Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

28MAI2020
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„Wer Ohren hat zu hören, der höre“, heißt es in der Bibel. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. „Hööörst du mich?“, ruft es, als ich am – endlich wieder belebten - Spielplatz vorbeigehe, gleich bei mir um die Ecke. Ich dreh mich um. Vor mir ein Hintern, der Mann dazu gebückt vor einem trichterförmigen Etwas. Weit auf der anderen Seite des Platzes, ein Junge, man sieht ihn kaum, denn der Kopf steckt halb im Trichter vor ihm. „Hörst du, Papa?“

Es ist eins dieser Sprech- und Hörrohre, die unterirdisch verbunden sind: Flüstertelefone. Sie sind heißt begehrt auf dem Spielplatz und fast immer belegt. Es scheint selbst in Handyzeiten faszinierend zu sein, wie einfach man sich verständigen kann. „Hier bin ich, hör mal, Hallo“, ruft es da in Dauerschleife. Und der andere antwortet. Meistens. „Papa, hier rein sprechen“, ruft der Kleene. Doch Papa kapiert´s nicht. Da zieht der Sohnemann schließlich den Kopf hervor, knallrot. Wischt sich den Schweiß und schaut theatralisch nach oben, als wollte er sagen „Himmel, hilf.“

Ich muss grinsen, denn so geht es mir auch manchmal. Und nicht nur mir. „Papa, Mama, hör doch!“ So rufen wir von klein an, wollen Gehör finden. Auch bei dem da oben. „Wo bist du denn nur, höre mich, Gott“, rufen Menschen schon seit biblischen Zeiten. Die Psalmen, die alten Lieder und Gebete sind voller Hör-mich-doch-Rufe. Und Gott hört. Aber nicht immer. Es gibt auch die Erfahrung, da ist einfach niemand. Da kommt nichts zurück. So verzweifelt ich auch schreien mag.

Ja, manchmal scheint der Vater im Himmel auch einer zu sein, der einem den Hintern zudreht. Als ob er taub wäre. Fast wie jener Vater am Spielplatz. Doch der Sohn gibt nicht auf. „Papaaa, hier rein“, zeigt er und endlich klappt´s. “Jaa, ich hör Dich, schrei nicht so“, flüstert der Vater in den Trichter. Na also. Himmel hilf. Einfach weiter rufen, dann kann ich gehört werden, auch von Gott. So hat es mancher erlebt, in diesem Krisenjahr. Und das nicht nur am Flüstertelefon. „Wer Ohren hat zu hören, der höre“.

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27MAI2020
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Ja, mein grauer Haaransatz ist deutlich zu sehen. „Ich steh jetzt zum Grau“, haben auch viele meiner Freundinnen gesagt, nun ja, ob wir das durchhalten? Jedenfalls hat die friseurlose Zeit manche ins Grübeln gebracht, auf dem Kopf und im Kopf. Was braucht´s wirklich, was zählt, wie lebt es sich in diesen verrückten Zeiten…

„Also ich war ja immer verrückt“, ruft sie mir zu. Jene silbergraue Dame, die mich dieser Tage am meisten verblüfft hat. Sie ruft über das Flatterband am Seniorenstift. Eigentlich will ich meine Tante besuchen. Doch sie hat sich verspätet. Dafür ist die Unbekannte am Zaun redselig. „Ach Kindchen, was glauben Sie, wie alt ich bin“, noch ehe ich antworten kann, nun so um die 80, „ich bin 94 und würde jetzt gern Motorrad fahren. Das fehlt mir am meisten“. „Das hätte ich nun am wenigsten erwartet“, ich lache, „viele hier wären froh, wenn sie wenigstens ein paar Schritte raus dürften“.

„Ach, ich hab nie gefragt, was die anderen machen.“ Dann erzählt sie knapp ihr Leben. Textilchemikerin aus Ostberlin. 1949 eine der ersten Frauen mit Motorradführerschein, zweimal verheiratet, einmal um die halbe Welt gereist. Den Mann neun Jahre lang gepflegt. „Und hier, im Stift“, ihre hellblauen Augen blitzen, „hab ich so viel zu erzählen, meine Freundin sagt, ich bin ein Wahnsinnsweib“. Allerdings, denke ich. Und finde, selten hat ein Bibelwort so gut gepasst wie bei ihr: „Ich will euch tragen bis ins hohe Alter und bis ihr grau werdet“.

„Ich muss wieder rein, mit der Tochter skypen, ja, mit 87 bin noch ich ins Internet“, fällt sie mir in meine Gedanken. „Wie sehen Sie eigentlich die verrückten Zeiten?“, frage ich noch. „Wie oft hab ich die Welt schon untergehen sehen“, meint sie, „aber wir Menschen sind stärker als wir denken. Und Gott lässt die Sonne scheinen“. „Ach, so gelassen altwerden dürfen“, seufze ich. Darauf sie: „Nun ja, 100 will ich nicht werden, auch wenn da der Bundespräsident kommt. Der soll sich mal lieber um die Flüchtlinge kümmern. Tschüss Kindchen“. Als sie geht, denke ich nur: Wahnsinnsweib.

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26MAI2020
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Im März ist er gewesen. Mein Geburtstag; ein sehr eigener in stayhome-Zeiten. "Bist du schon waach?" Klebrige Jungshände auf dem Augenlid. Samstagfrüh, sehr früh. „Hab deine Kerze schon dabei!“ Ich rieche es. Bienenwachs tropft auf die Bettdecke. Aber süß wie Honig, das. „Happy Birthday“, flüstert die große Schwester. Der Liebste reckt sich, ein Lächeln. Dann Nacktfüßetrappeln. „Komm noch nicht in die Küche, ich muss erst ein Apfelherz…“ Gerenne und - Gestreite. „Das wollte ich doch machen, Papaa!“ Alles wie immer, denke ich und lächle zuversichtlich.


Dann der Tisch: voll mit Apfelherz und Kinderstolz. „Du siehst gar nicht aus wie 60“, schmeichelt der Sohn vermeintlich. „Ups, sie ist doch grad mal über 50“, korrigiert die Schwester, ebenso falsch. Wunderbar, diese Kinder. Wir singen und erzählen. Mit Käse zwischen den Zähnen - und Kloß im Hals. Denn einige fehlen, müssen fehlen. Auch mein Großer bleibt allein in seiner Studentenbude.

„Und die Oma?“ Sie fehlt besonders. Zwei Fehlversuche später ist sie da. Im Videochat. „Oh, das geht ja echt, ich sehe euch, ach, schön.“ Auch meine Mutter macht derzeit Digitalsprünge. Und es schmerzt doch, so nah und doch fern zu sein. „Und vor allem, wer weiß, was noch auf uns zukommt“, sagt unsere Nachbarin später. Sie ist beinahe 90 Jahre alt und kann vor Sorge kaum schlafen in diesen Tagen. „Singt ihr heute wieder `der Mond ist aufgegangen´ für mich?“ Ja, das tun wir.

Doch erst scheint gnädig die Sonne, auch über meine versuchte Geburtstagsfeier im Garten. Die Nachbarin steht sicher entfernt. Wir schleichen vorsichtig umeinander und um den Kaffeetisch. Nur nicht berühren. Am Abend nickt der Mond, als wir ihn besingen. Die Nachbarin schließt die Terrassentür. „Den Geburtstag vergisst du nicht so schnell“, sagt der Liebste, „den Tag, als die Welt stillstand“. Nein. Aber Gott sei Dank, sie dreht sich weiter.

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25MAI2020
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Ist Gott ein Mann? „I wo,“, werden Sie wohl sagen. „Nein“, hat eine Schülerin gesagt, Katja aus der zweiten Klasse. "Nein, nicht nur ein Mann, aber der da", sie deutet in ihr Relibuch, "der ist Gott“! Sie zeigt auf das berühmte Bild von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Gottvater mit Rauschebart in den Wolken, gegenüber der nackte Adam. Ihre Finger berühren einander - fast.

In den Coronawochen ist das Bild im Internet oft geteilt worden. Leicht verändert natürlich: Gott desinfiziert erst mal die Hände. Aber im Ernst, Michelangelos Gemälde „Die Erschaffung Adams“ ist der Klassiker. Denn ja, so sieht er eben für viele aus. Er. Der Schöpfer, Gottvater. So ähnlich sehen wir ihn von klein an vor uns. Das ist ein gewohntes Bild.

Aber zu hören - Gott, sie ist wie eine Quelle, eine Henne - klingt ungewohnt. Dabei steht auch das in der Bibel. Sie ist wie eine Frau, die gebärt, eine Mutter, die uns tröstet. Gott also auch eine „Sie“, Schöpferin, Gottmutter? „Nein,“ sagen da manche, “Gott ist keine Frau. Wir dürfen uns doch kein Bild machen.“ Stimmt. Das Problem ist nur, wir haben schon eins und das ist männlich. Denn jahrhundertelang hatten Männer das Sagen, auch in der Kirche.

Dabei heißt es im ersten Buch der Bibel: Gott schafft sich den Menschen zum Ebenbild, als Mann und Frau. Wer die Bibel in der Ursprache liest, griechisch oder hebräisch, kann sie neu entdecken: Frauen und weibliche Gottesbilder. Wo Deutsch übersetzt „Brüder“ steht, sind oft „Schwestern und Brüder“ gemeint, das griechische Wort bedeutet beides. Auch „der Heilige Geist“ ist auf Hebräisch weiblich, also „die Geistkraft.“ Und „der Herrgott“ kann auch „die Lebendige“ oder „die Ewige“ heißen.

Die kleine Katja hat sich das in Reli so erklärt: „Gott ist kein Mann, er ist wie Eltern. Der Papa passt auf mich auf. Die Mama auch, aber die redet noch ein bisschen mehr...“ Nun ja, Unterschiede gibt es, Gott sei Dank.

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