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21MAI2022
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Meine Freundin Tanja pflegt ein besonderes Ritual. Mag sein es klingt erstmal sonderbar. Tanja cremt sich jeden Abend ganz bewusst ihre Füße ein. Nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern einfach so, und egal, wie der Tag war. Sie macht das mit Hingabe, und es tut ihr gut. Und was besonders interessant ist: genauso liebevoll, wie sie da jeden Abend mit sich selbst umgeht, geht sie auch mit ihrer Familie, ihren Freundinnen und überhaupt mit Menschen um. 

Ich bewundere Tanja für ihre aufmerksame Art und für ihr untrügliches Gespür, was ihr und anderen guttut. Wenn ich Tanja so vor mir sehe, wie sie ihre Cremedose aufdreht, fallen mir zwei Geschichten aus der Bibel ein, wo es auch darum geht, dass Füße gepflegt werden. (Lk 7, 36-50; Joh 13, 1-11)  

Die erste Geschichte geht so: Jesus ist zum Essen eingeladen, und während alle essen, kommt eine Frau auf Jesus zu. Sie weint, und ihre Tränen tropfen auf die Füße von Jesus. Dann trocknet die Frau seine Füße mit ihren Haaren ab und salbt sie mit einem duftenden Öl. Sie will Jesus etwas Gutes tun und nimmt für die Füße von Jesus ein besonders kostbares Öl. Im Gegensatz zu allen anderen um ihn herum erkennt Jesus sofort, dass das etwas Wertvolles ist. 

In der zweiten Geschichte ist Jesus derjenige, der sich um die Füße der anderen kümmert. Beim letzten Abendmahl wäscht er seinen Jüngern die Füße, und obwohl die Jünger sich erst dagegen wehren, lässt Jesus sich nicht davon abbringen. Er zeigt ihnen damit, wie sehr er sie liebt.

Wenn jemand seine eigenen oder fremde Füße eincremt oder pflegt, kann das etwas Liebevolles sein. Und es steckt für mich beides drin: dass ich mich sowohl um mich selbst als auch um andere kümmere. So wie Jesus das gemacht hat. Er konnte genießen, aber auch selbst Hand anlegen und anderen Gutes tun. Bei ihm kommt beides zusammen, so wie bei meiner Freundin Tanja.

Sie erinnert mich daran, dass ich in mich hineinhorche, was mir guttut, und auch die Ideen ernst nehme, die mir vielleicht erst mal schräg vorkommen. Gerade wenn die Zeiten heftig sind oder es mir einfach nicht gut geht, ist es so wichtig, dass ich gut zu mir bin.

Ich habe meine Freundin Tanja gefragt, warum sie sich jeden Abend diese Zeit für sich selbst nimmt. Sie hat es so auf den Punkt gebracht: „Man muss doch auch ein Herz für sich selbst haben.“

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20MAI2022
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Frau Swielow ist 96 Jahre alt. Sie hat so freundliche braune Augen. Sie sagt leise: „Ich nehm‘s, wie’s kommt“. Ich habe meinen Stuhl neben ihr Bett geschoben, und durch die gekippten Fenster weht ein bisschen Frühlingsluft ins Krankenzimmer.

Die Kräfte dieser Frau schwinden, das Herz will nicht mehr. Sie deutet nach oben und sagt: „Wissen Sie, wenn Er mich heute ruft, bin ich bereit. Und wenn Er mir noch ein paar Tage schenkt, ist das auch gut. Ich bin bereit, und nehm’s, wie’s kommt.“ Das hört sich womöglich nach einer frommen Floskel an, aber da ist etwas in der Stimme und im Blick dieser Frau, das mir sagt: sie meint es so. Dabei strahlt sie eine Ruhe und Zuversicht aus, die mich regelrecht umwirft.

Wie gelassen diese Frau auf das vertrauen kann, was da kommt, und wie sie dabei auch auf Gott vertrauen kann. So versöhnt und zufrieden, das finde ich unglaublich stark. Deswegen sage ich zu ihr: „Ich fühle mich wirklich beschenkt von Ihnen.“ Frau Swielow schiebt mein Kompliment mit einem schalkhaften Lächeln beiseite: „Aber von den Keksen hier haben Sie nichts genommen!“ So plaudern wir noch eine Weile. Zum Abschied wünscht sie mir alles Gute.

Während ich nach Hause fahre, wird mir bewusst, wie oft ich unzufrieden bin. Wenn nicht alles so läuft, wie ich mir das vorstelle. Das kann ein verpasster Bus sein oder eine frustrierende Erfahrung bei der Arbeit. Dann sehe ich nur das, was nicht gut geht. Oder wenn die Zeiten besonders stressig sind. Oder eine Krankheit auftaucht, die alles verändert. Aber auch in diesen Wochen, in denen sich die schlechten Nachrichten häufen, will ich versuchen, einen weiten Blick aufs Ganze zu behalten. Es gibt ja auch das Schöne: dass die Straßencafés zum Beispiel wieder voller Leben sind oder dass zwei Freundinnen endlich wieder versöhnt sind. Es hilft mir, beides zu sehen: Das Traurige und alles Fröhliche, das Verkorkste und das, was einfach gut eingespielt ist. Vielleicht schaffe ich es dann auch, es zu nehmen, wie es kommt.

Frau Swielow ist bald nach unserem Gespräch gestorben. Vielleicht hat sie in ihren letzten Momenten ja auch beides erlebt. Dass es am Ende schwer war loszulassen und dann wieder ganz leicht. Beides, Schweres und Schönes, gehört zum Leben. Frau Swielow hat mir etwas beigebracht: Wenn ich für beides offen bin, macht mich das freier. Ich will es immer wieder versuchen und offen und mutig auf das zugehen, was kommt.  

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19MAI2022
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Ich mag es, wenn Dinge Sinn ergeben. Wenn etwas ganz anders gelaufen ist als geplant und ich dann hinterher denke: „Das war gerade gut so.“ Ich ‚sinniere‘ gerne darüber, was in meinem Leben los ist. Das ändert nicht, was geschehen ist, aber manchmal ordnen sich dabei die Dinge neu, und ich kann besser akzeptieren, was war.

Aber manchmal passieren Sachen, die machen einfach keinen Sinn. Der nervige Blechschaden, nur weil ich einmal kurz nicht aufmerksam war. Oder der komplizierte Bänderriss, dabei ist die Nachbarin nur vom Bordstein gestolpert.

Natürlich gibt es auch Dinge, die sind noch auf ganz anderer Ebene sinnlos. Dieser unsägliche Krieg, der macht überhaupt keinen Sinn. Und auch im persönlichen Bereich: wenn eine Partnerschaft zerbricht, wenn jemand plötzlich schwer krank wird oder wenn ein geliebter Mensch stirbt. Als Außenstehende fühle ich mich in solchen Momenten oft hilflos.

Das erinnert mich an Hiob und seine Geschichte, wie sie in der Bibel steht. Hiob erlebt einen schlimmen Schicksalsschlag nach dem anderen, und die Leute um ihn herum reagieren allesamt nicht besonders geschickt. Seine Frau ist verzweifelt und kann nicht verstehen, warum Hiob noch an Gott glaubt. Dann seine Freunde: sie schieben Hiob auch noch die Schuld für das ganze Elend zu und geben ihm jede Menge Ratschläge, die er überhaupt nicht gebrauchen kann. Und ein anderer Freund will ihm zu allem Übel auch noch den Sinn seines Leidens erklären. Für Hiob sind alle diese Reaktionen kein bisschen hilfreich. Aber Hiob macht das, was er in dem Moment braucht: er klagt in seinem Schmerz Gott an und sagt so viel wie: „He, Gott, das macht jetzt alles aber gar keinen Sinn. Was soll das?“

Hiob hält an Gott fest und entlässt ihn trotzdem nicht aus der Verantwortung. Auch wenn Gott nicht so antwortet, wie Hiob sich das vielleicht gewünscht hat. Mir zeigt diese Geschichte von Hiob: 

Es muss im Leben nicht alles Sinn ergeben. Es wäre zynisch und rücksichtslos, das zu sagen. Die sinnlosen Situationen, die kann ich einfach nur überstehen. Ich muss nicht auch noch einen Sinn darin sehen.

Wenn ich aber Sinnloses erleben muss, kann es helfen, wenn vertraute Menschen einfach ‚nur‘ da sind und das Ganze mit aushalten. Das kann Sinn machen, weil ich mich dann womöglich getragen fühle. Und vielleicht erschließt sich mir durch diese Unterstützung so manches Sinnlose mit der Zeit doch noch.

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18MAI2022
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Es ist ein großer Moment, wenn man etwas schafft, das man sich lange nicht zugetraut hat. Als ich als Kind das erste Mal vom Drei-Meter-Brett gesprungen bin war so ein Moment für mich. Ich war oben auf dem Sprungbrett, und meine ganze Klasse hat mich angefeuert, bis ich endlich gesprungen bin. Es war ein tolles Gefühl, als ich wieder aufgetaucht bin und alle applaudiert haben.

Oder meine Freundin Tina. Sie hat vor ein paar Wochen zum ersten Mal alleine Urlaub gemacht, seit ihr Partner sich von ihr getrennt hat. Zuerst wollte sie ihre erste Reise alleine wieder absagen, aber ihr Bruder hat ihr Mut gemacht, und dann war diese Reise so wichtig für sie. 

Es gibt solche Sternstunden, in denen man etwas schafft, von dem man bis dahin gedacht hat, das könnten nur die Anderen. Der Jünger Petrus hat so etwas auch erlebt. Die zwölf Jünger sind mit dem Boot auf einem See unterwegs, und es gibt richtig hohe Wellen. Dann passiert etwas Unheimliches. Jesus kommt ihnen zu Fuß übers Wasser entgegen. Die Jünger bekommen Angst. Jesus beruhigt sie: ‚Habt Vertrauen, ich bin es!‘. Und jetzt kommt Petrus. Er packt all seinen Mut zusammen und macht es so wie Jesus. Er setzt seine Füße auf das Wasser, und sie tragen ihn. Er schafft das Unmögliche. Aber dann bekommt er doch Angst und geht fast unter. Jesus zieht ihn raus und fragt: „Petrus, warum hast du mir nicht mehr vertraut?“ (Mt 14, 22-33).

Aber so einfach ist Vertrauen ja nicht, und es ist auch gut, dass wir Ängste haben. In jedem Zögern zeigen sich unsere Grenzen, und die wollen respektiert werden. Gleichzeitig kann es einen auch weiterbringen, wenn man Ängste überwindet. Am besten mit der Hilfe von anderen. So wie Petrus in der biblischen Geschichte. Er hat die Hand von Jesus gegriffen und sich aus dem Wasser rausziehen lassen und dabei die Erfahrung gemacht: wenn ich vertraue, dass da jemand ist, der an mich glaubt, kann ich manchmal über mich selbst hinauswachsen. 

Wenn im Leben vieles in Aufruhr ist oder wenn ich das Gefühl habe, dass ich vieles ganz alleine schaffen muss, würde ich am liebsten aufgeben. Dann helfen mir Menschen, die an mich glauben – solange, bis ich selbst an mich glauben kann. Dann kann ich so vieles schaffen. Und für mich kommt noch etwas dazu: Ich vertraue darauf, dass auch Gott mich in solchen Momenten ‚trägt‘. Er glaubt in jedem Fall an mich und daran, dass ich so vieles schaffen kann.

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17MAI2022
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Was kommt heute wohl auf mich zu? An manchen Morgen weiß ich schon, dass es eine Menge sein wird. Manchmal kommt so viel zusammen, da möchte ich mich am liebsten auf eine einsame Insel zurückziehen.

Es gibt eine kleine Episode von Jesus in der Bibel, die passt genau dazu. Jesus und seine Jünger sind so im Dauereinsatz für andere, dass sie noch nicht mal Zeit zum Essen finden. Da sagt Jesus zu seinen gestressten Begleitern: „Kommt mit an einen einsamen Ort […], und ruht ein wenig aus.“ (Mk 6, 31).

Ich muss an diese Szene in der Bibel denken, wenn ich die vielen Helferinnen und Helfer sehe, die für Geflüchtete, Wohnungslose oder Kranke unermüdlich im Einsatz sind. Sie sind zum Beispiel in den Unterkünften, an den Schulen oder bei den Tafelläden. Mir fallen aber auch die vielen Krankenpfleger oder Ärztinnen ein, die in den Kliniken arbeiten und immer überlastet sind. Sie alle leisten Unglaubliches. Da noch Zeit für sich und die eigenen Bedürfnisse zu finden, stelle ich mir schwierig vor.

Meine Bekannte Hannah erlebt das so: Ihr fällt es schwer, sich selbst etwas Gutes zu tun, während um sie rum so viele Hilfe brauchen. Sie sagt: „Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen. Da warten die Leute in den Massenunterkünften tagelang auf ihre erste Dusche, und ich wünsche mir einen Cappuccino in der Sonne, weil ich mal auftanken möchte.“

Ja, im Vergleich zu dem, was so viele in den Kriegsgebieten oder an anderen schlimmen Orten erleiden müssen, können einem die eigenen Wünsche ganz schön unerheblich vorkommen. Aber deshalb sind sie trotzdem nicht unwichtig. Gerade wenn viel zu tun ist, ist es so wichtig, dass ich sorgsam mit mir selbst umgehe. Dass ich herausfinde, was mir vor oder nach einem langen Tag guttun könnte. Zum Beispiel ein gutes Frühstück oder dass ich mal wieder mit einem Lieblingsmenschen telefoniere. Dass ich mich zu einem Spaziergang am Abend aufraffe oder was ganz anderes.

Meine Bekannte Hannah hat sich etwas vorgenommen. Sie erklärt mir: „Ich will nicht immer nur Funktionieren müssen und Tun und Machen hier und dort. Einmal am Tag will ich in mich hineinhören und das, was sich dann meldet, ernst nehmen. Auch wenn ich das nicht immer sofort umsetzen kann, ich will wenigstens noch wissen, was ich mir wünsche.“ Hannah hat Recht. Auch wenn die Welt an vielen Orten gerade aus den Fugen geraten ist: jeder und jede ist es wert, dass er oder sie gut zu sich selbst ist.

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16MAI2022
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Ich wohne direkt am Rand des Schwarzwalds, und ich mag diesen ruhigen geheimnisvollen Nachbarn. Vor allem seine Stille. Unser Haus steht direkt am Wald. Ich muss nur ein paar Schritte gehen, und schon stehe ich zwischen den Bäumen.

Tagsüber bin ich beruflich viel unter Menschen, und das ist toll. Als Seelsorgerin höre ich viele Geschichten, schöne und traurige. Manchmal geht mir schon nach dem Aufwachen so vieles durch den Kopf. Dann stelle ich mich noch vor dem Frühstück auf die Terrasse und lausche in die morgendliche Stille. Obwohl es eigentlich ruhig ist, kann ich da so vieles hören: einzelne Vögel und sogar den kleinen Bach neben unserem Haus.

Ich schaffe das nicht jeden Morgen, aber wenn, ist das umso schöner. Mir hilft dieser Pausenmoment. Ich kann da auftanken, bevor der Tag losrauscht, und ich kann dabei auch kurz bemerken, wie es mir eigentlich gerade geht.

So ein Auftanken muss gar nicht immer in der puren Natur sein.
Mein Freund Steffen wohnt mitten in der Innenstadt von Mannheim. Morgens stellt er sich immer ans offene Fenster und hört auf die Geräusche der Stadt. Nach und nach nimmt er neben den verschiedenen Autos auch Vögel wahr, Menschenstimmen vor der Bäckerei gegenüber und das Geklapper aus der Werkstatt im Hinterhof. Mitten in seinem turbulenten Stadtviertel kommt er so zur Ruhe. Er lässt sich auf seine Umgebung ein, indem er bewusst zuhört und immer offener für sie wird. Steffen sagt sogar: „Manchmal höre ich dann nicht nur zu. Sondern ich bete. Ich bringe die ganze Stadt und alles, was ich höre, zu Gott.“

In der Bibel gibt es die Geschichte von König Salomo. Der wird als junger Mann König eines großen Landes und hat enormen Respekt vor dieser Aufgabe. Gott stellt ihm einen Wunsch frei, und Salomo entscheidet sich für etwas Besonderes. Er erbittet sich ‚ein hörendes Herz‘. Er wünscht sich Weisheit und Einsicht, um mit dem Stress durch seine Aufgabe zurechtzukommen, und Gott schenkt sie ihm. Was für ein liebevoller, besonderer König, der einfühlsam werden möchte.

Kann das Herz hören lernen? Ich glaube ja. In letzter Zeit hört mein Herz am Waldrand auch die Anliegen der Menschen, die ich dann am Tag treffe. Den Schüler, dessen Mutter krank ist oder die frisch verliebte Kollegin, die Abiturientin mit Prüfungsangst und die Nachbarin, die sich schon so darauf freut, ihre erwachsene Tochter in Australien zu besuchen.

Ich möchte es machen wie mein Freund Steffen in Mannheim. Auch heute Morgen. Was mein Herz hört, das höre ich nicht nur, das bringe ich auch im Herzen zu Gott.

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15MAI2022
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Es gibt einen Campingplatz, den liebe ich. Er liegt an einem kleinen Ort am Bodensee, direkt neben dem Strandbad am See. Tagsüber ist dort viel los. Aber nachts, wenn alles still ist, kann man die Blesshühner und Enten hören, und alles duftet nach Seeluft.

Im Sommer gibt es auf diesem schönen Fleckchen Erde eine Campingkirche, und die ist für mich das absolute Highlight. Die Kirche ist ein großes offenes Zelt mit Bierbänken und Gartenstühlen, die im Halbkreis aufgestellt sind. Am Eingang gibt es Bücher und Malsachen für Kinder, und sonntags zum Gottesdienst kommen die unterschiedlichsten Leute: Urlauber vom Campingplatz, Besucherinnen aus dem Strandbad nebenan oder Radfahrer, die gerade zufällig vorbeikommen. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, die da mitten auf dem Campingplatz zusammen Gottesdienst feiert. Ich mag es, in dieser bunten Menge zu sitzen und mich umzuschauen. Manchmal entdecke ich dann jemanden, hinter dem ich am Tag vorher in der Schlange am Kiosk gestanden bin oder die ich im Strandbad schon öfter gesehen habe. Zum Beispiel einen Biker mit langen weißen Haaren. Oder das Pärchen, er mit Laptop am Schreiben, sie vertieft in einen dicken Roman.

So ähnlich muss es gewesen sein, als Jesus damals zum Beispiel auf einem Berg gepredigt hat, über die Friedfertigen und die Armen. Ich kann mir gut vorstellen, wie da auch eine bunt zusammengewürfelte Menge gesessen hat und wie mit der Zeit eine Gemeinschaft daraus geworden ist. Eine, in der sich viele oder vielleicht sogar alle wohlgefühlt haben.

So ein Gefühl kann man auch beim Stadtlauf erleben, wenn Hunderte an den Start gehen, die vorher alle auf diesen Tag hin trainiert haben. Oder ganz spontan in einer Kneipe, wenn eine tolle Band spielt und alle bleiben, bis die letzte Zugabe gespielt ist. Dann entsteht zwischen so vielen, die sich eigentlich gar nicht kennen, ein gutes und friedliches Gemeinschaftsgefühl.

So stelle ich es mir vor, wenn Jesus auf viele Leute getroffen ist und sie alle ihn erlebt haben, wie er zu ihnen gesprochen und gehandelt hat. Dann ist da vermutlich auch schnell eine besondere Gemeinschaft entstanden. Das war nicht immer konfliktfrei, aber doch so, dass Jesus diese Gruppen im Guten geprägt hat. 

Ein schönes und vor allem friedliches Gemeinschaftserlebnis kann mich noch eine ganze Weile danach weiter tragen. Vielleicht hat Jesus das auch gemeint, als er gesagt hat: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, dann bin ich mittendrin statt nur dabei.“

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04DEZ2021
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„Was für eine Idylle!“ Das denke ich, wenn ich die wunderschönen Figuren und liebevoll gestalteten Landschaften sehe. Manchmal genieße ich diese heile Welt, nach der schöne Weihnachtskrippen auf den ersten Blick aussehen. Aber wenn ich länger davor stehe, merke ich, dass da etwas fehlt. Im Stall muss es gestunken haben. Maria hat ihr erstes Kind ohne Hebamme im Dreck bekommen. Das kann nicht leicht gewesen sein. Und auch das, was Maria und Josef vor der Geburt erlebt haben, muss alles andere als idyllisch gewesen sein.

Zuerst wird Marias Leben auf den Kopf gestellt. Sie ist verlobt und wird schwanger, aber nicht von Josef. Kaum hat sie das bemerkt, trifft sie einen Engel, und der erklärt ihr, dass ihr Baby vom Heiligen Geist ist. Maria lässt sich auf diese Geschichte mit Gott ein. Aber trotzdem steht sie erst mal nahe am Abgrund: Frauen wie sie galten damals als Ehebrecherin, und da drohten schlimme Repressalien. Und bestimmt hatte sie keine Ahnung, wie sie das alles Josef erklären sollte. Wird er diese verrückte Geschichte glauben? Das alles klingt nicht nach Idylle.

Und wie ist es bei Josef? Auch sein Leben wird auf den Kopf gestellt. Er muss erstmal davon ausgehen, dass Maria ihm untreu geworden ist. Soll er sie trotzdem heiraten? Vielleicht hat Josef das überlegt, dabei aber auch gespürt, dass er die Sache mit dem Kind nicht ein Leben lang runterschlucken kann. Also doch trennen. In diesem ganzen Hin und Her erscheint auch ihm ein Engel und erklärt alles. Irgendwie gelingt es Josef, dem Engel zu vertrauen. Er gibt der kleinen Familie eine Chance.

Josef und Maria schaffen es, einander zu vertrauen; sie setzen auf ihre Geschichte mit Gott. Dazu braucht es eine Menge Mut, und den haben sie. Die beiden werden in dem ganz und gar nicht idyllischen Schlammassel zur Heiligen Familie.

Und das ist für mich auch heute noch so: wenn zwei aneinander dran bleiben und dabei auch noch offen sind für das, was der Himmel ihnen schenkt, dann kann mitten im Schlammassel etwas Heiliges passieren. Dass der Himmel irgendwie doch aufgeht, gerade wenn alles kaputt scheint. Das heißt nicht, dass Zusammenbleiben immer die beste Lösung ist. Manchmal geht das nicht mehr, weil jeder sich selbst auch schützen muss. Aber wenn sich zwei auch in der schwierigsten Zeit noch zuhören können und der eine gelten lassen kann, wie die andere sich alles erklärt, dann geht da ein bisschen der Himmel auf.

In solchen Momenten wird Gott geboren. Es ist dann zwar nicht idyllisch, aber es ist Weihnachten.

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03DEZ2021
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Jetzt sind es noch drei Wochen bis Heiligabend. Ich muss noch ziemlich viele Geschenke besorgen, und das macht mir Stress. Wenn ich dann so gar keine Lust auf diese Geschenke-Sucherei habe, denke ich an eine Szene, die ich im Herbst erlebt habe. Da hat jemand was verschenkt, das war einfach perfekt. Dieses Geschenk ist für mich so was wie der Prototyp von Schenken überhaupt. Wenn ich daran denke, weiß ich wieder, warum Schenken ja eigentlich so schön sein kann. Es war so:

An einem goldenen Oktoberwochenende war ich bei Verwandten in Bayern. Wir haben dort den runden Geburtstag meines Onkels gefeiert – und gleichzeitig, dass wir uns alle nach langer Zeit wiedersehen konnten.

Ich war erst ein bisschen skeptisch, wie das werden sollte: wir sind eine große Familie – ein Treffen mit so vielen Leuten, die von überall herkommen. Aber das Wetter war herrlich, und wir konnten fast immer draußen sein.

Und jetzt kommt die Sache mit diesem Geschenk. Das hat Onkel Günther gemacht. Er hat für die Geburtstagsparty am Abend heimlich eine Musikkapelle organisiert. Acht Musiker sind mit ihren Instrumenten in den Garten gekommen und haben richtig Stimmung gemacht. Das Geburtstagskind war begeistert. Die Musiker waren richtige Profis. Auch diejenigen, die sonst Blasmusik eher nicht so mögen, sind voll dabei gewesen und haben irgendwann mitgetanzt.

Während alle fröhlich feiern, suche ich mit den Augen meinen Onkel Günther und entdecke ihn: Er steht abseits von der Menge und strahlt. So, wie nur jemand strahlen kann, der weiß, dass er dem anderen gerade eine Riesenfreude gemacht hat und sich deswegen jetzt mindestens genauso mitfreut. 

Wenn ein Geschenk so gut passt, ist das toll. Das gelingt natürlich nicht immer so. Aber wenn jemand ein bisschen Leichtigkeit in einer ganz schön schwierigen Zeit verschenken kann, ist das so viel. Und genau daran erinnere ich mich selbst, wenn ich rumsuche und nicht weiß, was ich verschenken soll.

Vielleicht kann eine große Kiste selbstgemachter Kekse für die ganze Runde schöner sein als die Kleinigkeit für jeden, die mir so viel Kopfzerbrechen macht. Oder eine nette Aktion zusammen, die einfach Spaß macht. So was kann ich ja auch verschenken.

Egal wie perfekt meine Geschenkideen am Ende sind, hoffentlich kann ich mich mitfreuen und vor allem, meinen Lieben die Freude gönnen.

Das ist mein Geheimrezept fürs Schenken dieses Jahr: was Leichtes schenken, nicht so viel grübeln und vertrauen, dass dann die anderen annehmen können, was ich mir ausgedacht habe. Und es muss ja nicht gleich eine ganze Blaskapelle sein, aber vielleicht einfach ein Zeichen, dass ich an den oder die andere im Herzen gedacht habe.

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02DEZ2021
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Ich habe fast zwanzig Jahre in Ostdeutschland gelebt. Am Anfang habe ich mich dort auf seltsame Art fremd gefühlt, weil vieles so anders war, obwohl wir ja alle die gleiche Sprache sprechen. Und so richtig ‚fassen‘ konnte ich dieses ‚Andere‘ auch nicht.

Zuerst wollte ich das nicht so richtig wahrhaben. Wenn mir was seltsam vorgekommen ist, hab ich das oft beschwichtigt oder weggeschaut. Zum Beispiel bei der Wut, die mir manchmal von Leuten entgegengekommen ist, einfach weil ich Wessi war.

Aber dann habe ich eine Handvoll Leute so richtig kennengelernt, und da ist mir klargeworden: diese Menschen haben so heftige Geschichten hinter sich. Was ich da gehört habe, hat mich manchmal beschämt und manchmal auch einfach zum Staunen gebracht. 

Da ist zum Beispiel Mareike, die Lehrerin. In den 90er-Jahren, direkt nach der Wende, hat es für sie keinen gültigen Lehrplan gegeben und keine passenden Schulbücher mehr. Sie und ihre Kollegen haben sich in Windeseile in die neue Welt eingearbeitet, weil sie ihre Schüler gut aufs Abitur vorbereiten wollten. Eine Welt, die sie selbst noch nicht kannten.

Und Sascha, Mareikes Mann. Er hat eine Firma gegründet, obwohl er keine Ahnung von Kapitalismus hatte – und ist erst mal unter die Räder gekommen.

Meine Nachbarn: dreimal haben sie ihr Arbeitsleben komplett umgekrempelt. Jedes Mal wieder arbeitslos. Jedes Mal von vorn angefangen.

Als ich ihre persönlichen Geschichten gesehen habe, hat das gleich etwas von dieser Fremdheit genommen. Die Menschen sind mir in ihren Geschichten näher gerückt. Und auch wenn mir diese Geschichten fremd waren, ich habe gemerkt: es hilft mir, wenn ich erst mal akzeptiere, dass es so ist. Und mich für das interessiere, was mir da so fremd ist.

So ein Gefühl von: ‚Ich verstehe dich nicht‘ und dass ich mich dem anderen fremd fühle, das gibt es ja öfter. Obwohl Menschen sich eigentlich nahe sein könnten, weil sie miteinander oder nebeneinander leben. Ich denke da zum Beispiel an die Oma, die ihren Enkel nicht mehr versteht. Weil seine Welt eine ganz andere ist als ihre. Oder ich denke an die Muslima im Haus gegenüber, die ich morgens auf dem Weg zur Arbeit immer sehe. Auch wir sind einander fremd, obwohl wir in derselben Straße leben.

Jede und jeder hat seine spezielle Geschichte, die ihn oder sie prägt. Und wenn ich jemanden auch noch so oft sehe, solange ich seine Geschichte des Lebens nicht kenne, weiß ich nicht, was dahinter steckt. Wenn ich das erst einmal sehe und auch akzeptieren kann, wird der Weg frei, die anderen richtig kennenzulernen. Und im besten Fall dabei auch die eine oder andere Freundschaft zu finden.

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