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SWR4 Abendgedanken

31JUL2026
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„Sichern“ -dieses Wort kennen wir aus der Werbung. Verlockend wird uns vor Augen geführt, was morgen vielleicht schon nicht mehr zu haben ist. In allen Variationen und mit immer wieder neuen verheißungsvollen Versprechungen: Melden sie sich noch heute zum Newsletter an und sichern sie sich einen Rabattgutschein. … Sichern sie sich telefonisch die letzten Exemplare dieser Uhr. … Oder: Nur noch bis 24 Uhr können sie sich eine Kabine auf unserer Karibikkreuzfahrt zum Sonderpreis reservieren lassen.

Die französische Autorin und Mystikerin Madeleine Delbrel verwendet dieses Wort ganz anders. Sie fragt nicht, wie ich mir selbst etwas sichern kann, sondern wie es gelingen kann Gott einen Ort zu sichern. Mitten in meinem Alltag. Mit seinen Herausforderungen. Im Wettbewerb und in der Jagd nach Vorteilen.

Gott einen Ort zu sichern, das schaffe ich selbst nicht. Auch nicht durch viele Gebete, oder häufige Gottesdienstbesuche. Auch zu meinen, ich müsste Gott erst herbeiholen- das wäre ein gewaltiger Irrtum. Gott ist längst da. Es geht drum, ihm Raum zu geben, den ich so oft mit anderen Dingen fülle.

Nahe bei meiner Wohnung steht eine romanische Dorfkirche. Seit fast 900 Jahren. Ich gehe gerne dort hin. Sie ist ein guter Ort zum Aufatmen und Nachdenken. Ein Ort der Stille. Dort spüre ich: Gott wohnt nicht zwischen alten Mauern. Gott wohnt in mir. In meinen Mitmenschen. Dort wo sie und ich lieben und leiden. Hoffen und zweifeln.

Vielleicht ist das der Ort, den Gott sucht: ein offenes Herz.

In einem modernen Kirchenlied heißt es:  Weißt Du, wo der Himmel ist? Die Antwort lautet: Du bist mitten drinnen. Ein schöner Gedanke. Der Himmel beginnt nicht erst irgendwann und irgendwo. Er ist schon da. Hier und jetzt. Davon erzählt auch die Bibel. In der Geschichte der Taufe Jesu. Kaum hat Johannes Jesus im Jordan getauft, öffnet sich der Himmel.

Gott sucht keinen fernen Ort. Ein offenes Herz genügt. Mehr braucht es nicht.

Gott einen Ort sichern. Vielleicht heißt das ganz einfach: ihm Raum geben. In meinem Leben. In meinem Herzen. Und überall dort, wo Menschen einander lieben, sich tragen und nicht allein lassen. Der Himmel? Vielleicht bin ich tatsächlich mittendrin.

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SWR4 Abendgedanken

30JUL2026
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Ich arbeite als Seelsorger im Krankenhaus. Ruhig ist es hier nie. Geräusche gibt es Tag und Nacht. Da gib es den Schrei der Kinder, die gerade geboren sind und den schweren Atem von Menschen, die unter Schmerzen leiden. Auf der Intensivstation piepst es an allen Ecken und Enden an den medizinischen Geräten mit Kurven und Zahlen auf dem Display. Und draußen erst, wie aus heiterem Himmel der Lärm des Rettungshubschraubers und schriller geht es wohl kaum: das Martinshorn des Krankenwagens. Nein zur Ruhe kommt dieses Haus nie.

In unserer Krankenhauskapelle steht ein Klavier. Ein ganz anderer Klang geht von ihm aus. Als ich vor Tagen spät abends in mein Büro bei der Kapelle lief, spielte dort ein Patient. Er flutete den Flur mit wohltuenden Klängen und hatte seine Freude daran.

Das brauche ich vor der Nacht, meinte er und spielte weiter.

Wie wohltuend, dachte ich mir nach einem langen Tag. Könnten es doch all die Patientinnen und Patienten hier im Haus hören und so vielleicht ein wenig zur Ruhe kommen. Klänge die uns Menschen guttun. Die zur Heilung beitragen. Musik, die wir hören und Lieder, die wir singen. Der Klang einer Klangschale, die meinen Körper in Schwingung bringt. Die vertraute Stimme eines lieben Menschen, die ich schon von weitem erkenne. Zwitschernde Vögel in den Bäumen vor dem Fenster und das Lachen der Kinder im Freibad nebenan.

Den so ganz anderen Klängen Raum zu geben ist manchmal ganz schön schwer. Nicht nur im Krankenhaus. Unsere Welt ist sehr laut. Pausenlos werden wir berieselt. Wenn wir wollen können wir die Nacht zum Tag machen. Doch ein Versuch ist es immer wert. Still zu werden. Und vielleicht braucht es spät am Abend nur noch diesen einen Klang: den der Stille. Ich liege und schlafe ganz mit Frieden. Du Gott hilfst mir, dass ich sicher wohne heißt es in einem Abendgebet. Es sind nur wenige Worte, die mir guttun. Ein stilles Vertrauen, dass Gott da ist. Wie bei einem Kind, das viel besser einschläft im Bett seiner Eltern. 

Kommen Sie gut durch diesen Abend und behütet durch die Nacht.

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SWR4 Abendgedanken

29JUL2026
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Vom Auto wurde er angefahren. Glück im Unglück hatte er. Der Patient im Krankenhaus erzählt mir den Unfallhergang bis ins Detail. Außer etlichen Prellungen am Bein und der schmerzhaften Verletzung seiner Schulter ist er wohlauf. Das braucht Zeit und Tag für Tag 30 Minuten Physiotherapie. Und dann beginnt seine eigentliche Geschichte.

Gesternwar wieder die Physiotherapeutin bei mir. Die versteht ihr Handwerk, meint er schmunzelnd. Von seiner Liebe zum Singen, zu dem er sich selbst mit der Gitarre begleitet, hat er ihr während der Behandlungen immer wieder erzählt. 

Die Therapeutin, so erzählt er mir dann stolz, wollte vor Tagen von mir den Text zum Lied: Der Mond ist aufgegangen. Das habe er sich nicht zweimal sagen lassen und während sie ihn behandelte, hat er ihr den Text nicht nur aufgesagt, sondern stolz vorgesungen. Alle sieben Strophen natürlich.

Beim nächsten Besuch brachte die Therapeutin dann ihre Gitarre mit und meinte: Spielen Sie doch damit, ich brauch die die nächsten Tage nicht. Was jetzt geschah grenzt für ihn an ein kleines Wunder. Stundenlang hat er Gitarre gespielt und gesungen. Im Einzelzimmer war das problemlos möglich. Die Schmerzen in der Schulter hat er dabei immer mehr vergessen. Er war ganz konzentriert auf sein Instrument, den Klang, die vibrierenden Saiten und Schwingungen. Die Physiotherapeutin bekommt jetzt fast täglich eine Kostprobe aus seinem Programm.

Ich liebe diese Geschichte. Gitarrensaiten klingen nicht aus sich selbst. Sie müssen berührt werden. Vorsichtig, oder auch kraftvoll, damit sie in Schwingung geraten.

So ist das auch bei uns Menschen. Wir werden berührt. Von anderen Menschen. Von einem Lied. Vom Klang der Musik. Ja der Mann hatte Schmerzen. Seine Mobilität war eingeschränkt. Seine Schulter verletzt. Aber da ist noch mehr. Seine Stimme. Seine Liebe zur Musik. Sein Stolz der Therapeutin etwas vorzusingen. Er war nicht nur Patient für die Therapeutin. Nicht nur einer, der von einem Auto angefahren wurde. Er ist auch ein Mensch, der singt und seine ganz persönliche Stimme hat. Die Gitarre unter den Arm nimmt und ihre Saiten anschlägt. Dann gerät etwas in Schwingung. Die Saiten der Gitarre. Und auch seine Seele. Manchmal braucht es dazu einen Menschen, der uns berührt. Oder einfach eine Physiotherapeutin, die nicht nur die Schulter behandelt, sondern einfach auch mal ihre Gitarre mitbringt.

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SWR4 Abendgedanken

28JUL2026
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Es gibt Abende da bin ich mit meinen Gedanken schon beim nächsten Tag. Ich denke dann an all das, was auf mich zukommen wird. Mich überfordert, oder zeitlich einfach zu viel ist. Ganz zu schweigen von all dem, was heute liegen geblieben ist und morgen aufgearbeitet werden muss. All das ist nicht gut, um am Abend zur Ruhe zu kommen.

Was tue ich?

Etwas Erleichterung bringt mir, wenn ich alles, was ich so morgen vorhabe auf einen Zettel schreibe und dabei meine Gedanken ein wenig sortiere. Allein das Aufschreiben ist schon heilsam. Denn wenn ich es aufschreibe, muss ich es mir nicht mehr im Gedächtnis festhalten.  Der kommende Tag bekommt Struktur und ist dann nicht mehr ganz so bedrohlich. Ich hab ja alles aufgeschrieben und kann den Zettel beruhigt beiseitelegen. Nein, ich muss auch nicht alles allein machen morgen. Ich darf gelassen sein. Ich denke an all meine Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich morgen zusammenarbeiten werde. Und fast hätte ich es vergessen: Da ist ja auch noch meine Familie.

Das Aufschreiben ist ein kleines Ritual, um den Tag in Ruhe ausklingen zu lassen.

Mein Gott auf Dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.

So heißt es in einem Abendgebet der Christen. Mir gefallen diese Worte. Es sind uralte Gebetsworte, einst aufgeschrieben von Jüdinnen und Juden. Gesprochen bis heute. Meine Angst nicht mehr alles zu schaffen, wird darin in tiefes Gottvertrauen verwandelt.

Mein Gott auf Dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben. Das sind keine Worte der Schwäche. Sie gehen mir durch den Kopf, während ich noch einmal auf den Zettel mit all meinen Planungen für morgen schaue. Ich schaue auf meine Hände, die den Zettel halten. Was sie tragen können und was nicht. Was sie ausrichten und was sie anrichten.

Mein Gott auf Dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.

Ein Gebet, das mich lehrt auch so manches loszulassen. In andere Hände zu legen. Auf mehrere Schultern zu verteilen. Es ist eine gute Vorbereitung für den Schlaf in der Nacht. Die Nacht erlaubt mir jeden Abend alles loszulassen und abzugeben. Im Vertrauen gehalten zu sein. Von Gott und den Menschen. So kann ich zur Ruhe kommen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.

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SWR4 Abendgedanken

27JUL2026
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Wer hätte das gedacht?! Mit dieser Frage beginnt meine Schwiegermutter immer wieder staunend, wenn sie aus ihrem Leben erzählt. Und sie hat mit ihren 97 Jahren sehr viel zu erzählen. Sie erzählt ihre Geschichten immer so, als würde sie all das noch einmal durchleben. Manchmal mit einer kleinen Träne in den Augen. Geschichten vom Krieg und vom Frieden. Vom Glück von der großen Familie getragen zu sein. Liebesgeschichten vom unvergessenen Partner und vom Glück genau ihn gefunden zu haben. Geschichten von der Geburt und dem Stolz auf die Kinder, Enkel und Urenkel.

Aber auch leidvolle Geschichten vom Sterben und all ihren Lieben, die nicht mehr da sind.

Wer hätte das gedacht?!

Meine Schwiegermutter kann über ihr Leben noch immer staunen. Denn was kann man schon groß planen. Vieles kommt uns entgegen. Anders als erwartet. Überraschend. Unverfügbar. Das lehrt uns jede Minute schon.

Wer hätte das gedacht?!

Wenn meine Schwiegermutter so beginnt, ist sie dankbar, verwundert und nachdenklich zugleich. Ich muss an einen Text in der Bibel denken, der mich beim Lesen immer wieder berührt. Er erzählt die Geschichte von der Rückkehr des Volkes Israel aus dem babylonischen Exil. All das war für die Menschen damals unerwartet und überwältigend. Fast wie im Traum. Nach Jahrzehnten der Vertreibung hatte kaum jemand noch damit gerechnet jemals Jerusalem wiederzusehen. Jüdinnen und Juden erinnern sich bis heute im Psalm daran, wie sie in die geliebte Heimat zurückkehren durften und den Tempel wieder aufbauten. Vielleicht haben sie die folgenden Verse gesungen, als sie endlich durch die Stadtore Jerusalems schritten.

 

Als Gott uns heimbrachte aus der Gefangenschaft nach Jerusalem,

das war wie ein Traum.

Wir lachten aus vollem Hals und jubelten laut vor Freude. 

Auch die anderen Völker mussten zugeben:

Was Gott für sie getan hat, ist groß und gewaltig!

Wir waren außer uns vor Freude.

 

Wer hätte das gedacht?!

Immer wieder staunen, wie sich etwas entwickelt. Schauen auf das, was mir geschenkt wird. Womit ich vielleicht nie gerechnet hatte. Denn mein Leben ist größer und überraschender, als ich es mir jemals ausmalen könnte. Und am Ende eines Tages ist es gut, wenn ich bei allem, was war dankbar und staunend sagen kann: Wer hätte das gedacht?!

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SWR4 Feiertagsgedanken

01MAI2026
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Hör doch auf zu träumen! Konzentriere Dich! Wo bist Du denn schon wieder mit deinen Gedanken? Während andere Kinder in der Klasse gespannt einer vorgelesenen Geschichte zuhören, schweift ein Kind ab, um in eigenen Gedanken auszumalen, wie die Geschichte weitergehen könnte. Ein Lob ist es gerade nicht, was Lehrerinnen und Lehrern immer wieder ihren Schülern zu verstehen geben, wenn sie träumen, statt aufzupassen. Schade, dass das Träumen so schlecht wegkommt. Ist doch Träumen so wichtig. Für Kinder und uns Erwachsene.

Wenn wir träumen sinken wir zurück in eine Welt außerhalb der Wirklichkeit, die uns umgibt. Der Verstand tritt zur Seite und eine ganz neue Welt mit ungeahnten Möglichkeiten tut sich auf. Im Traum versuchen wir mit wundersamen Bildern unser Leben zu verstehen. Träume erweitern buchstäblich mein Leben.

Heute, am 1. Mai, denkt die katholische Kirche in ihren Gottesdiensten an einen ganz besonderen Träumer. Es ist Josef, der Verlobte von Maria und der Vater von Jesus. Josef der Träumer. Aus gutem Grund nennen wir ihn so, denn in der Bibel ist kein einziges Wort von ihm überliefert. Das beginnt schon in der Krippe an Weihnachten. Gezeigt wird oft ein alter grauer Mann, der nachdenklich neben seiner jungen Frau und dem neugeborenen Kind steht. Blass und fast schon im Hintergrund. Auf den Stock gestützt darf er bestenfalls eine Laterne halten, um den dunklen Stall etwas zu erleuchten. Die biblischen Geschichten erzählen von seinem Konflikt, der ihn zerreißt. Denn er lebt in einer Gesellschaft, die lehrt, dass ein gerechter Mann nicht eine Frau wie seine Maria lieben darf. Eine Frau, die fremd gegangen ist und noch vor der Hochzeit von einem anderen Mann schwanger wird. Ich sehe ihn vor mir, den Träumer. Wie er still leidet. Wie er vor sich hin träumt und darüber nachdenkt, ob er bei seiner Maria bleibt, oder doch besser gehen sollte. Ob er seinem Herzen, oder doch den gesellschaftlichen Konventionen folgen sollte. Ein Engel nimmt ihm die Angst lesen wir in der Bibel. Er erscheint Josef im Traum. Die Antwort des Engels auf das Dilemma des Josef ist kurz und knapp und ohne Wenn und Aber: Josef, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen.

 

 

Josef der Träumer. Heute ist sein Festtag. Ein Traum befreit ihn aus seinem Dilemma. Er entscheidet sich für seine geliebte Maria und sein Kind. Nicht von ungefähr nennt die Bibel Josef einen gerechten Mann. Das bedeutet: Er befolgt die religiösen Gesetze und will das Gute. Und er hat einen Draht nach oben. Denn er bleibt offen für Gott. Manchmal sagen wir: Daran hätte ich im Traum nicht gedacht! Wenn ich so spreche, gebe ich zu, dass es da noch ganz andere Möglichkeiten außerhalb von meinem Denken und meinem Verstand gibt. Möglichkeiten Gottes mit mir. Träume, die Gott für mich träumt. Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, aber Gott zeigt mir einen Weg.

Im Jahre 1855 wurde der Indianerhäuptling Seattle von der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika aufgefordert, das Gebiet seines Stammes an die Regierung zu verkaufen. Er antwortete darauf in einer berühmten Rede. Eure Religion, so sagt er, ist oft geschrieben auf steinerne Tafeln, mit eisernen Fingern und von einem zürnenden Gott. Wir haben diese Art zu glauben niemals in unser Herz aufgenommen. Unsere Religion gründet auf Träume und Visionen.

Die Frömmigkeit des Josef stellt wie in dieser Rede alles in Frage, was so oft gelehrt und gepredigt wird. Was irgendwo in Katechismen und frommen Glaubensbüchern steht. Was Gesetze und Verordnungen, bis ins Detail regeln wollen, was zu glauben ist und was nicht. Unter Androhung von Befehl und Strafe. Dieser gerechte Josef lehrt mich ganz anders zu glauben. Er lehrt mich meinen Träumen zu trauen. Mein Glaube wird dann nicht mehr von außen bestimmt. Denn im Traum spricht Gott zu mir. Mehr in der Stille als mit vielen Worten. Hat zu Ihnen ein Lehrer, oder eine Lehrerin einmal gesagt: Hör auf zu träumen? Es war gut, dass sie sich getraut haben auch einmal in der Schule zu träumen. Heute am Festtag des Josef werden wir daran erinnert, wie notwendig das Träumen ist. Bis ins hohe Alter hinein. Denn nur so finden wir Gottes ungeahnte Möglichkeiten mit uns.

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SWR4 Sonntagsgedanken

08FEB2026
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Endlich werden die Tage so ganz langsam wieder länger. Während sie jetzt die Sonntagsgedanken hören, geht überall in Deutschland die Sonne auf. In der dunklen Jahreszeit habe ich früher den Kindern in der Grundschule eine Geschichte aus den Philippinen erzählt. Ich hatte dann immer eine Kiste mit Stroh und eine Kerze dabei. So gut kann ich mich daran erinnern. Die Kinder noch etwas müde in der ersten Stunde und doch ganz präsent im Stuhlkreis. Draußen war es noch dunkel. Und drinnen im Klassensaal auch nur wenig Licht.

Die Geschichte war schnell erzählt:

Ein König hatte zwei Söhne. Als er alt wurde, wollte er einen der beiden zu seinem Nachfolger einsetzen. Er gab jedem der beiden Söhne fünf Silberstücke und sagte: "Geht und füllt die Halle unseres Schlosses. Was ihr für das Geld besorgt, um damit die Schlosshalle zu füllen, das ist eure Sache!" Da ging der älteste Sohn hin und brachte trockenes Stroh in die Halle und füllte sie damit bis oben hin.

An der Stelle habe ich immer die Kiste mit dem Stroh geöffnet, sie den Kindern gezeigt und dann die Geschichte weiter erzählt.

Bald darauf kam auch der Jüngere. Er ließ all das Stroh aus der Halle entfernen, stellte mitten in die große Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte den Raum bis in den letzten Winkel. Da sagte der König zu ihm: "Du sollst mein Nachfolger sein. Denn du hast die Halle nicht mit nutzlosem Stroh gefüllt, sondern mit dem, was die Menschen brauchen, dem lebendigen Licht!“

Jetzt habe ich die Kerze entzündet und sie in die Mitte vom morgendlichen Stuhlkreis gestellt. Unvergessen bleiben mir die Gesichter der Kinder. Vom Glanz der Kerze erhellt. Meistens war es dann einen Moment lang still und wir schauten uns nur an.

Ihr seid das Licht der Welt , sagte Jesus vor 2000 Jahren zu den  Menschen, die ihm nachfolgten. Und "Kinder des Lichts" nannten die Christen und Christinnen sich selbst voller Überzeugung in den ersten Jahrhunderten. Licht in die Welt bringen. Bin ich  wirklich so eine Lichtgestalt, von der Jesus spricht? Mit was fülle ich meine Lebensräume. Mit nutzlosem Zeug wie dem Stroh in der Geschichte aus den Philippinen?  Oder mit Licht, das den Menschen an meiner Seite gut tut?

 

Mit was also fülle ich meine Lebensräume? Ein Text aus der Bibel, der im katholischen Sonntagsgottesdienst vorgelesen wird, erinnert heute daran:

„Ihr seid das Licht der Welt. Es ist unmöglich, dass eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, verborgen bleibt. Man läßt auch nicht eine Lampe brennen und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter, so wird sie allen im Haus leuchten. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ 

Vor Tagen besuchte ich eine hochbetagte Frau im Krankenhaus. Es war ein heller Tag. Das Sonnenlicht flutete buchstäblich ihr Krankenbett. Mehr noch. Ihr Gesicht leuchtete im Glanz der Sonne. Hochbetagt, mit vielen Falten. Sie erzählte voller Dankbarkeit aus ihrem Leben. Von ihrer großen Liebe. Ihren Kindern. Enkeln und Urenkeln. Ihr Leben war nicht immer schön. Es war viel Schweres dabei. Der Krieg. Die Flucht. Das Kind, dem sie ins Grab nachschauen musste. Doch eines war immer, sagte sie mir mit feuchten Augen: Das Gefühl getragen zu sein. Von guten Menschen und mehr noch vom treuen Gott. Ich schwieg nur. So wie damals die Kinder meiner Grundschulklasse im Morgenkreis.

Ich gebe zu, in mir ist es oft auch finster. So viel gibt es da, was mein Leben schwer macht. All die Enttäuschungen. Schicksalsschläge. Angst und Sorgen, wenn ich an meine und die Zukunft meiner Kinder denke. „In meine  Finsternis, meine dunkle kleine Welt, gibt Gott einen Hoffnungsschimmer“. So sagen es Menschen, die sich Gott anvertrauen. Die Geschichte aus den Philippinen vom König und seinen zwei Söhnen erinnert mich daran, welche Kraft der Schein einer Kerze haben kann.

Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer verfasste zu Weihnachten 1943 im Angesicht seines gewaltsamen Todes ein Gebet für seine Mitgefangenen. Sein Gebet ruft zu einem Blickwechsel auf, weg von den schlechten Gedanken und hin zu dem, was gut tut. Licht zu sehen und Licht zu bringen. Sich in Krisenzeiten daran zu erinnern, was man alles an Gutem im Leben schon erfahren hat. Was mir früher schon einmal geholfen hat, und wie reich mein Leben oft ist. Sein Gebet gibt mir Kraft:

Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen, hilf mir beten und meine Gedanken zu sammeln.
In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe.
Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld.
Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den rechten Weg für mich.

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SWR4 Sonntagsgedanken

23NOV2025
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Vor Tagen habe ich frühmorgens den alten jüdischen Friedhof in Leipzig besucht. Der Ort faszinierte mich. Obwohl er neben einer Straße und Bahngleisen liegt, ist es ein stiller Ort. Schon lange finden dort keine Beerdigungen mehr statt. Und doch wird dieser Friedhof mit 5000 Grabstellen als Kulturdenkmal erhalten und gepflegt.

Die Sonne hatte noch Kraft bei meinem Spaziergang über den Friedhof. Alles war vom Licht der Sonne geflutet. Die bunten Herbstblätter im Morgentau. Aber auch die Inschriften der Grabsteine.

Für Jüdinnen und Juden ist ein Friedhof ein ganz besonderer Ort. Sie nennen ihn Haus der Ewigkeit. Jüdische Gräber dürfen nicht eingeebnet werden. Auch wenn die Namensinschriften auf den Grabsteinen längst verwittert sind. Alles muss bleiben, wie es ist. Bis in die Ewigkeit hinein. 

Vor einem besonders prachtvollen Grab blieb ich lange stehen. Die Inschriften auf dem Grabstein waren vergoldet. Leuchtend im Licht der Morgensonne waren sie leicht zu entziffern. Abraham und Henriette Goldschmidt konnte ich lesen. Das Ehepaar Goldschmidt lebte im 19. Jahrhundert. Er war Gemeinderabbiner und Prediger in Leipzig und sie eine bedeutende Pädagogin, die sich besonders für die Rechte von Frauen einsetzte. Dank meinem Handy tauchte ich immer mehr in die Lebenswelt der Goldschmidts ein. Auch wenn ich die beiden nicht gekannt habe, kamen sie mir immer näher und ich konnte mir ein Bild von ihnen machen.

Sich erinnern an die Menschen vor uns. Geschichten über sie lesen und erzählen. Sich Bilder von damals anschauen. Das bewahrt unsere Toten davor, vergessen zu werden. Doch genügt das?

So sehr ich mich auch an Menschen, die verstorben sind, erinnere, es macht sie nicht wieder lebendig. Ich werde sie nie mehr umarmen können.

Ich kenne so viele Menschen, die ihre Liebsten loslassen mussten und daran zerbrochen sind. Die in tiefe Depression verfallen sind und keinen Lebenswillen mehr haben. Die ruhelos nach ihren Toten suchen und in die dunkle Nacht hinein verzweifelt rufen, wo sie denn geblieben sind. Das Anschauen von Bildern und das Erzählen der Geschichten von damals macht sie nur noch trauriger.

So sehr wir uns auch an Menschen, die verstorben sind, erinnern, sie fehlen uns.

Heute wird im katholischen Gottesdienst ein Text aus der Bibel vorgelesen, der mir auch keine Antwort gibt. Jesus selbst sterbend am Kreuz verspricht einem weiteren Hingerichteten an seiner Seite noch heute mit ihm Paradies zu sein.

Der Theologe Fulbert Steffensky hielt sich nach dem schmerzhaften Tod seiner geliebten Frau auch daran fest, dass der Tod nicht das letzte Wort haben darf und dass unsere Toten eine Zukunft haben.

Er schreibt:

"Ich beharre auf einem Versprechen. Einmal wird der Tod nicht mehr sein, ist versprochen. Einmal werden Schmerzen und Seufzer geflohen sein, ist versprochen. Einmal wird Gott alles in allem sein, ist versprochen. Weil ich niemanden aufgeben will, wiederhole ich diese alten Behauptungen. Ich bin es der Liebe zu den geliebten Menschen schuldig; ich bin es vielleicht auch meiner eigenen Würde schuldig, dem Tod nicht das letzte Wort zu geben. Wo suche ich dann meine Toten, die ich nicht verloren gebe? Ich suche sie in Gott. Was aber sage ich mit diesem Satz? Ich weiß es selber nicht, aber ich werde ihn sprechen, und sei es aus Trotz."

Eigentlich ist die ganze Bibel voller Versprechen, wenn es um den Tod geht, der gnadenlos in unser Leben einbricht. Was Steffensky ausspricht - wie er sagt aus Trotz - beschreibt die Bibel in vielen Bildern.

Da ist zum Beispiel die Rede vom Hochzeitsmahl im Himmel. An diesem Ort gebe es kein Leid mehr und Tränen werden sofort abgewischt. Die Menschen hätten keine Schmerzen und auch den Krieg gebe es dort nicht mehr. Alles sei im Himmel wie neu, weil das Alte vorbei ist.

Mein Besuch auf dem alten jüdischen Friedhof. Ein Ort für die Ewigkeit. Ich habe mich dort an Menschen erinnert, die ich persönlich nie gekannt habe. Die aber den uralten Versprechen geglaubt haben. Trotz allem vielleicht, was sie erleben mussten und was ihnen zugemutet wurde.

Wenn wir uns an unsere Toten erinnern, weigern wir uns, sie selbst, ihre Liebe und ihr Leid zu vergessen. Wir verstehen besser, wer wir sind, wenn wir wissen, woher wir kommen. Und wir haben nur Zukunft, weil wir eine Herkunft haben.

Gut, dass es die Friedhöfe gibt. Orte der Ewigkeit in einer endlichen Welt. Wichtig für unsere Städte und Dörfer. Orte an denen wir sagen können: Hier sind meine Lieben begraben. Oder. Hier wurden Menschen bestattet, lange vor meiner Zeit. So wie das Ehepaar Goldschmidt. Ich kannte sie nicht. Aber ich kenne nun ihr Leid. Ich habe ein wenig von ihrer Geschichte erfahren. Sie haben darauf vertraut, dass Gott dem Tod nicht das letzte Wort überlassen wird.

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SWR4 Sonntagsgedanken

14SEP2025
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Wenn ich aus dem Haus gehe, dann habe ich immer drei Dinge dabei:  Handy. Schlüsselbund und Geldbeutel. Ohne die geht überhaupt nichts. Wenn eins davon nur fehlt, dann fehlt mir etwas. Denn ohne Handy kann ich niemanden erreichen und niemand mich und die vielen Möglichkeiten, die mir das Handy sonst noch bietet, sind auch nicht möglich. Türen, die ich öffnen will, bleiben ohne meine Schlüssel verschlossen. Und fehlt das nötige Kleingeld geht trotz anderer Bezahlmöglichkeiten vieles noch immer nicht.

Seit einiger Zeit habe ich noch etwas dabei. Auf den ersten Blick passt es gar nicht so recht zum Handy, dem Schlüsselbund und Geldbeutel. Und ich staune über mich selbst, wieso es irgendwie seit kurzem dazugehört. Es ist ein kleines Holzkreuz. Gerade mal so groß, dass es in meine Hosentasche passt. Es ist ein Unikat. Seine Holzmaserung ist ganz besonders und mittendrin in meinem Kreuz ist ein kleines dunkles Astloch. Gefertigt haben es junge Menschen mit körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen. Sie leben in einer Einrichtung, die sie auf ihrem Lebensweg individuell begleitet und fördert. Im Krankenhaus in dem ich als Seelsorger arbeite, verschenken wir diese kleinen Kreuze immer wieder an Patientinnen und Patienten.

Auf die Idee das Kreuz in der Hosentasche mit mir herumzutragen hat mich ein Patient gebracht. Ins Gespräch vertieft liefen wir kürzlich durch den Wald, der an der Klinik angrenzt. Plötzlich blieb der Mann stehen und holte sein kleines Kreuz aus der Hosentasche und sagte zu mir: Das Kreuz ist für mich etwas zum Festhalten. Es war ein ganz besonderer Moment. Wir schwiegen kurz und schauten uns an. Ich dachte mir, der Mann weiß, wovon er spricht. Von all den Kreuzen in seinem Leben hat er mir schon viel erzählt. Den Abgründen und Krisen, die er durchleben musste. Wo es keinen Halt für ihn gab. Nichts zum Festhalten. Noch nicht einmal einen Strohhalm. Bis er das Kreuz fand.

 

Das Kreuz ist etwas zum Festhalten. Was mir der Patient gesagt hat, beschäftigt mich am heutigen Sonntag. Denn katholische Christen feiern in ihren Gottesdiensten das Fest Kreuzerhöhung. Es reicht bis ins 4. Jahrhundert zurück. Vielleicht ist es noch älter als das Weihnachtsfest. Damals entwickelte sich das Christentum von einer verfolgten hin zu einer tolerierten und sogar privilegierten Religion. Kaiser Konstantin wollte es so. Er ließ in Jerusalem, am Ort der Hinrichtung Jesu, einen großen Kirchenkomplex errichten. Seine Einweihung fand am 13. September 335 statt. Am darauffolgenden 14. September wurde das Kreuz Jesu, das Konstantins Mutter Helena glaubte gefunden zu haben, an einem erhöhten Platz aufgestellt. So konnte es von den vielen Gläubigen gesehen und verehrt werden.

Das Kreuz verehren. Ein seltsames Ritual ist das. Bis heute. Denn für die Römer war das Kreuz ein Galgen, um Verräter und Verbrecher brutal hinzurichten. Für die von ihnen eingenommen und besetzen Völker war es Ausdruck römischer Gewaltherrschaft und Brutalität. Eigentlich ist das Kreuz nichts zum Herzeigen. Und schon gar nichts zum Verehren. Erinnert es doch an eine Niederlage. An diesen Jesus, der gescheitert und ganz unten angekommen ist.  Und doch ist es Erkennungszeichen der Christen geblieben.

Das Kreuz steht bis heute dort, wo Lebenspläne durchkreuzt werden. Aber auch dort, wo Menschen über Leichen gehen. Dort wo wir fragen und an kein Ende kommen: Warum ich? Warum er? Warum sie? Warum jetzt? Da, wo es einem das Herz zerreißt, wo es zum Heulen ist, dort steht das Kreuz.

Das Kreuz führt Menschen aber auch zusammen. Denn dort, wo alles zum Himmel schreit, können wir Menschen über uns hinauswachsen. Wir werden solidarisch. Wir umarmen einander und hören zu. Tränen dürfen dann sein. Und miteinander schweigen wiegt dann vielleicht mehr als noch so viele gut gemeinte Worte. Bleiben und nicht weglaufen, darauf kommt es dann an.

Wir dürfen uns von den vielen Kreuzen im Leben nicht abstumpfen und entmutigen lassen. Denn nicht alles muss so bleiben wie es ist. Wir können den Kreuzen dieser Welt eines entgegensetzen: Ganz viel Liebe. Dieser Jesus hat es vorgemacht. Bis ans Kreuz. Ich nehme das kleine Kreuz mit. In der Hosentasche bei den Schlüsseln, dem Handy und dem Kleingeld. Auch ich halte mich daran fest. Wie Jesus an seinem Vater im Himmel. Dem hat er vertraut bis in den Tod.

Wenn ich mein Kreuz anfasse, sehe ich so viele Menschen vor mir. Die die das Kreuz hergestellt haben. All die Menschen, die ihre Kreuze tragen. Im Hospiz und auf der Intensivstation. Irgendwo. Nie namenlos. Im Krieg und auf der Flucht. Die Gesichter der Kinder, die längst nicht mehr lachen können. Die Bilder auf meinem Handy von den Menschen in den Katastrophengebieten. In Afghanistan im Erdbebengebiet. Bei den Sturzfluten und Überschwemmungen im Himalaya. Das Kreuz ist etwas zum Festhalten. Es schenkt Hoffnung. Der Mann hat recht.

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SWR4 Sonntagsgedanken

22JUN2025
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Kaum hatten wir unsere Ferienwohnung verlassen, kam eine E-Mail in mein Postfach. Zu einer Umfrage wurde ich eingeladen. Ob und wie gut es mir und meiner Familie gefallen hat. Wie der Blick aus dem Fenster war, wie störend der Lärm auf der Straße davor und wie sauber die Wohnung bei der Ankunft. Das und noch viel mehr wurde ich gefragt. Die Einladung, ein Häkchen zu setzen, einen Smiley anzuklicken, oder eine Bewertung auf einer Skala von 0 bis 10 abzugeben beginnt immer so: Wir würden uns freuen, wenn Sie sich an unserer kurzen Umfrage beteiligen, denn unser Ziel ist es noch besser für sie zu werden.

Meinungsumfragen zu allem Möglichen und in allen Bereichen begegnen uns auf Schritt und Tritt. Nach dem Autocheck in der Werkstatt werde ich befragt, ob ich wiederkomme. Wie zufrieden ich mit dem Service war, oder ob ich Bekannten empfehlen würde ihr Auto auch in diese Werkstatt zur Reparatur zu bringen. Mit der berühmten Sonntagsfrage werden seit 1997 Sonntag für Sonntag 1000 repräsentativ ausgewählte Menschen nach der aktuellen politischen Stimmung in Deutschland befragt. Die zentrale Frage ist immer gleich: Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?

Im katholischen Gottesdienst heute wird eine Geschichte vorgelesen in der auch Jesus einmal so eine Art Umfrage gestartet hat. Zunächst geht sie an die Jünger. Für wen halten die Leute mich? will er von ihnen wissen. Jesus scheint daran interessiert zu sein, welchen Eindruck die Menschen von ihm haben. Was sie von ihm halten. Was die Anderen über ihn denken. Die Antworten seiner engsten Freunde zeigen zunächst einmal, wie unterschiedlich er wahrgenommen wird. Jeder und jede hatte ein anderes Bild von ihm. Die einen vergleichen ihn mit Johannes dem Täufer, der so wie er durch die Lande zog. Seine Botschaft war aber so ganz anders. Johannes drohte den Leuten mit Gericht und Unheil. Wieder andere meinen, er trete so auf wie der Prophet Elija. Der war radikal. Denn Elija und all die anderen Propheten bekämpften wortgewaltig und angsteinflößend Götzendienst und soziale Ungerechtigkeit.

Doch die Meinung Fremder über ihn, die genügte Jesus nicht. Seine zweite Frage, hat es deshalb in sich: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Wer bin ich für euch ganz persönlich? Darum geht es ihm. Ganz persönlich will er das wissen, von denen die ihm nachfolgen. Da gibt es kein ausweichen mehr. Kein Verstecken vor der Meinung anderer. Selbst gilt es jetzt Farbe zu bekennen.

 

Die Antwort des Petrus lässt nicht lange auf sich warten. Fast wie eine Liebeserklärung, aber auch wie auswendig gelernt sagt er:  „Du bist der Messias. Du bist mein Retter, auf den ich so sehr gewartet habe.“ Aber dieser Jesus zeigt sich so ganz anders als all die Erwartungen, die die Menschen damals mit einem Messias verbinden. Er proklamiert nicht den politischen Umsturz mit Macht und Gewalt. Die Vertreibung der Römer, die das Land besetzt halten ist nicht sein Ziel. Gott und den Nächsten lieben, wie sich selbst. Das ist sein Herzensanliegen. Es kommt nicht gut an bei den Frommen seiner Zeit. Und so spricht er nach dem Liebesbekenntnis des Petrus von seinem Leidensweg und nahen Tod am Kreuz. Schwere Kost für seine  Jünger.

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch war fasziniert von biblischen Texten und von der Forderung, sich kein Bild von Gott zu machen. So dachte er darüber nach, was es eigentlich bedeutet, sich ein Bild von anderen Menschen zu machen. Am ausführlichsten kam er in einem Tagebucheintrag aus dem Jahr 1946 mit der Überschrift „Du sollst Dir kein Bildnis machen“ darauf zurück:

Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. … Die Liebe befreit aus jeglichem Bild. Das ist das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertigwerden; weil wir sie lieben, solang wir sie lieben. Unsere Meinung, dass wir andere Menschen kennen, ist das Ende der Liebe.

Das mussten auch Jesu Jüngerinnen und Jünger lernen. Ihr Messias war so ganz anders. Ging einen ganz anderen Weg als von ihnen erwartet. Dem Weg der Liebe blieb er treu. Bis ans Kreuz. Verhaftet wurde er, gewehrt hat er sich nicht. Und seinen Gott suchte er selbst noch in der äußersten Not.

Und eigentlich gilt es bis heute. Gott übersteigt mein Denken. Erspart mir nicht Krankheit und Leid. Lässt das Unbegreifliche zu. Unsere Meinung, dass wir andere Menschen kennen, ist das Ende der Liebe, sagt der Schrifsteller Max Frisch über die Liebe zwischen uns Menschen. Das gilt genauso auch für Gott: Wenn ich glaube Gott zu kennen, dann wäre es das Ende meines Glaubens.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42394
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