Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


06NOV2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Credo in unum deum – Ich glaube an den einen Gott, den allmächtigen Vater – Wenn das „Credo“, das Glaubensbekenntnis, im Gottesdienst so angestimmt wird und die ganze Gemeinde dann mitsingt, fühlt sich das inzwischen für mich besonders an.  Früher habe ich geglaubt, ich müsste beim „Credo“ jeden einzelnen Satz auch unterschreiben können. Inzwischen geht es für mich aber nicht (zuerst) um einzelne Sätze, also ob Jesus körperlich in den Himmel aufgefahren ist oder ob ich an die Kirche glaube. Es geht vielmehr um das Gottvertrauen an sich. Alle bekennen sich in diesem Gesang zu Gott und werden dabei eine Gemeinschaft. Meine Stimme wird ein Teil eines großen Chores. Ich werde so getragen, auch in dem, was ich glaube. In der frühen Kirche hieß der Gesang „Symbolum“, was auf deutsch so viel heißt wie „Zusammengeworfenes“.

Der Begriff des Symbols spielt an auf eine alte griechische Geschichte: Zwei Freunde, die sich trennen müssen, ritzen zum Abschied ihren Namen in eine Tonscheibe. Sie zerteilen die Scheibe und jeder nimmt einen Teil davon mit. Solange sie getrennt sind, erinnert sie ihr Stückchen daran, dass ihnen der Freund fehlt und dass sie zusammengehören, auch wenn sie nicht zusammen sind. Ich denke, darum geht es im Credo: Es bringt mich mit den anderen Glaubenden zusammen und mit Gott, der sich in Jesus als unser Freund gezeigt hat und wie es im Text heißt, „zu unserem Heil“ geboren wurde, unter uns gelebt hat, gekreuzigt wurde und von den Toten auferstanden ist.

Manchmal zweifle ich und dann entferne ich mich von Gott. Zum Beispiel, wenn ich eine kritische Lebensphase durchlaufe. Das sind dann Momente, in denen ich wie in der griechischen Geschichte so ein Symbol brauche, wie diese Tonscherben oder eben das Credo. Die Scherbe mit ihren Bruchrändern zeigt mir dann nämlich, dass solche Risse oder Brüche uns nicht trennen. Ich kann mich darauf verlassen, dass Gott als mein Freund alles für mich zum Guten führen wird und mir das geben wird, was mir fehlt oder was ich nicht geschafft habe im Leben.

Darauf hoffe ich, auch wenn mein Leben manchmal sehr fragil erscheint. Schubert drückt das sehr schön aus in seinem „Credo“ in der G-Dur-Messe. Der schreitende Bass spiegelt das voranschreitende Leben. Darüber schweben die Streicherstimmen und bilden eine Sphäre, die diesen Lebenslauf begleitet und in eine andere Atmosphäre taucht wie in ein Licht. Und dazwischen verbindet der Chor mit dem „Credo“ diese Lichtsphäre mit demr irdischen Leben. Bis zum „Amen“. Und dieses „Amen“ am Ende des Credo heißt nichts anderes als „Amen – So ist es: Ich glaube an Gott, hoffe und verlasse mich auf ihn“.

 

Musikquellen

  • Musik 1, 2, 3: M0303474
  • Musik 4: Franz Schubert: Messe Nr. 2 in G-Dur; D 167, Hugo-Distler-Chor und die Wiener Akademie unter der Leitung von Martin Haselböck (LC08748)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=36484
14OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Fast alle kennen ihn als den Autor, der Winnetou und Old Shatterhand erfunden hat. Karl May. Er hat aber weitaus mehr geschaffen. Einige seiner Werke sind von der katholischen Kirche verboten worden, weil er sehr offen damit umgegangen ist, dass die Menschen unterschiedlich glauben. Ihn hat die Vielfalt der Religionen interessiert. Er wollte den Islam und die Stammesreligionen der indigenen Völker kennen lernen, weil er vermutet hat, dass auch in ihnen etwas steckt, das die Menschen zu besseren Menschen macht.

Ich finde das umso interessanter, wenn ich Karl Mays Lebensgeschichte anschaue. Er ist 1842 geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Er hat in seinem Leben so viele verschiedene Lebenswelten gesehen und Menschen dabei erlebt, dass er vermutlich deshalb nach etwas Gemeinsamem bei den Menschen sucht, was sie stärken und weiterbringen kann. Das gilt in der kleinen Welt des Gefängnisses, wo er immer wieder wegen kleineren Betrügereien und Taschendiebstählen einsaß, aber auch in der großen Welt. Er hat die Welt bereist, so weit und so gut er nur konnte und dabei unterschiedliche Kulturen kennengelernt. Und offensichtlich hat er sie auch schätzen gelernt, denn er gibt allen seinen Romanfiguren liebenswürdige und sympathische Züge, egal ob es der reisende englische Lord ist, der Muslim Hadschi Halef Omar oder die Häuptlinge der Apachen, Irokesen und der anderen Völker seiner Romane. 

Dass Winnetou am Ende zwar an seinen Gott Manitou glaubt, aber im Sterben die Glocken der christlichen Kirchen hört und sich von ihnen trösten lässt, ist für Karl May vermutlich ein Zeichen seiner eigenen Offenheit für anderen Kulturen und Religionen. Das hat den Vertretern der Kirche nicht gefallen. Sie haben es als Vermischung der Religionen kritisiert.

Trotzdem beeindruckt es mich, wie Old Shatterhand, der Christ, mit dem vermeintlich heidnischen Apachenhäuptling Winnetou befreundet ist. Und dass ein praktizierender Muslim an der Seite des Christen Old Shaterhand für das Gute kämpft: Hadschi Halef Omar. Die drei diskutieren zwar nie über Religion, aber sie fragen beim anderen nach, was er glaubt. Sie respektieren ihren Glauben, sind neugierig, was der andere glaubt, und unterstützen ihn darin, dass er seinen Glauben leben kann. So offen, respektvoll und zugewandt, wie ich es mir auch immer wieder wünsche. Mit diesem Interesse am anderen Glauben und mit diesem Respekt möchte ich als Christ heute noch in meiner Stadt Muslimen begegnen und denen, die gar nicht glauben. Ohne dass ich dabei etwas von meinem Glauben aufgeben muss. Aber wenn religiöse Menschen so offen, interessiert und respektvoll miteinander umgehen, ist das ein großer Schritt, dass Friede wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36308
13OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein Freund hat mir folgende Geschichte erzählt: Zwei Zugewanderte sitzen in ihrer neuen Heimat in einer Bar. Sie diskutieren bis spät in die Nacht. Dabei bleiben sie an der Frage hängen, ob das, was man in der neuen Heimat am Himmel sieht, die Sonne oder der Mond ist. Sie finden keine Lösung, obwohl sie bis in den Morgen hinein diskutieren. Als sie am nächsten Morgen aus der Bar kommen, treffen sie einen Passanten. Und sie fragen ihn, ob das Gestirn am Himmel die Sonne oder der Mond ist. Er gibt die Antwort: Ich weiß es nicht. Ich bin nicht von hier.

Die Antwort auf die Frage der beiden Fremden bleibt offen. Auf den ersten Blick, weil sie keinen Einheimischen finden, der ihre Frage beantworten kann. Auf den zweiten Blick wird aber deutlich, dass auch Einheimische nicht immer alles wissen. Die Einheimischen würden sich zwar sicher besser auskennen. Aber ob sie das, was man am Himmel sieht, als Sonne oder Mond bezeichnen, haben sie irgendwann einmal so festgelegt.

 

Die Lehre dieser kleinen Erzählung besteht darin, dass keiner ein Monopol darauf hat, allein die Wahrheit zu kennen. Und wenn keiner ein Monopol auf die Wahrheit hat, kann ich mich ihr nur annähern, wenn ich möglichst viele Ansichten und Perspektiven kenne. Die beiden Männer sind also schon auf dem richtigen Weg, wenn sie andere in die Diskussion holen. Aber die Erzählung zeigt auch: Die Diskussion ist damit eben nicht fertig.

 

Ich würde mir sehr wünschen, dass wir bei unseren politischen Diskussionen heute auch diesem Weg folgen und möglichst viele Meinungen hören. Ohne dass einer der Gesprächspartner dabei alles wissen muss, sondern so viele Fragen stellen darf, wie er will. Und dass wir nach den ersten Antworten noch weiter suchen! Es geht nicht ums Rechthaben und darum, dass einer alles weiß.

Aber gerade wenn keiner von uns alles jetzt schon weiß, was wir später für richtig halten, können wir unsere Fragen doch gemeinsam in den Raum stellen und hören, welche Antworten die anderen haben. Nicht als Diskussionsgegner, sondern als Menschen, die nach der Wahrheit suchen. Gemeinsam.  Denn: In Bezug auf die Wahrheit sind wir am Ende alle „nicht von hier“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36307
12OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eine Geschichte erzählt von zwei Rabbinern. Das sind jüdische Theologen. Sie diskutieren, ob Gott existiert. Dabei tauschen sie alle Argumente aus, die sie kennen. Nach mehreren Tagen kommen sie zum Schluss, dass es Gott nicht gibt. Am nächsten Morgen besucht der eine den anderen und sieht, wie er betet. Er ist verwundert und hakt nach. Sie haben sich doch gestern erst geeinigt, dass Gott nicht existiert und jetzt betet er? Dieser antwortet: Das eine hat doch mit dem andern nichts zu tun.

Die kurze Geschichte ist sicherlich nicht so gedacht, dass der eine den anderen auflaufen lässt. Ich verstehe sie eher so: Was wir an Argumenten austauschen, was wir von Gott zu verstehen meinen, ist das eine. Aber der Verstand hat Grenzen. Und bei der Frage, ob Gott existiert, kommt unser Verstand an seine Grenzen. Umgekehrt gilt eben auch: Wir können nicht mit Sicherheit wissen oder beweisen, dass es ihn nicht gibt. Es gibt keine wissenschaftlichen Mittel für so eine Beweisführung. Und wenn wir mit Logik an die Sache rangehen und Argumente austauschen, bleibt es am Ende meist bei einem unentschieden. Wenn Vernunft und Wissenschaft hier nicht weiterkommen, gibt es vielleicht einen anderen Weg. Und den meint in meinen Augen der Rabbiner, der betet.

Dass er betet, ist für ihn etwas ganz Anderes. Es hat mit der Erfahrung zu tun, die er im Glauben macht. Da geht es mir genauso wie diesem Rabbi. Auch wenn ich es nicht sicher weiß, ich habe die Erfahrung, dass ich zu Gott Du sagen kann, und dass er mir nahe ist. Selbst dann noch, wenn ich zweifle, ob das so ist. Was ich denke, ist die Kopfebene. Da zählen Logik oder die Phantasie, mit der ich mir vorstellen kann, was ich mir wünsche oder wie mein Leben besser und schöner wäre. Auf dieser Ebene kann es sein, dass ich auch bei dem Ergebnis lande, dass Gott nicht existiert.

An Gott glauben ist etwas Anderes. Ich kann es nur schwer benennen. Das liegt in der Natur der Sache. Denn es geht dabei darum, dass ich vertraue, mich fallen lasse und nicht im Nichts lande. Ein Autor hat es mit einem Sprung in einen Brunnen verglichen. Wenn ich springe, weiß ich nicht, was mich unten am Grund erwartet. Aber die Erfahrung zeigt, dass es kein Absturz ist. Besonders dann, wenn ich bei einem Problem an die Grenzen meines Verstandes stoße oder wenn sich mein Leben nach Absturz anfühlt, weil ich mit einer Krankheit umgehen lernen muss. Dann vertraue ich trotzdem, dass da jemand ist, der meine Gebete hört und der mich behütet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36306
11OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Als vor einem Monat die Queen gestorben ist, haben viele Menschen auf der ganzen Welt an ihrem Tod Anteil genommen. Frankreichs Präsident Macron hat es so auf den Punkt gebracht: Elizabeth II. war für die Briten ihre Königin, aber für uns war sie „die Queen“. Denn auch in Ländern, in denen es keine Monarchie gibt, haben die Menschen spürbar Anteil genommen haben. Für die meisten ist eine Königin oder ein König „von Gottes Gnaden“ veraltet in unserem demokratischen Zeitalter. Die Vorstellung, dass Gott uns einen König schickt, um uns als Volk zu schützen, ist fragwürdig. Und trotzdem hat mich der Tod der Queen berührt. Elizabeth II. war solange ich lebe „die“ Queen. Früher hat sie mich eher befremdet, weil ich sie als eher gefühlskalt wahrgenommen habe. Heute sehe ich sie anders. Sie hat ihre Gefühle gezeigt, aber sie hat immer Fassung bewahrt. Und sie hat einen herrlichen Humor gehabt.

Ich frage mich aber, wie das in unser demokratisches Zeitalter passt, wenn fast die ganze Welt um eine Königin trauert. Es hat wohl damit zu tun, dass wir alle eine Sehnsucht haben nach einer Person, die in Krisen überlegen wirkt und möglichst die Fassung bewahrt. Wenn ich mich mit Sorgen und Ängsten befasse, gibt es mir Halt und ich fühle mich gut aufgehoben, wenn die, die Verantwortung tragen, gefasst bleiben. Diesen einen Halt und diese Geborgenheit erhoffe ich mir vor allem von Gott, es übersteigt die menschlichen Fähigkeiten. Und viele Könige haben in der Geschichte eher Krieg und Unsicherheit gebracht. Elizabeth II. hat sich zwar in politischen und in persönlichen Krisen immer im Griff gehabt. Das ist souverän. Aber es hat ihr und ihrer Familie viel abverlangt. Sie musste immer damit leben, dass ihr Familienleben in der Öffentlichkeit steht und nicht privat ist. Und das war ja auch bei ihr nicht ganz bruchlos. Die Scheidung von Prinz Charles, der Tod von Lady Di, der Brexit, die Skandale um Andrew und der Familienzwist um den Enkel Harry und seine Frau, haben sich ja vor den Augen der Öffentlichkeit ereignet.

Gerade wenn ich würdige, was Queen Elizabeth II. an Gutem geleistet hat, wird mir klar, dass ich als Christ meine Sehnsucht auf Gott richten will. Ich verlasse mich darauf, dass er uns alle führt, schützt und eines Tages wieder in stabilem Frieden leben lässt. Und mir wird bewusst, dass ich in unserer demokratischen Gesellschaft selbst meinen Teil der Verantwortung trage, dass es mir und meinem Mitmenschen gut geht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36305
10OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Für Menschen jüdischen Glaubens fängt heute das Laubhüttenfest „Sukkot“ an. Das Fest dauert sieben Tage. Es heißt so, weil jede Familie im Garten oder auf dem Balkon eine Art Laube aus Zweigen baut. Dort essen sie während des Festes, laden Angehörige und Freunde ein, feiern und danken Gott dafür, dass sie einst nach ihrer Flucht aus Ägypten eine Heimat gefunden haben. In Ägypten wurden sie versklavt und ausgebeutet. Mit Mose an der Spitze ist ihnen die Flucht durch die Wüste gelungen. Die Laubhütten erinnern daran, wie sie auf der Flucht im Freien kampieren mussten. Das Laubhüttenfest ist also so etwas wie ein „Fest nach der Krise“. Gläubige Juden bleiben ausdrücklich nicht am Traurigen hängen. Sie feiern, dass sie zusammengehalten haben und danken Gott für ihre Rettung. Wir erleben momentan mehrere Krisen: Corona, den Krieg in der Ukraine und den Klimawandel. Ob wir später auch ein Fest feiern können, weil alles gut ausgegangen ist und wir zusammengehalten haben?

Wenn die Juden zu Sukkot gemeinsam in ihren Laubhütten sitzen, beten, essen und feiern, entsteht wieder so eine Gemeinschaft wie damals, als ihre Vorfahren vor über dreitausend Jahren nach der Flucht gerettet wurden. Sie holen so diese Gemeinschaft in die Gegenwart und legen damit schon die Basis dafür, dass sie wieder zusammenhalten werden, wenn neue Krisen kommen. Das gibt Zuversicht.

Ich glaube, wir könnten heute schon mit Freunden und Nachbarn genauso feiern: dass wir in der Covid-Zeit zusammengehalten und füreinander eingekauft haben, solange der andere in Quarantäne war. Vielleicht sind wir noch nicht in Stimmung für ein Fest: Wenn wir uns jetzt darauf besinnen, dass wir diese Krise gemeinsam gemeistert haben, gibt uns das hoffentlich Zuversicht. Wir sind mittendrin in kritischen Zeiten: Menschen fliehen aus dem Krieg zu uns aus beiden Kriegsländern, aus der Ukraine und aus Russland. Und wir müssen alles Machbare unternehmen, um unsere Erde im Klimawandel zu retten.

Und gerade, weil wir noch nicht wissen, wie es konkret werden wird, schon diesen Winter, wie die Wirtschaft sich entwickelt und wann endlich wieder Friede ist: Ich will mir das zueigen machen, was ich bei den Juden sehe, wenn sie das Laubhüttenfest Sukkot feiern. Vielleicht werden unsere Kinder und Kindeskinder eines Tages ein Fest feiern, wo man für die Nachbarn einkaufen geht oder in den Turnhallen ein Friedensfest feiert, die Flüchtlingsunterkünfte waren. Wenn wir diese Krisen irgendwann durchgestanden haben. Wir können sie durchstehen, wenn wir uns gegenseitig helfen und zusammenhalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36304
01OKT2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich kann es kaum glauben, dass eine christliche Heilige so denkt. Die heilige Therese von Lisieux schreibt in ihren Briefen: „Wenn Sie wüssten, in welche Finsternis ich versunken bin! Ich glaube nicht an das ewige Leben. Mir scheint, daß es nach diesem sterblichen Leben nichts mehr gibt.“ So schreibt sie es und ich bin überrascht, weil ich von einer Heiligen nicht erwartet hätte, dass sie so offen von ihren tiefen Zweifeln spricht.

Die heilige Therese ist 1873 in Frankreich geboren. Sie ist sehr fromm und sehr entschlossen. Schon mit 14 Jahren will sie unbedingt ins Kloster eintreten. Aber Nonne werden war auch damals nicht erlaubt in diesem Alter. Therese gibt aber nicht auf, sondern schreibt einen Brief an den Papst. Sie erreicht, dass sie mit einer Sondererlaubnis mit 15 Jahren ihre Probezeit im Kloster beginnen kann. Das klingt sehr nach einer überzeugten jungen Frau, die weiß, was sie will. Das hat sie auch im Kloster weiterhin so gelebt und zum Beispiel gegen den Widerstand der anderen erreicht, dass sie sich als Frau theologischen Studien widmen darf. Sie wird jedoch bald schon tuberkulosekrank und stirbt mit nur 24 Jahren.

Ihre Anhänger stellen sie gerne so dar, als ob sie nie gezweifelt hätte. Obwohl sie kurz vor ihrem Tod diese Worte schreibt: „Ich glaube nicht an das ewige Leben. Mir scheint, daß es nach diesem sterblichen Leben nichts mehr gibt.“

In meinen Augen machen diese Zweifel sie gerade erst recht stark und glaubwürdig. Ich kenne das ja auch. Wenn ich mir Sorgen um meine Gesundheit und mein Glück mache, oder wenn ich die Kontrolle für mein Leben aus der Hand geben muss, da bin ich stark am Zweifeln. Ich weiß, wie sich die Sorge anfühlt, dass mein Leben unglücklich verlaufen kann, und ich dann das Gefühl habe, Gott hat mich verlassen. Wenn ich so denke und fühle, zeigt das aber nur meine menschliche Seite, meine Zweifel und meine Gefühle.

Ich vermute, dass das bei Therese von Lisieux den Unterschied macht. Das, was ich fühle und denke, und das, was wirklich ist, kann ja unterschiedlich sein. Wenn ich mich von Gott verlassen fühle, heißt das ja nicht, dass er mich verlassen hat. Sondern, dass ich ängstlich und in Sorge bin und mir Gottes Nähe wünsche. Was ich fühle, sagt etwas über mich aus, nicht über Gott oder darüber, ob er mir nah oder fern ist.

Deshalb will ich wie Therese von Lisieux auch in schwierigen Zeiten um mein Gottvertrauen ringen. Ich finde es ermutigend, wenn sie nach all ihren Zweifeln noch schreibt: „Es bleibt mir nicht mehr als die Liebe“. Und das ist ja ganz schön viel.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36243
30SEP2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Winnetou, der Apachenhäuptling ist zum Streitpunkt geworden. Die einen finden die Geschichten von Winnetou spannend und sehen ihn als einen Helden und als Vorbild für Mut und Freundschaft – so habe ich ihn als Kind auch immer gesehen – die anderen sehen Winnetou als einen Vertreter der indigenen Völker, die von den weißen Eroberern nicht als Freunde behandelt, sondern ausgebeutet wurden. In Wirklichkeit waren sie ja keine „Blutsbrüder“ der Weißen, sondern die weißen Einwanderer haben sie wirtschaftlich ausgebeutet, ihnen das Land weggenommen, sie in Reservoirs gesteckt und sie so ausbluten lassen. Wenn ich mir das bewusst mache, ist Winnetou wirklich eine Verharmlosung. Er wird als Held dargestellt und steht doch eigentlich für die Opfer. Das wirkt, als ob man die indigenen Völker zum zweiten Mal ausbeutet, weil man so tut, als würde man ihre Kultur verstehen, gut finden und vielleicht sogar schützen und bewahren. Nachdem man sie aber eigentlich schon fast vernichtet hat.

Und trotzdem tue ich mich schwer damit, alles an Winnetous Heldentum schlecht zu finden. Für mich ist dieser erfundene Held, der mich mit seinem Mut und seinem Einsatz für Freunde anspricht, das eine. Das andere ist die Tatsache, dass die Weißen sich den Apachen überlegen fühlen, sie unterdrücken und sie gleichzeitig als romantische Helden darstellen.

Diesen Konflikt gibt es generell, wo Menschen mit Menschen aus anderen Kulturen umgehen. Erst recht, wenn ich auf meine christliche Religion schaue. Ich weiß gar nicht, was übrigbleiben würde, wenn ich alles streichen würde, was die frühen Christen aus anderen Kulturen geklaut haben, um sich damit über sie hinwegzusetzen: Weihwasser und Weihrauch, Weihnachten und der Christbaum – das und vieles mehr kommt aus anderen Kulturen. Die Christen waren fast 2000 Jahre lang geradezu Meister darin, sich bei anderen Kulturen zu bedienen, um den eigenen Glauben leben zu können.

Sich an anderen Kulturen bedienen und sie ausnutzen, um die eigene zu stärken – ich finde es wichtig, dass wir darüber diskutieren, wie z.B. bei Winnetou. Da braucht es viel mehr Sensibilität und Respekt.

Ich finde es wichtig, dass wir darauf achten. Es könnte ja dazu helfen, anders mit Menschen aus anderen Kulturen umzugehen. Wenn wir mit ihnen so in Kontakt kommen, dass wir uns gegenseitig mit dem bereichern, was gut ist, ohne die anderen zu unterdrücken, dann könnte das doch auch ein Weg sein, wie die Menschen aus allen Kulturen zusammenwachsen und friedlich zusammenleben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36242
29SEP2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es fällt mir manchmal schwer, an das Gute im Menschen zu glauben. Wenn ich zum Beispiel an den Mord in Münster beim Christopher Street Day denke. Da hasst einer so sehr andere Menschen, dass er lesbische Frauen anpöbelt und einen transsexuellen Mann totschlägt, der ihnen zu Hilfe eilt. Oder wenn ich lese, wie barbarisch sich Soldaten in der Ukraine verhalten.

Diese Nachrichten machen mich wütend. Meine Wut führt eines Tages dazu, dass ich womöglich schlecht handle. Das löst bei anderen aber wieder Rachegedanken aus. Sie werden sich vermutlich stärker wehren. Und jedes Mal fällt die Reaktion heftiger und aggressiver aus.

Dieser Dynamik will ich mich entgegenstellen und mich am Guten orientieren. Es bringt mich ja auch nicht weiter, wenn ich an Rache denke oder mich vom Hass anstecken lasse. Als Christ schon gar nicht. Denn als Christ geht es mir ja auch darum, dass ich hoffe, dass Gott letzten Endes alles zum Guten führen wird. Das heißt, dass ich mich darauf verlasse, dass er als der Höchste über dem Guten und dem Bösen steht. Über beidem. Dass Menschen sich für das Böse entscheiden, ist Teil ihrer Freiheit. Und ich entscheide frei, ob ich meine Wut in den Griff bekomme oder ob ich sie auslebe.

In dieser Situation bitte ich Gott, dass er mich führt. So kann ich die Bitten im Vater Unser ja auch verstehen „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“. Ich bitte Gott, dass ich eben nicht von meinem Weg abkomme, wenn solche negativen Gefühle in mir aufkommen.

Mir hilft dazu ein altes Gebet, in dem der Erzengel Michael angerufen wird: „Heiliger Erzengel Michael, beschirme uns im Kampfe gegen die Bosheiten und Nachstellungen der bösen Feinde.“

In der christlichen Tradition ist der Erzengel Michael der, der im Auftrag Gottes das Böse überwindet. Wenn ich merke, dass meine Gedanken mehr um das Böse als um das Gute kreisen, und um das, was Menschen sich gegenseitig antun, dann bete ich dieses Gebet. So bekomme ich ein bisschen Abstand zu meiner Wut und zu diesen Leuten. Und ich bete dafür, dass sie sich zum Guten wenden. Das rückt meine Wut und meine Rachegedanken noch weiter in die Ferne. Und meine Gedanken sind bei Gott und der Vorstellung, dass das Gute über allem steht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36241
02SEP2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich habe einen Bekannten, den ich ab und zu im Pflegeheim besuche. Er ist schwer dement. Inzwischen spricht er kaum noch etwas, und das macht mich oft ratlos. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Mir fällt nichts ein, was ich sagen kann, selbst beim einfachsten Gespräch scheitere ich, weil es mir sinnlos erscheint. Ich weiß nicht, was er versteht und was überhaupt bei ihm ankommt. Manchmal bin ich da schon dankbar, wenn andere Patienten mich dann in ein Gespräch verwickeln. Aber weil sie auch dement sind, kommt das Gespräch meistens in eine Wiederholungsschleife. Wir reden dann zig-mal dasselbe. Eine Patientin fragt, ob sie bald nach Hause kann. Ich sage ihr, dass sie sich keine Sorgen über ihr zuhause machen muss. Es ist alles in Ordnung. Dann bedankt sie sich und fragt in der nächsten Sekunde, ob sie bald nach Hause kann. Und das Gespräch beginnt wieder von vorne.

Bei einer anderen Bekannten von mir ist die Demenz noch nicht so weit fortgeschritten. Sie hat gute Tage und Tage, an denen sie sehr verwirrt ist. Aber das Traurige ist, dass sie es merkt, dass etwas nicht stimmt. Manchmal erzählt sie Geschichten, die nicht stimmen können. Wenn ich sie dann schon korrigiert habe, war sie schnell tieftraurig und sehr unsicher. Ich kann mir vorstellen, dass das schwer ist, wenn ich dem nicht trauen kann, was ich sicher zu wissen glaube.

Ein Buch von Arno Geiger bringt das alles auf den Punkt. Es heißt: Der alte König in seinem Exil. Arno Geiger erzählt darin, wie er die Demenz seines Vaters erlebt und was er daraus gelernt hat. Ich finde, dass der Titel es schon auf den Punkt bringt. Ein Mensch mit Demenz lebt in einer anderen Welt, wie in einem Exil. Er ist nicht mehr bei sich zuhause und alle Kontakte, die er vorher hatte, sind in die Ferne gerückt. Wenn ich diesen Menschen in seiner Wirklichkeit besuche, bin ich zu Gast bei ihm. Es tut gut, wenn ich ihn dann wie einen König behandle. Zum einen, weil ich ihn respektiere, zum andern, weil ich anerkenne, dass er in dieser fremden Welt die Hoheit innehat. Das heißt, ich korrigiere ihn nicht, wenn er etwas sagt, was nicht sein kann, sondern ich frage nach und versuche mit ihm in seine Welt zu gehen.

Ich denke, dass ich auf diesem Gebiet noch viel lernen muss. Aber vielleicht ist das ja ein Anfang, wenn ich mit einem Menschen umgehe, der Demenz hat. Dass ich ihn wie einen König in einer Welt behandle, die mir fremd ist. Als sein Gast lasse ich mich aber darin von ihm führen. Ich habe es schon ausprobiert und manchmal sind es genau diese Momente, in denen ich so handle, in denen meine demente Bekannte wieder kurz zu sich selbst findet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36011