Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Heute ist Weltfriedenstag. Aber wer weiß, ob es die Welt bemerken wird. Zumindest erinnern wir uns in diesem Herbst an friedliche Bilder aus 1989. Berlin. Vor genau 30 Jahren. Die Montagsgebete. Sie waren Teil einer friedlichen Revolution. Mit Kerzen und Gebeten demonstrieren Menschen damals für die Freiheit. „Wir sind das Volk“ rufen sie denen zu, die sie bewachen, hinter Grenzdraht und Gewehren.

 

Ja, tatsächlich. „Selig sind die Friedfertigen“. Heute ist die Mauer weg. Und doch: Die Freude längst getrübt. Die soziale Marktwirtschaft war nicht so sozial wie gedacht, der Osten fühlt sich abgehängt. „Wir sind das Volk“ rufen inzwischen einige, die ahnungslos aus dem Westen kommen. Und sie demonstrieren auch nicht für Freiheit und friedliches Zusammenleben.

"Eine Mauer muss her", schreien sie, schüren Angst und Wut. Fordern mehr Grenzen und Gewehre. Bitter. Besonders für die DDR-Revolutionäre, die es damals ernst gemeint haben mit der friedlichen Befreiung. Aber helfen Ost-West-Mauern in den Köpfen, Stacheldraht zwischen Nord und Süd? Erbarmungslose Gesetze gegen Flüchtlinge, die vor unseren Küsten ertrinken? „Selig die Kriegsfertigen?“

Nein, nötiger sind Mauern, die nicht abschrecken, sondern schützen. Ein Zuhause, ein Dach über dem Kopf in einem Land ohne Gewehrschüsse. Brot und Arbeit für die jungen Männer in Zeitz und in Aleppo. Auch wenn es ein mühsamer Weg ist. Mehr Chancen für die Abgehängten in Ost und West, gerechtere Verteilung zwischen Nord und Süd, Ausgleich zwischen Arm und Reich, das allein sind Bausteine zum Frieden.

Oder anders: „Die globale Krise fordert eine Umkehr zu einer neuen Lebensweise.“ Das wurde ebenfalls bereits vor 30 Jahren gefordert. Auf der 3. Ökumenischen Versammlung der Kirchen in Dresden. „Spiritueller leben, einfacher leben und engagierter handeln. Umkehr zu Gottes Schalom“, hieß es damals. Schalom nennt die Bibel die Sehnsucht nach Frieden, nach dem gelungenen Leben für alle. Bei Gott. Dereinst. Und schon heute. Handeln in Richtung Schalom, auf den Frieden zu. Wir haben es erlebt. Mit Kerzen und Gebeten kann eine Revolution beginnen. Nicht nur am Weltfriedenstag.

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„Der Morgen ist gut, wenn jemand kommt…“ sagt er stockend, mit dem vertrauten Lächeln in der Stimme. Ich umarme ihn, seine Arme hängen wie Fäden an den einst breiten Schultern. Es riecht nach Urin und Multivitaminsaft. „Ja, ich bin jung“, lacht er. „Ich werde gefüttert, gewickelt, wie ein Kind - nur alt“.

Seine Finger versuchen meine zu drücken. „Kraft hatte ich immer“, prahlt mein Onkel. Ein Trainer der deutschen Leichtathleten war er. Lange her die olympischen Zeiten. Für ihn manchmal nicht. „Ich muss zum Training“, sagt er ab und an mit seinen 82 Jahren, kurz bevor einer der Pfleger ihn in den Rollstuhl hievt. Was früher war, behält er besser als die Momente im Hier und Jetzt.

„Das liegt am Bums“, erklärt er wieder und wieder, „einfach umgefallen“. Ja, so war es. Mit knapp 50 Jahren. Sein Herz steht damals still. Einige Takte nur. Und der Leichtathlet ist zurück gesetzt auf Anfang. Ein Bett. Eine zweite Geburt. Ein Wunder, wieder aufzuwachen. Doch leicht ist es nicht, laufen, springen, sprechen… alles weg.

 „Ja, ich hab´gekämpft, sportlich halt!“ Sein Gesicht strahlt sich jede Falte weg. „Aber ohne meine Lore hätte ich es nie geschafft, tolle Frau deine Tante“. Sie lächelt leise, auch wenn ihr oft zum Weinen ist und meint: “Ja, wenn ich das nur immer so hören würde“. Denn wie viele Pflegebedürftige mit Demenz ist er oft böse - auf sich, auf die, die er am meisten liebt. „Ich will euch tragen bis ins hohe Alter und bis ihr grau werdet“, verspricht Gott in der Bibel. Aber manchmal ist das nur schwer zu glauben und das Älterwerden schwer zu ertragen.

Doch während mein Onkel erzählt, wird er wieder zwanzig. Und fragt: „Nächstes Jahr fahren wir Ski, ja?“ Ich nicke und seufze innerlich. Er merkt es scheinbar und sagt zu mir: “Vielleicht warten wir noch, bis du fitter bist“. Wir lachen herzhaft. „Komm, sag Tschüss oder auf Wiedersehen – je nachdem.“ Er zieht mich an seine raue Backe. Wiedersehen, sage ich und zu mir selbst: Trage die beiden noch ein gutes Stückel, Gott. Ich mag sie noch oft besuchen, Onkel und Tante. Und im Grunde - mich selbst.

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Dieser Tage an der Bushaltestelle. „So ein Mistwetter, meine Migräne“, klagt die ältere Dame unterm Regenhäubchen und lässt sich neben mich auf die Bank plumpsen. „Und nichts hilft!“ „Was haben Sie schon probiert?“, frage ich gleich. Mit Kopfschmerzen kenne ich mich aus. Und schon haben wir ein Thema. Krankengeschichten. „Dieses Klopfen im Kopf“, jammert meine Banknachbarin weiter. „Oh, das kenne ich gut“, brumme ich. „Ach, ja“, sie wendet sich mir zu, „das ist gut zu wissen, dass man nicht allein ist“. Vielleicht ist das der Grund, warum wir manchmal gern öffentlich jammern, denke ich. Es verbindet. Krankheiten, Schmerzen und Zipperlein kennt jede und jeder. Sie sind wahrlich nicht gleich verteilt, aber wer darüber reden kann, fühlt sich gleich besser.

„Das Wichtigste ist Gesundheit“, mit einem wissenden Nicken wendet sie sich ab. „Klar, Gesundsein ist wichtig“, sage ich so dahin. Und denke, wieso eigentlich. Und warum erzählen wir dann eher Kranken- als Gesundheitsgeschichten? Anders in der Bibel. Da gibt´s einige, Heilungsgeschichten genauer gesagt. „Heile mich, Jesus, und ich bin heil.“ So bitten Menschen den Gottessohn, wollen geheilt werden an Körper und Seele. Und das ist wohl mehr als gesund und fit sein. „Heile, heile Segen“ hat meine Mama früher gesagt und mit dreimal Pusten war´s gleich besser. Meine Gedanken schweifen ab.

Der Bus kommt. „Also gegen die Schmerzen hilft vielleicht…“, ich breche den Satz ab, denn die Häubchendame ist weg. Stattdessen eine junge Frau neben mir, ich habe sie nicht kommen sehen. „Wenn es schlimm ist, hilft nur Ruhe. Ich war sechs Monate in der Klinik. Schlimme Schmerzen. Aber der Arzt und meine Familie waren ein Segen“, sagt sie und strahlt übermütig. „Mir geht’s bestens.“ „Wie schön“, antworte ich und denke, es gibt sie ja doch, die Geschichten vom Gesundwerden. Dann bewegt sich die junge Frau und ich zucke zusammen. Sie hat nicht auf der Bank gesessen, sondern im Rollstuhl. „Na dann“, sage ich halblaut, als sie in den Bus rollt. Kein gesunder, aber offenbar ein heiler Mensch. Ihr Strahlen geht mir jedenfalls nicht aus dem Sinn.

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„Gott, Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.“ So lautet ein Vers aus dem Psalm 65. Da singt jemand ein Lied auf das schöne, gelungene Leben. Ein Gottesgeschenk in Ost und West, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Eine Ost-West-Hymne sozusagen. Nu ja, was ich dieser Tage höre, klingt ein wenig anders. Eher nach Trauermarsch. Zumindest hierzulande.

"Was da lebet im Osten und Westen" scheint oft wenig fröhlich zu sein. Von abgehängten ländlichen Regionen ist die Rede, in West und erst recht in Ost. Verblühte Landschaften und nur wenige blühende Städte. Die neuen Bundesländer sind längst mittelalt. Doch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung fehlt noch immer das Gefühl, ganz eins zu sein. Der Osten hat sich vom ersten Takt an in manchem überstimmt gefühlt. Und der Westen den Ton angegeben.

Auch bei der Nationalhymne. Gleich nach der Vereinigung schmettern wir tapfer gemeinsam: „Einigkeit und Recht und Freiheit.“ Die Hymne Ost dagegen wurde sang- und klanglos abgelöst. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.“ Geschrieben hat sie Johannes R. Becher. Ursprünglich wurde sie nach einer Melodie von Hans Eisler gesungen, dem bekannten Bert-Brecht-Komponisten. Aber Becher hat die Ost-Hymne damals ebenso passend für diese Melodie getextet: „Auferstanden aus Ruinen...“ (gesungen auf „Einigkeit und Recht“) Genau, klingt nach der Hymne West. Als hätte Becher die Einheit vorausgeahnt.

In den 80ern wurde der Text seiner Hymne in der DDR verboten, nur die Melodie durfte gespielt werden. Von „Deutschland, einig Vaterland" – auch im Liedtext von Becher erwähnt – wollte das SED Regime nichts hören. Bis zur Einheit. Schade, dass vor 30 Jahren nicht auch die Hymnen vereinigt wurden. Es gab dazu durchaus gute Vorschläge.

Und: Vielleicht wäre es noch immer ratsam. Nicht nur Debatten über den Soli zu führen sondern mehr Solidarität zu suchen. Sich zu freuen an dem, was uns eint, zu betonen, was wir alles haben in diesem schönen, reichen Land. Vielleicht steht am Ende gar eine Ost-West Hymne wie im Loblied der Bibel: „Gott, Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.“

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Mit Mechthild Werner, guten Morgen. Nun haben Sie ihn schon gehört, meinen Namen. Und ich weiß nicht, wie viele Mechthilds oder Mechtild“e“s Sie kennen. Ich weiß nur, dass ich lange nicht so heißen wollte. Warum? Gerade habe ich es wieder erlebt.

Ich habe einen jungen Mann aus dem IT-Service getroffen, um mein Laptop zu überprüfen. Wir haben einander zuvor nur gemailt. Als er mich sieht, platzt er heraus: „Sie sind ja noch nicht soooo alt und sehen auch gar nicht aus wie...“ „Wie Mechthild?“, frage ich. „Ja“, stottert er. “Der Name klingt irgendwie so...“ Was er nicht sagen wollte, steht im Namenslexikon. Mechthild klinge „alt, wenig attraktiv, eher intelligent“ Immerhin...

Aber das kenne ich ja von klein auf. Zu heißen wie eine alte Jungfer auf der Burg. „Wie Mechthild von Magdeburg eben“, hat mein Vater immer stolz erklärt. So was kann wohl nur ein Pfarrer sagen. Schrecklich war der Name damals dennoch für mich. „Fürchte dich nicht, spricht Gott, ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ (Jesaja 43,1) Dieser bekannte Vers beim Propheten Jesaja ist mein Bibelspruch zur Konfirmation geworden. Meine Mutter, ganz Pfarrfrau, hat ihn mir ausgesucht, vielleicht gar zum Trost. „Fürchte dich nicht.“

Aber es war lange fürchterlich für mich, meinen Namen zu hören, zumindest als Kind. Darum hat meine Mutter mich meist „Mette“ gerufen. Bei „Mechthild“ wusste ich, es gibt Ärger. Damals hätte ich lieber noch Maria geheißen. Meine Teenagerjahre lang habe ich gekämpft mit meinem Namen. Mechthild heißt wohl nicht umsonst „tapfere Kämpferin“. Aber ich bin mit meinem Namen erwachsen geworden. Heute mag ich ihn und denke: Vielleicht muss jede und jeder erst hineinwachsen in den eigenen Namen.

Ich muss gerufen werden von Menschen, die mich kennen und lieben. Das macht mich einzigartig. Wie meine Taufe und Konfirmation, in der mir Gott selbst sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“ Ob nun altmodisch wie Mechthild und Maria oder peppig wie Jorge. So heißt nämlich der junge Mann aus der IT, den ich getroffen habe. Seine Familie kommt aus Spanien. Und, so verrät er noch “mit zweitem Namen heiße ich Jesus.“ Kaum zu glauben. Denn unter uns: So sieht er gar nicht aus.

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