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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

18MAI2022
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In dieser Woche treffe ich mich wieder mit Jugendlichen, die sich auf die Firmung vorbereiten. Die Firmung ist ein Fest, das die jungen Menschen stärken soll. Ihren Glauben und ihr Christsein. Bei unseren Treffen geht es um Gott und die Welt: Wir diskutieren und bedenken. Halten fest, was wertvoll und kritisieren, was längst veraltet ist.

Immer wichtiger wird mir, mit den Jugendlichen gegen Ende eines Treffens das Vater unser zu beten. Und das hängt auch mit meinen Besuchen im Seniorenheim zusammen. Das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber wenn ich mit den alten Menschen im Seniorenheim zusammen bin, geht es auch oft um Gott und die Welt. Ich erfahre so manche Geschichte aus früheren Zeiten. Was einfach gut war, was Lebensfreude und Halt geschenkt hat und eben auch, was sie heute vermissen. Und fast immer kommen wir auch auf ihren Glauben und auf Gott zu sprechen. Für viele ist es wichtig, ihren Herrgott mit ins Gespräch zu bringen. Und so verabschiede ich mich so gut wie nie ohne, dass wir vorher ein Vater unser zusammen beten. Das darf einfach nicht fehlen. Und was mich selbst immer wieder bewegt: Wie dankbar, ja gerührt die alten Menschen nach dem Gebet sind. Es rührt sie tief in ihrem Innern. Das Gebet verbindet sie mit ihren Glaubenserfahrungen, verbindet sie mit Gott.

Doch am meisten berührt mich, wenn es demente Menschen sind. Frauen und Männer, die scheinbar kaum noch etwas von ihrem Umfeld mitbekommen. Die die meiste Zeit schlafen und selten Worte finden. Aber wenn ich mit dem Vater unser beginne, das sie von frühester Jugend an kennen, sprechen sie fast immer aufgewacht und klar mit. Und nicht selten fließen Tränen.

Diese Erfahrung versuche ich auch den Firmlingen weiterzugeben: Wie hilfreich es sein kann, wenn wir ein Gebet ein Leben lang zusammen beten können, selbst wenn vieles andere vergessen ist.

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17MAI2022
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Meine Nichte schickt mir über ihr Handy ein Foto. Ein Plakat ist zu sehen mit der Info: Kuchenverkauf im Café Frieden. Eine Kindergruppe hat sich überlegt, was sie tun können gegen die schrecklichen Nachrichten, die sie jeden Tag mitbekommen. Sich wegducken ist nicht ihre Sache. Sie entscheiden sich für eine Friedensaktion, halt so, wie es ihnen möglich ist. Kuchen und Törtchen – mit Liebe gebacken, wie es auf dem Plakat heißt, um ein bisschen Geld zu sammeln für ukrainische Frauen und Kinder, die in ihrem Ort Schutz suchen.

Es ist eine der vielen Aktionen, die derzeit überall im Land stattfinden. Demonstrationen, Gebete, Kleidersammlungen, Spendenaktionen oder eben Kuchenverkauf. Mich beeindruckt, wie Kräfte mobilisiert werden, um Solidarität zu zeigen, Leid zu lindern und Menschlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen.

Zwischen all den vielen schrecklichen Bildern und Nachrichten sehe ich Gott sei Dank auch viel Gutes. Menschen, die füreinander da sind. Wohnraum teilen. Geld spenden. Medikamententransporte organisieren. Und ich merke: Wenn ich mich selbst an diesen Aktionen beteilige, mit anderen demonstriere, bete oder auch spende, fühle ich mich nicht mehr ganz so ohnmächtig. Es nährt meinen Glauben an das Gute und lenkt meinen Blick auf die Werte, für die sich einzusetzen lohnt. Ich erfahre: Andere sind genauso fassungslos und mit ihnen darüber zu reden, mich mit ihnen zusammen zu schließen, tut gut und ist mir wichtig. Es hilft mir, nicht zu resignieren und abzustumpfen.

Davon hört kein Krieg auf. Aber es schenkt Kraft durch diese Zeiten zu kommen und unserer Ohnmacht einen Hoffnungsschimmer entgegen zu setzen. So wie die Kinder mit ihrem Café Frieden.

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16MAI2022
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Auf meinem Handy leuchtet die Corona Warn-App knallrot und zeigt ein erhöhtes Risiko an. Auch wenn das mittlerweile relativ häufig vorkommt, erschrecke ich doch jedes Mal und überlege, wo ich an dem genannten Tag überall war: Drinnen oder draußen, mit vielen oder wenigen Leuten. Ich überlege, wer in meiner Nähe war und grüble, wie risikoreich die Begegnungen gewesen sein könnten.

Ob diese Warn-App hilft oder eher nervt, das mag für jeden anders sein. Jedoch: Sie bringt mich immer wieder dazu, über Begegnungen nachzudenken. Zurück zu blicken und mich zu erinnern, wie nah oder fern mir jemand war. Ob intensiv oder nebenbei miteinander geredet wurde. Und manchmal ärgere ich mich richtig, dass ich vertraute, ausgiebige Gespräche und herzliche Begegnungen als risikoreich einschätze. Obwohl sie mir ja gut tun und ich sie brauche.

Manchmal stelle ich mir vor, wäre es gut, wenn so eine Warn-App auch mal Alarm schlägt, wenn eine Begegnung gekränkt hat. Das kommt ja auch vor. Nicht mit Viren. Sondern mit verletzenden Worten. Mit abweisenden Gesten oder fehlender Aufmerksamkeit. Das fällt mir auch oft erst im Nachhinein auf. Wenn ich darüber nachdenke. Dass ein Satz ganz schön fies geklungen hat oder ich gar nicht beachtet wurde. Das kann verletzen und kränken. Und da wäre es hilfreich, sofort zu reagieren und ins Wort zu bringen, was kränkend bei mir angekommen ist.

„Mancher Leute Gerede verletzt wie Schwertstiche“, heißt es in der Bibel. „Die Zunge der Weisen bringt Heilung.“ (Spr 12,18) Ein cooler Spruch. Er spornt mich an, Worte zu finden, die trösten und aufbauen. Die erleichtern und Hoffnung verbreiten. Worte, die uns aufleben lassen und Heilung bringen. Sie sind lebenswichtig!

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