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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

11AUG2024
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Neun kleine Enkelkinder und die Großeltern haben einen großen Teich. Können Sie sich das vorstellen? Nicht auszudenken, was da alles passieren kann. Bei unseren Freunden ist das so. Aber die haben gute Nerven und ein beneidenswertes Gottvertrauen: Sie führen ihre Enkelkinder an die Gefahr heran. Und passen auf, dass nichts passiert.

Natürlich übt der Teich eine magische Anziehungskraft auf die Kinder aus. Und trotz aller Wachsamkeit sind fast alle - selbst der Großvater - schon mal hineingefallen. Jetzt könnte man ja annehmen, das sei jedes Mal ein heilsamer Schock. Und die Kinder bekämen mehr Respekt vor der Gefahr. Aber unser Freund hat erzählt, einmal habe er einen seiner Enkel laut weinen gehört. Er ist zu ihm hin und hat gefragt: „Was ist denn los?“

Daraufhin hat der Kleine auf den Teich gezeigt und geschluchzt: „Alle sind schon in den Teich gefallen, nur ich nicht!“ Was tun? Ich hätte mich vermutlich zu dem Kind gesetzt und gesagt: „Schau mal, das zeigt doch nur, wie schlau du bist! Denn wer schlau ist, ist auch vorsichtig. Weil er ganz genau weiß: es ist lebensgefährlich, in den Teich zu fallen.“ - So die Stimme der Vernunft...     
Ganz anders die Reaktion unseres Freundes: Er hat das Kind geschnappt und in den Teich geworfen. - Nein, natürlich nicht ganz so; er hat es festgehalten und mal kurz hineingetaucht. Und der Junge war glücklich. 

Mich beeindruckt dieser entspannte Umgang; und ich würde es gerne genauso machen. Aber ich kann das nicht. Denn wenn es um kleine Kinder geht, sehe ich überall Gefahren; und ich muss mir immer gleich das Schlimmste vorstellen... So tick ich nun mal.

Wie sich wenigstens einen Rest an Leichtigkeit bewahren? Vielleicht so: Wenn man ein ängstlicher Typ ist, muss man auch danach handeln, sonst hat man keine ruhige Minute mehr. Und sich zugleich im Gottvertrauen üben... Denn eine letzte Sicherheit gibt es ja nie. Aber da ist ein Netz, das uns alle hält - selbst wenn die menschlichen Absicherungen versagen. 

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

08JUN2024
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„Ich bin dagegen.“ Das hat der Regisseur Woody Allen geantwortet, als er gefragt wurde, was er vom Tod hält. „Ich bin dagegen.“

Ich konnte mich gar nicht mehr einkriegen vor Lachen, als ich das gehört habe. Was ist eigentlich so komisch daran? Jeder Mensch weiß, dass es überhaupt keine Rolle spielt, ob man mit dem Tod einverstanden ist oder nicht. Wäre es anders, gäbe es vermutlich kaum einen Friedhof. Auch Woody Allen weiß das ganz genau. Aber der Witz ist: Er ignoriert das einfach und erhebt Einspruch, ganz so, als ob er dem wirklich etwas entgegenzusetzen hätte.  

Ich mag diesen Umgang mit dem Unausweichlichen:
Humor kann den Tod nicht verhindern. Aber er kann immer wieder an die Kraft erinnern, die vom Humor ausgeht. Denn wer lacht, erhebt sich über sein Schicksal. Für den Augenblick, jedenfalls. Und das hilft, was nicht zu ändern ist, anzunehmen. 

Ein Kollege von mir, der jung gestorben ist, hat mir erzählt, dass er mit seinem Tumor spricht. Er würde ihm immer wieder drohen und sagen:
„Eines sage ich dir: Wenn du mich tötest, nehme ich dich mit!“

Wir mussten beide lachen, obwohl er schon schwach war. Aber das ist eben seine Bewältigungsstrategie gewesen. Und der Witz ist, dass er ja vollkommen recht hatte: Jede tödliche Erkrankung besiegelt am Ende auch ihr eigenes Schicksal. Das kann man der Krankheit gegenüber eigentlich gar nicht oft genug betonen...

Auch meine Mutter hat ein paar Tage vor ihrem Tod etwas zu ihrem Arzt gesagt, an das ich mich immer mit einem Schmunzeln erinnern werde.
Wie so viele Sterbende, war sie den einen Tag mehr und den anderen wieder etwas weniger einverstanden mit ihrem Tod. Zu dem Arzt hat sie gesagt:
„Ach, wissen Sie, eigentlich würde ich ja so gerne noch eine Flussreise machen, mit meiner Schwester. Und wenn ich dann sterbe, können die mich doch einfach über Bord werfen...“

Das war so typisch für sie. Meine Mutter ist immer ein extrem praktisch denkender Mensch gewesen. Ihre letzte Reise ist sie dann aber gottlob doch vom Bett aus angetreten.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

07JUN2024
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Was macht Eheringe eigentlich so kostbar? Die meisten Menschen sind ja am Boden zerstört, wenn sie ihn verlieren. Vielleicht liegt es daran, dass so ein Ring kein sichtbares Ende hat. Und genau das wünschen sich Menschen auch für ihre Ehe. Und ist der Ehering dann plötzlich weg, ist das Symbol für dieses Glück unwiederbringlich verloren.

Ich vergesse nie, was ich mal auf einer Fortbildung erlebt habe. Wir alle sollten zu Beginn die Hände und Arme kräftig ausschütteln, zur Auflockerung. Da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie etwas winzig-glänzendes hinten durch den Raum kullert. Später sehe ich nach: im hintersten Winkel, kaum zu sehen, liegt ein Ehering. Der Besitzer ist mir fast um den Hals gefallen, vor Freude. Er hatte ihn nämlich schon einmal verloren...

Da war er im Urlaub mit seiner Frau. Mittags haben sie an einem See Halt gemacht und sind geschwommen. Am Abend fragt seine Frau: „Wo ist eigentlich dein Ehering?“ Er sieht auf seine Hand und erschrickt: Der Ring, der schon seit 18 Jahren an dieser Hand sitzt, ist weg. Es muss am See passiert sein...

Am nächsten Morgen fahren sie direkt dorthin. Und wie sie das Ufer absuchen, schließen sich ihnen Leute an, darunter auch ein achtjähriges Mädchen. Alle suchen am Ufer und am Strand. Es werden einige Kronkorken aufgesammelt, aber der Ring ist nicht dabei. Nach zwei Stunden geben sie auf. Der Ehemann lässt betrübt die Schultern hängen. Da kommt das Mädchen und sagt:
„Der Ring war ganz schön wertvoll, oder?“
„Nein“, sagt er. „Aber an dem Ring hängen so viele, schöne Erinnerungen.“
„Dann bist du wohl ganz schön traurig“, sagt sie.
„Ja“, sagt er, „das bin ich.“

Sie schauen beide vor sich auf den Boden. Da sieht er etwas glänzen, direkt vor seinen Füßen. Er bückt sich. Und es ist der Ring! Vor lauter Freude gibt er dem Mädchen einen Finderlohn. 
„Aber ich habe doch gar nichts gemacht“, sagt sie.
„Doch. Wenn du nicht genau an dieser Stelle mit mir geredet hättest, hätte ich ihn niemals gefunden.“
Und so hat es sich gefügt, dass dieser Ehering um eine Geschichte reicher geworden ist. Und ich ebenso...

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

06JUN2024
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„Halleluja!“, schreit der Junge auf dem Spielplatz. Jedes Mal, wenn er mit seinem kleinen Ball das angepeilte Ziel trifft, schreit er lauthals „Halleluja!“ Es werden sehr viele „Hallelujas“, mit der Zeit. Und ich spüre, wie es allmählich anfängt, mir ganz schön auf den Wecker zu gehen.

Warum eigentlich? Ich könnte mich doch auch freuen, dass ein Kind mit solcher Inbrunst „Halleluja“ brüllt... Aber: es ist nun mal ein Spielplatz. Und der Junge hat bestimmt keine Ahnung, was er da schreit. Und diese mangelnde Ehrfurcht stört mich in meinem religiösen Empfinden. Denn Halleluja ist ja ein Lobpreis auf Gott. Übersetzt heißt es „Lobet den Herrn“ und wird in jedem Gottesdienst laut ausgesprochen oder gesungen. Und da gehört es auch hin. Hier, mitten auf dem Spielplatz, finde ich das Halleluja schon ziemlich unangebracht; und zweckentfremdet noch dazu.

Auf der anderen Seite: Viele von uns Erwachsenen führen Gott doch auch ständig im Munde - und sind sich auch nicht unbedingt im Klaren darüber: „Gott sei Dank!“ höre ich mich und andere bei jeder Gelegenheit sagen. „Oh, mein Gott!“, rufen viele aus, wenn sie die Welt grad nicht verstehen - sei es aus Verzweiflung oder Begeisterung. „Dann mach es halt, in Gottes Namen!“, sagen manche, wenn sie am Ende ihrer Nerven sind. Und ich kenne einige Leute, die ständig „Um Gottes willen!“ ausrufen, obwohl sie von sich behaupten, mit Gott rein gar nichts am Hut zu haben.   

Was ist dagegen schon ein Junge, der lauthals „Halleluja!“ schreit, weil er sich auf dem Spielplatz seines Lebens freut? Ein Satz aus dem biblischen Buch der Psalmen schleicht sich mir den Kopf. Da heißt es: „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob.“

Kinder und Säuglinge wissen ja auch nicht, was sie tun. Aber ihr Geschrei wird in Gottes Ohren offenbar zum Gotteslob - und in diesem Fall sogar wortwörtlich. So betrachtet gefällt mir das Halleluja-Geschrei auf dem Spielplatz immer noch nicht. Aber ich kann es etwas besser ertragen...  

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

30MRZ2024
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Heute ist Karsamstag. Der Tag der Grabesruhe. Am Karsamstag ist das Schlimmste vorbei. Vorbei das Leiden; vorbei der Schmerz. Jesus ist tot.

Jetzt heißt es, die Leere ertragen. Und nicht wissen, wie es weitergeht...

Ein Gefühl der Leere und der Hoffnungslosigkeit hat sich auch damals unter den Jüngerinnen und Jüngern breitgemacht. Die einen haben sich vor Schreck in ihren Häusern verkrochen. Andere sind traurig davongelaufen. Und wieder andere sind nicht von ihm gewichen; auch nicht, als er tot war.

In der Bibel wird erzählt: Noch in der Nacht seines Todes wurde Jesus in einer Gruft beigesetzt. Da war nämlich dieser angesehene Bürger, Joseph von Arimathäa, der wollte Jesus begraben. Deshalb hat er hat die Behörden um seinen Leichnam gebeten.

Das ist ganz schön mutig gewesen, denn Jesus ist ja als Unruhestifter getötet worden. Und wer mit so einem sympathisiert, der macht sich verdächtig...

Doch Joseph hat Glück; vielleicht hat ihm auch sein Ansehen geholfen.  Jedenfalls: die Behörden überlassen ihm den Leichnam. 

Joseph besitzt eine Grabstätte. Dorthin bringt er Jesus; dort soll er ruhen.

Er wickelt ihn in ein Leinentuch und legt ihn in die Gruft. Dann wälzt er einen großen Stein davor und geht. Was er tun konnte, hat er getan. (Mt 27, 57-61)

Im Matthäusevangelium heißt es weiter: „Es waren aber dort Maria Magdalena und die andere Maria, die saßen dem Grabe gegenüber.“

Die beiden Marias sind ihm offenbar gefolgt und haben alles mitangesehen. Erstaunlich, oder? Die Frauen bleiben. Und harren weiter aus.

Ich glaube, ich wäre auch weggelaufen, so wie die anderen Jünger. Aus Angst um mein Leben.

Aber Maria Magdalena und die andere Maria bleiben. Das ist der Ort ihrer Trauer; hier sind sie dem Toten nah. Und sie tun, was das Richtige für sie ist: Sie wachen und schweigen.

Wie lange sie wohl so dasitzen? Ich stelle mir vor, bis zur Morgendämmerung. Das Herz randvoll. Und doch auf seltsame Weise furchtlos. 

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

28MRZ2024
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Heute ist Gründonnerstag. Als Kind habe ich gedacht, Gründonnerstag heißt so, weil es wieder grün um einen herum wird. Aber vermutlich geht es eher auf das althochdeutsche Wort „greinen“ zurück - das heißt so viel wie „weinen“. Und das ergibt ja auch Sinn, am Tag vor Karfreitag.

In der Bibel wird erzählt, wie Jesus die Nacht von heute auf morgen in Todesangst verbracht hat (Mt 26,17-56). Mit seinen engsten Freunden flieht er in den Garten Gethsemane. Er möchte beten. Die Freunde sollen ein wenig abseits wachen. „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod“, sagt er. „Bleibt hier und wacht mit mir.“

In der Stille des Gartens wirft er sich auf die Erde und bringt seine entsetzliche Angst vor Gott. Und seinen innigsten Wunsch:

„Vater, ist´s möglich, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen.

Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Dreimal betet er so, zerrissen zwischen göttlichem Auftrag und menschlicher Angst. Er möchte weiterleben und nicht diesen furchtbaren Tod erleiden. Und zugleich gibt er sich unendlich vertrauensvoll in Gottes Hand.

Während Jesus um sein Leben und Sterben ringt, schlafen seine Freunde ein.

Sie sind so müde und die Todesangst ist so fern...

„Konntet ihr nicht eine Stunde wachen?“, fragt Jesus, als er sie so findet. Und man hört den Vorwurf. Die Enttäuschung. Und die abgrundtiefe Einsamkeit.

Aber eben das ist die Welt, für die er sterben wird:

Eine Welt voller Unzulänglichkeiten. Voller Abgründe. Voller Grausamkeit und himmelschreiender Ungerechtigkeit. Und voller Hass. Und zugleich eine Welt voller Leben und Freude und unergründlicher Schönheit. - Es ist die Welt, die Gott liebt.

Diese göttliche Liebe ist in Jesus Mensch geworden. Eine menschgewordene Liebe, die den Hass überwinden wird, indem sie sich ihm vollkommen ausliefert; bis ans Kreuz, bis in den Tod.

Aber auf den Trümmerfeldern von Tod und Zerstörung wird die Liebe Gottes auferstehen. Denn sie ist stärker; stärker als jeder Tod.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

27MRZ2024
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So eine Szene kommt in jedem besseren Krimi vor:

Da ist jemand getötet worden. Und eine völlig unverdächtige Person aus dem Umfeld gibt sich die Schuld: „Es ist alles meine Schuld“, bricht es aus ihr heraus. Und immer, wirklich immer, ist die Reaktion wie folgt:

Augenblicklich versucht jemand reflexartig, diesem Menschen die Schuld wieder auszureden: „Nein, das ist nicht Ihre Schuld“ beteuert beispielsweise die untersuchende Kommissarin.

Und das, obwohl es nie funktioniert.

Die Schuld geht davon im Krimi genauso wenig weg wie im richtigen Leben.

Aber warum ist das so? Weil alle aneinander vorbeireden.

Für die Außenstehenden ist die Sache klar: Da gibt es eine echte, nachweisbare Schuld. Und eine gefühlte - oder auch nur eingebildete - Schuld. Und von dieser Beurteilung möchten die Außenstehenden dann auch die betroffene Person überzeugen, die sich die Schuld gibt.

Aber die ist gerade ganz woanders. Sie befindet sich in einer Spirale der Selbstvorwürfe. Das gehört dazu, wenn man einen nahen Menschen verloren hat. Schuldvorwürfe und Selbstanklage sind - wenn man so will - der Preis für eine intensive Beziehung. Die Zuneigung und die Liebe löscht der Tod ja nicht einfach aus.

Und deshalb nehmen Schuldgedanken einen so großen Raum ein.

Es reicht auch nicht, dass man sie einmal denkt. Oder zweimal. Schuldgedanken kreisen und kreisen... Und Fragen und Zweifel wiederholen sich tausendfach...

Aber nicht, um Antworten zu hören; oder gar, um korrigiert zu werden.

Sie sind der Ausdruck tiefer Not.

Und das ist das große Missverständnis.

Für mich als Außenstehende sind diese Selbstvorwürfe kaum zu ertragen.

Sie kommen mir vor wie die reine Selbstquälerei.

Deshalb möchte ich die Qualen des anderen auch so gerne beenden.

Aber dagegen wehrt sich der trauernde Mensch. Er fühlt sich nicht verstanden. Denn es geht nicht um meine Sichtweise, es geht um seine. Und die Frage nach Schuld und Unschuld - die ist ein Teil von ihm in seiner Trauer. 

Auch wenn es schwer ist: Es gibt keinen schnellen Ausweg aus dem Leid.

 (Literaturhinweis: Chris Paul: Schuld / Macht / Sinn)

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

26MRZ2024
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Fromme Sprüche sind alles andere als fromm. Jedenfalls dann, wenn ich sie nur benutze, um mich dahinter zu verstecken. Aus Verlegenheit. Oder weil ich nicht weiß, wie ich mein Mitgefühl ausdrücken soll. Aber dann ist es allemal besser, nichts zu sagen und zu schweigen. Denn so ein dahergesagter Spruch kann ungeahnte Folgen haben. 

Ich hab das mal erlebt, im Krankenhaus. Da sitze ich bei einer Patientin am Krankenbett, die erfahren hat, dass ihre Erkrankung nicht mehr heilbar ist.

Plötzlich kommt Besuch hereingeschneit. Und als die Patientin unter Tränen erzählt, was der neueste Stand ist, sagt die Besucherin nach einer kleinen Pause: „Gott lädt keinem mehr auf, als er tragen kann.“

Vermutlich ist ihr gerade nichts anderes eingefallen. Vermutlich hat sie gedacht, das tröstet. Vermutlich...

Aber bewirkt hat sie das genaue Gegenteil:

Die Patientin sieht kurz aus, als hätte man sie geohrfeigt. Dann zeigt sie mit dem Finger auf die Tür und sagt: "Bitte, geh jetzt!"

Die Besucherin verlässt erschrocken das Zimmer. 

„Es tut mir leid“, sagt die Patientin zu mir, „aber das konnte ich keinen Augenblick länger ertragen. - Was maßt sich dieser Mensch eigentlich an? Kommt hier reingeplatzt, macht mein Elend klein und erklärt mir dann auch noch, dass Gott mir das höchstpersönlich aufgeladen hat. Muss ich mich jetzt auch noch verhöhnen lassen!?“

Als sich ihr Zorn gelegt hat, fragt sie mich:

„Glauben Sie das: Gott lädt keinem mehr auf, als er tragen kann?“

„Nein“, sage ich. „Ich glaube nicht an einen Gott, der sich überlegt, welches Leid er, wem am besten aufladen kann. Und es stimmt auch nicht, denn es gibt unendlich viele, die unter ihrer Last zerbrechen.

Ich weiß keine Antwort auf das Leid: Woher es kommt... Wozu es gut ist...

Manchmal können wir einen Sinn darin finden; aber oft genug müssen wir mit der Sinnlosigkeit klarkommen. Nur..., seltsamerweise fühle ich mich Gott ausgerechnet dort am nächsten...“

Wir schweigen eine Weile. Es ist ein gutes Schweigen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

25MRZ2024
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Gestern hat die Karwoche begonnen. Sie wird auch „stille Woche“ oder „Trauerwoche“ genannt. Weil Christen in dieser Woche an das Leiden und Sterben Jesu erinnern.

Die Karwoche ist auch die Woche der Trauernden; denn es geht auch um ihren Abschied und ihren Schmerz. Da kann die Karwoche wie eine kleine, schützende Pause wirken, vor dem Alltagstrubel.

Denn wer in Trauer ist, fühlt sich oft wie abgeschnitten von der Welt.

Für manche ist es kaum mehr möglich, unter Menschen zu gehen. Weil sie die Normalität nicht ertragen: Wie kann sich die Welt einfach so weiterdrehen, als ob nichts wäre? Wo ich doch das Liebste verloren habe...

Das ist schwer zu begreifen. Und tut weh.

Allein schon der Anblick eines Paares, das einander noch hat....

Oder der Anblick einer Familie, die komplett ist, kann mitten ins Herz treffen.

Ob man nun will oder nicht.

Eine Freundin, die ihren Mann verloren hat, beschreibt dieses Gefühl der Fremdheit so: „Es ist, als wenn ich in zwei Zügen unterwegs wäre, die nebeneinanderher fahren:

In dem einen Zug sitzt das ganz normale Leben. Da geht es unbeschwert zu:

Es wird gelacht, geschimpft und über das Wetter geredet.

Und in dem anderen Zug, da sitzt die Trauer. Das ist eine völlig andere Welt.

Da ist es still und leise. Traurig ist es da. Und düster...“

 

Meine Freundin erzählt, dass sie zwischen beiden Zügen hin und her wechselt.  Wenn sie mit Freunden unterwegs ist, und sich wohlfühlt, dann fährt sie mit im unbeschwerten Zug. Aber kaum endet eine schöne Situation, wird sie direkt wieder in den anderen Zug zurückkatapultiert. Da kann sie gar nichts gegen machen, und fühlt sich wehrlos und ausgeliefert.

Sie sagt:

"Das einzig gute ist: Wenn ich so zurückblicke, ist die Zeit in meinem unbeschwerten Zug immer länger geworden. Und die im düsteren Zug kürzer. Es dauert lange. Aber es wird besser."

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

11NOV2023
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„Das Schlimmste ist die Hilflosigkeit“, sagt eine Frau zu mir, deren Mutter im Sterben liegt. „Nichts tun können; nur dasitzen und warten...“

In der einen Hand hält sie die Hand ihrer Mutter; in der anderen ein zerknülltes Taschentuch, mit dem sie sich immer wieder eine Träne aus dem Auge wischt.  

„Das kann ich sehr gut nachvollziehen“, sage ich. „Aber..., auch wenn Sie es vielleicht nicht merken: Sie tun eine ganze Menge.“

Sie sieht mich erstaunt an.

„Sie kommen jeden Tag hierher ins Krankenhaus. Sie nehmen den Weg auf sich; Sie lassen alles stehen und liegen, was Sie eigentlich tun wollten. Und Sie sitzen stundenlang am Bett ihrer Mutter...“

Sie lässt nachdenklich das Taschentuch sinken.

„Ja, und jetzt sprechen Sie mit mir“, sage ich. „Und ihre Mutter kann ihre Stimme hören. Und das ist sicher schön für sie, so eine vertraute Stimme zu hören... Und Ihre Hand zu spüren... - Auch das tun Sie gerade für sie.“

Sie sieht auf die Hand und nickt unmerklich.

„Ja, stimmt schon...“, sagt sie. „Meine Mutter hätte das `Geheischnis´ genannt. Das sagt man bei uns so, auf dem Land, wenn man sich geborgen fühlt.“

„Geheischnis...“, wiederhole ich. „Das ist ein schönes Wort...

„Ja“, sagt sie und lächelt.

„Und da ist noch etwas, das Sie für Ihre Mutter tun. Und es ist vielleicht sogar das Tapferste von allem: Sie halten dies alles hier aus. Das ist schwer; das ist Schwerstarbeit für die Seele.“

Da nickt sie lebhaft.

„Ja, wirklich! Da haben Sie recht. Das ist Schwerstarbeit... Und jetzt, wo Sie das sagen, weiß ich auch endlich, warum ich so erschöpft bin, in letzter Zeit.“

„Ja“, sage ich, „das wundert mich nicht.“

Beim Abschied bedankt sich die Frau und sagt: „Darauf wäre ich nie gekommen: Auch wenn ich nur hier rumsitze, tue ich etwas. Und das ist harte Arbeit, wirklich.“

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