Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Letztes Jahr, im späten Herbst, an einem Samstagmorgen sind wir aufgebrochen zum Bergwandern. Für ein paar Tage nichts wie weg, frische Luft, bunte Farben, gute Aussicht. Wir haben uns auf herrlich vertraute Wanderwege gefreut in der liebgewordenen Kulisse des Kleinwalsertals. Wir hatten Appetit auf den Eintopf der Berghütte und den Jagertee unterwegs.

Als wir angekommen sind, war das Wetter schlecht. Alles grau in grau und nebelverhangen. Die Berge, so haben uns die Gastgeber versichert, seien noch da, aber sie wären in letzter Zeit etwas scheu. Und tatsächlich, sie haben sich verhüllt Tag und Nacht unentwegt.

„Der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.“

Wir können seither ein Lied davon singen. Wir haben die ganze Woche darauf gewartet, dass der Himmel endlich aufreißt und uns den Blick freigibt auf die hohen Gipfel. Nichts ist passiert. Unsere Versuche im trüben Novemberlicht doch ein paar Touren zu machen, führten nicht weit.

So sind wir am Ende wieder abgereist ohne einen einzigen freien Blick auf die Bergwelt und ihre ganze geheime Schönheit. Nichts außer Nebelleben. Vorwärts wie rückwärts. Natürlich haben wir auch geglaubt, dass alles noch da ist, was wir uns in den letzten Wanderurlauben so vertraut gemacht haben. Aber gesehen haben wir nichts davon.

Im Nebel tappen, ohne Durchblick und Ausblick, das kommt nicht nur beim Bergwandern vor. Das passiert uns auch auf unserem Lebensweg überhaupt und anderswo.

Und erst recht mit Blick auf Gott und seine himmelhohe Weite liegt manchmal alles im Nebel. Es gibt zwar immer welche, die beharrlich behaupten, er sei nach wie vor da und dort. Aber es gibt auch ein trübes Fernsein Gottes.

Lichtblicke und Hoffnungsschimmer sind manchmal rar. Da kann ich nur beten:
„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,
so fürchte ich kein Unglück, denn du Gott
bist bei mir!“

Gott ist da, auch im Nebel. Wie die Berge.

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„Wenn ein Fremder in eurem Land wohnt, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch schon Fremde gewesen. Ich bin der Herr euer Gott.“ Das steht in der Bibel. (3. Mose 19, 33-34) Aus der Bibel stammen viele Traditionen in unserem Land. Und viele sind stolz darauf und reden vom christlichen Abendland.

Die Fremden sollen wie Einheimische gelten. In den letzten Monaten wird immer deutlicher: Anscheinend schaffen wir das nicht. Die Fremden sind nicht sicher bei uns, nicht die aus anderen Nationen, nicht die mit anderem Glauben. Schon vor Jahren wurden Muslime vom Mordkommando des NSU getötet. In Halle wurde vor ein paar Wochen auf eine Synagoge geschossen, gestern Abend in Hanau auf Menschen in zwei Shisha-Bars. Menschen mit dunklerer Haut waren das und mit dunklen Haaren, Muslime.9 Menschen sind gestorben, dazu der mutmaßliche Täter und seine Mutter.

Ich schäme mich, dass das möglich war. Und ich bin traurig und denke an die Angehörigen der Getöteten. Sie haben Brüder verloren und Söhne, weil ein rechtsextremer, rassistischer, verwirrter Täter die auslöschen wollte, die für ihn nicht hierher gehören. Solches Leid und solches Verbrechen macht einen sprachlos.

Ich denke aber auch an die vielen dunkelhäutigen Menschen, die unter uns leben. Sie fühlen sich nicht mehr sicher. Und ich verstehe das. Auch dafür schäme ich mich.

Ich frage mich, wie solche Verbrechen möglich werden. Wahrscheinlich gab es ja schon immer Vorbehalte vor Fremden. Deshalb steht es ja schon in der Bibel, dass das nicht sein soll. Aber jetzt fühlen sich die verrückten, verwirrten und verbohrten bestätigt. Früher hat man ihnen höchstens heimlich Recht gegeben. Jetzt schlagen sie zu, weil sie sich nicht mehr allein fühlen. Sie fühlen sich gewissermaßen als der bewaffnete Arm einer völkischen Bewegung. Das ist neu.

Im sogenannten christlichen Abendland muss das aufhören. Rechte und linke, deutsche und nichtdeutsche Gewalttäter müssen erleben: Wir sind nicht das Volk. Das Volk im christlichen Abendland denkt anders. Das, meine ich, sollten wir jetzt so laut und deutlich sagen, wie wir können.

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Jeder Mensch macht ein Gesicht! Bis vor kurzem war ich mir da ganz sicher. Das ändert sich gerade. Ich höre gerade auf, das weiter zu glauben. Denn anscheinend sind die Leute gerade dabei, ihr Gesicht zu verlieren. Und das fände ich ausgesprochen schade. Aber es ist nicht zu übersehen:

Seit die Smartphones vor allen Menschen hergehen, sie an sich binden und ihre ganze Aufmerksamkeit verschlucken, haben die Gesichter aufgehört, ganz da zu sein. Bei vielen droht akuter Gesichtsverlust.

Man ist mit der ganzen Welt verbunden, hat aber keinen Blickkontakt mehr, dort wo man gerade ist. Weder im Zug, noch an der Bushaltestelle, weder im Wartezimmer noch im Restaurant, Nirgends muss man mehr ein Gesicht machen, es gibt bald keinen Augen-blick mehr.

Aus der Entwicklungsgeschichte der Menschen wissen wir aber, dass sich zurückbildet, was nicht gebraucht wird. Demnach wären verschiedene im Moment noch vorhandene Talente vom Aussterben bedroht:

Der Flirt und das Anhimmeln, das Stirnrunzeln und das Augenzwinkern, die Liebe auf den ersten Blick und das freundliche Lichtgesicht, der Silber- und der Hundeblick, der Schmollmund und der Handkuss auch. Alles wird verschwinden, wenn wir nicht aufpassen.

Versuchen Sie heute mal in Blickkontakt zu kommen mit jemandem. Sie werden merken, wie schwer das ist. Aufsehenerregende Begegnungen sind immer unwahrscheinlicher. Und vor allem, könnte es sein, dass in Zukunft alle Menschen mit sturem Blick auf das Display nur noch den Kopf hängen lassen, den aufrechten Gang verlieren und vergessen, wie man Ausschau hält, und sich entgegen kommt.

Noch haben wir alle ein Gesicht. Aber es muss sich auch zeigen dürfen und es muss im Training bleiben, muss sich auskennen, zusehends bemüht sein, im Hier und Heute präsent zu sein.

In einem neueren Kirchenlied heißt?

„Gott gab uns Atem, damit wir leben,
er gab uns Augen, dass wir uns sehn,
Gott hat uns diese Erde gegeben,
dass wir auf ihr die Zeit bestehn.“

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Hat Gott ein Gesicht? Wie sieht er eigentlich aus? Haben Sie eine Vorstellung? In der Bibel wird ganz oft beklagt, dass Gott irgendwie kein Gesicht hat. Die Leute suchen danach, wollen wissen, wie er aussieht und ob er sich sehen lassen will und kann.

Ja es gibt da bis heute eine große Sehnsucht bei vielen Menschen, endlich Gott zu Gesicht zu bekommen. Wenn er sich doch endlich zeigen würde! Aber immer halten sie scheinbar vergeblich Ausschau nach ihm. Allenfalls gibt es mal eine leise Ahnung von ihm, manchmal sogar eine heiße Spur.

Die Bibel erzählt, er sei wie ein Wind, wie eine leichte Brise, oder ein Sturm, oder ein Feuer, ein brennender Dornbusch. Irgendwie nicht greifbar, unbegreiflich. Anzeichen von ihm gibt es, ja, aber ein Gesicht nein. Hat Gott am Ende gar kein Gesicht? Will oder kann er sich nicht sehen lassen?

Die Bibel berichtet, dass Jesus einmal zu den Leuten gesagt hat:
„Wer mich sieht, der sieht den Vater!“ (Joh.14,9) Jesus ist also das Gesicht Gottes. So siehts aus. Und was gibt der für ein Bild ab?
Der Pfarrer Martin Gutl sagt es so:

„Endlich einer, der sagt:
„Selig die Armen!“
und nicht: Nur wer Geld hat, ist glücklich!

Endlich einer, der sagt: „Lieb deine Feinde!
und nicht: „Nieder mit den Konkurrenten!“

Endlich einer, der sagt:
„Selig, wenn man euch verfolgt!“
und nicht: „Passt euch jeder Lage an!“

Endlich einer, der sagt:
„Der Erste soll der Diener aller sein!
und nicht: „Zeige, wer du bist!“

Endlich einer. der sagt:
„Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt!“
Und nicht: „Hauptsache vorwärts kommen!“

Endlich einer, der sagt:
„Wer an mich glaubt, der wird leben!“
und nicht: „Was tot ist, ist tot!“

Das hat doch Gesicht! und Gewicht!

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„Was machst du denn für ein Gesicht?“ Die Frage wird auch heute Morgen wieder an so manchem Frühstückstisch gestellt oder beim Einsteigen ins Auto, beim Betreten des Büros, beim Ankommen am Arbeitsplatz. Wir starten in den Tag, kommen die Treppe runter, machen die Türen auf, setzen uns an den Tisch und schon ist es passiert. Noch ehe wir die Zeitung lesen, sind die wichtigsten Nachrichten uns schon ins Gesicht geschrieben. Und da sind wir alle fleißig dabei. Niemand kann sich dem entziehen. Wir machen ein Gesicht. So oder so. Ohne Unterbrechung.

Leute, die sich gut kennen, die müssen sich nur anschauen und schon ist das Programm des Tages eingeschaltet. Es heißt dann entweder:
„Alles gut!“ oder „Nimm dich in acht!“. Es kündigt an: „Geh mir aus dem Weg!“ oder: „Komm ruhig näher!“ Wir erklären jeden Morgen den Frieden oder den Krieg, strahlen Liebe oder Verachtung aus. Wir sehen so aus, wie wir das Leben sehen.

Unser Gesicht bildet die Parole des Tages ab. Es reicht dann ein böser Blick, um den andern zu erschrecken, es braucht nicht mehr als ein freundliches Lächeln, um glücklich zu machen.

Die Bibel sagt:
„Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Angesicht!“

So wie es drinnen aussieht, so strahlt es nach außen ab. Unser Gesicht ist das Fenster der Seele. Offen oder verschlossen. Zugänglich oder auf Abwehr bedacht. Es signalisiert: „Auf in den Kampf!“ oder „Komm doch mal rüber!“ Es ist alles Ansichtssache.

Was heute aus uns wird, ob wir uns gut oder wehtun, ob es Freude macht, zusammen zu sein oder Mühe, alles entscheidet sich in einem Augenblick, da wir unser Gesicht zeigen. Schauen Sie sich ruhig mal um, es hat schon angefangen. Wir sind schon auf Sendung, aber noch lange nicht fertig miteinander. Wir haben noch den ganzen Tag Zeit für Sichtwechsel und die Frage: „Siehste, wie du kuckst?“

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Montagmorgen in der Grundschule. In der 1.Klasse ist es inzwischen ziemlich ruhig. Der Sturm des Wiedersehens hat sich langsam gelegt. Die Schüler sind außerdem noch müde vom Wochenende.

Im Moment machen sie gerade Stillarbeit. Plötzlich fängt ein Kind an zu weinen. Die Lehrerin geht zu ihm hin und fragt besorgt nach. „Kind, warum weinst du denn?“ Schluchzend sagt es: „Ich hab vergessen, wie meine Mama aussieht!“

Dieses Unglück habe ich von einer erfahrenen Lehrerin gehört. Die wusste zu berichten, dass es solche bitteren Heimwehattacken bei den Erstklässlern öfters gibt. So was passiert. Nicht nur wenn wir klein sind.

In der Trauerarbeit begegne ich immer wieder Menschen, die Angst davor haben, ihren Verstorbenen zu vergessen, seine Nähe und sein Gesicht nicht mehr zu spüren. Wir brauchen nämlich Gesichter. Mindestens eins. Wir sind Gesichter-Menschen. Wir wollen das liebe Gesicht, das uns anschaut bei uns tragen.

Darum haben auch die meisten von uns mindestens ein Foto bei sich, im Geldbeutel, im Kalender, auf dem Smartphone sogar gleich mehrere. Und wenn wir diese Herzensmenschen vermissen, dann schauen wir auf das Bild.

Das tut manchmal weh und gut zugleich. Aber wir wissen dann:
Er ist zwar jetzt nicht hier, aber er ist da! Sonst fangen wir nämlich mitten im Unterricht des Lebens plötzlich an, uns einsam und verlassen zu fühlen. Das geht so mit uns, egal wie alt und in welcher Klasse wir angekommen sind.

Und weil Gott das genau weiß, schaut er auch nach uns. Er schaut uns freundlich an und darum endet jeder Gottesdienst in der Kirche mit diesem Versprechen. Gott schaut euch an! Man nennt es Segen. Und der sagt:

„Der Herr segne dich und behüte dich,
er lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig.
Er erhebe sein Angesicht auf dich
und schenke dir Frieden!“

Und das gilt nicht nur für die Schulzeit.

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