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Es war völlig klar, dass Franzi und Tessa dieses Jahr wieder einen auf Königin machen. Franzi ist meine Tochter und Tessa ihre Freundin. Die beiden lassen sich gerne begeistern, Franzi vor allem fürs Tanzen, und Tessa für die Feuerwehr. Und immer Anfang Januar begeistern sich die Mädchen für die Sternsinger.
Mit denen sind Franzi und Tessa zwei Tage lang in unserem Dorf unterwegs. Gestern haben sie schon stundenlang mit ihren Königskollegen die Häuser abgeklappert, und heute kommt noch der Rest dran. Kann sein, sie klingeln später auch noch an unserer Haustür, dann sehe ich sie da stehen, vielleicht sind sie ein bisschen verlegen. Und ich höre Franzi, wie sie ihr Sternsinger-Gedicht aufsagt:
„Frieden und sein Wohlgefallen, bietet Gott den Menschen allen.
In seinem Namen sind wir hier, schreiben den Segen an die Tür.“
Klingt altertümlich, ja. Aber wenn ich es von Franzi höre, und Tessa dann danach noch mit Kreide einen Segen an unsere Haustür schreibt, dann kommt dabei so viel Gutes zu mir rüber.
Denn wenn mir jemand einen Segen sagt, dann wünscht er mir Schutz und Gottes Beistand, und dass mein Leben gelingen möge. Und außer dem Segen bringen die Mädchen auch noch was ganz Handfestes mit: ihre Geld-Dose. In der sammeln sie Spenden für eine große Hilfsorganisation, bei der Kinder die Hauptakteure sind. Die Sternsinger sammeln für das Kindermissionswerk.
Also, für den Fall Sie sehen heute irgendwo Königinnen oder Könige. Es sind Kinder wie Franzi und Tessa, und sie bringen Segen und tun Gutes.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43615Mit einem einzigen Foto kann man viel verändern. Der Fotograf Hyp Yerlikaya hat das bei mir geschafft. Seit ich dieses eine Foto von ihm gesehen habe, denke ich anders über das Thema Prostitution. Ich bin viel entschiedener dagegen, dass alles so bleibt wie es ist. Betroffene brauchen viel mehr Unterstützung.
Ich habe das Foto in einer Ausstellung mit dem Titel „gesichtslos“ entdeckt. Gerade sind die Bilder in Offenburg zu sehen, und entstanden sind sie in Mannheim. Dort hat Hyp Yerlikaya Frauen jahrelang mit der Kamera begleitet, zusammen mit der Beratungsstelle „Amalie“.
Auf dem Foto ist im Vordergrund ein 20-Euro-Schein zu sehen, angelehnt an so eine schlichte weiße Gesichtsmaske, wie man sie vielleicht aus dem Theater kennt. Und im Hintergrund sieht man verschwommen eine Frau stehen. Sie ist leicht bekleidet und schaut aus dem Fenster.
Ich habe dieses Foto gesehen und verstanden: wenn eine Frau als Prostituierte arbeitet, dann verliert sie ihr Gesicht, kaum jemand möchte sie wirklich sehen.
Außer den Frauen und Männern in den Beratungsstellen. Sie helfen, wenn eine Frau aussteigen möchte, auch wenn das fast nicht zu schaffen ist.
Unter dem Foto mit dem Geldschein lese ich, was eine Prostituierte in Mannheim zu ihrem Leben sagt: „Das Schönste ist, wenn sie dir das Geld geben. Dann weißt du, du siehst sie nie wieder.“
Ich frage mich: was sind schon 20 Euro? Dafür, dass ein Mensch einen anderen Menschen nur für sich benutzt.
Auch wenn es noch so schwierig, beunruhigend oder beklemmend ist, darüber müssen wir sprechen. Denn auch diese Frauen haben eine Würde und ihr ganz persönliches Gesicht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43614Manchmal denke ich darüber nach, wie viele Dinge uns verbinden – und wie oft wir nur das Trennende sehen.
Im Judentum heißt es: Jeder Mensch ist nach dem Ebenbild G-ttes geschaffen. Egal, welche Religion, Hautfarbe oder Herkunft – in jedem Menschen steckt ein Stück G-ttliches.
Diese Vorstellung berührt mich. Sie ist so alt – und doch so aktuell.
Denn sie erinnert daran, dass Würde nicht verdient werden muss. Sie ist da. Von Anfang an.
In einer Zeit, in der Antisemitismus wieder lauter wird, tut es gut, sich daran zu erinnern: Das Judentum ist nicht fremd – es ist ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte.
Ohne jüdisches Denken gäbe es vieles nicht: den Glauben an Gerechtigkeit, an Barmherzigkeit, an Hoffnung.
Vielleicht fängt Frieden genau da an – wenn wir das G-ttliche im anderen wieder sehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43471Prosit Neujahr.
Das klassische Gläschen Sekt nachts um zwölf gehört einfach dazu, völlig egal ob mit oder ohne Alkohol. Ich hab es schon in ganz unterschiedlichen Stimmungen getrunken. Verliebt und glücklich oder krank und enttäuscht. Voller Vorfreude und im nächsten Jahr dann wieder eher ängstlich und voller Bedenken, was im Neuen Jahr alles kommt.
Gestern kurz vor Mitternacht hat mein Freund Martin bei uns in der Runde einen „Sekt-Segen“ angekündigt. Ich war gespannt, und natürlich funktioniert der Segen auch mit Limo oder Mineralwasser. Als wir dann kurz vor zwölf die Gläser eingeschenkt haben, hat Martin gesagt:
„Wenn mir jetzt mein Glas eingeschenkt wird, bete ich: Gott, du beschenkst mich mit allem, was ich brauche.
Und wenn ich gleich anstoße, dann denke ich: Jesus, du machst mein Leben aufregend, vor allem dann, wenn ich in meinem Leben mit anderen in Kontakt komme.
Und wenn die Kohlensäure im Mund bizzelt, dann passt dieses Gebet: Heiliger Geist, wenn´s in meinem Leben prickelt, dann bist du dabei. Du lässt mich sogar manchmal überschäumen und dann ist deine Liebe perfekt.“
Dieser Sekt-Segen hat meinem Jahreswechsel eine ganz eigene Note gegeben.
In diesem Sinn will ich im neuen Jahr dankbar für alles sein, was mir geschenkt wird. Gutes Essen und genügend Zeit zur Erholung, aber auch schöne Musik und liebe Überraschungen. Ich freue mich auf Begegnungen, egal ob lange geplant oder ganz unverhofft. Und ich bitte um das Prickeln. Um die Lebendigkeit, wenn ich Liebe spüre oder Lust auf Neues bekomme oder darauf eine schöne alte Gewohnheit wieder neu auszugraben.
Prosit Neujahr!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43613Alles glitzert, alles funkelt – vor allem heute. Meine Freundin trägt ihren Silvesterspezialpulli aus Glitzergarn, das silbrige Konfetti liegt schon auf dem Esstisch ausgestreut, und meine Tochter hat passend für heute Glitzernagellack aufgetragen.
Der viele Glitzerkram erinnert mich an eine schöne Sache aus meinem Glauben. Es gibt nämlich eine Stelle in der Bibel, da wird erklärt wie es im Himmel bei Gott aussehen soll. Da ist der Himmel wie eine große schöne Stadt beschrieben, und in dieser Stadt glitzert und funkelt es an jeder Ecke. Da heißt es: „Die Stadtmauer ist aus lauter Edelsteinen gebaut und die zwölf Stadttore sind aus zwölf Perlen gemacht. Die Hauptstraße ist aus reinem Gold.“
Da könnte man denken: „Ganz schön dick und verschwenderisch aufgetragen.“ Ich verstehe diese Bibelstelle so: Statussymbole haben bei Gott ausgedient. Damit braucht im Himmel niemand mehr angeben, denn bei Gott liegt aller Schmuck einfach für alle auf der Straße. Jeder kann ihn sehen und genießen. Edle Materialien sind nichts wert, aber edle Menschen!
Die Realität sieht leider anders aus, aber so könnte sie sein, wenn es nach Gott ginge.
Das hilft mir, wenn ich heute auf 2025 zurückschaue und überlege, wo ich diese Glitzermomente in diesem Jahr hatte oder mich so sehr danach gesehnt habe.
Und ich bin überzeugt: Bei Gott ist jeder Mensch, egal ob mit oder ohne Glitzer, so wertvoll wie das reinste Gold und der schönste Edelstein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43612Timo ist x-facher Deutscher Meister im Karate, er kommt aus dem gleichen Ort wie ich, und seine Ansichten sind echt stark.
„Stark sein“ ist sowieso sein Thema, denn Timo macht nicht nur Karate, er gibt auch Kurse zur Selbstverteidigung. So einen Kurs hab ich gemacht, und Timo hat erklärt: „Wer äußerlich und innerlich stark sein will, der muss stolz sein. Und das ist kein Ego-Stolz, sondern gesunder, guter Stolz. Und den kann man üben.“
Ich schaue Timo skeptisch an. Denn sofort fallen mir lauter Situationen ein, in denen ich eben gar nicht stolz war, sondern eher das Gegenteil: Wenn ich mich im Streit weggeduckt habe, und mich beleidigt verzogen hab, anstatt in Ruhe weiter zu erklären, was mir wichtig ist. Oder wenn ich mich mal wieder voll in das reinsteigere, was mich an anderen aufregt.
Aber dann meint Timo weiter: „Wer selbstsicher und mutig durchs Leben gehen will, der muss sich selber immer wieder ein paar gute Sachen sagen. Denn ehrlich, alle haben mal schlechte Tage, fühlen sich mies und schwach, oder klein. Aber genau das ist ja niemand! Jede und jeder trägt einen starken und stolzen Kern in sich.“
Und für den Anfang hat Timo noch diesen Tipp: „Überlege dir jeden Abend drei Sachen, auf die du stolz sein kannst, wenn du auf den Tag zurückschaust. Stolz, dass du endlich dieses unangenehme Telefonat durchgezogen hast. Oder dass du es geschafft hast, was Gutes zu kochen, auch wenn es verdammt aufwendig war. Oder stolz auf den entspannten Nachmittag mit dem Kind. Solche Dinge.“
Soweit Timo. Also warum nicht heute, am vorletzten Tag im Jahr, mal überlegen: Was sind die drei Dinge, auf die ich einfach stolz sein kann?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43611„Mutperlen“ - die machen gerade in unserer Gegend von sich reden. Und das liegt an Lene und Claudia aus meinem Nachbarort. Für die Mutperlen haben die beiden an Weihnachten Charity-Aktionen auf die Beine gestellt.
Mutperlen sind wertvoll gestaltete Perlen, die krebskranke Kinder während ihrer Therapie bekommen. Da gibt es für jeden Schritt, den ein krankes Kind gehen muss, eine passende Perle zum Auffädeln, das motiviert. Für jeden Tag Chemo gibt es zum Beispiel eine orangene Perle, für jede Bestrahlung eine rote. Und wenn ein Kind isoliert werden muss, kriegt es eine glitzernde blaue Perle.
Wenn ein Kind die Behandlung dann endlich beenden konnte, ist die Kette wie ein buntes Tagebuch aus schwerer Zeit, und im besten Fall auch eine Erinnerung, die stolz macht.
So ein buntes Tagebuch aus schwerer Zeit wäre bestimmt auch was für alle, die jemanden verloren haben, oder bei denen eine heftige Krankheit ins Leben getreten ist. Da kann jeder einzelne Tag eine Riesen-Herausforderung sein.
Wenn ich mir vorstelle, wie sich die schweren Tage wie Perlen nacheinander auffädeln, hat das im Nachhinein vielleicht was Ermutigendes. Denn auch wenn Trauer, Schmerzen oder Sorgen sich erst mal nur grau oder schwarz anfühlen, gibt es hoffentlich auch bunte Erfahrungen, die sich darin verstecken.
Ich denke an die frechen Sprüche, die die Pflegerin meiner Mutter immer drauf hatte oder an liebe Nachrichten auf meinem Handy. Oder dieser eine Morgen, an dem wieder der erste Hauch Lebenslust in mir aufgestiegen ist.
Die Mutperlen sind ein tolles Projekt für krebskranke Kinder und sagen gleichzeitig allen: auch nach schweren Zeiten kann ich eine ganze Kette von Erfahrungen in der Hand halten. So wie ein buntes Tagebuch aus schwerer Zeit.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43610Was man im Selbstverteidigungskurs alles lernt!
Ich hab erst mal geübt selbstbewusst und aufrechter zu gehen. Danach hab ich dann ein paar typische Handgriffe gelernt, und wir haben in der Gruppe geübt laut zu schreien.
Und jetzt kommt noch ein richtiger Clou aus diesem Kurs: das Nein sagen. Unser Leiter Timo hat dazu erklärt: „Überlegt mal: ein Ja, das erklärt ihr nicht. Aber ein Nein, das begründen wir fast immer. Wenn der Nachbar fragt, ob du beim Umzug hilfst, dann heißen die klassischen Antworten dazu entweder: „Ja klar.“ Oder so was wie „Leider nein, ich hab keine Zeit und außerdem hab ich Rückenschmerzen und kann nicht schwer tragen.“
Soweit erstmal das Übliche, und dann hat Timo das Ganze umgedreht und gemeint: „Stell dir vor jemand antwortet so: „Ja klar, denn ich finde es ja immer wichtig anderen zu helfen, und ich habe gerade auch noch Zeit. Und überhaupt, du hast mir ja damals auch geholfen.“ Und beim Nein wäre der Dialog: „Kannst du mir beim Umzug helfen?“ Und die Antwort: „Nein. Punkt.“
Sofort denke ich: „Naja, wenn das jeder immer so macht, dann wird unsere Gesellschaft ja noch egozentrischer, als sie eh schon ist. Es braucht doch auch Leute, die einfach anpacken, auch wenn es grade nicht so passt!“
Das sieht mir Timo wohl an, denn sofort ergänzt er: „Ich meine das nicht ego-mäßig. Mir geht es drum, dass ihr innen drin stärker werdet, wisst was ihr wollt und was nicht. Und dann klar „ ja“ sagen oder eben ein beherztes „Nein“.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43609Bei mir daheim schauen Maria und Josef noch immer ganz verliebt in die Krippe und auf ihren kleinen Sohn. Auch Ochs und Esel schauen sich das Jesus Baby an. Der Hirte hat noch immer das kleinste seiner Schäfchen auf dem Arm und ein anderer Hirte passt auf die restlichen Schafe auf. Der Engel wacht über dem Stall und es gibt noch genug Heu und Stroh für die Tiere zum Fressen.
Die Feiertage sind vorbei, aber die Krippe, die ich geschenkt bekommen habe, die steht noch immer da. Neben dem Weihnachtsbaum. Weihnachten ist noch nicht vorbei, auch, wenn der Alltag wieder einzieht.
Ich mag die Tage zwischen den Jahren. Weil sie einfach entspannt sind. An den Feiertagen soll es immer möglichst schön sein. Harmonisch. Festlich. Mit Festkleidung, Festessen, Feststimmung und so weiter. Natürlich klappt das auch ganz oft nicht. Deshalb mag ich die Tage danach. An denen nichts mehr festlich sein muss, aber alles doch noch ein bisschen anders ist. Weihnachten liegt noch in der Luft. Nicht nur, wenn ich meine Krippe anschaue.
Und Jesus bleibt noch länger. Er ist nicht nur für die Feiertage gekommen. Das Kind in der Krippe wird älter und bleibt auch als Erwachsener bei uns. So wie der Hirte in meiner Krippe auf das kleinste Schaf aufpasst, es im Arm hält und sich liebevoll um es kümmert, so kümmert sich Jesus um seine Menschen.
Jesus ist da. Mir macht das Hoffnung. Auch für das neue Jahr, das bald anfängt. Jesus bleibt bei mir. Er kümmert sich um mich. An allen Tagen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4359175 Weihnachtsfeste hat meine Patentante schon gefeiert. Und heute, am 2. Weihnachtsfeiertag, ist auch noch ihr 75. Geburtstag. Für mich ist sie nicht alt, auch wenn sie natürlich ein paar Falten hat und graue Haare und 75 Jahre echt eine lange Zeit sind. Sie ist nicht alt, weil sie nicht verstaubt und eingefahren ist in ihrem Denken. Das beeindruckt mich. Für mich hat es auch etwas mit ihrer Hoffnung zu tun.
75 Weihnachtsfeste sind eine Menge. Und in diesen 75 Jahren da steckt so viel drin. Alleine die politischen Ereignisse, die an Weihnachten in all diesen Jahren stattgefunden haben. Zum Beispiel wurden 1989 an Weihnachten mehr als die Hälfte aller politischen Gefangenen der DDR freigelassen. Die DDR war kurze Zeit später dann Geschichte. 1991 verkündete der damalige Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow an Weihnachten seinen Rücktritt und wenig später gab es die Sowjetunion nicht mehr. Kurz vor Weihnachten 1992 demonstrierten ca. 200.000 Menschen in Berlin gegen Rassismus. Sie bildeten eine 12 Kilometer lange Lichterkette als Reaktion auf grauenhafte Übergriffe auf Geflüchtete in Rostock-Lichtenhagen. Am 2. Weihnachtsfeiertag 2004 starben etwa 230.000 Menschen nach einem Tsunami im Indischen Ozean, darunter auch 500 Deutsche.
Ich höre immer wieder Leute sagen, dass die Welt immer schlimmer wird. Wenn man aber diese Ereignisse, nur an Weihnachten anschaut, dann ist das eher nicht so. In 75 Jahren ist viel Schlimmes passiert, aber auch viel Gutes. Die Hoffnung meiner Patentante liegt auf dem, was wir an Weihnachten feiern. Und das feiert sie dieses Jahr immerhin zum 75. Mal: Dass Gott als kleines Kind in diese Welt kommt, um sie zu retten. Diese Hoffnung trägt meine Patentante durch die nächsten Jahre. Und mich auch.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43590

