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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

24DEZ2025
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Das schönste für uns Kinder war in der Adventszeit die Vorfreude. Was mag denn nur morgen früh hinter dem Türchen im Adventskalender verborgen sein?  Was mag denn das Christkind am Hl. Abend an Geschenken bringen?  Bei den Erwachsenen ist das nicht mehr so einfach mit der Vorfreude. Wer mit der richtigen Einstellung Lotto spielt, der kennt das noch. Es geht dann nämlich gar nicht ums Gewinnen, dafür ist  die Wahrscheinlichkeit ja viel zu gering. Es geht um das Gefühl in den Tagen vor der Ziehung: „Es könnte ja sein, dass....“ Oder dieses Beispiel: vor Jahren hat mir mal ein Bekannter, der Single ist, erzählt, er gehe am Wochenende zu einer Ü 50 Party. Ob er ernsthaft damit rechne, ausgerechnet  dort die richtige Frau zu treffen, habe ich gefragt. „Warum nicht?“ war die Antwort. „Aber vor allem geht es mir um das Gefühl an dem Abend. Da prickelt‘s bei mir, denn es könnte ja sein, dass.... Wenn’s dann nichts geworden ist, ist das gar nicht so schlimm.“ Ja, so ist das mit der Vorfreude.

„Es könnte ja sein, dass....“ Ach, könnte ich dieses Gefühl der Vorfreude als Erwachsener auch auf Weihnachten übertragen. Viele versuchen das heute Morgen in den Innenstädten auf eine eigene Weise. Da beginnt man den Hl. Abend mit dem Hl. Morgen. Damit es nicht so lange dauert bis zum Hl, Abend. Man trifft sich im Freundes- und Bekanntenkreis zum fröhlichen Hl. Morgen im Café, der Kneipe oder auf dem Weihnachtsmarkt. Vielleicht trifft man ja alte Freunde, die man nur an Weihnachten noch mal sieht, weil sie dann nach Hause kommen.  „Könnte ja sein, dass...“.  Aber Vorsicht! Wenn es allzu fröhlich wird am Hl. Morgen könnte es sein, dass der Hl. Abend ausfällt oder man sich nicht mehr dran erinnern kann. Und das wäre dann wirklich schade. Aber noch ist es nicht wo weit. Ich wünsche ihnen auf jeden Fall jetzt am frühen Hl. Morgen einen schönen Hl. Abend und einen Tag voll Vorfreude aufs Fest. Denn Gott wird Mensch. Ich glaube das. Und wenn Sie das jetzt nicht glauben können oder wollen – überlegen Sie doch einfach mal wie das wäre.  „Es könnte ja sein, dass...“

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

23DEZ2025
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“Wenn das Leben dir übel mitspielt, moser nicht rum, fang an zu pfeifen
......Und schau immer auf die fröhliche Seite des Lebens - always look on the bright side of life”
Das singen und pfeifen ausgerechnet Menschen, die man ans Kreuz geschlagen hat. Es ist die Schlussszene aus dem Film „Das Leben des Brian“. Ich weiß noch, wie meine Reaktion war, als ich den Film vor über 40 Jahren zum ersten Mal  im Kino gesehen habe. Da geht es um Brian, der zur Zeit Jesu in Palästina zur Welt kommt und dann mit ihm verwechselt wird. Auf der einen Seite habe ich mich schlapp gelacht über den Humor der englischen Komikertruppe Monty Python, die den Film gedreht hat. Auf der anderen Seite kamen da die Bedenken: Darf man das? Ist das nicht Blasphemie, eine grobe Verletzung von religiösen Gefühlen? Und vor allem: was ist mit den Menschen, für die es vermeintlich keine fröhliche, helle Seite des Lebens gibt?  Haben todkranke Menschen noch was zu lachen? Ich habe mal Clowns im Krankenhaus bei der Arbeit erlebt. Und die haben es geschafft, in die Gesichter von schwer kranken Menschen ein Lächeln zu zaubern.  „Always look on the bright side of life“ –zumindest in kurzen  Augenblicken.  Die letzte Strophe des Liedes die hat‘s wirklich in sich:

„Das Leben ist absurd
Der Tod das letzte Wort
Mach einen Knicks, wenn einst der Vorhang fällt.
Vergiss die Last der Sünden – schenk dem Publikum ein Grinsen
Genieß die letzte Chance auf dieser Welt
.“

Gott spielt hier keine Rolle. Und nichts ist zu hören von Auferstehung oder einem Leben nach dem Tod. Und das unterscheidet mich von den britischen Komikern. Denn da kann ich nicht stehen bleiben. Ich glaube und hoffe, dass ich mich in Gottes Hand fallen lassen kann, wenn bei mir mal der letzte Vorhang fällt. Glaube und Hoffnung, die brauche ich, damit ich lachen, singen,  tanzen und pfeifen kann. Und damit mir auch in den dunklen Zeiten meines Lebens mein Humor nicht ganz verloren geht.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

22DEZ2025
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In den letzten Jahren hat sich bei mir einiges ereignet. Ich bin zuerst  Opa und dann Rentner geworden. Seitdem weiß ich, warum man als Rentner keine Zeit mehr hat. Weil alles langsamer geht. Denn ich habe mich dem Rhythmus  meines Enkels angepasst. Wir brauchen eine Stunde und mehr für den Heimweg aus der Stadt, den ich alleine in höchstens 10 Minuten hinbekomme.  Wir sammeln Federn von Raben. Wir betrachten Plakate und überlegen, ob die Flammen, die darauf zu sehen sind,  gefährlich für uns sein können. Wir verfolgen Tauben, die zu Fuß vor uns flüchten.  Wir spielen Feuerwehr und löschen alles, was uns auf dem Weg begegnet. Auch wenn manche Spaziergänger irritiert schauen, wenn wir mit einem imaginären Wasserschlauch auf sie zielen. Wir schauen auch, ob die Kirche geöffnet ist. Der große, stille Raum mit den bunten Fenstern ist faszinierend. Und das Größte ist, wenn die Glocken im Turm die Stunde schlagen. „Komm wir warten, bis der Zeiger oben ist“, fordert der Kleine.  Also müssen wir warten. Und das kann dauern. Wenn ich dann einmal ungeduldig werde und mir eine Frage wie; „Warum muss denn das jetzt sein?“ rausrutscht, dann lautet die Antwort: „Weil -  das ist jetzt so!“ Und wir bleiben in der Bank sitzen, bis der Zeiger oben ist, wir sammeln die 85. Feder, wir löschen die 50. Platane. Die brennt zwar nicht, aber: „Das ist jetzt so!“. Als Opa lerne ich wieder neu, was es heißt, Dinge einfach auch mal hinzunehmen, eben weil sie so sind, wie sie sind. Opa hat ja auch –zum Glück- oft die Zeit dazu. Kein Wunder, dass mir dazu ein bekanntes Gebet einfällt:  „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,  .......“ Warum dieser Text ausgerechnet als Gebet formuliert ist, ist mir auch klar geworden: Man braucht schon einen starken Helfer, damit man nicht doch mal die Nerven verliert..

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

21DEZ2025
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Die Sensation schlechthin in der Bibel ist die:  Gott spricht. Für die Menschen, von denen in den Geschichten der Bibel erzählt wird, Abraham oder Moses zum Beispiel, scheint das ganz normal zu sein. Manchmal erschrecken die Menschen auch,  je nachdem was Gott von ihnen will. Oder wenn‘s donnert und blitzt, während Gott spricht.  Heute, am 4. Advent, erzählen die Lesungen in den Gottesdiensten gleich zwei Mal davon, dass Gott spricht. So spricht er als Engel zu Josef im Traum und sagt ihm, dass Maria ein Kind erwartet. Ganz ehrlich: ich würde wohl eher mit einem Kopfschütteln aufwachen und denken: “was hast du denn da wieder geträumt heute Nacht?“ Wir Menschen heute rechnen gar nicht mehr damit, mitten im Alltag von Gott angesprochen zu werden. Wobei wir ja jetzt mit großen Schritten auf Weihnachten zugehen.  Da könnte die Chance, Gott zu hören, größer sein.  Weihnachten – das ist der Beginn eines intensiven Gesprächs Gottes mit den Menschen. So könnte man den bekannten Satz des Evangelisten Johannes interpretieren: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Das bedeutet: Gott spricht zu uns durch seinen Sohn. Das feiern Christen überall auf der Welt in vier Tagen an Weihnachten. Mehr kann Gott eigentlich nicht tun. Mehr kann er uns nicht sagen. Gott kann uns nicht mehr mitteilen als sein „letztes Wort“, seinen Sohn.  Er ist einer von uns geworden. Er teilt mit uns ein Leben hier auf der Erde von der Geburt durch Maria bis zum Tod am Kreuz. Die  Advents- und Weihnachtszeit bietet die Gelegenheit, sich daran zu erinnern und  auf die Stimme Gottes im Alltag zu lauschen. Dem Josef hat er übrigens im Traum den Namen des Kindes verraten: Immanuel. Das heißt übersetzt:  Gott mit uns. Wenn das so ist – und das hoffe ich- dann kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Zur Info vorab: Der Audio-Beitrag zum Text ist hier abhörbar.

Pubertät – das hieß bei mir: Ich war ständig verliebt. Heute bin ich verheiratet, habe Kinder und Enkel und kann darüber lachen. Damals war ich unglücklich. Ich war lang und dünn, unsportlich, Brillenträger. Und viel zu schüchtern, um die jeweils Angebetete anzusprechen. Ich badete dann lieber auf Entfernung in Liebeskummer. Ganz schlimm war das bei Erika. Von ihr fühlte ich mich schon als Kind in unserer Volksschulklasse angezogen. Vor allem von ihren langen schwarzen Haaren. Später dann, so mit 14 oder 15, habe ich ihr mal einen Zettel zukommen lassen. Im Zug, auf dem Weg ins Gymnasium. Da fuhren wir einige Stationen gemeinsam. Was da drauf stand? Ich weiß es wirklich nicht mehr. Aber diese Zettelaktion endete für mich in einer emotionalen Katastrophe. Auf dem Heimweg wurde ich von Erika und ihren Freundinnen im Zug gnadenlos ausgelacht. Danach war ich geheilt. Viele Jahre später bei einem Klassentreffen erzählt sie mir, wie schön sie es findet, wenn sie ab und zu morgens im Radio meine Stimme hört. „Dreißig Jahre zu spät“, sage ich und wir müssen beide lachen. Beim Abschied umarmen wir uns kurz. Seitdem sind schon wieder viele Jahre vergangen. Wir haben uns nicht wieder gesehen. Vor einiger Zeit habe ich erfahren, dass sie gestorben ist. Und ich muss sagen, dass mich das wirklich traurig gemacht hat. Obwohl da ja nie was war zwischen uns, außer meinen jugendlichen Gefühlen für sie. Egal. Wichtig ist es, die guten Dinge, Gedanken und Erlebnisse des Lebens zu bewahren. Und da gehört diese erste Schwärmerei dazu. Ich glaube, wenn ich noch mal in meine alte Heimat komme, gehe ich auf den Friedhof. Vielleicht finde ich ja ihr Grab. Dann lege ich einen Zettel mit einem Gruß darauf.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

06SEP2025
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Pubertät – das hieß bei mir: ich war ständig verliebt. Heute bin ich verheiratet, habe Kinder und Enkel und kann darüber  lachen. Damals war ich unglücklich. Ich war lang und dünn, unsportlich, Brillenträger. Und viel zu schüchtern, um die jeweils Angebetete anzusprechen. Ich badete dann lieber auf Entfernung in Liebeskummer. Ganz schlimm war das bei Erika. Von ihr fühlte ich mich schon als Kind in unserer Volksschulklasse angezogen. Vor allem von ihren langen schwarzen Haaren. Später dann, so mit 14 oder 15, habe ich ihr mal einen Zettel zukommen lassen. Im Zug, auf dem Weg ins Gymnasium. Da fuhren wir einige Stationen gemeinsam. Was da drauf stand? Ich weiß es wirklich nicht mehr. Aber diese Zettelaktion endete für mich in einer emotionalen Katastrophe. Auf dem Heimweg wurde ich von Erika und ihren Freundinnen im Zug gnadenlos ausgelacht. Danach war ich geheilt. Viele Jahre später bei einem Klassentreffen erzählt sie mir, wie schön sie es findet, wenn sie ab und zu morgens im Radio meine Stimme hört. „Dreißig Jahre zu spät“, sage ich und wir müssen beide lachen. Beim Abschied umarmen wir uns kurz. Seitdem sind schon wieder viele Jahre vergangen. Wir haben uns nicht wieder gesehen. Vor einiger Zeit habe ich erfahren, dass sie gestorben ist. Und ich muss sagen, dass mich das wirklich traurig gemacht hat. Obwohl da ja nie was war zwischen uns außer meinen jugendlichen Gefühlen für sie. Egal. Wichtig ist es, die guten Dinge, Gedanken und Erlebnisse des Lebens zu bewahren. Und da gehört diese erste Schwärmerei dazu. Ich glaube, wenn ich noch mal in meine alte Heimat komme, gehe ich auf den Friedhof. Vielleicht finde ich ja ihr Grab. Dann lege ich einen Zettel mit einem Gruß darauf.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

05SEP2025
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Unsere Waschmaschine ist kaputt. Ich komme in den Keller und die Maschine steht in einer Pfütze. Jetzt muss ich mir Zeit nehmen.  Ich nehme mir einen Stuhl und ein  Buch und sitze im Keller zwei Stunden vor der Maschine um zu sehen, wo das Wasser her kommt. Die Trommel dreht sich und ich hänge alten Erinnerungen  nach. Ich sehe die Tanten und meine Mutter beim Waschen vor mir. Die Waschküche befand sich in einem eigenen Stallgebäude hinterm Wohnhaus. Ich sehe die Rauchschwaden, die im Winter vom heißen Wasser, das im großen Waschzuber brodelte, aufstiegen. Die Frauen in Gummischürzen und in Gummistiefeln bei der Arbeit. Zu zweit wurden an beiden Enden die großen Wäschestücke gepackt und ausgewrungen. Was für ein Segen doch eine automatische Waschmaschine ist. Noch eine Generation früher haben die Leute ihre Wäsche an den Rhein, wo ich geboren wurde, getragen und auf der Wiese getrocknet. Dort wo ich jetzt wohne gibt es den „Bleicherbach“. Ich nehme an, der ist extra früher mal zum Wäsche waschen angelegt worden. Man hat ihn von einem größeren Bach abgeleitet. Was für eine Plackerei die große Wäsche damals war. Meine eigene Waschmaschine heute spuckte dann beim Schleudern Wasser aus der Einfüllöffnung fürs Waschmittel aus. Da muss dann wohl der Fachmann ran. Und ich habe zwei Stunden Zeit zum Nachdenken gehabt, habe mich an Dinge erinnert, die ich fast vergessen hatte und bin Menschen begegnet, die schon lange nicht mehr unter uns auf dieser Erde sind. Liebe Waschmaschine: Danke für die Auszeit, die ich mir sonst sicher nie genommen hätte.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

04SEP2025
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Wenn man keinen Namen für seine Band findet, was macht man dann? Man nennt sich einfach „The Band“. Bekannt geworden sind die fünf Musiker in den 1960er Jahren als Begleitband von Bob Dylan. Und ein Musikereignis wurde ihr Konzert „the last waltz“ 1976. Regisseur Martin Scorsese hat einen Film daraus gemacht. Vor einigen Monaten ist der letzte Musiker von „The Band“ gestorben, in einem Pflegeheim in Amerika. Grund für mich darüber nachzudenken, was das Leben mit uns Menschen macht. Und das kann einen ziemlich traurig machen. Da sind die Musiker von „The Band“ nur ein Beispiel. Einer nach dem anderen ist in den letzten Jahren gestorben. Was für ein Glück, dass es ihre Musik gibt, die unsterblich bleibt. Sie hilft mir und sicher auch vielen anderen, einen Weg zu finden, mit Trauer umzugehen. Ob es dabei um geliebte Menschen geht oder um Musiker, die man selbst nie persönlich kennengelernt hat. Musik kann trösten. Nicht umsonst wird bei Beerdigungen oft die Lieblingsmusik der Verstorbenen gespielt. „Tears in heaven“ von Eric Clapton ist so ein Song. Ganz viel Trauerarbeit steckt in diesem Lied, in dem Clapton den Tod seines vierjährigen Sohnes  verarbeitet.  Da heißt es: „Wenn ich dir jetzt da oben im Himmel begegnen würde.... Wüsstest du überhaupt noch, wie ich heiße? Ich stehe vor dieser Tür, und du bist dahinter. Du - und Frieden. Weil es im Himmel keine Tränen gibt. Davon bin ich überzeugt“. Toller Song. Ja, Musik ist eine Himmelsmacht, sie kann trösten und Kraft zum Leben geben. Sie schlägt eine Brücke dahin, wo der, den man vermisst, schon angekommen ist.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

17MAI2025
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Opa sein ist etwas Schönes, manchmal aber auch ganz schön stressig. So tauchen Ängste wieder auf, die mich seit 30 Jahren nicht mehr geplagt haben. Wenn nämlich der Enkel, der doch gerade noch neben mir stand, wie vom Erdboden verschluckt ist.

Dann steigt der Puls schlagartig. Denn die Welt ist für besorgte Eltern und Großeltern zunächst einmal böse und gefährlich, auch in der Fußgängerzone und auf dem Spielplatz. Ich werde Zeit meines Lebens den Schrecken nicht vergessen, als im Urlaub im fremden Land, weit weg von zu Hause unsere kleine Tochter auf dem belebten Markt plötzlich weg war. Was folgte, waren die längsten 5 Minuten meines Lebens, Horror pur.  Am Ende war alles ganz harmlos. Sie hatte einem Straßenkünstler zugeschaut, unser Rufen nicht gehört, unser Suchen nicht bemerkt.  Mach so was nie wieder! Grenzenlose Erleichterung mischen sich da mit Ärger über das Kind, liebevolle Umarmung mit dem Gedanken an eine Strafpredigt. Diese Geschichte ist schon viele Jahre her, aber seitdem ist eine kurze Begebenheit in der Bibel für mich viel lebendiger geworden. Da wird erzählt, dass der 12-jährige Jesus mit seinen Eltern zum Passahfest nach Jerusalem gereist ist. An diesem hohen Feiertag wimmelte es da vor Menschen, da war buchstäblich die Hölle los. Und in diesem Trubel geht Jesus verloren. Drei Tage suchen die Eltern ihn, das kann man sich gar nicht vorstellen. Mir haben fünf Minuten schon fast den Herzinfarkt beschert. Sie finden ihn im Tempel, wo er den Gelehrten zuhört und mit ihnen redet. Und er kann nicht verstehen, was die Eltern für einen Aufruhr veranstalten.  Mach das nie wieder!  „Wusstet ihr denn nicht, dass ich hierhin gehöre“ antwortet er ihnen. Klar, der Sinn der Geschichte liegt nicht darin, etwas über gestresste Eltern und ungehorsame Kinder zu sagen. Es geht um die wahre Bestimmung dieses Jesus, der Gott seinen Vater nennt. Für mich ist es aber trotzdem auch eine ganz menschliche Geschichte, die von Loslassen und Trennungsschmerz erzählt, von Kindern, die eigene Wege gehen und Eltern, die das manchmal gar nicht verstehen können. Leben pur eben. Es ist gut, dass wir unsere Kinder beschützen. Aber sie gehören uns nicht, auch wenn diese Erkenntnis für uns Eltern und Großeltern ganz schön stressig sein kann.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

16MAI2025
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„Auf – es klappt schon, du schaffst das.“ Ich stehe 100 Meter unterhalb der Gipfelstation des Pic du Midi. Das ist ein Berg in den französischen Pyrenäen. Ich kann nicht mehr. Die Beine sind schwer, die Luft ist knapp. Am liebsten würde ich umdrehen. Da ruft mir von oben eine wildfremde Frau zu: Komm, das schaffst du. Auf geht’s.  Und ich gehe los und komme oben an. Ich weiß bis heute nicht, ob ich ohne diesen Ansporn weiter gegangen wäre. Hochgezogen oder getragen hat mich ja keiner. Ich musste den Weg alleine schaffen. Und es hat dann ja auch geklappt. Weil mir von oben jemand Mut gemacht hat: Komm schon, es klappt. Ich hab‘s ja auch geschafft.  An dieses Erlebnis muss ich manchmal denken, wenn ich über meine Lebenssituation nachdenke. Ich bin jetzt 68 Jahre alt, im übertragenen Sinne „oben“ angekommen, hab das Arbeitsleben geschafft. Meine Kinder und meine Enkel haben noch so viel vor sich und ich ertappe mich bei den Gedanken: was mag da alles noch auf sie zukommen?  Wie steinig und steil wird der Weg sein, den sie noch zu gehen haben? Ganz ehrlich: wird’s mir schon manchmal anders, wenn ich so auf das Weltgeschehen blicke. Meine Eltern und Großeltern lebten nach der Devise: unsere Kinder sollen es mal besser haben und ich als ein Vertreter der Baby-Boomer-Generation habe davon profitiert. Und was tun wir als Gesellschaft? Wir Alten lasten den Jungen immer mehr auf. Ich habe da auch keine Lösung und ich möchte auch den Rentnerinnen und Rentnern, zu denen ich ja auch gehöre, kein schlechtes Gewissen machen. Aber ich habe beschlossen, mich in meiner kleinen Welt nicht zum Pessimisten zu entwickeln nach dem Motto:  unsere Kinder werden es mal schlechter haben. „Kommt, ihr schafft das!“  Für meine Kinder und Enkel ist mir kein Lob und keine Minute Zeit zu viel. Und ich verlange von unserer Gesellschaft, dass für unsere Kinder mindestens genau so viel getan wird wie für den Aufbau der Bundeswehr. Meine Gipfeltour damals am Berg hatte übrigens ein seltsames Ende. „Willkommen. lieber Wanderer“, stand da auf einem Schild an einer verschlossenen Tür. „Der Eintritt zur Gipfelstation beträgt 25€“. Erst wollten wir uns ärgern, dann haben wir gelacht. Man darf sich einfach nicht entmutigen lassen.

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