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Keiner von uns hat Matthias gekannt. Wir haben nie mit ihm gesprochen. Nur einer von uns hat ein paar Einzelheiten von den Nachbarn erfahren. Die sind auch zur Beerdigung gekommen und waren dankbar, dass sie sich von Matthias verabschieden konnten.
Matthias ist nämlich gestorben, er war Bürgergeldempfänger, also arm und hatte keine Angehörigen. Er hatte auch nichts hinterlassen, was passieren soll, wenn er stirbt. Die Stadtverwaltung kümmert sich um solche Sterbefälle. Wenn sie keine Angehörigen finden oder wenn es welche gibt, die sich aber nicht um die Bestattung kümmern wollen, dann werden die Verstorbenen „von Amts wegen“ bestattet. Das heißt: Die Urne wird begraben, ohne dass es eine Trauerfeier gibt. Erfährt auch keiner.
Dass Matthias und drei andere, doch mit einer Trauerfeier verabschiedet wurden, haben sie der Tobiasgemeinschaft zu verdanken. Einer Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, in solchen Fällen eine kleine Feier zu organisieren, bevor die Stadt „von Amts wegen“ und einfach so bestattet. Dabei kann in der Tobiasgemeinschaft jeder seine Fähigkeiten einbringen kann. Die einen sprechen ein Gebet, die anderen tragen die Urne, die nächsten sind einfach nur da.
Die Tobiasgemeinschaft hat ihren Namen übrigens aus der Bibel, von einem Tobias, der eben genau das gemacht hat: Er hat Menschen beerdigt, egal woher sie kamen und egal, ob er sie gekannt hat oder nicht. So lernen wir von Tobias und machen es ihm heute nach, damit auch Menschen in Armut in Würde bestattet werden können.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44123Als ich damals mit 15 in meinen neuen Turnschuhen das erste Mal in die Schule gegangen bin, hatte ich den rettenden Einfall: Ich sage den anderen einfach voller Überzeugung: „Ich weiß, das sind keine Markenschuhe, aber Ich hab die ausgesucht, weil sie voll bequem sind!“ Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mir diesen Satz richtig zurechtgelegt habe. Markenschuhe waren damals einfach nicht drin. Mir war es natürlich superpeinlich, dass ich mit solchen Schuhen bei meinen Freunden auftauchte. Deshalb habe ich mich mit diesem Satz geimpft nach dem Motto: Ich hätte Markenschuhe haben können, aber die hier waren halt bequemer!
Das besondere war: Es hat funktioniert! Ein kurzer Blick der anderen auf meine Schuhe, ich hab meinen Satz gesagt und keiner hat je etwas abfälliges zu den Tretern gesagt. Und ich habe gelernt: Die klare eigene Haltung hilft, dass andere dich in Ruhe lassen.
Irgendwie auch schade, denke ich heute, dass es so einen Trick gebraucht hat, damit ich angenommen wurde. Schöner wäre es doch gewesen, wenn das alles gar kein Thema gewesen wäre. Markenschuhe hin oder her. Wenn ich darauf hätte vertrauen können: Egal mit welchen Schuhen, meine Freunde mögen mich und es juckt sie nicht, was ich anhabe.
Ich befürchte, dieses Thema bleibt uns auf ewig erhalten. Denn ich kenne solche Gedanken leider auch von den Kindern und Jugendlichen heute. Umso wichtiger vielleicht immer wieder dagegenzuhalten und ihnen unbedingt zu signalisieren: Egal, wie Du aussiehst und was du anhast: Ich find dich gut!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44122Vor 15 Jahren war ich ganz tief am Boden. Das konnte man sogar sehen. Ich hatte einen Bandscheibenvorfall. Was dazu führte, dass ich wirklich nur noch vornübergebeugt laufen konnte. Um nach vorne zu schauen, musste ich den Kopf heben. Schließlich musste ich operiert werden. Danach 3 Wochen Reha.
Natürlich gibt es in einer Reha ganz schön viel zu tun: Übungen, Behandlungen, Arzttermine, Informationsveranstaltungen. Aber dazwischen wollte noch konnte ich mich groß mit anderen Patienten unterhalten. Also lag ich oft in meinem Zimmer. Und auch wenn ich körperlich wieder einigermaßen aufrecht stehen konnte, fühlte ich mich doch weiterhin, tief am Boden.
Und da, ganz am Boden, drängten sich plötzlich viele Gedanken auf: Arbeit, Alltag, Familie. Alles wurde zu einem großen Problemklumpen, der mich nachts nicht mehr schlafen ließ.
Und weil ich nicht so richtig weiterwusste, gönnte ich mir, was ich sonst anderen gönne: Ein langes Gespräch mit einer Pfarrerin, einer Kurseelsorgerin. Die kam zu mir, saß bei mir am Bett und hörte sich meine Themen und Probleme an.
Als ich merkte, wie viel ich geredet hatte, habe ich kurz gedacht: Kein Wunder, dass dir die Bandscheibe rausgehüpft ist, bei so viel Kummer!
Ich habe nämlich viel gefunden in der Tiefe meiner Seele und meiner Gedanken. Ich war unglaublich froh, dass mir die Kurseelsorgerin zugehört hat und dass sie dabei war, als ich für so Manches endlich Worte gefunden habe. Ich war nicht mehr am Boden. Die OP und das Zuhören haben mich wieder ein Stück aufgerichtet.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44121Fieses Regenwetter. Die Strecke mit dem Fahrrad ist viel zu lang und meine Klamotten sind nur bedingt regenfest. Und dann gibt es nicht einmal einen Kaffee bei dieser Besprechung.
Aber auf dem Laptop meiner Kollegin entdecke ich einen schönen gelben Sticker, als sie ihn aufmacht. Ich kenne diese Sticker, die kann man inzwischen überall auf der Welt finden: „Nett hier, aber waren sie schon mal in …“ wo? „in Geberlaune?“ Okay, das hatte ich jetzt nicht erwartet. „Waren sie schon mal in Geberlaune?“ Und ich muss zugeben, dass dieser Spruch meine Laune etwas hebt. Meine Kollegin merkt, dass ich den Sticker aufmerksam lese und fragt: „Und? Warst Du da schon mal?“
Ich muss nicht lange nachdenken und stelle mir Geberlaune wirklich als Ort vor. Sage sowas wie: „Da ist es schön und warm. Da blühen die Bäume und es gibt keine Allergien. Geberlaune ist das Land des Lächelns und der hilfreichen Hände, weil jeder weiß: Mir ist so viel geschenkt worden in meinem Leben. Ich habe in meinem Leben überhaupt gar nicht alles alleine hinbekommen, sondern so viele Menschen haben mir weitergeholfen, mich unterstützt, in meinem Leben, in meinem Beruf oder bei meinen Hobbys. In Geberlaune wissen alle: Dass ich lebe, war nicht meine eigene Idee.“
Als ich nach der Besprechung wieder zurückradele, hat der Regen aufgehört. Wenigstens für einige Zeit. Ich fahre beschwingt und denke: Mal sehen, wem ich jetzt begegne. Ich hätte jetzt Lust auf Geberlaune.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44120Ich liebe Achterbahn fahren. Ich leg mich in die Kurven, spüre bei Loopings und Schrauben kurze Moment der Schwerelosigkeit, und wenn es richtig steil bergabgeht, kann ich das Kribbeln im Bauch genießen.
Vielleicht mag ich auch deshalb diese Woche, die vor uns liegt so. Ich finde, die nächsten Tage, also von heute Palmsonntag, über Gründonnerstag und Karfreitag bis zu Ostersonntag bieten eine wahre Achterbahn der Gefühle, wenn man sich die Geschichte von Jesus anschaut.
Denn: Heute ist der Tag, an dem Jesus nach Jerusalem kommt und bejubelt wird. Es geht aufwärts. Aber dann geht es Stück für Stück abwärts und so ein paar Loopings und Schrauben sind auch dabei. Da wird von Streit erzählt, davon, dass sich Jesus schweren Herzens verabschiedet, von Verrat und Versagen und schließlich kommt es zum Tod Jesu am Karfreitag. Da sind wir ganz unten angelangt. Ich kenne Achterbahnen, die sausen in ein Loch in die Erde!
Und dann, nachdem es stockdunkel war, wird man steil nach oben gerissen. Noch ein paar Schlenker und man bleibt stehen. Ostern! Halleluja!
Manche nennen diese Achterbahn der Gefühle auch: heilige Woche. Und für mich hat dieses Auf und Ab wirklich auch etwas Heiliges. Und ich freue mich, weil diese Woche auch mein eigenes Leben widerspiegelt: Dieses Auf und Ab kenne ich sehr gut. Ein Leben voller Hoffnungen und Bangen, ein Leben mit absoluten Tiefpunkten und unglaublich überraschenden Wendungen.
Und so, wie diese Woche nicht normal ist, ist es mein und unser Achterbahn-Leben auch nicht. Es ist heilig.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44119Ein bisschen Licht hilft gegen Angst. Im Kinderzimmer brennt deswegen bei uns zuhause immer ein kleines Nachtlicht. Meine Kinder mögen es einfach nicht, wenn es stockfinster ist.
Heute Abend mache ich das Licht aber extra für sie aus. Denn es ist Earth Hour. Eine Aktion des WWF, bei der einmal im Jahr für eine Stunde das Licht ausgeht. Privathaushalte, Firmen und sogar ganze Städte machen bei der Aktion mit. Große Wahrzeichen wie das Brandenburger Tor bleiben dunkel, oder auch das Freiburger Münster oder das Heidelberger Schloss. Bei allen geht heute um 20:30 Uhr für eine Stunde das Licht aus. Als Zeichen dafür, dass wir unsere Erde eben ganz bewusst nicht im Dunkeln stehen lassen wollen.
Natürlich rettet eine Stunde Licht aus nicht gleich das Klima, aber sie erinnert daran, dass alle etwas tun können. Und sie sendet ein starkes Signal in die Politik, dass wir unseren Planeten besser schützen müssen, damit auch noch unsere Kinder gut leben können.
Wenn ich heute Abend bei mir Zuhause eine Stunde lang das Licht ausschalte, dann ist das für mich auch eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, was ich mir für unserer Welt eigentlich wünsche. Ich werde an die Menschen denken, deren Leben gerade wirklich dunkel ist. Und weil ich ja kein elektrisches Licht habe, zünde ich heute Abend eine Kerze an. Für alle die Angst haben und natürlich auch für meine Kinder. Damit sie zuversichtlich in die Zukunft schauen können.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44102Neben mir Regale voller Fahrradhelme, Ersatzschläuche, Tachos und Luftpumpen. Ich bin im Fahrradladen, muss warten und beobachte ein Pärchen, wie es ein Tandem ausprobiert. Die beiden haben ganz schön zu kämpfen. Kein Wunder! Sitzt man Vorne muss man gut Lenken können und das Gleichgewicht im Griff haben. Hinten braucht man ganz schön viel Vertrauen, denn man sieht ja nicht, wo man hinfährt. Und natürlich müssen beide Strampeln, um vorwärts zu kommen.
Während ich die beiden bei ihrer Probefahrt beobachte, kommt mir ein Vergleich in den Kopf: so wie die beiden Tandem fahren, so fahre ich auch. Und zwar mit Gott. Gott und ich sitzen zusammen auf einem Tandem. Klingt vielleicht crazy, aber ich mag die Vorstellung. Gemeinsam radeln wir durchs Leben. Wir beide tragen Verantwortung und brauchen uns. Meistens darf ich dabei vorne sitzen und selbst entscheiden, wo es lang geht. Gott sitzt dann hinten, gibt mir zuverlässig seine Portion extra Power und stärkt mir den Rücken.
Es gibt aber auch Situationen, in denen ich den Platz vorne für Gott frei machen muss und will. Dann sitze ich hinten und muss darauf vertrauen, dass der eingeschlagene Weg schon der Richtige sein wird. Zum Beispiel, wenn ich mich auf einen neuen Job bewerbe oder wenn ich auf eine Diagnose beim Arzt warte. In solchen Situationen bin ich froh, dass ich nicht alleine unterwegs bin, sondern einen Tandempartner habe. Jemand, dem ich auch mal den Lenker in die Hand drücken darf. Und zum Glück auch jemand, der mit mir in die Pedale tritt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44101Das Leben rauscht oft ganz schön schnell an einem vorbei. Manchmal wird mir das alles zu viel und ich komm gar nicht richtig mit.
In der Fotografie gibt es einen Trick: die Langzeitbelichtung. Da bleibt die Kamera länger offen und nimmt ein Bild über mehrere Sekunden, manchmal sogar Minuten auf. Und plötzlich sieht man Dinge, die vorher gar nicht sichtbar waren: Lichtspuren in der Nacht. Sterne am Himmel. Bewegung, die fast magisch wirkt.
Wenn mal wieder alles nur noch schnell geht, tut meinem Inneren auch so eine Art Langzeitbelichtung gut. Und zum Glück bietet das Leben jede Menge passender Motive: Frische kühle Luft auf dem Weg zur Arbeit. Ein unerwartetes Stück Apfelkuchen aus der Nachbarschaft oder die Abendsonne am Küchentisch.
Alles schön, wäre da nur nicht so viel Hektik drum herum. Auf dem Arbeitsweg habe ich nur die Uhr im Blick, der Kuchen wird zwischendurch verschlungen und die schöne Abendsonne blendet die Kinder. Wie gut ich das kenne, dass alles nur so an mir vorbeirauscht.
Einen ähnlichen Trick wie in der Fotografie, gibt‘s auch für mein Inneres, und das schon seit fünfhundert Jahren. Er kommt von dem spanischen Ordensmann Ignatius. Er nannte ihn den Tagesrückblick. Abends noch einmal durch den Tag gehen. In Ruhe anschauen, was war. Nicht bewerten. Nur wahrnehmen. Genaugenommen geht das auch tagsüber, wenn man einen Moment länger bei den Dingen bleibt. Damit kann ich aus einem flüchtigen Augenblick, wie eine Art Foto im Kopf aufnehmen. Wenn ich das mache, merke ich: mein Tag ist nicht nur hektisch. Da gibt es im besten Fall sogar schöne Lichtspuren. Was dabei hilft? Den Moment einen Ticken länger belichten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44100Es gibt ja Menschen mit dem berühmten grünen Daumen. Bei denen wächst einfach alles. Bei mir dagegen brauchen Zimmerpflanzen vor allem eins: Glück.
Es gibt allerdings eine Ausnahme: Die große Monstera Pflanze in unserem Wohnzimmer. Das ist so eine mit großen Blättern und Schlitzen drin. Ich habe sie meiner Frau zum Jahrestag geschenkt und ihr versprochen, dass ich mich darum kümmere. In dem optimistischen Glauben, dass diese Pflanze mindestens so lange lebt wie unsere Beziehung. Zum Glück hat die Monstera bis heute bei mir durchgehalten.
Zimmerpflanzen und Beziehungen haben was gemeinsam. Zu wenig Aufmerksamkeit und sie gehen ein. Bei viel Kontrolle wird‘s auch nichts. Und dann gibt es noch den zu kleinen Topf. Wenn eine Pflanze keinen Platz mehr hat, kann sie auch nicht wachsen.
Das ist beim Menschen genauso. Gesunde Beziehungen brauchen genügend Raum zum Wachsen. Dem Anderen Freiheit lassen und seine Wurzeln respektieren. Und damit meine ich nicht nur seine Herkunft oder Lebensgeschichte, sondern das, was einem Halt und Energie gibt. Und es bedeutet auch, das zu beachten, was nicht schön nach außen wächst und blüht, sondern unsichtbar in uns ist. Druck und Kontrolle sind dafür das reinste Gift.
Egal ob bei meiner Frau, meinem besten Kumpel oder meinem Bruder. Beziehungen brauchen regelmäßiges Hegen und Pflegen. Nicht jeden Tag das volle Programm.
Und manchmal auch einfach nur, dass ich Raum lasse. Kleine Dinge, die zeigen: Du bist mir wichtig. Denn Liebe in Pflanzensprache übersetzt heißt: Ich will, dass du blühst.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44099Bei meiner Oma hat es neulich im Küchenschrank ordentlich geklirrt. Zuerst war sie irritiert, ein paar Sekunden später war klar, was los war: ein kleines Erdbeben.
Meine Oma wohnt in der Rheinebene. Da kommt das hin und wieder vor, dass der Boden kurz wackelt. Zum Glück nichts Dramatisches.
Aber genau dieser Moment ist mir hängen geblieben. Weil man auf einmal merkt, wie selbstverständlich sich vieles anfühlt: Der Boden unter den Füßen. Die Wände um uns herum. Dass ein Haus einfach steht.
Aber das alles ist es eben nicht. Wenn ich zum Beispiel ein Gespräch führen muss, und davon ausgehe, das geht schon glatt. Und dann läuft es völlig aus dem Ruder. Oder wenn mich eine Nachricht aus der Bahn wirft. Das sind Momente, in denen plötzlich etwas ins Wanken gerät. Und dann hoffe ich genauso wie bei einem Erdbeben: Dass das Fundament hält.
Für mich gehört da mein Glaube dazu. Nicht als Schutz vor allem, was passieren kann. Aber als etwas, das trägt. Manche nennen es Urvertrauen, andere Selbstvertrauen. Für mich ist es auch Gottvertrauen. Ich kann darauf bauen, dass Gott mit zur Seite steht, egal was passiert.
Das ist ein Fundament, das wir nicht immer sehen und selten darüber nachdenken. Aber wenn das Leben kurz wackelt, dann merke ich: Gut, dass da etwas ist, das mich hält.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44098
