm ihnen bloß nicht zu nahe.“ Doch eigentlich ist das ja auch schade: Denn zu einem Austausch kommt es so nicht.Kann das nicht auch anders gehen?

Ein Bibelwort hat mir etwas weitergeholfen, über das ich schon oft gestolpert bin. Es steht im bekannten Psalm 23. Da heißt es einmal:
„Du, Gott, bereitest vor mir einen Tisch – im Angesicht meiner Feinde.“
Noch genauer übersetzt: In der Nähe, gegenüber von Menschen, die mich bedrängen, da tischt Gott mir auf. Da setzt er mich hin.

Der Psalm soll übrigens von David stammen. Und der hatte nun wirklich nicht nur Freunde. Das schwingt in seinen Worten auch noch mit: Gerade erst hat Gott ihn gerettet – aus Bedrohungen und Abgründen – da setzt er ihn in zu seinen Widersachern an den Tisch.

Und David wird sich wohl gefragt haben: ((Was soll den das?)) Hört das denn nie auf?

Wann ist mal Schluss mit Ängsten und Spannungen? Gott könnte mich doch einfach woanders hinsetzen. Weit weg. Weg von denen, die mir fremd sind, die mich nerven und mir das Leben schwer machen.

Aber davon spricht das Gebet nicht. Gott setzt ihn bewusst da hin.Und genau da – so heißt es weiter – schenkt ER ihm voll ein. Genau da erfährt David Zuwendung.

Dieser Wink Gottes – zu einer nicht nur angenehmen Tischgemeinschaft zu gehören –ist nah dran an den Erfahrungen unserer Zeit. Und hilft mir.

„Wage Nähe zu denen, die Dich anstrengen. Halte Nähe aus mit Menschen, die dir kein Vergnügen sind. Du bist ja auch anstrengend – für Andere.“

Die Welt ist voller Spannungen. Gerade jetzt, wo sich viele in der Blase Gleichgesinnter einigeln, braucht es ein Aushalten der Anderen und ein Zugehen auf die, die immer bei den Gleichen hocken. Auch wenn es einmal schwer fällt: Trau dich!

Oft habe ich entdeckt: Gerade in der Begegnung  mit Menschen, die mich auf´s Erste anstrengen und so anders sind als ich – habe ich Neues und Schönes erlebt.

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SWR Kultur Wort zum Tag

20AUG2025
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Sommer 1525. Der „Bauernkrieg“ ist zu Ende. Überall im Land hat die Obrigkeit vor 500 Jahren die Aufstände der Bauern und ihrer Unterstützer niederschlagen lassen, mit teilweise bestialischen Mitteln. Ein Drittel der Bevölkerung sei dabei im Südwesten Deutschlands ums Leben gekommen. Eine gespenstische Vorstellung.

Ganz am Ende der Landesausstellung zum Bauernkrieg in Bad Schussenried fragt eine Stimme die Besucher: „Was bleibt?“ Sie fragt auch stellvertretend für die unterlegenen Bauern: „Habt ihr uns vergessen? War alles vergeblich? Oder erinnert ihr euch noch an uns und unsere Anliegen?“

Je länger mich dieser Aufstand beschäftigt, desto mehr fördert er bei mir Mut zum Engagement. Und zwar auch und gerade dann, wenn nicht absehbar ist, was daraus werden kann und ob ein Erfolg winkt.

Das hängt mit den „Zwölf Artikeln“ zusammen, die im Bauernkrieg eine wichtige Rolle gespielt haben. Sie wurden im Frühjahr 1525 in Memmingen verfasst und von etwa 50 Vertretern der oberschwäbischen Bauerngruppen verabschiedet. Diese „Zwölf Artikel“ gelten als älteste Erklärung der Menschen- und Freiheitsrechte auf dem europäischen Kontinent.

Einer ihrer Verfasser soll Sebastian Lotzer aus Horb gewesen sein. Ein Kürschner auf Wanderschaft. Gerade mal 35 Jahre alt und durchdrungen vom reformatorischen Geist der Freiheit.
Seine Anliegen: Freie Pfarrerwahl durch die Gemeinde, Abschaffung der Leibeigenschaft, Jagd- und Fischereirechte für alle, eine drastische Senkung der Abgaben, die Rückgabe des Gemeineigentums an die Kommune.
Quelle all dieser Rechte und Forderungen war für Sebastian Lotzer: das Wort der Bibel. Dort fand er verbürgt, dass alle Menschen als Ebenbilder Gottes gleich sind.

Es hat noch Jahrhunderte gedauert, bis sich durchsetzen konnte, was die Bauern einst gefordert haben. Und was für eine Leuchtkraft haben diese Forderungen bis heute! Sebastian Lotzer hat sie der Bibel abgelauscht.

Ich finde, das ist eine seltene und besondere Sternstunde der Christenheit in unserem Land. Die nicht ohne Nachwirkung geblieben ist. Schon damals nicht. Darum steht für mich fest: Engagement für Recht und Freiheit lohnt sich.
Die Ausstellung „Uffrur“ ist in Schussenried noch bis zum 5. Oktober zu sehen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

19AUG2025
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Vor ein paar Tagen bin ich in Tübingen den Berg hinauf zu den Kliniken gefahren.
Auf halber Höhe fiel mir ein riesiger Schriftzug ins Auge. Auf der Stützmauer der Straße stand geschrieben: „Wacht auf – sagt NEIN!“

Es sah noch recht frisch aus.Ich war mir unsicher: Was und wer steckt dahinter? Und wozu ich NEIN sagen soll, stand da auch nicht. Seit ich denken kann, gilt das Nein-Sagen als ein Zeichen von Wachheit.

Ich habe es an mir selber so erlebt. Als hätte ich mir früher als Student selber so ein NEIN auf die Stirn tätowiert gehabt. Das NEIN galt als bewusste Abkehr von NS-Deutschland, als ein Nein zu allem, was Deutschland vor 1945 in den Abgrund getrieben hat.
Ein prominentes literarisches Beispiel ist der Aufruf des jungen Schriftstellers Wolfgang Borchert, entstanden im Oktober 1947 kurz vor seinem Tod.

Ein glühendes Bekenntnis gegen jede Wiederbewaffnung und Kriegsverherrlichung. Wenn so etwas wieder aufkommt - „Dann“, so Borchert, „gibt es nur eins! Sag NEIN!“

 „Wacht auf – sagt NEIN !“, steht an der Wand. Gilt das heute weiter so? Ungebrochen?

Oder ist dieses NEIN inzwischen von ganz anderen Stimmen und Stimmungen übernommen worden?: von Gruppen, die unsere Demokratie ablehnen – die Grundrechte in Frage stellen. Die, die EU und die NATO verteufeln. Die allem und jedem das Misslingen andichten – von der Bahn bis zum Gesundheitswesen, von der Schule bis zur Justiz.

Ich habe mich beim Nachdenken über das Graffito an ein Jesuswort erinnert:
„Eure Rede sei Ja, ja oder nein, nein“ (Matth 5,37) – also: nehmt klar und eindeutig Stellung. Aber eben nicht nur miesepetrig ablehnend.
Prüft und beurteilt! Wo ist ein Ja und wo ist ein Nein angemessen.

Es könnte ja sein, dass gerade heute oft das angesagt ist: Wacht auf – sagt JA!
Bewahrt so die Errungenschaften der freiheitlichen Demokratie – gegen alles negative Zerreden.

Kann sein, für ein Ja braucht es derzeit mehr Wachheit und Mut als in das Lamento über alles und jedes einzustimmen. So geht es mir in etlichen Gesprächen. Mich juckt es richtig in den Fingern, unter das Nein vom Graffito noch ein JA zu sprühen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

18AUG2025
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Ein Mensch steht auf einem Uferweg vor einem Geländer.
Die Hände presst er an die Ohren. Der Mund und die Augen sind weit aufgerissen.
Im Hintergrund ist eine Landzunge zu sehen und ein Gewässer – und als kleine Silhouette zwei Menschen. Sie sind schon weitergegangen und drehen ihm den Rücken zu. Alles überspannt ein orange-roter Himmel. Wasser und Erde, Himmel und Körper sind von derselben Wellenbewegung erfasst und durchdrungen.
Es ist das bekannteste Bild des norwegischen Malers Edvard Munch: „Der Schrei“.

In einem Tagebucheintrag (vom 22.1.1892) hat Munch den Anstoß zu seinem Bild (einmal) so in Worte gefasst: „Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – die Sonne ging unter – der Himmel wurde plötzlich blutig rot – (...)– Ich stand (erg. da), lehnte mich an den Zaun Todmüde – Ich sah hinüber […] die flammenden Wolken wie Blut und Schwert – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – Meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur.“ *

Munchs Bild berührt mich tief.
Es ist gerade so, als würde sich der schreiende Mensch direkt an mich wenden.

Und ich frage mich: Höre ich all die Schreie der seufzenden Natur, der Kreaturen und Menschen in meiner Nähe? Die Rufe von Verwandten und Freunden, von Kranken und Einsamen?
Spüre ich, welche Ängste sie umtreiben? Oder gehöre ich nicht oft zu Munchs Freunden, die ahnungslos weitergehen, und seine Erschütterung gar nicht wahrnehmen?

Zugleich verbinde ich mit dem Bild auch eine Hoffnung und einen Trost: 
Wenn ich mit meinen Ängsten und Lasten ohne menschliche Resonanz bleibe,
dann rufe ich in den Himmel – gerade so, als wäre ich der Rufer im Bild:
„Gott, höre die Stimme meines Flehens! Neige Deine Ohren zu mir! (Ps 28,2; 31,3) – und lass mich nicht allein mit meiner Angst.“

Und wie in einem Echo kommt mir eine Zusage von Jesus in den Sinn, der selber so tiefe menschliche Erschütterungen durchlitten hat – und den Gott nicht im Stich gelassen hat:

„In der Welt hast Du Angst – aber sei getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33)

Mit diesem Bild und mit diesem Wort will ich in diesen Tag gehen.

* zit. n. wikipaedia Art. „Der Schrei“ - zu sehen bis Anfang November in der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz. Die Ausstellung trägt Titel „Angst“.

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SWR Kultur Wort zum Tag

28JUN2025
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Am 150.ten Geburtstag von Thomas Mann bin ich auf ein Wort gestoßen.
Das beschäftigt mich seither sehr. Es stammt aus seinem Essay mit dem verstörenden Titel „Bruder Hitler“ –  aus dem Jahr 1938.
Thomas Mann reagiert darin auf den Überfall auf Österreich im Frühjahr 1938.

Und schreibt: Er habe „den stillen Verdacht“, dass Hitlers Marsch auf Wien im Grunde Sigmund Freud gegolten hat,  ((„seinem“, wie Thomas Mann sich ausdrückt „wahren und eigentlichen Feind)) – dem Entlarver der Neurose (...).“

 

Hitlers Wut, so spekuliert Thomas Mann, habe sich gegen Sigmund Freud gerichtet – den Begründer der Psychoanalyse, den Erforscher tiefer Seelenstrukturen.

 

Ich habe hinter Machtstreben und Eroberungswahn lange Zeit vor allem wirtschaftliche und militärische Interessen vermutet. Aber: Gibt es daneben andere abgründige Kräfte ? – In der Seele eines Menschen verankert ? – Die mit Macht gepaart zum Unheil der Welt werden können?

Was Thomas Manns „stillen Verdacht“ –  wie er sich ausdrückt – so bemerkenswert macht:
Der Gewalttäter Hitler ahnt vielleicht etwas von seinen seelischen Abgründen.
Aber: Er will nichts davon wissen.
Ja, er will die Möglichkeit, sie zu erkunden, vernichten.
Auch, damit er nicht entlarvt wird. Nicht vor sich selber und nicht vor Anderen.

 

Das alles ist wirklich reine Spekulation. Und doch, wie ich finde, ein interessanter Gedanke: Gerade diejenigen, die um ihre seelischen Lasten nicht wissen und sie nicht wahr haben wollen, können für Andere gefährlich werden.

 

Wenn Thomas Mann seinen Essay »Bruder Hitler« nennt, ist das für mich auch eine Aufforderung zur Selbsterkundung. Das Abgründige und Böse ist nicht so weit weg, wie man denkt. Es schlummert. Weswegen es so wertvoll und wichtig ist, nach seelischen Lasten zu schauen, die ein jeder und eine jede in sich trägt.

Der Seele Gewicht geben – sie besser zu verstehen suchen – kann auch dabei helfen, Wut- und Gewaltausbrüche zu vermeiden.

Nicht von ungefähr hat Jesus daran erinnert: Es hilft nichts, wenn einer die Welt gewinnt und dabei Schaden an seiner Seele nimmt.

Ich würde das Wort einmal gerne variieren: Wer auf seine Seele achtet und für sie sorgt, kann neues Leben befördern. Im Privaten wie in der großen Politik.

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SWR Kultur Wort zum Tag

27JUN2025
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„Srebrenica“ – diesen Ortsnamen kann ich nicht vergessen.
Seit ihn jemand bei einem Friedensgottesdienst förmlich ins Mikrophon geschrien hat. Das war vor dreißig Jahren. Ich muss gestehen: Damals hatte ich keine Vorstellung – weder von diesem Ort noch von dem, was da Anfang Juli 1995 geschehen ist.

Bei einer Studienreise vor zwei Jahren habe ich dann die Gedenkstätte im Nachbarort von Srebrenica besucht. Tausende Gräber erinnern an die schrecklichen Verbrechen an Muslimen. Ein Massaker verübt von Serben an Bosniaken: 8.000 Männer und Jungen sind damals ermordet worden. Schockierend, was Menschen einander antun können.

 

Doch seit dieser Reise geht noch eine ganz andere Erfahrung mit mir.
Eine ermutigende, die Licht in diese Finsternis bringt.

 

Sie hat mit dem Imam von Srebrenica zu tun: Damir Pestalic. Er ist Bosnier und kam ein paar Jahre nach dem Massaker als junger Geistlicher nach Srebrenica.
Er und seine Frau waren das erste muslimische Paar, das dort wieder wohnte.
Viele Häuser waren nur noch Ruinen – vom Krieg zerstört. Keine Straßen-beleuchtung. Es muss eine gespenstische Situation gewesen sein.

Auch mit quälenden Fragen: Wer wohnt jetzt hier? Wem haben die Häuser früher gehört? Was haben die Nachbarn in diesen Tagen im Juli 1995 alles mitangesehen, geduldet, getan?
Und vor allem: Was ist denn jetzt eigentlich meine Aufgabe als Geistlicher ohne Gemeinde?

 

Damir Pestalic hat uns erzählt: „Ich bin in ein serbisches Café gegangen. Kaffeetrinken.“ Das macht er bis heute – jeden Morgen. Und: Er spielt gerne Tennis – im Nachbarort. Seine Mitspieler sind Serben.

Die jüngere Tochter trainiert Karate - bei "einer wunderbaren Serbin", wie er sagt.

Sie ist mit ihrem Team sogar schon Bosnien-Meister geworden.

 

Ich staune: Das Leben beginnt – immer wieder neu – in Begegnungen - im Miteinander. So kann es gehen: Kaffee trinken, Sport treiben. „Keinerlei Racheakte, keine Vergeltung“ – das ist die Botschaft, die ich von Damir Pestalic und so vielen Muslimen gehört habe.
Heute – 30 Jahre später – zählen immerhin wieder 1.000 Muslime zur Gemeinde. Vor dem Krieg waren es 20.000.

Ich weiß um den brüchigen Frieden dort. Aber sehe auch keinen anderen Weg, als eben diesen: Sich auf den Weg zu machen. Zum Nachbarn. Zum Frieden. Jeden Morgen neu. Und wenn dabei ein Café am Weg liegt – um so besser.

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SWR Kultur Wort zum Tag

26JUN2025
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Es heißt einmal in der Bibel, Christus sei „der Hirte und Beschützer eurer Seelen.“ (1.Petr. 2,25)

Jesus der Hirte – mit einem Lamm auf der Schulter - umgeben von einem milden, warmen Licht. Grüne Pflanzen und Büsche rechts und links vom  Weg.

1.000 mal so abgebildet. Das rührt viele an. Jung und Alt.

Mich nicht.

Ich kann noch nicht einmal genau sagen, warum.

Ist mir das zu lieblich? Zu kitschig?

Vielleicht störe ich mich auch an diesem Hirtenbild, weil ich mich so ungern wie ein hilfloses Lamm tragen lasse. Und lieber selbstständig unterwegs sein will.

 

Oder kommt mir das alles realitätsfern vor? Jedenfalls gemessen an dem, was ich vom Schafehüten mitbekomme. Meine Tochter versorgt in Portugal eine kleine Schafherde: Da geht es gar nicht nur idyllisch zu. Da lauern Gefahren und Bedrohungen. Nicht wenige. Bei Tag und Nacht. Mal wächst nicht genug Gras auf den Weiden, mal bedrohen Füchse die Herde. Mal verlaufen sich die Schafe auf den Hügeln und sind zwischen den Felsen unauffindbar.

 

Diese Erfahrung bringt mich etwas näher an das Motiv vom „Hirten meiner Seele“.

In der Bibel steht nämlich auch: „ihr wart wie die irrenden Schafe.“
Da erkenne ich mich wieder. Als einer, der sucht und sich verirrt und vom Weg des Lebens abkommen kann. Wie oft erlebe ich mich so. Und  spüre auch: Ich komme da nicht ohne eine Orientierung von außen nicht weiter.

 

Meine Tochter hat einen ganz bestimmten Pfiff – unnachahmlich – und dann kommen die Schafe von allen möglichen Ecken und folgen ihr. Nicht dass ich von Jesus einen „Anpfiff“ bekommen möchte. Es ist mehr ein Locken und Verlocken, was mich von ihm erreicht. Ein Ruf zu einem anderen Leben - raus aus den Radau- und Konkurrenzwelten unserer Zeiten: „Sei stattdessen sanftmütig unterwegs, blähe dich nicht auf in Besserwisserei. Trage Schwächen und Leiden - eigene und die Anderer. Und trage etwas zum Frieden bei, wo es kracht. Hier winkt erfülltes Leben. Freude und Glück!“

 

Und wenn ich es doch nicht selber packe, ist es wirklich gut, wenn mich einer trägt.

Darum bete ich oft: „Gott sei mein Hirte, ... behüte meine Seele, meinen  Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.“ (nach Psalm 23 und121)

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SWR Kultur Wort zum Tag

31MAI2025
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„Die Liebe hört niemals auf.“ So steht es in der Bibel - in einer Hymne auf die Liebe. Die hat der Apostel Paulus an die noch junge Gemeinde von Christen in Korinth gerichtet. Ein Satz für Christen, die frisch in der Liebe Gottes verbunden gewesen sind und wo es doch schon Spannungen gegeben: „Die Liebe hört niemals auf.“

Das wünschen sich auch Paare, wenn sie einander Treue versprechen. Auch und gerade im Wonnemonat Mai, in dem so viele heiraten. Eheskeptiker und Schwarzmaler wenden dann oft ein: „Oh, Sie, Herr Pfarrer, die jungen Leute. Die gehen doch gleich beim ersten Streit wieder auseinander. Früher war das anders!“ Wie oft höre ich das! Ja, ja, die guten alten Zeiten... Na, da frage ich lieber nicht nach, wie das früher wirklich war – mit der Liebe und der Zuneigung und dem Streiten.

Ich freue mich lieber an allen, die in Liebe verbunden sind. Die ihre Liebe bezeugen und einander Treue versprechen. Auch mit den Worten: „Bis dass der Tod uns scheidet.“ Andere Zeitangaben würden mich auch eher befremden: „Solange es gut geht.“ Oder: „Bis das Haus abgezahlt ist.“ Das hört sich für mich nicht nach Treue, sondern eher nach einer berechnenden Vertragsvereinbarung an.
Ein Treueversprechen geht für mich über das hinaus, was Menschen voneinander wissen und planen und berechnen können.

Ich weiß natürlich auch, dass viele Paare später wieder getrennte Wege gehen – und nicht unter einem Dach zusammen bleiben können. Und bevor Verletzungen unerträglich werden, sollen Menschen um des Friedens willen auseinander gehen. Nur – und das wünsche ich auch denen, die getrennt leben: Macht die erlebte Liebe nicht rückwirkend unsichtbar! Zerkratzt und zerredet sie nicht.
Lasst sie weiter wirken – nehmt sie mit.

„Die Liebe hört niemals auf.“ Wörtlich übersetzt heißt das übrigens: „Die Liebe fällt niemals.“ (griechisch: piptei). Was soviel bedeuten kann wie: „Sie geht nicht zugrunde!“

Dahinter steckt bei Paulus vermutlich eine kühne Vorstellung: „Gott ist die Liebe.“ Und darum „vergeht die Liebe niemals“.

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