Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

In einem Gespräch sagt eine Bekannte auf einmal: „Jetzt kann nur noch ein Wunder helfen“. Sie weiß einfach nicht mehr, wie es weiter gehen soll. Mit ihren Kräften ist sie am Ende. Viele Sorgen lasten auf ihren Schultern. Ein Wunder soll da helfen?

Als Wunder bezeichnen wir etwas, das wir uns nicht erklären können. Worüber wir nur staunen und, wie wir sagen, uns wundern können. Etwas, das unerwartet passiert und eine Situation zum Guten hin verändert. Ein Wunder hilft, heilt, beschützt. Die Bibel kennt ganz unterschiedliche Wunder. Aber immer steht im Mittelpunkt, dass Menschen durch ein Wunder erkennen: Gott wirkt. Oft unerwartet. Nicht zu erklären. Überraschend. Ich denke an Heilungsgeschichten in der Bibel: Der blinde Bartimäus, der nach der Begegnung mit Jesus wieder sehen kann. Ich denke an den Gelähmten, den Jesus heilt. Oder an die Hochzeit zu Kanaan, als Jesus Wasser zu Wein verwandelt. Für mich sind es Erzählungen, die im Kern deutlich machen: Gott will das Gute für die Menschen. Mir tun diese Wundergeschichten gut. Weil sie mich stärken, wenn ich nicht weiter weiß. Sie stärken mein Vertrauen, dass es irgendwie gut ausgehen wird mit meinem Leben. Sie stärken meinen Glauben an das Gute. Dass es stärker sein wird als Sorgen und Leid. Vielleicht ist das schon das eigentliche Wunder: Wenn ich mich lösen kann aus meiner Angst. Nicht aufgebe, sondern nach vorne schaue. Wenn ich darauf vertraue, dass Gott auch in meinem Leben wirkt. Letztlich das Gute will. Das tröstet und trägt. Über meine Bekannte kann ich nur staunen. Sie gibt nicht auf. Jeden Tag fasst sie neuen Mut. Vertraut und packt an, was geht.

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Zum Nikolaustag gehören für mich Geschichten. Geschichten, die rund um den beliebten Bischof erzählt werden. Die vom Kornwunder erzähle ich jedes Jahr immer wieder gern. Es war in Myra. In der heutigen Türkei. Am Anfang des 4. Jahrhunderts. Die Leute haben Hunger. Die Vorräte sind aufgebraucht und auf den Feldern wächst nichts mehr. Eine Hungersnot macht sich breit. Schwere Stille liegt über der Stadt. Keiner weiß, wie er die nächsten Monate überleben kann. Nikolaus ist Bischof dieser gebeutelten Stadt. Aber auch er hat keinen Rat für die vielen hungernden Menschen. Verzweifelt geht Bischof Nikolaus zum Hafen. So als erwarte er aus der Ferne Hilfe. Und tatsächlich entdeckt Nikolaus ein Schiff vor Anker. Nikolaus sieht, dass das Schiff voll beladen ist mit Getreide. Er traut seinen Augen nicht. Nikolaus bittet den Kapitän des Schiffes um Korn für die Leute der Stadt Myra. „Nein“, bekommt er zu hören. „Das geht nicht. Das Korn ist für den Kaiser. Ich kann euch nichts geben. Unmöglich.“ Nikolaus bittet erneut. Und versichert: „Glaubt mir, es wird nichts fehlen. Gott wird euch jedes Korn zurückgeben.“ Nikolaus vertraut und hofft fest auf Gottes Hilfe. Und der Kapitän vertraut letztlich Bischof Nikolaus. Säcke voller Korn werden an Land gebracht. Und: Das Vertrauen wird belohnt: Das Schiff liegt nach wie vor tief im Wasser. Es scheint, als fehle an Bord kein einziges Korn. „Ein Wunder“, murmeln die Leute. „Ein Wunder!“

Nikolaus hilft, wenn Not da ist. Er erfüllt damit eine Hoffnung, die ganz fest und tief in uns Menschen sitzt: Die Hoffnung, dass Not sich wenden kann. Dass Sorgen verschwinden. Dass es gut wird. Aus dieser Hoffnung möchte ich leben. Und diese Hoffnung möchte ich nähren. Gerne auch mit einer wundervollen Legende am Nikolaustag.

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Die drei Töchter eines Kaufmannes können nicht heiraten, weil der Familie das nötige Geld für die Mitgift fehlt. Das war im vierten Jahrhundert. Verzweifelt und traurig wissen sie weder ein noch aus. Sogar an Prostitution denken sie, nur um irgendwie an Geld zu kommen. Davon erfährt der Bischof der Stadt Myra. Bischof Nikolaus. Wo immer er kann, versucht er zu helfen, Not zu wenden und Freude zu verbreiten. So auch bei den Mädchen. Zufällig hat er geerbt und so wirft er heimlich an drei Nächten eine Kugel Gold durch das geöffnete Fenster der Töchter. Die Freude ist groß. Die jungen Frauen können standesgemäß heiraten.

Nikolaus schenkt. Unerkannt. Überraschend. Ohne auch nur die geringste  Gegenleistung zu erwarten. Dafür ist er bis heute bekannt und beliebt. Ich mag die Geschichten, die sich um den Heiligen Nikolaus ranken. Und ich finde es klasse, dass in vielen Familien auch heute noch der Nikolausabend heilig ist. Da ist Zeit für Geschichten und Nikolauslieder. Für die ersten Plätzchen, für Mandarinen und Nüsse. Irgendwie liegt so ein Glanz auf diesem Abend. Vor allem, wenn ein lieber Mensch als Nikolaus vorbeikommt. Gedichte oder Lieder vorgetragen werden und die ein oder andere Überraschung aus dem Nikolaussack geholt wird. Oder aber ganz geheimnisvoll für jeden eine Nikolaustüte vor der Tür steht. Einfach so. Wie gut, dass Bischof Nikolaus bis heute dafür sorgt, dass wir uns Zeit füreinander nehmen und uns freuen können über nette Überraschungen. Damit lässt Nikolaus uns ganz nebenbei spüren, was uns guttut: erzählen, singen, lachen und erleben. Wir gehören zusammen.

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„Manchmal stelle ich mir vor, es hat damit zu tun, dass wir aufgehört haben, Strümpfe zu stopfen“. Das hat vor Jahren der Schriftsteller Henning Mankell seinen Kommissar Wallander sagen lassen. Würde er noch leben, er könnte diesen Satz wohl dick unterstreichen. Denn das Phänomen, das er mit diesem Bild beschreiben will, hat sich in  den letzten Jahren noch verstärkt. Und ist in den Medien in aller Munde. Es geht darum, dass Menschen immer aggressiver werden. Der Ton untereinander ist ruppiger und grober geworden. Menschen, deren Meinung oder Nase mir nicht gefällt, wird ganz bewusst und systematisch Angst gemacht.  Bis hin zu körperlicher Gewalt. Zugeschlagen wird ganz unvermittelt, ohne Vorwarnung und anscheinend völlig grundlos. Und das alles hat damit zu tun, dass wir aufgehört haben Strümpfe zu stopfen?  Klar, meint der Kommissar, weil das Prinzip um sich gegriffen hat. Verbrauchen und wegwerfen ist zur Regel geworden. Und was für Socken galt, gilt jetzt auch für Menschen. Wenn ich sie nicht mehr gebrauchen kann, gehören sie weg. Alles ist viel härter geworden. Die Spanne zwischen reich und arm wird immer größer. Den einen steht die Welt offen, den anderen steht das Wasser bis zum Hals. Und die fühlen sich dann schnell überflüssig und unwillkommen. Und sie reagieren mit Aggression und Verachtung. Und eine neue Generation, so sinniert der Kommissar, wird mit noch größerer Aggression reagieren. Wenn sie nicht die Alternativen kennenlernen. Und die heißen Achtung, Zuwendung und Liebe. Nicht Gesetze, Überwachung und Strafandrohung. Denn sonst wird unser Nachwuchs wirklich zu einer Generation, die nicht mehr weiß, was unsere Gesellschaft eigentlich zusammenhält. Oder wie Kommissar Wallander es ausdrückt: „Die haben keine Erinnerung daran, dass es tatsächlich mal eine Zeit gegeben hat, wo wir unsere Wollsocken gestopft haben. Wo wir weder Wollsocken noch Menschen verbraucht und weggeworfen haben.“

 

Zitate aus: Henning Mankell, die fünfte Frau, S.298

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40 katholische Bischöfe aus dem Amazonasgebiet haben sich im Oktober in der Unterwelt Roms getroffen. In den Katakomben, den unterirdischen Begräbnisstätten der ersten Christengemeinden. Sie wollten damit an ihre Vorgänger erinnern, die am Ende des großen 2. Vatikanischen Konzils 1965 ebenfalls in den Katakomben einen feierlichen Pakt geschlossen hatten. Sie versprachen damals, freiwillig ein einfaches Leben zu führen, ihre Machtinsignien abzulegen und die Welt durch die Brille der Armen zu sehen. Sie versprachen, einen Pakt mit den Armen zu schließen. Das bedeutete, ganz auf der Seite der armen Menschen zu stehen und auch dementsprechend zu handeln. Die Bischöfe machten sich zu ihrem Sprachrohr. Damals hat das vielen Bischöfen aus den reichen Ländern der Erde gar nicht gepasst und es gab auch große theologische Streitereien.

Ich bin gespannt, wie es die Bischöfe aus dem Amazonasgebiet heute schaffen, ihr Anliegen voran zu treiben. Sie sind bewusst so wie ihre Vorgänger am Ende der Amazonassynode in Rom in den Untergrund der Katakomben gegangen, haben einen Gottesdienst gefeiert und sind dann eine Selbstverpflichtung eingegangen. Sie wollen einen einfachen Lebensstil pflegen. Und sie wollen die Region Amazonien schützen und ihre Bewohner. Gerade jetzt bekommt dieses Anliegen ja durch die Politik des neuen Präsidenten ein besonderes Gewicht. Mehr Geld durch mehr Abholzung ohne jede Rücksicht auf die Ureinwohner. Die Bischöfe aus Amazonien stellen sich strikt dagegen und das ganz unabhängig von dem, was Papst Franziskus aus den Ergebnissen der Amazonassynode in Rom machen wird. Ich finde diesen Katakomben-Pakt gut. Weil er ein ganz klares Zeichen setzt. Weil er sich am Leben der Bischöfe leicht nachvollziehen lässt. Weil er nicht auf eine offizielle Marschrichtung wartet. Weil hier Menschen einfach tun, was angesagt ist. Deshalb erzähle ich heute davon. Von einem Pakt, der zwar im Untergrund der Katakomben Roms unterzeichnet worden ist, aber nur dann wirken kann, wenn er an der Oberfläche, sichtbar und erkennbar für alle von so vielen Menschen wie möglich gelebt wird.

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Zwei Männer sind in ein lebhaftes Gespräch verwickelt. Der eine trägt einen Turban, der andere die Tonsur eines Mönchs aus dem Mittelalter. Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik und der Hl. Franz von Assisi sind auf einer neuen Sonderbriefmarke abgebildet, die es seit kurzem zu kaufen gibt. Vor genau 800 Jahren haben sich die beiden getroffen. Franz von Assisi war nach Damiette in Ägypten gereist, um vor dem Sultan zu predigen und ihm die friedliebende Seite des Christentums zu vermitteln. Das ist eigentlich kaum zu glauben, denn die Kreuzfahrer waren damals gerade damit beschäftigt, die Stadt Damiette zu erobern und die meisten der Einwohner zu massakrieren. Was ihnen übrigens gelungen ist. Trotzdem sei der muslimische Herrscher so sehr von den Worten des Ordensmannes beeindruckt gewesen, dass er ihm wohlwollend zugehört habe. So berichten es jedenfalls Zeitgenossen. Am Rande dieser Orgie von Hass und Gewalt sind damals zwei Männer, Franziskus und der Sultan, über ihren eigenen Schatten gesprungen. Und haben festgestellt, dass man sich über Fragen nach Gott und dem Glauben gut unterhalten kann, ohne sich dabei oder hinterher die Schädel einzuschlagen. Genützt hat diese Erkenntnis von zwei Einzelpersonen zwar leider nichts, denn der Kreuzzug wurde nicht aufgehalten. Dennoch hat diese Begegnung eine solche Langzeitwirkung, dass man ihr in Deutschland und in Italien zum 800sten Jubiläum eine Briefmarke widmet. Viel besser fände ich es allerdings, wenn jeder, der mir heute Morgen zuhört oder eine solche Briefmarke zu Gesicht bekommt, sich etwas vornimmt: nämlich demnächst mal einen Menschen mit einer anderen Religion zu treffen. Um ihn oder sie kennen zu lernen, und das nicht nur zu Tee oder Rezeptaustausch. Vielleicht erfahren sie auch, welche Erfahrung der oder die andere mit dem Glauben und mit Gott  macht. Und dann wäre eine gute Gelegenheit auch selbst zu erzählen, wie und wo Gott in Ihrem Leben vorkommt.

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