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SWR Kultur Wort zum Tag
„Geh aus mein Herz und suche Freud / in dieser schönen Sommerzeit“ - so beginnt eines der schönsten Kirchenlieder, ein Lob auf die Schöpfung, reinste Lebenslust und Glaubensfreude. Auf den Titel muss man erst mal kommen: das eigene Herz hat Ausgang, ausdrücklich wird es dazu aufgerufen, doch endlich mal aus sich herauszugehen. Endlich neugierig zusehen, wie aufregend vielfältig die Welt ist, voll schönster Überraschungen. Der dichtende Pfarrer Paul Gerhardt kann sich gar nicht einkriegen vor lauter Begeisterung und Staunen. Was es alles an Schönem zu bewundern gibt! Ein Lob der Diversität, reine Lust an der Vielfalt. Und das Typische dran: Paul Gerhardt schaut mit einem Kinderblick in die Welt und den Sommer, als wär‘s Bescherung zu Weihnachten: alles geschenkt, alles Gottes Gaben. Keine Schöpfung ohne Schöpfer und Schöpferin, keine Bewahrung der Schöpfung ohne ein entschiedenes Ja zur Erde und zu jenem Schöpfer-Geist, dem wir das alles verdanken.
Ganz selbstbewusst, eben demütig und mutig zugleich, spricht der Dichter schließlich auch von sich selbst, freilich erst in der 8. Strophe, als käme er nach langer Wanderung durch die Natur endlich wieder nach Hause: „Ich selber kann und mag nicht ruhn, / des großen Gottes großes Tun / erweckt mir alle Sinnen; / ich singe mit, wenn alles singt, / und lasse, was dem Höchsten klingt, / aus meinem Herzen rinnen.“ Natürlich ist er nicht blauäugig. Paul Gerhardt hat fast den ganzen 30-jährigen Krieg miterlebt. Die ganze Hölle in Mitteleuropa, mit Pest und brutaler Zerstörung. Auch im eigenen Leben hatte er schwere Schicksalsschläge zu verkraften. Also, der sommerliche Naturzauber ist nicht alles. Es wird dem frommen Christenmenschen zum Gleichnis für das, was noch kommt und schon im Gange ist: Das Leben in Fülle. „Welche hohe Lust, welch heller Schein / wird wohl in Christi Garten sein“. Der jubelnde Blick in die schöne Sommerzeit wird zum Vor-Blick in das viel Schönere noch, das uns blüht.
Deshalb die kräftigen Bitten in den Schlussstrophen: „Hilf mir und segne meinen Geist / mit Segen der vom Himmel fleußt / dass ich dir stetig blühe; / gib, dass der Sommer deiner Gnad / in meiner Seele früh und spat / viel Glaubensfrüchte ziehe. ... Mach in mir deinem Geiste Raum / dass ich dir werd ein guter Baum / und lass mich Wurzel treiben. // Verleihe, dass zu deinem Ruhm / ich deines Gartens schöne Blum / und Pflanze möge werden.“ Ja, was täte heute mehr Not als solch ökologische Achtsamkeit. Ein täglicher Beitrag zur Pflege der Schöpfung, mich eingeschlossen. Denn immer noch könnte die Welt ein Paradies sein ... „Geh aus meinem Herz und suche Freud ...“
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Siebzigjährig ist er gestorben, vor 350 Jahren, der evangelische Pfarrer Paul Gerhardt. Seine Gedichtgebete, schon zu seinen Lebzeiten geschätzt, werden längst weltweit gesungen. Über die Zeiten hinweg machen sie Freude und schenken Orientierung und Zuversicht. Das liegt natürlich wesentlich an der Musik, aber was wären sie ohne den Text?
„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, / der allertreusten Pflege des, der die Herzen lenkt. / Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo dein Fuß gehen kann.“ Welch achtsames, zärtliches Bild: Meine höchst persönliche Schrittfolge wird hier in den Blick genommen, meine Wegsuche. Schon die biblischen Psalmen wussten um die Gefahr, man könnte stolpern oder auf die Nase fallen. Gut vorankommen ist nicht selbstverständlich. Und was alles kann unser Herz kränken und unser Leben sauer und bitter machen. Da schreibt einer, der den 30-jährigen Krieg miterlebt hat und schwerste Schicksalschläge zu verkraften hatte. Frau und vier der fünf Kinder sind früh verstorben, mit Kurfürst und Kirche gab es Ärger genug. Umso entschiedener und dankbarer der Blick auf die Ordnung der Schöpfung trotz allem, die „allertreueste Pflege“. Damit ist nicht nur die Großwetterlage gemeint, sondern ganz persönlich mein Fuß, mein Schritt in diesen Tag, mein kleines Leben. Welch mutiges, schönes Bild von einem Gott, der mich pfleglich begleitet und im Großen wie im Kleinen mitgeht.
Eine besondere Alltagsgefahr sieht Paul Gerhardt darin, dass unsereiner sich dauernd Sorgen macht und allzu oft mit dem Kopf durch die Wand will. Damit freilich bekommt der Tag etwas Anstrengendes und Bedrohliches, das Leben wird unnötig schwer. Klar, das Leben ist nichts für Feiglinge, und rosig ist die Lage auch nicht. Aber das soll kein Grund sein zu Resignation oder Trübsinn. Ganz im Gegenteil, zu größerem Gottvertrauen: man darf auch mit dem Guten rechnen. Gleich in der zweiten Strophe heißt es: „Mit Sorgen und mit Grämen / und mit selbsteigner Pein / lässt Gott sich gar nichts nehmen, / es muss erbeten sein.“ Das ganze Leben ins Gebet nehmen, angefangen mit diesem Tag – so lautet die Glaubenssumme Paul Gerhardts. Und so werden seit über 300 Jahren seine Lieder gesungen: „empfiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, / der allertreuesten Pflege des, der alles lenkt“.
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Zu den schönsten Morgenliedern, die ich kenne, gehört das von Paul Gerhardt, dem dichtenden evangelischen Pfarrer. Vor 350 Jahren ist er gestorben. „Lobe den Herren. Der unser Leben, das er uns gegeben, / in dieser Nacht so väterlich bedecket / und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket. Lobe den Herren.“ Ganz selbstverständlich wird das eigene Leben als Gottesgeschenk betrachtet, noch ist das Bildwort vom sorgenden Vater und guten Herrn nicht hinterfragt, und das Aufwachen am Morgen ist weit mehr als nur ein biologischer Vorgang, nämlich ein Aufgeweckt-, nein ein Auferwecktwerden. All das, was unsereiner heute Morgen schon erlebt hat, ist ja nicht selbstverständlich. Es ist Anlass zum Staunen und Danken. Lobet den Herren. Jeder Morgen ist ein Geburtstag.
Wunderbar buchstabiert das die nächste Strophe durch: „Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können / und Händ und Füße, Zung und Lippen regen, / das haben wir zu danken seinem Segen. Lobe den Herren.“ Als würde man sich beim Aufwachen die Augen reiben und wie noch träumend feststellen: o ich lebe noch, ich erblicke das Licht der Welt wortwörtlich, alles noch da, alle Glieder noch dran und erstaunlich beweglich, mit Hand und Fuß, mit Haut und Haar. Immer wieder kommt der dichtende Pfarrer dabei auf das Bild vom Weg, vom Lebensweg. Also nicht nur „Zung und Lippen“, sondern „Händ und Fuß, also konkrete Schritte: „Gib , dass wir heute, Herr, durch dein Geleite / auf unsern Wegen unverhindert gehen und überall in deiner Gnade stehen.“
Die zehn Strophen dieses Morgenliedes sind ein einziges Staunen über den Tagesanfang, über das geglückte Erwachen. Denn es hätte auch ganz anders kommen können. Immerhin schaut der betende Dichter auf den 30-jährigen Krieg zurück, eine Hölle für ganz Mitteleuropa damals. Das tiefe Gottvertrauen, das hier Sprache gefunden hat, muss sich eben gerade in schwierigen Situationen bewähren; das Lied lässt sich nicht schmusig heruntersingen. Es kommt aus sehr konkreter Lebens- und Glaubenserfahrung. Alles, so unterstreicht es, „haben wir zu danken seinem Segen“. Segnen kommt von Signieren, mit eigener Unterschrift bestätigen. Ja, an Gottes Segen ist alles gelegen. Auf ihn ist Verlass. So möge dieser Tag mit Zuversicht beginnen und mit dem staunenden Dank eines Paul Gerhardt - „dass wir unsere Sinnen noch brauchen können. Lobe den Herrn“.
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Ich bin am Samstag vor Pfingsten getauft worden. Das ist urlange her, noch vor dem zweiten Weltkrieg, aber der Tauftag ist mir immer wichtiger geworden, auch jetzt wieder auf Pfingsten zu, dem Fest der Geistbegabung. Was ist aus der Initiation von damals geworden? Und wer möchte ich geworden sein, wenn ich diese Welt verlasse? In jedem Fall ein überzeugter Christ oder sagen wir ein geistlicher, ein spiritueller Mensch. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich auf diese Schiene zum Christwerden gesetzt wurde. Inzwischen bin ich überzeugt davon, dass Jesus kennen und Beten können ein wahnsinniges Geschenk sind. Und das hat mit jener Gottesenergie zu tun, die wir Heiligen Geist nennen. Es ist jene Ermutigung, dank der wir Christen Vaterunser beten und Jesus den Christus nennen, den Vorläufer unseres Glaubens. Das eigene Leben gerät unter ein gesegnetes Vorzeichen, der Blick in die Welt wird ein anderer. Deshalb bei der Taufe auch das Wasser. Ursprünglich wurde man da richtig untergetaucht, wie im Schwimmbad oder im Fluss. Am ganzen Körper sollte die Veränderung spürbar werden: wie neu geboren, sagen wir ja auch nach einem Vollbad oder einer Ganzkörperpflege. „Seele des Menschen, / wie gleichst du dem Wasser! / Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind.“ So dichtete Goethe einmal. Und im Johannesevangelium heißt es aus dem Mund Jesu: „Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist wiedergeboren wird, kann er nicht in jene Welt eintreten, die Gottes Willen entspricht.“ (Joh 3,6). Welch schönes Bild für das Wirken des Heiligen Geistes: der Wind, der das Wasser bewegt, mal zärtlich, mal stürmisch.
Auch dieses Jahr habe ich in der Osternacht mein Taufversprechen erneuert. Widersagst, widersteht du dem bösen Geist, der kaputt macht? Ja, hoffentlich. Glaubst du an den guten, heiligen Geist, der das Angesicht der Erde erneuert? Ein klares Ja, aber mit Gänsehaut! Welch eine Entscheidung, welch eine Verantwortung! Aber auch: welches Glück. Ich weiß, wo ich hingehöre. Ich weiß, wo ich herkomme und wo ich hingehe. Und ich bin nicht allein. Man kann sich ja nicht selbst taufen – genau so wenig, wie man sich selber küssen kann. Immer sind wir Empfänger zuerst. In dem ältesten Tauflied, das uns erhalten geblieben ist, werden wir Getauften deshalb so angesprochen: „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein!“ (Eph 5,14)
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Sollte ich auf den Punkt bringen, was mir der christliche Glaube bedeutet, würde ich sagen: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“. Das ist die Übersetzung aus einem Lied von Huub Oosterhuis, die es in sich hat. Das Atmen ist ja bekanntlich so elementar, dass wir es meist erst bei Störungen merken: etwa bei Atemnot. Zudem ist Atmen etwas ganz Intimes, bis in Rhythmus und Geruch hinein. Je bewusster wir uns dem Ein- und Ausatmen überlassen, desto mehr können wir jene gewaltige Schwingung spüren, die uns sein lässt und am Leben erhält. Heute schon geatmet, durchgeatmet? Mit breiter Brust und bis in den Bauch und die Zehen? Und noch etwas gehört zum Wunder des Atmens: wir machen wie selbstverständlich Gebrauch von etwas, das größer ist als wir selbst. Die Luft ist da, wir produzieren sie nicht selbst. Ja, und auch dies: in der Luft, die ich ein- und ausatme, ist der Atem so vieler anderer schon mit drin. Ob dünne oder dicke Luft, ob sauber oder verschmutzt, es macht etwas mit meinem eigenen Atem und seinen Wegen. Goethe hat das in Versen des iranischen Dichters Hafis besungen: „Im Atemholen sind zweierlei Gnaden. / Die Luft einziehen, / sich ihrer entladen; / jenes bedrängt, dieses erfrischt; / So wunderbar ist das Leben gemischt. / Du danke Gott, wenn er dich presst, / Und danke ihm, wenn er dich wieder entlässt.“
Im Glauben an Gott gebe ich meinem Atem eine Richtung und Adresse: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“. Verrückter geht’s nicht: „Mein Atem“, unverwechselbar ich selbst, bist nun Du. Welche eine Intimität. Du, ein Gegenüber, und ich, wir gehören zusammen. Ich muss ans Küssen denken. Da berühren Lippen und Zunge einander, und der je eigene Atem fließt doch zusammen mit dem eines anderen, so innig nah und gegenüber. Meine Kurzformel also sagt: der unbegreifliche Gott ist mir näher als ich mir selbst, und ich selbst verlasse mich ganz in dieses Gegenüber hinein. Beten nennt man das in der Sprache der Religionen, kontemplatives Innehalten und meditatives Hineinhorchen. Nicht zufällig ist das Wunderwerk des Atmens in allen Religionen zentral. Das Wort „Spiritualität“ kommt ja von „spiritus“: Hauch, Luft, Atem. Man könnte auch vom Geist sprechen, klänge das im Deutschen nicht so verkopft und unsinnlich. Wie hinreißend konkret und leibhaft dagegen dieses Atmen: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“.
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Diese Woche vor Pfingsten ist etwas Besonderes. Nein, ich meine nicht die günstige Urlaubszeit mit den Feiertagen. Ich denke an die christliche Inszenierung in Kalender und Liturgie. Vor vier Tagen haben wir Christen Himmelfahrt Jesu gefeiert, seinen endgültigen Heimgang. Wir haben uns gefreut, dass er den Durchbruch geschafft hat und nun siegreich heimkehrt. Aber nun ist er endgültig weg, und der versprochene Schöpfer-Geist ist noch nicht da. Die zehn Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten sind eine Art Intermezzo und Vakuum. Wir bekommen schmerzhaft zu spüren, wie sehr uns das fehlt, was mit Jesus in die Welt kam. Welch eine Wartezeit, symbolisch auf diese zehn Tage verkürzt. So jedenfalls inszenieren das Bibel und Kirche. Deshalb jetzt die Bittprozessionen und all die Kirchenlieder: „Komm, Heiliger Geist“, und zwar möglichst schnell und reichlich. Ja, Christsein heißt auch: Jesus vermissen.
Lassen Sie es mich zugespitzt formulieren: diese zehn Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten sind eine geistlose Zeit. Nie spüren wir mehr, was uns fehlt: dieser Gottesgeist nämlich, der uns an Jesus erinnert und das Angesicht der Erde erneuert. Es ist jene Geistkraft, die aus feigen Jüngern mutige Kronzeugen machte und uns der Resignation entreißt, der Gleichgültigkeit. Ja, angesichts der Weltlage mehr denn je brauchen wir Ermutigung und Stehvermögen, Aufstehvermögen. Und nicht nur wir Christen! Es scheint ja fast, als seien wir von allen guten Geistern verlassen. Allzu oft herrscht das Recht des Stärkeren und der eigene Vorteil. Wenn es sein muss, wird gelogen, dass sich die Balken biegen, das Völkerrecht wird in Frage gestellt, Empathie und Solidarität gelten als Schwäche, die Schwarzmalerei im Blick auf die Zukunft nimmt zu, auch die Angst vor dem sozialen Abstieg.
Umso mehr schreien wir Christen nach dem Geist Jesu: mit ihm kam ja wirklich eine neue Lebensart in die Welt, ein unglaubliches Vertrauen auf Gottes Reich und Weltherrschaft. Ganz konkret in Gestalt von Erbarmen und Gerechtigkeit, von Vergebung und Zusammengehörigkeit. Endlich soll es überall so werden, wie es damals bei Jesus begann. Deshalb die dringende Bitte: „Komm, heiliger und heilender Geist. Befreie uns von Gleichgültigkeit und Resignation, befähige uns, wo es sein muss, zum Widerspruch und Widerstand“ – und bitte, bitte: lass uns diesen Jesus nicht vergessen, und den, zu dem wir sprechen dürfen: Vater Unser. Auf dass wir nicht länger von allen guten Geistern verlassen sind.
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„Heute bin ich mit dem falschen Fuß aufgestanden“ – ein Satz, den man manchmal sich selbst sagen muss, und vielleicht auch anderen, wie zur Warnung: “Achtung, ich bin nicht gut drauf“. Wer schlecht geschlafen hat, wacht beschwert auf. Da möchte man gar nicht erst aufstehen. Vielleicht möchte man die schlaflosen Stunden erst nachholen oder die schlechten Träume abschütteln, die einen die Nacht über gequält haben. Manchmal ist es dann einfach schwer, in den Tag hineinzukommen und überhaupt ins Leben. Und es braucht Zeit und Geduld, mit sich selbst und mit anderen.
Natürlich können wir heutzutage ein paar Pillen einwerfen, um solche Beschwernisse zu beseitigen und in bessere Laune zu kommen. Aber wir können solch widrigen Gefühlen und Situationen auch nachspüren und ihre Botschaft zu entziffern versuchen. Und Träume kann man lesen. Zeiten der Schlaflosigkeit sind womöglich eine Einladung zum Innehalten, zum Hineinhören in die Stille und zum Gebet. In einem biblischen Psalm z.B. lese ich: „Ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache.“ (Ps 63). Hilfreich finde ich auch das mentale Murmeln des Vaterunsers oder eines anderen Mantra-Gebetes. Ja, man kann sich in den ersehnten Schlaf sogar hinein beten, und wacht gestärkter auf, als hätte man durchgeschlafen. Die Kraft des Glaubens bewährt sich ja nicht nur in guten Zeiten, sondern in Phasen von Frust und Widerstreit.
Schlecht geschlafen, schlecht geträumt, mit dem falschen Fuß aufgestanden - ich finde es tröstlich, mit solchen Erfahrungen nicht allein zu sein. Vor bald 300 Jahren hat z.B. der evangelische Mystiker Gerhard Tersteegen gedichtet und gebetet: „Nun schläfet man; und wer nicht schlafen kann, der bete mit mir an den großen Namen“. Er meint Jesus: „du schläfst, mein Wächter, nie, / dir will ich wachen. / Ich liebe dich und lasse ewiglich / dich mit mir machen ...“ Ein inniges Gottvertrauen spricht aus diesen Versen - ganz auf der Linie des Jesus-Gebetes „Vater unser“. Das nächtliche Wachen als Einladung zu Zwiegespräch und Kontemplation. Oder wie Gerhard Tersteegen es ausdrückt: „Herr, rede du allein / beim tiefsten Stillesein / zu mir im Dunkeln.“ (EG 480) So wünsche ich Ihnen und mir einen gesegneten Tag.
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Ein Wunder ist heute Morgen in jedem Fall schon passiert: ich habe die Augen aufgeschlagen. Eigentlich der nackte Wahnsinn. Es gab ja keinerlei Garantie nach dem Abtauchen in den Schlaf gestern Abend. Es ist doch sehr erstaunlich, dass ich heute wieder hochkomme und jetzt da bin. Man kann kleine Kinder schon verstehen, dass sie nicht ins Bett wollen; und wenn dann doch, soll die Tür des Schlafzimmers ein bisschen offenbleiben. Dass ich diese unheimliche Phase heil durchgestanden habe und mir jetzt die Augen reiben kann – eigentlich ein Wunder.
Manche Menschen stellen sich den Wecker so, dass sie nicht gleich aus dem Bett springen und loshetzen müssen. Sie halten inne und spüren dem eigenen Augenaufschlag nach. Eine wunderbare Übung für Leib und Seele, eine kostbare Meditation für Körper und Geist. Man kann natürlich auch andere Körperregionen im Erwachen begrüßen. Jedenfalls kann man auch im Liegen gut beten und meditieren. Besonders intensiv empfinde ich das, wenn ich beim Beten mitspüre, dass ich so dereinst auch im Sarg liegen werde. Das Bett ist ja nicht nur zur Entspannung und zur Liebe da, es ist auch schon das Sterbebett und Vorausbild des Sarges, eine Liegekur der besonderen Art. Darf ich auch dann wieder die Augen aufschlagen und das Licht von Gottes Welt erblicken, ein letztes Mal und dann für immer? Voll österlicher Hoffnung sagt es der biblische Johannesbrief: „Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es, seine Töchter und Söhne. Aber was wir sind, ist noch nicht heraus. Wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Und in Seinem Licht werden wir auch uns sehen, wie wir wirklich sind, und es wird alles gut sein und sehr schön (vgl. 1 Joh 3,2). Eigentlich ein schöner Spruch für jeden Morgen jetzt schon. Ein anderer stammt von dem großen Glaubensdenker Romano Guardini. Der hat das in ein kurzes Gebet verdichtet, das immer gut zu beten ist, besonders morgens und eigentlich immer:
„Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand. So ist es und so soll es sein. Das ist meine Wahrheit und meine Freude. Immerfort blickt mein Auge dich an, und ich lebe aus Deinem Blick, Du mein Schöpfer und mein Heil. Lehre mich in der Stille Deiner Gegenwart, das Geheimnis zu verstehen, das ich bin, und dass ich bin durch Dich und vor Dir und für Dich ...“
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Sein ganzes Leben saß Bruder Konrad an der Klosterpforte. Und die glich im Wallfahrtsort Altötting einem Taubenschlag. Nicht nur, dass es damals noch reichlich Kapuzinermönche gab. Es galt ja vor allem, für die Massen von Wallfahrern da zu sein, die Kontakt oder Hilfe suchten. Schon zu Lebzeiten war dieser Bruder Konrad für seine freundliche Präsenz bekannt, stets gesprächs- und hilfsbereit und das mit unerschütterlicher Geduld. Konrad war sein Klostername, eigentlich hieß er Johann Evangelist Birndorfer, ein Bauernsohn aus Parzham bei Griesbach und dann selbst Bauer im Rottal. Mit 31 Jahren verzichtete er auf den Bauernhof, den er liebte, und ging ins Kloster. Drei Tage vor seinem Tod am 21. April 1894 sagte er: „ich kann nicht mehr“. Da hatte er 41 Jahre als Pförtner gedient. 1934 wurde er heiliggesprochen, und heute ist sein Geburtstag ins göttliche Leben.
Warum an solch ein unscheinbares Leben erinnern? Weil es der christliche Normalfall ist. Und weil es ans Licht bringt, worauf es ankommt. Schon zu Lebzeiten merkten immer mehr Leute, dieser Bruder Konrad ist echt, der ist einfach da. Von dem geht ein Wohlwollen aus, das guttut. Und dafür hat jeder Mensch eine Antenne. Bruder Konrad wollte nichts Besonderes sein, er musste sich nicht inszenieren; er musste nicht belehren und werten. Und er musste sich nicht abwerten und klein machen. „In Gottes Namen“, sagte er gern und verriet damit die Quelle seiner Lebensart: ein abgrundtiefes Vertrauen auf Gott mitten im Alltag.
Unsereiner denkt beim Wort „Gott“ an etwas Überwältigendes und Großes. Und das ist ja auch wahr: Größeres kann gar nicht gedacht und geliebt werden. Meist aber wird das christlich Entscheidende vergessen: die Liebe im Kleinen. „Wer unter euch groß sein will, möge doch bitte so klein werden, wie er in Wahrheit ist“ und auf den Teppich kommen. Nichts Besonderes, aber das ganz und in Würde und mit Ausstrahlung. Davon war Bruder Konrad überzeugt und so wurde er ein Pförtner der Herzen, ein Türöffner und Netzwerker. An seine Schwester schrieb einmal: „Mir geht es immer gut. Ich bin immer glücklich und zufrieden in Gott. Ich nehme alles mit Dank vom lieben Himmelsvater an, seien es Leiden oder Freuden, er weiß wohl, was besser ist für uns“. Solch einen inneren Frieden wünsche ich Ihnen und mir.
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Hast du gut geschlafen? Eine beliebte Frage am Morgen, in Ruhe beim Frühstück oder im schnellen Aufbruch noch. Kann ich mit Ja antworten, so klingt das, als wär‘s schon die halbe Miete für den Tag. Gut durchschlafen, ist eine Wohltat – oft so selbstverständlich, dass wir es erst zu schätzen wissen, wenn wir die erste schlaflose Nacht hinter uns haben. Ja, Schlaf ist eine höchst kostbare Erfindung. Allein, dass Körper und Geist auf Zeit ruhiggestellt werden und sich derart erholen können; wie viel Spannung kann da abfallen, wie viel neue Kräfte werden wachgerufen. Ja, wie neu geboren ist dann das Erwachen. Jochen Klepper hat recht mit seinem Gedicht: „Barmherzig ist der Schlaf, der tiefe, / als ob uns Gott zum Ursprung riefe / und wieder Adam zu uns riefe“, und natürlich auch Eva. Morgenstund hat Gold dann nicht nur im Mund, sie ist ein Stück Neuschöpfung wie ganz am Anfang, eine tolle Rückendeckung für den bevorstehenden Tag heute, keineswegs selbstverständlich, und also Grund mindestens für ein Dankeschön. Alle Religionen kennen das Morgenlob. Nicht nur dass das gefährliche Dunkel der Nacht bestanden wurde, nein es gibt diesen neuen Input an Energie. Warum denn sonst sagen wir bei größeren Entscheidungen: darüber muß ich nochmal schlafen? Das Morgengebet könnte genauso selbstverständlich sein wie das Zähne-Putzen.
Aber vergessen wir nicht: es gibt auch schlaflose und durchwachte Nächte. Da kann einen die totale Langeweile angähnen oder ein nagendes Problem. Man wünscht sich das erlösende Einschlafen, und es will sich einfach nicht einstellen. Stattdessen quälen einen Sorgen und immer wieder die Uhr. So wunderbar die stärkende und stillende Seite des Schlafes ist, irgendwie ist er auch unheimlich: wir kommen uns da irgendwie abhanden. Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes, sagt ein uralter Grundsatz, bei beiden werden wir uns genommen. Christen freilich bekennen: Wer tot ist, „schläft eigentlich nur“, denn er lebt aufgeweckt mit Gott. Sehr treffend ist deshalb auch die zweite Strophe in Kleppers Loblied auf den Schlaf und seinen Schöpfer: „Barmherzig ist der Schlaf, der schwere, / als ob uns Gott zum Ende kehre / und nur der Jüngste Morgen tagte.“ Mit dem täglichen Erwachen ist eben beides wieder da: das Wunder des neuen Tages und die befristete Zeit, mein sterbliches und geburtliches Leben, und immer der barmherzige Gott.
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