Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Nur nicht provozieren lassen. Gaaanz ruhig bleiben. Manchmal trage ich das wie ein Mantra vor mir her. Und ich begegne vielen, denen das ähnlich geht. Die sagen sich schon vor dem Aufstehen: Gaaanz ruhig bleiben. Nur nicht provozieren lassen!

Es gibt ja Leute, auf die reagiert man wie ein Allergiker auf eine blühende Frühlingswiese. Ob man will oder nicht. Kaum ist man in ihrem Dunstkreis, wird die Lunge eng, die Nase läuft und die Augen quellen zu. Wenn ein türkischer Staatspräsident uns als Nazis beschimpft, kann man das eine Weile wegstecken, aber irgendwann wird die Lunge eng. Wenn ein Verkäufer immer wieder von gestressten Kunden abfällig behandelt wird, dann quellen die Augen zu. Dann helfen alle guten Vorsätze nicht. Da hilft nur Abstand, Distanz, Unterbrechung.

Vielleicht könnte so manche diplomatische Krise vermieden werden, wenn Politiker erst mal tief durchatmen, kurz um den Häuserblock rennen, am Abend vielleicht auf einen Sandsack im Keller einschlagen, oder den Kreislauf in der Sauna hochheizen bis zur Beinah- Ohnmacht. In der Bibel, ist mir aufgefallen, heißt es immer wieder: und Jesus zog sich zurück in die Stille. Bestimmt nicht nur, weil er müde war. Bestimmt auch, um sich zu beruhigen. Dummdreiste Leute hat es ja damals schon gegeben. Die Jesus nur beleidigt haben, um ihn mal zu testen in seiner Langmut.

Wenn Jesus auf Abstand ging, hat er aber nicht nur tief durchgeatmet. Er hat sich auch innerlich neu sortiert. Und zwar, indem er mit Gott geredet und ihn um Hilfe gebeten hat. Seine Beziehung zu Gott hat ihm geholfen, aus der Verstrickung in Wut und Empörung zu lösen. Um frei zu werden und wieder denken zu können.

In der Ruhe liegt die Kraft, heißt es. Ich glaube: in der Bindung zu Gott liegt die Freiheit. Und die kann man leben. Indem man die Einladung, beleidigt zu sein, eben nicht annimmt, sondern erst mal auf Abstand geht. Und dann im Schutz guter Beziehungen sich den Provokateuren entgegen stellt. Nicht mit blinder Wut, sondern mit entschiedenem Zorn und klarer Ansage. In der ganzen Freiheit eines Christenmenschen.

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Kennen Sie den? Sitzen zwei Kumpels in ihrer Dorfkneipe irgendwo in Norddeutschland. Kommt ein Fremder rein und fragt: „ Können Sie mir bitte sagen, wo man hier übernachten kann?“ Die zwei schauen ihn kurz an, sagen aber nichts. Der Fremde wiederholt die Frage nochmal auf Englisch. Wieder keine Antwort. Der Fremde fragt sie dasselbe nochmal auf Französisch. Die zwei schauen stumm auf das Bier vor ihnen. Da verlässt der Fremde achselzuckend die Kneipe.
Als er draußen ist, sagt der eine zum Anderen: „Du, der kann ja drei Sprachen!“- „Jou, sagt der andere. Hat ihm aber nix genützt.“

Den Witz hat uns der Vater unserer zukünftigen Schwiegertochter erzählt. Um uns zu verklickern, wie sie als Norddeutsche so ticken und reden. Man schweigt sich gern mal ein bisschen zusammen. Und wenn man redet, haben Worte oft eine andere Bedeutung. Das ist gut zu wissen, wenn man es sich mit der  Verwandtschaft aus dem Norden oder dem Süden nicht verscherzen will.
Ich habe gemerkt: es muss gar keine Schwiegertochter aus dem Iran oder aus Afrika sein. Auch mit einer Deutschen aus dem Norden hat man seinen Schaff in Sachen Kultur und Integration.

Aber zum Glück kann man ja fragen. „Wie hast du das gemeint? Was bedeutet das? Hab ich das richtig verstanden?“ Und man kann auch den Geist spüren, in dem etwas gesagt wird. Die Bedeutung hinter den Worten. Gott hat uns nämlich den Geist der Liebe und der Besonnenheit gegeben, hat der Apostel Paulus mal gesagt. Wir können uns in die Anderen hineinversetzen. Nachspüren und vielleicht nochmal anders in Kontakt treten.

Der Fremde in der norddeutschen Kneipe hätte sich zum Beispiel erst mal hinsetzen und ein Bier bestellen können. Neben die zwei Kumpels. Ohne Worte. Nach einer Stunde hätten die ihn sicher gefragt, was er für einer ist. Und sicher hätte er dann auch ein Bett für die Nacht bekommen. Weil sie sich mit ihm so toll haben unterhalten können. Ohne Worte.

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Wenn immer es geht, sitze ich draußen unter freiem Himmel. Genieße den Blick in die Weite und denke an meine Bekannte. Die hat mich vergangenen Herbst in ihre Synagoge mitgenommen. Es war die Zeit, in der die Juden ihr Laubhüttenfest feiern.

Sie führt mich auf die Dachterrasse, wo Tische und Bänke stehen unter einem Dach von Schilfzweigen. Dann schenkt sie uns heißen Kaffee in zwei Tassen und reicht mir eine Decke für die Knie. „Weißt du, warum wir am Laubhüttenfest immer hier draußen sitzen?“- „Vielleicht sitzt ihr auch so gern unter freiem Himmel wie ich?“ sage ich. –„Nein. Wir sitzen draußen, weil wir uns an die Flucht unserer Vorfahren erinnern. Da hat uns auch kein Haus und kein Dach überm Kopf geschützt. Trotzdem haben wir es geschafft.“ –„Ich weiß, sage ich, die Geschichte steht auch in unserer Bibel. Mose hat das Volk Israel aus Ägypten ins gelobte Land geführt. Da waren sie jahrzehntelang unterwegs.“

 „Genau, meint sie. Heute dürfen wir in sicheren Häusern wohnen und haben ein Dach über dem Kopf. Aber das ist nicht selbstverständlich. Wären wir woanders geboren, in Syrien zum Beispiel, müssten wir jetzt auch fliehen und unter freiem Himmel übernachten. Wir hier haben nur Glück gehabt.“

Sie schenkt mir noch einmal Kaffee ein und wir schauen nach oben. Am Himmel haben sich Regenwolken zusammengezogen und  es tröpfelt. Eigentlich würde ich gerne gehen, traue mich aber nicht, aufzustehen. „Es gibt keine absolute Sicherheit für uns. Sagt sie. Sicherheit ist immer so löchrig wie dieses Schilfdach. Aber wir machen uns deshalb nicht verrückt. Wir werfen unser Vertrauen in den Himmel. Und hoffen, dass Gott uns beschützt. Und uns Menschen schickt, die uns helfen, wenn wir mal wieder eine Wüste durchqueren müssen. Gibt’s ja genug.“

Seit jenem Nachmittag denke ich oft an meine Bekannte. Besonders wenn ich unter freiem Himmel sitze. „Wir lassen uns nicht verrückt machen. Wir schauen in den Himmel und vertrauen auf Gott.“ Schön, dass es jetzt wieder wärmer wird. Da kann man morgens die erste Tasse Kaffee draußen trinken. Und sein Vertrauen in den Himmel werfen.

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Sieben Wochen ohne. Die Fastenaktion der evangelischen Kirche ist inzwischen für viele Kult. Vielleicht, weil es da nicht um das übliche Schokolade-, Chips- und Bierfasten geht, sondern um eine Haltung.

In diesem Jahr geht es um das „Sofort“. Sieben Wochen ohne „Sofort“. Frage an den Chef: „Muss das sofort sein?“-„ Nein, nicht sofort. Gestern. Gestern sollte es fertig sein.“ Dieses „Sofort“ ist ja fast eine Geißel der Menschheit. Wenn ich sie schon sehe, die Mails mit Ausrufezeichen. Besonders dringend! Oder die beleidigten Anfragen, weil man nicht sofort reagiert hat.

Gut, manches duldet tatsächlich keinen Aufschub. Wenn es um Menschenleben geht. Oder um Verträge, die eingehalten werden müssen. Aber- ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich gar nicht mehr runterkomme vom „sofort“. 

Im Zug zum Beispiel. Da versuche ich immer, viel wegzuschaffen. Und finde mich umgeben von anderen, die auch mit Laptop vor der Nase ins IPhone letzte Anweisungen ans Büro geben. So auch vor kurzem auf einer Fahrt nach Berlin. Überall Business. Nur eine Frau hatte nichts vor der Nase. Kein Laptop, kein IPhone, nicht mal ein Buch.

Dabei war sie im Mittleren Alter, wo man karrieretechnisch nochmal was reißt. Sie jedenfalls sitzt einfach nur da. Hat die Hände in den Schoß gelegt und lächelt. Ich tippe weiter in mein Laptop, schaue aber nach einer Weile wieder hoch. Die Frau sitzt noch immer so da. Blinzelt in die Sonne und- lächelt. Lächelt einfach so vor sich hin. Als wäre sie aus der Zeit gefallen. Gibt’s das? Ein Moment ohne sofort?

Dann habe ich gedacht: Eigentlich sind es doch diese Momente, die unser Leben so besonders machen. Einen Augenblick lang aus der Zeit fallen. Ein Moment frei von Sinn und Zweck. Einfach nur da sein. Den Himmel betrachten. Die Vögel zwitschern hören und spüren: Wie schön doch das Leben ist. Und ich habe gar nichts dazu getan. Gott hat das alles so schön gemacht. Damit es uns gut geht.

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Gehören Sie auch zu denen, die jetzt fasten? 7 Wochen ohne Schokolade, Wein, Chips oder Autofahren? Ich bewundere alle, die das so lange durchhalten. Nicht nur, weil es gesund und umweltfreundlich ist. Es ist auch eine spannende Entdeckungsreise mit sich selber.

Ich habe schon angefangen zu fasten. Aber nie durchgehalten. Spätestens jetzt, zur Halbzeit, war es aus mit der Freude am Verzicht. Und mit der Lust an der Selbstkontrolle. Mit meinem Pott Tee zwischen Kollegen, die ihr Feierabendbierchen trinken, war ich nichts anderes als eine Spaßbremse. Und die Gespräche mit meiner besten Freundin bei Mineralwasser und Reiswaffeln waren einfach nur trocken.

„Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauertöpfisch dreinschauen!“ hat Jesus mal gesagt. Ab der 3. Fastenwoche gucke ich immer sauertöpfisch drein. Und wenn es Ihnen genauso geht, dann lassen Sie sich trösten durch Jesus. Der hat es auch nicht so mit dem Fasten gehabt. Jedenfalls hat niemand erzählt, dass er Fastenübungen abgehalten hätte. Im Gegenteil. Die Frommen und Tüchtigen haben ihn als „Fresser und Weinsäufer“ bezeichnet. Wahrscheinlich deshalb, weil er lieber das Leben gefeiert hat mit denen, die gesund geworden sind. Oder mit denen, die ihr Leben zum Guten umgekrempelt haben.

Nur einmal erzählt die Bibel davon, dass Jesus gefastet hat. 7 Wochen hat er durchgehalten. Ohne Essen. Und zwar, um sich zu testen. Bevor er angefangen hat, sich eine Jüngerschar zu suchen und durch die Dörfer zu ziehen, wollte er wissen: Bin ich stark genug? Kann ich das, den Menschen Güte und Liebe bringen? Auch unter Extrembedingungen? Und als er so derart ausgehungert war, dass er seine Großmutter hätte verraten können, da ist ihm der Teufel erschienen. Und hat gesagt: Du bist der Größte. Du kannst alles, wenn du nur willst. Du hast die Macht- ergreife sie!

Da ist Jesus klar geworden: Groß ist, wenn man nicht der Größte sein muss. Vielleicht gehört das einfach zum Menschensein dazu. Dass wir doch ziemlich verführbar sind. Und angewiesen auf die, die einen gerne aushalten. Auch wenn man sauertöpfisch dreinguckt.

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