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24AUG2022
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Es gibt Momente, die prägen sich so tief in der Erinnerung ein, dass sie immer wieder – ganz plötzlich – auftauchen. Beim Autofahren geht mir das so. Jedes Mal, wenn ich unterwegs bin und sehe in der Ferne etwas Dunkles auf der Fahrbahn liegen, bin ich erleichtert, wenn es dann nur ein Erdklumpen oder ein Gummiteil ist. Und kein Tier! 

Ich werde den Moment niemals vergessen, als ein Rebhuhn aus dem Feld auf die Straße lief und ich nicht mehr bremsen konnte. Ich habe ein Mitgeschöpf ums Leben gebracht, völlig absichtslos – nur, weil ich mich mit dem Auto fortbewege. Ich habe mich geschämt.

Erst recht, wenn ich daran denke, dass die Autos hinter mir nicht ausweichen konnten und das von mir so bewunderte Geschöpf der Fahrbahn gleich gemacht haben. Jedes Mal, wenn ich einen Igel oder einen Fuchs oder einen Hasen leblos auf der Fahrbahn liegen sehe, schaudert es mich wieder von neuem.

Vielleicht hängt es mit dem zusammen, was Albert Schweitzer einmal die „Ehrfurcht vor dem Leben“ genannt hat. Es geht nicht allein um die Achtung für das eigene Leben und die menschliche Gattung. „Ehrfurcht vor dem Leben“ schließt auch die Mitgeschöpfe ein, die zur guten Schöpfung Gottes gehören. Albert Schweitzer, so wird erzählt, war in dieser Hinsicht radikal. Er soll sogar Insekten davor geschützt haben, dass sie nicht bei Nacht in sein heißes Leselicht fliegen: »Dem Menschen“, sagt er, „der zur Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben gelangt ist, ist jedes Leben als solches heilig. Er hat Scheu davor, ein Insekt zu töten, eine Blume abzureißen. Den Wurm, der auf der Straße verschmachtet, errettet er, indem er ihn ins Gras legt.«

Ich freue mich darum umso mehr, wenn ich sehe, wie Kinder sich kleinen Tieren zuwenden. Mein Enkel zum Beispiel erschafft mit seinen Freunden richtige Paradiesgärten für Schnecken. Das schützt nicht gerade den Salat im Garten – aber die Schnecken verschiedenster Art – große und kleine – haben es prächtig. Sie werden in Wannen gesetzt – mit Blättern und Blütenblättern versorgt – damit es für die Schnecken auch etwas Buntes zu essen gibt. Diese Fürsorge, diese Zuwendung, diese und Sympathie mit verletzlichen kleinen Lebewesen, die rührt mich. Und ich weiß, dass es sie braucht, auch bei uns Erwachsenen, damit Lebensräume für Tiere erhalten werden – und sie geschützt werden vor Verdrängung durch Zubauen und Ausmosten der Landschaft.

Wenn sich Kinder diese Sanftmut im Umgang mit Tieren bewahren, könnten sie es sein, von denen Jesus sagt: „... sie werden das Erdreich besitzen.“ (Matthäus 5,5) – und eben keine zerstörte Wüstenei hinterlassen.

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23AUG2022
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Bei der langen Nacht der Wissenschaften in Berlin ist unlängst ein Vortrag abgesagt worden. Aus Angst vor gewaltsamen Störungen. Die Biologin Marie Vollbrecht hatte einen Vortrag angekündigt zum Thema „Warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt“. Auch Reizwörter wie Sex und Gender sind im Titel aufgetaucht. Mich hat das erschreckt: Nicht die Aussage, dass es zwei Geschlechter gibt - das ist im Raum der Wissenschaft  eine These, die man diskutieren kann -sondern die Tatsache, dass der Druck von Andersdenkenden dazu geführt hat, dass sie ihre Thesen erst gar nicht vorstellen konnte.

Als Pfarrer habe ich mich aber auch  gefragt: Wie ist das dann eigentlich, wenn bei kirchlichen Trauungen - oder bei anderen Anlässen - Worte wie diese aus dem 1. Kapitel der Bibel vorgelesen werden: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie...“ (1. Mose 1,27f) Ist das nicht ein Affront für alle, die eine Diversität und Pluralität der Geschlechter propagieren? Muss ich bei Trauungen künftig mit Störungen rechnen? Oder darf ich noch erklären, dass diese wunderbaren Worte nicht aus einem Biologiebuch stammen? Dass sie vor über zweitausend Jahren aufgeschrieben worden sind und aus der Zeit des Exils und der Verbannung der Juden in Babylon stammen. Und dass sie eine geradezu revolutionäre Pointe haben – nämlich gegen jede Form von Rassenlehre und Rassismus stehen: Alle Menschen stammen von einem Paar ab.
Und diese Worte sind in einem egalitären Sinn zu verstehen: Es gibt keine Geschlechterhierarchie: Gott segnet sie beide!

Die Humboldt-Universität in Berlin hat den abgesagten Vortrag übrigens am 14. Juli nachholen lassen - am französischen Nationalfeiertag. Wie passend! Ist doch der 14. Juli ein Festtag für Geschlechter- und Völkergleichheit: Egalité – Gleichheit – so lautete eine Parole der französischen Revolution!

Für mich ist es eine lebenswichtige Kostbarkeit, dass im Streit der Meinungen und Ansichten die Möglichkeit zur freien Rede unangetastet bleibt. So wie es in der Bibel einmal von Paulus heißt: Er redete mit aller Freimut – und das auch als ein bewachter Gefangener in Rom (Apg 28.31). Mut zur freien Rede – auch in einer bedrohlichen Situation. Auf nicht mehr und nicht weniger kommt es an. Ich will das auch versuchen.

Und das Verstehen fördern für Vorstellungen aus der Bibel. Auch und gerade dann, wenn Missverständnisse und Vorurteile lauern.

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22AUG2022
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Immer wieder montags: Der erste Schritt in eine neue Woche. Tun Sie sich damit auch oft schwer? Aufstehen - und los - so einfach ist das nicht immer. Was kann alles belasten und im Weg sein... ! Nicht nur müde Knochen oder ein schmerzender Rücken. Auch seelische Belastungen können lähmen! Der Streit vom Wochenende. Ängste vor der Zukunft. Sorgen um die Liebsten. Düstere Entwicklungen in der Welt, die mich betrüben und lähmen. Nach jedem Wochenende liegen sie wieder wie ein Stein auf der Seele. Manches ist auch selbst gemacht: Unendliche To-Do-Listen für den Montag und den Rest der Woche. Aufgaben, die ich mal so aufschreibe – um einen Überblick zu haben, was zu tun ist.
Nur um dann festzustellen, dass ich damit auf gar keinen Fall fertig werde. Das zieht runter. Woher also einen Antrieb nehmen?
Woher kommt ein Impuls für den ersten Schritt?

Ich suche dann oft nach Menschen, die den ersten Schritt gewagt haben und losgegangen sind. Sie sollen mich quasi ins Schlepptau nehmen. Ihr Mut soll mich ermutigen, ihr Aufbruch soll mir einen Anstoß geben.

In der Bibel gibt es etliche davon. Abraham zum Beispiel. Auf Gottes Ruf – „Mach dich auf Abraham! Geh für Dich, geh deinen Weg...!“ (1.Mose 12,1) – ist Abraham im Gottvertrauen losgezogen – auch ohne zu wissen, wohin der Weg führt.

Oder  ein Gelähmter, der plötzlich einen ersten Schritt wagt: Jesus hatte ihn gefragt: „Willst du gesund werden?“ Und dann zu ihm gesagt: „Steh auf ... und geh ... !“ (Joh 5,6+8). Unfassbar: nach achtunddreißig Jahren – heißt es da – hat der Gelähmte einen ersten Schritt gewagt – und konnte wieder auf eigenen Beinen stehen und selber gehen. Große und großartige Aufbrüche sind das. Die Bibel enthält, wenn ich sie mit dieser Brille lese, eine ganze Sammlung von Ermutigungen zum ersten Schritt. Mit Konsequenzen - für Einzelne oder für ein ganzes Volk. Und immer kommt es dabei auf den ersten Schritt an.

Nur wie kann das in meinem Alltag gelingen? Ich sage mir: „Es geht erst einmal nur um diesen einen ersten Schritt – in diesen einen Tag, der vor Dir liegt. Denn: Diesen neuen Tag im Leben hat Dir Gott geschenkt. Nimm das Geschenk an. Füll den Tag mit Leben. Und übersieh nichts von dem Segen, den Gott Dir über den Weg schickt. Und entdecke dabei: Es hat einen guten Sinn, dass Du im Leben unterwegs bist. Für Dich und für Andere.“

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02JUL2022
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Endlich Wochenende - der Ruhetag steht vor der Tür. Aber wofür ist er eigentlich da? Zum Ausschlafen und einem späten Frühstück mit Freunden? Für all die Aktivitäten, zu denen man unter der Woche nicht kommt?

In der Bibel gibt es ein Gebot, das sich um das rechte Begehen des Ruhetags kümmert. Das beginnt wörtlich so: „Gedenke des Sabbattages“. Das heißt zuerst einmal: „Pass auf, dass Du ihn nicht verpasst!“ Und wie schnell kann das passieren! Das kenne ich von mir und meiner Familie von Kindesbeinen an. Immer gab es noch etwas für den Beruf zu tun.
„Nachschaffen“, sagt man dazu im Schwäbischen – und kommt damit nie zu einem Ende und nie zur Ruhe. Deswegen habe ich den Ruhetag lange Zeit verpasst. Dabei ist dieses Gebot ein Geschenk Gottes. Gott ruhte am 7. Tag seiner Schöpfung. Und Menschen dürfen es ihm gleich tun. Weil wir Menschen Ebenbilder Gottes sind und keine Arbeitstiere.

A propos Arbeitstiere: Auch die sollen übrigens nach biblischem Gebot den Ruhetag genießen dürfen – ganz ohne Arbeit. Und freilich alle Menschen – ganz gleich welcher Stellung, Herkunft oder Religion. So steht es im Bibelgebot.
Was ist nun im biblischen Sinn am Ruhetag angesagt?
Reine Rekreation? Nur Ausruhen von den Mühen des Werktages und wieder fit werden für die nächste Arbeitswoche?

Ich glaube, es geht um mehr. Wenn ich ältere Menschen frage, wie es ihnen geht, bekomme ich manchmal eine einsilbige Antwort: „Muss!“ Quasi als Summe für alles, was sie tun und lassen. Das klingt freudlos. Genau das Gegenteil ist der Ruhetag! Er fordert dazu auf: Lass Zwänge hinter dir! Also gerade kein „MUSS!“ Stattdessen: Spüre heute, dass Du ein freier Mensch bist. Ein Grund zur Freude und zum Feiern ist das.

Und am Montag? Geht dann alles wieder von vorne los? Bin ich dann bis Freitag nur noch ein Arbeitstier im Reich des Schuftens und der Notwendigkeit?

Es gibt einen schönen jüdischen Brauch, der eben das verhindern will:
Am Shabbat, am Ende des jüdischen Ruhetages, wird ein wohlriechendes Gewürz angezündet. Damit das Aroma der Freiheit und der Ruhe das Haus weiterhin erfüllt. Arbeitstage sollen immer auch ein wenig nach dem Ruhetag schmecken. Shabbat und Sonntag sollen nämlich nicht isolierte Auszeiten sein, die mit dem Rest der Woche nichts zu tun haben. Der Ruhetag soll auf den Alltag ausstrahlen.

Der Schweizer Theologe Karl Barth hat es einmal sinngemäß so formuliert: Der Sonntag soll nicht die Ausnahme, sondern eine Orientierung für den Alltag sein.[1] Darum will ich erst einmal meine Betriebsamkeit am Sonntag einstellen. Sonst stehe ich ja meiner eigenen Freiheit im Weg – auch an den Wochentagen, die kommen.      

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[1]  Karl Barth, Kirchliche Dogmatik – Der Feiertag - § 53,1.4

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01JUL2022
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Bald ist wieder Zeugnistag. Abifeiern landauf, landab. Abchlussprüfungen in der beruflichen Ausbildung und an Universitäten. Eltern fiebern mit - und wünschen ihrem Nachwuchs Erfolg: Die Tür zu einer beruflichen Karriere möge sich für sie öffnen. Das bedeutet in aller Regel auch: besser sein müssen als Andere. In der Konkurrenz mit Anderen nicht nur bestehen, sondern sie übertrumpfen.

Jesus hat es einmal mit solch einer karrierebewussten Mutter zu tun bekommen. Das war die Mutter seiner beiden Jünger Johannes und Jakobus. Sie ist vor ihm niedergefallen und hat ihn inständig gebeten: »Lass doch meine beiden Söhne neben dir sitzen, wenn du in deinem Reich regierst – einen rechts von dir, den anderen links.« (Mt 20,21)

Das ist, gelinde gesagt, eine sehr weit vorausschauende Karriereplanung: Ihre beiden Söhne sollen dereinst vor den Anderen zehn Jüngern sozusagen direkt neben dem Chefsessel platziert werden.

Was mich wundert: Jesus kanzelt das Ansinnen der Mutter nicht ab von wegen: „Konkurrenzdenken ist doch vom Teufel!“ Er weiß, dass es im Leben in aller Regel so zugeht. Jesus verurteilt diese Mutter nicht, er fragt vielmehr zurück, und zwar die Söhne, die offenbar ihre Mutter vorgeschickt haben:
„Ihr wollt in meiner Nähe bleiben? Das freut mich. Aber ist euch auch klar, dass das nicht zu einer Karriere im herkömmlichen Sinn führt? Mein Weg schließt Leiden und Schmerzen ein. Könnt ihr da mitgehen?
„Ja, das können wir“, antworten die beiden.

Ihren Eifer dämpft Jesus nicht. Er macht nur zwei Vorbehalte: Er selber vergibt keine Sitzplätze im Himmel. Und schließlich soll es unter denen, die seinen Weg mitgehen, anders zugehen. Da geht es nicht um Einfluss und Ansehen. Für Jesus zählt etwas Anderes: sich Einsetzen für Andere, ihnen dienen. Das ist wahrscheinlich kein einfacher Weg. Aber einer, der, wie ich finde, herausführt aus dem „Nur irgendwie besser sein als Andere“.

Bundespräsident Steinmeier hat unlängst angeregt, über eine Dienstpflicht nachzudenken. Wie und ob ein solcher Dienst umsetzbar ist, kann ich nicht beurteilen. Doch sich im Leben für Andere einsetzen – ihnen dienen – und dabei beglückende Erfahrungen machen – das kann herausführen aus den vorherrschenden Vorstellungen von Erfolg. Ganz gleich in welchem Beruf man dann tätig ist.

Ich beobachte: Menschen für pflegende und erziehende Berufe sind derzeit gesucht. Da muss man niemanden übertrumpfen oder niederkonkurrieren. Bereitschaft dazu ist gefragt. Ich freue mich, wie das Dienste für Andere aufwertet.

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30JUN2022
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Immer wieder kommt es zu bösartigen Anfeindungen und Verleumdungen gegen Jüdinnen und Juden. Bis heute. Der engagierte Widerspruch dagegen ist nicht erst von gestern: Einer, der seine Stimme dagegen erhoben hat, war Johannes Reuchlin. Herausragend in seiner Zeit. Heute ist sein 500.ter Todestag.

Reuchlin war Philosoph, promovierter Jurist und Diplomat. Und nicht zuletzt: Professor für hebräische Sprache. Er war ein Kenner und Freund der jüdischen Literatur. Als Christen zu Beginn des 16. Jahrhunderts – angestachelt von Dominikanermönchen – die Verleumdung der heiligen Schriften Israels betrieben – und ihre Beschlagnahmung gefordert haben – da hat Reuchlin ihnen seine Sachkenntnis entgegengesetzt.
Vorwürfe wie diese hat er entkräftet: Juden würden Gott lästern oder konsekrierte Hostien schänden. Als Gutachter hat er sich als einziger gegen diese haltlosen Vorwürfe ausgesprochen.
Damit wurde er selber zur Zielscheibe von Angriffen. Man hat ihn öffentlich verleumdet und Prozesse gegen ihn angestrengt – allen voran der Kölner Johannes Pfefferkorn. Reuchlin hat Pfefferkorns Lügen gegen sich und das jüdische Schrifttum in seiner Schrift „Augenspiegel“ widerlegt  - und 1511 in Tübingen veröffentlicht.
„Augenspiegel“ ist ein altes Wort für eine zwickerartige Gelehrtenbrille, die damals von Menschen getragen wurde, die viel gelesen und studiert haben. Ein Sinnbild für das, worum es Reuchlin ging: Mit dem Blick des Gelehrten genau hinschauen und die wüsten Unterstellungen gegen Juden mit klaren Argumenten widerlegen.

Für diese Haltung bewundere ich den großen Humanisten Reuchlin.
Und für seine Empathie mit dem Judentum. In einer Zeit, in der er damit ziemlich allein stand. Sein Grabstein in der Stuttgarter Leonhardskirche legt dafür ein beredtes Zeugnis ab. Reuchlin hat ihn selbst entworfen – womöglich für sich selber, doch das ist nicht sicher überliefert. Auf der Kopfzeile steht da auf Hebräisch: „Olam hachajim“ – zu deutsch: „Ewiges Leben“. Und daneben auf Griechisch: „Anastasis“ – „Auferstehung“. Knapper und treffender kann man wohl die jüdisch-christliche Verbundenheit im Hoffen und Glauben nicht zum Ausdruck bringen.

Sein Grabstein ist ein Zeugnis für gelebte Judenfreundschaft. Vor 500 Jahren ist Johannes Reuchlin gestorben. Für mich ist sein Engagement Auftrag und Mahnung gegen jede Form von Judenfeindschaft anzugehen. Sein Leben leuchtet – auch noch in die finsteren Abgründe unserer Gegenwart.

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01JUN2022
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Meine hochbetagte Mutter erzählt mir immer wieder voll Begeisterung, was für ein besonderer Tag der 1. Juni für sie war. Da gab es nämlich die ersten Erdbeeren aus dem Garten und den ersten Erdbeerkuchen – als Geburtstagskuchen für ihre Schwester. Meine Mutter hat in ihren 98 Lebensjahren viel erlebt und vieles auch vergessen. Das nicht.  Erste Früchte sind etwas Besonderes.

Freilich: Durch das globale Hin- und Herkarren von Obst und Gemüse kann man heute Erdbeeren das ganze Jahr kaufen. Aber wer Erdbeeren im Garten selber anbaut, spürt die Aura von ersten selbst geernteten Früchten. Und diese Aura hat tiefe Wurzeln. Sie reichen bis ins alte Babylon zurück und finden sich in vielen antiken Kulturen. Auch in der Bibel, in der Lebenswelt Israels. Hier wird die Bedeutung der ersten Früchte, der Erstlinge, wie sie auch heißen - besonders hervorgehoben.
Es gibt ein Gebot im 5. Buch Mose, da heißt es:

Wenn du dann in das Land kommst, das fruchtbar ist – wo Milch und Honig fließt  – und das dich gut ernähren wird, dann vergiss nicht: Gott hat dich hierher geführt und dir fruchtbares Land geschenkt. Darum sollen die ersten Früchte IHM gehören, dem du dein Leben verdankst: Gott.

Wie bitte?

Da hat man endlich dem Ackerboden etwas abgerungen. Und dann sollen die heißersehnten ersten Früchte gleich wieder abgegeben werden und Gott vorbehalten sein? Ich kann mir das schwer vorstellen.

Und doch – mich beeindruckt dieses Gebot auch irgendwie:
Einmal animiert es mich nämlich zu einem großen Vertrauen:
Fürchte dich nicht! Gott lässt genug wachsen. Genug für alle.
Keine Angst! Der dich leitet, lässt dich nicht verhungern. Andererseits animiert mich das Gebot zum Öffnen der Hände:

Du kannst abgeben – sogar von den ersten Früchten, auf die du dich so gefreut hast und kommst dabei nicht zu kurz. Denn vergiss nicht: Du hattest vorher buchstäblich nichts – und bist doch wunderbar bewahrt worden.
Gib darum freimütig und reichlich – Gott und dem Nächsten, der es braucht.

Martin Buber übersetzt das Gebot wortgetreu so:
Lasse den „Anfang der Frucht des Bodens“ Gott zukommen. (5.Mose 28,10).
Mich beeindruckt diese Vorstellung. Meiner menschlichen Leistung geht etwas voraus. Am Anfang steht ein Anderer: „Bilde dir nicht ein, das hättest du selber hervorgebracht, dir selber verdient, dir selber erwirtschaftet. Sei nicht so verliebt in deine eigene Leistung.“ Dieser Vorbehalt setzt mir ein menschliches Maß.

Und wenn es die erste Erdbeertorte gibt, muss ich auch daran denken – und kann sie dankbar genießen.

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31MAI2022
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„Die Kirchen sollen sich gefälligst aus der aus der Politik raushalten!“ tönt es aus der einen  Ecke. „Kirchen sollen sich mehr in die Politik  einmischen!“ aus der anderen. Was wird alles an Stellungnehmen von Kirchen hierzulande zum Krieg in der Ukraine und zu anderen politischen Fragen erwartet?

Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit erhöht den Druck. Aber auch innerhalb der Kirchen ist man sich uneins. Was sollen Christen politisch tun und lassen?
Der heutige 31. Mai kann darauf eine Antwort geben: Es ist der Gedenktag an die Barmer Theologische Erklärung. Heute vor 88 Jahren haben Vertreter der sogenannten Bekennenden Kirche in Barmen bei Wuppertal eine Grundsatzerklärung beschlossen, wie sie als evangelische Kirchen ihre Rolle in der Politik und gegenüber dem Staat sehen. Man schrieb das Jahr 1934. Der totalitäre NS-Staat hatte den Anspruch erhoben, alle Lebensbereiche zu durchdringen und zu beherrschen. Viele haben damals den Anbruch der NS-Herrschaft bejubelt – auch in der Kirche.

Der Schweizer Theologe Karl Barth hielt dagegen. Gegen eine Verklärung des Nationalismus hat er dazu aufgerufen: „Besinnt euch auf eure Glaubenstraditionen! Treibt Theologie!“

Barth war damals Professor in Bonn – und formulierte - wie er später erzählt hat - in der Mittagspause der Synode die sechs Thesen, die unter Evangelischen inzwischen wie ein Bekenntnis gelten: Jesus Christus, wie ihn die Bibel bezeugt, ist das eine Wort Gottes! Daran soll sich alles Tun und Lassen von Christen orientieren.

Für die Kirche ging es Barth darum, dass sie sich auf den Kern ihrer Botschaft besinnt: „Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.“ (5. These).

Kirche „macht“ also keine „Politik“ und ist auch kein Staat im Staat – wie es in der Barmer Erklärung heißt (These5).

Kirchen und Christen haben diese eine Aufgabe in der Gesellschaft: Es geht darum zu bezeugen, dass Gott ein Leben in Frieden und Freiheit für alle Menschen will.

Und das ist auch eine politische Botschaft!
Mich inspiriert und entlastet diese Erklärung von 1934: Christen müssen nicht immer zu allem und jedem eine christlich begründete Stellungnahme abgeben. Wenn es aber um den Kern des Glaubens geht – um Gottes Willen für diese Welt ­– wenn es um Freiheit und Frieden und Gerechtigkeit geht – dann allerdings dürfen Christen nicht weggucken und sollen ihre Stimme erheben.

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30MAI2022
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„Letzte Generation“ nennt sich eine Gruppe von Klimaaktivisten, die derzeit große Aufmerksamkeit auf sich zieht. Durch spektakuläre Aktionen. Sie protestieren gegen die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas. Sie blockieren vielbefahrene Straßen in großen Städten. Sie kleben ihre Hände mit Sekundenkleber auf Fahrbahnen fest.

Ich unterstütze den Protest gegen das Verbrennen von fossilen Energieträgern und ihr Engagement gegen Artensterben. Aber mich stört ihre Bezeichnung - „Letzte Generation“. Und das damit verbundene Pathos.

„Letzte Generation“, wenn ich das höre, da zucke ich zusammen. Das klingt wie ein Abgesang auf das Leben: „Wir sind die Letzten. Und ihr Anderen wisst es bloß noch nicht.“ Da schwingt so gar keine Hoffnung für die Zukunft mit.
„No future!“ Unter dieser Parole ist vor vielen Jahren schon einmal eine Protestgeneration angetreten – mit schwarzen Klamotten und kahl geschorenen Haaren. Ich habe damals in Berlin studiert. Der Theologieprofessor Friedrich-Wilhelm Marquardt hat uns damals gefragt: „Was für eine Humanität meldet sich da eigentlich unter euch?“ Diese Frage hat sich mir tief eingeprägt. Sie ist heute meine Anfrage an die „Letzte Generation“: Steckt in diesr Bezeichnung nicht eine gehörige Portion Nihilismus? Ist das nicht im Grunde auch eine riesige Selbstüberschätzung? 
So, als wären wir Menschen die Lebewesen, die über das Ende der Zeiten und des Lebens auf Erden bestimmen könnten.

Ich weiß wohl: Menschen können Böses tun, sich und andere Kreaturen quälen, die Natur zerstören. Das Entsetzen und die Wut darüber, kann ich sehr gut nachempfinden.

Aber – und das ist meine tiefe Überzeugung: Ich glaube, dass wir Menschen nicht das erste und eben auch nicht das letzte Wort über dieses Schöpfung haben. Dafür steht für mich die große Zusage Gottes: „Es gibt auf dieser Erde eine Zukunft für Kinder und Kindeskinder – von Generation zu Generation.“  So steht es immer wieder in der Bibel. Und das ist die Erfahrung vieler, die in ihrem Leben schon durch Wüsten und Täler der Tränen gezogen sind – und keinen Ausweg mehr gesehen haben.

Ich glaube: Unser Leben und die Zukunft dieser Welt liegen in Gottes Hand, der diese Welt erschaffen hat und auch erhält.
Dieses Vertrauen gibt mir Kraft, mich genau für die Ziele einzusetzen, um die es offenbar auch der „Letzten Generation“ geht.
Allerdings ohne mich von Weltuntergangsphantasien leiten zu lassen – sondern mit der tiefen Überzeugung nicht zu den letzten Menschen zu gehören.

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09MRZ2022
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Eben noch war alles gut. Und dann schütte ich mir Kaffee übers Hemd. Ein kleines Missgeschick, aber das reicht: Plötzlich ist alles nur noch mies und schrecklich. Gerade so, als würde die Welt untergehen. Mir hilft, wenn ich dann ein bisschen Abstand zu mir und meiner Untergangsstimmung bekomme. Manchmal kann ich dann nämlich auch ein wenig über mich schmunzeln.

Die Geschichte vom Propheten Jona hilft mir dabei. Der war nämlich auch von ständigen Stimmungsumschwüngen geplagt. Erst wird von Gott gegen seinen Willen losgeschickt, gegen die große Stadt Ninive zu predigen. Jona drohte der großen Stadt: „Wenn ihr euer Leben nicht ändert – ist in vierzig Tagen alles vorbei!“ Seine Botschaft hatte Erfolg. Ninive änderte sich und war gerettet. Und der Held der Geschichte? Anstatt sich zu freuen über den Erfolg seiner Predigt, wurde er richtig sauer. Mehr noch: Er war zu Tode betrübt und seufzte: „Ich möchte lieber tot sein als leben“.

Da ließ Gott Jona zum Trost eine Pflanze wachsen. Die gab Jona Schatten - zu seiner großen Freude. Ende gut, alles gut? Happy End? Die Welt gerettet und auch der Weltretter im Glück?

Nein, so nicht. Die märchenhafte Erzählung hat noch eine besondere Pointe: So leicht nämlich, wie Jona zu trösten ist – so schnell ist er auch wieder zu Tode betrübt. Die Pflanze geht ein, die Sonne brennt ihm auf den Kopf. Und wieder ist nix. Totaler Stimmungsumschwung. Wieder klagt er: „Ich möchte lieber tot sein als leben“.

Ich glaube, mit dieser Geschichte können wir auch über uns und unsere Stimmungsumschwünge schmunzeln: Du bist enttäuscht, die vermeintlich Bösen kommen ungeschoren davon – und dir geht es schlecht.

Du findest dein kleines privates Glück – ein schattiges Plätzchen – aber wenn dir das abhanden kommt, dann geht für dich gleich die Welt unter und dein Leben hat keinen Sinn mehr. 

Ich muss über mich schmunzeln, wenn ich in der Jona-Falle versinke. Und mir vor Augen halte: Jetzt geht es dir auch so. Reg´ Dich nicht auf über ein verkleckertes Hemd oder die Schnecken im Salatbeet!

Freue Dich an dem, was Tag für Tag wächst und gedeiht. Freue Dich mit Anderen, die Gutes erfahren, Bewahrung und Verschonung. Und unterscheide das Große von dem Kleinen, das Wichtige von dem Unwichtigen. Daran erinnert Gott Jona – und mich auch.

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