Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ich kann mich in diesen Wochen kaum satt daran sehen: An diesem fantastischen Grün an den Bäumen und Sträuchern. Es ist eine Farbe, die mir richtig das Herz aufgehen lässt. Immer wieder nach dem langen Winter staune ich darüber, wie die Bäume neue Blätter tragen und grün leuchten. Aber dieses Jahr find ich es irgendwie besonders großartig. Vielleicht hat es damit zu tun, dass es im letzten Jahr im Mai schon so heiß und trocken war. Ich kann mich kaum erinnern, dass mir das Grün da so ins Auge gesprungen ist. Aber dieses Jahr, mit dem Regen, der immer wieder gefallen ist: Da konnte sich das Grün in der Natur prächtig entfalten. Es strahlt richtig Kraft aus, finde ich. Es gibt mir Kraft. 

Grünkraft, das ist ein Wort aus den Schriften der heiligen Hildegard von Bingen, das mir in diesen Maitagen in den Sinn kommt. Grünkraft: Damit meint die heilige Hildegard die Kraft, mit der Gott die Welt erschaffen hat –  aber auch die Kraft, die im Menschen wirkt, die ihm gut tut und ihn selbst schöpferisch werden lässt. 

Der Mensch in seinem Innern und die Natur, die ihn umgibt: Die sind bei Hildegard von Bingen eng miteinander verbunden, sie wirken aufeinander. Und das kann ich jetzt im Mai besonders gut nachvollziehen. Es tut meiner Seele einfach gut, dieses Grün zu sehen. Die Bäume und Sträucher, die grün leuchten, sie hellen meine Stimmung richtig auf. Und das Grün lässt mich auch dankbar sein: für diese Natur, die Gott geschaffen hat, für das Leben, das im Frühjahr und Frühsommer so kraftvoll wiederkommt. „Danke, Gott!“ sag ich jetzt manchmal, einfach nur, wenn ich aus dem Fenster und in die Bäume schaue. 

Ich gehe in diesen Maiwochen immer wieder ganz bewusst raus ins Grüne. Genieße es, mich unter einen Baum zu setzen oder durch eine Allee zu spazieren, den Blick immer wieder in die hellen Baumkronen über mir. Ich glaube daran: Gott hat dieses Grün geschaffen. Auch, damit ich Mensch mich daran freue und daraus Kraft schöpfe. Grünkraft.

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Gestern vor einer Woche hab ich demonstriert, und zwar nicht gegen etwas, sondern für etwas. Und das war besonders schön. Auf dem Mainzer Gutenbergplatz hab ich für Europa demonstriert, zusammen mit etlichen hundert anderen Menschen. Es gab ein paar Reden, aber vor allem haben wir alle zusammen gesungen. Zuerst das Lied von Queen „Friends will be friends“. Und dann: die „Ode an die Freude“ von Ludwig van Beethoven, die Melodie der Europahymne. Da hatte ich zum ersten Mal einen kleinen Kloß im Hals. Und dann noch einmal: Als ich meinen beiden Neffen beobachtet hab, sechs und neun Jahre alt, wie sie mit den Europaflaggen in der Hand auf dem Platz standen und sie energisch durch die Luft schwenkten, die blauen Flaggen mit den zwölf goldenen Sternen drauf.

Mir ist dabei so richtig bewusst geworden: Ich will, dass meine beiden Neffen in einem friedlichen Europa aufwachsen und leben können. In fünf Jahren und auch noch in fünfzig Jahren. Ich will, dass in diesem Europa auch in Zukunft Menschen freundlich und tolerant und friedlich miteinander auskommen. Europa, das ist ja ein solch großartiges Projekt, eine solch fantastische Entwicklung: Länder, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte bekriegt haben, mit Millionen Toten: Die haben Frieden miteinander geschlossen. Sich zusammen getan. Sie planen ihre Politik und ihre Gesetze zusammen und nicht mehr jeder für sich und womöglich gegeneinander. Und die Menschen in Europa, sie reisen hin und her und lernen sich kennen, und die jungen Leute machen ihre Ausbildung in den Nachbarländern. Wer weiß, wo meine Neffen einmal landen. Ich finde das großartig. 

Es waren von Anfang an auch christliche Politiker und Engagierte, die an diesem Europa gebaut haben. Und für mich ist das auch das wirklich Christliche in unserem Land und Abendland: Dass wir tolerant und friedlich und über die Grenzen hinweg freundlich miteinander umgehen. Ein christliches Europa: In dem denken nicht einzelne Länder nationalistisch nur an sich, so wie auch kein Mensch nur an sich denken soll. In einem christlichen Europa halten wir zusammen und stehen füreinander ein. Und halten christliche Gastfreundschaft hoch. Gestern vor einer Woche hab ich für Europa demonstriert und gesungen, das war mir wichtig. Und nächsten Sonntag werd ich auf jeden Fall für Europa wählen gehen.

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