Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Das kannst du noch nicht. Dazu bist du noch zu klein.“ Als Kind habe ich diesen Satz oft gehört. Aber: Sind Kinder wirklich nur die Kleinen, Unfertigen, noch begrenzt in ihren Möglichkeiten. Oder haben sie vielleicht etwas, das wir Erwachsenen verloren haben?

Ich war zu der Verabschiedung eines Kollegen eingeladen. Nach dem Gottesdienst haben wir uns alle zum Empfang in der Turnhalle getroffen – dort gab es Sekt, Kaffee und Kuchen und natürlich Grußworte. Das war zum Teil lustig und anrührend, aber vor allem wurde es sehr lang. Es war viel zu warm und mir tat schon der Rücken weh vom langen Stehen.

Irgendwann kam der katholische Kollege an die Reihe. Er hat nicht viel geredet, sondern zur Gitarre gegriffen und ein modernes, rhythmisches Lied gesungen. Nach kurzer Zeit war mir zum Mitsingen zu Mute, oder zum -Klatschen. Aber die anderen haben alle mit unbewegter Miene gelauscht und steif dagestanden, da habe ich mich nicht getraut.

Nur ein kleines Mädchen ging sofort mit. Sie trug ein knallbuntes Kleid und lief schon die ganze Zeit auf nackten Füßen durch die Halle. Ihre Bewegungen waren noch etwas eckig, offenbar hat sie erst vor kurzer Zeit laufen gelernt. Aber auch wenn das alles noch wackelig war – jetzt hat sie im Takt in den Knien gewippt, die Arme gehoben und versucht zu klatschen. Sie hat gestrahlt und gejuchzt und hatte wirklich Spaß.

Da habe ich mich gefragt: Wer ist denn nun begrenzt in seinen Möglichkeiten? Und wer ist frei?? Die gescheiten, starken Erwachsenen, oder das kleine Mädchen?
Kann es sein, dass wir auf dem Weg zum Großwerden Kreativität und Spontaneität verlieren?

Jesus hat jedenfalls die Kinder nicht klein gemacht und gesagt: „Dazu bist du noch zu klein“. Stattdessen hat er die Großen erinnert: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, bleibt euch das Himmelreich verschlossen.“

Schade, dass ich nicht mitgesungen und geklatscht habe damals in der Turnhalle, sondern gedacht habe, das wär peinlich. Gott hätte es bestimmt gefreut.

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Mit der Kraft am Ende. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich glaube, so eine Situation, erlebt jeder mal und j. Was kann da helfen?

Ein Freund hat mir so eine Geschichte erzählt. Er hatte jemandem geholfen. Doch der nutzt seine Hilfe so sehr aus, dass es ihn geradewegs in den finanziellen Ruin treibt. Kein moralischer Appell, kein Gericht löst seine Misere. Fast 10 Jahre geht das so. Er hält sich mit viel Arbeit über Wasser, spannt seine ganze Familie ein, aber es ist einfach keine Lösung in Sicht. „Glaub mir“, sagt er, „ich hatte ernsthafte Gedanken, von einer Brücke zu springen.“ – „Ja und, wie bist du da rausgekommen?“ frage ich ihn zurück

Der Wendepunkt ist durch eine langjährige, treue Mitarbeiterin gekommen. Sie hat etwas ganz verrücktes gemacht. „Komm mit“ hat sie gesagt und ist mit ihm zu einer großen, blühenden Wiese gefahren. „Setz dich da hin.“ – Er ist völlig perplex gewesen, hat aber gemacht, was sie gesagt hat. „Ich hab mich ins hohe Gras gesetzt, und sie ist weggefahren. Eine Weile ist gar nichts passiert. Irgendwann kamen ganz viele Tränen. Und dann war es ganz still in mir. Nur die summenden Hummeln, ab und zu ein Auto. Und der weite Himmel über mir. Stundenlang hab ich so dagesessen und gelegen. Mutterseelenallein. Und dann habe ich plötzlich ganz deutlich gewusst: Ich werde es schaffen. Das war wie ein Wunder!“ Und tatsächlich haben sich kurz drauf nach und nach alle Dinge geklärt und gelöst. Heute ist mein Freund wieder ein erfolgreicher Geschäftsmann.

„Aber die Wende, das war der Tag, an dem ich in der Wiese saß“, sagt er. „Ich glaube, da hat mich Gott besucht.“

Ich habe dazu genickt. Ich weiß: In der Stille können sich Dinge wandeln. In der Stille, sei es auf einer Wiese, einem Berg, an einem Bach oder in einem Kloster, geschieht etwas mit einem. Vielleicht ist das auch eine Weise, wie Gott hilft.

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Meistens ärgert man sich ja, wenn eine Straße gesperrt ist, ein Zug ausfällt, das Geschäft geschlossen oder eine Ware ausverkauft ist. Dabei kann in solchen Momenten auch etwas Überraschendes geschehen, mit dem man nie gerechnet hätte.

Mir ist so etwas auf einer Urlaubsreise passiert. Schon lange her, 1985. Mit einem Rucksack habe ich den Sinai bereist. Der war damals noch fast Menschenleer und touristisch kaum erschlossen. Auf meinem Rückweg nach Israel bin ich in einem alten, klapprigen Bus in Taba an die Grenze gekommen. Während ich und noch ein paar andere Backpacker auf das Grenztor zulaufen, dreht der Bus um und fährt davon. Zu unserer großen Überraschung ist das Tor verschlossen. Nur ein einzelner junger Soldat sitzt im Schatten und döst. Nach einigem hin und her klärt sich die Lage: Die Grenze ist heute geschlossen wegen eines hohen Feiertages. Morgen geht es weiter.

Wir saßen fest. Einem Kanadier entfährt ein deftiger Fluch. Der Soldat bietet uns ein leerstehendes Bürogebäude an, um darin die Nacht zu verbringen. Dort haben wir 5 jungen Männer uns niedergelassen - enttäuscht, verärgert, fassungslos.

Um die Zeit zu füllen, haben wir uns vorgestellt und erzählt, wer wir sind, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Jeder hat seine kleinen Geschichten gebracht, die er die letzten Tage in der Wüste erlebt hat. Der Kanadier hatte besonders viel zu erzählen. Er war seit zwei Jahren auf Weltreise. Er hat uns mit seinen Erlebnissen aus Ländern begeistert, von denen ich teilweise noch nie etwas gehört habe. Abends haben wir unsere Vorräte ausgepackt und alles in die Mitte gelegt. Wir haben geteilt, was jeder dabei hat. Als ich später in meinen Schlafsack geklettert bin, waren der Ärger und die Enttäuschung längst verflogen.

Heute erinnert mich diese Erfahrung an eine Strophe aus einem Kirchenlied: „Gott ist in allem was geschieht“ – Bei Gott geht es nicht um die Ziele, die ich erreichen will. Er ist auch dann da, wenn etwas nicht klappt. Und überrascht mich mit Dingen, mit denen ich nicht gerechnet habe.

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„Mach es falsch und du machst es richtig: Die Kunst der paradoxen Lebensführung.“ So lautet der Titel eines Buches von Christian Ankowitsch. Dieser Titel zieht einen in den Bann. Mich jedenfalls. Wie oft mache ich etwas falsch – ob bewusst oder unbewusst.

Ich mache etwas falsch und dann ärgere ich mich über mich. Vielleicht spricht mich der Titel deshalb so an: „Mach es falsch und du machst es richtig.“ Wäre das nicht super? Im Buch beschreibt der Autor so einiges, was ich gut kenne. Ich denke an verfahrene Situationen in meinem Leben, an schwierige Beziehungen zu Freunden oder Kollegen.

Ach, es gibt eine Menge Bereiche, in denen Dinge falsch laufen oder zumindest um einiges besser laufen könnten. Zum Beispiel ein Kollege. Immer wenn wir miteinander etwas besprechen habe ich das Gefühl, dass er mich nicht versteht und ich verstehe nicht was er will. Unsere Gespräche drehen sich dann immer im Kreis und wir kommen zu keinem Ergebnis.

„Mach es falsch und du machst es richtig.“ Dieser Ansatz hat etwas Faszinierendes. Wie oft versuche ich ganz verkrampft das Richtige zu tun? Aber meist handele ich dann immer wieder auf die gleiche Art und Weise, anstatt mal etwas ganz anders anzupacken.

Einen Versuch war mir das wert! Meine Kinder waren meine ersten Testobjekte: Bei der mal wieder leidigen und wirklich unnötigen Diskussion über das Tischabdecken. Als also das Gezänk wieder losging, habe ich gesagt: „Ok, kommt, wir lassen einfach alles stehen und keiner räumt ab…“

Alle schauten irritiert. Ich war schon mal ganz zufrieden und stand vom Tisch auf. Danach haben die Kinder gesagt: „Aber die Kühlschranksachen werden doch schlecht! Die räumen wir schnell ab.“

„Mach es falsch und du machst es richtig.“ – wenn es doch immer so einfach wäre. Ich habe es in den folgenden Wochen noch häufiger ausprobiert. Liebevolles Verändern der eingespielten Gespräche und Konflikte kann manchmal Wunder wirken.

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Anstand: Das ist für mich das zentrale Wort unserer Zeit. Ach ja, werden Sie jetzt vielleicht denken, das ist aber auch ein etwas altmodisches Wort. Ja, das stimmt. „Anstand“ klingt etwas altmodisch – aber vielleicht ist das schon das Problem. Denn ich finde: Anstand ist die Zusammenfassung all dessen, was für den Umgang miteinander wichtig ist. Und damit ist Anstand zeitlos.

Meine Oma sagt: „Anstand hat man, oder man hat ihn nicht.“ Damit unterteilt sie die Menschen, mit denen sie zu tun hat. Anständiges Handeln heißt bei meiner Oma: „Handele so, dass auch die anderen gut leben können. Beziehe ihre Bedürfnisse mit in deine Planung ein. Denke auch an sie, nicht nur an dich.“ Ich glaube, Oma hat das aus der Bibel.

Dort kann man nachlesen, was der Apostel Paulus an einen gewissen Timotheus schreibt. Christen, schreibt er,  sollen sich mit Anstand schmücken (1. Tim 2,9). Das finde ich eine tolle Vorstellung. Wir Menschen schmücken uns mit Anstand.

Nicht mit unserem neusten Deal, bei dem wir vielleicht jemanden über den Tisch gezogen haben. Nicht mit dem letzten Soloabenteur, das vielleicht auf Kosten der Familie ging. Nicht mit unglaublich langen Arbeitszeiten oder großen Zahlen auf dem Konto. Nein, wir schmücken uns mit Anstand. Wir gehen miteinander anständig um.

Ohne Anstand kann das miteinander Leben nicht gelingen. Wenn ich Menschen erlebe, die keinen Anstand haben, die sich zum Beispiel anstandslos nur selbst bedienen,  die andere für ihre zweifelhaften Geschäfte gewinnen wollen. Dann merke ich immer: Anstand ist keine Entscheidung unter vielen. Dazu gehört auch, den Anstand zu haben, zu einem Fehler zu stehen.

Anständige Menschen sind nicht fehlerlos, aber Fehler einsehen und versuchen sie wieder gut zu machen, auch das ist „Anstand“. Überlassen wir nicht den Unanständigen die Welt! Lassen Sie uns als Christen für Anstand einstehen und gemeinsam anständig sein.

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Das A und O einer guten Erziehung ist Konsequenz. Viele sogenannte Ratgeber für Eltern lassen sich mit diesem einen Satz zusammenfassen. Und sicher ist was dran an diesem Satz. Allerdings hört er sich auch irgendwie streng an. Aber: Konsequenz heißt ja nicht Härte!

Zwei – wie ich finde – treffende Worte für Konsequenz sind: „Berechenbarkeit“ und „Zuverlässigkeit“. Kinder brauchen Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit. Und ehrlich gesagt, ich brauche die auch.

Berechenbarkeit: Familie, Freunde, Kollegen, die berechenbar sind, kann ich einschätzen und das hilft mir sehr. Dabei heißt „berechenbar“ nicht unbedingt immer nett oder zugewandt. Nein - berechenbar kann auch der schroffe, unfreundliche Kollege sein oder das ein bisschen schwierige Familienmitglied.

Zuverlässigkeit hat für mich einen guten Klang. Zuverlässig heißt, ich kann mich auf diejenige oder denjenigen verlassen. So kann ich Vertrauen aufbauen. Wo Menschen berechenbar sind und zuverlässig – da fühle ich mich sicher.

Nun unterscheiden sich die vielen Erziehungsratgeber in einem Punkt aber doch erheblich. In allen wird Konsequenz angemahnt. Bei den einen als einziges und reines Erziehungsmittel – fast schon mechanisch. Bei einigen kommt etwas dazu, was ich „Liebe“ nennen würde. Man erklärt den Grund für die Konsequenz und vor allem ist man nicht im Weg sondern im Ziel konsequent.  

Liebevolle Konsequenz heißt auch mal einen anderen Weg mitzugehen, solange das Ziel gleich bleibt. Nicht erst alle Hausaufgaben machen, bevor es Zeit zum chillen gibt – aber doch muß klar sein am Ende vom Tag sind alle Hausaufgaben gemacht.

Ich gebe zu, auch meine Kinder empfinden das eine oder andere Mal unsere erzieherische Konsequenz nicht als Liebe. Aber manchmal - in den ganz wundervollen Momenten - geben sie uns das Gefühl, es doch richtig zu machen. Das geht manchmal so weit, dass sie sehr gerne und ausgiebig Konsequenzen für ihre Geschwister einfordern.

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