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04MAI2022
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„Manchmal hab ich richtig Lust, schon im Himmel zu sein“. Silke war erstaunt, als ich das sagte. Wir hatten uns über die Kirche unterhalten und dass sie ihre Ämter in der Pfarrgemeinde aufgegeben hat. Auch, weil sie sich zu oft geärgert hatte. Und wegen der Katastrophe der sexuellen Gewalt und der ganzen Vertuschungen. Darüber war ihr sogar der Glaube an Gott fraglich geworden. Deshalb suchte sie nach einer Alternative zur Kirche. 

In Langenfeld in der Eifel ist ein ehemaliges Kloster, das wird heute von Buddhisten genutzt, die da leben, den Buddhismus tiefer studieren und Meditationskurse geben für suchende Menschen. In diesem Kamalashila-Institut will sie sich jetzt umsehen. Ich war da auch schon mal, es wirkt ein bisschen aus der Welt gefallen, geheimnisvoll, anziehend. Aber das mit der Wiedergeburt im Buddhismus, das wäre nichts für mich.

Nee, sagte ich, ich hab mehr Lust auf den Himmel.
Sie erklärte mir, dass es bestimmt paradiesisch wäre, als Katze in ihrem Haushalt wiedergeboren zu werden. Hm, ich weiß nicht... Und dann fragte sie mich, wie ich mir denn den Himmel vorstelle.
Naja, in der Bibel sagt Jesus mal: im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen.

Ich stelle mir den Himmel also vor wie eine riesige WG, rundum viel Grün und Blumen und Vögel, vielleicht mit so Laubengängen und Balkonen, sodass man zu den Paradies-Mitbewohnern Kontakt aufnehmen kann. Platz genug für jeden und alles unter der himmlischen Sonne der Liebe Gottes.

Früher hatte ich manchmal Angst, bestimmten Leuten dort zu begegnen. Ich hatte in den Jahren, nachdem mein Vater gestorben war, gar keine Lust auf den Himmel. Es war kompliziert gewesen zwischen mir und ihm und ich war froh, dass das vorbei war. Mittlerweile denke ich aber, dass diese menschlichen Schwierigkeiten dann endgültig keine Rolle mehr spielen. Nicht falsch verstehen, ich will nicht sofort in den Himmel. Nicht heute und auch nicht morgen oder übermorgen. Meistens lebe ich total gern, grade jetzt in dieser bunten Frühlingszeit.  Aber ich vertraue für später auf die HimmelsWG Gottes. Bestimmt sorgt ER dafür, dass es dort keinen Krieg mehr gibt und keine Not und keine Krankheit und keine komplizierten Gefühle und kein Leid.

Vielleicht auch keine Zeit mehr. Nur noch die Ewigkeit.

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03MAI2022
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Meine Mutter hatte Brustkrebs. Meine Oma auch. Deshalb gehe ich regelmäßig zur Vorsorge. Das ist immer ein bisschen aufregend, aber bisher war nie was. Genau, bisher. Jetzt stutzt die Ärztin und schickt mich zu weiteren Untersuchungen. Schon geht das Kopfkino los. Hab ich einen Tumor? Muss ich mich operieren lassen? Wird es schlimm?  Sterbe ich daran?

Ich sage mir all das, was ich anderen in der Situation sage.
Es muss ja nichts Schlimmes sein. Warte erst mal die genaue Diagnose ab.Mach dich nicht verrückt. Nichts wird so heiß gegessen wie gekocht. Die Medizin macht so große Fortschritte. Du kennst doch Freundinnen, die Brustkrebs hatten. Man kann es überleben. Ganz überzeugend ist das alles nicht.

Wenn ich nachts aufwache, sind die Gedanken sofort wieder da. Wenn ich unter der Dusche stehe oder im Auto sitze und ohne große Gedanken bin, dann kommt direkt das fiese kleine Gefühl: hm, was wäre, wenn. Nicht schön, diese Tage bis zum nächsten Gespräch mit der Ärztin.

Ich saß unter dem Damoklesschwert. Damokles war ein Diener, der seinen Herrscher um sein Glück und seinen Reichtum beneidete. Der König lud ihn zu einem Festmahl ein. Allerdings hing über dem Thron des Königs ein Schwert an einem Pferdehaar. Und Damokles spürte, wie unsicher jedes Leben ist: jederzeit kann das Schicksal zuschlagen. Den Menschen aus dem heiteren Himmel reißen. Man weiß nur nicht wann – und wie schlimm es wird. Egal, ob König oder Knecht.

So geht es Menschen, die auf eine Diagnose warten. Oder auf die Kündigung ihres Arbeitsplatzes. Oder einen finanziellen Einbruch. Oder eine Nachricht aus dem Krieg. Sie sitzen unter dem Damoklesschwert.
Bei mir ist alles gut ausgegangen. Was mir geholfen hat: dass ich nicht allein war mit meiner Angst. Ich suchte mir Beistand. Die Freunde, die Familie, Gott. Die bleiben. In guten und in schlechten Tagen.

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02MAI2022
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Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich einen gepflegten Garten mit einem Fliederbusch, der im Frühjahr dreifarbig blüht: weiß, blass-lila und ein tief dunkles lila. Es gibt viel Wiese, das lieben die Maulwürfe und schmeißen oft nachts vor Begeisterung kleine Erdhaufen hoch – nicht zur Freude der Gärtnerin. An der Hauswand Maiglöckchen, Rosen blühen, Dahlien, Gemüse wird angebaut, Zwiebeln, ein paar Kartoffeln, Bohnen. Ein Teil des Gartens wird von einer Nachbars-Familie mit drei Kindern bewirtschaftet, die ziehen Möhren und Tomaten. Die meiste Arbeit bleibt aber an der Gärtnerin hängen. Und fast jeden Tag unterstützt sie ihren Garten mit Pflegearbeiten, weil der natürlich den Wettbewerb um den schönsten Garten im Dorf gewinnen will.

Seit sie älter geworden ist, teilt sie sich die Arbeit besser ein. Nicht mehr so viel auf einmal, Pausen einlegen. Dann sitzt sie auf dem Mäuerchen in der Sonne und genießt den Anblick.

Im Februar war ein junger Mann bei ihr - eigentlich auch nicht jung, aber gemessen an ihr schon. Der Sohn. Sie saßen nebeneinander auf der Gartenmauer, nachdem er den Flieder und den Pflaumenbaum beschnitten hatte. Die Gärtnerin steigt nicht mehr dauernd auf Leitern. Sie macht noch viel selbst, aber nicht mehr alles.

Und für mich sieht es so aus, als ob sie das sehr genießen würde, dass der große Sohn neben ihr sitzt und ihr die schwere Arbeit abgenommen hat.

Nicht selbstverständlich, wie sie von anderen hört. Schön zu wissen, dass sie nicht alles selber machen muss. Dass sie manches der jüngeren Generation überlassen darf. Der größte Teil ihres Lebens liegt hinter ihr, jetzt ist gewissermaßen die Nachspielzeit. Aber auch nach ihr wird es Gärtnerinnen und Gärtner geben, die alles zum Wachsen und Blühen bringen und die ernten, was die Gärtnerin noch gesät hatte.

Nach dem Frühling kommt der Sommer, dann der Herbst, dann der Winter, auch ihr persönlicher Winter wird kommen. Und dann kommt wieder ein Frühling für den Garten. Und irgendwann sitzt der Sohn da, wo heute die Gärtnerin sitzt, und neben ihm ein jüngerer Mensch. Der Kreislauf des Lebens. Und im Himmel wird die Gärtnerin ihre Freude daran haben.

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12FEB2022
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Nach der Arbeit musste ich mit meinem Auto noch in die Werkstatt. Vorne rechts war ein kleines  Glasfenster zerbrochen. Ich hatte die Werkstatt meines Vertrauens angerufen; die konnten, weil sie meinen Fahrzeugschein kopiert haben, das Glas schon tags zuvor bestellen. Als ich eintraf, war alles vorbereitet. Ich ließ den Schlüssel stecken und durfte mich in eine Ecke setzen und mir einen Kaffee machen. Nach ungefähr 20 Minuten waren die Mechaniker fertig. Als ich bezahlen wollte, sagte der Chef: „Ups, der TÜV ist fällig. Dann machen wir am besten gleich einen Termin aus.“

Das passte mir überhaupt nicht. Ich vertraue dieser Werkstatt, aber 25 Minuten Fahrtzeit eine Strecke plus die Wartezeit, das muss auch in meinen Wochenplan passen.

Als ich so zögerlich nach einem freien Nachmittag im Kalender suchte, sagte er: „Wenn Sie jetzt Zeit haben, schieben wir Sie kurz dazwischen. Der TÜV ist sowieso da.“

Na prima, zwar hatte ich eigentlich direkt wieder fahren wollen,  aber das spart mir ja locker zwei Stunden an einem anderen Tag und gemacht werden muss es ja.

Also zapfte ich mir noch einen Kaffee und wartete und der TÜV wurde gemacht und die Rechnung hatten sie auch direkt fertig und ich wollte mit Karte bezahlen, die funktionierte aber an dem Tag nicht. „Egal“, sagte der Chef, „überweisen Sie später, jetzt erst mal gute Fahrt.“ Prima.

Warum erzähle ich das eigentlich? Ist doch nichts besonderes.

Oh doch. Mir fällt oft gar nicht auf, wenn ganz viele Sachen klappen. Nur das, was nicht klappt, das macht mich wütend und ich erzähle ausführlich zuhause und meinen Freundinnen davon. Aber an den meisten Tagen könnte ich abends „Danke, lieber Gott“ sagen, weil so wenig schief ging und so viel Gutes passiert ist.

Deshalb jetzt auch die Geschichte von einem ganz normalen Tag voller Wunder: in der Dusche gab es genug heißes Wasser, das Auto war angesprungen, auf der Arbeit gab es nichts, was ich nicht bewältigen konnte, das Glas wurde repariert, der Kaffee in der Werkstatt war gut und umsonst, der TÜV hatte keine Kritik an meinem schönen grünen Auto, dem Blitz, und abends hatte mein Partner gekocht und im Fernsehen kam ein spannender Film.  

Was will ich eigentlich mehr?

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11FEB2022
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Als wir Kinder waren, durften wir manchmal mit Mutters Handarbeitskästchen spielen. Die Knöpfe waren das Beste, da konnte man die großen und die kleinen sortieren und ganze Familien zusammenstellen, der Größe nach.

Und Mutters Stopfei. Man lässt es in die Socke fallen, schiebt es unter die Spitze und kann dann die Löcher in der Socke  bequem stopfen. Ist etwas aus der Mode gekommen: Socken stopfen. Früher war das normal.

Das Stopfei meiner Mutter war klein, grau, mit einem Stöpsel. „Ist da was drin?“ fragten wir. „Nee, jetzt nicht mehr“, antwortete die Mutter und erst als wir älter wurden erklärte sie uns, dass das eine Handgranate gewesen war, die ihr Zwillingsbruder, mein Onkel, beim Spielen während des Krieges gefunden hatte. Erst, als klar war, dass diese Handgranate nicht mehr explodieren würde, kam sie in den Familienbesitz als Erinnerungsstück. Erst bei meiner Oma, dann bei meiner Mutter, und jetzt liegt sie bei meiner Schwester im Handarbeitskästchen.

Schwerter zu Pflugscharen *, das ist ein geflügeltes Wort, das auf die Bibel zurück geht. Da geht es um den großen Frieden Gottes für alle Völker, wenn die Menschen ihre Waffen zu landwirtschaftlichem Arbeitsgerät umschmieden: nicht mehr andere töten – damals mit dem Schwert - , sondern für essen sorgen – damals mit Pflugscharen. Ein Schlagwort war das für die Friedensbewegung in der DDR in den 1980er Jahren; es wurde später auch in Westdeutschland übernommen.

Auch heute wieder sehr aktuell. Können wir Frieden schaffen durch Waffenlieferungen? Oder tragen wir damit weiter zur Aufrüstung bei? 

Und wer wird die westlichen Waffen benutzen? Können die nicht auch in die falschen Hände kommen? Das haben wir ja im August letzten Jahres in Afghanistan mit den amerikanischen Waffen gesehen, als die Taliban sie erbeutet haben.

Es ist auch keine Lösung, sich aus den Konflikten herauszuhalten, die Frage ist aber: wie? Durch Bildung für Jungen und Mädchen. Durch medizinische Hilfen für Frauen und Männer. Ich glaube schon lange nicht mehr, dass Gewalt durch Gewalt besiegt werden kann. Deshalb bleibe ich dabei: Schwerter zu Pflugscharen, Helme zu Küchensieben und Granaten zu Stopfeiern.

 

* Micha 4,1-4

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10FEB2022
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Ich hab ein Problem, sagt Frau Müller auf der Palliativstation. Mein Sohn kommt erst nächste Woche und ich hab kein Geld und wenn ich am Wochenende ins Hospiz verlegt werde, will ich doch wenigstens etwas Bargeld dabei haben.

Sie schaut mich prüfend an. Können Sie für mich zur Bank fahren?

Ja, wenn Sie mir die ec-Karte und die PIN anvertrauen wollen.

Sie schaut mich nochmal an, dann gibt sie mir die ec-Karte. 6655.

Ok,  kann ich mir merken.

Bitte holen Sie gleich 1200 Euro und bringen Sie die Kontoauszüge mit.

Hups, das ist viel Geld. Und in der Stadt ist grade Schulschluss, die Busse verstopfen die Straßen, ich brauche 40 Minuten, bis ich wieder bei Frau Müller bin. Was soll sie denken? Dass sie zu vertrauensselig war? Ja, sie hatte grade angefangen, etwas zu grübeln. Aber dann hatte sie sich beruhigt: die Frau Peters arbeitet bei der Kirche, die ist auch hier im Krankenhaus bekannt, das wird schon gutgehen.

Ein Vertrauensvorschuss, den ich mir nicht selbst erarbeitet habe. Den verdanke ich der  katholischen Kirche. Und natürlich auch dem Eindruck, den ich bei Frau Müller hinterlassen habe: dass ich persönlich vertrauenswürdig bin.

Die katholische Kirche hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel Vertrauen verspielt.   Die sexuelle Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen, die in der Kirche verübt wurde, ist abscheulich. Und der Umgang der Oberen damit zum Teil erbärmlich. Schweigen, Ausreden, Lügen. Für manches gibt es einfach keine Worte, jedenfalls keine, die man hier aussprechen kann. Ich bin seit 42 Jahren bei der Kirche angestellt, aber jetzt bin ich fast jeden Tag neu entsetzt oder fassungslos und wirklich wütend über das, was alles ans Tageslicht kommt.  Reihenweise treten die Menschen aus der Kirche aus; vollkommen verständlich, ich nehme das niemandem übel.

Ich bin aber traurig, weil ich viele Male in meiner Arbeit als Seelsorgerin erlebt habe, wie der Glaube an Gott Menschen hilft, sie stark macht und tröstet. Wie Menschen dem Beispiel Jesu folgen und Gutes tun. Gott ist nicht das Problem, ein Teil des Bodenpersonals ist das Problem. Vielleicht hilft die umfassende öffentliche Kritik, dass in der Kirche Spreu und Weizen getrennt werden. Ich warte auf den gründlichen Neustart der Kirche, damit Gott wieder bei den Menschen ankommen kann.

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01DEZ2021
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Meine kleine Nachbarin gab mir zu verstehen, dass sie mich besuchen wollte. Die Mama hat es erlaubt und schnell noch einen Schal geholt. Dann nahm sie meine Hand und ich ging mit ihr über die Straße  in meine Wohnung. Im Flur blieb sie zögernd stehen und überlegte, wohin sie jetzt gehen sollte. Ich machte die Tür vom Wohnzimmer auf.

Elanur ist drei, sie kommt aus Syrien und lernt grade im Kindergarten die ersten deutschen Wörter verstehen und sprechen. Tschüss kann sie schon, und dazu winken, wenn jemand geht. Normalerweise spricht sie kurdisch. Das verstehe ich leider nicht, auch wenn sie es immer wieder versucht.

Sie spazierte durchs Wohnzimmer. Zeigte auf die Lampe, fand den Schalter und knipste sie an. Ich sagte „Lampe“. Sie nickte und sagte nichts.

Dann zeigte sie auf das Sofa, so etwas kennt sie von zuhause. Ich sagte „Sofa“. Sie nickte verständig. Sagte aber nichts. Auf dem Couchtisch sind in einer Schale ein paar Schokolädchen. Die erkannte sie sofort, zeigte darauf und probierte. Es schmeckte ihr offensichtlich. Wir gingen dann ins Bad, um die Hände zu waschen, dazu brauchte sie den Hocker. Aber es klappte. Dann fand sie die Fernbedienung im Wohnzimmer, drückte darauf, der Fernseher ging an. Offenbar kannte sie das; es interessierte sie nicht weiter und sie machte ihn wieder aus.

Die Leiter fand sie gut. Auf der obersten Stufe stand sie über mir und lächelte überlegen auf mich herab.

Bisher hatte sie das Klavier noch nicht gesehen. Ich klappte den Deckel hoch und zeigte ihr, wie man vorsichtig mit dem Finger die Tasten herunterdrückt. Erst versuchte sie es auch so, dann nahm sie die ganze Hand und später beide. Sie war glaube ich erstaunt, wie viel Krach sie so machen konnte, aber es gefiel ihr.

Dann reichte es ihr und sie sagte klar und deutlich: Mama.

Ok, ich brachte sie nach Hause. Die Mama war glaube ich stolz auf den ersten Ausflug ihrer Tochter in die Nachbarschaft. Eine deutsche Frau und ein kurdisches Kind – es kann so einfach sein, sich zu verständigen.

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30NOV2021
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Immer das Gleiche morgens. Der Wecker schellt, ich gehe nach nebenan ins Bad, koche Kaffee, dusche und such mir was zum Anziehen – typisch Frau, Kleiderschrank voll aber nix zum anziehen da...aber irgendwann findet sich doch was.

Dann ins Auto und zur Arbeit fahren. Nichts besonderes eigentlich, so ist es heute Morgen vielen gegangen.

Nicht den Menschen aus dem Ahrtal, die ich als Seelsorgerin im Containerdorf in Mendig treffe. Die überlegen gründlich, ob sie wirklich aufstehen sollen aus dem warmen Bett. Im Nachthemd ins Bad geht hier nicht, denn Toilette und Dusche erreicht man nur in den Extra-Containern. Also Tagesklamotten anziehen, dicke Jacke drüber, ein Weg über die Wiese, durch den Matsch, Schuhe dreckig, hilft ja nichts. In den Sanitärcontainern ist geheizt, aber wenn jemand die Tür nicht zugemacht hatte, merkt man das nicht mehr. Und den Matsch trägt man ja trotzdem rein, auch wenn täglich geputzt wird.

Zurück im Wohncontainer. Zwei Betten, dazwischen etwas Platz für ein Leselämpchen.

Ein Tisch mit 2 Stühlen. Zwei Spinde aus Plastik oder Metall. Ein Kühlschrank. Und die Elektroheizung. Eine Grundausstattung. Manche haben es sich etwas gemütlich gemacht, aber bei manchen sieht es auch nach 4 Monaten noch so aus. Und die Langeweile zermürbt die Menschen.

Zuhause könnte man sich im Haushalt zu schaffen machen oder im Garten winterliche Ordnung herstellen. Man könnte einkaufen fahren oder fernsehen oder walken gehen. Hier kann man ins große Zelt gehen, sich aus den Kühlschränken Brot und Aufschnitt holen und im eigenen Container frühstücken. Das Essen und die Container wurden den Menschen kostenlos zur Verfügung gestellt. Mein Nachbar, der aus Pakistan hierher kam, findet die Verhältnisse im Containerdorf durchaus erträglich: in seiner Heimat müsste nach einer Katastrophe wie im Juli im Ahrtal jeder selbst für sich sorgen, da greift keine Versicherung ein und kein Staat und es gibt nicht die Aufbauhilfen und Spendengelder, die die Menschen hier bekommen oder die zumindest bereitgestellt wurden. Ich verstehe, was er meint: gemessen an vielen Gegenden in der Welt wird das Unglück, das Menschen in Deutschland trifft, besser aufgefangen. Aber ich bin wirklich für jeden froh, der eine andere Wohnung findet.

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29NOV2021
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Hinterher ist man immer schlauer und weiß, was man hätte sagen sollen. Aber in der richtigen Sekunde fällt einem keine schlagfertige Antwort ein. Jedenfalls ging es mir so. Wenn ich dann im Nachhinein drüber nachdachte, hatte ich viele gute Ideen, aber leider zu spät. Deshalb habe ich mittlerweile in meinem Kopf eine Schublade für schlagfertige Antworten angelegt. Wenn mich heute jemand in Verlegenheit bringen will, ziehe ich da schnell die passende Antwort raus und hab die Lacher auf meiner Seite. Seitdem werde ich auch nur noch selten rot.

Letztens stand ich auf einem Fest mit ein paar Herren und ein paar Bier herum und die Rede kam auf Hamburg und ob ich schon mal in der Herbertstraße gewesen sei. „Ja“, sagte ich, „ein trostloser Ort. Traurige Gestalten, die da nach den Damen Ausschau halten. Die richtig guten Männer müssen nicht zahlen, zu denen kommen die Frauen freiwillig.“     1:0 für mich.

Heutzutage wird man ja bei kurzen Begegnungen immer gefragt, ob alles gut sei: „Na, alles gut?“ Und die richtige Antwort ist: „Ja, klar, bei dir auch?“ – und dann ist die Kommunikation am Ende.

Ich habe mir angewöhnt, auf diese Frage mit „Das Meiste“ zu antworten. Darauf stutzt dann mein Gegenüber kurz und prüft und stellt fest: „Ja, bei mir auch das Meiste“. „Und das ist ja schon viel“, ergänze ich dann und ich finde, das ist schon fast wie ein richtiges Gespräch.

Schlagfertige Gedanken finde ich auch immer mal wieder bei Albert Schweitzer. „Man wird kein Christ, wenn man in eine Kirche geht. Man wird ja auch kein Auto, wenn man sich in eine Garage stellt.“ Das kennen viele und es regt zum Nach-Denken an.

Albert Schweitzer erzählte von einem Bauern, der in die Stadt kam und im Gasthaus zu Mittag aß. Er betete kurz vor dem Essen. Die Städter lachten und einer fragte: „Na, bei euch oben auf dem Berg beten wohl noch alle?“

„Ne,“ sagte der Bauer, „nicht alle, Ochs und Esel gehen ohne Dank an den Trog.“ Der hatte dann auch die Lacher auf seiner Seite und bestimmt hat der eine oder andere darüber nachgedacht.

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28NOV2021
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Seit ich im Krankenhaus arbeite, bin ich notgedrungen ein „earlybird“, eine Frühaufsteherin geworden. Man gewöhnt sich daran, um 6.00 aufzustehen und ich will nicht meckern, andere müssen noch viel früher raus. Samstag ist schon besser, aber da liegen meistens private Sachen an, da steh ich dann auch auf, weil es Zeit ist. Und dann kommt Sonntag. Kein Wecker. Aus Gewohnheit werde ich wach, mache mal die Vorhänge auf, je nachdem öffne ich das Fenster weit oder mache es fest zu. Koche Kaffee. Leg mich wieder ins Bett und trinke diesen Kaffee, der besser schmeckt als der in der Woche: weil Zeit ist, ihn zu genießen.

Der Nachbar hat nicht schon um 5 Uhr sein Fahrzeug anlaufen lassen. Keine Schulkinder auf dem Weg zum frühen Bus. Um 7.00 läuten die Glocken von der Kirche.  Ich liege im Bett und freue mich und denke an die Menschen früher ohne Uhr, die vom Läuten der Glocken durch die Pflichten des Tages bis in den Feierabend geleitet wurden. Es ist ganz besonders still am Sonntag. Ich wohne ja auf dem Land, da ist es fast nie richtig laut, aber diese sonntägliche Ruhe hat etwas Andächtiges.

Die Vögel zwitschern, viele Krähen dabei. Jetzt im November singen sie  nicht mehr, um Weibchen anzulocken, sondern nur noch aus Spaß. Oder mir zur Freude?

Es gibt ja viele Leute, die Sonntage doof finden. Langweilig, nicht genug los, shoppen geht nur im Internet, zu wenig Zerstreuungsmöglichkeiten.

Aber ich bin Gott total dankbar, dass ER selber auch nach 6 Tagen Arbeit am 7. Tag geruht hat, wie es die Bibel erzählt. Natürlich glaube ich nicht, dass ER mit 6 Mal Fingerschnipsen die Welt erschaffen hat. Die Evolution war SEINE Methode. Aber diese Ordnung der Tage, die verdanken wir wahrscheinlich IHM. Napoleon hat mal versucht, eine 10-Tage-Woche einzuführen.  Er wollte mit der christlichen Zeitrechnung brechen; es gab dann zwar Monate mit 3 mal 10 Tagen, aber keinen Sonntag, sondern nur alle 10 Tage das „Fest der Vernunft“ als Ruhetag. Hat nicht lange funktioniert.

6 Tage arbeiten, ein Tag Pause. Das passt zu uns.

Ich hole mir noch einen Schluck Kaffee, aber dann drehe ich mich nochmal um und mach die Augen zu: Dankeschön, für diesen schönen freien Tag!

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