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SWR2 / SWR Kultur

  

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SWR4 Abendgedanken

05JAN2024
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Durch endlose Gänge laufen, an x Krankenzimmern vorbei, den Fahrstuhl benutzen und wieder lange Flure entlanggehen. Das habe ich eine Woche lang in der Uni-Klinik Tübingen gemacht. Nach meiner OP haben die Ärzte dazu geraten, dass ich mich so viel wie möglich bewege. Das Wetter war nasskalt, also habe ich täglich meine Runden im Haus gemacht. Dabei bin ich an einer Fotogalerie vorbeigekommen. Schön nebeneinander aufgereiht hängen dort die Portraits der Ärztlichen Direktoren seit Gründung der Klinik. Die allerersten sind noch mit Militäruniform und Orden abgebildet. Beim Chefarzt in der Zeit von 1937 bis 1945 bin ich hängen geblieben. Mir war sofort klar: Wer in dieser Zeit Chefarzt war, muss ein Nazi gewesen sein. Und tatsächlich dieser Arzt war Mitgliedbei der NSDAP. Unter seiner Leitung wurden über 500 Frauen zwangssterilisiert und er hat auch viele Männer zwangskastrieren lassen. Die Klinikleitung hat sich bewusst entschieden, sein Bild hängen zu lassen, um dieses schreckliche Kapitel ihrer Geschichte nicht totzuschweigen.

Dieser Typ hat mich angewidert. Bei ihm war keine Rede mehr vom Eid des Hippokrates und der Verpflichtung seine Heilkunst immer nur zum Besten des Menschen einzusetzen. Aber zum Glück ist es nicht dabei geblieben, dass ich nur angewidert war.

Seit meinem Besuch bei der Fotogalerie bin ich nämlich mit ganz anderen Augen durch die Uniklinik gegangen. Ich habe sie voller Freude beobachtet: den albanischen Arzt, den Pfleger aus Guinea, die Krankenschwester aus Kroatien; Menschen mit unterschiedlicher Religion und Hautfarbe, die sich alle für andere einsetzen. Alle, die in der Tübinger Uniklinik heute unmittelbar vor dem Foto dieses fürchterlichen Arztes arbeiten, leben etwas völlig anderes als er wollte. Seine Schuld kann keiner rückgängig machen, aber die Geschichte unseres Landes hat eine andere, glückliche Wendung genommen. Ärzte wie er haben heute und hier keine Chance.

Und trotzdem: Selbstverständlich müssen wir alle immer aufmerksam sein, damit wir nicht wieder in so eine Phase der Geschichte zurückfallen. Ich vertraue aber darauf, dass wir das schaffen.

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SWR4 Abendgedanken

04JAN2024
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Wie wäre es, wenn Menschen es sich zur Aufgabe machen, für gute Stimmung zu sorgen?

Ich habe leider den Eindruck, in der letzten Zeit gibt es hier viele, die schlechte Stimmung gegen andere machen und die sogar Hass verbreiten. Diese Menschen haben keine Fragen und ignorieren andere Meinungen. Sie wissen es meistens selbst am besten und stecken andere in Schubladen. Da sind alle Muslime in Deutschland Judenhasser, potentielle Terroristen und gewaltbereit. Für Menschen, die solche schlechte Stimmungen verbreiten, gibt es keine Ausnahmen.

Ich ärgere mich über diese miese Stimmungsmache. Denn diese Leute wollen mich manipulieren, wenn sie so etwas von sich geben, und ich lasse mich nicht gern manipulieren. Ich bilde mir lieber meine eigene Meinung. Und die ist nicht so schlicht und einfach, und auch nicht schwarz-weiß. Es gibt eben nicht bei den einen nur vorbildliche und bei den anderen nur boshafte Menschen. Davon bin ich überzeugt. Und wenn Menschen sich austauschen und dabei ihren Horizont erweitern, trägt das zu einer guten Stimmung in unserem Land bei. Wirklich interessant wird es doch erst dann, wenn Menschen ganz andere Erfahrungen haben als ich. Ihre Äußerungen sind wie einzelne Mosaiksteinchen, die ich in mein Weltbild einfüge und dann schaue, wie aus vielen Steinchen allmählich ein großes Ganzes wird.

So ein Mosaikstein, der mein Denken erweitert hat, ist ein Brief, den muslimische Schülerinnen und Schüler meiner Schule geschrieben haben. Die Jungen und Mädchen sind in der Oberstufe und besuchen den islamischen Religionsunterricht. Dort haben sie nach dem Terrorakt im Gaza-Streifen einen Brief an die jüdische Gemeinde hier in Stuttgart geschrieben. Sie schreiben darin sinngemäß: „Wir sprechen allen Jüdinnen und Juden unser Mitgefühl aus. Als junge Muslime stehen wir fest hinter der jüdischen Gemeinde. Wir wünschen uns, dass unser Land ein sicheres Land für alle ist, die hier leben. Wir wünschen uns das für jedes Land dieser Welt.“ Soweit dieser Brief.

Natürlich gibt es noch große Probleme bei dem Thema, wie Menschen unterschiedlicher Religion und Weltanschauung hier gemeinsam leben. Aber dieser Brief ist für mich ein ganz wertvolles Mosaiksteinchen. Denn er zeigt, der Weg geht nicht über Konflikt und Hass, sondern darüber, dass wir uns austauschen, dass wir zusammenhalten und es aushalten, dass andere anders sind. Und genau das sorgt für eine gute und ehrliche Stimmung in unserem Land. 

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SWR4 Abendgedanken

03JAN2024
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Was macht einen Menschen stark und krisenfest? Eine Geschichte aus Afrika erzählt  davon. Es ist die Geschichte von der Palme und dem Stein:

Eine junge Palme wächst in einer wunderschönen Oase, mitten in der Wüste. Dorthin kommt ein Mensch. Er entdeckt die kleine Palme. Wie sie mit ihren frischen Trieben dasteht und sich gesund entwickeln wird. Das macht ihn neidisch. Er gönnt der Palme nicht, dass sie unter besten Bedingungen frei heranwachsen kann. Deshalb nimmt er einen schweren Stein und legt ihn in die Krone der jungen Palme. Er denkt: „Jetzt ist Schluss. Ich sorge dafür, dass Du verkümmerst.“ Und mit einem bösen Lachen und voller Schadenfreude geht der Mensch seines Weges. Die Palme versucht immer wieder den Stein abzuschütteln, aber es gelingt ihr nicht. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihre Wurzeln tiefer in die Erde wachsen zu lassen. So kommt sie an das Grundwasser heran, das sie stärkt, den Stein zu tragen.

Als der Mensch Jahre später wieder an die Stelle zurückkommt, sucht er eine verkrüppelte kleine Palme. Aber er traut seinen Augen kaum: Die Palme ist zu einem großen Gewächs geworden, prächtig und hoch. Mit dem schweren Stein in ihrer Krone überragt sie alle anderen Palmen um sich herum.

Diese Geschichte ist die beste Erklärung für das, was Psychologinnen und Psychologen „Resilienz“ nennen. Resilienz meint die Widerstandskraft, mit der wir Menschen größte Schwierigkeiten bewältigen können. Und das funktioniert wie bei der Palme: Wenn mir das Leben Hindernisse in den Weg legt, kann ich meine Wurzeln verstärken. Meine persönlichen Beziehungen, meine Partnerschaft, meine Freundschaften. Aber auch meine Lebenserfahrung ist so eine Wurzel, aus der ich Kraft ziehe. Ich kann mir sagen: Ich habe schon schwierige Situationen bewältigt und dann wieder neue Kraft gewonnen. Und ich kenne noch eine Wurzel, die mir viel Kraft gibt. Es ist der Sinn im Leben. Die Aufgabe, die ich mir selbst im großen Ganzen dieser Welt gebe und der ich treu bleibe. Eine weitere Wurzel ist für mich auch der Glaube an Gott. Ich bin überzeugt, dass er mich führt im Leben. Auch wenn es schwierig wird.

Gerade dann will ich mich darauf verlassen, dass meine Wurzeln mir Kraft geben.

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SWR4 Abendgedanken

02JAN2024
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Welche Überschrift würden Sie dem alten Jahr geben? Der Kabarettist Florian Schröder hat ein Programm zum alten Jahr gemacht. Es heißt „Schluss jetzt!“. Scheinbar ist 2023 für ihn also ein schwieriges Jahr gewesen ist und mit diesem Schwierigen will er Schluss machen. Aber Florian Schröder sagt auch sinngemäß: „Der Rückblick auf dieses alte Jahr ist trotzdem sehr schön geworden. Ich habe nämlich bewusst die positiven Ereignisse aus 2023 einbezogen.“

Da hab ich mir gedacht: „Erwischt!“. Wenn ich an das alte Jahr denke, fallen mir auch erst einmal die Ereignisse ein, die mir das Leben schwer machen. Zumindest auf den ersten Blick: Ich mache mir große Sorgen, wohin es mit unserer Gesellschaft geht, der Ton in den öffentlichen Diskussionen wird immer rauer. Die vielen extremen politischen Positionen beängstigen mich. Dazu kommt, dass die Wirtschaft ächzt und die Klimakrise immer stärker zu spüren ist. Und die Kriege in der Welt werden eher mehr als weniger und rücken immer näher. Und persönlich habe ich erst im Frühjahr eine schwere Krankheit bekommen und dann noch eine im Herbst. 

Die Aussage von Florian Schröder hat mich aber dazu gebracht, auch die andere Perspektive einzunehmen. Und ich entdecke, dass es im alten Jahr vieles gab, was überragend gut war: In der Schule, in der ich arbeite, kann ich bewusst an einer Gesellschaft mitbauen, in der Kinder und Jugendliche gute Chancen bekommen, sich zu entwickeln. Wir achten ganz bewusst darauf, dass auch die Schwächeren diese Chancen bekommen. Und privat habe ich erlebt, wie Ärzte mich immer wieder sehr gut und fürsorglich behandelt haben. Und ich habe nach langen Jahren meine Hochzeit gefeiert. Mit der Familie und einem großen Freundeskreis. Ein wunderschönes Fest, von dem ich noch lange zehren werde.

Es ist doch interessant, was sich verändert, wenn ich nicht nur auf das Schwierige schaue, was mir Sorgen macht, sondern eben auch auf das Gute, das mir Kraft gibt. Ich hätte es mir ja denken können, dass sich bei mir ich mal wieder zuerst das Schlechte in den Vordergrund drängt. Dabei habe ich mir schon so oft vorgenommen, dass ich mich auf das Gute konzentrieren will.

So ein gründlicher und „guter“ Blick zurück stimmt mich viel zuversichtlicher, auch wenn ich nach vorne schaue, auf das neue Jahr. Ich möchte das Gute in Angriff nehmen und das tun, was ich kann. Aus dem „Schluss jetzt.“ für 2023 wird so für‘s neue Jahr mein ganz persönliches „Auf jetzt!“.

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SWR4 Abendgedanken

08DEZ2023
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Tom und sein Klassenkamerad, die beiden sind  bei mir in der Schule. Zwei quirlige lebendige Jungs. Und sie haben Mist gebaut. Als Schulleiter hole ich die beiden in mein Büro und will hören, was sie selbst zu ihrem Verhalten sagen. Die beiden geben ihre Fehler sofort zu und sagen, dass das blöd war, was sie getan haben. Das finde ich gut. Ich habe Respekt vor Menschen, die zu ihren Fehlern stehen und die Konsequenzen dafür tragen wollen. Auf dieser Basis überlegen Tom, sein Klassenkamerad und ich gemeinsam, wie sie ihren Fehler wieder gut machen können. Ich bespreche auch mit ihnen, wie wir das ihren Eltern erklären. Das mache ich immer so, weil ich abschätzen will, was ihnen zuhause droht. Ich will auf keinen Fall, dass ein Kind zuhause körperliche Gewalt erlebt. Als ich ihnen sage, dass wir die Eltern ins Boot holen, wird Tom immer ruhiger. Ich habe ihn gefragt, was ihn beschäftigt. Tom ist sofort in Tränen ausgebrochen und hat gesagt: „Ich habe mir doch vorgenommen, dass ich es in diesem Schuljahr besser mache als in dem Jahr vorher. Ich will auch ein weißes Blatt sein.“ Jetzt bin ich berührt, ein „weißes Blatt“ ist ja noch reiner als ein „unbeschriebenes Blatt“. Tom will also ein Mensch sein, der als unschuldig und gut angesehen wird. Erwachsene wollen das vermutlich auch oft, aber sie wissen aus Erfahrung, dass niemand ohne Fehler durchs Leben kommt. Wir sind nicht ausschließlich böse oder ausschließlich gut. Aber es gibt einfach rote Linien, über die ich nicht drüber darf.

Und jetzt nochmals zurück zu Tom und seinem Freund. Ich habe den beiden erklärt wie ich das sehe. Und ich habe Tom gesagt: „Du kommst besser durchs Leben, wenn Du Dich selbst nicht entweder als rein gut oder rein böse einstufen musst. Wir Menschen sind immer beides  – böse und gut.“

Von meinem Glauben her kommt aber noch etwas anders dazu: Ich bin überzeugt, dass Gott mich noch anders sieht. Ich hoffe darauf, dass er in jedem Menschen einen Kern angelegt hat, der einfach nur gut ist. Und auch wenn niemand ein ganz weißes Blatt sein kann, diesen guten Kern gilt es zu sehen und zu pflegen.

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SWR4 Abendgedanken

07DEZ2023
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Es kommt immer wieder vor, dass Kinder eine Schreckschusspistole zum Spielen in  die Schule mitbringen. Das geht in der Schule gar nicht. Als Schulleiter spreche ich mit den Kindern, wenn so etwas vorgefallen ist. Dabei geht mir aber immer wieder durch den Kopf, wie das noch in meiner Kindheit war. Wir haben das ganze Jahr über immer wieder „Cowboys und Indianer“ gespielt. Am Anfang haben wir uns in zwei Gruppen aufgeteilt und uns dann in den Gärten in der Nachbarschaft oder im Wald versteckt und uns gegenseitig überfallen. Mal musste ein Holzstecken in der Phantasie die Waffe ersetzen, manchmal hatten wir von Fasching noch Spielzeugwaffen. Wir haben Gefechte ausgetragen und geschossen und wenn einer getroffen war, musste er aussetzen. Natürlich hat das nicht lange gedauert, dann hat man als Getöteter gerufen „ich lebe noch“ oder „ich lebe wieder“ und schon war man wieder mit im Spiel. Das war spannend, aber aus heutiger Sicht war es auch unbedarft und naiv.

Im Vergleich zu früher haben sich die Umstände gewaltig gewandelt. Wir haben den Amoklauf in Winnenden erlebt oder den Vorfall, dass in Offenburg ein Schüler einen anderen Schüler erschossen hat. Das Spiel aus meiner Kindheit ist da bitterer Ernst geworden.

Einerseits tun mir unsere Kinder heute leid. Denn so naiv unsere Spiele auch waren, sie zeigen in ihrer Unbedarftheit, dass wir in einer sicheren Welt groß geworden sind. Das ist heute nicht mehr so.

Die Kinder von heute können sich so eine Naivität wie wir sie früher hatten nicht mehr erlauben. Aber ich hoffe, dass ihnen das nicht schadet. Ich hoffe, dass sie einst, wenn sie erwachsen werden, mit noch mehr Ernsthaftigkeit an einer Welt bauen, in der Gewalt keine Chance hat. Weder im Spiel noch im Ernst. Alle Pädagogen und Eltern und alle, die mir Kindern arbeiten, müssen das mit den Kindern klären – sowohl, dass wir heute andere Zeiten haben als wir Erwachsene sie noch erlebt haben, als auch, dass diese Spiele keine Spiele für Kinder sind. Unsere Welt ist im Augenblick von Krieg und Gewalt geprägt, und man könnte meinen, dass nur das Recht des Stärkeren zählt. Ich will unseren Kindern und Jugendlichen aber zeigen, dass es ein Gewinn für alle ist, wenn nicht Gewalt über das Schicksal entscheidet, sondern der Mensch. Und zwar der Mensch, der souverän ist und nach Frieden sucht.

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SWR4 Abendgedanken

06DEZ2023
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Am Nikolaustag als Nikolaus bei Familien sein. Ich habe das jahrelang gemacht, und ich erinnere mich daran, wie mich das als Kind berührt hat. Das war einfach faszinierend, dass dieser heilige Mann zu uns in die Wohnung kommt und mich besucht.

Als ich später selbst als Nikolaus unterwegs war, war das sehr spannend. Ich habe mich gefreut, wenn ich den Kindern auch dieses Gefühl schenken konnte: Sie sind voller Stolz Gastgeber dieses heiligen Mannes. Ich habe aber auch erlebt, wie der Nikolaus als Lückenbüßer einer schwarzen Pädagogik herhalten musste. Viele Kinder hatten Angst vor mir, weil man ihnen gesagt hat, dass der Nikolaus sie in seinen Sack steckt und sie mitnimmt, wenn sie nicht brav waren. Und als letzte Chance sollten sie dann beim Nikolausbesuch versprechen, dass sie es besser machen wollen. Ich habe da meistens erst mal Schlucken müssen und dann einen Mittelweg versucht. Also einen Nikolaus gegeben, der milde und gütig ist und die Kinder fördert. Im Endeffekt haben mich diese Momente geärgert. Denn da sind die Eltern ratlos, wie sie ihr Kind erziehen sollen und dem Kind tut das gar nicht gut. Ich finde das schrecklich. Für die Kinder, die von Angst geleitet werden und letztlich doch das Gefühl haben, dass sie nicht in Ordnung sind. Genauso fragwürdig fand ich aber auch die ganz gegenteiligen Erfahrungen, die ich auch gemacht habe. Wenn die Kinder so mit Geschenken überhäuft wurden, dass sie gar nichts mehr damit anfangen konnten. Beides hat mit dem heiligen Nikolaus wenig zu tun.

Was man von ihm weiß, sind vor allem Legenden. Aber diese Legenden haben eine Botschaft gemeinsam: Der heilige Nikolaus wird dort immer als einer Mensch geschildert, der sieht, wo andere in Not sind, und der ihnen Hilfe gibt. Nikolaus sorgt so für das Volk von Myra als eine Hungersnot herrscht und er unterstützt einen alleinerziehenden Vater, dessen Töchter in die Prostitution abzurutschen drohen. Er legt ihnen nachts drei goldene Kugeln vor die Türe und wendet so ihre Not ab. Er überhäuft aber niemanden mit Geschenken, bis der Beschenkte (völlig) überfordert ist und seinen Besitz nicht mehr sortieren kann. Und er macht seine Hilfe nicht davon abhängig, ob ein Mensch sich gut oder schlecht verhalten hat. Er hilft in der Not einfach.

Das ist echte Güte: unabhängig von Moral und nach einem Maß, das den andern einfach nur guttut. Ich vermute, dass der Heilige Nikolaus deshalb so stark verehrt wird, weil er diese Güte verkörpert. Er  ist ein passender Vorbote für die Weihnachtszeit.

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SWR4 Abendgedanken

05DEZ2023
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Kaum jemand kennt Elias Chacour. Er ist arabischer Christ. Elias Chacour ist vor 84 Jahren in Galiläa geboren. Als er noch ein Kind war, haben israelische Soldaten ihn mit seiner Familie aus ihrem Haus vertrieben. Seine Schulzeit hat er in Nazareth verbracht, dann hat er Theologie studiert und wurde Priester, später sogar Bischof. Als junger Priester hat er sich besonders dem Judentum gewidmet und an der hebräischen Universität in Jerusalem die Tora und die jüdischen Traditionen studiert. Chacour hat als Kind erlebt, wie schlimm es sein kann, wenn Juden, Christen und Muslime sich  bekriegen. Seine Familie hat es ja unmittelbar erlitten. Elias Chacour hat sich danach aber nicht auf eine Seite geschlagen und den Streit weiter entfacht. Im Gegenteil. Er hat darauf gesetzt, dass das Gute sich entwickeln kann, wenn Menschen zusammen leben, zusammen studieren und sich begegnen. Deshalb hat er in Israel Schulen gegründet, in denen arabische und jüdische Kinder gemeinsam lernen und als Juden, Muslime und Christen friedvoll miteinander leben.

Es scheint so, als sei das alles umsonst geschehen. Keiner redet mehr von Chacour und seinen Projekten für den Frieden. Dabei gab es viele  Menschen in Israel, die diesen Weg gegangen sind. Zum Beispiel die Mütter von gefallenen Soldaten, israelische und palästinensische Mütter. Sie haben sich schon vor Jahren zusammengetan und setzen sich für Frieden ein.

Es mag sein, dass diese Projekte im Moment keine Schlagzeile wert sind und dass im Augenblick der Krieg dominiert. Aber ich kann und mag mir nicht vorstellen, dass das alles umsonst gewesen ist. Ich bin sicher, dass die Absolventen aus den Friedensschulen von Chacour die Idee weitertragen, dass Friede möglich ist. Auch dort, wo es scheinbar im Moment nichts zu hoffen gibt. Und diese Hoffnung ist meine persönliche Schlagzeile. Darauf baue ich..

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SWR4 Abendgedanken

04DEZ2023
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Diese alte Dame schätze ich schon immer sehr: Margot Friedländer. Jetzt habe ich gelesen, dass sie gesagt hat: „Ich würde nie hassen wollen.“ Sie ist inzwischen 102 Jahre alt und wirkt topfit für ihr Alter. Vor allem geistig erscheint sie mir so klug und weise, dass ich gerne von ihr lernen möchte. Margot Friedländer hat als Kind erlebt, wie die Nazis alle Juden vernichten wollten. Als Jüdin war sie und ihre ganze Familie höchst gefährdet. Sie, ihre Eltern und ihre Geschwister haben mehrere Fluchtversuche unternommen, aber die Flucht ist ihnen nicht gelungen. Alle Familienmitglieder wurden ermordet bis auf Margot. Sie hat sich längere Zeit versteckt. Aber auch sie wurde entdeckt, verhaftet und ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Dort lernte sie ihren Mann kennen. Die beiden überlebten bis zu ihrer Befreiung. Danach wanderten sie in die USA aus.

Margot Friedländer ist erst in hohem Alter wieder nach Deutschland zurückgekommen. Jetzt geht sie dreimal pro Woche in Schulen, um mit Kindern und Jugendlichen über ihr Leben zu sprechen. Die Schülerinnen und Schüler hängen ihr an den Lippen, wenn sie davon erzählt, wie ihre Eltern und ihr Bruder ermordet wurden. Ich könnte verstehen, wenn Margot Friedlländer da Vergeltung fordern würde oder Rachegefühle hätte. Umso mehr beeindruckt es mich, wenn sie sagt: „Ich würde nie hassen wollen.“ Deshalb ist es in meinen Augen so souverän von ihr, nicht hassen zu wollen. Sie lässt sich nicht auf das Niveau von Mördern und Unmenschen runterziehen. Rachefühle wären ja nur allzu menschlich, aber Margot Friedländer ist mehr, sie zeigt eine Würde, die nur wenige Menschen so haben. Sie zeigt noch in hohem Alter diese Menschenwürde, die die Nazis ihr eigentlich nehmen wollten.

Jetzt ist Margot Friedländer 102 Jahre alt geworden und muss es in diesem Alter nochmals erleben, dass jüdische Familien in Deutschland und in vielen Ländern in Angst leben. Judenhass ist ein absolutes No-Go. Und es macht mir Sorgen, dass es Deutschland gerade möglich ist, Judenhass zu zeigen. Margot Friedländer bleibt jedoch auch in der aktuellen Situation, die mir Sorgen macht, dabei dass sie niemals hassen will. Ich verneige mich deshalb tief vor Margot Friedländer und ihrer so würdigen Haltung. Auch ich will niemals hassen lernen, sondern lieben und vergeben.

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SWR2 Lied zum Sonntag

03DEZ2023
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„Tochter Zion, freue Dich“ – Das Lied zum heutigen Sonntag ist so ein schönes Adventslied. Es klingt so festlich und so schreitend läutet es die Weihnachtszeit ein. Aber dieses Jahr stocke ich so wie die Bläser, die eben immer wieder neu angesetzt haben. „Tochter Zion, freue Dich“ richtet sich im übertragenen Sinn an Zion, den Burghügel von Jerusalem, der im Liedtext wie eine Person angesprochen wird. Nur – auf Zion, in Jerusalem, in Gaza, im Heiligen Land gibt es aktuell keinen Grund zur Freude. Trauer und Gewalt haben das Land im Griff. Wenn ich an Israel und den Zionsberg denke, habe ich eher Sehnsucht nach sanfteren Tönen:

See, the conqu’ring hero comes!

Sound the trumpets, beat the drums.

Sports prepare, the laurel bring,

Songs of triumph to him sing.

In dieser englischen Liedvariante geht es darum, dass ein Held in einer Stadt ankommt, die er erobert hat. Die Leute empfangen ihn mit Jubel, sie spielen Trompeten und Pauken. Es herrscht Triumphstimmung. Das Musikstück war so ein Erfolg, dass Georg Friedrich Händel es immer wieder verwendet hat: 1746 für das Oratorium „Joshua“ und fünf Jahre später in „Judas Makkabäus“. Beide Werke erzählen vom Volk Israel, das sein Land erobert und seine Freiheit behauptet. Die Nazis haben das Lied später zeitweise deshalb verboten.

Friedrich Heinrich Ranke hat den Text von „Tochter Zion“ um 1820 ins Deutsche übersetzt. In den englischen Fassungen besingt man Josua und Judas Makkabäus, bei Ranke richtet es sich jetzt an Jesus. Er denkt dabei an den Palmsonntag, an dem Jesus in Jerusalem einzieht und vom Volk mit „Hosanna“-Rufen begrüßt wird.

Hosianna, Davids Sohn!

Sey gesegnet deinem Volk!

Gründe nun dein ew’ges Reich,

Hosianna in der Höh!

Hosianna, Davids Sohn!

Sey gesegnet deinem Volk!

Mit diesem Bezug auf Jesus von Nazareth ist ein neuer Schwerpunkt gesetzt. „Tochter Zion“ passt deshalb auch zu Weihnachten: Da feiern Christen, dass mit Jesus Gott in der Welt angekommen ist. Jesus ist ja kein kriegerischer Held, der mit Gewalt zum Ziel kommen will. Für ihn zählen andere Maßstäbe als die von Überlegenheit und Gewalt, für ihn sind die Schwachen, die Bedürftigen und die Sanftmütigen, die Helden und Gewinner.

Zu Weihnachten wünsche ich mir, dass die friedlichen Ideen wieder einziehen in unsere Welt. In der Ukraine, in Israel, in Gaza und überall, wo Krieg herrscht. Ich wünsche mir, dass die Menschen dort erleben können, welche Macht sie haben, wenn sie statt Rache und Vergeltung Versöhnung üben und Frieden suchen. Das ist in meinen Augen nicht nur mächtig, sondern souverän. Denn ein Friede, der nicht auf dem Sieg der Stärkeren beruht, sondern auf dem Wohlwollen und Glück für alle, ist dauerhafter und sicherer. Darauf hoffe ich und diese Vision bejuble ich mit Trompeten und Pauken: 

Tochter Zion freue dich,

jauchze laut, Jerusalem!

Sieh, dein König kömmt zu dir

ja, er kömmt, der Friedefürst,

Tochter Zion freue dich,

jauchze laut, Jerusalem!

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