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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

20JUN2026
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Heute wird es romantisch. Ich erzähle Ihnen von meinem Freund Fred und seiner Frau, Sabine, die seit 30 Jahren ein Paar sind.

Das an sich ist statistisch gesehen schon eine Leistung - aber wenn man die beiden trifft, dann spürt man, dass das kein Zufall ist, denn die Tiefe und Liebe ihrer Beziehung ist auch für mich als Außenstehenden jedes Mal erkennbar.

Immer wieder berührt es mich, wenn er sagt „Ach, da kommt ja meine Traumfrau“ oder wenn sie ihn mit seinem Kosenamen ruft oder anspricht mit „Du mein Herz und meine Liebe“.

Wenn ich das höre, bin ich hin- und hergerissen zwischen absoluter Romantik und einem kitschigen Schauer. Aber ich bewundere die beiden für diese klaren, alltäglichen und ernst gemeinten Liebeserklärungen. Vielleicht machen die ein wenig den Zauber ihrer Ehe aus – eine Art Geheimrezept.

Ich glaube aber, dass das nicht alles ist. Ich erlebe bei den Beiden noch etwas ganz Wichtiges, nämlich wirkliche Solidarität. Sie stehen bedingungslos zueinander, nicht nur an guten Tagen, sondern auch in Peinlichkeit und Misserfolg. Und dabei verlieren sie nie die Zärtlichkeit in ihrer Sprache.

Auch ein noch so schlechter Tag kann einen Zauber entfalten, wenn man begrüßt wird mit „Meine Traumfrau“ oder „Du mein Herz und meine Liebe“.

Das ist Solidarität in der Liebe – in guten und in schlechten Zeiten. Und das ist im besten Sinne biblisch. Denn auch in der Bibel findet sich ein Geheimrezept für die Liebe:

„Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit“.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

19JUN2026
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Ich kenne Menschen die gehen regelmäßig in den Wald und umarmen Bäume. Und ich kenne Menschen, die machen sich regelmäßig über solche Menschen lustig. Eigentlich schade. Denn, wenn ich im Wald spazieren gehe, dann geht mir auch das Herz auf. Und es ist vielfach wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Waldluft und der Waldspaziergang entspannend wirken und viele gesundheitsförderliche Aspekte haben.

Vielleicht ist das so, weil wir im Wald ganz besonders spüren, dass wir ein Teil von Gottes großartiger Schöpfung sind. Weil wir für einen Augenblick fühlen können, wie alles zusammenhängt. 

Mir gibt das Stabilität, Sicherheit und Ruhe. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich dieses Gefühl noch verstärkt, wenn ich einen Baum umarme, der dort ganz sicher und ruhig steht. Bei den einen ist es der Wald. Andere erleben diesen Moment des erfüllten Seins beim Blick auf das Meer oder beim Wandern in den Bergen.

Die Augenblicke ganz Teil dieser wundervollen Welt zu sein. Ich glaube diese Augenblicke sind Gottesmomente. Momente in denen ich ganz mit und bei Gott bin. Geborgen in seiner Schöpfung und Liebe, eins mit mir und der Welt.

Ich werde zwar trotzdem in nächster Zeit wahrscheinlich keine Bäume umarmen.  Aber ich wünsche allen, die im Wald spazieren, laufen oder gar Bäume umarmen, dass sie diese Augenblicke des Erfülltseins mit sich tragen in den Alltag.

Die Sicherheit und Ruhe mitnehmen, um die unruhige Welt um uns herum sinnvoll und hoffnungsfroh zu gestalten.

Ob Meer, Wald oder Berge - Jeder der ein bisschen Vertrauen, Ruhe und Hoffnung durch sein verbunden sein mit der Welt Gottes in unseren Alltag bringt, verändert diese Welt zum Guten.

Manchmal vermute ich fast, dass es bei diesen Menschen ist wie bei Bäumen. Man sieht sie auch in großer Verantwortung ruhig und sicher stehen und sie strahlen Stabilität aus.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

18JUN2026
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„Wer Angst hat, hat Zukunft.“ Das sagt der Psychotherapeut Gunther Schmidt.Erst einmal klingt das seltsam. Wer Angst hat, der sorgt sich doch vor der Zukunft. Vor allem, was ihm in Zukunft passieren könnte.

Ich sorge mich zum Beispiel darum, dass mein Sohn seine lange Fahrradtour gut übersteht und er keinen Unfall hat. Immerhin macht er sich auf den Weg über die Alpen und dann durch die Berge auf dem Balkan bis nach Griechenland. Dabei wird er nicht nur viel auf Landstraßen zwischen all den Autos fahren, sondern auch wilden Hunden ausweichen müssen.

Ich habe auch immer Sorge, wenn eines meiner Kinder nachts alleine unterwegs ist. Sorgen entstehen, weil ich mir nicht sicher bin über die Zukunft, weil ich Befürchtungen habe, dass etwas Negatives, etwas Schlechtes geschieht, oder ich unsicher bin, wie es weiter geht.

„Wer Angst hat, hat Zukunft.“ Als ich diesen Satz das erste Mal gelesen habe, habe ich gedacht: „Ach, da macht es sich der Autor ganz schön einfach.“ Aber mittlerweile denke ich: „Das ist eigentlich eine ganz charmante Aufforderung.“

Und so kann ich wieder freier Denken und kann Vor- Sorge treffen. Vor Sorge - ein wundervoller Begriff: vor zu sorgen also tätig zu werden vor der Sorge.

Ich habe meinem Sohn zum Beispiel vor seiner Fahrradtour gebeten, auf jeden Fall immer einen Helm zu tragen. Als Vorsorge. Und wenn unsere Kinder nachts unterwegs sind, dann geben wir ihnen mit auf den Weg: Ihr dürft Euch jederzeit bei uns melden wenn irgendwas nicht okay ist – egal wie spät es ist. Und wenn mich dann trotzdem Sorgen quälen – und das passiert natürlich auch - hilft mir ein Satz aus der Bibel: Alle Sorge werft auf Gott, denn Gott sorgt für euch. (1. Petrus 5,7).

Wenn ich alle Vorsorge getroffen habe, dann darf ich den Rest Gott übergeben. Dann habe ich das menschlich mögliche getan und alles andere liegt nicht in meiner Hand. Ich halte diesen Umgang mit Sorgen, nach der Vorsorge, für sehr klug. Denn so kann ich nachts besser schlafen und die Sorge überfordert mich nicht. Und ihnen wünsche ich heute einen sorgenfreien Tag voller Zukunft.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

31JAN2026
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Manchmal frage ich mich, wie ich zu meinen Freunden gekommen bin. Also wie kam es, dass wir Freunde wurden und es auch zum Teil nach Jahrzehnten immer noch sind?

Natürlich haben persönliche Sympathie, gemeinsame Interessen eine wichtige Rolle gespielt. Daneben ist aber auch die gemeinsame Geschichte wichtig. Ich habe Freunde, da verstehen viele um mich rum nicht, wie wir befreundet sein können. Aber wir haben eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen. Dadurch sind wir miteinander verbunden.

Sich miteinander Erinnerungen schaffen, ist eine wertvolle Aufgabe. Denn die Erinnerung schafft sich nicht immer von allein. Nicht alles was ich erlebe und an Zeit mit anderen Menschen verbringe bleibt in Erinnerung.

Sondern Erinnerung – also etwas, was unser Gehirn für aufhebenswert hält, was es bewahren will, entsteht durch die besondere Verbindung von Moment, Menschen und Emotion.

So entsteht etwas, was eben die Menschen, die diesen Moment geteilt haben, zusammenschweißt.

Damit es eine gute Erinnerung ist, braucht es eine „gute“ Emotion. Selbst wenn der Augenblick, den man teilt, vielleicht tragisch oder traurig ist. Ein Abschied z.B., den man zusammen durchgestanden, zusammen getragen hat, kann zu einer schönen Erinnerung werden.

Erinnerungen schaffen Verbundenheit. So entstehen Geschichten und Freundschaften, die gerade auch in den schweren Momenten meines Lebens unendlich wertvoll sind. Gerade da merke ich, wer für mich da ist, wer mit mir verbunden ist – dann spüre ich eine Gemeinschaft aus Freundschaft und Liebe – eine Verbundenheit, die die Lebenden aber auch die Toten miteinschließt. Denn solch eine Verbundenheit stirbt nicht einfach – sondern hält oft über den Tod hinaus – zum Glück!

Wenn ich mich erinnere an Erlebtes mit schon verstorbenen Freunden, dann sind sie mir nahe. Sie und unsere gemeinsame Geschichte. Dann sind sie mir in diesem Augenblick so nahe und ganz da – nicht körperlich – aber in vollkommener Verbundenheit.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

30JAN2026
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„Die Liebe ist stärker als der Tod“, hat meine Oma oft gesagt, wenn sie auf ihren Bruder zu sprechen kam. Ihr Bruder, nur wenig älter als sie, ist im Krieg gestorben. Als sie ein junges Mädchen war, ist dieser Bruder ihr fester Halt gewesen, der sie auch schon mal zum Tanz-Café mitgenommen hat.

„Die Liebe ist stärker als der Tod.“ Als Kind konnte ich mit diesem Ausspruch meiner Oma wenig anfangen – aber mittlerweile verstehe ich ihn. Auch ich habe inzwischen Menschen verloren, die mir wichtig waren, die ich geliebt habe, auch meine Oma.

„Die Liebe ist stärker als der Tod.“ bedeutet für mich, dass es auch nach dem Tod eine Beziehung gibt zu den Menschen, die gestorben sind. Ich kann und darf nicht nur an sie denken – nein sie sind mir manchmal so nahe, als ob sie wirklich noch um mich wären.

Schon früher, als meine Oma noch gelebt hat, ist es vorgekommen, dass ich in so mancher Situation dachte: – “Oh das würde Oma jetzt sicher kommentieren“ - und ich wusste auch genau was sie sagen würde. Weil ich es eben schon so oft erlebt hatte und genau wusste: Sie konnte den Dreck auf der Straße oder das Plakat am Stromkasten nicht einfach unkommentiert lassen.

Und heute - Jahre nach ihrem Tod - ist es noch genauso. Wenn ich im Garten bin und mich mit dem Giersch rumärgere, der sich überall ausbreitet, denke ich an sie – sehe sie in ihrem Garten stehen und dem Unkraut zu Leibe rücken und dabei sagen: „Garten ist ja nicht alles, aber ohne Garten ist doch alles nichts“.

Dann ist sie wie früher da und mir ganz nahe. Die Liebe zu ihr und die Erinnerung an sie sind mit den Jahren nicht weniger geworden. Sondern die Liebe und die Erinnerung in Liebe macht sie für mich spürbar, hörbar – ja irgendwie auch in einer Form fühlbar.

Und so verstehe ich heute den Satz „Die Liebe ist Stärker als der Tod.“ Die Verbindung in Liebe wird durch den Tod nicht zerrissen – sie bleibt bestehen und kann auch lebendig bleiben – selbst, wenn ein Mensch schon lange tot ist.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

29JAN2026
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Wenn ich morgens die Zeitung aus dem Briefkasten hole, habe ich einen genauen - ja fast schon ritualisierten Ablauf, wie ich sie lese. Erst überfliege ich die Überschriften auf der ersten Seite. Dann durchstöbere ich den regionalen Teil.

Bevor ich zum eher unterhaltsamen „Zeitgeschehen“ komme, lese ich aber zunächst die Traueranzeigen – immer. Dafür nehme ich mir Zeit, auch wenn es dann für den Rest der Zeitung nicht mehr reichen sollte.

Vielleicht klingt das seltsam, aber dieses Ritual, jeden Morgen die Todesanzeigen zu lesen, gibt mir Kraft für den Tag – denn der Gedanke, dass auch mein Leben endet, gibt mir auch eine Form von Gelassenheit und macht so manche Ereignisse etwas weniger wichtig.

Die kleinen und großen Geschichten, die sich hinter den Traueranzeigen verbergen, kann ich nur erahnen. Da reicht dieser kurze Moment. Und das sortiert neu, ordnet die Wichtigkeit – lässt mich an meine Lieben denken.

Wenn ich dann ins Auto steige und zur Arbeit fahre, bin ich dankbarer für das, was ich habe. So manche Aufreger der Tage zuvor werden kleiner. Nicht mehr so unendlich weltbewegend – ich kann vieles besser einordnen und damit umgehen.

Und – das Lesen der Todesanzeigen - verändert auch meine Wünsche und Träume. Plötzlich ist der Wunsch, z.B. eine besondere Reise zu machen, deutlich kleiner, denn die Lektüre der Traueranzeige führt immer zu Dankbarkeit. Dankbarkeit für all das, was ich habe, was ich jetzt schon habe.

Der Wunsch oder gar die Sucht, noch unbedingt irgendetwas erleben zu wollen oder unbedingt sehen oder besitzen zu müssen, ist weg. Stattdessen ist da Ruhe, durch dieses kurze Gefühl, die kurze morgendliche Erkenntnis, wie zerbrechlich das Leben ist.

Dass ich um meine Endlichkeit weiß, macht mir dann keine Angst, sondern schafft mir Ruhe und zeigt mir, was mir wirklich wichtig ist. Das hilft mir entspannter in den Tag zu starten.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

28JAN2026
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Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag: Eine Frau kam zu mir zum Trauergespräch. Sie hatte Schreckliches erlebt. Ihr Mann – Mitte vierzig – war völlig überraschend gestorben. Nun saß sie vor mir, wollte die Trauerfeier mit mir besprechen und konnte das eigentlich alles gar nicht fassen. Ihr Ehemann tot, der Lebens- und Gesprächspartner einfach fort, das ganze Leben, alle Pläne von jetzt auf gleich total verändert und scheinbar kaputt.

Ich habe sie über einen längeren Zeitraum begleitet. Wir haben gesprochen, immer wieder, und so konnte sie langsam - nach und nach ein wenig Mut, Lebensmut, fassen – auch ohne Ihren Lebenspartner. In dieser Zeit wurde ihr ein Satz wichtig:

Die Wand zwischen unserer Welt und der Welt Gottes ist dünn und hellhörig. Deshalb können wir im Gespräch verbunden bleiben mit Gott und mit unseren Toten.

Oft habe ich seitdem bei Beerdigungen diesen Satz verwendet, in dem es um die dünne Wand geht zwischen uns – den Lebenden - und Gott und seiner Welt.

Ich finde dieses Bild sehr tröstlich: Da ist nur eine ganz dünne Wand zwischen unserer Welt und der Welt Gottes, in der alle unsere Verstorbenen bei Gott geborgen sind. Der Gedanke tut mir gut: Sie sind nicht weg sind, sondern bei Gott – sie sind nur nebenan, ganz nahe, fast spürbar – hörbar.

Diese dünne Wand lässt Nähe zu. Ich bin mit meinen Verstorbenen in Verbindung – ich habe weiterhin eine Beziehung zu ihnen, sie ist jetzt nur anders.

Dieser Gedanke hat der Frau, deren Mann damals so plötzlich gestorben ist, Hoffnung gegeben. Sie hat weiterleben können auch ohne den geliebten Lebenspartner an ihrer Seite. Denn sie hat gemerkt, dass sie ihn als Gesprächspartner nicht aufgeben musste. Viel später hat Sie dann auch für sich die Freiheit gefunden wieder eine Beziehung einzugehen. Sie hat einen neuen Lebenspartner gefunden und einen guten Weg für sich, ihr Leben neu zu gestalten und dennoch im Gespräch zu bleiben mit ihrem verstorbenen Mann - ohne Schuld, aber in Liebe und Zuwendung.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

27JAN2026
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Es gibt ein Lied, das mir persönlich sehr wichtig ist. Es ist von Klaus Hoffmann und heißt Adieu Emile. Darin wird beschrieben wie ein Verstorbener sich an die Lebenden wendet. Und im Refrain wünscht er sich statt einer Beerdigung eine Feier – eine Feier des Lebens. Wenn ich meiner Frau von meinem Wunsch erzähle, dass dieses Lied bei meiner Beerdigung gespielt wird, dann berührt sie das immer sehr und uns beiden kommen die Tränen - über den Tod und die Endlichkeit.

Sie sagt aber, dass sie jetzt ja noch nicht weiß, wie es ihr dann gehen werde - falls ich denn vor ihr sterbe. Ob Sie dann dankbar ein Fest des Lebens in aller Trauer feiern kann oder ob die Trauer sie fest im Griff hat und zerreißt. Deshalb soll ich die Gestaltung der Trauerfeier doch ruhig ihre Sache sein lassen.

Und da hat sie Recht. Es geht ja bei der Gestaltung des Abschieds um die, die zurückbleiben und nicht um die Verstorbenen.

Wenn ich mir vorstelle ich müsste mich endgültig von meiner Frau verabschieden, dann will ich das so tun, wie es für meine Kinder, die Familie und Freunde, aber auch für mich gut ist. – Selbst wenn sich meine Frau zu Lebzeiten etwas anderes gewünscht hat. So weit geht die Autonomie, die Selbstbestimmung dann nicht oder sollte sie – wie ich finde - nicht gehen.

Wenn ich tot bin, hoffe ich bei Gott geborgen zu sein. Ganz Teil seiner Liebe zu werden.

Deshalb brauche ich mir dann keine Gedanken mehr über die Trauerfeier zu machen. Und ich hoffe, dass Gott dann auch bei meinen Lieben ist, wenn sie von mir Abschied nehmen müssen. Dass er sie stärkt und trägt. So dass Sie ihr Leben gut weiterführen können.

Dazu soll die Trauerfeier ihren Teil beitragen und dabei helfen die guten Formen der kirchlichen Bestattung - Gewachsene Rituale, die stützen und führen können.

Die in die jeweilige Situation passen müssen. Und die deshalb nicht eine Erfüllung meines Wunsches sein sollen.

Und so hören wir manchmal eben heute schon gemeinsam das Lied über das Fest des Lebens beim Tod, vergießen gemeinsam die eine oder andere Träne und widmen uns dann wieder voll und ganz dem Leben.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

26JAN2026
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Seit vergangenem November begleitet mich ein Video. Genauer gesagt seit dem Ewigkeitssonntag, dem Tag, an dem wir an unsere Verstorbenen denken. Ich habe das Video an diesem Tag in einem Whatsapp Status gesehen. Es zeigt wie sich jemand auf den Weg macht hin zu einem Friedhof und welche Möglichkeiten es gibt an seine Toten zu denken:  mit einer Blume die man in die Vase auf dem Grab steckt neben einem Kreuz oder mit einem Stein, den man auf das Grabmal legt.

Ein wunderbares Video voller Liebe und Anmut, das die Menschen, die gestorben sind ganz nah heran holt und doch der Trauer Raum lässt.

Dieses Video hat in mir eine Erinnerung geweckt an einen Weg, den ich vor Jahren gegangen bin. Er führte in einen Hinterhof. Ich war ein junger Pfarrer und wurde eingeladen, einen Bestatter zu besuchen. Nachdem ich durch das alte Sandsteintor getreten bin, konnte ich weiter hinten ein Backsteingebäude sehen, bewachsen mit Efeu und wildem Wein – schon in herbstlichen Farben.

In dem Gebäude war es angenehm warm, das Licht war gedämpft, zwei, drei bequeme Stühle standen bereit und in der Mitte war Platz, um einen Sarg abzustellen.

Der ganze Raum lud dazu ein, da zu bleiben. Es war ein Raum, der zu mir gesprochen hat: „Nimm dir Zeit, du darfst hier bleiben so lange du willst. Du bist nicht allein, du musst deinen verstorbenen Menschen hier nicht allein lassen. Bleib und trauere, spüre die Liebe und den Verlust.

Und dann gehe in deinen Alltag. Traurig, aber vielleicht auch ein bisschen getröstet. Behütet und begleitet von Gott, der Leben und Sterben in seiner Hand hält. Der dich und deine Lieben verbindet durch Raum und Zeit!“.

Sie sind mir wichtig geworden, die Räume und Dinge, die mich einladen, das Leben und das Sterben zu bedenken. Die eine Brücke schlagen zwischen unserer Welt und der großen Welt Gottes, in der wir miteinander verbunden sind über Zeit und Raum hinweg.

Seitdem bin ich immer auf der Suche nach solchen sprechenden Räumen. Und – zum Glück – werde ich immer wieder fündig: besonders in Kirchen, Klöstern, Abschiedsräumen und Aussegnungshallen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

06DEZ2025
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„Hast du deine Stiefel auch geputzt?“ Das hat meine Oma mich immer gefragt, am 5. Dezember abends. Und natürlich hatte ich damals alles schon längst vorbereitet: Die Stiefel mehr oder weniger gut geputzt und aus Ermangelung eines Kamins unter den Heizkörper in der Küche gestellt. Damals als ich Kind war.

Auch als ich älter und erwachsen wurde, hat meine Oma die Frage immer mal wieder gestellt: „Hast du deine Stiefel geputzt?“ Und immer häufiger war ich unvorbereitet und die Stiefel waren nicht geputzt.

Längst der Aufregung am Vorabend des 6. Dezember entwachsen, habe ich auf die Frage meiner Oma, das ein oder andere mal blöd reagiert. Und zwar immer dann, wenn mir gar nicht bewusst war, dass es ja der Nikolausabend ist. Weil der alltägliche Stress den Blick verstellt hat für den in der Kindheit so wichtigen Tag. 

Wenn es besonders blöd lief, habe ich die Frage tatsächlich sogar als Maßregelung gehört, habe nach unten geschaut, ob meine Schuhe sauber sind. 

Wenn ich dann unwirsch reagierte, hat meine Oma mir einen enttäuschten, sorgenvollen Blick zugeworfen. Enttäuscht, weil ich unser Spiel aus Kindertagen vergessen habe und sorgenvoll, weil ich wohl so im Stress bin, dass ich noch nicht mal mitbekommen habe, dass Nikolausabend ist.

Heute – Jahrzehnte später – und einige Jahre nachdem meine Großmutter gestorben ist, tut mir ihr Blick immer noch weh, wenn ich an ihn denke. Denn er erinnert mich immer wieder daran, dass ich aufpassen muss, mich nicht zu verlieren.

Dass Advent und Nikolaus, Anker in meiner Zeit sein sollten – nicht Stressfaktoren. Anker, kleine Momente, in denen ich kurz innehalte, quasi die Stiefel putze und nachdenke – und eben ankomme bei mir und den anderen.

Der Nikolaustag ist für viele ein erster großer Schritt auf dem Weg nach Weihnachten. Heute verstehe ich die Frage meiner Großmutter „Hast du die Stiefel schon geputzt?“ als Aufforderung kurz innezuhalten und mich zu fragen: „Bist du auf dem Weg nach Weihnachten?“ Und wenn ich die Frage nicht ehrlich mit „Ja“ beantworten kann, dann lade ich mich selbst ein: Fang an!  Erinnere dich an die Legenden vom Nikolaus, öffne dich für das Wunderbare, damit du an Weihnachten die Chance hast, mit geputzten Stiefeln und offener Seele dem Wunder der Geburt Jesu zu begegnen.

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