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SWR Kultur Wort zum Tag
Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Zusammen mit 17 anderen Leuten sitze ich in einem Meditationsraum auf einem Gebetsbänkchen, andere sitzen auf Stühlen oder Kissen im Kreis. Wir werden zu geistlichen Begleiterinnen und Begleitern ausgebildet. Das tägliche Schweigen morgens und abends bildet das Fundament.
In der Mitte ist eine Bibel aufgeschlagen. In einer Schale steht eine Kerze und beleuchtet den ansonsten dunklen Raum. Der Gong einer Klangschale ist erklungen und ab jetzt werden wir 30 Minuten lang schweigen.
Während der ersten Minuten im Schweigen kratzt meine Hals und ich unterdrücke mühsam ein Husten, um die anderen nicht zu stören. Unruhig rutsche ich auf meinem Gebetsbänkchen hin und her. Die Füße haben noch nicht die richtige Position gefunden und der rechte Oberschenkel zwackt auch noch. Einatmen ausatmen. Ich brauche noch ein paar Minuten, bis ich ruhiger werde. Erst dann kann ich mich wie vorgesehen auf meinen Atem konzentrieren. Ich lasse meine Gedanken los und mache in mir Platz für das Licht der Kerze und für die Stille.
Wer im Berufsalltag und auch sonst im Leben viel redet, plant, gestaltet, macht und tut, dem fällt das Ruhig werden so wie mir vermutlich erst einmal schwer. Aber ich habe im Laufe der Zeit gelernt, es zu genießen. Endlich einmal nichts tun müssen, nichts sagen müssen, nichts wissen müssen. Einfach nur sein. Dieser Zustand stellt sich ein, wenn ich mich ganz auf meinen Atem konzentrieren kann.
Am Ende der Schweigezeit klingt wieder der Gong. Ich verneige mich und bin dankbar für die geschenkte Zeit. Es ist eine stille Auszeit mit mir, mit der Gruppe und in manchen Momenten auch mit Gott. Ich fühle mich danach leichter und irgendwie erfrischt. Eine kurze Zeitspanne bin ich befreit von Gedankenspiralen, Sachzwängen und dem Versuch, endlich alle Punkte auf der Todo-Liste abzuarbeiten .
Solche Stilleübungen haben Mönche und Nonnen schon seit den Anfängen des Christentums praktiziert und jeden Tag neu geübt. Deshalb heißen diese Übungen Exerzitien. Der Begriff kommt vom lateinischen Wort „exercitium“ und bedeutet nichts anderes als üben, üben, üben. Jeden Tag aufs Neue. Denn tatsächlich gelingt das Schweigen auch nach langer Übung an keinem Tag wie am nächsten.
Und dennoch gibt es in fast allen religiösen Traditionen Schweigezeiten und Rituale, die in die Stille führen. Sie laden dazu ein, in sich zu hören, still zu werden und eine kleine Auszeit vom Alltag zu genießen.
SWR Kultur Wort zum Tag
Ein Student sitzt mir gegenüber an meinem runden Beratungstisch. Er packt gerade seinen Schreibblock in seinen Rucksack, greift nach seiner Jacke und ist schon fast im Gehen. Dann dreht er sich noch einmal um und fragt: „Ist es möglich, von Ihnen gesegnet zu werden?“ Gerade hat er mir von seiner Prüfungsangst erzählt. Er ist ein kluger und nachdenklicher junger Mann. Einer, der eigentlich viel weiß, aber all sein Wissen vergisst, wenn er in einer Prüfungssituation steckt. „Es ist wie ein dunkles Loch, in das ich falle“, hat er mir erklärt. „Mein Kopf fühlt sich dann ganz leer an und ich kann einfach nicht auf mein Wissen zugreifen.“
Schon als Schüler hat er Angst vor Klausuren gehabt . Wie sich das anfühlt und was er bisher dagegen versucht hat, davon hat er mir berichtet.
Dann haben wir gemeinsam geübt, wie er zukünftig solche Blackout-Momente durchbrechen könnte. Mit bewussten Atemübungen, mit genügend Essen und Trinken und dem Selbstbewusstsein, mitten in der Prüfung ein Fenster aufzumachen, wenn er sich komisch fühlt. Aber es geht ihm nicht nur darum, seine Ängste zu minimieren, sondern auch darum, diesem dunklen Loch etwas Positives entgegenzusetzen. Als Konfirmand hat er den Segen am Ende eines Gottesdienstes schätzen gelernt. Er hat sich in solchen Momenten gestärkt und sicher gefühlt.
Segnen heißt auf Latein „benedicere“, das bedeutet Gutes sagen, Gutes wünschen. Und wenn Gott in den biblischen Geschichten jemanden segnet, dann spricht Gott dem Gesegneten Wohlbefinden zu: dem Körper, dem Geist und der Seele. Und wenn Menschen heutzutage andere Menschen segnen, dann bitten sie darum, dass Gottes Segen wirken möge.
Und so segne ich den Studenten am Ende unserer Sitzung. Wir stehen beide und meine Hände berühren leicht seinen Kopf. Das kennt er von seiner Konfirmandenzeit und er hat es mir erlaubt. „Sei gesegnet und behütet auf all deinen Wegen!“, spreche ich ihm zu. Und mit einem Lächeln geht er seiner Wege. Einige Wochen später kommt er wieder in meine Sprechstunde. Eine mündliche Prüfung muss er wiederholen. Wieder hat ihn die Prüfungsangst blockiert. Aber bei den schriftlichen Klausuren haben ihm die Atemübungen, viel Wasser und ausreichend Essen geholfen, aus dem negativen Gefühlssog auszusteigen. Und er ist sich ganz sicher: Gottes Segen ist bei ihm und wirkt.
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Ich sitze auf einer Bank auf dem Spielplatz in meiner Nachbarschaft und esse Eis. Überall juchzen und kreischen Kinder. Große und kleine flitzen auf und ab und hin und her, andere spielen versonnen in der Sandkiste oder klettern auf den Kletterturm. Ein Mädchen übt auf einem kleinen grünen Rad Fahrradfahren. Sie kann es schon ganz gut, auch wenn das Fahrrad manchmal noch wackelt. Hin und her, vor und zurück dreht sie ihre Kreise. Und immer wieder versucht sie die Aufmerksamkeit ihrer Mama zu bekommen. „Mama schau mal!“, ruft sie unverdrossen. Aber die Mama schaut nur auf ihr Handy und blickt nicht auf. Bis die Kleine direkt vor der Mama stehen bleibt und ziemlich laut und erbost ruft: „Nun schau doch endlich mal! Ich muss dir was zeigen!“
Erst da schaut die Mama auf und sieht ihre Tochter an.
Gesehen werden ist bei kleinen Kindern genauso wichtig wie bei Erwachsenen. Auch ich möchte gesehen werden. Nicht von oben herab, nicht verächtlich oder bewertend, sondern aufmerksam und respektvoll. Wenn ich so angeschaut werde, dann schenkt mir das die Gewissheit, dass mich jemand wahrnimmt und ernst nimmt. Angesehen werden verleiht Ansehen.
So ist es auch Zachäus aus dem Neuen Testament gegangen. Er ist ein Außenseiter im Dorf, weil er als Zollbeamter mit der römischen Besatzungsmacht kollaboriert und öfter mal was in die eigene Tasche wirtschaftet.
Als es heißt, dass Jesus von Nazareth in sein Dorf kommt, klettert er auf einen Baum. Er will Jesus unbedingt sehen. Gleichzeitig will er nicht gesehen werden. Aber als Jesus ins Dorf kommt und unter dem Baum vorbeigeht, schaut er hoch und spricht Zachäus direkt an: „Zachäus, komm vom Baum herunter! Mit dir möchte ich später zusammen essen!“
Die anderen Leute sind empört, denn auch sie hätten Jesus gerne eingeladen und haben schon alles vorbereitet. Aber Jesus hat seine Wahl getroffen: Er schaut den Außenseiter an und spricht mit ihm. Der klettert in Windeseile vom Baum herunter, läuft nach Hause und bereitet ein Essen vor. Und Jesus kommt später tatsächlich zu ihm. Die Begegnung bedeutet Zachäus viel. Er fühlt sich gesehen. Und nachdem Jesus sich verabschiedet hat, ist er wie verwandelt. Er beschließt, seinen Besitz zu verkaufen und den Betrogenen das Vierfache an Geld zurückzuzahlen.
Auch die kleine Fahrradfahrerin ist stolz weitergefahren, nachdem die Mama ihre Fortschritte angeschaut und sie gelobt hat. Angesehen werden verleiht Ansehen, im Kleinen wie im Großen.
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Ob mich jemand darauf ansprechen wird? Ich schaue extra nochmal in den Spiegel, bevor ich zurück in mein Büro gehe: Auf meiner Stirn prangt heute ein ziemlich großes Kreuz. Es ist aus Asche. Ein bisschen komisch sieht es schon aus. Meine katholische Kollegin hat es mir heute Morgen auf die Stirn gemalt und mich gesegnet.
Wie bei jeder ökumenischen Morgenandacht haben wir gemeinsam gesungen, gebetet, einen biblischen Text gelesen und einige Gedanken dazu geteilt. Ich mag dieses Zusammensein in der dunklen Kirche. Nur eine Kerze brennt. Alle sind noch müde; heute noch mehr als sonst, denn viele haben in den letzten Tagen ausgelassen gefeiert. Heute ist Aschermittwoch. Es beginnt eine andere Zeit.
Das Zeichen dafür ist das Aschenkreuz. Die Asche für das Aschenkreuz stammt aus der Verbrennung von gesegneten Palmzweigen vom Palmsonntag des vorherigen Jahres. Es ist ein Brauch, den es in christlichen Kirchen schon seit dem 12. Jahrhundert gibt. Nach den tollen Tagen der Fastnacht markiert der Aschermittwoch den Beginn der Fastenzeit, die bis zum Osterfest dauert. Der Aschermittwoch ist also ein Übergangstag, der von einigen Studierenden bewusst begangen wird. Lange haben sie fröhlich und ausgelassen gefeiert. Nun kommt eine andere Zeit und sie stellen sich bewusst darauf ein. Alle Studierenden werden einzeln gesegnet und sie bekommen ein Aschenkreuz auf die Stirn.
Beim anschließenden Frühstück fragen wir uns, wie lange wir mit diesem Kreuz auf der Stirn herumlaufen werden. Einige sind fest entschlossen: Das bleibt heute den ganzen Tag lang drauf. Ich bin mir da, ehrlich gesagt, noch nicht so sicher, staune aber, was einzelne Studierende bewegt: Lea zum Beispiel sagt, das Aschenkreuz sei für sie wie eine Art Vertragszeichen. Es soll sie daran erinnern, dass von heute bis Ostern etwas anders ist. Sie will nun sieben Wochen lang bewusst auf Alkohol verzichten. Micha hat sein Kreuz schon entfernt. Er muss gleich los ins Labor. Die Asche könnte seine Proben verunreinigen. Anne ist unschlüssig. Sie ist unsicher, was sie sagen soll, wenn Leute nachfragen. Das verstehe ich gut. Aber ich glaube, ich probiere es heute einfach mal aus. Mal sehen, was über den Tag so passiert mit einem Aschenkreuz auf der Stirn.
SWR Kultur Wort zum Tag
Die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel beginnt im Alten Testament mit einem Lachen. Sara wirft sich auf den Boden vor Lachen. Ihr ist gerade gesagt worden, dass sie schwanger wird. Ihr ganzes Leben lang haben ihr Mann Abraham und sie keine Kinder bekommen und sie haben wahrlich alles versucht. Nun ist Abraham fast 100 Jahre alt und Sara nicht viel jünger. Und auf einmal soll sie schwanger werden? Das ist ja wohl ein schlechter Witz. Zum Totlachen! In der biblischen Tradition wird Sara für dieses Lachen dann auch noch heftig kritisiert. Denn für fromme Männer und Frauen muss es sich so anhören, als ob Sara damit Gott auslacht, dem doch nichts unmöglich ist. Und vielleicht haben sie auch Angst vor diesem Lachen, vor der Skepsis und dem Widerstand, der sich damit andeuten könnte. Ich denke: Sara hat doch einfach nur realistisch reagiert. Was hätte sie denn sonst tun sollen?
Wenn ich über neunzig wäre und jemand würde zu mir sagen, nächstes Jahr um diese Zeit wirst du dich um einen Säugling kümmern, dann fände ich ein herzhaftes Lachen noch die beste Reaktion. Aber Gelächter hin oder her: Sara wird tatsächlich schwanger und bringt einen gesunden Jungen zur Welt. Den nennt sie Isaak.
Das heißt auf Hebräisch: Das Lachen. Mir gefällt das: Denn es bedeutet: Die Nachkommen von Isaak, also das ganze Volk Israel und später auch die christliche Gemeinschaft gehen nach biblischer Tradition auf einen heftigen Lachanfall zurück.
Das Wort Lachen kommt insgesamt 20mal in der Bibel vor. Mal ist es ein skeptisches Lachen, mal ungläubig oder erstaunt, meist ist es ein Zeichen von großer Freude.
Heute am Fassnacht-Dienstag passt das. Für eine kurze Zeit einfach mal alle Gedanken und Sorgen zur Seite schieben und herzhaft lachen. So wie Sara damals gelacht hat. Lachen ist gesund. Singen, schunkeln und fröhlich sein tun gut und helfen über manche Trübsal hinweg. Wenn Menschen gemeinsam lachen, steckt das an. Ärzte sagen, dass Lachen die Widerstandskräfte stärkt und gut ist für die psychische Gesundheit. Also, machen wir es doch wie Sara: Heute einmal herzhaft lachen! Und ich bin mir ziemlich sicher: Gott lacht mit.
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Augen auf bei der Wahl des beruflichen Standorts! Als Pfarrerin in Mainz habe ich keine andere Wahl. Seit Jahren gehe ich am Rosenmontag mit Studierenden der evangelischen und katholischen Hochschulgemeinden zusammen zum Rosenmontagszug in Mainz. Wir treffen uns mitten im Zentrum des Geschehens.
Um mich herum wimmelt es dann nur so von Clowns, Prinzessinnen, Gardisten, Fantasietieren, Zauberern, Batmans und Co. Pappnasen und Perücken schillern in allen Formen und Farben. Riesige Umhängetaschen zum Aufsammeln der Kamelle sind überall zu bestaunen. Manu kommt sogar mit Bollerwagen. Aus seiner Musikbox dröhnen die Karnevalschlager der letzten Jahre. Jetzt fuchtelt er mit einem riesigen Makeup-Pinsel vor einer Studentin, die nicht verkleidet ist, und ruft:
„Wer nicht verkleidet ist, ist hier fehl am Platz!“
Ich werde unruhig. Das ist mir zu viel. Schließlich wirbt die fünfte Jahreszeit damit, dass für ein paar Tage endlich mal alle Regeln ausgesetzt sind. In Büttenreden und auf den Sitzungen darf alles gesagt und kritisiert werden: Den Politikern und der Gesellschaft wird mal so richtig derbe der Spiegel vor die Nase gehalten. Narrenfreiheit eben.
Und dann wird einem als allererstes wieder eine Regel um die Ohren gehauen: Wer nicht verkleidet ist, gehört irgendwie nicht richtig dazu, sollte am besten gleich wieder nach Hause gehen. Wieder gibt es ein drinnen und draußen, ein richtig und falsch, genau wie im richtigen Leben. Ich bin keine Vollblut-Närrin. Ich brauche immer ein bisschen Anlauf-Zeit. Und anderen geht es auch so. Die Studentin neben mir hat sich drauf eingelassen und ist zum Umzug mitgekommen und dann wird sie gleich schon wieder vergrault. Ich nehme sie in Schutz. Wir sollten in der fünften Jahreszeit die Regeln Regeln sein lassen. Jeder Jeck ist anders, sagen die Kölner. Ich feiere gerne mit, gerade mit den Studierenden zusammen, auch ohne Ganzkörper-Kostüm und Schminke. Und genau darum geht es doch in der Narrenzeit: Kopf mal ausschalten, loslassen und genießen. Endlich mal alles nicht so ernst nehmen: singen, lachen, fröhlich sein, egal wie ich aussehe und wie ich verkleidet bin. Und dann schauen, was passiert. Der Ernst des Lebens kommt schon früh genug zurück.
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Ein Jahr ist es jetzt her, dass sechs Menschen auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt bei einem Amoklauf getötet worden sind und vor fünf Jahren war der Anschlag in Trier. Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz liegt schon neun Jahre zurück. Immer wieder kommt mir das in den Sinn, wenn ich bei uns in Mainz über den Weihnachtsmarkt gehe. Dieses Nebeneinander von fröhlicher Stimmung, von Advents- und Weihnachtsliedern auf der einen Seite und dem blanken Terror auf der anderen. Ich ertrage es nur schwer. Morgen werde ich die dritte Adventskerze anzünden und hoffentlich ein wenig zur Ruhe kommen. Ich liebe diese Adventsrituale.
Gleichzeitig herrscht in der Ukraine, im Sudan und an so vielen anderen Orten der Welt Krieg. Wie geht das alles zusammen? Wie kann ich mich auf Weihnachten freuen, wenn anderswo großes Leid herrscht? Was mich nachdenklich stimmt: Zur Zeit von Jesu Geburt ist die Welt auch nicht friedlich gewesen. Von König Herodes wird in der Bibel berichtet, dass er alle neugeborenen Jungen in seinem Herrschaftsgebiet hat ermorden lassen, aus Furcht vor dem einen Kind, das ihm die Macht und den Thron entreißen könnte. Ganz Israel war eine Kolonie des imperialistischen Rom. Verschleppung und Sklavenhandel waren an der Tagesordnung. Die Geburt Jesu mitten in diesen unruhigen Zeiten hat vielen einfachen Menschen Hoffnung und Zuversicht geschenkt und war für sie ein Moment großer Freude. Andere haben Angst bekommen, ihre Macht und ihren Einfluss zu verlieren. Und alles zur gleichen Zeit, nebeneinander und manchmal wohl auch durcheinander. Diese schmerzhafte Gleichzeitigkeit von Freude und Angst, Hoffnung und Leid begleitet die Menschheit bis heute. Ich kann es kaum ertragen, dass so viele Menschen weltweit Krieg und Gewalt erleben müssen. Und gleichzeitig warte ich als gläubige Christin auf die Geburt Jesu und freue mich unbändig auf Weihnachten. Die Verschlungenheit dieser komplexen Realität kann ich nicht auflösen. Aber ich kann mich in der Advents- und Weihnachtszeit immer wieder daran erinnern und bekräftigen, dass Jesus auf die Erde gekommen ist, um Frieden in die Welt zu tragen. So verstehe ich die Vorfreude auf Weihnachten im Advent auch als Vermächtnis von Jesu Leben: Gläubige weltweit versprechen, sich für ein solidarisches und respektvolles Miteinander einzusetzen, viele Menschen an ihren Orten, im Großen wie im Kleinen. Ich bin davon überzeugt: Jede Person kann einen Unterschied machen.
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In diesem Jahr mache ich es umgekehrt: Statt jeden Tag etwas aus einem Adventskalender heraus zu nehmen, lasse ich jeden Tag einen Gegenstand oder ein Kleidungsstück los. Jeden Abend stehe ich kritisch vor meinen Bücherregalen oder meinem Kleiderschrank. Welchen Roman habe ich schon lange ausgelesen? Welches Fachbuch brauche ich nicht mehr? Welchen Pullover, welche Hose habe ich schon mehr als zwei Jahre nicht mehr getragen? Auch wenn es mir an einigen Tagen richtig schwerfällt: 24 Tage lang sammele ich Bücher und Kleider, bis sie ein kleines Paket ergeben. Das bringe ich zu Oxfam oder zu einer lokalen Kleiderkammer oder ich spende die Bücher für einen offenen Bücherschrank. Bewusst lasse ich Dinge los und ich spüre: Nicht nur meine Regale und mein Schrank werden luftiger; auch ich selbst fühle mich leichter, und ich konzentriere mich mehr auf das Wesentliche: Was ist mir wichtig in dieser Adventszeit? Wofür möchte ich Platz und Zeit lassen? Ich nehme mir in dieser Adventszeit bewusst Zeit, Freundinnen und Freunde zu besuchen. Manchmal bringe ich einen meiner schon gelesenen Romane als Geschenk mit. Auch wenn sie nicht mehr ganz neu sind, mit einer persönlichen Grußkarte ist es trotzdem ein besonderes Geschenk.
Ich ändere nicht viel und doch ändert sich alles. Denn meine Haltung zu jedem neuen Tag ändert sich. Ich versuche, bewusst nicht nur an Dingen und Aufgaben zu hängen, sondern Zeit und Platz frei zu räumen, in meiner Wohnung und in meinem Herzen: Mir weniger Sorgen machen, leichter loslassen. So wie die Bäume im Herbst ihre Blätter fallen lassen und sich auf den Winter einstellen, damit im Frühling wieder Neues entstehen kann. Auch Jesus hat den Abläufen in der Natur viel Lebensweisheit abgeschaut. Sorgt euch nicht, hat er gesagt: Seht die Vögel auf den Feldern. Sie sorgen sich nicht. Denn Gott sorgt für sie. Um wieviel mehr sorgt sich Gott dann um die Menschen? Dieser Satz spricht von ganz viel Gottvertrauen und Zuversicht. Auch wenn es nicht einfach ist: Vielleicht sind die verbleibenden Adventstage gerade deswegen eine gute Gelegenheit, Platz und Zeit zu lassen für die Frage: Was kann ich loslassen? Wovon kann ich mich trennen? Vielleicht auch von manchem, was mir Sorgen macht.
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Wie gehen wir in Zeiten von Hass und Hetze miteinander um? Wie können wir trotz allem respektvoll und friedlich zusammenleben? Das sind gerade so typische Talkshow-Themen. Und in der Tat: Darüber lässt sich trefflich diskutieren; mitunter stundenlang. Man kann aber auch darüber tanzen. Ja, genau: tanzen! In Mainz hat in diesem Herbst die Choreografin Lisi Esteras das Stück „What we can do together“ auf die Bühne gebracht: Ich saß im Publikum und war begeistert:
Eine schwarze Frau sitzt im Rollstuhl und zeigt, welche ausdruckstarke Energie sie auch ohne Arme und Beine hat. Eine Frau mit Downsyndrom schaut konzentriert auf die anderen, nimmt deren Bewegungen auf und tanzt, als gäbe es kein Morgen. Ein schwarzer Tänzer geht an zwei Krücken und bewegt sich mit ihnen, als hätte er Federn unter den Füßen. Wie ein Derwisch fegt er mit den Krücken über die Bühne. Ein anderer Tänzer kann nicht hören und schwingt sich immer wieder neu in den spürbaren Rhythmus der anderen ein. Zwei Tänzerinnen geben im Vorbeitanzen der Frau im Rollstuhl immer wieder Schwung, sodass sie gemeinsam in Bewegung bleiben und komplizierte Tanzfiguren gestalten.
Die acht Tanzenden kommen aus ganz verschiedenen kulturellen und sozialen Kontexten. Aus Belgien, Brasilien, Südafrika und anderswo her. Sie haben unterschiedliche körperliche und geistige Fähigkeiten und Einschränkungen. Und sie kombinieren verschiedene Sprachen, Tanzstile und Emotionen zu einem besonderen Fest der Vielfalt. Mal sind sie ganz bei sich selbst und ihren Grenzen, mal kommen sie in Gruppen oder alle gemeinsam zusammen, lachen, starren, schreien und bewegen sich miteinander. Verspielt, wütend und trauernd beklagen sie im Tanz die empathielose Welt voller Hass und Häme. Sie zaubern aus ihren Bewegungen ein ausdruckstarkes Gruppen-WIR. Skurril, verstörend, begeisternd. Ich bin mir sicher: Keine noch so gut moderierte Talkshow hätte diese Wirkung erzielt. Ich sehe es in den Gesichtern der anderen Menschen im Publikum: Und zum Schluss gibt es Standing Ovation für ein getanztes Bekenntnis: Wenn Menschen ihre Verschiedenheit aushalten und anerkennen, kann daraus kraftvolle Energie werden, die andere bewegt und stärkt. Ein getanzter Wirbelwind. Und ich glaube es ganz fest: die Heilige Geistkraft ist mittendrin dabei.
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Vor einigen Jahren bin ich gemeinsam mit einer Gruppe Studierender mehrere Tage auf dem Lutherweg gepilgert, zwischen Erfurt und Eisenach. Wir haben in Jugendherbergen und Gemeindehäusern übernachtet. Jeden Morgen und Abend haben wir miteinander gebetet und gesungen und haben uns über ein biblisches Wort Gedanken gemacht. Tagsüber sind wir streckenweise im Schweigen gegangen. Wir haben genau auf unseren Atem gehört, haben Geräusche und Gerüche wahrgenommen und die Landschaft ganz bewusst angesehen und erlebt.
An einem Tag haben wir über einen Satz des Apostel Paulus nachgedacht: „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2).
Um zu verstehen, was das bedeutet, haben wir alle unsere Rücksäcke in die Mitte gelegt und für zwei Stunden den Rucksack eines anderen getragen. Manche dieser Rucksäcke waren leicht und einfach zu tragen. Bei anderen hat der fremde Rucksack nicht auf den Rücken gepasst, war zu groß, zu klein oder viel schwerer als der eigene und unpraktisch. Aber egal. Alle haben für eine Weile die Last eines anderen getragen.
Bei unserer Mittags-Rast tauschen wir uns über unsere Erfahrungen aus. Jonas erzählt, dass es seltsam für ihn war, den Rucksack von jemand anderem zu tragen. Da sind nicht seine Sachen drin und irgendwas hat ihm die ganze Zeit in den Rücken gedrückt und weh getan.
Ina stöhnt, dass ihr Rucksack viel zu groß und schwer für sie war. Damit könnte sie nie im Leben eine längere Tour machen. Sie ist froh, als sie ihn wieder zurückgeben kann. Manuel erklärt, dass er so daran gewöhnt ist, seinen eigenen gut eingestellten Rucksack mit breiten Gurten zu tragen, dass er mit den Schultergurten des anderen einfach nicht klargekommen ist.
Alle drei sind sich einig, dass es schwierig ist, die Lasten eines anderen zu tragen. Ist es denn für jemand auch eine gute Erfahrung gewesen?, frage ich irgendwann.
Lena meldet sich und erzählt, dass sie dankbar ist, dass jemand anderes für eine Weile ihren schweren Rucksack getragen hat. Ihr Rücken konnte sich in der Zeit erholen und sie wird in Zukunft nie wieder so viel in ihren Rucksack packen.
So hat das Paulus also gemeint: Wenn jemand schwer trägt, weil Krankheit, Verlust oder eine Krise das Leben schwer machen, dann hilft es, damit nicht alleine zu sein. Den Lebensrucksack können wir uns zwar nicht gegenseitig abnehmen. Aber wir können sehr wohl helfen, eine Weile etwas mitzutragen, was schwer auf den Schultern oder auf dem Herzen liegt. Und wer weiß, irgendwann wird dann vielleicht auch jemand für uns etwas mittragen.
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