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Vor einigen Tagen musste ich an eine Geschichte denken. Die Geschichte von einem Süppchen. Ein berühmter christlicher Lehrer aus dem Mittelalter, Meister Eckhart, beschreibt darin einen Menschen, der ganz im Beten versunken ist. Offenbar ist dieser Mensch gerade dabei, ganz nah bei Gott zu sein. Aber genau in diesem Moment erfährt er von einem Freund, dass ein kranker Mensch seine Hilfe braucht, und zwar ganz praktisch: jemand muss ihm ein Süppchen kochen. Was soll dieser Mensch nun tun? Meister Eckhart lässt keinen Zweifel: er soll seine Gebete unterbrechen und dem Kranken helfen, was denn sonst? Gott geht ja nicht verloren, wenn man sich einem anderen Menschen zuwendet. Im Gegenteil: Gerade dort begegnet man ihm.
Mich berührt dieser Gedanke sehr. Oft stelle ich mir den Glauben als etwas Stilles vor, dass nur zwischen mir und Gott passiert. Beten, Nachdenken, zur Ruhe kommen. Ich kenne auch diese Situationen, wo ich endlich einen Moment für mich haben möchte. Und genau dann kommt mein Sohn um die Ecke und braucht mich oder ein Nachbar klingelt, weil er kurz mit mir sprechen möchte.
Die Zeit für mich allein bleibt wichtig, keine Frage. Jeder und jede braucht Auszeiten. Die Geschichte mit dem Süppchen erinnert mich jedoch daran, dass glauben nicht nur im stillen Kämmerlein geschieht. Sondern dass Christsein sich besonders darin zeigt, wie ich mit anderen Menschen umgehe, ganz konkret in meinem Alltag. Dort, in den kleinen Begegnungen mit meinen Mitmenschen.
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Neulich hatte ich eine Begegnung mit jungen Menschen aus einer sehr frommen Glaubensgemeinschaft aus Amerika. Die jungen Leute eröffneten das Gespräch mit einer Frage: „Was ist dein Lieblingsvers in der Bibel?“ Das kam überraschend. Ich musste kurz nachdenken. Dann aber fiel er mir ein: „Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr.“ Das ist der Anfang des 130. Psalms.
Nach der Begegnung habe ich darüber nachgedacht, warum mir dieser Vers eigentlich so wichtig ist. Zuerst weil er mich vertrauen lässt, dass Gott da ist und dass ich mich ihm zuwenden kann. Aber da ist noch mehr: Denn dort wird laut gerufen, nicht leise vor sich hin gebetet. Zu Gott kann ich rufen, ja sogar schreien. Manchmal ist mir wirklich danach, wenn ich an all die Grausamkeiten denke, die Menschen einander antun. Oder wenn mir klar wird, dass wir den Klimawandel wahrscheinlich nicht mehr aufhalten können. Das macht mich wütend, auch gegenüber Gott, und am liebsten möchte ich schreien: „Warum das alles? Hättest du uns Menschen nicht etwas weniger egoistisch erschaffen können?“
Solche Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Leere sind der Bibel nicht fremd. Zum Glück. Sie gehören offenbar dazu, wenn man gläubig ist. Ich finde es befreiend, dass ich manchmal auch meine Hoffnungslosigkeit zu Gott bringen kann. Das schützt mich davor, den Kopf in den Sand zu stecken und zuversichtlich zu blieben. Trotz allem!
„Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr.“
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Letzte Woche hab ich meine Eltern in meiner alten Heimat besucht. Ich lebe schon seit Jahren nicht mehr dort. Meine Beziehungen zu den Menschen vor Ort gehen deshalb leider zurück. Das ist normal und geht vielen anderen genauso. Leider betrifft das manchmal aber auch Beziehungen zu richtig guten Freunden.
Einer meiner besten Freunde lebt – wie ich – längst nicht mehr dort. Wir haben uns seit Jahren nicht mehr gesehen und nur einmal miteinander gesprochen. Immer mal wieder hatten wir versucht, uns zu treffen, aber irgendwie sollte es nicht sein. Wir hatten uns aus den Augen verloren.
Als ich letzte Woche bei meinen Eltern war, schrieb ich ihm spontan eine Nachricht: „Hey, wir sind mal wieder vor Ort. Seid ihr zufällig auch da?“ Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, aber es passte tatsächlich. Und so haben wir uns nach Jahren wieder getroffen. Bis weit nach Mitternacht saßen wir zusammen. Die Zeit hatte uns verändert. Wir sind nicht mehr dieselben Menschen wie damals – das haben wir schnell gemerkt. Und trotzdem entstand allmählich wieder ein Vertrauen, das wir von früher kannten. Wir haben locker Worte gewechselt. Haben gemeinsam gelacht und uns über unsere Familien ausgetauscht. Es war einfach wunderbar.
Der jüdische Philosoph Martin Buber hatte recht mit seinem Satz, dass alles wirkliche Leben Begegnung ist.
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Die Stimmung in unserem Land ist schlecht. Jedenfalls habe ich oft den Eindruck, dass viele Menschen keine Hoffnung mehr auf eine gute Zukunft haben. Manche sind resigniert, weil vieles nicht gut funktioniert: zu viel Bürokratie, marode Schienennetze. Andere sind noch besorgter, weil der amerikanische Präsident Diktator spielt und Europa schwach wirkt.
Was mir hilft, den Kopf nicht in den Sand zu stecken? Beispiele, die zeigen, dass man hoffnungsvoll nach vorne schauen darf. Trotz allem. Neulich hatte ich eine Begegnung mit jungen Forscherinnen und Forschern. In einem Wettbewerb haben sie ihre Projekte vorgestellt. Es ging darum, alles möglichst unterhaltsam zu präsentieren.
Ein junger Mann hat mich besonders gefesselt. Er erforscht, wie Pflanzen Widerstandsfähiger gegen den Klimawandel gemacht werden können. Doch noch mehr als sein Thema hat mich seine Begeisterung fasziniert. Mit leuchtenden Augen und strahlendem Lachen erzählte er von seiner Arbeit. Und das Wichtigste: er blieb zuversichtlich und hoffnungsvoll für die Zukunft. Diese Begeisterung hat mich angesteckt. Und offenbar auch die anderen. Denn am Ende hat er den Wettbewerb gewonnen.
Meine Sorgen um die Zukunft sind dadurch nicht verschwunden. Aber Menschen wie dieser junge Mann lassen die kleine Flamme der Hoffnung und Zuversicht gleich viel heller leuchten.
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Seit einiger Zeit lerne ich Französisch. Ich möchte das endlich nachholen. Dazu habe ich mich bei einer Onlineplattform für Sprachkurse angemeldet. Seit fast einem halben Jahr treffe ich mich nun regelmäßig mit meinem Lehrer aus Frankreich. Wir üben viel. Aber wir unterhalten uns vor allem über alles Mögliche. Wir sprechen über gutes Essen, über Urlaube und über Politik. Mein Lehrer ist mit einer Frau aus China verheiratet und schwärmt von chinesischem Essen und chinesischer Gastfreundschaft. Und ich erzähle von deutschen Dialekten und meiner Heimat im Schwarzwald.
Irgendwie kamen wir letzte Woche auf das Thema Glauben zu sprechen. Plötzlich haben wir gemerkt, wie sich die Atmosphäre zwischen uns verändert hat. Ich hab mich gefragt: Wird das jetzt gleich ein Super-Gau, wenn ich ihm sage, dass ich Christ bin? Wird er mich auslachen? Ich musste meinen Mut zusammennehmen, als ich gesagt habe: ich bin katholischer Christ. Völlig unerwartet antwortete er ganz offen: ich bin auch Christ, Johannes. Ich bin Protestant.
Im Nachhinein frage ich mich, warum wir nicht schon viel früher den Mut hatten, über unsere Religion zu sprechen. Denn das Gespräch hat gutgetan. Vielleicht wollten wir eine unangenehme Diskussion vermeiden. Oder war uns der Glaube einfach zu intim?
Für mich war es wichtig, dass ich mich geöffnet habe. Auch wenn ich hätte verletzt werden können. Wir haben so eine Seite an uns kennengelernt, die beiden sehr wichtig ist. Dass wir uns an das heikle Thema Religion gewagt haben, war ein echter Gewinn. Und für unsere weiteren Treffen eine gute Vertrauensbasis.
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Vor wenigen Wochen ist ein guter Freund von mir verstorben. Wir haben uns während des Studiums kennengelernt. Er war viel älter als ich, hatte als Lehrer gearbeitet und wollte in seinem Ruhestand nochmal an die Uni.
Er war großgewachsen, gut gekleidet, sehr höflich, immer freundlich, auch streng, wenn es sein musste. Bei unserer ersten Begegnung kam er auf mich zu, begrüßte mich, reichte mir die Hand und wünschte mir guten Mut für mein Studium. Einfach so. Ich war zunächst ziemlich skeptisch. Was wollte dieser adrett gekleidete ältere Herr von mir? Es kommt doch nicht ohne Grund jemand auf mich zu und wünscht mir guten Mut.
Doch mit der Zeit habe ich diesen klugen Menschen besser kennengelernt. Und allmählich verstand ich, dass seine Offenheit, seine Fürsorge und Güte echt waren. Wenn ich Hilfe brauchte, war er da, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Auch für andere Studenten setzte er sich ein und unterstützte sie, wo er konnte. Am meisten beeindruckte mich seine Gabe, zuzuhören, wirklich zuzuhören, aufmerksam für das, was man sagte. Und er hatte immer Zeit. Bis kurz vor seinem Tod telefonierten wir regelmäßig.
Auf seiner Trauerfeier waren viele Menschen, die offenbar ähnlich empfanden wie ich. Hier war ein großer Mensch gestorben – das haben alle gespürt. Ein Mensch, der praktisch versucht hat, seinen Glauben an Gott und an die Mitmenschen bis zuletzt zu leben.
Ich bin sehr dankbar, ihn gekannt zu haben. Und ich wünsche mir so sehr, dass es da draußen viele solcher Menschen gibt. Denn durch sie bleibt die Hoffnung auf Mitmenschlichkeit in der Welt und der Glaube an einen liebenden Gott.
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Neulich hörte ich im Radio eine Nachricht, die mich riesig gefreut hat. Der brasilianische Regenwald scheint sich etwas zu erholen. Im letzten Jahr wurde viel weniger abgeholzt als in den Jahren zuvor. Die Abholzung ist zurückgegangen.
Ich höre das und denke: Wow, das ist wirklich mal eine gute Nachricht! Natürlich, das Problem bleibt riesig, das ist klar. Es muss noch mehr getan werden für den Regenwald. Aber diese Meldung zeigt mir, dass Politik tatsächlich etwas bewirken kann. Dass Menschen etwas verändern können, wenn sie es denn wollen und gemeinsam nach guten Wegen suchen.
Solche Nachrichten tun gut. Und trotzdem hört man sie viel zu selten. Ich ertappe mich so oft dabei, dass ich die Nachrichten manchmal gar nicht mehr hören mag. So viel Schlimmes, so viel Zerstörung, so viel Streit. Aber so ist es doch nicht. Es passiert auch unglaublich viel Gutes, nur redet kaum jemand darüber. Vielleicht, weil sich schlechte Nachrichten einfach besser verkaufen und mehr Aufmerksamkeit bekommen. Dann heißt es: Bad news are Good news, also nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Ich finde, das stimmt nicht: Auch gute Nachrichten sind gute Nachrichten - Good news are good news! Und wir sollten viel mehr darüber sprechen!
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Wie jeden Abend setze ich mich auch an diesem Abend noch kurz ans Bett meines Sohnes. Wir sprechen meistens noch über den Tag, überlegen was gut lief und was nicht so gut lief.
An diesem Abend hält mein Sohn jedoch lange inne und sagt völlig aus dem Nichts: Papa, ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass ich einmal nicht da war. Und auch, dass ich irgendwann nicht mehr da sein werde. Wie kann das sein? Ich finde das genauso verrückt wie du, sage ich ihm.
So jung, und schon solche Fragen, denke ich mir. Aber viele Kinder fragen so. Wenn ich mich in der Geschichte der Menschheit umsehe, dann hat Menschen schon immer fasziniert, dass sie existieren. Dass sie überhaupt da sind. Dass es etwas gibt und nicht Nichts. Das ist doch ein riesiges Wunder.
Nach dem Gute-Nacht-Sagen gehe ich die Treppe runter und frage mich, wie oft ich eigentlich darüber staune, dass ich überhaupt da bin. Viel zu selten, denke ich. In meinem Alltag ist meistens alles andere wichtiger. Der Alltag fordert meine ganze Aufmerksamkeit.
Umso dankbarer bin ich, dass mein Sohn mich manchmal daran erinnert, dass das Leben doch etwas völlig Verrücktes und etwas total Wunderbares ist.
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Im nächsten Jahr geht unser Postbote in den Ruhestand. Seit wir in unserem Wohngebiet leben, ist er fast immer da, um uns die Post zu bringen. Er bringt aber nicht nur Briefe und liefert kleine Päckchen Pakete ab. Oft nimmt sich unser Postbote die Zeit für ein Gespräch, je nach Zeitdruck auch ein etwas Längeres. Mit seiner offenen und freundlichen Art hat er unser Wohngebiet untereinander verbunden. Viele Menschen, die hier wohnen, kennen sich nicht, aber alle kennen ihn, unseren Postboten. Fast unsichtbar und doch immer da und für ein Schwätzchen gut.
Mir zeigt das, wie wichtig Menschen sind, die einfach da sind, die unaufgeregt ihrer Arbeit nachgehen und kein großes Bohei um sich machen. Oft sind es ja die scheinbar Unwichtigen, Kleinen und wenig Beachteten, ohne die alles auseinanderfallen würde.
Solche Menschen leisten oft unschätzbar viel für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, ohne dass ihnen das bewusst ist. Leider übersehen vergessen das viele allzu oft. Am Ende zählt doch wieder nur, wer Erfolg hat, wer Angesehen ist oder am meisten Geld verdient. Es sind Menschen wie unser Postbote, die viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Ich bin mir sicher, dass nicht nur ich es sehr bedauern werde, wenn unser Postbote uns im nächsten Jahr nicht mehr die Post ausliefert.
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Einmal im Jahr fahre ich mit meiner Familie in die französischen Berge. Dort, auf einer kleinen Hütte, verbringen wir unseren Sommer. Es ist wie im Bilderbuch: Ein alter Herd, der mit Holz beheizt wird und Strom gibt’s nur, wenn die Sonne scheint. Ein einfaches, aber erfüllendes Leben.
Wir haben dort oben auch fließendes Wasser. Aber in den letzten Jahren ist es weniger geworden. Die Sommer sind trockener, die Quelle versiegt immer häufiger. Das zwingt uns zum Umdenken. Wir müssen mit dem Wasser viel bewusster umgehen. Es ist kostbar geworden.
Dort oben in den Bergen merke ich, wie selbstverständlich Wasser für mich sonst ist. Zuhause kommt es einfach aus dem Hahn. Wann ich will. So viel ich will. Nach jedem Sommer nehme ich mir vor: Ich will das Wasser mehr wertschätzen. Bewusster duschen. Sparsamer abwaschen. Nicht den Schlauch laufen lassen, wenn ich Blumen gieße. Und doch merke ich jedes Mal, wie schnell ich wieder in den alten Trott falle.
In diesem Jahr habe ich mir deshalb etwas vorgenommen: Immer wenn ich Wasser brauche, will ich mindestens einmal pro Tag den Wasserhahn ganz bewusst auf- und wieder zudrehen. Um mir klarzumachen: Wasser ist nicht selbstverständlich. Irgendwann wird Wasser kostbarer sein als Gold.
Davon bin ich überzeugt. Dass ich heute Wasser trinken darf, damit kochen und mich waschen kann, dafür bin ich sehr dankbar. Und diese Dankbarkeit heißt für mich: Wertschätzen, was ich habe und verantwortlich damit umgehen.
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