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27APR2026
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Karl Heinz hatte gerade Geburtstag. Er ist 85 Jahre geworden. Beruflich ist er Bestatter. Den Familienbetrieb hat schon vor mehreren Jahren sein Sohn übernommen, aber Karl Heinz ist eigentlich jeden Tag mit dabei.

Neulich stehe ich nach einer Beerdigung noch mit ihm zusammen, als er sagt:

„Das ging jetzt irgendwie so plötzlich! Und schwupps ist man 85 Jahre alt!“

Er sagt es bedauernd und ja – auch traurig. Schließlich weiß er ja, das geht hier nicht ewig so weiter. Wer weiß das besser als ein Bestatter? Selbst wenn es ihm aktuell gut geht, das kann sich täglich ändern. Das trifft auf jeden und jede von uns zu, aber mit höherem Alter steigt leider auch die Wahrscheinlichkeit. Und so wird die eigene Endlichkeit präsenter.

Wenn dieser Gedanke an die eigene Endlichkeit aufblitzt, ist Karl Heinz zum einen dankbar. Dankbar, dass es ihm aktuell gut geht. Das ist nicht selbstverständlich für ihn. Und er schaut zurück auf sein Leben. Er erzählt, wie viel er sein ganzes Leben gearbeitet hat. Eigentlich immer. Ab und an mal ein paar wenige Tage Urlaub. Er kennt es nicht anders, da er den Betrieb von seinem Vater übernommen hat. Und so sind die Jahre dahin gegangen.

Ich frage ihn: „Bereust du es?“ Er schüttelt den Kopf und ergänzt: „Das gehört zum Beruf dazu. Das ist mein Leben.“ Ich kenne ihn nun schon ein Weilchen und habe den Eindruck: Dieses Leben gefällt ihm aber auch genauso wie es ist. Und tatsächlich ergänzt er: „Es ist schön, gebraucht zu werden – Menschen helfen zu können. Und ich brauche das auch – dabei zu sein, eine Aufgabe zu haben.“

Das Gespräch mit Karl Heinz geht mir nicht aus dem Sinn. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit kann Traurigkeit auslösen. Aber ich glaube, die Rückschau lässt ihn zufrieden sein mit seinem Leben und auch dankbar.

Mir macht der Gedanke daran, dass die Zeit hier begrenzt ist, deutlich, wie kostbar die Zeit hier miteinander ist. Diese Zeit zu haben ist für mich nicht selbstverständlich, denn ich habe sie von Gott geschenkt bekommen und dafür bin ich dankbar.

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25APR2026
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Meine Familie liebt Fruchtgummis. Und beim Discounter sind gerade alle unsere Lieblingssorten im Angebot. Also stelle ich mich mit zehn Packungen Fruchtgummis in den Händen an der Kasse an. Das ist mir ein bisschen peinlich. Was denken die Leute wohl von mir, wenn ich so viele Süßigkeiten kaufe?

Vor mir in der Schlange steht eine alte Frau. Der graue Mantel über ihren gebeugten Schultern ist ziemlich verschlissen. Sie dreht sich zu mir um, schaut auf die Packungen in meinen Händen und meint „Gehen Sie ruhig vor. Bei mir dauerts länger.“

Der Korb an ihrem Rollator ist vollgepackt bis obenhin. Brot und Käse, Nudeln, Kaffee, ganz unten ein Sechserpack Wasserflaschen. Sie winkt mich vorbei, und auch noch den Mann, der hinter mir steht.

Der sieht mir ein bisschen unheimlich aus. Arme und Hals sind unsauber tätowiert, die Haare strähnig. Und er riecht nach Zigarettenrauch. Er legt seine Sachen hinter meinen Fruchtgummis aufs Band: Energydrinks, Dosenbier und eine Packung Fertig-Currywurst. Na, denke ich, du lebst ja auch nicht gerade gesund.

Da höre ich, wie der Mann die alte Frau anspricht: „Sagen Sie mal, was haben Sie denn da alles eingepackt? Da müssen Sie aber schwer heben, wenn Sie das alles aufs Band legen wollen. Ich helf Ihnen mal, wenn’s recht ist!“ Und das tut er dann auch. Bückt sich und räumt den Einkauf der alten Frau aufs Kassenband.

Ich schäme mich. Und mir fällt ein Vers aus der Bibel ein: Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an. (1. Sam 16,7)

Ich mache mir Sorgen, was die Leute über meine Süßigkeiten denken – und habe selber diesen Mann völlig falsch eingeschätzt. Wegen dem, was ich vor Augen hatte: Seine Tätowierungen, sein ungesunder Einkauf. Aber entscheidend ist doch das Herz eines Menschen. Und das kann viel schöner sein, als man von außen denken würde. Das will ich mir zu Herzen nehmen.

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24APR2026
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Neulich war ich mit einer Freundin zusammen in einer ehemaligen Kirche. Statt Orgelklängen gibt es da am Freitagabend jetzt laute Popmusik. Statt Kirchenbänken eine große Tanzfläche, über der sich eine Discokugel dreht.

Eigentlich hatte ich gar keine Lust, herzukommen. Die Woche war lang, ich bin müde. Und Tanzen in einer Kirche? Muss das sein? Aber meine Freundin hat keine Ausrede gelten lassen: „Schau es Dir doch wenigstens mal an!“ Als wir ankommen, wummert aus großen Boxen der Bass.

Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr Tanzen. Und bisher habe ich in Kirchen nur Gottesdienste gefeiert. Aber jetzt, wo wir schonmal hier sind... Okay. Ich lasse mich von meiner Freundin auf die Tanzfläche ziehen. Am Anfang ist es mir unangenehm. Ich glaube, meine Bewegungen sehen etwas albern aus. Aber zum Glück kenne ich hier ja niemanden. Ich schließe die Augen und versuche, mich nur auf die Musik zu konzentrieren. Und es dauert gar nicht lange, da finde ich in den Rhythmus.

Später am Abend bin ich immer noch auf der Tanzfläche. Aber mit offenen Augen. Ich sehe mich um und wundere mich. Hunderte Menschen, die sich nicht kennen, in einem Raum. Wippen im Takt, als wären sie unsichtbar miteinander verbunden. Manche bewegen sich, als wären sie ganz in sich selbst versunken und doch gut aufgehoben in der Menge. Andere halten Blickkontakt zu ihren Freunden, hüpfen im Kreis und singen laut mit. Eine tritt dem anderen aus Versehen auf den Fuß, aber der lacht sie an, und beide tanzen einfach weiter.

Meine Müdigkeit ist weg. Meine Zweifel auch. Die Musik, die Bewegung und diese eigenartige Gemeinschaft mit Menschen, die ich gar nicht kenne, tun mir gut. So viel positive Energie an einem Freitagabend – damit hatte ich nicht gerechnet.

In der ehemaligen Kirche, die jetzt ein Tanzhaus ist, werden keine Gottesdienste mehr gefeiert. Aber ein klitzekleines Gebet wippt jetzt doch durch meinen Kopf: Gott, Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Ps 30,12)

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23APR2026
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Über Lehrer wird ja oft geschimpft. Und über Schüler auch.Diese Lehrerin ist zu streng, jener Lehrer zu lasch, alle nicht engagiert genug. Und Jugendliche sind sowieso faul und interessieren sich nur für TikTok.

Wer so redet, war noch nie auf einem Schulkonzert. Ich habe neulich eins besucht, und es war musikalisch viel besser als ich erwartet hätte. Aber noch beeindruckender als die Qualität der Musik war das, was vor, auf und hinter der Bühne zwischen den Menschen passiert ist.

Da sind Jugendliche, mitten in der Pubertät, die den Mut aufbringen, sich auf einer Bühne zu zeigen mit dem, was sie können und was ihnen etwas bedeutet: Sie singen, sie musizieren, sie moderieren den Abend.

Da ist dieser Lehrer, der seine Big Band mit so viel Enthusiasmus dirigiert, dass er alle im Saal ansteckt. Da ist der Chor, der den Mitschüler feiert, der ein Solo gesungen hat. Da sind Lehrkräfte, die im Unterricht als streng gelten, aber als Dirigentin, als Mitglied des Orchesters oder als Bühnenmitarbeiter andere Facetten von sich zeigen: nahbar, engagiert, begeisterungsfähig. Da sind junge Menschen, die aufeinander Acht geben, umsichtig auf kleinstem Raum ihre Notenständer positionieren, einander konzentriert zunicken. Und da ist ein respektvolles Publikum, das mitfiebert, das den Mut und den Fleiß der Musizierenden mit Applaus belohnt und wackelige Töne wohlwollend wegschmunzelt.

An diesem Abend habe ich eine Gemeinschaft erlebt, die meiner Vorstellung vom Himmel auf Erden schon ziemlich nah kommt:

So könnte es doch überall sein, wenn wir uns gegenseitig ermutigen und anfeuern und einander gute Momente gönnen. Wenn wir anerkennen, was jemand von sich zeigt, anstatt noch den kleinsten Fehler zu suchen. Wenn wir aufeinander achtgeben, zusammenrücken, helfen, anstatt nur an uns selbst zu denken. Das wäre doch himmlisch!

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22APR2026
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Malaika ist fünf Jahre alt. Jeden Tag geht sie in den Kindergarten. Malaika ist Schwarz und jeden Tag hat sie das Gefühl: ich komme hier nicht vor. Sie blättert durch ihre Bilderbücher, sie schaut Kinderfilme, sieht Bilder an den Wänden – und überall begegnen ihr Menschen, die nicht so aussehen wie sie:

Da sind weiße Prinzessinnen, weiße Heldinnen und weiße Kinder. Auch die Mamas und Papas sind weiß, genauso wie die Großeltern. Malaika weiß: Es gibt weiße Menschen und Schwarze, wie Mama, Papa und sie selbst. Aber in der Kita ist sie die Einzige mit dunkler Haut.

Auch wenn niemand etwas Böses sagt, auch wenn alle freundlich sind – Malaika spürt: Ich bin anders. Ich passe nicht ins Bild. Und das macht etwas mit ihr.

Strukturelle Ausgrenzung ist nicht laut. Sie hat keine bösen Worte. Kein Wegschubsen. - Du bist da und wir mögen dich – aber so ganz gehörst du doch nicht in unsere Welt. Dieses Gefühl hat Malaika oft, wenn sie morgens in die Kita kommt.

An diesem Morgen setzt sich die Erzieherin in den Morgenkreis. Sie hat eine neue Kinderbibel in der Hand. Die heißt „Alle Kinder Bibel“.

Auf den Bildern sieht man Menschen mit heller Haut und mit dunkler. Da sind Jungen und Mädchen, Männer und Frauen und Babys. Jedes Alter kommt vor, jede Körperform. Menschen mit Einschränkungen und ohne.

Auf den Bildern stehen Wörter in verschiedenen Sprachen. Die Erzieherin sagt: „Da steht ‚Liebe‘ auf Englisch, auf Arabisch und auf Suaheli.“ Auch der Jesus in dieser Kinderbibel hat eine dunkle Haut.

Die Bibel erzählt Geschichten von ihm: Wie er Menschen anspricht, die sonst keiner sieht. Wie er sich neben die stellt, die am Rand stehen. Wie er niemanden sortiert nach Aussehen, Herkunft, Stärke oder Schwäche.

Malaika rückt näher. Hört zu. Schaut auf die Bilder. Und zum ersten Mal kommt sie vor. Als sie nachmittags von ihrer Mutter abgeholt wird, ist Malaika ganz aufgeregt und platzt sofort damit heraus: „Mama“, sagt sie, „Jesus ist auch so wie wir.“

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21APR2026
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Als ich Lillibet zum ersten Mal wirklich wahrnehme, ist sie schon eine ältere Dame. Sie ist eher klein. Äußerlich nicht besonders auffällig. Wenn da nicht ihre extravaganten Hüte wären. Aber immer wenn sie spricht, klingt es ein wenig unbeholfen und steif.

Lillibet ist eigentlich niemand, dem man besondere Beachtung schenken würde. Trotzdem fasziniert sie mich. Besonders ihr Lebensweg: Denn der ist für sie schon als junges Mädchen vorgezeichnet.

Wenig in ihrem Leben entscheidet Lillibet selbst. Meist tun das andere für sie. Bis in den kleinsten Winkel ihres Alltags hinein ist Lillibets Leben vorbestimmt und klar geregelt: Termine, Verpflichtungen, Auftritte.

Das Ganze immer im Blick der Öffentlichkeit. Jeder Schritt wird beobachtet, jede Geste kommentiert. Kein Raum für Spontanes, kaum Platz für Privates und Persönliches. Und doch nimmt diese kleine Frau ihre Aufgabe an. Über Jahrzehnte hinweg. Klaglos, nicht spektakulär, nicht laut. Sicher nicht fehlerfrei. Aber mit einer Haltung, für die mir nur ein altmodisches Wort einfällt: Pflichtbewusstsein.

„Mein ganzes Leben, ob es lang oder kurz sein wird, soll in euren Dienst gestellt sein.“ hat sie einmal gesagt.

Ein Satz, der mich beschäftigt. Das eigene Leben in den Dienst einer Sache zu stellen, die größer ist als man selbst – das würde mir echt schwerfallen. Und genau darum habe ich Respekt vor Lillibet.

Jesus sagt einmal: „Der Größte unter euch, soll euer Diener sein.“

Dienen – nicht als Unterordnung, sondern als Haltung: für andere da sein, Verantwortung übernehmen, sich selbst nicht zum Mittelpunkt machen, selbst wenn man im Zentrum steht. Lillibet hat aus dieser christlichen Haltung immer Kraft gezogen.

Heute, am 21. April, wäre sie einhundert Jahre alt geworden. Ihr voller Name lautet: Elizabeth Alexandra Mary Windsor. Aber die meisten kennen sie als: Königin Elisabeth II. von England.

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20APR2026
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Christiane schaut auf ihr Handy. Gefühlt zum 100. Mal. Schon seit Stunden. Eigentlich weiß sie: Es ist alles in Ordnung. Aber sie hat keine Ruhe und kann das Handy nicht aus den Augen lassen.

Vor ein paar Wochen ist ihre Tochter Sarah zum Studium in eine andere Stadt gezogen. Abitur geschafft, Koffer gepackt, fort von zuhause. Christiane hat sie ziehen lassen. Mit gemischten Gefühlen. Natürlich ist sie stolz auf ihre Tochter. Und wie!

Und sie weiß auch: Sie hat Sarah alles mitgegeben, was man braucht fürs Leben:
Vertrauen, Neugier, ein bisschen Mut und hoffentlich genug Verstand, um nicht jeden Unsinn mitzumachen.Und trotzdem: Seit Sarah weg ist, denkt Christiane ständig an sie. – Wie es ihr wohl geht? Ob sie klarkommt?

Heute ist es wieder besonders schlimm: Sarah hat gesagt, dass sie am Wochenende wegfährt mit Freunden. Und normalerweise meldet sie sich kurz, wenn sie angekommen ist. Diesmal nicht.

Christiane schaut wieder aufs Handy. Nichts. Kein Anruf. Keine Nachricht.Soll sie nachfragen? „Melde dich doch mal!“ schreiben? Eigentlich möchte sie das nicht. Sie will keine dieser Mütter sein, die ständig kontrollieren. Aber die Sorge sitzt ihr im Nacken.

Ein Satz aus der Bibel fällt Christiane ein: „Werft Eure Sorge auf Gott, denn Gott sorgt für Euch.“ Mit Gott kann ich meine Sorgen teilen, er nimmt sie ernst. Sagt: „Ich bin da. Für dich und für dein Kind.“

Kinder großziehen heißt: Loslassen lernen. Ihnen zutrauen, ihren Weg selbst zu gehen, Fehler zu machen, Erfahrungen zu sammeln –ihr eigenes Leben zu leben. Loslassen – im Vertrauen auf mein Kind und auf Gott, der bei ihm ist, auch wenn ich selbst es nicht mehr bin.

Christiane legt das Handy bewusst auf den Tisch. Jetzt reicht’s. Keine Sorgen mehr für heute. In diesem Moment klingelt es. Christiane öffnet die Tür. Und da steht Sarah – mit Rucksack und breitem Grinsen. „Überraschung, Mama!“ sagt sie. Christiane umarmt ihre Tochter und denkt dabei: Manchmal ist Vertrauen wirklich besser als Sorgen.

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18APR2026
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Unser neunjähriger Enkel geht dieses Jahr zur ersten heiligen Kommunion. „Und, was macht ihr so in der Kommunionvorbereitung?“, frage ich ihn. Er antwortet: „Nur unnützes Zeug. Wir taufen Kuscheltiere.“ In einer Kommunionstunde brachten alle Kinder ihre Lieblingskuscheltiere mit und tauften sie. Ich vermute, die Katechetin wollte den Kindern so das Thema „Taufe“ handgreiflich nahebringen. Denn die Zahl der Taufen ist in Deutschland deutlich zurückgegangen, immer weniger Kinder können anschaulich erfahren, was bei einer Taufe geschieht. Einige in der Gruppe sind selbst noch nicht getauft oder haben noch keine Taufe miterlebt. Da ist es vielleicht doch nicht unnütz, wenn sie an ihrem geliebten Kuscheltier sehen, wie Taufe geht.

Zugleich erlebe ich im Freundes- und Bekanntenkreis, auch in der eigenen Familie eine zarte andere Bewegung: Vermehrt erzählen mir Eltern ungetaufter Kinder, dass ihre Kinder im Schulalter eines Tages zu ihnen kommen und sagen: „Ich will getauft werden.“ Der Anstoß kommt aus dem Religionsunterricht oder aus dem Freundeskreis, wo ein anderes Kind zur Kommunion geht oder wo in einer befreundeten Familie erfahren wird, was das heißt: Christlich leben. Auch Großeltern stoßen bisweilen die Taufe ihrer Enkelkinder an.

Das ist keine Massenbewegung, für mich aber ein Hoffnungszeichen. Vielleicht bahnt sich da ein Wandel an: Die Kleinkindtaufen nehmen ab, die Taufen von Schulkindern und Erwachsenen nehmen ganz langsam, aber stetig zu. Und das passt in unsere Zeit. Wir wollen ja, dass Menschen existentielle Entscheidungen bewusst und informiert treffen. Und vielleicht ist es auch für Kirchen und Gemeinden ein Ansporn, wenn sie die Menschen nicht schon als Kleinkinder in der Tasche haben, sondern sich werbend und gewinnend um sie bemühen müssen. Und wenn die Kinder durch das Taufen von Kuscheltieren auf den Geschmack kommen, ist das vielleicht auch nicht falsch.

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17APR2026
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Wie üblich will ich in der fremden Kirche eine Kerze aufstellen und kurz beten. Bei dem Preisschild für die Kerze stoße ich auf folgende Notiz: Wer Geld hat, zahlt bitte pro Kerze 50 Cent. Wer kein Geld hat, kann auch eine Kerze aufstellen ohne zu bezahlen.

Diese Worte freuen mich. So stelle ich mir Kirche vor: Nicht aus allem Geld machen, nicht jedem Cent hinterherlaufen. Auch nicht alles kontrollieren, sondern darauf vertrauen, dass die Menschen schon richtig mit dem Angebot umgehen und es nicht missbrauchen.

Und das gilt nicht nur für eine kleine Kerze. Suppenküchen für Obdachlose, Beratung für überschuldete Menschen und vieles mehr gibt es bei den Kirchen kostenlos. Und nicht zu vergessen: Unermüdlich bieten die Kirchen Gottesdienste an. Dort können Menschen danken und bitten, auch klagen. Sie können Gott begegnen und sich geistlich erholen. Und immer kostenlos, nicht nur für Kirchensteuerzahler.

Wegen der durchaus berechtigten Vorwürfe gegen die Kirchen wird oft vergessen, dass sie gerade in unserer durchkommerzialisierten Welt eine ganz wichtige Funktion erfüllen: Sie zeigen, dass Existentielles nicht käuflich sind – aber auch nicht gekauft werden muss. Versöhnung und Vergebung, Dank und Bitte, Lobpreis und geistliche Begegnung haben eben keinen Preis, sondern stehen für alle offen. Natürlich muss das alles auch irgendwie bezahlt werden. Aber ein Soziologe hat es mal auf den Punkt gebracht: Die Kirche ist die einzige Organisation, die zum Vorteil derer existieren soll, die nicht ihre Mitglieder sind. Kirchensteuerzahlerinnen und -zahler halten für alle einen Raum offen, in dem nicht zählt, was man zahlt. Das gelingt den Kirchen nicht immer. Aber wo es ihnen gelingt, kommen sie ihrer eigentlichen Berufung nach. Und sei es nur mit einer kleinen Kerze.

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16APR2026
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„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Dieser Satz des ehemaligen Staatspräsidenten Gorbatschow ist zum geflügelten Wort geworden. Einfach weil es in vielen Fällen stimmt. Wer im Theater, beim Bus oder Flugzeug zu spät kommt, den bestraft das Leben sofort: Er geht leer aus, kommt nicht rein und kommt nicht mit. Das gilt auch für die Politik oder existentielle Dinge: Angeblich begegnen wir in unserem Leben durchschnittlich nur drei Personen, die als langfristige Partnerin oder Partner in Betracht kommen. Wer zu lange wartet, die Gelegenheiten verpasst, für den ist es vielleicht irgendwann zu spät. Also wollen wir uns sputen und allzeit wachsam sein, auch wenn es anstrengend ist.

Die Bibel erzählt die Geschichte von Thomas, der auch zu spät kommt: Jesus ist auferstanden und erscheint seinen Jüngern. Die sind begeistert, dass ihr Herr lebt, und sie können wieder an ihn glauben. Nur einer fehlt: Thomas. Er war zu spät, kam erst dazu, als alles rum war. Die anderen Jünger erzählen ihm freudig von ihrer Begegnung mit Christus. Aber Thomas glaubt ihnen nicht. Er will nur seinen eigenen Augen, seiner eigenen Erfahrung vertrauen. Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Die einen haben den lebendigen Christus gesehen und glauben an ihn, der andere hatte Pech, war zu spät und ist raus. Doch die biblische Geschichte geht weiter: Jesus erscheint noch einmal und wendet sich eigens dem Thomas zu. Der ist beeindruckt, ja überwältigt von der Begegnung mit dem Auferstandenen und findet wie die anderen zum Glauben.

Diese Geschichte handelt von Thomas, noch mehr aber von Gott. Gott hält sich nicht an den Satz von Gorbatschow, er bestraft nicht die, die zu spät kommen. Er lässt sie nicht hängen, unternimmt einen zweiten Versuch und wahrscheinlich auch noch weitere. Niemand muss zu sich sagen: Ich habe die Gelegenheit verpasst, mit Gott ins Reine zu kommen oder eine Beziehung zu ihm zu suchen. Denn um Gott zu begegnen ist es im Leben nie zu spät.

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