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25FEB2022
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„S´ist Krieg, s´ist Krieg, o Gottes Engel wehre und rede du darein“, klagt der Dichter Matthias Claudius im Jahr 1778. Damals waren es preußische „Geo-Politiker“, denen die Landkarte Europas nicht mehr passte. Heute sind es andere Strategen, die Grenzen verschieben und Machtblöcke zementieren wollen.

Zehntausende werden diesen Wahnsinn mit ihrem Leben bezahlen. Was ist dann gewonnen? Wenn die Kanonen schweigen, rauchen die Trümmer. Was Generationen erarbeitet und aufgebaut haben, läge in Schutt und Asche. Millionen werden fliehen. Herzzerreißend das Weinen der Kinder und die Klage so vieler, die um ihr Leben betrogen werden. Um das alles wissen die Besessenen auf allen Seiten, die jahrzehntelang aufgerüstet haben. Sie demonstrieren vor Gott und der Welt ihre Unfähigkeit und ihren Unwillen, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Der Krieg in der Ukraine kann im Nu einen Weltenbrand entfachen. In den Bunkern lagern tausende atomarer Sprengköpfe, nur noch schwach gesichert von der Angst derer an den Drückern, dass sie im atomaren Inferno selbst verglühen. Was aber, wenn bei einem der Verrückten die Sicherung durchbrennt und er die Menschheit in seinen Tod mithineinreißt?

„O Engel Gottes, wehre und rede du darein“, fleht Matthias Claudius in seinem Gedicht. Auch ich setze auf die Macht des Gebets. Ob Gott einen Krieg abwendet, den Menschen verbrochen haben, sei dahingestellt. Ich bitte ihn aber, dass er die Friedenswilligen stärkt. Ich appelliere an die Welt-Religionen, dass sie um Gottes willen ihr Gezänk zurückstellen und alle „Menschen guten Willens“ aufrufen, sich in eine weltumspannende „Gebetskette“ einzuklinken.

Und dann würden die Marktplätze überquellen von friedliebenden Menschen – eins im weltweiten Aufschrei gegen den Krieg. Denn die einzig tragfähige „Geo-Politik“ ist die Friedens-Politik.

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25FEB2022
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„S´ist Krieg, s´ist Krieg, o Gottes Engel wehre und rede du darein“, klagt der Dichter Matthias Claudius im Jahr 1778. Damals waren es preußische „Geo-Politiker“, denen die Landkarte Europas nicht mehr passte. Heute sind es andere Strategen, die Grenzen verschieben und Machtblöcke zementieren wollen.

Zehntausende werden diesen Wahnsinn mit ihrem Leben bezahlen. Was ist dann gewonnen? Wenn die Kanonen schweigen, rauchen die Trümmer. Was Generationen erarbeitet und aufgebaut haben, läge in Schutt und Asche. Millionen werden fliehen. Herzzerreißend das Weinen der Kinder und die Klage so vieler, die um ihr Leben betrogen werden. Um das alles wissen die Besessenen auf allen Seiten, die jahrzehntelang aufgerüstet haben. Sie demonstrieren vor Gott und der Welt ihre Unfähigkeit und ihren Unwillen, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Der Krieg in der Ukraine kann im Nu einen Weltenbrand entfachen. In den Bunkern lagern tausende atomarer Sprengköpfe, nur noch schwach gesichert von der Angst derer an den Drückern, dass sie im atomaren Inferno selbst verglühen. Was aber, wenn bei einem der Verrückten die Sicherung durchbrennt und er die Menschheit in seinen Tod mithineinreißt?

„O Engel Gottes, wehre und rede du darein“, fleht Matthias Claudius in seinem Gedicht. Auch ich setze auf die Macht des Gebets. Ob Gott einen Krieg abwendet, den Menschen verbrochen haben, sei dahingestellt. Ich bitte ihn aber, dass er die Friedenswilligen stärkt. Ich appelliere an die Welt-Religionen, dass sie um Gottes willen ihr Gezänk zurückstellen und alle „Menschen guten Willens“ aufrufen, sich in eine weltumspannende „Gebetskette“ einzuklinken.

Und dann würden die Marktplätze überquellen von friedliebenden Menschen – eins im weltweiten Aufschrei gegen den Krieg. Denn die einzig tragfähige „Geo-Politik“ ist die Friedens-Politik.

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24FEB2022
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Heute vor 74 Jahren starb in Paris der legendäre Abbé Franz Stock. Der junge Theologe aus Westfalen kam schon früh mit französischen Jugendlichen in Kontakt und wurde zum Vorkämpfer der deutsch-französischen Versöhnung. Schon zwei Jahre nach seiner Priesterweihe berief ihn sein Bischof zum Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Paris. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht, die unser Nachbarland überfallen und besetzt hatte, wurde Abbé Stock auch Seelsorger in den Pariser Militärgefängnissen. Dort betreute er viele französische Widerstandskämpfer. Unter Lebensgefahr schmuggelte er Botschaften der Gefangenen nach draußen und hielt Kontakt zu den Angehörigen. Manche von ihnen fütterte er auch mit Insider-Wissen, um sie so vor der eigenen Festnahme zu bewahren. Bald nannte die „Résistance“, die französische Widerstandsbewegung, den deutschen Abbé den „Erzengel der Gefängnisse“ oder den „Kaplan der Hölle“. Ganze Nächte verbrachte er mit den zum Tode Verurteilten in ihrer Zelle und begleitete zahllose von ihnen im Morgengrauen zur Hinrichtung. Einer der Widerständler, ein Kommunist, so schreibt Abbé Stock in seinem Tagebuch, habe ihn kurz vor der Erschießung umarmt und gebeten, sich hinter die Soldaten zu stellen, dass er ihn im Augenblick des Todes sehen könne, ihn, den „Kaplan der Hölle“. 

Noch keine vierundvierzig Jahre alt starb Franz Stock nach dem Krieg in amerikanischer Gefangenschaft. Bei der Trauerfeier würdigte ihn der spätere Papst Johannes XXIII. mit den Worten: „Abbé Franz Stock – das ist kein Name, das ist ein Programm!“

 

Was ist sein Programm? Menschen nahe zu sein in den finstersten Verliesen der Verlassenheit und Verzweiflung, wenn ihnen Unrecht widerfährt, wenn sie erniedrigt und gedemütigt werden.

Heute denke ich dabei an viele in den kalten Kammern der Einsamkeit, allein gelassen im Alter oder in der Beziehungslosigkeit. Ich versuche auch, wie Abbé Stock bei denen auszuhalten, die krank und vom Tod gezeichnet sind. Warum? Weil ich an jene Botschaft glaube, die allen Getauften zugesagt wurde: Unser Gott ist ein Gott des Lebens – auch über den Tod hinaus.

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22FEB2022
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Wenn der Staatsanwalt wegen schweren Diebstahls ermittelt, vergeht einem Langfinger gewöhnlich das Lachen. Doch Jörg Alt, ein Nürnberger Jesuit, freut sich auch noch! Er hatte kurz vor Weihnachten bei Nacht und Nebel Lebensmittel aus den Mülltonnen eines Supermarkts geklaut und die heiße Ware an Arme und Obdachlose verteilt. Nun ja - „Brotvermehrung“ in der Bibel geht eigentlich anders! Also alarmierte der Pater selber die Polizei und bekannte sich zu seiner Straftat. Nun wartet man gespannt auf den Ausgang des Verfahrens. „Containern“- so lautet der Fachbegriff unter Insidern – wird immer noch mit Haftstrafe bedroht.

Eigentlich „absurd“, meint sogar Landwirtschaftsminister Cem Özdemir und will die Rechtslage überprüfen lassen. Dass das „Recht auf Eigentum“ sich sogar auf einen Müll-Container erstreckt, dessen Inhalt definitiv zur Vernichtung bestimmt ist, begreife, wer mag. Da ist zweifellos die Politik am Zug!

Doch schlimmer finde ich, dass wir selber als Verbraucherinnen und Verbraucher schamlos mit wertvollen Lebensmitteln umgehen. Pro Kopf und Jahr treten die Deutschen 55 Kilogramm Lebensmittel in die Tonne, die Hälfte davon noch genießbar.[1]) Das sind etwa zwei bis an den Rand gefüllte Einkaufswagen! Scheinbar verwechseln besonders heikle Konsumenten das Haltbarkeitsdatum mit ihrem eigenen Verfallsdatum und fürchten, nach dem Verzehr eines abgelaufenen Joghurts tot umzufallen. Lebensmittelverschwendung auf der einen Seite führt zwangsläufig zur Überproduktion auf der anderen. Dann quellen die Container über.

Da lobe ich mir, dass manche Bäckereien ihr Brot vom Vortag verbilligt anbieten. Oder Lebensmittelgeschäfte abgelaufene Ware an die Tafeln verschenken und ihren Beschäftigten mitgeben. Dass Restaurants über eine eigene App ihre restlichen Essensportionen kostengünstig vermarkten.

Noch wichtiger aber wäre mir die Ehrfurcht dem täglichen Brot gegenüber – die muss man schon Kindern in die Vesper-Dose packen. Denn im Brot vermischen sich die Fruchtbarkeit der Erde und die kostbare Arbeit vieler Menschen schmackhaft mit dem Segen Gottes.

 

[1]    Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft 2020

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21FEB2022
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Alle bisher bekannten Corona-Varianten haben ein „Spike-Protein“ gemeinsam. Es bohrt sich in menschliche Beziehungen hinein und zerstört sie mit unglaublicher Wucht! Dicke Freunde grüßen sich plötzlich nicht mehr, der eine geimpft, der andere spaziert abends mit Impfgegnern durch die Straßen. Der Streit um die Impfpflicht zerfrisst Familien und Partnerschaften, zerbröselt das kollegiale Miteinander am Arbeitsplatz, entzweit sogar Kirchengemeinden, Clubs und Vereine. Knallhart krachen die Fronten aufeinander. Auf den Straßen prügelt man sich mit der Polizei, Politiker werden mit dem Tod bedroht. Und das oft in einer Manier, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. 

Wie bescheuert, frage ich mich, sind wir denn, dass wir Corona auch noch diese Angriffsfläche bieten? Intakte, tragfähige Beziehungen sind doch das Kostbarste in unserem Leben. Sozialer Konsens macht stark, stattdessen zerfleischen wir uns. 

Gegen dieses fiese, spalterische Corona-Protein haben die Labore leider noch kein wirksames Vakzin entwickelt, sonst wäre ich sofort für eine allgemeine Impfpflicht! In der Bibel aber habe ich die Formel dafür gefunden, sie lautet: „Lasst euch zurechtbringen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!“ So mahnt der Apostel Paulus damals seine Streithansel in der Gemeinde von Korinth (2. Korintherbrief 13,11).

Rauft euch wieder zusammen, heißt das. Hört endlich einander zu, statt euch nur den Vogel zu zeigen. Lernt geduldig zu argumentieren, statt herumzukrakeelen.

Was, wenn wir uns aber dennoch nicht einig werden? Dann halten wir das aus, denn eine lebendige Beziehung ist es einfach nicht wert, dass sie an Corona zerbricht. Ob es mit dieser Pandemie gut ausgeht, entscheidet sich doch nicht auf der Straße. Wir überwinden sie nur, wenn wir zusammenstehen und zusammenbleiben – auch dann, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.

Das wäre heute schon einen Versuch wert: Gehen wir doch mal auf jemand von denen zu, die sich im Zorn von uns getrennt haben. Raufen wir uns zusammen, sonst droht auch auf der Beziehungsebene „Long Covid“, nämlich dauernde Beziehungslosigkeit.

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20FEB2022
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Heute, am „Welttag der Sozialen Gerechtigkeit“ rufen die Vereinten Nationen die Völker dazu auf, ihre Sozialpolitik kritisch zu überprüfen. Denn diese muss ständig neu austariert und nachjustiert werden. Der Prophet Jesaja holt dafür geeignete Messinstrumente aus seiner Werkzeugkiste: das „Senkblei des Rechts“ und „die Wasserwaage der Gerechtigkeit“ (Jesaja 28,17).

Ist denn in unserem Land noch alles im Lot? Wir Betriebsseelsorger haben nicht den Eindruck: Über 7 Millionen Menschen zappeln in irgendeiner Grundsicherung, jeder Zehnte ist von Armut betroffen, unter ihnen 2, 8 Millionen Kinder und Jugendliche. Frauen verdienen immer noch 20 % weniger als die Männer.[1]) Ist denn ihre Arbeit weniger wert?

Verschämte Armut auf der einen, un-verschämter Reichtum auf der anderen Seite: Auf 10 Billionen Euro schätzt man das Volksvermögen – ein hübsches Sümmchen. Doch die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt davon grade mal 2, 3 Prozent.[2]) Darf´s vielleicht ein bisschen mehr sein? 

Und wer zahlt eigentlich die Zeche? Kapitaleigner werden mit 25 %, die Arbeitenden aber mit 42 % besteuert[3]). Dennoch schont die Ampel weiterhin den Reichtum der Reichen.

In diesen Wochen haben wieder die Vesper-Kirchen geöffnet – und sei es auch nur „to go“. Ein schönes Zeichen: Wir übersehen sie nicht, die Armen in unserer Stadt. Wir übergehen sie nicht, auch nicht in Zeiten der Pandemie. Dank all denen, die sich um arme Menschen kümmern. Sie verstärken damit den Aufschrei nach Gerechtigkeit.

Die aber muss politisch durchgesetzt werden. Ich wünsche mir, dass Christinnen und Christen immer wieder nach dem „Lot des Rechts“ und der „Wasserwaage der Gerechtigkeit“ greifen  und sozialpolitisch aktiv werden – in Parteien, Gewerkschaften, Kommunen und Kirchen. Der Zement, der die Gesellschaft zusammenhält, ist die soziale Gerechtigkeit. Sie muss garantieren, dass alle in diesem Land gut leben können. 

Für mich steht „Gerechtigkeitsdienst“ auf derselben Ebene wie „Gottesdienst“. Der Prophet Jeremia lässt daran keinen Zweifel. Gerechtigkeit, so schreibt er, sei nämlich einer der Namen Gottes (23,2).

 

[1]    Statistisches Bundesamt: Gender-Gap 2020

[2]    5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2017)

[3]    Vgl. www.Steuernetz.de/Abgeltungssteuer und „Frankfurter Allgemeine“ vom 26.04.2018: „So schröpft Deutschland seine Arbeitnehmer“

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25SEP2021
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Im Netz trifft man auf ein schlaues Kerlchen, den „Wahl-O-mat“. Er informiert über Parteien und ihre Programme und hilft, sich zu entscheiden. In der Bibel bin ich auch auf einen „Wahl-O-mat“ gestoßen. Im fünften Buch Mose (30,1-20) fordert Gott eine Volksabstimmung. Einige der Stämme Israels waren nach langen Jahren des Exils aus Babylon in ihre Heimat zurückgekehrt. Aber viele hatten in der Fremde ihren Glauben an Gott verloren. Der stellt nun jeden einzelnen der Heimkehrer vor die Wahl: „Siehe, ich lege dir vor Leben und Tod, Segen und Fluch. Wähle das Leben!“ Eine wahre Steilvorlage: Hopp oder topp!

Wähle das Leben! Aber wie setze ich das morgen in der Wahlkabine um? Indem ich Parteien und ihre Programme daraufhin abzuklopfe, ob und wie sie dem guten Leben für alle dienen. Wie schaffen sie sozialen Ausgleich, damit die Gesellschaft nicht noch mehr in „arm“ und „reich“ auseinanderfällt? Was tun sie für den Weltfrieden und die Versöhnung der Völker? Welche Parteien eröffnen der Jugend eine Zukunft? Wie wollen sie die Erderwärmung stoppen und die Ressourcen schonen? In der Hoffnung, dass diese Programme keine Sprechblasen sind, leihe ich am Ende meine Stimme der Partei, die am meisten punktet. Ein Kompromiss, mehr nicht!

Kein Verständnis habe ich für jene Zeitgenossen, die auch morgen wieder auf ihre Stimmabgabe verzichten. Die haben eigentlich kein Recht mehr, über die Regierung zu meckern, sie haben sich ja selber entmündigt. Manche meinen wohl, Demokratie laufe von allein. Andere sind einfach zu faul oder auch müde und resigniert: „Die machen ja doch, was sie wollen“, jammern sie und haben auch noch Recht: Die machen wirklich, was sie wollen, aber nur wenn wir sie machen lassen! Wer sein Wahlrecht nicht einlöst, ebnet den Feinden der Demokratie den Weg. Denen, die unverhohlen zu erkennen geben, dass sie mit den Mitteln der Demokratie dieselbe demontieren wollen.

Wahlrecht ist auch Wahlpflicht! Am Wahltag sein Kreuzchen zu machen, ist wohl das Mindeste, was ein Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern abverlangen darf. Eine einzige Wählerstimme bringt zwar nur ein Fliegengewicht auf die Waage. Als Christ lege ich es dennoch bewusst auf jene Schale, die sich dem Leben und nicht dem Tod, dem Segen und nicht dem Fluch zuneigt.

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23SEP2021
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„Du guter, allmächtiger und getreuer Gott“ – diese Worte gehen mir in letzter Zeit beim Beten mit der Gemeinde nur schwer über die Lippen. Ich habe die Klage so vieler Menschen im Ohr, deren Existenz in der Sturzflut abgesoffen ist, und die vergeblich nach Gott geschrien haben. Gut, allmächtig, getreu? Es ist die uralte Frage nach Gott – sie steigt aus Kriegszonen,  Elendsquartieren und Katastrophengebieten der Welt zu Gott empor. Sie liegt bleischwer auch hierzulande über Krankenbetten und den Gräbern allzufrüh verstorbener Menschen.  

Mit der Frage nach Gott haben sich schon die Menschen in biblischen Zeiten herumgequält. Aus einem bricht es vorwurfsvoll heraus: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist ferne meinem Schreien und meiner Klage. Ich rufe zu dir, doch du gibst keine Antwort“ (Psalm 22,2). Jesus selbst schreit mit diesen Worten in seiner Todesstunde zu Gott, den er seinen Vater nennt. Warum, warum? So sehr wir unser Gehirn zermartern, unsere grauen Zellen finden einfach keine Antwort auf Leid und Tod. Logik und Verstand kapitulieren. Kopfmenschen, die wir sind, tut eine so ernüchternde Erkenntnis weh!

Die Klagepsalmen der Bibel führen auf eine andere Spur: Auch da weinen sich die Menschen aus, schütten ihr Leid vor Gott hin, fragen vergeblich nach dem Warum. Aber dann geschieht fast ein Wunder: Die Verzweiflung der Klagenden bricht durch zur flehentlichen Bitte. Als würde sie die Betenden verändern, finden diese plötzlich wieder zurück ins Vertrauen. „Du hast meine Klage in einen Reigen verwandelt, mein Trauergewand gelöst und mich mit Freude umgürtet“ jubelt einer der Geplagten (Psalm 30,12).

Wenn ich mal wieder richtig durchhänge und mir alles zu viel wird, tröstet mich ein Wort beim Propheten Jesaja. „Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen“, klagt das Volk Israel, das mit seinem Latein wieder mal am Ende war. Aber dann legt der Prophet Gott diese Trost-Worte in den Mund – sie sind Balsam auch für unsere leidgeprüften Seelen: „Kann denn eine Mutter ihr Kindlein vergessen? Selbst wenn: Ich vergesse dich nicht“ (Jesaja 49,15-16).

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22SEP2021
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Viel Zeit bleibt uns nicht mehr! Zehn Jahre früher als erwartet, wird sich die Erde um weitere 1,5 Grad erwärmen. Dann schmelzen die Polkappen, und die Meeresspiegel steigen. Millionen von Klimaflüchtlingen müssen sich in höher gelegene Zonen retten. Dort aber versengen extreme Hitzewellen das Land. Immer öfter reißen auch verheerende Sturzfluten wie jüngst an der Ahr alles nieder und walzen das Leben platt. Wohin man schaut: Das Klima ist außer Rand und Band, der Klima-Wandel nicht mehr zu leugnen.

Damit nicht genug: In Windeseile hat sich im vergangenen Jahr ein tödliches Virus auf dem Erdball verbreitet und die ganze Menschheit an den Rand des Abgrunds gebracht. Und wir sind immer noch nicht überm Berg. Kein Zweifel – die Bedrohungen nehmen zu und vor allem: Sie werden universal und machen vor niemandem mehr Halt. Es scheint: Wenn die Menschheit nicht endlich solidarisch zusammenrückt, ist sie verloren.

Wie absurd, dass sich trotz Pandemie und Klima-Wandel viele Völker immer noch zerfleischen, und man sich auf dem ganzen Globus mit Tod und Vernichtung bedroht. Machtgeile Diktatoren streben nach Vorherrschaft, religiöse Fanatiker heizen die Konflikte zusätzlich an. Mit fast zwei Billionen US-Dollar haben die Militärausgaben im Jahr 2020 einen neuen Rekord erzielt. 52 Milliarden davon gehen auf unser Konto.[1]) Das Pulverfass, auf dem wir sitzen, ist prall gefüllt.  Schade um jeden Cent, den wir – in des Wortes wahrstem Sinn – damit verpulvern.

In ungewohnter Schärfe kritisiert Papst Franziskus die Rüstungsausgaben als eine „himmelschreiende Vergeudung“ – gerade auch angesichts zunehmender Klima-Probleme.[2]) Ich wünschte mir, er hätte den Mut, eine ständige Welt-Abrüstungskonferenz ins Leben zu rufen – mit dem Ziel, endlich das Wettrüsten zu stoppen. Die Menschheit kann es sich nicht länger leisten, in den Tod zu investieren und ihre kostbaren Ressourcen für Panzer und Raketen zu verschleudern. Nun müssen alle Kräfte mobilisiert werden, um Pandemien zu bekämpfen und den Klima-Wandel zu stoppen.

 

[1]    Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI in „World Military Expenditure“ – April 2021

[2]    Papst Franziskus in seiner Rede in Nagasaki 2019

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21SEP2021
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Ungewöhnlich für Millionäre – fast 50. 000 von ihnen appellieren an die Bundesregierung: „Besteuert mich - jetzt!“[1])Man ist anderes gewohnt. Haben nicht die Lobbyisten der Gutbetuchten die Vermögenssteuer gekappt und erfolgreich Kapital- und Ertragssteuern gesenkt? Warum fordern auf einmal so viele von ihnen, sie endlich zur Kasse zu bitten? Steuererhöhungen sind doch gerade im Wahlkampf sowas von Igitt-Igitt.

Die Unterzeichner des Appells bedrückt wohl die zunehmende Spaltung der Gesellschaft. Corona habe die Ungleichheit noch verstärkt und die Reichen zur „Krisengewinnlern“ gemacht, schreiben sie. Geht´s nach ihnen, soll die Vermögenssteuer wieder eingeführt und sogar eine Vermögensabgabe erhoben werden. Betriebsvermögen müsse man freilich schonen, um notwendige Investitionen nicht zu gefährden. Der Appell schließt gar mit der Bitte an die Finanzämter, Steuervermeidung und Steuerhinterziehung mit Argusaugen zu verfolgen. 

Gewiss – viele Vermögende teilen längst ein Stück ihres Reichtums über Spenden und Stiftungen. Über die bedient man allerdings nur handverlesene Projekte und nimmt dafür dankend Ruhm und Ehre, aber vor allem auch lukrative Steuersparmodelle in Anspruch. Dem Sozialstaat, der für alle Menschen ein Leben in Würde garantieren muss, nützt das nicht viel. 

„Besteuert mich – jetzt!“ - Mir scheint, die Initiatoren dieses Appells ahnen, wie gefährlich der Reichtum ist, wenn Raffgier die Agenda bestimmt. „Weh denen, die Haus an Haus und Acker an Acker reihen“, warnt der Prophet Jesaja (5,8). Leicht verliert man dabei über Nacht sein Leben - wie der „Reiche Kornbauer“ im Evangelium, der den Hals nicht voll genug bekommt (Lukas-Evangelium 12,16-20). 

Reichtum wird in der Bibel nur dann zum Segen, wenn er allen zugute kommt. „Arme sollte es bei euch gar nicht geben“ (Deuteronomium 15,4). Das war schon vor Jahrtausenden die „Sozialcharta“ der Israeliten – sozusagen die Blaupause für die „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“, die im Grundgesetz verankert ist. 

„Besteuert mich – jetzt!“ Dieser mutigen Initiative ist zu wünschen, dass sich ihr viele Vermögende anschließen. Und dass sich die neue Bundesregierung nicht zweimal bitten lässt und diesem Angebot wohlwollend entgegenkommt.  

 

[1]    www.taxmenow.eu

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