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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

31JAN2023
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Meine Kinder haben neulich mal wieder gepuzzelt. 1000 Puzzleteile! Erst einmal war nur der Rand fertig. Immerhin! Aber wie das Leben so spielt, war dann keine Ruhe mehr zum Puzzlen und das unvollendete Werk wurde wieder zerstört. Man konnte kaum ahnen, dass es das Schloss Neuschwanstein werden sollte.  1000 bunte kleine Puzzleteile und wieder sieht es aus, als wäre nichts zusammenhängend. Ich musste an den englischen Ausdruck falling into pieces denken: alles fällt in Stücke. Wie in einer Situation, in der nichts mehr passt. Wenn sogar der Rahmen zu Bruch geht - das, was einem Halt gegeben hat.

So war es für einen Mann, den ich im Krankenhaus kennengelernt habe. Sein Vater war gerade verstorben und er hat sich gesorgt, wie es für die Mutter weitergehen sollte. Gerade hat man das Leben im Griff, hat sich seinen Rahmen zusammengepuzzelt, und dann fällt alles auseinander. Wie kann da wieder etwas zusammengefügt werden? Das scheint in so einer Situation unmöglich.

Im Englischen gibt es aber auch den gegenteiligen Begriff: Falling into place. Zusammengefügt werden. Gleichsam wie durch Zauberhand passt etwas zusammen. Manchmal erlebe ich das: Wo erst der Boden unter den Füssen weggezogen worden ist und etwas zerbrochen ist, da geschieht etwas und zwei Puzzlestücken passen unverhofft zusammen. Ein Anfang! Für diesen Mann waren es zwei Erfahrungen. Eine Nachbarin ist zu einer unerwarteten Helferin geworden. Sie besucht die Mutter nun jeden Tag.  Und er selber als Sohn, der seinen Vater sehr vermisst, hat beim Aufräumen ein Buch gefunden. Darin hatte der Vater seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben. Immer wieder scheint es beim Lesen so, als würde der Vater direkt zu ihm sprechen.

Das Leben ist nicht heil und das Puzzle nicht vollständig, das wird es vielleicht erst nach unserem Tod sein. Aber für ihn ist Gott sei Dank etwas Heilsames passiert– Fragmente fügen sich zusammen. So kann ich es auch hoffen mit Blick auf die vielen kleinen Puzzleteile bei mir zuhause: Da kommt etwas zusammen. Und das Bild wird schön werden.

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30JAN2023
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Ein Kollege hat mir erzählt: Kurz bevor er aus dem Pfarrhaus seiner Gemeinde weggezogen ist, ist ein Nachbar angekommen und hat ihm eine meterlange Liste präsentiert. An der Haustür hat er seine persönliche Liste von Kränkungen vorgetragen, Papier um Papier. Ein nicht gefegter Bürgersteig war ebenso dabei wie zu langes Glockengeläut, ein zu flüchtiger Gruß ebenso wie falsches Parken. Gut 10 Jahre hat er fast jeden Tag aufgeschrieben, was ihn ärgert. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, die Liste zum Übeltäter zu tragen.

Im Deutschen gibt es ein Wort dafür, das heißt „nachtragend“. Wenn ich nachtragend bin, habe ich oft viel und lange an etwas zu tragen. Ich werde es nicht los und trage es mit mir rum. Manchen hilft es, etwas zu Papier zu bringen. Bei diesem Mann aber hörte das Nachtragen damit auch nicht auf. Mein Kollege war erschüttert: Einen so verbitterten Menschen hatte er selten erlebt. Nachtragende Gefühle, die können in einer Seele wirken wie Gift, schleichend, ohne dass einer es merkt.

Es gibt allerdings ein gutes Gegengift. Vergebung. Wenn ich vergebe, dann kann ich die Last ablegen, die ich nachtrage. Und die guten alten Qualitäten wie Barmherzigkeit, Nachsichtigkeit, Güte und Vergebung im Herzen pflegen. Und wenn es wirklich einen Grund zur Beschwerde gibt, ist auch dieses wichtig: Miteinander zu reden. Auch Wut darf man haben – aber möglichst nicht jahrelang anstauen. Damit ein Nachbar nicht irgendwann aus allen Wolken fällt, dass ein Anderer einen solchen Groll angesammelt hat, und so viele Kränkungen nachträgt. Statt verbittert zu werden besser früher miteinander reden. Ab und zu räumt das manches Missverständnis aus dem Weg, und spart Tinte und Papier.

Ich habe durch diese Geschichte selber angefangen zu schauen, wo ich nachtragend bin. Wo ein Gespräch, eine Geste oder etwas Nachsicht helfen könnte. Und ich hoffe, dass ganz andere Listen entstehen könnten – über das, was wir jeden Tag auch Gutes einander schenken, und wie wir aufrichtig und barmherzig miteinander umgehen können.

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