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30APR2022
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Einen Tag nachdem mein Großvater gestorben ist, bin ich morgens aus einem Traum aufgewacht. Es war eigenartig. Ich bin am Abend ziemlich traurig eingeschlafen und nach dem Traum getröstet aufgewacht. In dem Traum ist mein Großvater zu uns zu Besuch gekommen. Wir waren alle bei meiner Großmutter in der Küche und er kam plötzlich zur Türe herein. Wir waren ziemlich erschreckt, weil er ja gerade gestorben ist. Mein Großvater war in dem Traum kein Spuk oder ein Gespenst. Es war nur so verwirrend, weil wir ja eigentlich wussten, dass er tot ist. Und jetzt stand er plötzlich in der Küche. Ich habe dann voller Staunen gefragt, „Mensch, Opa, was machst Du denn hier? Du bist doch tot?“. Er hat darauf reagiert und gesagt, dass er gekommen sei, weil er nach uns sehen wollte. Er wollte wissen, wie es uns geht. „Uns geht’s, gut“, habe ich gesagt, „aber wie geht’s Dir?“. Er hat nur gemeint, dass es ihm auch sehr gut geht. Soweit der Traum.

Es ist zwar nur ein Traum, aber ich habe diesen Traum so realistisch erlebt, dass er mich getröstet hat. Auch als ich wieder wach war, habe ich mich getröstet gefühlt. Das Gefühl, dass es meinem Großvater gut geht und dass wir miteinander verbunden bleiben, ist mir seitdem als innere Überzeugung geblieben.

Selbstverständlich weiß ich, dass Träume ein Produkt meiner Phantasie sind und dass mein Gehirn sie unbewusst hervorbringt. Sie sagen vermutlich vor allem etwas darüber aus, wie ich in meinem Innersten ticke, die Welt verstehe und verarbeite. Dieser Traum hat ja auch gut zum Charakter von meinem Großvater gepasst. Dass er so mal schnell vorbeikommt und sich nach uns erkundigt, entspricht seiner Art.

Dieser Traum ist also kein sicherer Beweis für ein Leben nach dem Tod oder für eine Botschaft aus dem Jenseits. Er ist ein Spiegel meines Inneren.

Aber auch wenn dieser Traum kein Jenseits beweist, hat er doch meine Wirklichkeit verändert. Das sichere Gefühl, dass es meinem Großvater jetzt gut geht, wo er ist, ist mir ja geblieben. Selbst wenn es nur eine Wunschprojektion ist, wirkt sie bei mir sehr stark und bewirkt etwas Gutes.

Und trotzdem frage ich mich als Christ, ob ich in diesem Traum mehr begegnet bin als nur meiner Phantasie und meinen Wünschen. Ich gehe ja davon aus, dass es einen Gott und ein Jenseits gibt und dass Gott mit uns Menschen kommuniziert. Auch mit mir. Und wenn er mich erreichen will, dann muss er ja irgendwie bei mir ankommen, in den Bereichen meines Gehirns, das meine Wirklichkeit konstruiert und einordnet, was ich denke, erlebe und fühle.

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29APR2022
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Je älter ich werde, desto mehr schätze ich die Heilkraft der Natur. Ich meine damit keine Hausmittelchen, also Kräuter oder Salben. Ich denke eher an die Erlebnisse, die ich in der Natur habe. Ich mache zum Beispiel regelmäßig große Spaziergänge, meistens sogar dieselbe Tour. Und das ist für mich gerade das Schöne. Wenn ich mehrmals pro Woche an denselben Stellen vorbeikomme, kann ich die Veränderung durch die Jahreszeiten mitverfolgen. Besonders jetzt, wenn die Wiesen langsam gelb werden vom Löwenzahn und wenn die Bäume langsam das zarte Grün bekommen, dass in ein bis zwei Monaten kräftig dunkelgrün wird. Und ich weiß, dass alles dazugehört zum Kreislauf der Natur: Wenn die ersten Knospen sprießen, wenn sich die Blütenpracht entfaltet, wenn eine Frucht reift und wenn die Pflanze sich auf die Winterpause vorbereitet, in der sie neue Kräfte sammelt für das neue Wachsen.

Jetzt, im Frühling ist das besonders schön, wenn die Sonne scheint. Aber ich mag es inzwischen genauso gerne bei schlechtem Wetter, wenn es regnet oder im Winter, wenn es richtig kalt ist. Mir ist es im Gegenteil beinahe schon mulmig geworden, als es vor einem Monat zu trocken war und nur noch die Sonne geschienen hat. So schön das ist, ohne Regen geht alles ein und die Warnungen vor Waldbränden oder Ernteausfällen schmälern den Genuss doch gewaltig. Deshalb genieße ich das Regenwetter und die Kälte genauso wie den Sonnenschein. Richtig eingepackt, warm angezogen, kann ich ja auch dann hinaus in die Natur, wenn es nicht gerade hagelt oder gewittert.

Als Christ bin ich dankbar für diese Momente, weil ich immer mehr entdecke, wieviel Phantasie Gott in seine Schöpfung gesteckt hat.

Aber es ist nicht nur die Vielfalt, die mich freut. Ich schöpfe selbst Kraft und Motivation aus den Naturerlebnissen, weil ich diese Kraft entdecke, die alles immer wieder neu zum Wachsen, Blühen und Reifen bringt. Wenn ich müde und erschöpft bin, oder wenn ich mich von einer Krankheit erholen muss, wirkt die Natur so fast wie ein Spiegelbild, in dem ich die Kraft sehe, die Gott auch in mich gelegt hat und in jeden einzelnen Menschen. Für mich kann das zu einem Gottesdienst werden, wenn ich so mit offenen Augen in der Natur bin: Eine Zeit, in der Gott mir dient und mir Kraft schenkt, und eine Zeit, in der ich mich an seiner Schöpfung freue und ihm dankbar bin. Dieses Geschenk will ich mit allen Kräften schützen!

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29APR2022
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Starke und kluge Frauen prägen für mich das, was wirklich wichtig ist am Christentum. Eine dieser klugen Frauen ist Sr. Gudrun. Sie war Franziskanerschwester im Kloster Reute bei Ravensburg. Ich habe Sr. Gudrun kennengelernt, als ich ein Pflegepraktikum im Krankenhaus gemacht habe. Sie war dort als Krankenhausseelsorgerin tätig. Damals ist mir schon aufgefallen, wie sie mit den Patienten umgeht. Wenn die Türe aufgeht und eine Nonne reinkommt, erwarten viele Patienten vermutlich, dass sie jetzt missioniert werden und beten müssen. Aber Schwester Gudrun war eben ganz anders. Sie hat eben nicht missioniert, sondern ist sehr einfühlsam auf die Menschen zugegangen und hat gefragt, ob sie eintreten darf. Sie hat sich Zeit genommen und zugehört. So hat sie zu vielen Menschen einen Zugang bekommen. Vermutlich, weil sie sich wirklich für den Menschen interessiert hat. Für seine Krankheit, für seine Sorgen, dafür, wie die Angehörigen mit der Erkrankung umgehen. Sie hat so auch alle gestützt, die Patienten und die Angehörigen. Das hat zum Beispiel besonders geholfen, wenn jemand eine schwere Diagnose wie Krebs bekommen hat. Allein ihr Zuhören, ihr echtes Interesse und Nachfragen hat Kraft gegeben. Das konnte ich oft beobachten. Die Menschen haben sich von ihr Ernst genommen gefühlt und das hat dafür gesorgt, dass sie sich nicht mehr nur einer Krankheit oder einem Schicksal ausgeliefert fühlen. Sie konnten wieder selbst handeln.

Ein paar Jahre nach meinem Praktikum habe ich sie auch als Angehöriger erlebt und gemerkt, wie stark ihr Trost wirkt. Sie war einfach nur für meine Familie und für mich da, als meine Großmutter im Sterben lag. Sie war bereits nicht mehr ansprechbar und wir Angehörige haben nicht gewusst, wie wir uns jetzt verhalten sollen und was wir noch für sie tun können. Sr. Gudrun hat mir in dieser Situation gesagt, dass meine Großmutter es spüren könne, dass wir da sind und dass das schon genug ist. Wie ein Säugling, der ohne zu verstehen intuitiv spürt, dass seine Mutter ihn liebhat, wenn sie ihn auf dem Arm hat. Diese Sicht hat mir damals sehr geholfen.

Sr. Gudrun ist später selbst schwer erkrankt. Sie hat an ihrer christlichen Hoffnung festgehalten und noch lange Zeit Sterbende begleitet. Inzwischen ist sie gestorben. Aber was sie getan und ausgestrahlt hat, bleibt: Die Hoffnung und das Wissen, was es wert ist, wenn Menschen füreinander da sind. Solche Menschen machen für mich das Christsein aus.

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28APR2022
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Diese Tage kommen mir gerade unglaublich voll vor. Manchmal habe ich abends den Eindruck, dass es neben Arbeiten, Essen und Schlafen nichts Anderes mehr gibt. Wie im Hamsterrad. Als ich im Fitnessstudio war, habe ich bemerkt, dass es auch anders geht. Zunächst habe ich noch gedacht, dass es jetzt nur noch ein paar Geräte sind, an denen ich trainieren muss, und dann beginnt meine Freizeit, mein Feierabend. Dabei stimmt das so nicht. Mein Sport ist ja meine Freizeit. Irgendwas ist da in meinem Denken falsch verbucht gewesen: Da ist etwas zum Pflichtteil geworden, was ich ja freiwillig und in meiner Freizeit mache. Als ob das Arbeit wäre und mein freier Lebensteil erst danach beginnt. Erst nachdem ich meinen Sport wieder als Freizeitaktivität verbucht habe, die ich unternehme, weil ich es will und weil es mir guttut, hat es sich sofort anders angefühlt. Ich war von einem Moment auf den anderen unbeschwerter und habe mich sogar fitter gefühlt. 

Es gibt aber noch ein weiteres: In vielen freien Momenten beschäftige ich mich nur mit dem, was mir Sorgen macht, zum Beispiel die Nachrichten über den Krieg. Aber wenn ich mich nur noch damit beschäftige, ist es ja logisch, dass es mich belastet und mir alles zu viel wird.

Dieses Völlegefühl kann ich aber genauso stoppen, wenn es zu viel wird. Ich werde ja diese Probleme nicht alleine lösen können. Ich denke, dass ich das letzten Endes Gott überlassen muss.

Das muss nicht immer in der Form eines Gebets sein. Ich bin überzeugt, dass Gott mich auch begleitet, wenn ich gut für mich sorge und so mitwirke, dass sein Segen bei mir ankommt. Der erste Schritt dabei ist, dass ich meine sorgenvollen Gedanken stoppe und dann im zweiten Schritt etwas in den Blick nehme, was mir guttut und Kraft gibt. Für mich ist es optimal, wenn ich dafür etwas finde, was normal und alltäglich ist und das dann aber genieße wie etwas Besonderes. Normale alltägliche Momente: Wenn ich z.B. noch mit einem guten Freund telefoniere und mich mit ihm über unsere Musik austausche oder ein Abendessen im Freundeskreis. Auch hier ist das Entscheidende, wie ich es im Kopf verbuche. Als einen Genussmoment und einen Moment, in dem ich mir bewusst bin, dass Gott mich beschenkt und segnet.

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28APR2022
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Erst die lange Zeit der Corona-Pandemie und jetzt noch ein Krieg in Europa, der viele bedrückt. Mich kostet das Kraft. Manche wollen die Nachrichten lieber gar nicht mehr anschauen. Das geht für mich nicht. Ich will informiert sein, Anteil nehmen, aber ich will auch irgendwie mit dem fertig werden, was ich da mitbekomme.

Mit meinen Schülern habe ich deshalb im Psychologieunterricht über die Richtung der „positiven Psychologie“ gesprochen. In den 80er Jahren haben Psychologen um Martin Seligman eine neue Ausrichtung angestrebt. Sie meinten, nachdem die Psychologie gut hundert Jahre auf die Ursachen von Krankheiten und ihre Behandlung geschaut hat, könnte man sich jetzt mal auf das ausrichten, was gesund und glücklich macht.

Aus dieser Richtung kommen kleine Gedankenübungen für den Alltag, die wir jetzt in der Schule oft am Anfang der Stunde machen. Zum Beispiel, dass wir eine Runde machen, in der jede und jeder sagt, was heute ein Grund zum Freuen ist. Das geht meistens nicht ad hoc. Jeder braucht da ein paar Minuten zum Nachdenken. Ich auch. Aber allein das zeigt mir schon, dass ich offensichtlich im Alltag nicht automatisch an das Gute denken würde.

Wenn wir dann diese Runde machen, finde ich es bemerkenswert, wie sich mit jeder kleinen Freude, die ausgesprochen wird, die Stimmung im Raum verändert: Das schöne Wetter, die Natur, die sich gerade so schön entwickelt, das Treffen mit Freunden, der Ausblick auf einen ruhigen Moment zum Ausruhen am Abend.

Noch stärker wirkt das, wenn wir diese Runde nicht zu der Frage machen, was mich heute freut, sondern daraufhin, was ich bei anderen Personen Positives anerkennen möchte.  Da höre ich dann, wie wichtig es ist, dass die Familie hinter einem steht, dass einem die Mutter oder die große Schwester das Frühstück macht, dass die Klassenkameraden die Hausaufgaben mitbringen, wenn man krank ist und so weiter.

Dieser Blickwechsel lohnt sich immer und tut gut. Besonders dann, wenn die Zeiten schwierig erscheinen und einem der Mut ausgehen könnte. Aber wenn ich diesen positiven Blick übe, sehe ich, was an Lebenskraft in mir und den anderen Menschen steckt.

Zwei Aspekte sind mir dabei besonders aufgefallen:
Für viele ist die Natur eine Kraftquelle, die guttut. Das ist das eine. Das andere ist, wie gut es für uns Menschen ist, wenn andere Menschen für uns da sind und uns unterstützen. Und sei es auch nur durch eine kleine Geste oder minimale Hilfe. Als Christ bin ich Gott dankbar, dass er uns in seiner Schöpfung solche Heilmittel geschenkt hat. Wir müssen sie nur aufgreifen.

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27APR2022
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Die Worte, mit denen Jesus als Auferstandener seine Apostel begrüßt, haben dieses Jahr einen besonderen Klang: „Der Friede sei mit Euch!“. Im Johannesevangelium kommt Jesus nach Ostern mit diesen Worten auf seine Jünger zu. Es wirkt so, als ob die Jünger Jesus an diesem Gruß wiedererkennen. Wie zu seinen Lebzeiten geht er auf die Menschen zu und wünscht ihnen Frieden. Wenn ich das ins Hebräische zurückübersetze, also „Friede“ zu „Schalom“ wird deutlich, was das alles bedeutet: „Schalom“ ist zuallererst der Wunsch, dass der einzelne Mensch, dem ich begegne, gesund ist und dass es ihm rundum gut geht. Klar, das geht nicht, wenn Gewalt und Krieg das Leben der Menschen bedrohen. So kommt es wohl, dass wir „Schalom“ im Deutschen mit „Frieden“ übersetzen.

Ich finde es bemerkenswert, dass Jesus diesen Wunsch nach seiner Auferstehung verwendet. Er hat alles durchgemacht, was Menschen einem Schlechtes zufügen können. Aber auch nachdem er gelitten hat, gefoltert und grausam ermordet wurde, hat er keine Rachegedanken, sondern Frieden im Sinn. Er scheint in einer anderen Sphäre zu sein, in einer, in der Rache und Gewalt keinen Platz haben. Und gerade weil er dies als ein Opfer der Gewalt so vertritt und keine Rache fordert oder mindestens eine gerechte Strafe für seine Mörder, wirkt er auf mich souverän.

Ich denke, besonders in der aktuellen Situation erleben wir alle, wie Gewalt wirkt und eskaliert. Die eine gewalttätige Aktion ruft die nächste, noch aggressivere Reaktion hervor. Dass wir mit diesem Wunsch nach Rache und gerechter Strafe reagieren, ist menschlich. Das gilt im Großen, im Krieg, genauso wie in den kleinen Konflikten und Streitereien, die wir erleben, z.B. am Arbeitsplatz oder auch in Vereinen, wenn zwei Personen um die Führungsrolle konkurrieren.

Jesus zeigt, wie wir über diese Gewaltspirale hinauskommen und irgendwann wieder Frieden finden. Denn in die Zukunft führt der Weg, den Jesus nach Ostern zeigt. Es ist der Weg des Friedens. Wenn ich Gewalt überwinden und zu einem neuen, besseren Leben kommen will, hilft nur, dass ich verzeihe und auch den anderen das Gute wünsche. Das übersteigt zwar meine erste menschliche Reaktion, aber es ist auch nicht unerreichbar. Dass wir alle das, darum bete ich, egal wie lange es noch dauern wird, bis, mit Jesu Worten gesprochen, dieser Friede mit uns ist.

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26APR2022
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Jetzt sind es über zwei Monate Krieg in der Ukraine. Es klingt beinahe schon seltsam, aber ich mache mir Gedanken darüber, wie schnell ich mich an diesen Zustand gewöhnt habe und das Mitgefühl mit den leidenden Menschen so alltäglich wird. Als ob man sich irgendwann damit abfinden könnte.

In den ersten Tagen als die russische Armee ihre Angriffe gestartet hat, habe ich in jeder freien Sekunde die Nachrichten gesehen. Ich wollte unmittelbar mitbekommen, was passiert, habe Anteil genommen und auch den Schock verarbeitet, dass so etwas Unvorstellbares nun Wirklichkeit geworden ist. Irgendwie habe ich mich sogar daran gewöhnt, dass ich unruhiger schlafe, weil ich in Gedanken viel bei den Menschen bin, die unter dem Krieg leiden. Die Menschen aus der Ukraine, deren Familien auseinandergerissen sind und deren Heimat zu einem großen Schutthaufen zerbombt wird. Genauso denke ich auch an die Menschen in Russland, die offensichtlich oft gar nicht wissen, was da los ist. Ich denke, sie müssen doch irgendwann mitbekommen, dass sie beim Einkaufen nicht mehr alle Waren vorfinden und warum das so ist, und dass alles teurer geworden ist.

Mit der Zeit sind in den letzten Wochen aber auch andere Themen wieder in den Vordergrund gerückt. Auf der einen Seite finde ich das befremdlich. Denn ich will mich nicht abfinden mit dem Leid, das die betroffenen Menschen täglich erleben müssen.

Anderseits ist mir auch klar geworden, dass dieser Krieg mir nur aus nächster Nähe zeigt, was in gut vierzig anderen Kriegen auf der Welt gleichzeitig passiert, ohne dass ich jedes Mal so intensiv Anteil nehme an dem Leid der betroffenen Menschen.

Dieser Gewöhnungseffekt schützt mich und ich könnte es ja gar nicht verkraften. Denn wenn ich vor Mitleid zerfließe, ist ja niemandem gedient. Den anderen hilft es eher, wenn ich meinen Optimismus bewahren kann.

Für mich gibt es zwei Wege, damit so umzugehen, dass die Hoffnung und das Gute in mir nicht stirbt: Ich helfe tätig mit, wo Spenden für die Menschen in der Ukraine gesammelt werden oder wenn Flüchtlinge hier bei uns ankommen.

Das zweite ist, dass ich jeden Abend bete für alle Menschen in Russland und in der Ukraine, die unter dem Krieg und seinen Folgen leiden. Auch wenn es Menschen sind, die den Krieg veranstalten, ich lege es am Abend in Gottes Hand, dass wieder Friede einkehrt. 

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25APR2022
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Ich mache mir in letzter Zeit viele Gedanken, wie es mit meiner Religion, dem Christentum in Deutschland weitergeht. Ich sehe zwei Entwicklungen: Auf der einen Seite findet ein Auszug aus den Kirchen statt, der uns Katholiken, aber auch die evangelischen Christen in Deutschland bald auf die Größe einer Sekte schrumpfen lässt. Die Gründe liegen auf der Hand.

Auf der anderen Seite sehe ich außerhalb der Kirchen immer wieder, wie vieles von meiner christlichen Überzeugung in der Gesellschaft verankert ist:

Ich habe in der Pandemiezeit erlebt, wie der Zusammenhalt der Menschen großgeschrieben wird. Und das waren nicht nur leere Worte: Oft haben Nachbarn sich gegenseitig geholfen, wenn jemand in Quarantäne Einkäufe nicht selbst erledigen konnte. Das ist in meinen Augen gelebte Nächstenliebe. Und ich denke auch, dass sich der Blick verändert hat auf das, was Pflegekräfte leisten. Ich habe auch immer wieder mitbekommen, dass Unternehmer uneigennützig und unbürokratisch Flüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen und Bürger in ihren Privatwohnungen das Gästezimmer bereitstellen und mit Spenden die Opfer des Kriegs unterstützen. Gleichzeitig sehe ich an Autofenstern und an Häusern Flaggen und Symbole, die die große Sehnsucht nach Frieden ausdrücken, die uns Menschen zusammenführt.

Dass wir da Nächstenliebe leben, zusammenhalten und helfen, ist das eine, was zeigt, dass das Christentum bei uns lebt. Das andere ist der christliche Kult. Was ich mir in einem Gottesdienst erhoffe, habe ich inzwischen auch schon oft bei Konzerten außerhalb der Kirche erlebt: Dass ich mich durch die Texte, die ich höre, von Gott angesprochen fühle und dass sie umgekehrt zu meinen Gebeten werden.

Bei alledem merke ich, dass ich bei diesen Entwicklungen noch mehr auf Gott vertrauen könnte. Anstatt dass ich fürchte, dass das Christentum verloren geht, will ich mich auf ihn verlassen. Ich sehe ja schon deutlich, dass es weitergeht.

Dass Gott mit uns so ganz andere Wege geht, lässt mich hoffen, dass es auch mit dem Christentum weitergeht. Wenn die Kirchen schrumpfen, wird Gott neue Wege finden. Denn er ist treu. Auf ihn kann ich mich verlassen.

Am Gedenktag des Evangelisten Markus, der sein Evangelium für Heidenchristen geschrieben hat.

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24APR2022
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Gloria in excelsis deo

„Ehre sei Gott in der Höhe“. Seit Ostern gehört dieser Gesang wieder zum katholischen Gottesdienst dazu, nachdem traditionell in der Fastenzeit kein Gloria gesungen wird. Wenn es in der Osternacht zum ersten Mal wieder angestimmt wird, läuten dazu alle Glocken.

Gloria in excelsis deo et in terra pax hominibus

Der Gloria-Gesang stammt aus dem 5. Jahrhundert. Die erste Zeile ist aber noch älter. Sie ist ein Zitat der Engelschöre, die bei der Geburt Jesu in Bethlehem singen. Das Gloria holt damit nicht nur Ostern, sondern immer auch Weihnachten in den Gottesdienst herein. Georg Friedrich Händel hat das in seinem Oratorium „Der Messias“ besonders anschaulich komponiert:

„Glory to god in the highest and peace on earth“.

Händel macht damit deutlich, dass Himmel und Erde am Anfang von Jesu Wirken noch getrennt sind: Im Himmel herrscht schon der fröhliche Jubel der Engel, auf der Erde ist die Stimmung noch gedämpft. Die Menschen sind noch nicht erlöst.

„Glory to god in the highest and peace on earth“.

Das ist mir momentan deutlicher denn je, wenn ich an die Pandemie denke und an den Krieg in der Ukraine, der ja nur einer von vielen Kriegen auf der Erde ist. Aber ich bin überzeugt: Die Mehrheit der Menschen sehnt sich nach Frieden und nach einem Zustand des Wohlbefindens für alle, die guten Willens sind.

Das Gloria hat die Erlösung im Blick, die Jesus bewirkt. Er redet zu den Menschen von einem Gott, der er es gut mit den Menschen meint und das Glück für alle Menschen will, selbst wenn sie gesündigt haben. Jesus gibt diese Überzeugung auch dann nicht auf, als die Menschen ihn ablehnen und ermorden. Nicht einmal der Tod kann ihn darin aufhalten.

In der Dramaturgie des Gottesdienstes wird dieser Spannungsbogen auch entwickelt. Das Gloria steht am Anfang. Die Gemeinde jubelt und bittet aber auch darum, dass Jesus als ihr Herr die Welt zum Guten verändert, dass Friede wird und dass das Gute triumphiert durch ihn, den Höchsten, den Heiligen.

Quoniam tu solus sanctus, tu solus Dominus, tu solus sanctus, tu solus altissimus, Jesu Christe.

Erst wenn die Gemeinde dann an das Abendmahl und an die Auferstehung Jesu erinnert, singt sie im Sanctus davon, dass sich diese Veränderung zum Guten ereignet hat. Jetzt heißt es „Himmel und Erde sind voll von Deiner Herrlichkeit“.

Wenn ich das „Gloria“ höre, will ich gerne einstimmen: Ich mache mit, wenn es darum geht, Gott zu feiern und zu bejubeln. Und ich bitte ihn immer wieder neu darum, dass er diese Welt zum Guten führt und Frieden bringt. Ich sage damit aber auch deutlich: Ich will mitarbeiten an einer Welt, in der Friede und Versöhnung bestimmen. Denn wenn Menschen froh, erlöst und in Eintracht leben, dann ist das die Verherrlichung Gottes als eines liebenden Vaters und einer fürsorglichen Mutter.

Gloria (Schluss) „cum sancto spiritu in gloria dei patris. Amen“

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Musikangaben

„Glory to god in the highest and peace on earth“.
Aufnahme: Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Ton Koopman (Live-Mitschnitt von 2005)

 

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13MRZ2022
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Agnus Dei qui tollis peccata mundi. Miserere nobis.
Agnus Dei qui tollis peccata mundi. Miserere nobis.
Agnus Dei qui tollis peccata mundi. Dona nobis pacem

Christus wird im heutigen Lied zum Sonntag als „Lamm Gottes" angerufen. Er soll mit unserer Not mitfühlen und Frieden schenken.

Lämmer wurden in biblischen Zeiten als Opfertier im Tempel zum Dank geschlachtet. Die Menschen haben das damals als ein Zeichen verstanden, dass Gott sie immer wieder zum Guten führt. Später im Mittelalter hat sich das umgekehrt: Man meinte damals, Gott wird durch so ein Opfer milde gestimmt, wenn man ihn durch seine Fehler beleidigt hat.

Das stellt aber auf den Kopf, was Jesus geglaubt und gelehrt hat: Für ihn war klar, dass der Mensch den Schaden nicht reparieren kann, den er verursacht. Er war überzeugt, dass allein Gott alles zum Guten verändern kann, weil er die Menschen liebt wie ein Vater seine Kinder. Für diese Überzeugung stirbt Jesus sogar. Er wird zum Opfer der Priesterclique, die davon lebt, dass sie den Menschen ein reines Gewissen verkauft. Spätestens seit Jesus für diese Überzeugung gestorben ist, ist Schluss mit diesem Opferdenken.

Agnus Dei

Im Alltag begegnen mir heute andere Opfer: Wenn ein Schüler gemobbt wird, nennen ihn die Mitschüler oft „Du Opfer“. Mit diesem Ausdruck können sie ihn einmal mehr herabwürdigen. „Opfer“ sind heute oft Menschen, die unter dem leiden, was andere Menschen ihnen antun. Wenn sie andere mobben, aber auch, wenn sie missbrauchen, vergewaltigen und töten. Gerade auch im Krieg. Beethoven hat das in seiner „Missa solemnis“ deutlich hörbar gemacht:

Agnus Dei
Beethoven: Missa solemnis. Ennoch zu Guttenberg: Chor und Orchester der KlangVerwaltung

Wo Menschen andere Menschen kränken, verletzen, umbringen, genau da braucht es einen Ausweg, wie Jesus ihn lehrt. Die Wende zum Guten, zum Frieden, erreiche ich in keinem der Fälle, wenn ich Vergeltung übe, weil das von der anderen Seite wieder eine Vergeltung auslöst. Friede entsteht, wenn ich auf den anderen zugehe und bereit bin, dass ich mich für meine Fehler entschuldige und dem anderen seine Fehler verzeihe.

Das „Agnus Dei“ passt in unsere Zeit. Wenn ich es höre oder mitsinge, dann bitte ich Gott: Hilf uns, wenn wir die Kette von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen wollen und gib uns einen Frieden, der für alle Menschen guten Willens zum Guten führt:

Agnus Dei
Beethoven: Missa solemnis. Agnus Dei

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