SWR Kultur Wort zum Tag

08JUN2024
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Vor 100 Jahren, genau am 11. Juni, ist Franz Kafka beerdigt worden, gerade mal 41­-jährig. Noch bis zu seinem Tod hatte der schwer kranke Dichter Korrektur gelesen für den Druck seiner Geschichte „Der Hungerkünstler“. Wie so oft ein Vermächtnis der besonderen Art, unschwer sind autobiografische Bezüge auszumachen, und alle, die sie lesen, bekommen das zu spüren, „als wär‘s ein Stück von mir“. 

Dieser seltsame Hungerkünstler mit seiner Show ist schon lange mit dem Zirkus unterwegs, aber irgendwie hat man ihn fast vergessen. Jetzt bei der Inventur stößt man auf den völlig Erschöpften und will ihn entsorgen; Platz muss her für einen Tiger, und „der hat das Leben im Gebiss“, wie es heißt.  Auf die Frage, warum er denn überhaupt auf das Essen verzichte, antwortet dieser Hungerkünstler mit den Worten: „weil ich hungern muss, ich kann nicht anders“ – und weiter: “weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.“

Die Speise finden, die mir schmeckt – die also satt macht und den Lebenshunger wirklich stillt.  Man braucht nur mal junge Vögel im Nest mit ihren ständig offenen Schnäbeln zu betrachten, aber natürlich können wir uns mit dem Blick auf ein Baby an unsere eigene Geschichte erinnern.  Es geht nicht nur um Nahrungszufuhr allgemein.  Auf den Geschmack kommen, ist ja nicht nur ein kulinarisches Geschehen und eine ästhetische Angelegenheit; es hat mit mir persönlich und meiner Lebensart zu tun.  Wer in Erregung z.B.  herausschreit „das schmeckt mir nicht“, äußert damit höchstes Missfallen und Unbehagen. Er lässt sich nicht abspeisen. Kafkas Hungerkünstler gibt sich mit Ersatzprodukten nicht zufrieden, er lässt sich seinen Hunger nicht ausreden. Er ist ein Widerständler mitten im Zirkus einer Bedürfnisgesellschaft, die ihren Hunger stets betäubt.

Der Hungerkünstler Kafkas steht stellvertretend für alle, die real hungern und Nahrung brauchen. Er steht Pate für alle, die sich ihren spirituellen Hunger nicht nehmen lassen. Denn der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. „Selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, sie werden gesättigt werden“.

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