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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22DEZ2023
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Ich liebe die deutsche Sprache! Sie hat ungefähr 500 000 Wörter. Und obwohl ich in meinem aktiven Wortschatz höchstens einen Bruchteil davon benutze, könnten es von mir aus noch viel mehr sein. Zum Glück ist es im Deutschen ganz leicht, neue Wörter zu erfinden. Man muss nur frisch und munter ein Hauptwort ans andere reihen. Dann entstehen solche fantastischen Wortgebilde wie der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft-Mannschaftskapitän. Oder der Eierschalensollbruchstellenverursacher. Ein irres Wort für einen Eierköpfer – aber es bringt auf den Punkt, wie so ein Ding funktioniert.

Andere Sprachen funktionieren genau andersherum: Die brauchen nur ein einziges Wort, um etwas auszudrücken, wofür im Deutschen ein ganzer langer Satz benötigt wird. Mein Lieblingswort für diesen Fall heißt Awumbuk. Das kommt aus Papua-Neuguinea nördlich von Australien. Die Menschen, die dort leben, sagen Awumbuk und meinen damit „ein Gefühl von Leere und Erleichterung, wenn die Gäste gegangen sind.“

Ein Gefühl von Leere und Erleichterung, wenn die Gäste gegangen sind. Das kenne ich gut: Ab morgen wird bei uns die Bude erst mal voll. Über die Feiertage kommt in Schüben die ganze Familie zusammen. Das wird zwar nicht stressfrei, aber irgendwie auch schön. Wir werden zusammenrücken. Wir werden gut und reichlich essen und trinken und bis tief in die Nacht reden, singen und spielen. Morgens wird man sich mit vielen ein Bad teilen und tapfer warten, bis die Dusche endlich frei ist. Und irgendwann werden nacheinander alle wieder abreisen. Wenn dann der letzte Gast die Tür hinter sich zugezogen hat, wird es still sein im Haus. Dann herrschen Erleichterung und eine seltsame Leere. Awumbuk eben. Gemischte Gefühle. Auf den Punkt gebracht.  

Ein Fest braucht Vorbereitungen. Das wissen wir, und wir geben ihnen in der Regel auch viel Raum. Ein Fest braucht aber auch Nachbereitung. Eine Nachbereitung, die mehr ist als Aufräumen und Abwaschen. Eine innere Nachbereitung. Ein Nachklingen und Ausschwingen von Begegnungen und Gesprächen, ein bisschen Wehmut mit Freude gemixt. Lassen Sie uns in diesem Jahr, wenn die Gäste dann wieder gegangen sind, doch alle ein bisschen Awumbuk sein!

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

21DEZ2023
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Ob es wohl eine weiße Weihnacht wird in diesem Jahr? Schon seit Wochen sind die Meteorologen damit beschäftigt, diese Frage zu beantworten. Inzwischen dürfte sich die Wettervorhersage wohl in einem recht zuverlässigen Bereich bewegen. Weiße Weihnacht? Wir werden ja sehen. Immerhin gab es Schnee in diesem Jahr schon vor dem ersten Advent. Das war ein Fest! Wir haben gleich die Feuerschale rausgeholt und ein paar Nachbarn im Garten ums knisternde Feuer versammelt. Aus den letzten viel zu milden Wintern hatte fast jeder noch eine Flasche Glühwein im Keller. Ja, Schnee ist etwas Wunderbares! Aber warum soll es ausgerechnet an Weihnachten schneien? Warum wünschen sich immer alle eine weiße Weihnacht? Es kann doch nicht nur daran liegen, dass bei Eis und Schnee der Glühwein besser schmeckt!  

Der Soziologe Hartmut Rosa hat dafür eine Erklärung gefunden, die mir sehr einleuchtet. Er meint: Wenn es schneit, dann ist das „wie der Einbruch einer anderen Realität. Etwas Scheues, Seltenes, das uns besuchen kommt, das sich herabsenkt und die Welt um uns herum verwandelt, ohne unser Zutun, als unerwartetes Geschenk.“ Schnee ist etwas, das wir nicht herstellen können, „nicht erzwingen, nicht einmal sicher vorher planen, jedenfalls nicht über einen längeren Zeitraum hinweg.“ Und wir können den Schnee auch nicht haltbar machen: „Wenn wir ihn in die Hand nehmen, zerrinnt er uns zwischen den Fingern, wenn wir ihn ins Haus holen, fließt er davon, und wenn wir ihn in die Tiefkühltruhe packen, hört er auf, Schnee zu sein.“

Mit all diesen Eigenschaften passt der Schnee daher perfekt zu dem, was wir an Weihnachten feiern: Gott kommt zur Welt. Und das war allein seine Idee, kein Mensch hat etwas dazu tun oder ihn daran hindern können. Der sanfte Einbruch einer anderen Realität. Wir können nur still werden und staunen über die Pracht und Herrlichkeit, die da vom Himmel auf die Erde gekommen ist. Der unverfügbare Gott kommt aus fernsten Fernen und stellt sich uns zur Seite. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine wunderweiße Weihnacht!  

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20DEZ2023
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Zwischen Karlsruhe Süd und Heimsheim ist die A8 in Fahrtrichtung Stuttgart gesperrt. Ein LKW hat in der Nacht Diesel verloren. Bei den winterlichen Temperaturen eine Riesensauerei. Die Räumungsarbeiten verzögern sich. Bis die Strecke wieder freigegeben ist, wird es noch dauern. Ich bin in entgegengesetzter Richtung unterwegs und heilfroh. Zum Glück sitze ich da nicht fest. Zum Glück muss ich keine Termine verschieben oder absagen, zum Glück muss ich nicht dringend aufs Klo und kann nicht austreten. Oder muss frieren, weil die Standheizung nicht funktioniert.  

Dann sehe ich die Räumfahrzeuge auf der anderen Seite. Es sind viele. Eine ganze Flotte. Wo kommen die jetzt eigentlich so schnell her? Wer koordiniert ihren Einsatz und wie funktioniert das eigentlich, Diesel beseitigen? Ich habe nicht die geringste Ahnung. Und plötzlich gesellt sich zu der Erleichterung, dass es mich diesmal nicht getroffen hat, eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich in einem Land lebe, das so gut organisiert ist. Ein Problem taucht auf, und – trotz Personalengpass oder anderer Schwierigkeiten - kümmert sich jemand um die Lösung. Sperrt Straßen, schildert Umleitungen aus, schafft Fachleute und das notwendige Gerät herbei. Und nach wenigen Stunden läuft der Verkehr wieder reibungslos.

Keine Spur von Dankbarkeit lese ich in den Gesichtern der Autofahrer, die hinter der Sperrung in einer endlosen Kolonne im Stau stehen. Und auch mir wäre auf der anderen Straßenseite wohl nicht nach Dankgebeten zumute. Aber auf meiner Seite kann ich sie sprechen. Stellvertretend für andere. Heute bete ich einmal so: „Danke, wenn ich im Stau eine Rettungsgasse bilden muss, weil es bedeutet, dass bald Hilfe kommt. Danke, dass ich Steuern zahlen muss, weil es bedeutet, dass ich eine Arbeit habe. Danke, dass ich keinen Parkplatz finde, weil es bedeutet, dass ich ein Auto besitze. Danke, dass die Heizkosten so hoch sind, weil es bedeutet, dass ich es warm habe. Und danke, lieber Gott, dass mich der Wecker heute Morgen aus meinen Träumen gerissen hat, weil es bedeutet, dass ich am Leben bin.“

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19DEZ2023
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Wenn im Winter die Laubbäume ihre kahlen Äste in den Himmel strecken, stechen sie mir ins Auge: fette Mistelbüsche, die sich wie dunkle Nester in den Bäumen festgesetzt haben. Sie erinnern mich immer an Krebsgeschwüre, die einen gesunden Baum befallen haben. Und sie sind ja auch wirklich Schmarotzer, die eine Wirtspflanze brauchen, um wachsen und gedeihen zu können. Aus dem Baum zieht die Mistel ihre Nährstoffe und alles, was sie zum Leben braucht. In manchen Bäumen hocken ganz viele dieser Parasiten, in anderen, auch wenn sie dicht an dicht stehen, kein einziger. Und die Frage, warum das so ist, bleibt unbeantwortet. Den Bäumen jedenfalls tut es gut, wenn man die Misteln ab und zu abschneidet, damit sie ihnen nicht zu viele Säfte und Kräfte rauben.

In der Adventszeit machen die bedrohlichen Gewächse dann sogar eine wundersame Wandlung durch: Die grünen, schönblättrigen Zweige mit den weißen Beeren dekorieren mit einer roten Samtschleife versehen Fenster und Türen. „Küss mich unterm Mistelzweig“ singt Andrea Berg und verspricht sich von so einem Kuss ewige Liebe. Und im Comic klettert der Druide Miraculix nachts im Mondenschein auf Eichenbäume, um die begehrten Misteln für seinen Zaubertrank zu besorgen, der seinen Galliern übermenschliche Kräfte verleiht. Misteln wurden schon immer auch als Heilpflanzen genutzt. Sie sind eben mehr als Schädlinge von Bäumen.

Was von weitem bedrohlich aussieht, verliert aus der Nähe betrachtet seinen Schrecken. Was fern liegt, rückt nah. Was Fragen aufwirft, wird fassbar. Das macht die Adventszeit mit uns: Sie bereitet uns auf große Verwandlungen vor, auf Wunder. Zum Beispiel auf dieses: Gott, für viele Menschen weit weg und eine große Unbekannte, kommt als kleines Kind zur Welt. Verliert seinen Schrecken. Hat menschliche Züge. Kommt uns ganz nah. Lässt sich herzen und bestaunen. Verspricht ewige Liebe und verleiht wunderbare Kräfte. Verwandlung ist möglich. Und Heilung. Und Wunder auch.    

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18DEZ2023
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Wenn ein Fest bevorsteht, treffen wir unsere Vorbereitungen. Für uns selbst und für diejenigen, die vielleicht bald zu Besuch kommen, die wir bekochen und beschenken und verwöhnen möchten. Manche stürzen sich begeistert ins vorweihnachtliche Getümmel und lassen nichts aus: Weihnachtsmarkt, Adventsfeiern, Schrottwichteln. Andere ziehen sich lieber zurück und suchen die Stille. Holen sich Anregungen aus Adventskalendern ohne Schokolade. Und ich habe in diesem Jahr noch eine ganz andere Art der Festvorbereitung entdeckt. Benedikt hat sie mir gezeigt. Er ist der Held einer kleinen Erzählung des isländischen Schriftstellers Gunnar Gunnarsson.

Benedikt pflegt ein ganz besonderes Adventsritual. Und zwar macht er sich jedes Jahr im Advent ins Hochgebirge auf. Dort sucht er versprengte Schafe, die den Abtrieb im Herbst verpasst haben. Er will sie vor dem Erfrieren retten und ihren Hirten zu Weihnachten zurückbringen. Auf seinen einsamen und zuweilen gefährlichen Wegen begleiten ihn nur ein Hund und ein Hammel. Diese drei Gefährten bestehen einen Jahrhundert-Schneesturm und manch anderes spannende Abenteuer. Aber es sind vor allem Benedikts Gedanken, die sich mir eingeprägt haben. Gedanken wie dieser: „Advent. Benedikt nahm das große Wort behutsam in den Mund (…) Er wusste nicht genau, was es bedeutete, aber es lag doch eine Erwartung, eine Vorbereitung darin, das fühlte er. Denn was war das Leben der Menschen auf Erden überhaupt anderes als ein unvollkommenes Dienen, das doch von Erwartung, von Vorbereitung aufrechterhalten wurde?“

In solchen Zeilen rückt Benedikt für mich ganz nah an den heran, auf den sich im Advent alle christlichen Erwartungen richten. Auf Jesus den Christus, das Kind in der Krippe. Der hat als Erwachsener von sich gesagt: Ich will dienen, nicht herrschen. Und ich bin gekommen, um alle zu suchen, die sich verloren fühlen. Ich bin wie ein guter Hirte. Ein guter Hirte lässt schon mal 99 Schafe im Trockenen, um das eine, das hundertste zu suchen, das verloren gegangen ist. Verloren Gegangene zu finden und in die Gemeinschaft zurückzuholen: Was für ein schönes Advents-Ritual! Ich will es gerne einmal ausprobieren, nicht nur im Hochgebirge.

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SWR2 Lied zum Sonntag

10DEZ2023
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Ein Mensch am Boden. Der Rücken krumm, die ganze Haltung in sich gekehrt. Der Blick gesenkt. „Incurvatus in se ipsum“, wie Martin Luther sagen würde, ein in sich selbst gefangener Mensch. Doch dann steht sie auf. Richtet ihren Körper auf. Hebt den Kopf, schaut nach oben, breitet vielleicht sogar in einer weit ausholenden Geste beide Arme aus. So steht sie da. Und folgt mit ihrer Bewegung dem biblischen Leitmotiv für diesen zweiten Sonntag im Advent. Das steht im Lukasevangelium und heißt: „Richtet euch auf, ihr Menschen, lasst den Kopf nicht hängen und nehmt eure Zukunft aufrecht in den Blick. Denn eure Erlösung kommt bald!“ Eins der neueren Adventslieder ahmt diese Bewegung musikalisch nach. Mit seinen ersten Tönen steigt es in drei aufeinanderfolgenden Quartsprüngen vom Boden in den Himmel auf:

Das Volk, das noch im Finstern wandelt – bald sieht es Licht, ein großes Licht.
Heb in den Himmel dein Gesicht und steh und lausche, weil Gott handelt.

Die ihr noch wohnt im Tal der Tränen, wo Tod den schwarzen Schatten wirft:
Schon hört ihr Gottes Schritt, ihr dürft euch jetzt nicht mehr verlassen wähnen.

Auch mit seinen Worten folgt das Lied einem biblischen Grundton: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell!“ Es ist der Auftakt zur großen Friedensvision des Propheten Jesaja, die in jeder Adventszeit neu ihre Stimme erhebt und ihre Kraft entfaltet.
Seht auf, steht auf, richtet euch auf, fasst neuen Mut, macht Augen und Ohren auf: Eure Erlösung kommt bald!

Er kommt mit Frieden, nie mehr Klagen, nie Krieg, Verrat und bittre Zeit!
Kein Kind, das nachts erschrocken schreit, weil Stiefel auf das Pflaster schlagen.

Die Liebe geht nicht mehr verloren. Das Unrecht stürzt in vollem Lauf. Der Tod ist tot.
Das Volk jauchzt auf und ruft: „Uns ist ein Kind geboren!“

Die Bilder zu diesen Strophen habe ich gerade erst gesehen. Sie kamen aus Israel, aus dem Land, in dem der Prophet Jesaja sie als erster beschworen hat: Aufjauchzende Mütter und Väter habe ich gesehen, die ihre Kinder nach einer Höllenfahrt der Ungewissheit endlich wieder in die Arme schließen, nachdem sie aus den unterirdischen Gefängnissen der Geiselnehmer frei gelassen wurden. Augenblicke des Friedens mitten in einem Krieg. Lichtblicke inmitten der Dunkelheit, die Israelis und Palästinenser auch weiterhin gefangen hält. Eine Vorahnung, ein kleines Zeichen, wie eine Zukunft in Frieden aussehen könnte.

Ich will daran glauben, dass diese Friedenszeit kommt: „Es kommt der Friede. Nie mehr Klagen, nie Krieg, Verrat und bittere Zeit. Kein Kind, das nachts erschrocken schreit, weil Stiefel auf das Pflaster schlagen.“ Durch alles Gedröhn hindurch will ich auf diesen anderen Ton hören: „Schon hört ihr Gottes Schritt, ihr dürft euch jetzt nicht mehr verlassen wähnen.“

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Musikangaben:
Text: Jürgen Henkys (1981) nach dem Niederländischen „Het volk dat wandelt in het duister“ von Jan Willem Schulte Nordholt (1959)
Melodie: Frits Mehrtens (1959)
Aufnahme: Kord Michaelis (Orgel) und Christine Marx (Gesang) 2023

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SWR1 Begegnungen

19NOV2023
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Anja Bremer ist Pfarrerin aus Leidenschaft. Sie liebt die Vielfalt der Aufgabenfelder, die sie in ihrem Beruf beackern kann. Ihre größte Liebe aber gilt der Gestaltung von Trauerfeiern. Dabei kommt der Tod doch eigentlich immer zur Unzeit. Und der Termin für eine Beerdigung mit all ihren notwendigen Vorbereitungen auch.

Ich mache Beerdigungen sehr, sehr gerne. Das gibt mir ganz viel. Es ist etwas, wo ich den Eindruck habe, da bin ich ganz gefordert und kann ganz da sein. Und das ergibt ganz viel Sinn, wenn ich da begleiten kann.

Woher diese besondere Vorliebe bei ihr kommt? Vielleicht daher, dass der Tod im Leben von Anja Bremer schon viel zu oft unaufgefordert aufgekreuzt ist. Und ihr keine Chance gelassen hat, die Auseinandersetzung mit dem Sterben auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.

Mein Bruder ist ganz früh gestorben, mit 32, mein Vater mit 56. Ich hatte mal eine große Kopfoperation mit einem Tumor im Gehirn, mit 29. Dass ich lebe, dass ich heute lebe, das ist für mich jeden Tag auch wieder ein neues Geschenk.

Und dieses Geschenk gibt sie nun auf vielfache Weise in ihrer Arbeit als Seelsorgerin zurück:  Anja Bremer geht ohne Scheu und mit offenen Augen und Ohren in Gespräche mit Hinterbliebenen, sieht und hört genau hin. Sie hat Trostworte im Gepäck und Gebete. Manchmal sorgt sie aber auch für ganz handfeste Nahrung. So wie bei der Beerdigung der „besten Streuselkuchenbäckerin der Welt“:

Und ich habe dann am Abend vor der Bestattung Streuselkuchen gebacken und habe Päckchen abgepackt und habe die Trauerfeier zum Thema der drei wichtigstenZutaten für Streuselkuchen benannt. Das ist, glaube ich, sehr gelungen, weil wir dann zum Schluss am Grab miteinander Streuselkuchen gegessen haben.

Butter, Zucker und Mehl: Zutaten für duftende Streusel! Und weil für Anja Bremer das Evangelium mitten ins Leben gehört, ist es bei ihr nur ein kurzer Weg von der Backstube hin zu Glaube, Liebe und Hoffnung. Diese biblischen drei, meint sie, sind nämlich die besten Zutaten für ein gelingendes Leben.

Und was mit der Nase gut funktioniert, klappt fast noch besser mit den Ohren. Anja Bremer weiß, dass auch die richtige Musik eine ganz wichtige Zutat ist, wenn eine Trauerfeier Menschen berühren soll.

Es macht großen Spaß, sich mit der Pfarrerin Anja Bremer über ihre liebevoll gestalteten Trauerfeiern zu unterhalten. Z.B. wenn sie erzählt, wie sie in einem Trauergespräch die ganze Zeit krampfhaft versucht hat, ihre rot lackierten Fingernägel zu verbergen, bis die Witwe plötzlich mit einem Blick darauf gesagt hat: „Das hätte meinem Heinz gefallen!“

Und als die Trauerfeier war, und ich will die Witwe und ihre Töchter begrüßen, in dem Moment hält sie mir beide Hände hin und die Tochter daneben auch. Und alle haben rot lackierte, knallrot lackierte Nägel. Also hatten wir dann mindestens 30 Finger an dem Tag, die knallrot waren, weil es Heinz so gut gefallen hätte. Und das sind schon auch ganz besondere Formen, zu erleben, wie Menschen auch in Resonanz gehen, wenn ich denn bereit bin, auch Resonanz zu bieten.

Anja Bremer will Menschen berühren. In Resonanz gehen bedeutet für sie, in den von Trauer gelähmten Seelen der Menschen wieder etwas zum Schwingen zu bringen. Und sie weiß: Musik ist da eine begnadete Türöffnerin. Manchmal transportiert ein Choral aus dem Gesangbuch Trost und Seelenwärme. Aber auch Leierkastenmänner haben bei ihr schon aufgespielt. Oder es gab Oasis. Und einmal auch Peter Alexander mit seiner „kleinen Kneipe in unserer Straße“.

Es heißt in dem Lied irgendwie, „da wo das Leben noch lebenswert ist und wo dich keiner fragt, was du hast oder bist.“ Na, christlicher geht es ja gar nicht!

Anja Bremer findet überall biblische Botschaften. Und so eine Entdeckerfreude wünscht sie auch ihrer Kirche. Wie schön wäre es, wenn die sich noch mehr als Dienstleisterin verstehen würde und immer weniger als „Amtskirche“.   

Und da muss ich sagen, erhoffe ich mir und wünsche mir immer mehr, dass die Kirche da noch durchlässiger wird, dass wir von der Erlaubnis doch stärker noch zur Ermöglichung kommen.

Nicht lange nachfragen, was erlaubt ist, sondern Dinge ermöglichen, die den Menschen dienen. Das wäre nach Anja Bremer denn auch so recht im Sinne von Jesus. Der hat einen kranken Menschen einmal gefragt: Was willst du, dass ich dir tun soll? Und sich dann am Wunsch seines Gegenübers orientiert und ihn geheilt.  

Macht sie sich eigentlich auch Gedanken über ihre eigene Beerdigung? Anja Bremer zeigt mir ihr frisches Tattoo am Unterarm:

Da steht der Name eines Liedes drauf: „Abide with me“, und das ist die englische Form von unserem deutschen Gesangbuchlied „Bleib bei mir, Herr“. Und mich berührt dieses Lied sehr. Und ich habe es bei mir, weil ich es als großen Schatz empfinde.

Eine schlichte Bitte, dass Gott sie auch in Momenten größter Not nicht allein lassen möge. Dieses Gebet auf dem Unterarm berührt mich sehr. Wie die große Ernsthaftigkeit, die sich bei Anja Bremer mit einer heiteren Gelassenheit verbindet. Und mit einem Augenzwinkern:

Ich erinnere meinen Mann regelmäßig daran, dass er, bevor ich mal eingeäschert werde, vielleicht noch mal auf meinen linken Unterarm guckt, welches Lied ich gerne gesungen hätte, falls er es vergessen hat. Das wäre sinnvoll. (lacht)

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SWR1 3vor8

01NOV2023
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Mit einem freundlichen Augenzwinkern hat mein katholischer Priesterkollege aus Heidelberg unsere evangelische Gemeinde immer „Sankt Frieden“ genannt. Seine katholische Gemeinde hatte selbstverständlich, wie sich das gehört, einen richtigen Namenspatron: St. Vitus oder den Heiligen Veit. Den Namen einer historischen Persönlichkeit, die etwas für ihren Glauben und ihre Kirche geleistet hat. Die evangelische Sitte, einer Gemeinde auch mal einen nicht personalisierten Namen zu geben, hat der Kollege schmunzelnd quittiert: Ihr da aus Sankt Frieden!   

Heute wünschte ich, wir hätten tatsächlich einen Heiligen Friedhelm oder eine heilige Friedlinde. Gerne würde ich denen und dem Anliegen, das sie im Namen tragen, jede Menge Kerzen anzünden. „Heilig, ja sogar selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“, sagt Jesus im Evangelium zum heutigen Festtag Allerheiligen.

Wo sind die heiligen Friedensstifterinnen? Wir brauchen sie so sehr! Eine sitzt in Teheran im berüchtigten Evin-Gefängnis. Narges Mohammadi hat gerade den Friedensnobelpreis bekommen. Vielleicht ist sie nicht nur eingesperrt, sondern auch Peitschenhieben oder anderen Folterungen ausgesetzt, so wie sie es als Journalistin für die Zustände in iranischen Gefängnissen aufgedeckt und mutig angeprangert hat. Nun ist der Strahl der Öffentlichkeit auf ihre Gefängniszelle gerichtet in der Hoffnung, dass das Regime, das sie mundtot machen möchte, gar nicht anders kann als sie freizulassen, damit sie am 10. Dezember ihren Preis persönlich entgegennehmen kann.

Wo sind die heiligen Friedensstifter? Einer war auf dem Musikfestival in der Negev-Wüste, als dort früh am Morgen des 7. Oktober die ersten Raketen der Hamas einschlugen und Panik ausbrach. Ben hatte sich bereits in Sicherheit gebracht, war raus aus der Gefahrenzone. Dann ist er umgekehrt, um zu helfen.  Acht Menschen hat er gerettet. Und ist noch einmal zurück. Drei Menschen konnte er noch rausholen. Dann ist er umgebracht worden.

Wo sind die heiligen Friedensstifter? Lasst uns ihre Geschichten erzählen, ihre Namen rufen, eine Kerze für sie entzünden. Denn sie sind es, die mitten in Krieg und Terror Friedensorte schaffen. Und heilig, ja selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.

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SWR2 Wort zum Tag

31OKT2023
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Martin Luther soll ja ein sehr ängstlicher Mann gewesen sein. In seinen jungen Jahren hat nichts darauf hingedeutet, dass er seiner Kirche einmal mutig den Kampf ansagen würde. Das geschah am 31. Oktober 1517: Thesenanschlag in Wittenberg! Ich will heute aber nicht an den hämmernden, sondern an den ängstlichen Luther erinnern, denn ich glaube, dass Luther überhaupt erst zum Reformator wurde, weil er sich mit dieser Lebensfrage auseinandergesetzt hat: Wie begegne ich meinen großen Ängsten?

Ganz wie zu Luthers Zeiten beherrschen auch heute wieder sehr konkrete, aber auch viele diffuse Ängste die Welt. Was hilft, sie zu überwinden? Erst einmal: genau hinschauen und unterscheiden. Luthers diffuse Ängste wurden geschürt von grauenhaften Bildern, die im ausgehenden Mittelalter gezielt eingesetzt wurden, um Menschen zum Spielball ihrer Ängste zu machen: Schreckensszenarien von Hölle, Tod und Teufel. Dazu kamen aber auch sehr konkrete Todesängste. Einmal hat Luther sich als Student mit seinem Degen an der Schlagader seines Oberschenkels verletzt und wäre fast verblutet. Und dann – die berühmte Geschichte – geriet er unterwegs in ein furchtbares Gewitter. Der Blitz hat ihn nur knapp verfehlt. Später im Kloster hat er unter regelrechten Panikattacken gelitten. Und in der Panik – das muss auch ein Luther erfahren - versagen alle Argumente. Mit vernünftigem Zureden allein ist der Angst nicht beizukommen.

In intensiver Auseinandersetzung mit den biblischen Texten entdeckt Luther aber nach und nach einen neuen Weg, mit seinen Ängsten umzugehen. In den biblischen Psalmen findet er Worte, seine Angst vor Gott auszudrücken: „Ich schütte meine Klage vor ihm aus und zeige vor ihm an meine Not.“ Er spürt: Der erste Schritt zur Überwindung der Angst ist, sie anzunehmen und auszusprechen. Das schafft Erleichterung. Und dann lernt Luther, die Trostworte der Bibel für sich in Anspruch zu nehmen, sie als Zusage bedingungsloser Gnade zu lesen und zu glauben. Und allmählich schwinden manche Ängste, und in den leer gewordenen Räumen macht sich die Zuversicht breit.

Worte der Bibel zu lesen und ihre tröstenden Wirkstoffe in sich aufzunehmen, ist                eine gute Übung am Reformationstag. Probieren Sie es mal mit diesem Wort: „Gott ist mein Licht. Er befreit mich und hilft mir. Darum habe ich keine Angst.“

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SWR2 Wort zum Tag

30OKT2023
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Unter freiem Himmel ist eine lange Tafel aufgebaut. Mitten in der Stadt Tel Aviv.  Der Tisch festlich gedeckt. Weiße Tischtücher, weiße Stühle, schöne Teller und Gläser. Es sieht einladend aus. Aber die Plätze bleiben leer; die Gäste kommen nicht. Auch dann nicht, als sich die Tafel nach und nach füllt mit Obst und Brot, mit Blumen und Wein. Die hier so sehnlich erwartet werden, können nicht kommen. Sie werden gefangen gehalten, sind in der Hand von Terroristen, dienen als menschliche Waffen in einem unmenschlichen Krieg. Über 200 Menschen sind in der Gewalt von Geiselnehmern, darunter 30 Kinder.

„Schabbat-Essen“ heißt die Sonderausstellung des Tel-Aviv-Museums an einem Freitag im Krieg. Das Bild von der leeren Tafel hat sich mir eingeprägt, weil es in seiner schlichten Eindrücklichkeit daran erinnert: Wo Menschen gegen ihren Willen festgehalten werden, am Essen und Trinken und an der Mahlgemeinschaft gehindert werden, da sind die Gesetze der Mitmenschlichkeit aufs grausamste verletzt. Wo aber Menschen zum Essen zusammenkommen können, Brot und Wein und Geschichten miteinander teilen, da wäre Frieden.

Die leere Tafel erinnert mich auch an ein Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Auch in seiner Geschichte bleiben die festlich gedeckten Tische leer. Denn die zum Festmahl geladenen Gäste haben einer nach dem anderen wohlfeile Ausreden, warum sie nicht kommen können. Sie stehen mitten im Leben, müssen dringenden Geschäften nachgehen, danach Zeit mit der Familie verbringen, Sport machen, sich mit Freunden verabreden. Ganz anders die mehr als 200 Menschen heute: Was würden die drum geben, um mit ihren Lieben an dieser Tafel zu sitzen! Nichts haben sie sich zuschulden kommen lassen. Nur leben wollen sie, essen und trinken, schlafen und aufstehen, zur Arbeit gehen und murren, spielen und lachen.

In Jesu Gleichnis bleiben die Tische am Ende nicht leer. Denn der Gastgeber lässt nicht locker. Nichts lässt er unversucht, um seine Tafel vollzukriegen bis auf den letzten Platz. Und so ist es auch Gottes Wunsch und Wille, dass an der Schabbbat-Tafel in Tel Aviv jeder einzelne Stuhl besetzt, wird mit jedem einzelnen Menschen, für den da ein Platz freigehalten wird. Und ich bete mit Worten aus einem Psalm: „Gott, Gastgeber des Lebens, bringe zurück unsere Gefangenen, dass sie essen und trinken und sich des Lebens freuen an diesem Tisch.“

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