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SWR4 Abendgedanken

02APR2026
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Heute ist Gründonnerstag.  Jesus hat an diesem Tag mit seinen Jüngern das letzte Mal zusammen gegessen und getrunken. Danach wurde er von einem von ihnen verraten und dann von römischen Soldaten verhaftet. Vorher jedoch hat Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen, was bei der Dramatik der Ereignisse oft in den Hintergrund gerät. Füße waschen!? Ich frage mich, ob ich das selbst könnte - anderen die Füße waschen.

Petrus, einem der Freunde Jesu, scheint es ähnlich zu gehen. Als Jesus ihm die Füße waschen will, entgegnet er entsetz: „Niemals sollst du mir die Füße waschen!“ Seine Reaktion ist auch verständlich, denn einem anderen die Füße zu waschen, war damals ein niedriger Sklavendienst. Sklaven wuschen ihren Herren den Dreck der Straße von den Füßen. Die Vorstellung, dass Jesus diesen Dienst übernehmen könnte, war für Petrus undenkbar. Jesus war für ihn ein Vorbild, ein Anführer, ja, der Sohn Gottes. Warum sollte Jesus solch einen niedrigen Dienst tun?

Ich verstehe Petrus Reaktion vor diesem Hintergrund. Für ihn war es eine Verdrehung der Verhältnisse. Mich beschäftigt aber auch die umgekehrte Sichtweise: Möchte ich mir von jemand anderem die Füße waschen lassen? Dabei kommt man sich doch sehr nah. Wer darf mich so berühren?

Jesus bietet mit der Fußwaschung Nähe an. Und so stellt sich für seine Freunde – und eben auch für mich – die stille Frage: Kann ich das annehmen? Kann ich überhaupt zulassen, dass mir jemand Gutes tut? Kann ich mir Nähe schenken lassen? Für viele ist es mindestens genauso schwer, Gutes für sich anzunehmen wie Gutes für andere zu tun.

Vielleicht ist das die Einladung dieses Gründonnerstages: Lass Dich darauf ein, dass es jemand gut mit Dir meint! Du darfst Dich auch einmal fallen lassen. Da ist jemand, der Dich auffängt und Dir im wahrsten Sinne des Wortes Deinen Schmutz von den Füßen abwäscht, ja, vielleicht sogar Deinen Lebensschmutz von der Seele.

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SWR4 Abendgedanken

01APR2026
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Am Osterfest vor zwei Jahren habe ich in Ghana, an der Westküste Afrikas, eine der Sklavenburgen besucht. Ein bedrückender Ort. Es war eine Festung, von der aus Hunderttausende von Menschen als Sklaven bewertet, eingepreist, verschifft und verkauf wurden.

Der ghanaische Pfarrer erinnerte an diesem Ort an die Geschichte von Judas, der Jesus für 30 Silberlinge verraten hat: „Was gebt ihr mir, dass ich euch verrate, wo Jesus ist?“ (Matthäus 26,15) Die Antwort der Verfolger, was ihnen das Leben Jesu wert ist, kommt sofort: „30 Silberlinge.“ Das war zu biblischen Zeiten der Preis, der für einen Sklaven bezahlt wurde. Er zeigt die Geringschätzung, die die Gegner Jesus entgegenbringen. In ihren Augen ist er ein Störenfried, nicht mehr wert als einer, der nicht dazugehört -einer, der beseitigt werden muss.

Ich spüre deutlich: Es ist für mich unmenschlich, wenn der Wert eines Menschen in Zahlen gemessen wird. Denn dann wird das Leben nur noch nach seinen Kosten und seinem Nutzen gefasst und nicht nach dem, was das Leben in seiner ganzen Breite ausmacht. Genau dafür stand Jesus.

Aber wie oft sind wir selbst in solchen Denkmustern unterwegs? Da wird Leben in Zahlen beschrieben, Schülerinnen und Schüler werden nach Noten beurteilt, Erwachsene nach Leistung und Effizienz, Beiträge im Internet nach Likes. Manchmal braucht es nur einen schlechten Tag, eine kleine Bemerkung, und schon fühlen wir uns weniger wert.

In der Passionsgeschichte wird Jesus tatsächlich für 30 Silberlinge verraten. Ein realer Verrat, eine reale Summe. Aber die Geschichte bleibt nicht dabei stehen. Sie mahnt uns: Kein Betrag kann den Wert eines Menschen festlegen, schon gar nicht den Wert Jesu.

Gott durchbricht an Ostern alle menschliche Logik. Gott setzt an Ostern einen anderen Wert für uns alle fest: Leben statt Tod. Und diese Rechnung gilt immer, jeden Tag.

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SWR4 Abendgedanken

31MRZ2026
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Hoch oben auf unserem Kirchturm thront ein Wetterhahn. Wind und Wetter hält er stand, Eis und Schnee. Und vor ein paar Tagen - als endlich die Frühlingssonne durchkam – hat er zum ersten Mal seit Monaten golden in der Sonne geleuchtet. Der Wetterhahn sitzt nicht zufällig weit sichtbar auf den Kirchtürmen. Er soll die Menschen daran erinnern, ihr Leben ehrlich zu führen. Ehrlich mit sich selbst und ehrlich miteinander.

Der Hahn stammt aus der Passionsgeschichte. Dort kräht er in der Nacht nach Jesu Verhaftung dreimal. Und dieses kurze Krähen erinnert Petrus an sein eigenes Versagen in dieser Nacht. Petrus wollte mutig an Jesu Seite bleiben, als der von den römischen Soldaten verhaftet wird. „Ich gehe mit dir durch dick und dünn!“ Er wollte stark sein und merkt beim Hahnenschrei, dass er es einfach nicht war. Als er gefragt wird, ob er Jesus kennt, wird er schwach und antwortet: „Ich kenne diesen Mann nicht!“ Eine sehr menschliche Reaktion. Petrus hatte Angst, er könne sonst auch verhaftet werden, es könne ihm wie Jesus ergehen. Der Hahnenschrei mahnt Petrus: Schau hin. Sei ehrlich mit dir selbst. Auch Du hast Deine Ängste und Schwächen.

Und das Wunderbare ist: Das ist nicht alles. Denn, dass der Hahn kräht, zeigt nicht nur das Scheitern, sondern zugleich einen Anfang. Den Anfang eines Weges – hinein in Vergebung, hinein in ein Neuwerden, sogar in eine Berufung. Denn Jesus sucht Petrus kurz nach den Osterereignissen auf, aber nicht, um ihm Vorwürfe zu machen. Er fragt nicht: „Warum hast du mich verlassen?“, sondern: „Hast du mich lieb?“ Und dazu kann Petrus aus vollem Herzen ja sagen. Es beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Er wird zu einem mutigen Vertreter der Sache Jesu.

Der Hahn auf unseren Kirchtürmen erinnert an diese Geschichte einer Verwandlung vom Versagen zu einem neuen Weg. Und darum freut es mich, wenn die Sonne den Hahn manchmal golden zum Leuchten bringt. Er kann uns an Momente erinnern, in denen wir uns selbst nicht wiedererkennen. Er erinnert uns: Versteck dich nicht: Es gib einen neuen Anfang. Du darfst ihn wagen.

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SWR4 Abendgedanken

30MRZ2026
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Ich sitze in einem Café. Eine Frau geht an meinem Tisch vorbei; der Duft ihres Parfüms erinnert mich sofort an meine ehemalige Posaunenchorleiterin. Für einen Augenblick sitzt sie mir wieder gegenüber mit ihren leuchtenden Augen, den Stirnfalten beim Zuhören. Sogar ihre Stimme klingt mir in den Ohren. „Sei mutig und stark!“ (Josua 1,9) ruft sie mir durch die Zeit hindurch zu.

Dieser Satz war typisch für sie; erst spät habe ich verstanden, warum. Wie viele Frauen ihrer Generation hatte sie im Krieg ihren Mann verloren. Für sie und ihren Sohn waren die Nachkriegsjahre hart. „Sei mutig und stark!“ – dieses Mutmachwort aus der Bibel hat sie sich wohl selbst oft zugesprochen, um durch ihren Alltag zu kommen. Es wurde zu ihrer Lebenshaltung, und sie strahlte ein großes Gottvertrauen aus. Ich war mir sicher, diese Frau konnte so schnell nichts umhauen. Sie wusste, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern, dass Gott gerade in solchen Zeiten nahe ist. Das hat ihr Kraft gegeben.

Diese Frau hat mich tief geprägt, und der Posaunenchor unter ihrer Leitung war gewiss nicht nur für mich eine Lebensschule. Sie hat sich für die Menschen interessiert, die dort zusammenkamen und sich nach den Proben Zeit genommen, oft auch für mich: „Na, wie war die Woche?“ „Hast du das in den Nachrichten mitbekommen?“ Sie hat mich ermutigt, genau hinzuschauen, was mit mir und um mich herum passiert. „Nimm nicht alles einfach hin. Hinterfrag die Dinge!“ „Trau‘ dich, Neues auszuprobieren!“ und „arbeite an dir selbst, wenn du mit etwas unzufrieden bist!“

Und immer wieder dieser Satz: „Sei mutig und stark! Denk daran: Gott geht mit dir!“ Ich staune, wie ein Hauch von Duft, der mir in die Nase weht, dieses Mutwort wieder so lebendig macht. Wie oft hat mich dieser Satz aufgerichtet, gerade, wenn ich mich klein fühlte! Wie oft hat er mich daran erinnert, dass ich nicht zu schnell aufgeben soll, wenn etwas nicht klappt. Und darum möchte ich es gerne weitergeben: Sei mutig und stark!

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SWR4 Abendgedanken

12DEZ2025
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Das Wochenende steht vor der Tür - und ich freue mich darauf! Bei uns in Wertheim findet am Wochenende ein Adventsmarkt statt, der im Wesentlichen von den örtlichen Vereinen getragen wird. Auf dem historischen Marktplatz und in den Gassen stehen Holzbuden, geschmückt mit Tannenzweigen und Sternen. An allen Hausfassaden ringsum haben die Stadtwerke Lichterketten aufgehängt. Es duftet nach frisch gebackenen Waffeln und würzigem Apfelpunsch, nach Bratwürstchen und gebrannten Mandeln. An einem Stand sind die Abiturienten zu sehen, die mit dem Verkaufserlös ihre Abschlussfeier finanzieren möchten, an einem anderen Kindergarteneltern, die die Anschaffung eines neuen Spielhauses unterstützen möchten. Fußballer, Technisches Hilfswerk, Frauenverein, Malteser, Förderverein der Kirche – irgendwie sind alle dabei. Auf einer kleinen Bühne gibt es dazu ein buntes Musikprogramm: Schüler der Musikschule, Musikkapellen der Umgebung, ein Posaunenchor. Die Klänge mischen sich mit dem fröhlichen Stimmengewirr, während Jung und Alt unter dem in diesem Jahr wirklich riesigem Tannenbaum zusammenstehen, lachen, reden und sich wärmen.

Ich mag diesen kleinen, ganz besonderen Adventsmarkt, weil sich hier zeigt, was Advent für mich ist: Nämlich, sich gemeinsam auf Weihnachten zu freuen und miteinander etwas zu gestalten, was dann der ganzen Stadt guttut. Großeltern kommen mit ihren Enkelkindern, alte Klassenkameraden verabreden sich auf einen Glühwein, eine Truppe Rentnerinnen trifft sich. Der Marktplatz ist voll, und in den frühen Abendstunden strahlen die Besucher und die Adventsbeleuchtung um die Wette. Vielleicht ist dies die eigentliche Botschaft des Advents:  Wir warten nicht alleine auf das Weihnachtsfest, wir gehen gemeinsam darauf zu. Und manchmal spüren wir schon jetzt, mitten auf dem Marktplatz, etwas von dem Licht, das uns aus der Krippe entgegenstrahlt. Dieses Licht von Bethlehem kann durch uns weiterleuchten, auch schon vor Weihnachten, wenn wir zusammenkommen, einander Gutes tun und Freude teilen.

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SWR4 Abendgedanken

11DEZ2025
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Eines meiner Lieblingslieder im Advent ist der Choral „Wie soll ich dich empfangen und wie begeg‘n ich dir?“ Er gehört nicht zu den jubelnden Festliedern und dürfte nur selten auf einem Weihnachtsmarkt in diesen Tagen zu hören sein. Der Text stammt von Paul Gerhardt, der zum Beispiel auch das Sommerlied „Geh‘ aus, mein Herz, und suche Freud‘“ geschrieben hat. Mir gefällt Paul Gerhardts Adventslied, weil es mich dazu einlädt, darüber nachzudenken, wie ich das Weihnachtsfest angehen möchte. Dabei geht es mir nicht um das Drumherum und den Festabend, um die Deko und Geschenke, sondern allein um mich und meine innere Haltung. Meine Großmutter hat das Innere noch mit dem Äußeren verbunden. Vor dem Weihnachtsfest fiel sie in einen regelrechten Putz- und Aufräumwahn. Mit der Begründung: „Wenn Jesus kommt, dann muss das Haus sauber sein!“ Das hat mich als Kind gewundert. Jesus wurde doch in einem Stall geboren, und dort war sicher nicht alles blitzblank. Erst später habe ich verstanden: Das Aufräumen war für meine Großmutter mehr als Möbelrücken, es war ihre eigene persönliche Vorbereitung auf das Fest. Sie hat nicht nur ihre Wohnung, sondern auch ihr Herz und ihre Seele in Ordnung gebracht:  Nicht nur der Staub auf den Schränken, sondern der Ärger, der Frust, die Sorgen – all das, was sich übers Jahr in ihr angesammelt hatte, sollte nicht länger darin bleiben. Und so hat sie sich Zeit genommen, um in ihrem Inneren zurechtzurücken, was zwischen ihr und ihrem Umfeld aus dem Lot geraten war: Zeit für einen Anruf beim ältesten Sohn, von dem sie lange nichts gehört hatte, für einen Brief an die Tochter in Amerika. Eine Botschaft an die Enkelin: Du bist alt genug, Dein Zimmer auch einmal selbst aufzuräumen. Das muss nun wirklich nicht mehr deine Mutter tun.

Heute frage ich mich, was ich vielleicht noch vor dem Weihnachtsfest angehen muss, damit ich dann auch gut feiern kann. Wo braucht es noch etwas Ordnung? Wo sollte ich wirklich noch mal aufräumen, damit es ein echtes, nicht nur ein oberflächliches Fest für mich wird? .“Wie soll ich dich empfangen und wie begeg‘n ich dir?“  Vielleicht fange ich morgen früh gleich einmal mit der Küche an.

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SWR4 Abendgedanken

10DEZ2025
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In zwei Wochen ist Heiligabend und jetzt, um diese Uhrzeit herum, werden wir als Familie gemeinsam unter dem Tannenbaum sitzen. Ich freue mich darauf und ich glaube, mein Mann und unsere Kinder auch. Als unser Sohn im Kindergartenalter war, erklärte er seiner kleinen Schwester ein paar Tage vor Weihnachten, wie genau der Weihnachtsabend ablaufen wird: „Dort, da in der Ecke wird der Tannenbaum stehen! Da liegen dann die Geschenke. Meine liegen unter der Lampe und deine dort vor dem Schrank.“

„Ok“, dachte ich danebenstehend, „gut, dass ich das weiß!“ Mir war gar nicht klar, dass er sich die Dinge so eingeprägt hatte. Und es ging noch weiter: „Vorher essen wir zusammen - richtig lecker und dann singen wir ganz laut „O du fröhliche!“ Wow, was für klare Vorstellungen unser Sohn vom Weihnachtsfest hatte! Für den kleinen Mann gab es da gar keine Zweifel: So und nicht anders läuft das Weihnachtsfest ab. Ja, Weihnachten ist das Fest der Erwartungen. Genau diese Erwartungen – vor allem dann die der Erwachsenen - machen das Fest aber manchmal auch schwer. Vor allen Dingen, wenn die Erwartungen nicht offen ausgesprochen werden. Dann kann es schnell zu Enttäuschungen kommen und die Stimmung kippt. Seit dieser Situation mit unserem Sohn ist mir bewusst geworden, dass es gut ist, rechtzeitig vor dem Fest die Erwartungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Es gibt auch nicht das eine richtige Weihnachtsfest. Weihnachten kann man sehr verschieden feiern. Allein oder in der großen Familie, zu zweit oder auf einer Weihnachtsparty, in der Kirchengemeinde oder im Winterurlaub. Wichtig ist, dass man darüber nachdenkt, wie man selbst feiern möchte. Im Laufe der Jahre verändern sich manche Vorlieben und auch das Leben bringt Veränderungen: die Kinder werden groß und ziehen aus, die Großeltern leben nicht mehr - manchmal sehnt man sich nach Ruhe, manchmal nach Gemeinschaft.

Und bei uns? Unsere Kinder sind jetzt groß. Die Geschenke müssen nicht mehr an einem bestimmten Platz liegen, das Essen ist unserem Sohn aber immer noch wichtig. Inzwischen kochen wir gemeinsam am Heiligen Abend. Das finde ich schön und darauf freue ich mich sehr – und am Ende   gilt dann immer noch, was schon vor 15 Jahren galt: Wir singen laut „O, du fröhliche!“ unter dem Weihnachtsbaum - und sind es dann hoffentlich auch.

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SWR4 Abendgedanken

09DEZ2025
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Vor ein paar Tagen hat es am Abend geschneit. Als unsere 16jährige Tochter die dicken Flocken gesehen hat, ist sie jubelnd nach draußen gestürmt. Für einen Schneemann hat der Schnee noch nicht gereicht. Aber ein großes Herz hat sie für uns in den Schnee gezeichnet, so dass wir es vom Küchenfenster aus sehen konnten. Ein Zeichen der Liebe, ein Moment voller Glück für sie, den sie mit uns geteilt hat. Ich habe lange auf dieses so vergängliche Herz geschaut. Es war so schlicht und gleichzeitig voller Bedeutung. “Ich liebe euch!“

Jetzt, kurz vor Weihnachten wird die Liebe oft groß und glitzernd auf die Bühne gebracht. Die Werbung zum Fest will mir weismachen, dass ich Liebe kaufen und dann verschenken kann. Je größer, umso besser. Aber Liebe muss nicht groß und glitzernd sein und ganz gewiss kann man sie nicht kaufen. Liebe ist oft leise, sie zeigt sich in kleinen Zeichen, die uns sagen: Ich denke an dich. Du bist mir wichtig. Und ich glaube, echte Liebe will weniger beeindrucken als berühren.

Das Herz im Schnee hat mich, hat uns alle als Familie berührt. Solch ein Moment lässt sich nicht als Weihnachtsgeschenk verpacken und doch bleibt es ein herrliches Geschenk, das über den Moment hinauswirkt. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, sehe ich dieses Herz noch immer vor mir, obwohl längst aller Schnee geschmolzen ist.

Das möchte ich für dieses Weihnachtsfest mitnehmen:  Es braucht keine großen, glitzernden Geschenke, um einem anderen Menschen zu zeigen, dass er mir wichtig ist. Da zählt anderes viel mehr: Ein handgeschriebener Brief mit einer Einladung zum Abendbrot, ein gemeinsamer Spaziergang an einem besonderen Ort, ein Musikstück, für das lange geübt worden ist, und das nur für mich gespielt wird, ein Foto von einem schönen gemeinsamen Moment. Alles Dinge, die nicht viel kosten, die von Herzen kommen und meinem Gegenüber sagen:  Du bist mir wichtig!

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SWR4 Abendgedanken

08DEZ2025
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Heute hätte mein Vater Geburtstag. Er ist vor acht Jahren gestorben; das ist schon lange her. Trotzdem bleibt sein Geburtstag weiterhin für mich ein besonderer Tag im Jahr. Ich erinnere mich noch gut an die Geburtstage meines Vaters, als ich noch ein Kind war. Gefeiert wurde am Abend, nach der Arbeit. Meistens mit einem schönen Abendessen mit der Familie und ein paar engen Freunden – der Höhepunkt kam immer gegen Mitternacht: Die Geburtstagstorte. Und das durfte nicht irgendeine Torte sein, sondern eine Preiselbeer-Sahnetorte, selbstgemacht von meiner Mutter. Die Geburtstagstorte mitten in der Nacht war ein durch die Jahre gepflegtes Ritual, obwohl da eigentlich ja alle schon längst satt waren. Und so sehe ich meinen Vater nun auch Jahre nach seinem Tod vor mir: An seinem Geburtstag in großer Runde, wie er strahlt, als die Torte auf den Tisch kommt und wir alle miteinander das Leben feiern. Mein Vater trug eine große Lebensfreude in sich: Er war Kaufmann, hatte ein großes Gottvertrauen und einen sehr norddeutschen Humor. Auch schwierigen Situationen vermochte er etwas Gutes abzugewinnen und sei es, dass man aus ihnen etwas für das weitere Leben lernen konnte.

Die letzten Lebensjahre meines Vaters waren nicht einfach. Er ist immer tiefer in einer Demenz versunken. Am Ende, nach mehreren Jahren, lag er wie ein Kleinkind in seinem Bett. Das war für alle, für ihn selbst, aber besonders für meine Mutter, eine große Herausforderung und eine schwere Zeit. Meine Mutter war für ihn da, rund um die Uhr. Auch in diesen Zeiten hat sie an unseren Familienritualen festgehalten, und so gab am Geburtstag eine große Preiselbeer-Sahnetorte. Und selbst in der allertiefsten Demenz hat mein Vater, als er die Torte gesehen hat, wie früher gestrahlt. Für diesen einen Moment war er wieder mitten im Leben. Dieses Strahlen ist mir in Erinnerung, wenn ich heute an meinen Vater denke. Auf seiner Trauerfeier hieß es damals in einem biblischen Text: „Gott wird abwischen alle Tränen:“ Das war mir so direkt nach seinem Tod ein wenig zu viel. Ich hatte sein jahreslanges Leiden noch zu sehr vor Augen. Jetzt spüre ich, dass dieser Satz stimmt: Ich habe jetzt wieder sein ganzes Leben im Herzen. Heute Abend esse ich ein Stück Preiselbeer-Sahnetorte. Und ich weiß, dass er strahlt, wenn er das im Himmel sieht.

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SWR4 Abendgedanken

17OKT2025
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Ich sitze in einem Café in Karlsruhe und warte auf meinen Sohn. Ich bin ein wenig aufgeregt. Seit einem Jahr lebt er hier, ein paar hundert Kilometer von uns entfernt. Es war sein Traum, hier zu studieren. Fast auf den Tag genau an seinem 18. Geburtstag hat er sein winziges Zimmer in einem Wohnheim bezogen. „Mama, schön, dass Du kommst. Am besten treffen wir uns in einem Café, mein Zimmer ist zu klein!“

Sein Umzug, oder besser sein Auszug aus dem Elternhaus war eine enorme Umstellung. Für ihn, aber auch für uns als Familie. 18 Jahre haben wir zusammengelebt. Der Anfang war für uns als junge Eltern abenteuerlich: Durchwachte Nächte, weil unser Sohn einfach nicht durchschlafen wollte. Dann die spannende Zeit, als er begann, die Welt kennenzulernen: Er staunte über Blumen und Bienen – und wir mit ihm. Er fing an zu sprechen, hat Worte erfunden, sie in kindlicher Logik zusammengesetzt. „Oh Papa, hast du einen neuen Bartfeger?“ Wir haben uns weggeschmissen. „Bartfeger?! Ja, der Papa hat einen neuen Bartfeger, das nennt man Rasierer.“ „Ah!“ Die Schulzeit hatte Höhen und Tiefen, Hobbies wurden ausprobiert und wurden abgelegt. Fußballspielen war eine Zeitlang toll, dann reichte es. Dafür kam dann irgendwann das Schlagzeugspielen. Meine Güte, was hat es da hier und da in unserem Haus gekracht und gescheppert! Es war seine Art, sich vom Stress abzureagieren. Nun ist es bei uns zu Hause viel ruhiger – und ich vermisse es. Ich habe mich immer gefragt, wie es sein wird, wenn unser Sohn das Haus verlassen wird. Wird es wie bei der Geschichte vom verlorenen Sohn aus der Bibel sein?  Auf und davon, das Leben in vollen Zügen auskosten und dann nichts mehr mit zu Hause zu tun haben? Nur wieder aufschlagen, wenn alles schiefgelaufen ist?

Ich sehe von meinem Platz im Café aus auf einmal einen jungen Mann kommen. Hochgewachsen ist er, fröhlich schaut er aus, er strahlt und breitet seine Arme aus. Es erinnert mich an das Spiel, das wir in seiner Kindheit so oft gespielt haben „Wer kommt in meine Arme?“ Und während er mich in seine Arme schließt, spüre ich: Er ist groß geworden – und doch bleibt er mein Kind. Nicht verloren, sondern unterwegs. Und ich darf ihn weiter begleiten, auf neue, andere Weise.

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