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30JAN2024
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„Wenn du bis nächstes Jahr eine gute Hexe geworden bist, dann darfst du vielleicht mit uns großen Hexen mittanzen“, sagt die Oberhexe zur kleinen Hexe. So beginnt das gleichnamige Buch, geschrieben von Otfried Preußler. Er erzählt, wie die Kleine Hexe sich ein ganzes Jahr lang bemüht, eine gute Hexe zu werden. Fleißig übt sie das Hexen.

Und weil sie denkt, dass eine gute Hexe Gutes hexen soll, hilft sie übers Jahr vielen Menschen und Tieren. Doch dann wird sie von den großen Hexen schrecklich niedergemacht. Denn sie sind der Meinung: „Nur Hexen, die immer und allezeit Böses hexen, sind gute Hexen! Du bist eine schlechte Hexe, weil du in einem fort Gutes gehext hast!“

Als Kind habe ich mich vor den großen Hexen in der Geschichte gegruselt. Sie waren so gemein und biestig. Und die Kleine Hexe tat mir leid: Es war doch ihr größter Wunsch, zu den Großen zu gehören. Aber Gutes zu tun, hatte die Kleine Hexe zu einer fröhlichen und liebenswerten Person gemacht. Sie hat gewusst, dass sie das Richtige getan hatte und sich am Ende gegen die großen Hexen entschieden, zu denen sie früher dazugehören wollte.

Im echten Leben ist natürlich nicht alles so Schwarz-Weiß. Und hexen kann ich nicht. Aber ich glaube schon, dass es Menschen fröhlicher und liebenswerter macht, wenn sie sich dafür entscheiden, Gutes zu tun. Vielleicht sogar dann, wenn die anderen einen deswegen auslachen.

„Vergesst nicht, Gutes zu tun“, heißt es auch in der Bibel (Hebr 13,16a).

Das mögen manche naiv finden. Aber ich möchte die Welt ein kleines Stückchen besser machen. Möchte meine Fähigkeiten dafür nutzen, jemandem zu helfen oder jemanden zum Lachen zu bringen. Ich glaube, dass das das Richtige ist. Und seien wir mal ehrlich: Das ist wirklich keine Hexerei!

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29JAN2024
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„Der Sturm wird immer stärker!“, rufen die Kinder ängstlich. Das Mädchen mit den roten Zöpfen antwortet: „Das macht nichts. Ich auch.“ Das Mädchen heißt Pippi Langstrumpf, die mutige Heldin der Autorin Astrid Lindgren. Sie fürchtet sich vor nichts und niemandem und beschützt ihre Freunde vor jeder Gefahr.

Pippi ist unglaublich stark. Stärker als die bösen Buben, die die anderen Kinder ärgern; stärker als die Polizisten, die sie ins Heim stecken wollen und stärker als der wilde Stier, den sie einfach bei den Hörnern packt.

Als ich klein war, habe ich mir manchmal vorgestellt, wie es wohl wäre, so stark zu sein, dass ich vor gar nichts Angst haben muss. Aber wer als Erwachsener noch glaubt, er sei stärker und schlauer als alle anderen und müsste sich deshalb an keine Grenzen und Regeln halten, der ist ja nicht nur dumm, sondern auch gefährlich.

Es gilt irgendwann, einen guten Mittelweg zu finden:
Mutig genug zu sein, um nicht in zu eng gesteckten Grenzen zu versauern– aber vorsichtig genug, um sich selbst und andere nicht in Gefahr zu bringen.
Zuversichtlich genug zu sein, um die Zukunft nicht so schwarz zu malen, dass sie nur noch zum Fürchten ist – aber realistisch genug, um verantwortlich zu handeln.

Vieles, was in unserer Welt passiert, macht mir Sorge. Ich habe keine Pippi Langstrumpf an meiner Seite, die allem, was ich zum Fürchten finde, ins Gesicht lacht, und die allen, die mir Angst machen, die Zunge rausstreckt.

Aber es gibt Beispiele von anderen mutigen Menschen, die mir helfen. Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer zum Beispiel, wenn er schreibt:
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Mag sein, dass der Sturm noch stärker wird. Aber ich will keine Angst haben. Sondern darauf vertrauen, dass Gott mich stark genug machen wird, ihm zu begegnen.

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27JAN2024
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Strahlende Kinderaugen. Achtjährige, die ganz erleichtert sind und am liebsten gleich noch einmal kommen würden. Das habe ich erlebt bei Beichtgesprächen mit Erstkommunion-Kindern. Die habe ich natürlich nicht im Beichtstuhl geführt, sondern in einem Zimmer des Pfarrhauses, wo wir einander gegenübersaßen. Ich freue mich sehr auf diese Gespräche mit den Kindern. Sie tun sich mit dem Beichten gar nicht schwer, im Gegenteil. Mir geht das Herz auf, wenn ein Kind mir einfach so erzählt, was bei ihm schiefgelaufen ist. Unnötiger Streit mit den Geschwistern. Böse Worte aus der Wut heraus. Wo es gelogen hat. Dass es seine Eltern mal auf den Mond gewünscht hat. Wenn Kinder beichten, dann kommt so manches heraus, womit sie sich selbst und den anderen das Leben schwermachen. Kleine und größere Nöte der Kinder. Es berührt mich sehr, dass schon Kinder dazu stehen, dass sie Fehler gemacht haben oder auf einem unguten Weg sind. Im Gespräch kann ich dann darauf eingehen. Wir können die Situation zu zweit anschauen, warum da etwas schiefgelaufen ist und wie es beim nächsten Mal bessergehen kann. Z.B. beim Streit mit einem Freund. Dann lade ich das Kind dazu ein, dass es die geschilderte schwierige Situation einmal mit den Augen des anderen Beteiligten betrachtet: „Stell dir vor, Du wärest an der Stelle Deines Freundes gewesen. Überlege einmal, wie es ihm ging, als Du da losgedonnert hast, und wie er Dich dabei erlebt hat.“ Wenn ein Kind sich so in den anderen hineinversetzt, dann können wir im nächsten Schritt gemeinsam überlegen, wie es sich in dieser Situation wohl besser verhalten hätte – für weitere, ähnliche Fälle in Zukunft. Und danach sage ich ihm ja noch in der sogenannten Lossprechung ausdrücklich zu, dass Gott ihm sein ungutes Verhalten verzeiht, dass der Fehler bei Gott vergeben und vergessen ist. Und wir beten darum, dass Gott dem Kind hilft, sich in Zukunft anders zu verhalten, damit es ihm bessergeht. Dann strahlen die Kinderaugen endgültig. Wunderbar, wenn Kinder so zu dem stehen können, was sie falsch gemacht haben. Wenn sie erleben, dass sie verstanden werden und verziehen bekommen und wenn sie sehen, wie sie es in Zukunft besser machen können. Ein kleiner Beitrag dazu, dass Kinder heilsam mit sich umgehen und weiter reifen.

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26JAN2024
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Von einem Augenblick auf den anderen war sein Leben ein ganz anderes. Samuel Koch hatte 2010 bei „Wetten, dass…?“ mit 22 Jahren einen tragischen Unfall und ist seitdem querschnittsgelähmt. Gerade hatte er die Aufnahmeprüfung für das Schauspielstudium bestanden. Und dann saß er im Rollstuhl. Sein Studium hat er dennoch gemacht, und er hat jetzt auch ein festes Engagement am Theater. Er scheint sein Leben so anzunehmen, wie es nun ist. Er selbst drückt es etwas verhaltener aus: „Ich möchte der Situation, in der ich bin, etwas Sinnvolles abringen.“ Das tut er ganz konsequent. In seiner Familie, in seinem Beruf, in seinem ehrenamtlichen Engagement für pflegende Angehörige. In den Jahren seit dem Unfall ist ihm vieles neu aufgegangen.

Mich hat sehr beeindruckt, was er in einem Interview dazu gesagt hat: „Ich denke, dass es kein Zufall ist, dass wir auf der Welt sind. Ich glaube, dass der Tod eine Grenze ist, die wir überschreiten können. Deshalb versuche ich, Nächstenliebe und das, was in der Bibel steht, zu leben: Schafft jede Unterdrückung ab, helft, wo ihr könnt, habt keine Angst. Fragen, die dem Zeitgeist entsprechen, wie: ‚Was kann das Leben mir bieten?‘, die drehe ich um in ‚Was kann ich dem Leben bieten?‘ Ganz praktisch versuche ich, mein tägliches Sinnen auf diese Dinge auszurichten. Manche nennen es meditieren, ich nenne es beten. Es ist auch immer wieder ein Hadern und Zweifeln, Versuchen und Kämpfen.“

Seit dem Unfall lebt Samuel Koch viel bewusster, und in manchem hat sich seine Lebensauffassung geändert. Wenn er auf sogenannte Glückskongresse eingeladen wird, dann sagt er den Teilnehmern nicht, dass das eigene persönliche Glück das Höchste ist, was es anzustreben gilt. Seine Überzeugung ist: „Ich glaube, zu helfen ist eine kostbare, zum Teil unterschätzte Ressource. Es hilft mir immer wieder, mich nicht ständig um mich selbst zu drehen, sondern auf mein Umfeld zu blicken, die Perspektive zu weiten, zu schauen: Wo bin ich nützlich? Das gibt mir das Gefühl von Resilienz, Selbstwirksamkeit, Erfüllung und Sinn.“

Mir imponiert, dass die Erfahrungen von Samuel Koch ihn zu solchen Erkenntnissen geführt haben. Zu tiefen Lebensweisheiten.

Für die Ansprache stütze ich mich auf das  Interview „Inklusion heißt aufeinander zugehen“ von Manuela Blum in „Sozialcourage. Das Magazin für soziales Handeln.“, hg. vom Deutschen Caritasverband, Freiburg (www.sozialcourage.de; sozialcourage@caritas.de">sozialcourage@caritas.de), Herbst 2023, S. 14-15.

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25JAN2024
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„Hast Du Dir gute Vorsätze für das neue Jahr gefasst?“ So bin ich an Silvester gefragt worden. Nein, habe ich nicht, ganz bewusst nicht. Denn die Erfahrung lehrt, dass gute Vorsätze meist doch nicht zu den gewünschten Änderungen führen. Wer will, dass sich sein Verhalten ändert, der muss tiefer gehen, auf die Ebene seiner Einstellungen und Haltungen, aus denen das Verhalten herauswächst – dort müsste man ansetzen.

Ich möchte durchaus, dass sich im neuen Jahr das Eine und Andere bei mir ändert. Aber dafür habe ich bewusst einen ganz anderen Weg gewählt. Ich habe mir viel Zeit genommen, um meiner Sehnsucht nachzuspüren. Tief in jedem Menschen wohnt seine Sehnsucht. Sie geht tiefer als Wünsche oder Erwartungen. In ihr zeigen sich meine großen Lebenshoffnungen, was ich wirklich brauche, was mir guttut, was mich im Leben erfüllt. Das ist in mir lebendig, und die Kunst ist, es zu erspüren. Machen oder herbeizwingen kann man seine Sehnsucht nicht, aber sie kann sich zeigen. Dafür ist hilfreich, wenn ich mir Zeit nehme, zur Ruhe komme und loslassen kann. Dann kann die Sehnsucht aus meinem Herzen aufsteigen. Dabei war ich auch diesmal überrascht, was da in mir hochgekommen ist. Aber alles, was mir mein Inneres offenbart, ist ein hilfreiches Signal meiner Seele. Meine Sehnsucht macht mich auf das aufmerksam, was für mich lebenswichtig ist. Und sie setzt neue Kräfte frei für den Weg, der mich mehr zu mir selbst führt. Wer sich von seiner Sehnsucht leiten lässt, der ist auf der Spur des Lebens.

Deshalb ist mir wichtig, dass ich gerade zu Beginn des neuen Jahres mit meiner Sehnsucht gut in Kontakt bin. Wenn ich auf sie höre, wenn ich ihr öfter folge, dann wird sich mit Sicherheit manches in meinem Leben ändern. Und zwar gründlicher und nachhaltiger als durch gute Vorsätze.

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24JAN2024
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„Ich war heute Morgen wieder in meiner Eistonne!“ Meine Freundin Jutta strahlt übers ganze Gesicht. Seit Kurzem hat sie in ihrem Garten ein Plastikfass mit Wasser stehen. Im Badeanzug stellt sie sich morgens ins Fass. „Es ist eiskalt, aber ich bin dann energiegeladen und heiter!“ Das Wort habe ich schon ewig nicht mehr gehört: heiter. Eigentlich taucht es nur noch im Wetterbericht auf: „heiter bis wolkig“.

Dabei bin ich gerne heiter. Ich fühle mich gut, wenn ich heiter bin.

Aber wie soll ich angesichts der weltpolitischen Lage und auch persönlicher Krisen und Verluste „heiter“ sein?

Eine Idee, dass es trotzdem gehen kann, bekomme ich beim Blick auf das Pressefoto des Jahres 2023 von UNICEF. Ein fünfjähriges Mädchen lernt mit ihren beiden Freundinnen Fahrrad fahren. Das Foto zeigt die drei Mädchen auf einer bunten Blumenwiese. Im Hintergrund steigt schwarzer Rauch von einem nächtlichen Drohnenangriff in der Westukraine auf. Die Kinder lassen sich davon nicht stören. Sicherlich haben sie auch Angst, fühlen sich unsicher und bedroht vom Krieg, aber sie lassen sich nicht lähmen. Sie tun Dinge, die man als Kind typischerweise tut: Sie spielen draußen, rennen und toben, lachen.

Für mich sind diese Kinder auch ein Vorbild. Wenn sie es im Kriegsgebiet schaffen, heitere Augenblicke zu erleben, dann kann ich mich nicht wehmütig in die Ecke stellen und nur noch klagen wie schlimm doch alles ist. Ich brauche Heiterkeit, um handlungsfähig zu bleiben oder auch zu werden. Dabei meint Heiterkeit keine Oberflächlichkeit.

Denn die schweren Themen bleiben trotzdem und sie müssen bestanden werden. So gilt es zum Beispiel hierzulande sich mit aller Energie gegen rechte Tendenzen in der Politik einzusetzen, damit unsere Demokratie keinen Schaden nimmt.

Das kostet Kraft und erfordert Mut. Damit ich das schaffe, brauche ich im Leben auch immer Momente, die leichter sind und mich heiter sein lassen.

Ich möchte mir die Fähigkeit bewahren, zu sehen: Es gibt mehr im Leben als die Dinge, die mir Angst machen und mich beunruhigen. Ich möchte das Leben in seiner ganzen Vielfalt sehen. Und da gibt es immer auch interessante, lustige kleine Anekdoten und auch drollige Mutproben und sei es das Eisbaden im Wasserfass.

Das Leben ist immer die Summe aus all dem. Zusammengefasst eigentlich wie im Wetterbericht: „heiter bis wolkig“.

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23JAN2024
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Königsberger Klopse klingen wie sie schmecken: nach schwerer Kost. Immanuel Kant hat die im Salzwasser gegarten Hackfleischbällchen wohl sehr gerne gegessen. Erstaunlich! Ich stelle mir den Philosophen, der vor 300 Jahren in Königsberg geboren wurde, eher sitzend und denkend vor. Da liegen die Klopse doch schwer im Magen.

Was mir allerdings weitaus schwerer im Magen liegt und mich auch gedanklich umtreibt, sind die aktuellen Nachrichten: Der Nahost-Krieg, der Angriffskrieg in der Ukraine und hierzulande der krasse Rechtsruck im politischen und gesellschaftlichen Bereich.

Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass Kant bei meinem schlechten Bauchgefühl weiterhelfen kann. Aber tatsächlich bleibe ich an einem Fernsehbeitrag über ihn hängen.

Seine Überlegungen passen nämlich gut in die aktuelle Zeit. Erst vor einigen Tagen sagt jemand zu mir: „Mit meiner Meinung liege ich aber meistens richtig.“ Die Diskussion ist danach direkt zu Ende gewesen. Kant setzt dagegen das Motto: Benutze deinen eigenen Verstand! Ich soll kritisch denken, also Dinge überdenken, sie von allen Seiten betrachten und abwägen.

Für Kant bleibt es allerdings nicht beim Denken und Diskutieren. Das heißt: Ich bleibe nicht mit meiner schweren Kost im Bauch sitzen. Ich warte nicht einfach aufs Bäuerchen und klage in der Zwischenzeit vor mich hin. Das wäre laut Kant zu einfach: alles besser wissen und alles und jeden und jede kritisieren. Es geht darum, in Bewegung – ins Tun – zu kommen.

Das Ziel von Kant ist: mit Mut und Hoffnung auf die politischen und moralischen Ziele wie Demokratie und Rechtsstaat, Freiheit und Menschenwürde hinarbeiten. Darin finde ich mich mit meinem christlichen Glauben voll und ganz wieder.

Konkret denke ich da an meinen Freund Valentin. Er hat sich als Schöffe beworben. Er möchte sich aktiv für diesen freiheitlichen Rechtsstaat einbringen und die Demokratie stärken. Oder auch mein Nachbar, der in der Jugendarbeit aktiv ist. Er verbringt Zeit mit den Jugendlichen und versucht, die verschiedenen kulturellen Hintergründe miteinander in Kontakt zu bringen.

Schlichte Parolen, scheinbar einfache Lösungen waren nicht Kants Sache und sind auch heute nicht hilfreich. Sie führen nur in die Irre. Denn alle Themen sind heute komplex. Jeder und jede ist aufgerufen mitzudenken und nach Lösungen zu suchen: Auf geht’s! Das führt dann – trotz aller schweren Kost – zu einem guten Bauchgefühl

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22JAN2024
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Der Januar ist bei mir immer allgemeiner Aufräummonat. Der Schreibtisch wird aufgeräumt, Dateien und Fotos sortiert, die Buchhaltung der Imkerei auf Vordermann gebracht. Ich bereite die Steuer vor und miste aus: was brauche ich noch, was nicht. Kurzum: ich schaffe Ordnung. Dabei fällt mir immer das Mantra meines Freunds Valentin ein: „Ordnung ist das halbe Leben!“

Valentin ist es dann auch, der mir im Keller beim Sortieren hilft. Natürlich kommt er dabei auch wieder auf seine Lieblingslosung. Zu meiner Überraschung hängt er aber eine Frage dran: „Wenn Ordnung das halbe Leben ist, was ist dann die andere Hälfte?“

Ich komme ins Überlegen.

Beim Aufräumen versuche ich die Welt zu ordnen – zumindest meine kleine Welt zuhause. Aber auch im größeren Stil gibt es Beispiele für Ordnung: etwa die 10 Gebote aus der Bibel. Sie bieten Struktur und Orientierung und vermitteln auch Sicherheit in einem moralischen Sinne – was ist richtig und was falsch.

Aber Ordnung ist nie absolut. Von Regeln gibt es immer auch Ausnahmen. Das hat Jesus zumindest so vorgelebt. Er steht voll und ganz in der Tradition der 10 Gebote und doch ärgert er sich über die, die nur die pure Regel befolgen, aber kein Herz oder Verständnis für andere zeigen. Für ihn war Vergebung ein wichtiges Thema (vgl. Joh 8,1-11).

Ordnung ist eben das halbe Leben, daneben ist Platz für das andere halbe Leben: Platz für verschiedene Lebenswege, Platz für alles Neue, das mir begegnet, Platz für Fehler, die ich mache.

Ich glaube: Manchmal kann ein Zuviel an Ordnung auch kontraproduktiv sein. Ein anschauliches Beispiel sind die so genannten Gärten des Grauens. Da werden Vorgärten mit dicker Folie abgedeckt, auf die dann noch eine dicke Steinschicht kommt. Quasi Ordnung in Reinform. Aber: Pustekuchen! Irgendwann schafft es ein Löwenzahn und kämpft sich durch. Wenn ich seine Blüte inmitten der Steinwüste sehe, möchte ich am liebsten Applaus klatschen.

Ja, es braucht Ordnung. Sie gibt mir Sicherheit und Orientierung. Aber es braucht auch Platz für verrückte Ideen, ich brauche Freiraum, um Sachen auszuprobieren. Erst beide Hälften zusammen bilden das Leben in seiner ganzen Vielfalt.

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20JAN2024
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Am Jahresanfang spielt sie eine Rolle: die Jahreslosung. Das ist ein einzelner Satz aus der Bibel, den die Kirchen seit vielen Jahrzehnten jeweils für ein Jahr aussuchen als eine Art Motto. Am Jahresanfang wird über diese Jahreslosung gesprochen, Grußkarten werden verschickt – und dann ist die Jahresanfangsstimmung verflogen und wir gehen zur Tagesordnung über. Schließlich schon alles wieder drei Wochen her… Hier eine kleine Auffrischung zur Jahreslosung, die ja eigentlich für 366 Tage – dieses Jahr ist ein Schaltjahr – gedacht ist.

„Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Das schreibt Paulus in die griechische Stadt Korinth. Der Bibelvers gehört ganz offensichtlich zu den Sätzen, in denen es um „alles“ geht. Paulus will erreichen, dass die Korinther nicht nur herumwurschteln und irgendwie über die Runden kommen. Denn das ist erstens anstrengend und zweitens auch nicht erfüllend. Paulus wünscht sich, dass die Gemeinde in Korinth einen inneren Kompass hat, der ihr immer den richtigen Weg zeigt. In ihren Handlungen soll es immer um die gleiche, verlässliche und belastbare Grundhaltung gehen: Liebe. Darunter tut er es nicht. Und Paulus erklärt den Korinthern auch gleich in den Sätzen drumherum, wie sie das denn konkret umsetzen sollen und nennt vier Dinge: Legt erstens regelmäßig Geld für wohltätige Zwecke zurück; begleitet zweitens Freunde auf ihrem Weg; behandelt drittens Gäste gut; lasst es viertens bei euch ordentlich zugehen.

Hm, das habe ich mir, ehrlich gesagt, schwerer vorgestellt. Vielleicht habe ich zu sehr an Liebe als besonderes Gefühl gedacht. Aber hier besteht Liebe ja aus einzelnen Taten, ganz konkret und gar nicht überkandidelt. Wenn ich mir’s recht überlege: Das lässt sich machen. Ja, doch, das geht. Jetzt darf ich die Jahreslosung nur nicht mit guten Vorsätzen verwechseln und vergessen. Dabei kann man sich den Vers gut und einfach merken: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Noch 346 Tage lang und darüber hinaus.

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19JAN2024
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Neulich war ich als Pfarrer bei einer Bestattung. Eine kleine Runde von Trauernden, ein Dutzend Menschen. Ein hochbetagter Urgroßvater war gestorben. Er hatte auch Jüngere überlebt, von der Familie waren Enkelkinder und Urenkel da. Schließlich kam der Augenblick des Abschieds. Einzeln sind die Trauernden nach vorne ans Grab gegangen. Einige haben sich bekreuzigt. Einige die die Hände gefaltet. Einige haben Blütenblätter geworfen, andere Erde ins Grab; dort war die Urne mit der Asche des Verstorbenen. Einige waren Muslime und haben ebenfalls ein stilles Gebet gesprochen für den Toten.

Zwölf Menschen, zwölf Weisen andächtig zu sein. Was für eine Vielfalt, die hier zurückhaltend und sanft zusammengetroffen ist. Die Erinnerung an einen Menschen, dem sie alle verbunden waren, hat sie zusammengeführt. Für einen Augenblick waren die unterschiedlichen Religionen nichts Trennendes. Der Glaube war Ausdruck dafür, dass wir mehr sind als vereinzelte Wesen. Wir gehörten zusammen. Dass wir unterschiedlich glauben, hat uns nicht getrennt. Dieses Gefühl in einem konkreten Augenblick hat gutgetan

Auf dem Heimweg nach der Trauerfeier habe ich bei mir gedacht, dass ich mir das viel öfter wünsche. Und dass doch bitte auch im Großen möglich wird, was im Kleinen gelingt. Versöhnte Verschiedenheit. Frieden zwischen Religionen. Ja, das ist mein Wunsch: Dass sich Gebete vereinen. Dass wir nicht gegeneinander, sondern füreinander beten. Um Frieden. Und um eine Zukunft für unsere Welt. Und um ein glückliches Miteinander. Und um Glaube, Hoffnung, Liebe – ich weiß, das ist ein Dreiklang aus der Bibel. Das ist meine Tradition, das ist, was mich trägt, aber sehr gerne höre ich auch von dem, was anderen wichtig ist und ihnen Halt gibt. Muslime beten zum Beispiel oft mit der ersten Sure des Koran um den richtigen Weg. Ach, es ist so viel, wofür wir gemeinsam beten und bitten können. Wofür beten Sie?

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