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12NOV2022
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Vor kurzem trafen sich Vertreter aller Kirchen im Ökumenischen Weltrat in Karlsruhe, auch die von den russisch- und ukrainischen orthodoxen Kirchen. Eine Woche waren sie zusammen, aber sie konnten nicht miteinander reden. So bitter und zerstörerisch ist der Krieg in der Ukraine, so zerstritten sind sie, obwohl sie sich alle auf Jesus berufen. Auch das gehört zu den Tragödien der Gegenwart. Wir im Westen haben seit den mörderischen Konfessionskriegen schmerzhaft lernen müssen, was Ökumene ist und versöhnte Verschiedenheit. Und doch gibt es immer noch eine Menge Vorurteile zwischen den Konfessionen. Aber besonders groß ist die Distanz noch zwischen Ost- und Westkirchen. Ob der böse Krieg jetzt dazu beitragen wird, dass wir mehr voneinander lernen und wissen? 

Solche Fragen legen sich besonders heute nahe, wo die Kirche eines belarussischen Bischofs gedenkt, der zu einem Märtyrer der Ökumene wurde – und das just in der Zeit des dreißigjährigen Krieges, wo sich hierzulande Protestanten und Katholiken noch die Köpfe einschlugen und das Land verwüsteten. Dieser Josaphat wurde 1618 Bischof von Polozk im heutigen Weißrußland. Er setzte sich rigide für die Union zwischen orthodoxen und römischen Kirchen ein, und das machte ihn ebenso attraktiv wie verhasst. Seine Gegner beschimpften ihn als „Seelenräuber“, der in fremden Gewässern fischen will - eine Haltung, die auch heute in und zwischen den Kirchen noch zu finden ist. Konkurrenzneid und Angst um den eigenen Bestand – und das mitten in einem Raum, in dem doch das Evangelium von Gottes Nächstenliebe verkündet und gelebt werden sollte. Dieser Josaphat jedenfalls wurde 1623 von seinen christlichen Gegnern grausam gefoltert und getötet. Bis zuletzt wollte er, freilich selbst auch ein Scharfmacher, nichts als Einigung und Versöhnung.

Dass Christen und Kirchen selbst heute noch derart gegeneinander stehen wie jetzt in der Ukraine, ist erschütternd und beschämend zugleich. Auch nach 2000 Jahren ist noch so wenig vom Friedensgeist Jesu verwirklicht worden. Dass selbst Kirchenführer sich weiterhin als nationalistische Ideologen aufführen und den Namen Jesu missbrauchen, ist schlicht skandalös. Umso mehr ist es eine ständige Herausforderung, endlich vernünftig zu werden und der Friedensbotschaft Jesu zu folgen. Der Gedenktag des belarussischen Bischofs Josaphat, der zuvor lange im litauischen Vilnius gewirkt hat, ist erneut ein Anlass, die Friedensbotschaft Jesu zur Geltung zu bringen. Er gab dafür sogar sein Leben, und viele tun es bis heute für Gerechtigkeit und Frieden. Gerade in diesen mörderischen Zeiten der Feindesliebe zu trauen ist eine mutige Sache. „Selig sind, die Frieden schaffen. Sie werden Frieden finden!“

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11NOV2022
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St Martin ist ein frommer Mann… dieses Kinderlied ist heute wieder zu hören, wenn die Martins-Umzüge sich auf den Weg machen, womöglich gar mit leibhaftigem Pferd. Dass der römische Soldat aus Ungarn damals einem armen Schlucker die Hälfte seines Mantels geschenkt hat, ist unvergessen - ein Inbild von Einfühlungskraft und Nächstenliebe, wirklich ein Lichtblick in dunklen Zeiten. In der Tat, der historische Martin war in den Gründerjahren des Christentums eine starke Figur. Zum Schluß Bischof im französischen Tours, hat er mit Ambrosius, einem anderen großen Kirchenvater, das aufgebaut, was heute in der Krise steckt: eine funktionierende und glaubwürdige Kirche.

Besonders faszinierend finde ich Martins Gespür für Wahrhaftigsein. Glaubwürdig, authentisch, transparent war er. Dazu erzählt sein erster Biograph etwas aus dem Nähkästchen. Demnach erschien dem Martin im Traum einmal eine göttliche Lichtgestalt und sagte ihm, sie sei Christus. Von höchster göttlicher Stelle solle er Dank und Anerkennung überbringen. Martin ist natürlich beglückt, wer wäre das nicht bei so hohem Besuch. Aber dann kommen ihm Bedenken, typisch für seine Hellsicht. „Wo sind deine Wunden?“, fragt er kritisch zurück. Denn ein Christus ohne Wunden ist ihm, typisch christlich, undenkbar. Sofort ziert sich die Traumgestalt und redet sich raus: er wolle sich heute einmal ganz österlich zeigen, ganz ohne das hässliche Kreuz und die schlimmen Lebenswunden. Martin aber, nun hellwach wie es sich für einen Christenmenschen gehört, kontert sofort: „hau ab, du bist der Satan!“ Ein Christus ohne Wunden ist der Teufel!

Genau das ist der Punkt: ein himmlischer Christus ohne irdische Wunden ist ein Traumprodukt, eine Wunschphantasie, mehr noch: ein Lügengebilde. Natürlich, in den Himmel wollen alle, so oder so. Wer träumt nicht vom großen Glück? Aber ohne die Nöte des Irdischen, ohne Verletzungen und Wunden geht es leider nicht. Und genau das steht christlich im Zentrum: der verwundete Arzt, nicht der Strahlemann; der gekreuzigte Christus, nicht der Zauberkünstler. Genau deshalb ist Christus glaubwürdig, weil er unser menschliches Leben selbst durchgemacht hat. Genau deshalb ist sein Gott unser Gott, er weicht Gewalt und Leiden nicht aus, er trägt mit und führt heilend hindurch und voran. Das hat Martin kapiert. Deshalb wendet er sich dem Bettler zu. Deshalb schickt er seinen Strahlemann zum Teufel. Nicht blenden, sondern teilen. Ja, „Sankt Martin ist ein frommer Mann“. Heiliger Martin, glänzender Zeuge, bitte für uns.

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10NOV2022
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Ob es uns passt oder nicht, immer mehr Menschen aus ärmeren Ländern drängen zu uns, in das privilegierte Europa. Manche sprechen schon von Völkerwanderung wie damals am Ende des römischen Reiches: ein Kampf ums Überleben, um neue Beheimatung. Damals drängten z.B.  germanische Stämme ins Zentrum des Wohlstands Richtung Rom, so wie heute Menschenströme aus Afghanistan oder Nigeria Richtung Berlin oder Paris.

Eine starke Führungsfigur in der Migrationskrise damals war ein römischer Papst aus der Toskana. Dieser Leo I. trägt mit Recht den Beinamen der Große. Er wird heute im kirchlichen Heiligenkalender erinnert. Immerhin konnte er erreichen, dass Italien nicht von den Hunnen und ihrem König Attila besetzt und Rom von den Vandalen nicht geplündert wurde. Aber ich denke jetzt nicht zuerst an Leos Erfolge im politischen Bereich, an seine Initiativen im Sozialen. Leo I. war auch ein großer Theologe – und da gibt es ein goldenes Wort von ihm, das mich schon lange begleitet und begeistert:

„Gott, der Unbegreifliche, wollte sich begreiflich machen.“ Das ist ein Spitzensatz christlichen Glaubens. Dass Gott unbegreiflich ist, wissen wir alle. Aber was wäre das für ein Rätselgott, wenn er unbegreiflich bliebe? Ich bleibe erst mal bei mir: wie oft begreife ich mich selbst nicht, und sogar geliebte Mitmenschen können einem unverständlich sein. Erst wenn ich mich öffne und dem Gegenüber begreiflich machen will, beginnt Beziehung. Dann kommt hoffentlich die Lust ins Spiel, sich dem anderen mitzuteilen, die Freude an Gespräch und Austausch. Ich will mich dir begreiflich machen, und du bitte mir. Das hat mit Liebe zu tun, jedenfalls mit Interesse, mit Zuneigung wortwörtlich. Ich brauche dich nicht, aber ich will im Austausch sein mit dir. Ich bin so frei, und du bitte auch.

Das meinte Papst Leo, wenn er sagte: „Gott, der Unbegreifliche, wollte sich begreiflich machen.“ Vor allem in Jesus zeigt er, wer er wirklich ist. Er braucht uns nicht, sonst wäre er nicht Gott. Aber er will im Austausch sein mit uns, ja er will unserer bedürfen. Er glaubt an uns, er hofft auf uns, er liebt uns, er oder sie, das unfassbare Geheimnis der Liebe. Also Achtung mit dem üblichen Satz: wer Gott ist, weiß doch so wie so keiner genau. Doch, antwortet Leo der Große mit Recht: er will und wollte sich begreiflich machen. Er will uns als Mitliebende. Was wäre begreiflicher?

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14SEP2022
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Spätestens beim Wohnung einrichten taucht die Frage auf: ein Kreuz aufhängen oder nicht. Soll man sich als Christ outen – wenigstens in den eigenen vier Wänden?  Für die Öffentlichkeit ist die Sache ohnehin umstritten. Jetzt wo sich nicht einmal mehr 50 % aller Bundesbürger einer christlichen Kirche zugehörig fühlen erst recht. Anstößig ist die Sache mit dem Kreuz allemal. Einen gefolterten Mitmenschen abzubilden und in den Mittelpunkt zu rücken, hat etwas Obszönes. Umso merkwürdiger erscheint das Fest, das heute im kirchlichen Kalender steht: Kreuzerhöhung – eine seltsame Formulierung, aber eine ganz wichtige Sache. Denn da geht es um die Quintessenz christlicher Hoffnung.

Kreuz Erhöhung – das erinnert an die Einweihung der Grabeskirche in Jerusalem im Jahre 353. Der Platz, wo Jesus hingerichtet wurde, galt von früh an als heilig. Und noch heute ist es ein bewegender Ort. Auf dem Kreuzweg Jesu unterwegs zu sein, kann unter die Haut gehen. Schon der Apostel Paulus hatte entschieden gesagt: „Wir aber rühmen uns des Kreuzes Christi“. Es ist das Alleinstellungsmerkmal christlichen Glaubens, sein Güte- und Markenzeichen also. Aber sofort ist wieder die Frage da: warum ausgerechnet einen Gekreuzigten in den Mittelpunkt stellen, warum sein Kreuz aufhängen und erhöhen? Lebt sich nicht besser ohne? Ja, selbstverständlich, lautet die Antwort. Gewalt und Leiden sollen nicht sein, gerade im Namen Jesu nicht! Aber sie sind de facto doch da – und wir müssen uns diesem factum brutum stellen. Genau deshalb schauen wir auf den Gekreuzigten, genau deshalb sind wir gegen Illusionen vom leid- und gewaltfreien Leben schon jetzt.

Paulus hat Recht: „das Wort vom Kreuz ist den einen ein Ärgernis, den anderen eine Dummheit, uns aber Gottes Kraft und Weisheit“. Wir schauen genau auf diesen Kreuzungspunkt hin, wo Jesus für die Liebe, ja die Feindesliebe in den Tod ging. Er wurde von Gott beglaubigt. Er durchbrach das Terrorregime der Gewalt und verschaffte der Liebe Raum, der Feindesliebe gar.  Nicht länger muss sich das Hamsterrad des „wie du mir so ich dir“ drehen. Durchkreuzt sind die Teufelskreise des Bösen. Nicht wegschauen und vom besseren Leben nur träumen, sondern hinschauen auf die Welt wie sie tatsächlich noch ist. Aber der Durchbruch ist geschafft, definitiv. Leben ohne Gier und Gewalt ist möglich. Kreuz Erhöhung – wirklich ein Fest.

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13SEP2022
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„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold “ - lautet eine kluge Maxime. Zu viel wird geschwätzt, zu schnell oft die Kommentare und Antworten, zu folgenlos die Sprüche und Parolen. Den Mund halten, wirklich zuhören und selber nachdenken, wäre oft besser. Aber bei dem Menschen, der heute im kirchlichen Jahreskalender steht, war es anders:  Johannes Chrysostomus. Die Leute nannten ihn Goldmund. So beliebt waren seine Vorträge und Predigten. Dieser Johannes Chrysostomus war um 400 nach Christus zwar Erzbischof von Konstantinopel, also Patriarch der Kaiserstadt. Aber er blieb immer der schlichte einfache Mönch aus Syrien, und das machte ihn so glaubwürdig und beliebt. Seine Predigten nannten die Probleme beim Namen, besonders die Situation der kleinen und armen Leute lag ihm am Herzen. Und er redete nicht nur, er tat viel.

Also wurde Goldmund sein Spitzname, wohlgemerkt nicht Schönredner oder Schönfärber. Er redete z.B. den Reichen ins Gewissen und prangerte konkretes Unrecht an. Er appellierte an die Vernunft und Verantwortung aller. Er war der festen Überzeugung, dass jeder etwas zu sagen hat. Eigentlich bräuchten wir die Bibel gar nicht, sagte er. Denn jeder Mensch wüsste im Grunde ohnehin, was gut ist und was guttut. Schließlich wirkt Gottes Geist überall. Die Bibel sei uns nur als Krücke gegeben, zur Nachhilfe sozusagen. Die Predigten des Johannes Chrysostomus waren so wirksam, dass sich z.B.  die Kaiserin höchst persönlich in ihrem Lebensstil demaskiert fühlte. Sie setzte seine Verbannung durch, weg von Konstantinopel ins ferne Armenien. Noch nicht einmal 60-jährig starb er heute vor mehr als 1600 Jahren, besonders in den Ostkirchen hoch verehrt und unvergessen bis heute.

Schnell- und Schlauschwätzer gibt es bekanntlich genug, auch Schlagworte und Worthülsen. Was dagegen ist wichtiger als das offene Wort zur rechten Zeit!  Es braucht Menschen, die grade stehen für das, was sie sagen. Die nicht mehr versprechen, als sie halten können. Und die den Mitmenschen etwas zutrauen. Sie sind Gold wert.

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12SEP2022
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Maria bzw. Mirjam – wenn Sie diesen Vornamen tragen, dann einen besonderen Glückwunsch. Im katholischen Kalender wird heute nämlich ihr Namenstag gefeiert. Wir wissen zwar historisch fast nichts von dieser guten Frau, aber eines steht in jedem Fall fest: sie war die Mutter Jesu. Und das genügt für ihre rasante Wirkungsgeschichte. Denken wir nur an die Marienkirchen und -statuen, an die Lieder und Gebete. Und eben an die Namenstage. Dass man bei berühmten Leuten an die Mutter denkt, ist eher ungewöhnlich, bei Maria ist das anders. Das Kind, das sie zur Welt gebracht hat, gilt jedenfalls Christenmenschen als ein ganz besonderes Gottesgeschenk. Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts“, hat sich z.B. Botho Strauß ins Tagebuch geschrieben. Und entsprechend kommt Maria zu Ehren.

Aber nicht die biologische Mutterschaft steht da im Mittelpunkt, es ist ihr Glaube. Besonders das Lukas-Evangelium zeichnet Maria in bunten Farben, und immer geht es um dies. „Selig bist du, weil du geglaubt hast“. Das ist der entscheidende Punkt. Maria wird von früh an verehrt nicht nur als Mutter Jesu, sondern als Mutter der Glaubenden. An ihr ist zu lernen, was man Gottempfänglichkeit nennen könnte: offen sein für die Ankunft Gottes im eigenen Leben, mindestens die Bereitschaft, mit ihm zu rechnen und nach ihm zu fragen. „Wie soll ich dich empfangen?“ Wie muss ich leben, dass auch mir ein Engel Gottes erscheint wie Maria mit den Worten: „Gegrüßt seist du, voll der Gnade, der Herr ist mit dir“?

Diese Worte sind bewegend geworden für viele. Das „Gegrüßet seist du Maria“ ist ein kostbares Gebet durch den Alltag. Und kein Wunder ist es, dass sich heutzutage gerade reformhungrige Frauen auf Maria 2.0 berufen. Sie leiden unter der Männerkirche, sie schauen dankbar auf diese Frau, die sich von Gott gesehen wusste und großgemacht sah. Immer noch beten wir täglich ihr Magnifikat, dieses kraftvolle Loblied. „Meine Seele preist die Größe des Herrn … er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Welch eine Widerstandskraft, welch ein Gottvertrauen, welch ein gottempfänglicher Mensch, diese Mirjam-Maria. 

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06JUL2022
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„Alles, was recht ist“ – das ist auch so eine Redensart, die es in sich hat. Bei Wutausbrüchen kann man sie hören, aber auch sonst im Blick auf Leid und Unrecht in der Welt. Dass alles recht sei und gerecht werde, scheint eine Ursehnsucht zu sein. Schon bei den alten Ägyptern gab es das Leitbild von der Waage, die alles richtet und gewichtet.  Ma`at die Göttin der Gerechtigkeit und Weisheit, wird so dargestellt; noch heute findet man an Gerichtsgebäuden das Bild von der Frau Justitia, die das Instrument des Abwiegens in der Hand hält. Sie steht für Lastenausgleich und Gerechtigkeit. Abwiegen und Abwägen gehören zusammen. Das alte Ägypten war eines der frühen Großreiche, da wurde Gerechtigkeit zur Überlebensfrage, und so ist es bis heute. Soziale Gerechtigkeit und Lastenausgleich, Geschlechtergerechtigkeit und wirklich Beziehung, Generationengerechtigkeit jetzt beim Schuldenproblem – immer ist es ein brisantes Thema, im Großen und im Kleinen. Und mit Recht schreien wir angesichts eines Angriffskrieges oder sonst einer Katastrophe: „das ist aber ungerecht“.

Ja, “alles was recht ist“ ist das Schlüsselthema der Bibel, Gerechtigkeit, nicht Liebe. Das Geheimnis, das da Gott heißt, ist gerecht und schafft Gerechtigkeit. Schier unermüdlich ist da ein guter Schöpfergott am Werk, der Menschen zum Guten und Rechten motiviert. Er ist die Gerechtigkeit in Person. Gerechtigkeit ist der Notenschlüssel zur Musik der ganzen Schöpfung: „der eine lebt vom andern, allein kann keiner sein“. Wir werden einander dann gerecht, wenn wir füreinander da sind. Selbst das Gottesbild vom Richter dient der Überzeugung, dass die Bäume der Bösen nicht in den Himmel wachsen. Die Mächtigen stürzt er vom Thron, die Niedrigen erhöht er. Nicht Angstmache ist dabei das Ziel, nein, da ist ein förmlich unerbittlicher Gerechtigkeitswille am Werk. Er richtet auf, was niedergemacht wird und unterdrückt ist. Deshalb soll den Witwen und Waisen besondere Aufmerksamkeit gelten, den Kindern und Schwachen, und all den Verdammten und Ausgeschlossenen dieser Erde. Deshalb werden die Hungernden und Weinenden von Jesus seliggepriesenen und alle verflucht, die auf Kosten anderer ihr eigenes Schäfchen ins Trockene bringen. Sogar von Feindesliebe ist die Rede als der Musik der Schöpfung. Die gilt es immer neu zu hören, ihr gilt es zu folgen. „Alles, was recht ist“.

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05JUL2022
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„Alles in Ordnung?“ Oft ist diese Frage zu hören, wenn man sich begrüßt oder verabschiedet. Und gemeint ist damit: Ist alles ok? Bist Du gut drauf - im Prinzip jedenfalls? „In Ordnung sein“ heißt im Lot sein, in der Balance, im inneren Gleichgewicht. „Ordnung“ - das Wort ist ja leider etwas in Verruf geraten: law and order, Ordnungsamt, Beachtung der Vorschriften – das hat den negativen Beigeschmack, sich irgendwelchen Behörden und Instanzen unterwerfen zu müssen, gar bei Androhung von Strafe. Wer folgt da schon gern? Auch das Gefühl von Pflicht und Anstrengung ist gleich dabei: Ich soll Gesetze erfüllen oder muß etwas in Ordnung bringen.

Der fromme Volksmund sagt: „Der liebe Gott tut nichts als fügen“. Da kommt alles in Ordnung.  Da spielt dieses tiefe Vertrauen mit, das jede Mutter meint, wenn sie ihr verletztes Kind tröstend in den Arm nimmt: „es wird alles wieder gut“. Es wird sich schon fügen und wieder in die Reihe kommen, in die Ordnung. Die alten Griechen haben deshalb für die Welt und das Leben das wunderbare Wort „Kosmos“ geprägt, und das heißt zugleich „Ordnung“ und „Schmuck“, bis hin zur Kosmetik. Ja, in Ordnung sein hat mit Schönheit zu tun. Simone Weil, die große Denkerin, hat einmal geschrieben: „Der Schönheit der Welt keine Aufmerksamkeit zu schenken, ist vielleicht ein so großes Verbrechen der Undankbarkeit, dass es die Strafe des Unglücks verdient.“ In der Tat: es gibt Naturgesetze, es gibt gute Ordnungen, Fügen und Verfügen hängen zusammen.

„Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“ – heißt es in einem wunderbaren Gebet in der Bibel. „Denn du bist immer imstande, deine große Macht zu entfalten … Die ganze Welt ist ja vor dir wie ein bisschen Staub auf der Waage, wie ein Tautropfen, der am Morgen zur Erde fällt.“ (Weisheit 11,20ff). Welch großes Vertrauen ins Dasein! Nichts ist selbstverständlich, aber in allem ist eine Ordnung zu entziffern, ja eine führende Hand. Was die Alten Kosmos nannten, wird biblisch als Gottes Schöpfung verstanden, als Ausdruck seiner Treue und Gerechtigkeit.  Ja, es wird alles gut. Deshalb ist die Frage so treffend, mit der sich auch dieser Tag begrüßen lässt: „alles in Ordnung?“ Wenn ja, wunderbar; wenn nein, dann arbeiten wir dran.

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04JUL2022
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„Menschen getroffen“ – so ist ein Gedicht von Gottfried Benn überschrieben. Nachdenklich schaut der alte Dichter und Arzt auf sein Leben zurück. Wen er nicht alles getroffen hat. Als dritte Strophe heißt es am Schluß: „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,/woher das Gute und das Sanfte kommt,/weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.“ Welch ein erstauntes und erstaunliches Resümee. Das Lebensende vor Augen, sammelt sich alles in dieser einen Frage: „Woher das Gute und das Sanfte“.

Die Fragen nach dem Schweren und Bösen liegen derzeit ja leider auf der Hand. Allein der Wahnsinn mit dem Angriff auf die Ukraine, mit all der Zerstörung und den bösen Folgen! Der Schacher um Weizen und das perfide Spiel mit dem Hunger in der Welt. Aber auch der Missbrauch von staatlichem Geld durch die Ölkonzerne und die Belastung der kleinen Leute. Und dass die Klimakatastrophe noch abgewendet werden kann, wird immer unwahrscheinlicher. Hitzewellen, Wassernöte und Unwetter sprechen eine unerbittliche Sprache. Ja, wieso das alles, woher das Böse? Diese Warum-Frage liegt nahe.

Aber die andere Frage, die des alten Dichters nach dem Guten, wird leicht vergessen. Nicht nur das Gute und seine Herkunft haben es ihm angetan, auch „das Sanfte“. Ja, woher die gigantische Hilfsbereitschaft angesichts der ukrainischen Flüchtlingsnot? Woher die geduldige Freundlichkeit an der Abendkasse? Woher die Bereitschaft der Eltern, nachts zum x-ten Mal aufzustehen, wenn das Kleinkind schreit? Woher so viel Geduld und Zuwendung in der Pflege und am Krankenbett. Und woher womöglich die Tapferkeit, heute aufzustehen und den Alltag zu bewältigen? Für Benn, den Mann, den notorischen  Frauen-Liebhaber, trägt das Sanfte besonders gern weibliche Züge. Ja, woher Zärtlichkeit und Charme – und der Zauber des Sommers trotz allem Schwerem?

In einem der jüngsten Bücher des Alten Testamentes – es stammt aus der Zeit Jesu – betet einer zu Gott: „Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, du hättest es nicht geschaffen.“ (Weisheit 11,24) Wunderbar dieses Vertrauen, und keineswegs blauäugig. Es relativiert nicht das Schlimme und Schwere, und offene Fragen gibt es genug. Aber Benns Frage nach dem Guten und Sanften, unsere eigene, könnte hier eine Antwort finden, hier im Gott-Vertrauen des biblischen Beters.  

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11MAI2022
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„Wer sich selbst nicht riechen kann, stinkt auch andern“. Sofort hat sich dieser Spruch bei mir festgesetzt. Er trifft ins Schwarze. Wer nicht Frieden findet mit sich selbst, macht es auch anderen schwer.  Wer mit sich ins Lot kommt, verbreitet dagegen eine gute Atmosphäre. Aber dass derselbe Spruch in der Bibel steht, hätte ich nicht gedacht. Meist ist ja zu hören, christlich ginge es immer um Nächstenliebe; selbstlos solle man sein und möglichst ein bisschen wie Mutter Teresa. Aber wie kann man für andere da sein, wenn man sich selbst vernachlässigt und nicht ernst nimmt?

Lassen wir uns überraschen vom Bibeltext wörtlich: „Wer mit sich selbst schlecht umgeht, zu wem wird der gut sein? Er wird sich nie an seinem Wohlstand freuen. Keiner ist schlimmer als der, der sich selbst nichts gönn … Sogar wenn er etwas Gutes tut, tut er es aus Versehen.“ (Jesus Sirach 14,5ff) So weit der biblische O-Ton. Der unbekannte Menschenkenner wohl aus Jerusalem hat den Geizhals als Typ vor Augen – Menschen also, die nichts hergeben können und ständig kriegen, ja raffen müssen und auch die, die sich selbst ausbeuten. Sagen wir: stramme Egoisten.

Völlig recht hat der biblische Autor: „wer sich nichts gönnt“, ist hart gegen sich und brutal gegen andere.  Er schadet zuerst sich selbst.  Sind wir aber im Frieden mit uns selbst und das heißt ja auch mit unseren wirklichen Bedürfnissen, dann kommt das auch anderen zugute. Erstaunlich bei diesem Bibeltext: kein Wort von Gott, es geht um gelingendes Leben, um Selbstsorge für Leib und Seele, um gutes Miteinander und das Gegenteil von Geiz. Aber genau darin zeigt sich ja das Geheimnis, das wir Gott nennen! In mir als Geschöpf meldet sich ständig der Schöpfer – in der Stimme der Vernunft und des Gewissens natürlich, aber auch in der Sprache elementarer Bedürfnisse und Gefühle. Je mehr ich wirklich zu mir selbst komme, desto mehr darf ich auf die Ankunft Gottes hoffen – und nichts kommt anderen dann mehr zugute. Natürlich ist Nächstenliebe phantastisch, und auf Feindesliebe zielt das ganze Evangelium. Aber das „Gönnen können“ betrifft keineswegs nur andere, sondern den eigenen Seelenhaushalt. Also: „Wer mit sich selbst schlecht umgeht, wie kann er anderen Gutes tun?“

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