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SWR Kultur Wort zum Tag
„Ich glaube fest, dass alles anders wird“ - immer wieder singen wir bei uns im Gottesdienst dieses Lied aus dem württembergischen Regionalteil des Gesangbuchs. Seine Melodie ist ein richtiger Ohrwurm für mich geworden. Das gilt auch für seinen Text, der mein Herz berührt. Wie soll ich das dann nennen – ist der Text dann ein „Herzwurm“ für mich?
„Ich glaube fest, dass alles anders wird“: Mich berührt dieser Text auch deshalb, weil ich die Lebensgeschichte seines Autors kenne. Und daher weiß, dass dieser Satz nicht leicht dahingesagt ist. Es ist kein naiver Text, sondern ein Text voller Trotzkraft. Ein großes Dennoch, das Dennoch des Glaubens.
Der Autor heißt Oscar Romero. Er stammt aus Mittelamerika, aus El Salvador. Oscar Romero hat ein erstaunliches Leben gehabt. Er wurde 1917 in eine arme Familie hineingeboren. Bald wurde ihm klar: „Ich werde Priester“. Er wurde zum Studieren nach Rom geschickt und kehrte dann zurück nach El Salvador. Erst war er dort Priester, dann Bischof, und zuletzt, 1974, wird er Erzbischof – der stille Junge aus einer kleinen Familie ist zum höchsten Katholiken des Landes geworden.
Und dann beginnt das, was viele „das Wunder Romero“ nennen: Die Einstellung von Oscar Romero ändert sich grundlegend. Die Kirche in El Salvador war äußerst konservativ und hat die damalige Militärdiktatur unterstützt. Doch als Erzbischof nimmt Oscar Romero die Stimmen der Unterdrückten ernst. Und protestiert gegen die Militärdiktatur. Er übernimmt eine Radiosendung und benennt dort jede Woche die Menschenrechtsverletzungen. Dadurch wird er zur „Stimme derer, die keine Stimme haben“.
Die Militärdiktatur warnt ihn: „Hör auf damit – sonst garantieren wir für nichts“. Aber Oscar Romero macht weiter. Und er schreibt unser Lied: „Ich glaube fest, dass alles anders wird.“ – In einer der Strophen heißt es: „Ich glaube fest, das Ziel ist nicht mehr weit – ich hoffe auf die Zeit voll Frieden und Gerechtigkeit.“ – Er selbst wird diese Zeit nicht mehr erleben. Denn die Militärdiktatur setzt ihre Drohungen in die Tat um und lässt Oscar Romero erschießen, während er gerade eine Messe feiert. So wird er zu einem der großen Märtyrer des 20. Jahrhunderts.
Für mich lebt sein Geist auch in diesem Lied weiter. Gegen alle Gewalt in unseren Tagen singe ich es und halte ich mit ihm daran fest: „Ich glaube fest, dass alles anders wird…. Ich hoffe auf die Zeit voll Frieden und Gerechtigkeit.“
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Es war eine dieser wunderbar warmen Sommerabende. Wir haben mit ein paar Freunden im Garten gesessen, die untergehende Sonne betrachtet und über die kommenden Wochen geredet. Zeit der Aufbrüche: „Wir machen in diesem Sommerurlaub endlich mal wieder eine große Reise“, hat ein Freund erzählt, „Mexiko und Mittelamerika. Ich freue mich so, mal etwas anderes zu erleben.“ – „Und ich begleite unsere Tochter nach Frankreich zu ihrem großen Neuanfang“, sagt ein anderer Freund. „Wenn sie das Abitur endlich geschafft hat, dann wird sie dort ein Jahr lang als Au-pair arbeiten.“ Und mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: „Ich bin ihr Kofferträger in Paris und helfe ihr die ersten Tage, sich einzurichten.“ Ein dritter Freund berichtet: „Eine Weile war ich mir unsicher. Aber jetzt habe ich mich doch entschieden, den Job zu wechseln. Das ist gut für die Karriere. Und es ist gut für mich selbst – endlich mal etwas Anderes erleben. No risk, no fun.“ Wir erheben unsere Bierflaschen, stoßen an und lachen: „Auf die Neuaufbrüche!“
Auch ich lache mit. Und merke zugleich, dass ich ein bisschen neidisch werde. So etwas ganz Großes habe ich in diesem Sommer nicht vor. Auch im Job und privat stehen keine einschneidenden Veränderungen an. Nichts, was sich so cool erzählen ließe. Ich denke mir: „Neuaufbrüche haben irgendwie einen besseren Ruf, als einfach dazubleiben. Passt ja auch gut zu unserer Gesellschaft. Und zu unserer Wirtschaft. Da gilt: Verändere dich – oder verschwinde.“
Gerade, als ich anfange, in trübe Gedanken abzudriften, beginnt ein anderer Freund, vorsichtig zu sprechen: „Klar, aufbrechen ist cool. Aber ich bleibe auch gern mal da. Ich bleib gern dran an Sachen. Und an anderen Menschen. Weil ich sehe, was ich dadurch ermögliche. Wie sich Leben entfalten kann.
Unsere Tochter mit ihren 7 Jahren zum Beispiel fährt so fröhlich und selbstbewusst mit ihrem Rad durch unsere Nachbarschaft. Das geht nur, weil sie jedes Sträßchen genau kennt. – Was mich manchmal richtig langweilt, gibt ihr Sicherheit. – Oder im Job, da können die Neuen doch nur deshalb richtig loslegen, weil ich mich bei vielem auskenne und ihnen den Rücken freihalte“
Und ich denke mir: „So ist es. Auch Bleiben bringt Segen. Bleiben ermöglicht Wachstum und lässt Leben erblühen. So wie auch Gott an uns dranbleibt. Bei uns bleibt, nicht nur in unseren Neuaufbrüchen, sondern gerade auch in unseren Routinen. Gott bleibt bei uns. Und er schenkt uns den Blick dafür, wieviel Leben unser Dableiben ermöglicht.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42516SWR Kultur Wort zum Tag
Italien im Mai. Die Sonne lacht vom Himmel, es ist wunderbar warm. Wir machen Urlaub am Strand in Ligurien. Kinder laufen lachend ins Wasser, die Eltern plaudern unter ihren Sonnenschirmen. Zwei italienische Teenager schreiten im vollen Bewusstsein ihrer Schönheit in die leichten Wellen hinein. Nichts trübt die heitere Stimmung. Nur dieser Taucher in seinem Neoprenanzug, mit Taucherflasche und Schwimmflossen passt nicht so ganz ins Bild. Neugierig schaue ich ihm zu, wie er mit einem großen Spritzer unter der Wasseroberfläche verschwindet.
Als er wieder auftaucht, gehe ich zu ihm hin und wir kommen ins Gespräch. „Sie müssen das auch mal ausprobieren mit dem Tauchen“, sagt er. „Denn da unten auf dem Meeresboden wartet jemand ganz Besonderes auf Sie: Da wartet der ‚Christus der Abgründe.‘“
Ich bin verblüfft. „Christus auf dem Meeresboden?“, frage ich. „Was meinen Sie denn damit?“ Der Taucher erzählt: „Vor 70 Jahren ist hier bei einem Tauchunfall ein Mann ums Leben gekommen. Alle standen unter Schock. Da kam Guido Galetti, ein Künstler aus der Gegend, mit einer faszinierenden Idee: ‚Ich stelle dem Verunglückten Christus zur Seite. Und mache dazu eine Statue – eine Christus-Statue.‘ Dafür hat Galetti Bronze gesammelt: aus Schiffsschrauben und aus Kirchenglocken. Als er genug Material zusammenhatte, hat er das alles eingeschmolzen und daraus seine Christus-Figur geschaffen. Zweieinhalb Meter groß, größer als ein Mensch. Um zu zeigen, dass Christus größer ist als wir mit all unseren Sorgen und Nöten.“
Der Taucher fährt fort: „Ich mag diese Figur. Immer wieder gehe ich hier runter, Meter um Meter. Langsam wird es immer dunkler. Ich tauche herab in die Abgründe dieser Bucht, und auf einmal sehe ich ihn da stehen: Christus, zweieinhalb Meter hoch, in Bronze gegossen. Mit erhobenen Armen, um alle zu segnen. - Ja“, sagt der Taucher, „das müssen Sie unbedingt mit eigenen Augen sehen! Machen Sie auch mal einen Tauchkurs!“
Mitten im Frühling hat sich zwischen Sonne, Strand und Wellen ein Abgrund aufgetan. Ich merke wieder: Die Abgründe des Lebens sind oft ganz nah. Die äußeren und auch die inneren. Sie beginnen direkt unter den schönsten Oberflächen und an den wunderbarsten Orten. Doch gerade da, in diesen Dunkelheiten, wartet der Christus der Abgründe auf mich. Überlebensgroß und mit ausgebreiteten Armen. Wie um mir zu sagen: „Auch in der tiefsten Tiefe bist Du nicht allein. In jeder Tiefe bin ich bei Dir und segne Dich.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42085SWR Kultur Wort zum Tag
Es ist kurz nach halb acht. In fünf Minuten beginnt die erste Stunde. Lisa muss in ihre achte Klasse. Aber zuerst geht sie noch auf die Schultoilette. Einmal noch einen Moment Ruhe, bevor der Unterricht anfängt. Sie schließt sich in einer Kabine ein und setzt sich auf den heruntergeklappten Deckel der Toilette. Holt ihr kleines Schminkset. Klappt den Minispiegel hoch und schüttelt den Kopf: „Oh Mann – ich seh ja total fertig aus. So kann ich doch nicht ins Klassenzimmer. Was da die anderen sagen?“ Sie seufzt und holt den Concealer raus. Erst mal alles abdecken. So geht‘s vielleicht.
Am Abend desselben Tages, kurz vor neun: Lisas Mutter geht den Flur entlang, hinein ins Wohnzimmer. Sie ist erschöpft und setzt sich in den Sessel. Früher war sie um diese Zeit noch nicht so müde. „Was für ein verrückter Tag. War der Job früher auch so anstrengend? Ja, es hat sich viel verändert in meinem Beruf. Ich habe so viel Verantwortung! Wie lange kann ich den Anforderungen noch genügen?“
Lisa und ihre Mutter sind zwei von vielen. Manchmal sitzen wir alle irgendwo und denken über uns selber nach. Auf heruntergeklappten Toilettendeckeln und auf Sesseln. Auf einem Autositz oder einem Kneipenstuhl. Und fragen uns, ob wir genügen. Bin ich schön genug? Kann ich mithalten? Genüge ich den beruflichen Anforderungen?
Auch ich setze mich manchmal am späten Abend auf den Stuhl in meinem Arbeitszimmer. Denke über den Tag nach und darüber, was ich gut gemacht habe und was nicht. Und wenn zu viele schwarze Gedanken angekrochen kommen, schaue ich auf ein kleines Bild, das auf meinem Schreibtisch steht. Es zeigt einen Mann mit langem Bart, der auch auf einem Stuhl sitzt. Die rechte Hand hat er erhoben und macht eine segnende Geste. Er schaut mich direkt an und lächelt ein wenig. Es ist Jesus Christus, der dort sitzt. Christus auf dem Richterstuhl. Ein uraltes Motiv der Christenheit. Auf diesem Bild lächelt mir der Weltenrichter zu und sagt: „Ich sitze hier auf dem Richterstuhl. Nicht Du. Ich bin es, der Dein Leben beurteilt. Nicht Du selbst. Und mein Urteil fällt milde aus.
Wenn Du Dich auf einen Stuhl setzt und entscheiden willst, ob Du genug bist – dann schmeißt Du mich vom Richterstuhl runter. Denn in Wahrheit sitze ich auf dem Richterstuhl und urteile über Dein Leben. Und ich sage Dir: In meinen Augen bist Du wunderschön. Lass Dich segnen. “
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42084SWR Kultur Wort zum Tag
Heute habe ich frei. Der 1. Mai ist einer der wenigen Feiertage, die auch ich als Pfarrer in vollen Zügen genießen kann. Was kann ich heute Schönes machen? Ich könnte mich mit Leiterwagen und Bier einer der zahlreichen Maiwanderungen anschließen. Oder in Stuttgart demonstrieren gehen. Für bessere Arbeitsbedingungen und für höhere Mindestlöhne.
Aber zuerst frage ich mich: Haben die Kirchen zu diesem Tag auch etwas zu sagen? Etwas Grundlegendes, vom Glauben her? Auf der Suche nach einer Antwort bin ich auf einen Gedanken gestoßen, der mich fasziniert:
Wir alle stehen in unseren Berufen in einer unaufhebbaren Spannung. Einerseits sollen wir den Beruf so gut ausüben, wie wir können. Als Busfahrer oder als Biolehrerin. Mit allen Herausforderungen und Pflichten. Denn jeder Beruf ist eine Berufung. Nicht nur Pfarrer und andere kirchliche Menschen sind berufen. Auch jeder Busfahrer ist dazu berufen, seinen Beruf möglichst gut zu machen.
Andererseits hat jeder auch eine umfassende Verantwortung in seinem Beruf. Die Verantwortung zielt nicht nur darauf, dass ich fachlich gut bin. Sie ist umfassender. Sie ist meine Antwort auf Gottes Gegenwart. Eine mir von Gott gegebene Aufgabe, für eine bessere Welt zu arbeiten. Da kann es durchaus sein, dass ich mehr machen muss als das, was im engeren Sinne zu meinen Berufspflichten gehört. Oder sogar etwas, das im Widerspruch dazu steht.
Diese Überlegungen stammen von Dietrich Bonhoeffer, dem berühmten Widerstandskämpfer und Theologen aus dem sogenannten 3. Reich. Bonhoeffer bringt ein Beispiel aus seiner eigenen Zeit. Von vielen Ärzten haben die Nazis erwartet, an Menschen mit Behinderung qualvolle Experimente durchzuführen. Von einem Christen erwartet Bonhoeffer, dass er diesem Auftrag nicht nachkommt. Und vielleicht sogar den Mut hat, gegen diesen menschenverachtenden Auftrag zu protestieren.
Heute leben wir nicht mehr in einer Diktatur. Trotzdem stellt sich auch uns die Frage: Wie können wir in unseren Berufen die richtige Antwort auf Gottes Auftrag geben? Wenn ich Busfahrer bin – wie viel Zeit nehme ich mir, um eine alte Frau in Ruhe in den Bus zu geleiten? Oder als Biolehrerin: Sehe ich Schüler vor allem als Objekte, denen Wissen vermittelt werden soll? Oder auch als sich entwickelnde Persönlichkeiten, denen ich gerecht werden möchte?
Wie übernehme ich in meinem Beruf so Verantwortung, dass ich angemessen auf Gottes Gegenwart antworte? Ich glaube, diese Frage nehme ich heute mit auf meine Maiwanderung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42083SWR Kultur Wort zum Tag
Unter der Woche beginnt jeder Tag bei mir genau gleich. Ich versuche, den Wecker möglichst lange zu ignorieren: solange mein Trommelfell das gerade noch mitmacht. Dann schlurfe ich mit halbgeschlossenen Augen in die Küche und greife im Dunkeln nach dem Wasserkocher. Das Wasser wird heiß, ab in die Teekanne, drei lange Minuten – und endlich das, worauf ich gewartet habe: der erste Schluck Tee – ahhh, wunderbar. Ich spüre die Hitze und die anregende Bitterkeit im Mund. – Aber mit dem ersten Schluck fließt nicht nur wohlige Wärme in meinen Körper. Es ist, als ob das Leben selbst in mich hineinströmt. Ich öffne die Augen ganz, blinzle ein wenig und sehe das erste Mal mit Zuversicht, was der aufziehende Morgen so bringt. – Der erste Schluck Tee, und es kommt neues Leben ins Leben.
Jetzt, wo der Frühling in Sicht ist, schaffe ich es manchmal, später am Vormittag Sport zu machen. Ich schwitze auf dem Rennrad, ich bin ganz außer Atem, und zurück in der Küche greife ich zuerst zur Wasserflasche. Aber es ist ein ganz anderer Durst, den ich da stille. Ein anderer Durst als der am frühen Morgen. Ich fühle mich schon ganz ausgetrocknet. Die Kehle ist rau, der Körper zittrig. Hastig schütte ich große Schlucke Sprudel in meinen Mund, Hauptsache Flüssigkeit.
Zweimal trinken: einmal aus der Not heraus, schnelles Wasser nach dem Sport. Das andere Mal zur Eröffnung eines neuen Morgens, aus dem Halbschlaf des Alltags heraus.
Neulich habe ich in einem Gottesdienst das Abendmahl ausgeteilt – kleine Brotstücke zuerst, und dann den Traubensaft. Am Schluss habe ich auch selbst beides empfangen. Und während ich den Schluck Traubensaft getrunken habe, habe ich mich gefragt: Woran erinnert mich dieses Trinken mehr? Ähnelt es dem Trinken nach dem Sport? Hauptsache Flüssigkeit, um nicht zu verdursten? Oder ähnelt es dem ersten Schluck Tee am Morgen – mit dem neues Leben ins Leben kommt?
Vielleicht ist es auch beides – weil Jesus beides verspricht. Er hilft mir in äußerer und in innerer Not. Er stärkt mich, wenn meine Kehle ganz trocken ist. Oder meine Seele. Ausgetrocknet nach den Anstrengungen des Lebens. Dann fängt Jesus mich auf und erquickt mich. Und Jesus bringt auch neues Leben in mein Leben. Er lässt mich aufwachen aus dem Halbschlaf des Alltags und ermöglicht mir, groß zu träumen. Er ermöglicht mir auch heute, wach und mit Zuversicht ganz lebendig zu leben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41725SWR Kultur Wort zum Tag
Er ist der wichtigste Dichter der Ukraine: Serhij Zhadan. Doch seit einem dreiviertel Jahr dient er als Soldat. Im Krieg gegen Putins Russland. Denn er will seinem Land nicht nur mit Worten dienen. Sondern auch mit Taten. Wie so viele andere durch den Einsatz von Leib und Leben.
Serhij Zhadan wurde 1974 in der Ostukraine geboren. Mit wilder Entschlossenheit hat er sich für den Demokratisierungsprozess der Ukraine engagiert und bei der „Orangenen Revolution“ auf dem Maidan in Kiew 2014 gekämpft. Und er hat geschrieben: Romane, Essay und vor allem Gedichte. Als Putin 2022 die Ukraine überfällt, macht er erst weiter wie bisher – Worte sind seine Waffen. Er gibt Interviews in allen großen Medien Europas und schreibt Reportagen und Gedichte. Dann die Wende – Worte als Waffen reichen ihm nicht mehr. Er meldet sich freiwillig zum Militärdienst, im April 2024.
Und nun hat Zhadan ein Buch mit neuer Poesie veröffentlicht. Und erkundet darin die Tiefendimensionen unseres Menschseins. Er schreibt: – „Doch an den traurigsten Tagen/kreis über mir – Vogel des Vertrauens./Und in den trübsten Zeiten, inmitten von Lärm und Erstarrung, bleib bei mir, Sprache – Sprache des Zweifels,/Sprache der Freude,/Sprache des Dankes.“
Vertrauen ist das eine, was wir Menschen brauchen, um zu leben. Um zu überleben und um menschenwürdig zu leben. Egal, ob wir Freudenfeste auf dem Maidan feiern oder im Krieg gegen einen Diktator kämpfen. Gerade auch an den traurigsten Tagen, wenn Menschen um uns herum sterben und das Leben verkümmert, brauchen wir Vertrauen. Und ahnen zugleich, dass wir es nicht selbst hervorbringen können. So dass wir darum bitten müssen: Doch an den traurigsten Tagen/kreis über mir – Vogel des Vertrauens.
Aber wo landet der Vogel des Vertrauens? Zhadan sagt: in unseren Worten. Vertrauen muss zur Sprache kommen, um unser Herz zu erreichen. Wenn wir verstummen, verkümmert auch das Vertrauen zwischen uns Menschen. Denn wir sind Wortwesen. Daher schreibt er: „Und in den trübsten Zeiten, inmitten von Lärm und Erstarrung, bleib bei mir, Sprache – Sprache des Zweifels,/Sprache der Freude,/Sprache des Dankes.“
Zhadan dient der Ukraine mit seinem Militärdienst. Und er dient allen Menschen auf der Welt mit seinen Worten. Indem er zur Sprache bringt, was wir zu wahrem Leben brauchen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41724SWR Kultur Wort zum Tag
Gestern ist die Vesperkirche in Ludwigsburg zu Ende gegangen. Drei Wochen lang haben wir in der Friedenskirche jeden Tag Mittagessen angeboten. Für 500 Menschen. Eine warme Suppe, ein reichhaltiges Hauptgericht und einen leckeren Kaffee. Und jeden Tag waren über 60 Ehrenamtliche im Einsatz. Schnippeln, kochen, backen, abwaschen und vor allem servieren. Drei Stunden lang laufen sie zwischen der Essensausgabe und den Tischen hin und her. Immer aufmerksam und freundlich: „Sie wollten den Kaffee ohne Milch, nicht wahr? Bitteschön!“ Schade, dass die Tische und Stühle in den Seitenschiffen jetzt wieder abgebaut werden. Ich mag es, wenn es in der Kirche nach Gulasch riecht und überall Leute herumwuseln.
Noch mehr beeindruckt mich allerdings, wer da alles zusammengekommen ist. Einmal habe ich an einem Tisch mit zwei älteren Frauen aus der Ukraine gesessen. Die haben mich in gebrochenem Deutsch freundlich begrüßt – „Hallo, alles klar, mein Herr?“ Noch ehe ich antworten konnte, hatten sich schon zwei Schülerinnen dazugesetzt. Sie kichern miteinander und schauen dann doch auf. „Die sich gerade noch hinsetzt – ist das nicht unsere Erste Bürgermeisterin?“ Schließlich steuern noch zwei Damen mit weißen Schürzen die letzten freien Plätze an: „Eigentlich bedienen wir hier. Guten Appetit allerseits!“
Acht Menschen aus vier ganz verschiedenen Lebenswelten. Die meisten werden sich vorher und nachher nicht mehr begegnen. Und doch sitzen sie hier an einem Tisch, für eine gute halbe Stunde. Schauen auf, lächeln vorsichtig, beginnen zu sprechen. Verlassen ihre Komfortzone, öffnen sich füreinander. Ganz flüchtig, aber ganz real.
Die Kulturwissenschaftler sagen: Das ist ein „Dritter Ort“. Ein Ort der Begegnung von Menschen, die jeweils ihre vertrauten Orte verlassen haben. Ihre Blasen, wie wir heute sagen. Dritte Orte – an ihnen entsteht etwas Neues. Ganz spontan verstehen sich zwei ganz unterschiedliche Menschen. Und entwickeln eine inspirierende Idee – „ach, vielleicht könnte ich bei unserem Nachbarschaftstreff ja auch mal internationales Essen anbieten. Kommen Sie doch mit Ihrer ukrainischen Suppe bei uns vorbei!“
Ein dritter Ort: Für mich ist das auch ein gesegneter Ort. Weil hier Leben ins Leben kommt. Und manchmal glaube ich zu sehen, wie Gottes Geist über dem Tisch schwebt und lächelt.
Gestern ist die Vesperkirche in Ludwigsburg zu Ende gegangen. Ich vermisse ihre gesegneten Dritten Orte schon jetzt. Und ich frage mich, wo ich in dieser Woche für ein paar Minuten mit Menschen aus einer ganz anderen Blase ins Gespräch kommen kann. Ganz flüchtig, aber ganz real.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41723SWR Kultur Wort zum Tag
„Die Nacht ist vorgedrungen – der Tag ist nicht mehr fern – So sei nun Lob gesungen – dem hellen Morgenstern“ – so beginnt eines meiner liebsten Adventslieder. Noch ist es ganz dunkel, morgens, wenn ich zur Arbeit gehe. Doch ich sehe aus manchen Fenstern einen Weihnachtsstern leuchten. Oder eine angestrahlte Krippe. Zeit, den Morgenstern zu loben – Jesus Christus, der alle Finsternis erhellt.
„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern“: Jochen Klepper hat diese Zeilen gedichtet, 1938. In einer Zeit, die er selbst wie eine tiefe Nacht erlebt hat. 1903 wurde er als Pfarrersohn geboren und hat dann selbst Theologie studiert. Schon damals ist er ein Außenseiter, nicht nur, weil er unter Asthma leidet. Eine schwere Nervenkrise zwingt ihn, das Studium abzubrechen. Er wird Journalist und Rundfunkassistent.
Dann kommen die Nazis an die Macht, und Jochen Klepper verliert seine Anstellung. Denn er ist seit 1931 mit Johanna Stein verheiratet, einer Jüdin, die zwei Töchter mit in die Ehe bringt.
Er arbeitet als freier Schriftsteller und schreibt vor allem Texte für geistliche Lieder. Texte, die sich der Dunkelheit entgegenstellen, die seine Zeit prägen. „Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein – der Morgenstern bescheinet – auch deine Angst und Pein.“ Während die eine Tochter nach England ausreisen kann, wird der entsprechende Antrag für seine Frau und die andere Tochter abgelehnt. Ein letztes Mal macht sich Jochen Klepper auf und geht persönlich zu Adolf Eichmann, um die Ausreise zu erwirken. Doch er kehrt unverrichteter Dinge zurück. Da beschließt Jochen Klepper, mit seiner Frau und der Tochter gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, am 11. Dezember 1942. Er schreibt in sein Tagebuch: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen in der Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“
Ich hoffe, dass für Klepper gilt, was er selbst im dritten Vers seines Adventslieds geschrieben hat: „Beglänzt von seinem Lichte – hält Euch kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ Mich lassen diese Zeilen getrost in den Tag starten. Egal, ob mich am Morgen eine äußere oder eine innere Dunkelheit bedroht – Gott wird mit seinem Licht mein Leben erhellen. Es ist Advent.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41187SWR Kultur Wort zum Tag
„Leise rieselt der Schnee“. So singen wir alle Jahre wieder. Ob der Schnee in dicken Flocken vom Himmel fällt oder als Eisregen, spielt dabei keine Rolle. Schnee ist Schnee. Die Inuit freilich, die in arktischen Regionen der Erde leben, kennen viele Dutzend Bezeichnungen dafür. Nutaryuq – das ist der gerade gefallene Neuschnee. Kanevvluk – das ist der leichte Schnee, der etwas pulvrig ist und schon von wenig Wind weggepustet wird. Und utvak bezeichnet den Schnee, der ganz fest ist und gut zusammenhält, eine Art „Schneeblock“. Nutaryuq – kanevvluk – utvak: drei von vielen Worten für das, wofür wir im Deutschen nur ein Wort haben: „Schnee“.
Indem die Inuit verschiedene Ausdrücke für das eine deutsche Wort „Schnee“ benutzen, beschreiben sie genauer, was ihnen im Leben wichtig ist. Nutaryuk – das ist nicht einfach nur Schnee. Sondern das ist der Neuschnee, der gerade erst die Tundra bedeckt. Das Herz hüpft vor Freude, dass nun endlich der Winter beginnt. Der Neuschnee ist da, auf dem man die Pfotenabdrücke der Hasen gut sieht. So viel leichter wird Jagd dadurch! Neuschnee, das ist der Bote eines besseren Lebens.
Ich frage mich, ob wir nicht für unser Wort „Glauben“ auch viel mehr verschiedene Ausdrücke bräuchten. Ich merke das, wenn ich gefragt werde: „Glaubst Du eigentlich?“ Am liebsten würde ich antworten: „Die Frage ist mir zu ungenau. Vielleicht, weil wir nur das eine Wort ‚Glauben‘ haben – für etwas, was ich als so unterschiedlich erlebe. Am Anfang ist der Glaube vielleicht wie nutaryuq, wie Neuschnee. Er lässt das Herz hüpfen, weil ich das Leben als wunderschön und glitzernd erlebe. Voller Freude sehe ich überall Spuren Gottes in meinem Leben wie Pfotenabdrücke im Schnee.“
„Dann erlebe ich Phasen, an denen mein Glaube wie kanevvluk ist, wie leichter Schnee. Ein Windstoß fährt durch mein Leben. Ich mache einen Fehler oder erlebe etwas Schwieriges. Schon wird mein Glaube in großen Teilen weggepustet. Meine Seele liegt ganz bloß da, kaum schaffe ich es mehr, mich an Gott zu wenden in meiner Not.“ „Aber dann erlebe ich auch wieder Menschen, deren Glaube wie utvak ist, fest wie ein Schneeblock. Die erzählen mit großer Freude von ihrem Glauben auch dann, wenn sie die einzigen Christen in einer großen Gruppe sind. Das beeindruckt mich und lässt auch meinen Glauben ein wenig mehr wie utvak sein.“
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