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SWR2 Wort zum Sonntag

Pfarrer Wolf-Dieter Steinmann im Gespräch mit Dr. Johanna Rahner, Professorin für katholische Dogmatik an der Universität Bamberg in der Hl. Dreifaltigkeitskirche in Freiburg


Frau Rahner, Sie sind katholische Theologin, Professorin für Dogmatik in Bamberg. Dort arbeiten und leben Sie während der Woche. Aber Sie haben hier in die Dreifaltigkeitskirche nach Freiburg-Waldsee auch noch enge Beziehungen. Werden Sie an Fronleichnam an einer Prozession teilnehmen?

Ich geh mal davon aus, ja. Heilig Dreifaltigkeit ist so eine Art Stadtrandgemeinde d. h. die anschließenden Gemeinden im Freiburger Osten werden eine eigene Prozession haben, eher in der klassischen Form wie ich es von meiner Kindheit gewohnt bin. So mit Vereinen Blasmusik und Kirchenchor, während Heilig Dreifaltigkeit dann auf die zentrale Prozession geht.

Was ist Ihnen wichtig an einer Fronleichnamsprozession?

Es ist es ist glaube ich für mich die Schnittstelle zwischen meinem Glaubensleben und meinem Alltag. Also den Glauben auch in den Alltag hinaus tragen, das ist vielleicht auch ein wichtiges Motiv.

Fronleichnam ist vielleicht der katholischste aller Feiertage, dem ich durchaus fremd auch gegenüber stand und immer noch auch ein bisschen stehe. Die Hostie wird aus der Kirche hinausgetragen in die Öffentlichkeit in der Monstranz. Das klingt nach Demonstration. Ist es eine Demonstration und feiern die Katholiken sich selber?

Das sollte es eigentlich nicht sein. Ich habe mich mal vor Jahren tierisch über eine Fronleichnamspredigt geärgert, wo derjenige der die Predigt hielt, dann diesen Gegensatz aufmachte zwischen „wir die katholische Kirche, der heilige Hort der Wahrheit“ und die böse Welt da draußen. Und das ist für mich tatsächlich genau das Gegenteil, was wir an Fronleichnam feiern. Den für mich ist Fronleichnam ein Zeichen, dass die Welt gottfähig ist und dass Gott die Welt als Ganze in Anspruch nimmt, auch in ihren Abgründen.
Viel wichtiger als die Monstranz ist für mich das Brot, das drin ist, also das Brot steht ja für dieses Brot des Lebens. Wenn Sie sagen, ein typisch katholisches Fest, dann eine Pointe was typisch katholisch ist: Im Gegensatz z.B zum Kreuz, da kann ich betrachten, was Gott für mich getan hat. Da kommt das Brot des Lebens mit einer zusätzlichen Perspektive dazu, nämlich: Was macht das mit mir, mit uns, aus uns? Und dafür steht für mich auch das hinaus tragen in die Lebenswelt der Menschen.


Für Sie ist der Mehrwert der Hostie das Sinnfälligere?

Genau das; und auch das lebensweltlich Nähere, weil Brot, essen, trinken , das sind allgemein menschliche Lebensvollzüge und in diesen allgemein menschlichen Lebensvollzüge, das ist Gott mittendrin.

Wenn das Brot hinausgetragen wird, in ländlichen Gegenden ja wirklich noch aufs Feld, strahlt da dann was aus, gewissermaßen?

Wir sitzen ja hier in der Kirche von Heilig Dreifaltigkeit direkt vor dem Tabernakel und es ist ein wunderschönes Bild. Dieser Tabernakel hat nämlich den brennenden Dornbusch als Motiv d.h. spielt auf diese berühmte Stelle in Exodus 3,14 an, wo Gott seinen Namen Moses offenbart und zwar als der, der für Euch da ist. Und genau dieses „Für Euch da sein Gottes“, das ist doch etwas, was für die Welt ein wichtiges Zeichen ist.

Frau Rahner, Christen tragen etwas hinaus und wollen damit auch ganz bewusst etwas für die Gesellschaft. Haben Sie das Gefühl, dass das noch verstanden wird?

Für mich ist in meiner Tätigkeit, jetzt grad auch junge Leute auszubilden zu zukünftigen Religionslehrern auch immer wichtig gewesen, dass die lernen, dass sie sich mit ihrem Glauben nicht zu verstecken brauchen, sondern dass dieser Glaube, wenn er offen ist, dh auch selbstkritisch ist, durchaus auch einen Platz hat in einer säkularen Gesellschaft. Auch etwas zu sagen hat, wenn es um die Würde des Menschen geht, wenn es um solche Werte wie Mitmenschlichkeit und Solidarität geht. Zu glauben ist hier nicht naiver oder dümmer als der Rest, sondern eigentlich genauso viel wert.

Wenn Glaube sich in die Öffentlichkeit begibt, dann muss er sich ganz stark des Wortes bedienen, um noch verstanden zu werden. Selbst das Kreuz ist ja heute ein nur in wenigen Situationen wirklich ganz ernstlich wahrgenommenes Zeichen. Ich war in Winnenden dabei, bei diesen ganzen Trauerfeierlichkeiten, da musst Du nicht viel sagen, da ist das Kreuz auf einmal in seiner Bedeutung verständlich und ganz viele knüpfen wieder daran an. Aber in den normalen Alltagssituationen wird’s eher als ein- ja fast manchmal als ein lapidares Symbol verwendet. Empfinden Sie das auch so, dass die Sprache die Aufgabe bekommen muss, um diese Verständlichkeit für den Glauben wieder her zu stellen?

Ich würde da jetzt keinen Gegensatz aufmachen. Sie selber haben ja eine Situation geschildert, wo das Symbol von sich aus gesprochen hat und ich denke solche Situationen kennt jeder von uns. Darüber hinaus, gebe ich gern zu, hat Theologie, hat Religion, hat Glaube sicher auch ein Sprachproblem, ein Übersetzungsproblem. Und daran arbeiten wir uns ab. Und das ist -glaube ich- eine bleibende Herausforderung und das war in anderen Jahrhunderten auch nicht anders.

Wenn Sie versuchen sollten, eine Fronleichnamspredigt auf den Punkt zu bringen. Was wäre jetzt in diesem Jahr 2009 Ihre Message?

Dass diese Welt – so wie sie ist – für Gott offen ist, dass sie Gott fähig ist, also tatsächlich eine Tiefendimension hat, die sie vielleicht selbst gar nicht wahrnimmt, die man aber aufdecken kann. Und dass in allen Abgründen, Fraglichkeiten dieser Welt tatsächlich dieses „ich bin da für Euch“ Gottes gilt. Und dafür steht dann das Symbol, das in der Monstranz hinausgetragene Brot.

Frau Rahner, Sie sind Professorin für Dogmatik an der Universität in Bamberg und ich weiß, eines Ihrer Fachgebiete ist die Ökumene. Ich finde es sehr schmerzhaft, dass evangelische und katholische Christenmenschen nicht gemeinsam zur Eucharistie bzw. zum Abendmahl gehen können. Bewegt sich gar nichts, momentan?

Es wird Sie jetzt vielleicht erstaunen, dass ich eigentlich der Meinung bin, dass selbst die katholische Kirche hier etwas offener ist, was eucharistische Gastfreundschaft angeht, als man vielleicht gemeinhin wahrnimmt. Zumindest was den Einzelfall angeht.
Woran wir sicher leiden, ist die Tatsache, dass wir gemeinsam Eucharistie oder Abendmahl als Zeichen von Kircheneinheit noch nicht feiern können. Aber das liegt schlicht und ergreifend daran, das Zeichen wäre falsch. Kircheneinheit existiert noch nicht.
Wir sind uns aber auch nicht mehr so fremd wie wir uns früher waren und unser Problem ist – glaube ich – genau für die Zwischenzeit ein richtiges Zeichen zu finden. Daran leiden viele, aber ich kann Ihnen auch von der theologischen Basis aus nichts weiter dazu sagen als: Theologisch sind die Sachen, was Ämterfrage, was Eucharistie angeht, geklärt oder sehr weit vorangekommen, aber der Schritt zur Eucharistiegemeinschaft, dh. als Voraussetzung dann auch die gegenseitige Anerkennung als Kirchen, dieser Schritt kann noch nicht gegangen werden.


Was ist Ihre Perspektive, was sind Zeichen, die deutlich machen, es geht dennoch weiter?

Ich glaube, die Probleme, die aus der Welt kommen, die Herausforderungen, das sind keine Probleme, die wir konfessionell getrennt angehen können, sondern die gehen nur noch gemeinsam. Und genau an diesen gemeinsamen Problemen gemeinsam zu arbeiten, das wäre für mich ein wichtiges Element in der Ökumene und diese Binnenperspektive, wann wir dann Eucharistie, Abendmahl dann gemeinsam feiern können, das halte ich sogar für gegenüber solchen Problemen für sekundär.

Sagen Sie mal ein Beispiel, an dem Sie das ausbaufähig finden?

Was die Würde des Menschen angeht, was die soziale Frage angeht, was die Frage von Mitmenschlichkeit und Solidarität angeht, das sind doch alles Fragen, wo wir auf der gemeinsamen Basis unseres christlichen Glaubens auch gemeinsam antworten können. Und das wäre sicher dieser Impetus ins Politische, in die Alltagswelt hinaus, der ja im Fronleichnamsfest drinsteckt. Genau das wäre sicher auch der Weg. Ich glaube ohne diese Ökumene des Alltags oder Ökumene des Lebens geht es gar nicht. Die ist Grundvoraussetzung, um dann in der Ökumene der Lehre, des Glaubens weiter zu kommen. Wenn man diese gemeinsamen Alltag nicht erfährt, dann wirkt eine Ökumene der Lehre aufgesetzt. Deswegen bin ich immer so kritisch gegenüber so signal- oder zeichenhaften Feiern der Eucharistie, des Abendmahls. Ich frage mich, welchen gemeinsamen Weg sind denn die, die da feiern, miteinander gegangen?
Eine ganz andere Situation ist konkret vor Ort in den Einzelgemeinden. Da kann ich durchaus verstehen, wenn sich manche Gemeinden, die einen ökumenischen Weg über Jahrzehnte miteinander gegangen sind, das Recht herausnehmen, auch gemeinsam zu feiern.


Was erwarten, was erhoffen Sie von evangelischen Kirchen bzw. evangelischen Christenmenschen in Bezug auf Ökumene?

Dass wir das, was wir gemeinsam tun können, auch gemeinsam tun.

Sehen Sie da Defizite auf protestantischer Seite, im Moment?

Ja ich sehe manches Defizit. Grad jetzt auf das große Jubiläum 2017 hin, hab ich ehrlich gesagt ein bisschen die Befürchtung, dass das eine Selbstbeweihräucherung der evangelischen Kirche wird und die Katholiken dann außen vor bleiben.

Was ja bei Luther nicht unbedingt sein müsste. Eigentlich. Man könnte doch Luther auch als gemeinsames Erbe verstehen, oder nicht?

Ich würde es noch deutlicher sagen: Luther war und blieb bis an sein Lebensende katholisch. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6298
Liebe Hörerinnen und Hörer!
60 Jahre Grundgesetz – in diesen Tagen haben wir in der Bundesrepublik der Erfolgsgeschichte unserer Verfassung gedacht, die 1949 die Grundlage für einen freien und demokratischen Aufbau unseres Vaterlandes nach der Katastrophe des Nazi-Regimes und des Zweiten Weltkriegs bildete. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes sahen sich dabei eindeutig in einer Verantwortung „vor Gott und den Menschen“. Diese Prägung hat den Weg unseres Landes bis auf den heutigen Tag bestimmt. Angesichts dessen, was vorausging, dürfen wir dafür tief dankbar sein.
Dass der Friede der vergangenen 60 Jahre in Westeuropa und die Aussöhnung, besonders zwischen den einstigen „Erzfeinden“ Frankreich und Deutschland, keine Selbstverständlichkeiten sind, das ist mir dieser Tage wieder so richtig bewusst geworden, als ich im Rahmen der Feierlichkeiten zur 50-jährigen Städtepartnerschaft zwischen Chartres und Speyer einer Einladung nach Frankreich folgte. Was muss es doch teilweise für eine Überwindung gekostet haben, aufeinander zuzugehen und miteinander den Weg der Versöhnung einzuschlagen! Gefordert ist dafür eine Offenheit gegenüber dem Anderen, die in ihm nicht den Konkurrenten und Gegner, sondern den Mitmenschen und potentielle Partner sieht. Immer wieder müssen wir uns fragen, ob wir diese Offenheit heute mitbringen.
Bei uns in Speyer steht als Stein gewordenes Symbol dieser Aussöhnung die Friedenskirche St. Bernhard. Vor 55 Jahren wurde sie eingeweiht, nur neun Jahre nach dem Ende des Krieges. In der kleinen Pax-Christi-Kapelle wird Erde von vielen Schlachtfeldern aus der ganzen Welt aufbewahrt: bleibende Mahnung daran, dass der Ungeist des Krieges nicht wieder Macht über uns gewinnen soll. Friede meint mehr als nur die Abwesenheit des Krieges. Die französischen Katholiken haben viel Geld für den Bau der Bernhardskirche gespendet. Sie handelten aus dem Geist des Evangeliums Jesu heraus, der uns den Hass überwinden lehrt und uns im Anderen die Schwester und den Bruder erkennen lässt. Was die Apostelgeschichte in der Bibel vom ersten Pfingstereignis berichtet, das können Menschen auch heute noch erfahren: dass es Verständigung und Verstehen gibt über die Grenzen von Kultur und Sprache hinweg. Der Geist, den Jesus seinen Jüngern versprochen hat, ist heute lebendig und am Wirken. Auch heute lässt er Menschen heraustreten aus der Enge der Angst, lässt sie menschliche Grenzen und Hindernisse überwinden.
Die Politikerinnen und Politiker, die für die Aussöhnung standen, haben ebenfalls aus diesem christlichen Geist heraus gehandelt. Sie haben ihre christliche Überzeugung in die politische Debatte eingebracht. Sie wussten, dass ein politisches System sich nicht selbst Grundlage sein kann, sondern noch aus etwas anderem heraus seine Werte und Überzeugungen bezieht. 60 Jahre Grundgesetz sind daher auch ein Anlass, dass wir uns auf die Wurzeln unserer Verfassung und unseres Gemeinwesens besinnen: die Verantwortung vor Gott und den Menschen. Gemeinsame Werte und Grundüberzeugungen bleiben dann in unserer Gesellschaft lebendig, wenn wir uns dieser Verantwortung vor Gott wieder mehr bewusst werden.
Im Brief an die Römer erinnert uns der hl. Apostel Paulus daran, was es bedeutet, wenn die Verantwortung vor Gott ernst genommen wird. Er schreibt: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist … Lasst uns also danach streben, was zum Frieden und zum (gemeinsamen) Aufbau beiträgt.“ (Röm 14,17)
Dazu wünsche ich uns Mut und Zuversicht. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6135