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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

17JUN2026
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Übermorgen ist es wieder so weit: Die Mainzer Johannisnacht beginnt. Und das heißt: Volksfeststimmung hier am Rhein – mit Konzerten und Künstlermarkt, Fahrgeschäften und viel Programm. Auf eine Sache freue ich mich besonders: Aufs Riesenradfahren. Ich mag das schon immer: Mit etwas Abstand von oben die Welt betrachten und den weiten Blick genießen. Wie anders manches von dort oben aussieht!

Dieses Jahr plant die evangelische Kirche in Mainz eine besondere Aktion beim Riesenradfahren. Wir haben zwei Gondeln gemietet und laden Paare ein: Lasst euch während der Fahrt mit dem Riesenrad segnen oder sogar trauen. Paare im Riesenrad segnen oder in der Gondel eine kirchliche Hochzeit feiern – ich bin gespannt, wie das wird! Nicht alle sind überzeugt und fragen: „Muss das denn sein?“ Nein, nötig ist das natürlich nicht. Und es muss auch nicht sein. Aber was spricht dagegen? Gottes Segen können wir überall spüren. Sich gegenseitig seine Liebe versprechen und sie unter Gottes Segen stellen, kann man auch an jedem Ort. Also auch hoch oben auf dem Riesenrad!

 Und ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie viele Parallelen es gibt zwischen unserem Leben und einer Fahrt mit dem Riesenrad? Auch das Zusammenleben als Paar, als Familie hat viel damit zu tun!

Sitzt man in einer Gondel im Riesenrad, geht es hoch hinauf, bis auf den höchsten Punkt. Manchmal hat man Glück und das Riesenrad hält genau dort kurz an, bevor es wieder hinunter geht. Und wieder hinauf. Wie im Leben: Es gibt Höhepunkte. Und Tiefpunkte. Beim Riesenrad folgen sie einem immer gleichen Rhythmus. Das ist im Leben anders, da können wir den Rhythmus nicht vorhersehen. Wenn sich zwei versprechen, miteinander durchs Leben zu gehen, dann versprechen sie sich auch: Wir  feiern nicht nur die Höhepunkte, sondern halten auch in schwierigen Zeiten zusammen. Bewältigen sie gemeinsam.

Das Riesenrad zeigt mir auch: Es braucht Höhenflüge im Leben, die Momente und Zeiten, in denen man dem Himmel nah ist. Ich glaube, wenn wir übermorgen Paare im Riesenrad auf der Mainzer Johannisnacht segnen oder trauen, dann werden wir dem Himmel nah sein. Bei der Fahrt und auch danach – denn Gottes Segen bleibt.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

16JUN2026
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Zu meiner Konfirmation durfte ich mir meinen Konfirmationsspruch selbst aussuchen. Der Satz aus der Bibel begleitet mich seitdem: „Seid auf Einigkeit aus und lebt in Frieden miteinander. Dann wird der Gott, der Liebe und Frieden schenkt, mit euch sein.“ (2. Kor 13,11 – Basisbibel)

Die Entscheidung ist mir damals schwergefallen. Wähle ich einfach einen schönen Spruch oder doch lieber einen Satz, der mir einen guten Rat mitgibt? Wer ich bin und wie mein Leben mal werden würde, das war für mich als Dreizehnjährige noch offen und ungewiss. Ich habe lange überlegt und mich dann entschieden: „Seid auf Einigkeit aus und lebt in Frieden miteinander. Dann wird der Gott, der Liebe und Frieden schenkt, mit euch sein.“ Dass Frieden darin vorkommt, war mir wichtig.

Heute denke ich oft an einen anderen Teil vom Satz: „Seid auf Einigkeit aus.“ Dem kann ich viel abgewinnen. Wir Menschen müssen nicht immer einer Meinung sein. Wir dürfen diskutieren und auch streiten. Aber der Satz erinnert daran, trotzdem das Gemeinsame im Blick zu behalten. Denn darauf kommt es an: In einem guten Miteinander zu leben. In der Familie, mit Freundinnen und Nachbarn. Und auch weltweit. Überall braucht es ein gutes Miteinander, auch bei unterschiedlichen Meinungen. Mit Respekt und Ehrlichkeit, Verantwortung und Wertschätzung füreinander.

Nicht immer gelingt es mir, auf Einigkeit aus zu sein. Ich verliere das manchmal aus dem Blick. Dass mich mein Konfirmationsspruch von damals daran erinnert, gefällt mir heute sehr.

In diesen Wochen wird in vielen evangelischen Kirchen Konfirmation gefeiert. Wer sich konfirmieren lässt, sagt: „Ja, ich möchte mit Gott in meinem Leben rechnen. Ich möchte auf Gott vertrauen und möchte Teil dieser Gemeinschaft in der Kirche sein.“ Ich freue mich über alle Jugendlichen, die diesen Schritt gehen und wünsche ihnen Gottes Segen. Vor allem aber wünsche ich ihnen, dass die Worte, die sie sich als Konfirmationsspruch ausgesucht haben, sie durchs Leben tragen. Und ihnen ein so guter Begleiter sind, wie der Satz, der mich seit meiner Konfirmation begleitet. In jedem Fall weiß ich: Der Gott, der Liebe und Frieden schenkt, ist mit ihnen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

15JUN2026
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„Stell dir vor: Neben dir sitzt Gott.“ Ich sitze in einem Seminar für kreatives Schreiben und bekomme als allererstes diese Aufgabe: Schau nach rechts, schau den Menschen neben dir ganz genau an und beschreib ihn – so, als ob es Gott wäre. Eine sehr ungewohnte Übung!
Ich muss an die Zehn Gebote denken. Da heißt es: „Du sollst dir kein Bild machen von Gott.“ Dieses Gebot hat seinen Sinn. Es soll verhindern, dass wir Menschen uns ein Bild von Gott machen und fest davon überzeugt sind, dass Gott genau so ist und nicht anders. Denn mit Gott ist es ja so: Keines unserer Bilder wird Gott gerecht. Gott ist immer anders. Größer und vielfältiger, als wir uns das ausmalen können.

Gleichzeitig brauchen wir Bilder und Ideen davon, wie Gott ist. Bilder, so konkret wie unser Leben.
Ich fange an zu schreiben – und alle Menschen um mich herum im Seminar auch:

Eine schreibt: „Neben mir sitzt Gott und hat viele feine Lachfalten um die Augen. Habe ich es mir doch gedacht – Gott hat Humor.“
Ein anderer: „Neben mir sitzt Gott. Sie ist weiblich. Hab‘ ich’s doch gewusst!“
Es ist ungewohnt und merkwürdig die Person neben mir auf diese Weise anzuschauen und Gott in ihr zu sehen.

Dabei erzählt schon die Bibel, dass Gott uns Menschen ähnlich sein will. Bei der Erschaffung der Welt sagt Gott: »Lasst uns Menschen machen – unser Ebenbild, uns gleich sollen sie sein!«“ (1. Buch Mose 1,26) Als Ebenbilder hat Gott uns Menschen gedacht. Als Lebewesen, die ihm gleich sind. Das heißt dann vielleicht auch: Wir sind Gottes Ebenbilder mit unseren Lesebrillen und Lachfalten. Mit unserem müden Blick und unserer Arbeitskleidung. Oder anders gesagt: Gott ist uns gleich. Nicht nur einer oder einem von uns – sondern uns allen. In all unseren Unterschieden und in all unserer Vielfalt ist uns Gott gleich.

„Stell dir vor, neben dir sitzt Gott!“ Ich will mir das jetzt öfter vorstellen. Mich umschauen und Gott neben mir entdecken. Das verändert mich. Denn ich blicke neugieriger, wohlwollender und interessierter auf den Menschen neben mir. Ich glaube, genau das gefällt auch Gott.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

28MRZ2026
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Die Fähigkeit, selbst Licht zu erzeugen, zählt zu den wichtigsten Errungenschaften der Menschheit. Ein Feuer, eine Fackel, Öllampen. Ohne diese Möglichkeiten, wäre die Menschheit heute nicht da, wo sie ist. Und wenn ich an unser Leben heute denke, bin ich heilfroh und dankbar, dass wir elektrisches Licht haben. Denn einfach so das Licht einschalten zu können, das ist ein Segen: Im Winter morgens nach dem Aufstehen. Oder wenn mir etwas runtergefallen ist und ich es im Halbdunkel nicht mehr wiederfinde. Und Gott sei Dank können auch Ärztinnen und Pfleger, Mechatroniker und Mitarbeitende im Labor im hellen Licht arbeiten. Ohne Licht wäre unser Alltag nicht denkbar.

Heute Abend freue ich mich aber darauf, das Licht ausgeschaltet zu lassen. Denn heute, am dritten Samstag im März, ruft die Umweltorganisation WWF wieder dazu auf, bei der Earth Hour mitzumachen. Earth Hour, auf Deutsch: Stunde der Erde - so heißt eine Aktion, die auf den Klimawandel aufmerksam machen und ein weltweites Zeichen setzen möchte. Die Idee ist simpel: Eine Stunde lang bleiben weltweit Lichter aus – in Städten, an Wahrzeichen und bekannten Sehenswürdigkeiten, auch in vielen privaten Wohnungen. Auch bei mir in Mainz werden der Mainzer Dom und die Christuskirche und etliche andere Gebäude dunkel bleiben. Zumindest für diese eine Stunde von halb neun bis halb zehn.

Falls Sie heute Abend noch nichts vorhaben, kann ich Ihnen einen kleinen Abendspaziergang ans Herz legen: Ich staune jedes Mal aufs Neue, wie anders die Stadt wirkt, wenn große Bauwerke auf einmal im Dunkeln liegen.

Viel Strom wird bei der Earth Hour nicht gespart. Aber darum geht es auch nicht vorrangig. Viel wichtiger ist das Zeichen: Weltweit bleibt es für eine Stunde dunkel. Und überall auf der Welt wird mit diesem Lichtsignal daran erinnert, wie sehr der Klimawandel unsere Erde und viele Menschen schon jetzt bedroht. Auch bei mir zu Hause bleibt heute Abend ab halb neun das Licht aus. Es ist ein kleines Zeichen, das ich setzen kann, um daran zu erinnern: Wir alle tragen gemeinsam Verantwortung für Gottes gute Schöpfung. Damit hier auf der Erde noch lange das Licht anbleibt und alle gut leben können.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

27MRZ2026
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„Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ So heißt es an einer Stelle in der Bibel. Viele Paare suchen sich diesen Satz als Trauspruch für ihre kirchliche Hochzeit aus. So ein Trauspruch kann ein Motto oder ein Leitspruch für die Ehe sein.

„Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ Dieser Satz ist voller Liebe, voller Loyalität und Zukunftsgewissheit. Und ich glaube: Damit ist er ein gutes Motto für den weiteren gemeinsamen Weg eines Paares. Schließlich geht es doch genau darum: Gemeinsam durchs Leben zu gehen, egal was kommt. Dieser Trauspruch macht deutlich: Genau das möchten sich zwei ganz fest versprechen.

In der Bibel sind die beiden, die einander so die Treue schwören, zwei Frauen: Es sind Schwiegertochter und Schwiegermutter.

Die Geschichte der beiden ist wirklich bemerkenswert: Da ist die alte Frau, Noomi. Ihr Mann ist gestorben und ihre Söhne auch. Noomi fühlt sich fremd und allein in der Heimat ihres Mannes, die nicht ihre Heimat ist. So entscheidet sie sich, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Und da ist Rut, ihre Schwiegertochter. Rut entschließt sich, mit Noomi in deren Heimat zu gehen. Allen Herausforderungen zum Trotz. „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“ Eine mutige Entscheidung. Ob da Liebe im Spiel war? Ich weiß es nicht – aber diese unbedingte Loyalität und gegenseitige Übernahme von Verantwortung füreinander sind schon etwas ganz Besonderes. Und das ist es auch, was Brautpaare an diesem Satz so anspricht: Zwei, die bedingungslos zueinander halten und gemeinsam in die Zukunft gehen.

Als Pfarrerin darf ich zwei Menschen an diesem entscheidenden Punkt in ihrem Leben begleiten. Ich darf mit ihnen ihre Hochzeit vorbereiten und sie schließlich feiern. Dabei bewegt es mich jedes Mal aufs Neue, ihnen Gottes Segen zuzusprechen. Denn schließlich ist Segen ja auch nichts anderes, als dass Gott zu uns sagt: Ich bin bei euch, wo immer ihr hin geht, und ich bleibe bei euch, wo immer ihr auch seid.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

26MRZ2026
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Bei einem Besuch in Hamburg habe ich vor einiger Zeit einen besonderen Ort entdeckt. Auf den ersten Blick wirkt die U-Bahnstation Emilienstraße wie jede andere auch. Doch dann zeigt sich: Hier auf dem Bahnsteig ist ein besonderer Ort. In dem kleinen Büdchen zwischen den Gleisen ist kein gewöhnlicher Kiosk – sondern „Das Ohr“: ein Zuhör-Kiosk. Auf Schildern wird erklärt, was es mit diesem Zuhör-Kiosk auf sich hat: „Ich höre Ihnen zu! Kostenlos. Jetzt gleich – oder ein anderes Mal.“

Christoph Busch hat den Zuhör-Kiosk vor knapp 10 Jahren ins Leben gerufen. Als Drehbuchautor ist er immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Sein Plan ist aufgegangen. Viele Menschen haben Lust auf einen kleinen Plausch zwischendurch. Und viele Menschen scheinen nur darauf gewartet zu haben, dass sie sich endlich mal alles von der Seele reden können und ihnen einer wirklich zuhört.

Tatsächlich waren es so viele Menschen, dass Christoph Busch schnell gemerkt hat: Meine Zeit reicht nicht aus. Ich brauche Unterstützung. So gibt es jetzt einen großen Kreis von Ehrenamtlichen, die dem Zuhör-Kiosk „Das Ohr“ ihre offenen Ohren zur Verfügung stellen. Sie hören Fröhliches und Belangloses, hören zu bei schweren Schicksalsschlägen, komplizierten Problemen und vielen offenen Fragen. Ich finde es toll, dass sie das machen. Einander zuhören ist so wichtig. Mir tut es gut, wenn ein guter Freund, meine Schwester oder auch jemand Fremdes im Urlaub ein offenes Ohr für mich hat. Ich fühle mich dann gesehen. Mit allem, was ich bin. Wenn ich meine Freude teile, wird sie doppelt so groß und was mich bedrückt, fühlt sich, wenn ich es jemandem erzählt habe, nicht mehr ganz so schwer an. Darum bin ich froh, dass es Menschen gibt, die anderen einfach zuhören. Vertrauensvoll und offen.
Ich glaube, deswegen ist beten für mich auch so wichtig. Denn beim Beten kann ich genau das erleben: Gott hat ein offenes Ohr für mich. Zu jeder Zeit und für alle Anliegen. Gottes Zuhör-Kiosk, der immer geöffnet ist. Wie wunderbar!

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

02DEZ2025
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Wenn ich als Kind mit meinen Geschwistern oder Nachbarskindern nachmittags draußen gespielt habe, dann gab es eine Regel: Wenn draußen die Straßenlaternen angehen, dann gibt es Abendbrot und wir müssen nach Hause kommen. Oft hat uns das herausgerissen aus unserem Spiel und unserem Miteinander. Denn es war klar: Nach dem Abendessen geht es ins Bett und der Tag ist vorbei. Das Licht der Straßenlaternen war eine ganz eigene Zeitansage.

Menschen, die wie ich in Mainz um die große Christuskirche herum leben, kennen noch einen anderen Zeitgeber: Denn drei Mal am Tag erklingt das Glockenspiel vom Turm der Christuskirche: morgens um viertel vor 8, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr. Die 25 kleinen Glocken hängen ganz oben im Kirchturm. Schaut man genau hinauf, kann man sie über der Kuppel der Kirche gut erkennen. Gestiftet wurden sie von der Stadt Mainz Anfang der 1950er Jahre, als die im Krieg zerstörte Christuskirche wieder aufgebaut wurde. Seitdem hängen sie dort oben und spielen jedes Mal ein bekanntes Kirchenlied. Alle paar Wochen wechseln die Lieder, so passen sie immer zur Jahreszeit. Seit über 70 Jahren hat sich nichts daran verändert – die Technik, die Lieder, die Uhrzeiten sind gleichgeblieben. Nur manche Glocken haben sich inzwischen etwas verstimmt.

Immer wieder erzählen mir Menschen, wie wichtig das Glockenspiel für sie als Zeitansage ist. Hört man morgens die Glocken – dann ist es höchste Zeit aufzustehen.. Oder man muss sich schnell auf dem Weg zur Schule machen, damit man nicht zu spät kommt. Und abends ist es wie bei mir früher: Wenn die Glocken spielen, dann ist es Zeit fürs Abendbrot.

Mein Tagesablauf ist inzwischen oft anders, so dass mich das abendliche Glockenspiel nicht nach Hause zum Essen ruft. Aber die Glocken machen dennoch etwas mit mir: Sie rufen mich heraus aus meinen Gedanken und aus dem, was ich gerade tue. Ich merke dann: Oh, so spät ist es schon! Und meistens überlege ich: Was brauche ich jetzt? Weitermachen oder doch lieber eine Pause? So ist mir das Glockenspiel zu meiner ganz eigenen Zeitansage geworden.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

01DEZ2025
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Vor einigen Tagen saß ich bei meiner Ärztin im Wartezimmer. Und da ist mir ein Lied eingefallen. Der Sänger Bosse singt es und es heißt „Wartesaal“. „Wir sitzen im Wartesaal zum Glücklich sein“ singt er da. Er meint kein Wartezimmer in einer Arztpraxis, wie das, in dem ich gesessen habe. Sondern er singt vom großen Ganzen. Der Sänger Bosse singt davon, dass wir Träume haben, aber uns manchmal nicht trauen, sie wahr werden zu lassen. Dass wir Pläne nicht angehen, sondern sie aufschieben. Und dass wir immer darauf warten, dass wir später irgendwann glücklich sind. „Und so bleiben wir im Wartesaal zum Glücklichsein und warten mal und warten mal“ singt er weiter.
So wie Bosse vom Warten singt, meint er kein unbeschwertes Warten. Sondern ein Warten, das uns nicht guttut.

Jetzt im Advent warten wir darauf, dass es Weihnachten wird. Ab heute verkürzen uns Adventskalender die Wartezeit. Jeden Tag öffnen wir ein Türchen, freuen uns über ein Stück Schokolade, eine kleine Überraschung oder eine Geschichte. Sich jeden Tag über eine Kleinigkeit freuen, macht das Warten deutlich schöner. Und es lässt uns fast aus dem Blick verlieren, dass wir überhaupt warten.

Ich glaube, der Advent ist eine gute Zeit zum Warten. Dieses Jahr nehme ich mir vor, mir mehr Zeit für das Warten zu nehmen und mich weniger mit allen Vorbereitungen und Terminen zu stressen. Ich will das Genießen nicht aufschieben, sondern jetzt schon spüren. Und mir die Wartezeit schön machen.

Ich will mir auch Zeit nehmen, um bei mir das große Ganze in den Blick zu nehmen. Das, wovon der Sänger Bosse gesungen hat. Worauf warte ich eigentlich? Welche Träume, welche Pläne habe ich noch? Was brauche ich, dass ich das eine oder andere endlich angehe? Und ich will mich fragen: Sitze ich noch, wie der Sänger Bosse gesungen hat, im Wartesaal zum Glücklichsein? Oder bin ich jetzt schon glücklich?

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

30NOV2025
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Heute ist der erste Advent. Und ganz ehrlich: Ich bin noch nicht in Adventsstimmung: Mir ist gar nicht nach Weihnachtsmarkt und Glühwein zumute. Zu Hause habe ich auch noch nichts dekoriert und vorbereitet: Ich habe bis jetzt noch nicht mal einen Adventskranz besorgt.

Zuerst hat mich das geärgert: Am ersten Advent dastehen ohne Adventskranz– wie blöd ist das denn! Dann habe ich überlegt: Wie könnte ich es hinkriegen, doch noch einen Adventskranz zu besorgen? Oder könnte ich noch irgendwie einen basteln? Aber diese Überlegungen habe ich ganz schnell wieder verworfen – der Stress wäre zu groß.

Und nun stehe ich da ohne Adventskranz am ersten Advent. Je länger ich mir das bewusst mache, desto mehr finde ich mich damit ab. Vielleicht besorge ich einfach später noch einen.

Während ich darüber nachdenke, erinnere ich mich auch daran, was Advent eigentlich bedeutet. Der Advent ist eine „Wartezeit“. Im Advent warten wir auf das, was noch kommt. Wir zählen die Tage herunter und üben uns in Geduld. Es ist die Zeit, um sich auf Weihnachten vorzubereiten.
Also muss auch nicht am ersten Advent alles schon perfekt sein. Mit vielem können wir uns Zeit lassen. Schließlich ist Weihnachten erst am 24. Dezember – bis dahin ist Zeit für Vorbereitungen.

Eins meiner Lieblingslieder im Advent fragt: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir?“ Mir gefällt diese Frage: Wie soll ich dich empfangen? Im Lied ist Gott gemeint – schließlich feiern wir an Weihnachten, dass Jesus geboren und Gott Mensch wird. Gott kommt in unsere Welt. Und ich habe jetzt Zeit, mich darauf vorzubereiten und frage mich: Wie möchte ich mich dieses Jahr auf Weihnachten einstimmen? Was brauche ich in diesem Advent, damit es für mich Weihnachten werden kann? Brauche ich mehr gemütliche Auszeiten zu Hause am Adventskranz? Mehr Zeit zum Innehalten? Oder brauche ich in diesem Jahr eher viel fröhliches Beisammensein auf dem Weihnachtsmarkt und beim Plätzchenbacken?

So schön ein Adventskranz auch ist – dieses Jahr verzichte ich wohl auf ihn. Ich belasse es bei einer Kerze und freue mich an ihrem Licht. Denn ich merke, dass ich dieses Jahr vor allem mehr den Moment genießen möchte, damit es bei mir so richtig Weihnachten werden kann.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

11OKT2025
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Mit dem Blick zurück geht es vorwärts. Klingt komisch? Ist aber so - zumindest beim Rudern. Wer schon einmal in einem Ruderboot gesessen hat, kennt es vielleicht: Das ungewohnte Gefühl, nicht zu sehen, wohin man steuert und fährt.

Als Jugendliche habe ich für einige Zeit viel gerudert. In großen, breiten Booten, sogenannten Zweiern oder Vierern, mit mehreren anderen zusammen. Und in ganz leichten, schmalen Ruderbooten, den Skiffs, in denen man allein oder zu zweit sehr schnell vorankommt. Ich erinnere mich gut daran. Wie leicht und lautlos das Boot über das Wasser gleitet. Auf der Wasseroberfläche hinterlassen die Ruderschläge und das Boot Abdrücke. Besonders schön ist das frühmorgens oder abends. Dann sind das Licht und die Stimmung auf dem Wasser so besonders. Oft habe ich dann gestaunt, wie schön diese Welt sein kann.
An die Blickrichtung beim Rudern musste ich mich erst gewöhnen. Denn man sitzt genau andersrum als sonst. Normalerweise gehe ich vorwärts durchs Leben und sehe, wohin ich gehe. Beim Rudern ist es genau umgekehrt: Ich sehe nach hinten: Die Landschaft zieht an mir vorbei und ich weiß nicht genau, was vor mir liegt. Bin ich allein im Boot unterwegs, muss ich mich immer mal wieder umdrehen, um zu sehen, was vor mir liegt oder um den Kurs zu korrigieren. Mit der Zeit entwickelt man ein gutes Gespür dafür. Im Vierer ist daher der Steuermann wichtig. Ihm kann man vertrauen, denn er sitzt als Einziger im Boot mit Blick nach vorn.

Die Bibel erzählt davon, dass Jesus zu ähnlichem Vertrauen aufgefordert hat. „Fahr hinaus, wo es tief ist!“ (Lukas 5,4) hat er zu Simon, einem Fischer am See Genezareth, gesagt. Das bedeutet so viel wie: Fahr so weit hinaus auf den See, bis zu der Stelle, an der du nicht mehr bis auf den Grund sehen kannst. Bis zu dem Ort, an dem du nicht weißt, was kommt und was dich erwartet.
„Vertrau mir“, sagt Jesus, „Lass dich darauf ein – und fahr los.“
Was für eine Ansage! Simon hat es gewagt. Er hat Jesus vertraut und ist aufgebrochen ins Unbekannte. Und er ist mit einem Netz voller Fische belohnt worden.

„Fahr hinaus, wo es tief ist.“ Jesu Worte fordern mich auch heraus: Lass dich darauf ein, dass du nicht wissen und sehen kannst, was die Zukunft bringt. Hab Vertrauen, dass der Steuermann richtig steuert. Und sei gewiss: Es kann gut werden.

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