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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR2 Wort zum Tag

24FEB2024
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Wie oft höre ich den Satz: „Und denken Sie nur – so ´was passiert mir in der eigenen Familie!“ Das sind Geschichten von Streit, Neid und Missgunst. Ältere gegen Jüngere. Bruder gegen Bruder, Schwestern gegen Schwestern. Familie kann - aber muss nicht ein Ort des Friedens sein.
So steht es schon in der Bibel: Es beginnt mit dem ersten Brüderpaar, mit Kain und Abel, und hört nicht mehr auf. Die Söhne Noahs stellen ihren Vater bloß; im Kampf um den alten Abraham kracht es zwischen Sarah und Hagar ganz gehörig, die Zwillinge Esau und Jakob streiten um ihr Vorrecht der Erstgeburt. Und auch unter den Jüngern um Jesus gibt es Zoff: Eifersucht und Rangstreitigkeiten. Es kommt sogar zum Verrat. Keine heile, heilige Familie in Sicht. Auch nicht unter Menschen, die mit dem Friedensbringer Jesus unterwegs sind.

Für mich heißt das: Es gibt nicht von selbst eine heile Community. In der Familie nicht und auch nicht außerhalb davon. Das ist für den eigenen Familienkrach entlastend: Es ist nicht nur bei mir so.

Andererseits wirft das doch die Frage auf: Wenn denn Blutsverwandtschaft keine Garantie für ein friedliches Miteinander ist, wie kann das denn anders werden? Dafür braucht es offenbar klare Regeln. Für eine Kultur, die Streit und Kriege dämpfen kann.

Für mich sind dafür richtungsweisend die 10 Gebote, die Mose auf dem Berg Sinai empfangen hat. Und die Weisungen, die von Jesus überliefert sind.

Sie immunisieren nicht gegen Streit und Gewalt. Aber sie orientieren, geben mir einen Bezugsrahmen für eine andauernde erzieherische Arbeit an mir selber. Auch wenn ich in mancher Hinsicht nur schwer erziehbar bin, kann ich noch lernen:
Ich muss nicht andere beneiden, schlecht von ihnen sprechen, mir Vorteile und Gut aneignen, das mir nicht gehört. Auf dem Weg zum Frieden kann ich auch einmal nachgeben. Ich muss nicht der Erste sein, sondern kann mich auch einmal hinten anstellen und der Letzte sein.

Und wenn es nicht gelingt? Dann soll ich für meine Fehler Verantwortung übernehmen. Dazu stehen. Nicht wie Kain: Der schlägt seinen Bruder tot und als ihn Gott zur Rede stellt, reagiert er so, als hätte es mit ihm nichts zu tun: „Bin ich denn meines Bruders Hüter?“
Verantwortung abweisen und Schuld nicht anerkennen, verlängert die Kette von Untaten und Unfrieden. Wo ich aber Fehler eingestehe, kann ich neue Wege beschreiten.

Unterwegs zu jener verlockenden Vorstellung aus Psalm 133:
„Siehe. Wie schön und wie lieblich ist es, wenn Brüder in Eintracht beieinander wohnen.“ Ein friedvolles Wochenende, mit wem immer Sie unterwegs sind.

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SWR2 Wort zum Tag

23FEB2024
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Jeden Tag lese ich morgens die Losung der Herrnhuter Brüdergemein(d)e: ein Bibelwort, ein Impuls, der meinem Tag ein Licht aufsetzen soll.
Heute steht da: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. (Psalm 22,2)
Wie kann denn so ein Wort mich heute tragen? Mir ein Licht sein?

Zieht das nicht nur runter?!  Bestärkt das nicht erst recht das Gefühl: „Ich bin einsam und verlassen.“
Wie viele Menschen schmerzt eben diese Erfahrung. Und dann steht da noch: Sogar von Gott verlassen. Der will und soll mich doch eigentlich nie im Stich lassen? Wo steckt der Trost, das Aufbauende in diesem Wort?

Bekannt ist dieses Wort aus Psalm 22 als ein Wort, das Jesus am Kreuz gesagt hat.
In seinem fürchterlichen Schmerz hat er dieses Wort herausgerufen.
Wer leiden muss, hat also einen Leidensgenossen an seiner Seite – und zwar keinen geringeren als Jesus, den Sohn Gottes. Leidende sind also im Leid gerade nicht allein.
Ist das ein Trost? Ja, das tröstet mich, das durchbricht mein Empfinden, im Schmerz und in der Einsamkeit verlassen zu sein.
Viele hören in Jesu Wort vom Kreuz nur die pure Enttäuschung über eine gottverlassene Welt voller Gewalttaten. Und die anklagende Frage: „Warum lässt DU das zu, Gott? “

Doch mich erreicht in diesem Wort noch eine andere Dimension.
In der Passionsgeschichte ist dieses Wort von Jesus gerade nicht das letzte Wort.
Gottes Geschichte mit Jesus geht weiter.
Er hat ihn nicht im Stich gelassen, sondern auferweckt – neu ins Leben gerufen.
Also gerade kein Ende.
Wo wir denken, es ist alles aus und vorbei, da wendet sich das Blatt. Von Gott her.
So steht es auch in dem Psalm, von dem Jesus am Kreuz nur die ersten Worte ausruft:
Gott erhört die Schreie der Leidenden. Und hilft ihnen heraus. So wie er auch in früheren Zeiten Menschen aus Not und Knechtschaft und Verfolgung herausgeholfen hat. So hilft er auch uns! (V.5+6)

Der Anfang eines Psalms steht für den ganzen Psalm. Und der Psalm 22 steht für eine doppelte Erfahrung: Auch noch in der tiefsten Erfahrung von Leid und Einsamkeit lebt die Hoffnung: Gott lässt mich nicht im Stich!

Ich möchte darum das Wort vom Kreuz so hören - im Licht von Ostern:
Auch wenn ich denke, ich kann nicht mehr, es ist alles unerträglich - Gott hält mich und diese Welt in seinen Händen geborgen.

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SWR2 Wort zum Tag

22FEB2024
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Wer ist ein heutzutage ein Held? Wer beim Fußball einen entscheidenden Elfmeter hält. Ein LKW-Fahrer, der sein brennendes Fahrzeug noch durch den Tunnel fährt, damit da Feuer-Inferno ausbricht. So unlängst geschehen in Thüringen im Rennsteig-Tunnel.
Von Soldaten hieß es früher und heißt es wieder, sie seien Helden: Wenn sie bei einer Militäraktion besonders erfolgreich gewesen sind. Oder ihr Leben im Kampf für ihr Volk verloren haben. Helden mit Orden und staatlichen Auszeichnungen.

Für mich gibt es noch andere Helden. Oft sind es Heldinnen. Ich begegne ihnen auf dem Weg zum Bahnhof. Da komme ich nämlich am Kindergarten vorbei und denke: Was die Erzieherinnen da heute wieder leisten!
Jeder, der selber Kinder begleitet, weiß, wie anstrengend das ist.
Ich tue mich schon mit zwei kleinen Enkeln schwer, bin nach ein paar Stunden richtig erschöpft.
Und den Erzieherinnen in der KiTa und den Lehrern in der Schule gelingt das in großen Gruppen. Tagein, tagaus. Unfassbar!
Für mich sind sie wirklich Heldinnen und Helden des Alltags. Auch, weil sie oft Streit schlichten müssen. Denn Zoff gibt es unter Kindern und Jugendlichen genug.

In einer rabbinischen Schrift wird Rabbi Natan ein Wort zugeschrieben, das dieses Heldentum so auf den Punkt bringt. Es heißt da: „Wer ist ein Held? Der den Feind in einen Freund verwandelt.“*

Darum ging es auch Jesus, als er das Gebot „Liebet eure Feinde!“ (Mt 5,44) denen gab, die in seinem Namen unterwegs sind. Wie das geht? Die Feinde lieben? Aus Feinden Freunde machen? Ein einfaches Rezept gibt es dafür sicher nicht. Schon gar nicht für Soldaten, die zum Kriegsdienst gezwungen sind. Aber mir fällt eines auf: Verfeindungen beginnen häufig damit, dass man über Andere schlecht spricht. Über Nachbarn, Verwandte oder Kolleginnen und Kollegen. Ich ertappe mich selbst dabei:
Es gelingt mir immer wieder nicht, nur Gutes hervorzuheben – oder den Mund zu halten.

Ich spüre, wie das den Frieden in mir stört. Auch deswegen werden meine Gebete um Vergebung immer länger.
Es kommt darauf an, das Gute im Anderen zu sehen und auszusprechen.
Das gilt auch für verfeindete Völker. Auch und erst recht zwischen Völkern, die im Krieg gegeneinander sind. „Wer ist ein Held?“, fragt Rabbi Natan. Seine Antwort: „Der den Feind in einen Freund verwandelt.“* Es braucht auf dieser Welt zurzeit offenbar viele solche Heldinnen und Helden – in der Nähe und in der Ferne.

* Avot de Rabbi Natan (AdRN), 23

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SWR2 Wort zum Tag

10JAN2024
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Es gibt Komplimente, die lassen mich erbleichen. Meine Mutter macht mir regelmäßig so ein Kompliment! Mehrfach am Tag sagt sie: „Danke, dass du gekommen bist. Danke, dass du so weit gefahren bist.“ Und dann folgt dieses Kompliment: „Deine Geduld möchte ich haben - und Rothschilds Geld.“

Sie will mir damit Gutes sagen, aber es läuft mir jedes Mal kalt den Rücken runter. Meine Mutter ist 100 Jahre alt, „nicht mehr Deutschlands Jüngste“, wie sie sagt. Was da aus ihr rausplatzt, wohnt schon so lange in ihr. Es ist ihr in der Kindheit und Jugend eingetrichtert worden und in Fleisch und Blut übergegangen. Sie sagt das ohne böse Absichten - bis heute. Und transportiert mit diesem scheinbar lockeren Spruch das grässliche Vorurteil vom reichen Juden. Ein Vorurteil, das immer wieder Neid und Gier geweckt hat.

Ich will sie nicht tadeln oder belehren. Das wäre auch sinnlos. Doch es erschüttert mich immer wieder. Ich frage mich: Wie tief sitzen solche Zerrbilder und Feindbilder nicht nur in Hochbetagten, sondern auch in mir?

Der Schriftsteller Kurt Oesterle hat unlängst einmal formuliert: Jede und jeder soll ihr und sein eigener Antisemitismusbeauftragter werden.* Dieser Gedanke leuchtet mir ein. Es gibt abgründige Dinge und Vorstellungen in uns – da können und sollen wir die Verantwortung nicht auf politische Instanzen oder Schulen abschieben. Wir müssen selber daran arbeiten. Antisemitismus kann man nicht durch Verlautbarungen oder Verbote aus der Welt schaffen. Jede und jeder ist selber gefragt. Da geht es um Herzensbildung.

Für mich geschieht das zum Beispiel, wenn ich im sogenannten „Alten Testament“ lese - der jüdischen Bibel. Wenn ich mich dabei von jüdischen Deutungen inspirieren lasse, entdecke ich, wie jüdische Spiritualität meinen Glauben bereichert.
Was ich da lieb gewinne, was mir da zu Herzen geht, das vertreibt in mir alte Muster und Zerrbilder – von einer angeblich gnadenlosen und elitären Gesetzesreligion, die von Zwang und Vergeltung geprägt sei. Was für ein Unsinn!

Gebete und Geschichten aus der jüdischen Bibel sind es, die mir die Schönheit Gottes erschließen helfen und den Juden Jesus in neuem Licht erscheinen lassen.
An Kirchengebäuden sehe ich jetzt da und dort Banner mit dem Schriftzug „Nie wieder ist JETZT!“ Das macht mir Mut. Ich will nicht weggucken. Wo sich Judenfeindschaft wieder meldet – dagegen muss ich aufstehen und protestieren. Das ist mir eine Herzenssache.

* Kurt Oesterle, Eine Stunde ein Jude - Geschichten gegen Antisemitismus

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SWR2 Wort zum Tag

09JAN2024
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Gerne mag ich regelmäßig vor dem Essen innehalten und beten. Ich wünsche mir für mich und für alle, die am Tisch versammelt sind, den guten Geist Gottes. Doch wenn die Enkel mit am Tisch sind, zögere ich. Ein Gebet mit kleinen Kindern? Wollen das die Eltern auch? Das ist nicht so einfach.

Mir ist eine Minimalversion eingefallen. Und für die ist dann oft auch Zeit. Ich bete in einem einzigen Satz um Gottes Geist, um „Frieden, Liebe und Ruhe. Amen.“

Doch unlängst bin ich gar nicht bis zum Amen gekommen. Mein Enkel hat dazwischen gerufen: „und Böses Opa!“.

Ich habe versucht, so gut es ging, davon keine Notiz zu nehmen. Aber es ist wie ein Stachel, der mich piekst. Wo mir Liebe und Frieden und Ruhe doch so am Herzen liegen. Und so zentral sind - so von Gott für alle Geschöpfe ersonnen und erdacht. Wenn man so will, ist mein kurzes Gebet wie die Bitte um Frieden im Alltag – jetzt beim Essen – wie für jedes Miteinander. Und da platzt dann das rein: „und Böses, Opa!“.

Ich weiß nicht genau, was meinen Enkel so gereizt hat auf das Böse hinzuweisen. Ich will auch gar nicht nachfragen, was das soll. Es hat mich nachdenklich gemacht - über mich selber. Bin ich vielleicht zu Harmonie bedürftig? Oder mehr noch als das: Harmonie süchtig?

Will ich mich dem Bösen nicht aussetzen? Will ich es verschweigen? Ja, verdränge ich das Böse zu sehr?  Vielleicht merkt der Knabe das. Und will genau das stören.
Könnte sein.

Jedenfalls bringt er mich damit zum Nachdenken: Wie ist das mit dem Bösen? Es ist doch da. Mach dir nichts vor. Es ist Teil dieser Welt, in der du lebst. Von Adam und Eva im Paradies heißt es ja auch schon: Nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, konnten sie gut und böse unterscheiden (1.Mose 3,22). Sie mussten und sollten es dann auch unterscheiden: um böses Tun zu vermeiden.
Also war und ist es da - das Gute und das Böse. Und zwar beides!
Und wie massiv und heftig manchmal! Hier und Heute. Und deshalb gehört es wohl auch in unser Tischgebet.

Vielleicht sollte ich besser die eine Bitte aus dem das Vaterunser anfügen, wo es heißt „und erlöse uns von dem Bösen!“ Also: Befreie uns von dem, was uns bedrückt und zerstört. Halt es uns vom Hals.

Ich versuche, das einmal. Und bin gespannt, was passiert: Ob der Zwischenrufer wohl verstummt?

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SWR2 Wort zum Tag

08JAN2024
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Es ist noch nicht einmal Halbzeit. Der christliche Weihnachtsfestkreis dauert 40 Tage. Heute ist also erst der fünfzehnte Tag. Und doch fühlt sich dieser Montag wahrscheinlich so an, als wäre das schon der Schlusspfiff für Weihnachten: Die Lichter werden abmontiert – die Bäume verschwinden. Alles sozusagen wieder „im Normalbetrieb“.

Wie gut, dass da Krippen in vielen Kirchen noch weiter sichtbar sind, bis zum Ende der Weihnachtszeit – bis zum 2. Februar. Warum ich mich für Krippen so begeistere? Sie veranschaulichen Geschichten. Geschichten, die mein Leben berühren und erhellen.
Manche Krippen zeigen, wie es weitergegangen ist nach jener Heiligen Nacht.
Wie Joseph und Maria mit dem Kind auf dem Esel nach Ägypten aufbrechen.
Sie fliehen vor den Gewalttaten des König Herodes.

In der Wallfahrtskirche im Weggental bei Rottenburg steht so eine Krippe. Der schwäbische Mundartdichter Josef Eberle – alias Sebastian Blau – hat auf diese Krippe ein Gedicht geschrieben.* Darin ruft er dem Jesuskind auf der Flucht mit seinen Eltern zu: „Komm wieder xsond ond lääbig – Herodes lebt et ewig.“ Auf Hochdeutsch: „Komm wieder - gesund und lebendig! Herodes lebt nicht ewig.“

Ein wunderbarer Reise- und Fluchtsegen ist das! Die Zeit der Flucht und des sich Versteckens wird einmal ein Ende haben. Du kannst dann Heimkehren. Auch Tyrannen leben nicht ewig.

Josef Eberle hat das genau so selber erlebt - und überlebt. Als er von den Nationalsozialisten als Rundfunkjournalist in Stuttgart entlassen und verfolgt wurde, da konnte er bei der jüdischen Familie seiner Frau Else Lemberger in Rexingen Unterschlupf finden. Später mussten sich beide bis zum Kriegsende auf dem Speicher eines Bahnhofs in Stuttgart verstecken. Nach Kriegsende konnte er dann wieder als Journalist arbeiten - als Mitherausgeber der „Stuttgarter Zeitung“.

Was Josef Eberle dem Jesuskind auf die Flucht zuruft, ist mir purer Weihnachtstrost: „Komm wieder xsond ond lääbig – Herodes lebt et ewig.“ Auch in großen Nöten – liegt ein offener Ausgang. Mit der Aussicht auf Freiheit und Frieden und Heimkehr. So steht es im Matthäusevangelium: Ein Kind kommt durch. Und genau das ist die frohe Botschaft dieser Krippenszene: Auch du kannst durchkommen. Gesund und lebendig.
Du und so viele, die in unseren Zeiten und an diesen Zeiten schier gar verzweifeln. Mit dieser Hoffnung gehe ich weiter ins neue Jahr.

* Sebastian Blau, s´ Weggetaler Kripple

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SWR2 Wort zum Tag

29NOV2023
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Wenn jemand einen Sieg errungen hat, sagt man im Deutschen manchmal auch: „Er hat den Sieg davongetragen.“ Der österreichisch–israelische Schriftsteller Elazar Benyoëtz ist ein Sprachkünstler. Er fasziniert mich mit seiner Lyrik schon lange. Worte wie diese – „Er trug den Sieg davon“ – bürstet er gegen den Strich. Aus „Er trug den Sieg davon“ wird bei ihm »Alle Siege werden davon getragen.«*
Davongetragen, weggetragen? Und wohin bitte?

Beschädigen Siege womöglich das Miteinander?  In aller Regel sieht man ja glückliche Sieger und enttäuschte Verlierer. Sieger haben es leicht. Verlierer tragen schwer an einer Niederlage. So die landläufige Meinung. Elazar Benyoëtz hinterfragt diese Sichtweise: Sind die Sieger auch die Gewinner?

Zweifel daran kommen bei mir schon im Kinderzimmer auf: Mein Enkel ist bei Spielen gerne der Sieger. Ich helfe ihm dabei. Doch er spürt offenbar auch: Das ist nicht gut, wenn der Opa andauernd verliert. Darum tut er manchmal trickreich sogar einiges dafür, dass auch mal der Opa der Sieger ist.

»Alle Siege werden davongetragen«
Für Elazar Benyoëtz ist das eine Lebensweisheit, die mit eigenen Erfahrungen zu tun hat. 1937 in Wien geboren sind seine Eltern mit ihm noch vor Kriegsbeginn nach Palästina geflohen. Er ist so dem „Sieg Heil!“ der Nationalsozialisten entkommen. Kriege hat er später auch in Israel erlebt.

Im Schatten des Ukraine Krieges wurde er im vergangenen Jahr gefragt, was ihm die Schrecken von Krieg und Vertreibung sagen. Benyoëtz hat aphoristisch geantwortet:
„Kriege sind Versäumnisse des Nachkriegs.  ... in der Tat gibt es nur Kriegs- und Nachkriegszeiten - Frieden gibt es nur dann, wenn die Menschen nicht bloß gegen den Krieg, sondern auch gegen das Siegen sind.“** Für mich hört sich diese Lebensweisheit an wie eine zentrale Botschaft von Jesus:
Wer sich gegen das Siegen stellt, wer verlieren – also loslassen und unterliegen kann –, der kann wirkliches Leben gewinnen. Ich frage mich: Wie könnte dieser Umgang mit Siegen und Niederlagen zu einem Gewinn für unser Leben und unsere Kultur werden?! Auf den Kriegsfeldern dieser Tage und auch in persönlichen Streitereien?! Benyoëtz Aphorismus ermutigt zu einer Abkehr von Siegesbilanzen: Denn da hat er wohl recht: »Alle Siege werden« – zuletzt –  »davongetragen.«

* Elazar Benyoëtz, Alle Siege werden davongetragen, München 1998
** Interview Deutsche Welle – 24.3.2022
 

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SWR2 Wort zum Tag

28NOV2023
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Eines Morgens auf dem Gehweg vor meinem Haus: Ein älterer Mann bewegt sich mit seinem Rollator am Gartenzaun entlang – langsam und vorsichtig. Der Kopf ist gesenkt.  Von der anderen Straßenseite ruft ihm ein Bekannter zu, der etwas jünger ist: „Und? Wie geht es dir?“ Darauf die einsilbige Antwort des Mannes: „Muss!“

Kein Innehalten, nur ein kurzer Blick zur anderen Straßenseite – und der alte Mann schiebt seinen Rollator weiter. Wie es ihm geht? Nicht gut, nicht schlecht. Nur: „Muss!“
Das Wort hat mich getroffen. Es kann für so vieles stehen. Vielleicht für sein derzeitiges Befinden? „Ich will eigentlich gar nicht mehr, aber ich muss?“ Oder steht das „Muss“ sogar für sein ganzes Leben? „Alles war schon immer nur ein Müssen. Und jetzt natürlich erst recht - im Alter.“

Ja, was gibt es nicht alles, von dem Menschen sagen, sie müssen es: Aufstehen, Zähneputzen, zur Arbeit gehen. Für manche ist das ganze Leben ein ununterbrochenes „Müssen“. Bis hin zur Heirat und zur Familiengründung, sogar im Ruhestand. Das „Muss“ lastet auf manchen Menschen wie ein Joch, wie ein Zwang, dem sie sich nicht entziehen können. Auch mir ist dieses Lebensmuster in die Wiege gelegt worden: Pflichten erfüllen – arbeiten! Das macht das Leben aus.

Erst später habe ich an Christinnen und Christen eine andere Dimension von Leben kennengelernt: Es gibt auch etwas, das muss ich mir nicht mühevoll erarbeiten – das bekomme ich einfach geschenkt: Anerkennung, Liebe, Zuwendung, Trost. Wertvoller als alles andere. Diese Geschenke haben mein Erleben von Grund auf verändert.
Ich  m u s s  nicht mehr aufstehen, nein, ich wundere mich und staune:
ein  neuer Tag beginnt. Und ich bin wieder im Leben dabei!
Ich  m u s s  nicht die Augen öffnen – nein, ich kann es. Ich bin gespannt, welche Menschen ich sehen und hören werde. Was für eine Gnade ist das!

Die Adventsgeschichten in der Bibel, die von der Geburt von Johannes und Jesus erzählen, sind voll solcher Erfahrungen. Da werden zwei Frauen schwanger, ein junge und eine alte, ohne dass sie je damit gerechnet hätten: Elisabeth und Maria! Die beiden Frauen begegnen einander und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus. Beide Kinder kommen zur Welt, Mütter und Kinder wohlauf – pure Gnade. Nicht das „Muss!“ durchwirkt diese Adventsgeschichten – sondern das überraschende Geschenk, die Gnade.

Schön, wenn wir unser Leben immer wieder als ein Geschenk erleben. Und nicht nur als permanenten Zwang. Auf dem Weg zum Weihnachtsfest kommt es wohl auch darauf an, genau dies zu spüren. Auch für diesen alten Mann. Ich wünsche uns wache Sinne für die großen Geschenke des Lebens.

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SWR2 Wort zum Tag

27NOV2023
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Heute beginnt eine besondere Woche. Ich mag diese Tage zwischen Totensonntag und dem 1. Advent. Zwei Sonntage mit so verschiedenem Gesicht. Gestern noch Grabschmuck und nächsten Sonntag schon das erste Licht am Adventskranz. Was für eine Spannung ist das! Hier Trauer und Schmerz über den Verlust lieber Menschen. Und da die frohe Erwartung: Mit der Geburt eines Kindes beginnt neues Leben, eine neue Zeit bricht an: Gott ist in Jesus zur Welt gekommen. Ein Licht in finsteren Zeiten.

Mich fasziniert genau diese Spannung zwischen den beiden Sonntagen. Und die Tage in dieser Woche bedeuten mir viel. Totensonntag und 1. Advent verweisen nämlich aufeinander. Der eine Sonntag steht gewissermaßen im Licht des anderen. Denn die Kerzen, die ich gestern für meine liebe Verstorbene angezündet habe, sie kündigen auf eine Weise auch die Geburt des neuen Menschen an. Und die Lichter am Adventskranz sind zugleich Hoffnungslichter für Verstorbene.

Das hängt mit dem Hoffnungsträger – dem Christus aus Bethlehem – zusammen. Sein Leben war von Anfang an bedroht, von den ersten Stunden in der Krippe bis zum Kreuz. Bedroht und verfolgt von König Herodes. Der wollte das Kind als unliebsamen Konkurrenten umbringen lassen. Und schließlich gekreuzigt unter Pontius Pilatus – als Aufrührer.

Doch sein Tod war nicht das Ende. Christen glauben: Gott hat diesen Jesus auferweckt zu neuem Leben. Ein Licht für Lebende und Verstorbene. Diese Hoffnung trägt mich. Besonders in diesen Tagen.

Ich erlebe darum die Tage in dieser Woche als Brückentage - als Brückentage der Hoffnung. Ein Vers aus einem Lied von Jochen Klepper begleitet mich auf dieser Brücke:  »Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein...«
Am Totensonntag empfinden wir Leid und verstecken unsere Tränen nicht. Wir spüren Schmerzen – die eigenen und die Anderer. Doch Schmerz und Leid stehen vom Advent her im Licht ihrer Überwindung.

Umgekehrt hilft mir der Totensonntag, dass die Adventszeit nicht zur banalen zuckersüßen Heile-Welt-Inszenierung verkommt. Vielmehr steht das im Vordergrund: Wie erlösungsbedürftig ist unser Leben, wie erlösungsbedürftig sind diese Zeiten!

In einer unerlösten Welt voller Konflikte ist dies meine Hoffnung: der Christus, der von Gott her zur Welt gekommen ist, wird einst die Mächte des Todes überwinden. Diese Hoffnung steht radikal gegen alle Verzweiflung und Mutlosigkeit.

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SWR2 Wort zum Tag

06SEP2023
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„.. ein Sturm weht vom Paradies her“, schreibt der jüdische Philosoph Walter Benjamin in einer seiner letzten Notizen. 1940. Er war damals in Südfrankreich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Ein Sturm sei in der Welt, der alles fortreißt – weg vom Paradies, immer weiter weg von einem versöhnten und friedlichen Leben in Einklang mit der Natur.
So hat Walter Benjamin auf die vergangene menschliche Geschichte geblickt und wohl auch seine eigene Zeit erlebt. Für ihn stand dieser Sturm auch für all die Verwüstungen, die über Europa gekommen waren: Rassenhass und Krieg - die alle Menschlichkeit zu verschlingen drohten.

Ein Bild von Paul Klee hat Benjamin auf diese Idee gebracht. Darauf ist ein Engel zu sehen. Benjamin meint, dieser Engel möchte seine ausgebreiteten Flügel schließen, um alles Böse und alle Bluttat zu heilen. Aber er schafft es nicht. Der Sturm ist einfach zu stark. Der Engel kann diese Bewegung „weg von Eden“ nicht aufhalten.

Über 80 Jahre sind seither vergangen.
Ist die menschliche Geschichte - wie Benjamin es geschrieben hat - wirklich nur „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft...“ Man kann das so sehen. Wieder wehen heftige, verheerende Stürme durch Europa. Krisen und Abgründe tun sich auf.

Ich spüre aber gleichzeitig auch andere Lüfte. Es gibt eine andere Wirklichkeit mitten unter uns, das Reich Gottes, wie Jesus einmal gesagt hat. Es gibt das Land, in dem Milch und Honig fließen kann. Ich habe es im Spätsommer in all seiner Pracht vor Augen. Der Boden ist fruchtbar. Und wo Menschen sich darum bemühen, können Früchte wachsen und wunderbar gedeihen.

Und die Völker müssen sich nicht – angestachelt von egomanen Tyrannen – die Köpfe einschlagen.  Ich höre und staune: Selbst in der so brutal von Russland angegriffenen Hafenstadt Odessa liegen Menschen jetzt wieder am Strand und gehen schwimmen - in ihrem geliebten Schwarzen Meer. (ard – 21.8.20219) Es weht diese Luft vom Paradies her, die Frieden und Liebe wachsen lässt. Immer wieder neu. So wie es der Prophet Elia einst erfahren hat. Nicht im Sturm, nicht im Brausen und Beben, nicht in der Gewalt – aber in einem sanften Sausen – so sei Gott an ihm vorübergezogen. (1. Könige 19,12)

Damit ich diese andere Wirklichkeit nicht übersehe und verpasse, will ich genau hinhören und hinspüren: Dieses sanfte Sausen vernehmen. Dieser Luftzug vom Paradies ist in der Welt. Und darin Raum für Gott, für seine Engel und für menschliches Leben. Auch heute.

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