Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

22SEP2020
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Als ich die Tür aufmache, steht ein junger Mann vor mir; freundlich, ein bisschen schüchtern, aber mit neugierigen weit aufgerissenen Augen. In der Hand hält er Bewerbungsunterlagen. Ein Freiwilliges Soziales Jahr möchte er in unserer Pfarrei absolvieren.

Das war vor über einem Jahr. Mittlerweile hat Jonas sein FSJ hinter sich und was so zaghaft begann, hat sich mit jedem Tag weiterentwickelt. „Ich habe viel Neues kennengelernt. Erfahren, dass ich mich gut auf unterschiedliche Menschen einlassen kann. Manches hat mich an meine Grenzen gebracht. Und ich habe gelernt, auch mal Nein zu sagen.“ Das sind ein paar Sätze von Jonas aus unserem Abschlussgespräch. Nach einem Jahr ist klar: Diese Zeit hat sich voll gelohnt und hat ihm viel gebracht.

Nach der Schule sind viele junge Menschen noch unsicher, wie es weitergehen soll. Da kann helfen, sich in einer sozialen Einrichtung zu engagieren. Die jungen Menschen können erfahren: Ich bin wichtig, weil ich einen wertvollen Dienst für andere Menschen übernehme. Mal ist es das Stühlestellen für den Seniorennachmittag, der Einkaufsdienst für das ältere Ehepaar, das Spiel mit den Messdienern, aber auch mal das Nein - Sagen, wenn zu viele gerade etwas von einem wollen. Es gibt viel zu erfahren in solch einem sozialen Jahr. Und je offener und neugieriger die jungen Menschen diese Aufgaben angehen, um so beschenkter ziehen sie am Ende oft Bilanz.

„Es war echt eine gute Zeit und ich bin freier und selbstbewusster geworden,“ sagt Jonas noch. So ausgestattet lasse ich ihn nach einem Jahr auch gerne wieder ziehen. In der Hoffnung, dass er für neue Herausforderungen einiges gelernt und gleichzeitig erfahren hat, wie der Einsatz für andere, das eigene Leben bereichert, froh und stark machen kann.

Und nun freue mich auf unseren neuen FSJ ler und bin mir sicher, mit etwas Neugier und Offenheit wird auch dies wieder eine gute Zeit mit wichtigen Erfahrungen für uns beide.

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21SEP2020
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Millet war Mitte des 19. Jahrhunderts einer der angesagtesten Künstler von Paris. Und ein sehr umstrittener dazu. Denn Millet wendet sich einem Thema zu, das weder als schön noch als künstlerisch wertvoll galt: der Arbeitswelt.

Er malt hart arbeitende Bauern auf dem Feld. Wie sie säen und ernten, graben und schleppen. Er malt einen mühsamen und beschwerlichen Alltag. Wer mag sich so etwas an die Wand hängen oder anschauen?

Doch Millet zeigt auf einem Gemälde noch mehr: Die Bauern arbeiten da nicht nur, sie beten auch. Sein Werk „Angelus“ bringt das sehr deutlich vor Augen: Ein Mann und eine Frau stehen mitten auf dem Feld; jeder ahnt, wie schwer sie arbeiten. Sie stehen da in ihren dreckigen Klamotten. Die Arbeitsgeräte haben sie aus der Hand gelegt. Ein Korb mit Kartoffeln, eine Heugabel, ein Karren stehen an der Seite. Die Köpfe sind nach vorne geneigt. Die Hände zum Gebet gefaltet. Im Hintergrund ist eine Kirche zu sehen und der Betrachter hört gleichsam die Glocken läuten zum sogenannten „Angelusgebet“. Das ist ein Gebet, das an die Verkündigung des Engels an Maria erinnert. Das Bild drückt eine tiefe Andacht aus.

Millet kennt diese Situation aus eigener Erfahrung: „Die Idee für das Bild kam mir, als ich mich an meine Großmutter erinnerte“, schrieb er einmal. „Immer wenn sie die Kirchenglocken hörte, während wir auf den Feldern arbeiteten, unterbrach sie die Arbeit, um ein Gebet zu sprechen.“

Mit dem Bild wollte er genau diesen Moment einfangen und deutlich machen: Das Gebet gehört ganz natürlich zum Lebensrhythmus der damaligen Bauern. Eine kurze Pause, ein Innehalten, um zu beten, um die Verbindung mit Gott zu spüren und daraus neue Kraft zu schöpfen.

In den allermeisten Gemeinden läuten auch heute noch die Glocken. Oft morgens, mittags und abends. Sie laden genau dazu ein, den Alltag und die Arbeit für eine kurze Zeit zu unterbrechen. Sie laden ein, mal kurz Pause zu machen. Vielleicht nur für einen Augenblick: Zeit für einen Gedanken an Gott.

 

In Anlehnung an: Susanne Haverkamp, Bilder des Betens, Glaube und Leben, Nummer 26

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