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SWR4 Abendgedanken

12SEP2025
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Erschöpft, beseelt und mit vielen Impulsen für das kommende Schuljahr komme ich heute von einer Fortbildung nach Hause.

Zwölf Frauen und Männer habe ich zusammen mit meiner Kollegin Rebekka drei Tage lang fit gemacht. Sie starten am Montag als Religionslehrerin und Lehrer an unterschiedlichen Schulen.

Am Anfang ist da ganz viel Neugier. Aber genauso viele Fragen: Warum Religion? Warum Religionsunterricht? Braucht das heute überhaupt noch jemand – in einer Welt, die sich scheinbar immer weiter von Kirche entfernt?

Am Anfang frage ich die zwölf nach ihrer Motivation; und dann sitzt da einer, der meinte: „Ich will kein Fach unterrichten, das Antworten liefert – ich will eines unterrichten, das die wichtigen Fragen überhaupt erst mal stellt.“

Fragen zulassen, sie stellen und damit den Alltag unterbrechen. Darum soll es doch gehen.

Heute läuft alles schnell und vieles davon ununterbrochen. TikTok, Reels, Nachrichten im Sekundentakt. Alles ist da – und doch fehlt oft das, was trägt. Viele Jugendliche sind orientierungslos. Sie sind umgeben von Meinungen, Erwartungen, Trends – aber oft ohne Halt. Ohne Tiefe. Ohne jemanden, der mit ihnen fragt: Wer bin ich? Wofür lohnt es sich zu leben? Wo darf ich scheitern – und trotzdem geliebt sein?

Genau deshalb braucht es Religionsunterricht. Um Worte für das zu finden, was die Welt bedeutet und welcher Sinn dahintersteckt. Und für Themen, die alle Menschen in sich und ihrem Suchen tragen: Hoffnung, Schuld, Angst, Vertrauen, Trost. Dafür braucht es Zeit und einen Raum. Und dabei ist es gar nicht so wichtig was man jetzt genau glaubt.

Mit den zwölf Religionslehrkräften habe ich darüber gesprochen, wie man solche Räume schafft. Räume, in denen Jugendliche spüren: „Hier geht’s um mich und meine Fragen. Ich kann hier unterbrechen, zurücktreten und auf andere Weise das Leben und Zusammenhänge reflektieren.“ Genau das wünsche ich den angehenden Religionslehrerinnen und Lehrern und ihren Schülerinnen und Schülern für das kommende Schuljahr.

Heute Abend sitze ich begeistert zuhause auf dem Sofa, von den vergangenen Tagen, in denen ich zwölf tolle Menschen kennenlernen durfte, die da sein wollen. Für junge Menschen. In einer Zeit, die Unterbrechungen vom Alltag braucht.

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SWR4 Abendgedanken

11SEP2025
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Endlich ist es fertig – das Riesenpuzzle. Gemeinsam mit Fiona haben wir den ganzen Nachmittag daran gearbeitet und konnten sehen, wie langsam ein großes Bild von Petterson und Findus auf dem Wohnzimmerboden entsteht, einem alten Mann und seinem Kater im Garten.

Hier ein Stückchen Hut, dort ein kleines Teil vom Fenster oder dem Gras: Aus vielen kleinen Teilen, auf denen man fast gar nichts erkennt, wird Stück für Stück ein Ganzes. Die Teile - nur für sich allein betrachtet - ergeben nur wenig Sinn – erst als wir sie suchen, finden und merken, dass sie genau an diese Stelle passen, entsteht ein großes Bild.

Dieser Nachmittag mit dem Puzzle bleibt mir in Erinnerung und ich denke daran, wie ich meinen Platz gefunden habe. Hier, mit meiner Familie, meinem Beruf, mit meinen Freunden, mit denen ich in Kontakt bin. Ich, ein kleines Puzzlestück in einem großen Bild, das wir Gesellschaft nennen. In der jede und jeder einen Platz finden kann. Mit ihren eigenen Geschichten, manchmal ganz neu und unbenutzt, vielleicht aber auch schon mit abgenutzten Kanten und verblichenen Farben.

Ich mag das Bild als Metapher für unsere Gesellschaft. Auf den ersten Blick scheint es manchmal, als ob manche Puzzleteile nicht wirklich zusammenpassen, aber ich glaube daran, dass es immer eine Basis – einen gemeinsamen Nenner gibt, wenn ich konstruktiv an dem Puzzle der Gesellschaft mitarbeiten möchte.

Ich kann gar nicht sagen, was mit den Leuten ist, die nicht Teil dieser Gesellschaft sein wollen, vielleicht sind sie eigene kleine Puzzles neben dem großen. Wenn ich genau hinsehe, dann merke ich: Es geht nicht darum, dass alle gleich sind oder sein müssten, sondern dass jeder und jede den richtigen Platz finden kann.

Das kann anstrengen, weil ich vielleicht mit manchen Leuten nicht wirklich etwas zu tun haben kann oder will, weil sie nicht denselben Lebensstil haben, andere Ansichten zu verschiedenen Themen oder ich einfach mit der Person nichts anfangen kann.

Es kann mich selbst auch überfordern, meinen Platz zu suchen, wenn ich merke, dass mir Orientierung fehlt oder etwas Krasses in meinem Leben passiert ist und ich mich erst einmal neu sortieren muss. Dann brauche ich Hilfe dabei, meinen Platz wieder zu finden.

Es lohnt, genauer hinzuschauen, auf die Dinge, die uns als Menschen verbinden. So kann am Ende ein großes Bild entstehen, das wir Gemeinschaft nennen.

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SWR4 Abendgedanken

10SEP2025
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Ich erinnere mich noch gut an den Moment: Als ich in meinem E-Mail-Postfach eine Nachricht lese, die mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Ein junger Mensch aus meiner Gemeinde ist durch Suizid gestorben. Ich kannte ihn – nicht gut, aber gut genug, um zu wissen, dass er oft still war, zurückhaltend. In unserer Jugendgruppe ist er manchmal dabei gewesen. Man musste ihn nicht fragen, wenn man Hilfe beim Aufräumen brauchte – er stand einfach da und hat mit angepackt.

Und jetzt – diese Nachricht. Ich sitze lange da und starrte auf den Bildschirm. Habe ich etwas übersehen? Hätte ich mehr fragen müssen?

Das Leben ist ein Geschenk – sagen wir oft. Aber was, wenn dieses Geschenk einem wie eine Last erscheint? Wenn die Gedanken kreisen und die Seele keinen Ausweg mehr sieht? Wenn das, was andere leicht zu tragen scheinen, für einen selbst tonnenschwer ist?

Ich habe in den Jahren gelernt: Es braucht Mut, zu leben. Mut, Hilfe zu holen. Mut, über dunkle Gedanken zu sprechen. Und genauso braucht es Menschen, die nicht vorschnell urteilen, sondern einfach zuhören. Die nicht weggucken, wenn jemand kämpft, sondern dableiben – auch wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen.

Jesus sagt im Johannesevangelium: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben – und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10) Nicht: ein perfektes Leben. Auch nicht: ein schmerzfreies. Aber ein Leben in Fülle – mit Licht und Schatten, mit Höhen und Tiefen. Und mit der Zusage: Du bist nicht allein. Auch wenn du es gerade nicht spürst.

Jemanden der am Boden ist helfen keine klugen Ratschläge. Kein „Reiß dich zusammen.“ Sondern ein echtes: „Ich bin hier. Und ich geh mit dir ein Stück.“

Wenn es jemandem in meinem Umfeld mental nicht gut geht, kann ich: Mitgehen, aushalten, Hoffnung leihen – da, wo andere sie gerade nicht mehr haben. Und manchmal einfach schweigend da sein. Das ist schwer und manchmal komme auch ich an meine Grenzen. Ich möchte mich dabei selbst nicht übernehmen, denn dann bin ich für die Person auch keine Hilfe. Ich kann und will zuhören und da sein. Doch die psychologische Unterstützung müssen die übernehmen, die dafür ausgebildet sind. Wenn es jemandem mental nicht gut geht, hat er Hilfe von solchen Profis, wie der Telefonseelsorge, verdient.

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SWR4 Abendgedanken

09SEP2025
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„Für mich heute etwas Alkoholfreies.“, sagt Margit bei einer Feier letztens. Ich bin irritiert, denn sonst mag sie schon immer was – ein Bier oder ein Aperol. Sie bleibt den ganzen Abend dabei und trinkt keinen Alkohol. Sie ist schwanger. Bei der Feier letztens ist es ihr persönlich zu früh, das im großen Kreis mit allen zu teilen – jetzt weiß ich Bescheid.

Eigentlich schon komisch, dass es eine Erklärung dafür geben muss, warum man keinen Alkohol trinken will.

Für meine Freundin Margit ist es aktuell durch die Schwangerschaft besonders wichtig, auf Alkohol zu verzichten. Denn für ein ungeborenes Kind kann schon ein einziger Schluck gefährlich werden. Trinkt eine schwangere Frau Alkohol, gelangt dieser direkt zum ungeborenen Kind. Und das hat keine Chance, ihn schnell wieder abzubauen. Die Folgen können schwerwiegend sein – körperlich, geistig, seelisch. Und: sie bleiben fürs ganze Leben.

Eine Folge dessen ist zum Beispiel die Fetale Alkoholspektrumstörung – kurz FASD. Und leider passiert das viel häufiger, als man denkt. In Deutschland werden jedes Jahr schätzungsweise über 10.000 Kinder mit alkoholbedingten Schäden geboren. Das Tragische ist: Das muss nicht sein. Auch ein gelegentliches Glas kann zu viel sein. Darum ist es so wichtig, dass wir offen über dieses Thema sprechen. Denn das Thema geht alle an. Nicht nur Frauen, die schwanger sind oder einen Kinderwunsch hegen.

Es reicht dabei nicht, wenn die Leute sagen: „Die Mutter muss es wissen, das ist allein ihre Verantwortung.“ Auch der Partner oder die Partnerin trägt Verantwortung. Freunde. Familie. Das soziale Umfeld. Werbung. Politik. Kirche. Alle, die mitdenken, mitreden, mitgestalten.

Prävention beginnt da, wo wir ein Klima schaffen, in dem Menschen sich sicher fühlen. Wo niemand drängt oder bagatellisiert. Sondern wo es selbstverständlich ist zu sagen: „Ich trinke nichts.“, ohne sich groß erklären zu müssen. Ohne, dass es komisch ist und man nach Erklärungen dafür sucht. Sondern, dass es akzeptiert und respektiert wird in Gesellschaft und auf Feiern alkoholfrei unterwegs zu sein.

Für mich als Christ ist klar: Jeder Mensch ist ein Geschenk. Und jedes Kind verdient einen guten Start ins Leben. Dafür tragen wir alle mit Verantwortung.

Darum wünsche ich uns einen sensiblen und achtsamen Umgang mit dem Thema Alkohol. Und eine Kultur, in der wir werdende Eltern stärken – damit sie mutig sagen können: Ich verzichte – aus Liebe zum Leben.

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SWR4 Abendgedanken

08SEP2025
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Runde Geburtstage – in meinem Freundeskreis sind sie ein echtes Ereignis. Da wird nicht einfach nur kurz angestoßen. Da gibt es ein großes Fest, liebevoll vorbereitet, mit vielen Gästen: Familie, Freunde, Wegbegleiter. Menschen, die das Leben mit einem teilen – in den guten Zeiten, aber auch dann, wenn es schwer ist.

Und dann läuft da meistens auch eine Diashow – Sie kennen das vielleicht: alte Fotos, Kindheitserinnerungen, der erste Schultag, Jugendstreiche, Urlaube. Eben alles was bisher gewesen ist in Bildern. Und während die Diashow abläuft, wird mir nochmal ganz neu bewusst: jedes Leben ist kostbar, liebens- und lebenswert. Geburtstag feiern – das bedeutet für mich: das Leben feiern. Nicht nur die Erfolge, sondern alles, was es ausmacht. Die Zeiten, die schwer gewesen sind, die Brüche und alles was unperfekt ist.

Heute feiert die Kirche auch so einen Geburtstag. Keinen runden – aber einen besonderen. Heute, am 8. September, feiert die Kirche Mariä Geburt – den Geburtstag von Maria. Natürlich – das Kirchenjahr kennt viele Marienfeste. Bei Maria geht es meistens darum, dass sie die Mutter von Jesus ist. Aber das ist mir zu wenig für so ein ganzes Menschenleben. Maria ist mehr als die Mutter Jesu. Ich frage mich deshalb: Was wäre, wenn auch bei Maria eine Diashow abgespielt werden würde?

Ich stelle mir eine Frau vor, jung und hoffnungsvoll. Die vielleicht keinen richtigen Plan vom Leben hat. Die sich aber eine Zukunft mit dem Zimmermann Josef ausmalt. Eine Frau, die davon träumt, sich ihr Leben in Nazareth aufzubauen mit allem was dazu gehört. Und dann werden ihre Träume völlig durchkreuzt von einer Botschaft eines Engels. Sie ist unerwartet schwanger – und das in einer Gesellschaft, die wenig Nachsicht kennt. Eine Gesellschaft, die schwangere, unverheiratete Frauen abwertet. Sie ist angewiesen auf das Vertrauen ihres Verlobten Josef. Sie hat Angst und zweifelt, ob sie das hinbekommt. Aber nicht nur Josef, sondern auch ihre Cousine Elisabeth unterstützt sie. Langsam hat sie wieder Boden unter den Füßen. Maria ist zwar von Gott selbst auserwählt worden, aber ob sich das immer gut angefühlt hat? Daran zweifle ich. Ich wäre damit bestimmt überfordert. Und trotzdem gibt Maria nicht auf. Denn sie vertraut auf die Menschen um sie herum und auf Gott.

Deshalb feiere auch ich ihren Geburtstag mit. Weil sie mit ihrem Leben zeigt, dass es sich lohnt auf Gott zu vertrauen. Rückblickend stelle ich oft fest: Im Leben kommt es immer mal wieder ganz anders, als ich es mir erträumt oder geplant habe. Doch dann darf auch ich, wie Maria, spüren: Selbst, dann – Gott ist da.

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SWR4 Abendgedanken

04JUL2025
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Freitag, kurz nach sieben in der Straßenbahn. Ich sitze hier auf dem Weg zur Arbeit. Die meisten haben Kopfhörer in den Ohren oder starren aufs Handy. Ich bin noch nicht richtig wach, aber immerhin habe ich einen Sitzplatz bekommen.

Gegenüber sitzt jemand, der einen speziellen Anhänger an der Tasche hat. Ein kleines Ulrichskreuz. Es ist dunkel gehalten und mit vergoldeten Elementen. Eine kleine Darstellung Jesu und rechts und links die Köpfe vom Heiligen Ulrich auf der einen und von der Heiligen Afra auf der anderen Seite. Nicht groß, nicht auffällig. Aber ich erkenne das Motiv sofort. Ich muss schmunzeln. Der heilige Ulrich in der Straßenbahn – das hat was.

Ulrich ist Bischof von Augsburg gewesen – vor über tausend Jahren. Es sind schwierige Zeiten gewesen. Die Stadt ist bedroht worden und die Leute sind verunsichert gewesen. Und er? Er ist dageblieben. Und nicht geflohen. Er stand ihnen bei, war mutig und klar, aber auch barmherzig. Ulrich war kein Held aus dem Bilderbuch, aber er war ein Mann mit Rückgrat, einer, der Verantwortung übernommen hat, weil er sich für seine Mitmenschen verantwortlich fühlte. Das beeindruckt mich bis heute. Nicht nur im Rückblick auf die Geschichte, sondern gerade auch im Alltag.

Denn genau das fehlt mir heute manchmal: Menschen, die stehen bleiben, wenn andere weglaufen. Leute, die Haltung zeigen für eine offene Welt und eine offene Kirche, in der jede und jeder einen Platz hat – ohne auszugrenzen, ohne in Kategorien einzuteilen, ohne andere und ihre Art katholisch zu sein abzuwerten. Eben auszuhalten, dass es verschiedene Meinungen zu einem Thema gibt und vielleicht auch manchmal beide Seiten gute Argumente für ihre Haltung haben. Mir fehlen manchmal Menschen, die ruhig bleiben können, wenn es eng wird und die Stimmung in der Diskussion angespannt ist. Leute, die vermitteln können und nicht dafür sorgen, dass sich Fronten bilden und vielleicht sogar verhärten. Die auf andere zugehen können und Brücken bauen. Zwischen verschiedenen Standpunkten und Lagern.

Heute ist Ulrichstag – kein Feiertag für die breite Masse. Aber vielleicht genau deshalb ein guter Moment, sich an das zu erinnern, was im Hintergrund Kraft gibt.

Ich steige zwei Stationen später aus. Ich nehme den Heiligen Ulrich aber in Gedanken mit. Und mir nehme ich vor: Einer zu werden wie er. Dass ich da bin, wo ich gebraucht werde, Brücken baue, wo sie verschüttet sind und Haltung zeige, ohne andere vor den Kopf zu stoßen.

Ulrich erinnert mich daran, dass Mut im Alltag beginnt. Und dass es gut ist, wenn wir einander im Blick behalten.

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SWR4 Abendgedanken

03JUL2025
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Ich sitze mit einer Freundin in einem Kaffee. Einfach um uns gemeinsam Updates darüber zu geben, was gerade so los ist. Sie erzählt mir von einer schwierigen Entscheidung vor der sie gerade steht. Es geht um eine berufliche Veränderung, auf der sie schon lange herumdenkt. Ich finde, dass die neue Stelle voll zu ihr passt und alle um sie herum auch. Sie ist sich aber unsicher, ob sie den Schritt wagen soll oder nicht. Sie spricht darüber, wie sie sich immer wieder hin und hergerissen fühlt und dabei mit vielen Zweifeln kämpft. Vor allem Zweifel an sich selbst. Kann ich das überhaupt? Bin ich gut genug dafür? Was ist, wenn ich das nicht schaffe?

Und über allem das Gefühl: Sich nicht entscheiden zu können, weil ich/sie nicht weiß wie es wird. Das kenne ich auch von mir. Ich muss Dinge erst selbst erfahren und erleben, bevor ich weiß ob es das Richtige ist.

Bei Thomas, einem Menschen aus der Bibel, ist es ähnlich. Er ist ein Freund von Jesus. Als Jesus nach seinem Tod wieder aufersteht, kann er es einfach nicht glauben. Jesus soll auferstanden sein? Leben? Wie kann das sein? Jesus ist nicht mehr da - er ist tot. Davon ist er überzeugt. Wie soll er also auf einmal leben?

Er sagt: „Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Hand in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Als er Jesus selbst vor sich sieht, ihn und seine Wunden anfassen darf, kann er es glauben. Jesus lebt.

Ich verstehe, was meine Freundin meint: Sie will ihre Entscheidung nicht einfach darauf stützen, was Freunde von ihr halten und was sie ihr sagen. Sondern sie muss es selbst erleben, es ausprobieren. Genau wie Thomas, der muss sehen und fühlen, dass Jesus lebt. Erst dann fühlt er sich sicher.

Während ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass auch Glaube nicht immer etwas ist, das wir nur durch eigenes Erleben finden. Das Leben verlangt manchmal von uns, zu vertrauen. Daran zu glauben, dass es gut werden kann. Das ist nicht einfach. Vor 2000 Jahren nicht und auch nicht heute. Was bleibt, ist: Dass ich manche Schritte wagen muss, indem ich auf andere vertraue. Das ist schwer, weil ich so ein Stück meiner eigenen Sicherheit aufgeben muss – vertrauen muss darauf, was andere zu mir sagen.

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SWR4 Abendgedanken

02JUL2025
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Wir wollen mit Freunden zusammen grillen. Das Holz? Leider ziemlich feucht, nicht richtig durchgetrocknet. Aber wir geben nicht auf: Pusten, wedeln, nochmal pusten … und irgendwann klappt’s! Das Feuer fängt an zu knistern.

Jetzt warten wir ab, bis genug Glut da ist und wir anfangen können. Ich liege auf einer Bank und schaue nach oben – direkt ins grüne Blätterdach der Bäume. Die Sonne blinzelt durch die Zweige. Ich erinnere mich an die Zeit bei den Pfadfindern.

Mit denen war ich jedes Jahr im Sommer zwei Wochen auf einem Zeltlager. Irgendwo auf einer grünen Wiese haben wir unsere Zelte aufgeschlagen und uns eingerichtet, um dort das Leben für die Zeit teilen zu können. Alle zusammen – der ganze Stamm. Das heißt es sind Kids mit am Start gewesen, die gerade erst in die Schule gekommen sind, aber auch Erwachsene, die schon mitten im Leben und Beruf stehen. Obwohl wir alle unterschiedlich alt sind, uns verschiedene Dinge interessieren und wir alle ganz individuelle Sorgen haben, sind wir auf dem Zeltlager zu einer Gemeinschaft gewachsen. Die wichtigsten Momente sind für mich die Abende gewesen. An denen haben wir am Lagerfeuer gemeinsam gesungen. Und sind ins Gespräch gekommen über Gott und die Welt. Manchmal habe ich mit Wölflingen, gesprochen, die stolz waren auf das was sie geschnitzt haben. Ein anderes Mal habe ich mich mit Leuten aus meinem Alter ausgetauscht über unsere Sorgen von heute und unsere Pläne für die Zukunft. Und dann habe ich mich auch mit Erwachsenen unterhalten, die im Alltag Filialleiter der Bank sind und darüber was ihnen wichtig ist im Leben. Manchmal war ich aber auch nur in Gedanken bei mir und dem Feuer. – ich bin mitten drin gewesen. Die Erfahrungen, die ich dort mit anderen gesammelt habe prägen mich bis heute. Weil ich verstanden habe, dass eine Gemeinschaft davon lebt, dass verschiedene Leute sich einbringen und jeweils das dazu beitragen, was sie können. Die eine kann vielleicht gut schnitzen und weiß wie man eine Jurte aufbaut, der andere kann gut Geschichten erzählen und ist am Lagerfeuer voll dabei; und wieder jemand anderes kann kreativ mit zwei Töpfen für eine ganze Menge Leute kochen. Alle können sich einbringen und etwas dazu beitragen – so wird es gut. Dass ich nicht nur an mich denke, sondern für andere mit und dort helfe, wo ich gebraucht werde. Pfadfinder sein bedeutet für mich weit mehr als Abenteuer, Lagerfeuer und Zeltlager. Es ist eine Lebenseinstellung. Dass ich eben mit einer offenen und klaren Haltung durchs Leben gehe. Es bedeutet, Gemeinschaft zu leben und daran zu glauben, dass wir zusammen etwas verändern können. Das habe ich als Jugendlicher in der Gruppe gelernt, als Leiter weitergegeben, und es begleitet mich bis heute. Als aus dem nassen Holz Glut geworden ist, auf der wir jetzt grillen können, fühlt sich dieser Abend an wie früher auf dem Zeltlager.

In diesem Sinne: einen schönen Abend und Gut Pfad!

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01JUL2025
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Das Schuljahr geht zu Ende. Die Luft ist warm, ein bisschen schwer. In den Fluren der Schule ist es lauter als sonst. Ich merke: Die Konzentration wird weniger; die Sommerferien stehen vor der Tür.

In einer Planungsrunde in der Schule sitzen wir zusammen. Es geht um die „Good Morning“ Feier in diesem Schuljahr. Eine Feier, in der wir alle noch einmal zusammenkommen – Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, einfach alle, die dazugehören.

Die Idee ist: Einen kurzen, gemeinsamen Abschluss, bevor die Zeugnisse verteilt werden. Bevor es auseinandergeht. Und wir dann gut und gestärkt in die Ferien starten können. Aber wie macht man das so, dass sich wirklich alle angesprochen fühlen?

Egal, welcher Religion ich angehöre oder auch nicht. Egal, aus welcher Familie, aus welcher Richtung der Welt ich komme. Alle kommen in dieser Feier zusammen und haben Zeit: Zeit für sich, Zeit über das eigene Leben nachzudenken und Neues zu entdecken, Zeit für Gott und Zeit miteinander.

Wir entscheiden uns für ein Thema, das jeder kennt: Chaos und Ordnung. Ein Lehrer sagt: „Wenn dieses Schuljahr eines war, dann chaotisch.“

Chaos – das ist das Gefühl, wenn der Bus zu spät kommt, der Laptop streikt, der Stundenplan sich wieder ändert. Wenn ich nicht mehr weiß, wo ich anfangen soll. Wenn die Gedanken durcheinanderlaufen. Wenn ich darum bangen muss, nach meiner Ausbildung übernommen zu werden oder in einer neuen Stadt anzufangen. Chaos ist das Gefühl nicht zu wissen wohin mit mir. Mich unsicher und allein zu fühlen. Mich nicht orientieren zu können in meinem Leben.

Und Ordnung – das ist der Moment, wenn etwas plötzlich Sinn ergibt. Wenn ein Tag rund läuft. Wenn ich mich selbst wieder ein kleines bisschen sortieren kann. Wenn ich merke: Hier bin ich richtig, hier bin ich gewollt und angenommen mit meinen Sorgen. Hier habe ich Platz und kann mich einbringen mit dem was ich kann. Ordnung ist der Zustand, in dem ich mir sicher bin, einen Safespace habe und das Leben leicht erscheint.

Aus Chaos wird nicht einfach so Ordnung. Ich denke, für mich braucht es da Gott, der Ordnung schafft. Mit ihm an meiner Seite kann ich Perspektiven erkennen, mutiger sein, meinen Platz in der Welt finden. Anderen hilft vielleicht der Freundeskreis oder die Familie sich neu zu orientieren. Manche schaffen es aus dem Chaos ihres Lebens selbst heraus und ordnen ihre Dinge für sich. Klar ist aber, dass niemand in seinem Chaos allein ist, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Und das wollen wir in der Feier erlebbar machen.

Es soll eine Feier sein, bei der niemand denkt: „Das ist nicht für mich.“ Sondern eine, bei der man sagen kann: „Ja, das kenn ich. So fühlt sich Schule manchmal an. Und das Leben sowieso.“ Und vielleicht gehen wir am Ende nicht nur mit dem Zeugnis nach Hause. Sondern auch mit dem Gefühl: Ich bin nicht allein in meinem Chaos.

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30JUN2025
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Einfach mal Pause machen. Gar nicht so einfach, gerade wenn viel los ist, fällt mir das oft schwer. Dafür brauche ich Zeit und einen Ort. Einen, an dem ich einfach da sein kann. Ohne Erwartungen, ohne dass ich funktionieren muss. Auf meinem Weg nach Hause liegt unsere Kirche – direkt an der Straßenbahnhaltestelle. Manchmal nehme ich mir die Zeit. Gehe hinein und setze mich in eine der hinteren Bänke. Es ist leicht kühl und ich kann zur Ruhe kommen.

Ein paar Minuten nur. Keine großen Worte. Einfach still dasitzen, durchatmen, in meinen Gedanken sein.

Über dem Altar steht ein Satz, in goldenen Lettern, leuchtend im Licht der Kerzen: „Gott selbst und Euch Er.“

Der Satz liest sich leicht. Aber ich verstehe ihn nicht gleich. Er klingt geheimnisvoll. Und er beeindruckt mich, weil er kurz zusammenfasst wer Christus für mich ist. Er ist nicht irgendeiner. Er ist Gott selbst. Also etwas, das nicht von dieser Welt ist. Größer, höher, unbegreiflich. Ein Gott, der da zu finden ist, wo Menschen Frieden schließen. Einer, der da ist, wo Menschen füreinander leben. Ein Gott, der einer von uns ist, weil er Mensch ist: Christus einer von uns. Ein Mensch, wie du und ich. Einer, der gezeigt hat wie gutes Zusammenleben funktionieren kann und einer, der für andere da ist. All das steckt in dem kurzen Satz: „Gott selbst und euch er.“

Das ist nicht leicht zu verstehen. Wie soll das gehen – Gott und Mensch zugleich?

Jesus spricht mit einer Autorität, die kein Mensch einfach so hat. Aber er redet nicht von oben herab. Er geht zu den Menschen, hört zu, isst mit ihnen, heilt Kranke; berührt, wo andere ausweichen. Und er diskutiert – lässt Fragen zu, lässt Zweifel stehen. Er verurteilt nicht vorschnell. Gerade das macht ihn so besonders – und auch göttlich. Ich selbst bin immer schnell darin andere in Schubladen zu stecken. Anderen mit Vorurteilen zu begegnen und nur halb zuzuhören, was sie zu sagen haben. Aber Jesus ist da anders.

Er ist den Menschen zugewandt. Nicht kämpferisch. Auch wenn sich viele damals etwas Anderes erhofft haben. Nämlich einen, der die Macht übernimmt. Einen, der die Regeln macht und die Ordnung schafft. Manche waren enttäuscht, dass er so anders war. Und auch heute, wenn ich ehrlich bin, wünsche ich mir manchmal jemanden, der mir genau sagt, was richtig und falsch ist. Der mir die Entscheidung abnimmt. Aber Jesus tut das nicht. Er macht keine Ansagen von oben.

Er schaut mich an, stellt Fragen. Und traut mir zu, dass ich meinen Weg finde. Mit Fehlern, mit Umwegen, mit Zweifeln. Ich verstehe das heute so: Eben, dass ich zu ihm kommen kann, mit meinen Sorgen, mit dem was mich umtreibt. (Dass er mir zuhört und da ist, dass er mich begleitet, gerade wenn es schwierig ist, weil er mich versteht, weil er selbst Mensch geworden ist. Bei dem Satz: „Gott selbst und euch er“, merke ich: Ich bin gemeint. Für mich ist er auf die Welt gekommen. Für mich ist er da.) Für meinen Alltag bedeutet das: Ich muss nicht perfekt sein. Ich muss nicht alles wissen, nicht alles im Griff haben. Ich darf mich irren, darf Fragen haben, darf zweifeln. Aber ich bin nicht allein. Da ist einer, der mich sieht. Der bei mir bleibt, auch wenn ich mir selbst nicht sicher bin.

Und vielleicht genügt das manchmal: Zu wissen, dass ich mit meinen Fragen nicht durchfallen kann – sondern getragen bin.

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