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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

26MAI2024
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Vielleicht besuchen Sie heute einen Gottesdienst. Oder vielleicht gehen Sie stattdessen lieber in der Natur spazieren. Vielleicht machen Sie aber auch beides. Ich hätte da ein hübsches Lied, das auf jeden Fall für beide Gelegenheiten passt:

Musik 1: Strophe 1

Himmel, Erde, Luft und Meer
zeugen von des Schöpfers Ehr.“
Das kann ich jetzt im Frühling gut nachvollziehen! Ich gehe an gelben Rapsfeldern entlang und weiter in grüne Wälder. Am Himmel wechseln Wolken und Sonne, in der Luft liegen verschiedene Düfte.
Wenn Himmel und Erde davon zeugen, wie wunderbar Gott alles gemacht hat, dann kann auch ich nicht schweigen:
„Meine Seele, singe du,
bring auch jetzt dein Lob herzu.“

Musik 1: Strophe 2

Diesen Lobgesang hat Joachim Neander geschrieben. Er lebte von 1650 bis 1680, davon entscheidende fünf Jahre als Prediger in Düsseldorf. Dort schrieb er viele Lieder, unter anderem dieses.
In der Nähe von Düsseldorf ist ein Tal nach ihm benannt: das Neandertal. Er besuchte es, so oft er konnte. Alte Bilder zeigen eine Schlucht, hohe Felsen umrahmen einen Bach. Wunderschön muss es dort gewesen sein. Heute sieht es dort ganz anders aus: Die Felsen wurden abgetragen und als Baumaterial verwendet. Wir Menschen machen uns alles zu Diensten und zu Nutzen. Haben wir noch Platz für das Lob des Schöpfers?

Musik 1: Strophe 3

Das alte Loblied öffnet mir eine neue Sicht: Etwas, das ich so besinge, das versuche ich auch zu schützen. Ich sehe, wie in der Schöpfung eins ins andere greift und alles seinen Platz hat. So suche auch ich meinen Platz darin. Die Welt ist Gottes Schmuckstück. Und Gott lässt nicht nach, immer wieder Neues zu schaffen. Als die Industrie das von ihr zerstörte Neandertal wieder sich selbst überließ, entstanden dort neue Schönheiten. Gottes Finger zeigen mir neue Wege.

Musik 1: Strophe 4

So, wie Neander die Vögel beschreibt, denke ich dabei auch an uns Menschen: Sie sind nicht allein, sie brauchen einander. So wie wir.
Donner, Hagel und Wind, die Naturkräfte, denen wir oft hilflos ausgeliefert sind: Neander nennt sie Gottes Diener. Ein steiler Gedanke! Doch: Wenn selbst der Sturm Gott dienen soll, dann ich erst recht.

„Ach mein Gott, wie wunderbar
nimmt dich meine Seele wahr!
Drücke stets in meinen Sinn,
was du bist und was ich bin.“

Was ich bin: nicht der, der das alles gemacht hat. Ich bin selbst ein Teil der Schöpfung.
Neanders Lied kam mit einer anderen Melodie ins Evangelische Gesangbuch. So singen wir – und singen zusammen als Gemeinde:

Musik 2: Strophen 5+6

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Lied: Himmel, Erde, Luft und Meer (EG 504)

Komponist
Text: Joachim Neander 1680
Musik 1: Lobwasser Psalm 136 / Lobet den Herren inniglich
Musik 2: Georg Christoph Strattner 1691

Musikquellen

Musik 1: Himmel, Erde, Luft und Meer / Fortune’s Musicke / Psalter und Harffe wach't auff (Aus dem Liederbuch des Joachim Neander) / Cantate LC: 00147, C58056 / 01
Musik 2: Himmel, Erde, Luft und Meer / Jugendkantorei Sennestadt / WDR-Kompilation / 6051582106. 001.001(DAAS)

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SWR2 Lied zum Sonntag

31MRZ2024
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Musik

„Ho un non so che nel cor, che invece di dolor, gioia mi chiede.“
 „Ich habe was im Herzen, das anstelle von Schmerzen Freude von mir fordert.”

Das singt Maria Magdalena auf dem Weg zum Grab Jesu. Eine Arie aus dem Oratorium La Resurrezione – Die Auferstehung – von Georg Friedrich Händel. Als ganz junger Komponist hat er es in Italien geschrieben. Die junge italienische Sängerin Margherita Durastanti hat diese Arie gesungen. Der Papst war wütend über eine Frau im Oratorium – und Händel wohl ein bisschen verliebt.
Die Freude setzt sich noch nicht richtig durch. Zu viel ist im Weg. Und doch bange Erwartung, leise Hoffnung: Maria „spürt schon etwas im Herzen”.

Musik

Die Musik weiß tatsächlich schon mehr als Maria Magdalena. Das kleine Orchester hüpft und tanzt bereits. Marias Gesang klingt darüber wie der einer einzelnen Lerche über einem Frühlingsfeld. Doch die Osterfreude entwickelt sich erst. Maria ist bereit, vor Freude zu springen. Aber darf sie das? Ist es wirklich wahr, was man ihr sagt? Jesus ist auferstanden?
Eine Osterstimmung, die ihrer Fröhlichkeit selbst noch nicht ganz traut. Ja, das kenne ich. Der Schock und Schmerz über den Tod eines Menschen ist noch frisch. Und da soll plötzlich Ostern werden!
In der Arie heißt es: „Das Herz, an Angst gewöhnt, kann die Stimmen der Freude noch nicht vernehmen, oder vielleicht hält es sie für Hirngespinste.“

Musik
Ma il core, uso a temer, le voci del piacer o non intende ancor, o inganno del pensier forse le crede.

Der Lerchengesang ist etwas tiefer und ernster geworden. Die Freude hat das Herz zwar erreicht. Doch sie kommt noch nicht hinein. Das Herz ist zu sehr an Angst gewöhnt.
Das Markusevangelium erzählt das eindrücklich: Maria und die anderen Frauen fliehen vom Grab. Sie erzählen niemandem etwas, denn sie fürchten sich. Und im Johannesevangelium weint Maria so verzweifelt, dass sie Jesus zuerst gar nicht erkennt.
Ja, sind das Hirngespinste? Oder darf Maria sich jetzt wirklich freuen? Auch das Evangelium weiß schon mehr als Maria in diesem Moment.

Musik

Die Freude ist angekommen.
Die Sängerin flicht in ihren Lerchengesang jubelnde Triller und Verzierungen ein. Und als sie schweigt, ist das kleine Orchester mit einem Mal ein bisschen größer geworden: Plötzlich stimmen Oboen mit ein. Maria hat es schließlich doch weitererzählt, trotz aller Angst und Trauer: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! Und seitdem geht die Botschaft um die Welt. Jetzt ist Ostern, Gott sei Dank!

Musik

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Lied:
Ho un non so che nel cor. Arie der Maddalena (G.F. Händel, La Resurrezione)

Komponist:
M: Georg Friedrich Händel'
T: Carlo Sigismondo Capece

Musikquelle:
Ho un non so che nel cor. Aria (Maddalena) aus: La Resurrezione Oratorium in 2 Teilen, HWV 47
Händel, Georg Friedrich; Capece, Carlo Sigismondo
Argenta, Nancy; Amsterdam Baroque Orchestra; Koopman, Ton

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SWR4 Sonntagsgedanken

17MRZ2024
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Guten Morgen!

„Das ist ungerecht!“, ruft der kleine Junge empört. „Die kriegt viel mehr als ich!“ „Die“ – das ist die jüngere Schwester des kleinen Jungen. Der Vater seufzt, holt ein Lineal und misst die beiden Kuchenstücke genau aus. Tatsächlich könnte es sein, dass das Kuchenstück des Mädchens einen knappen Millimeter breiter ist, bei gleicher Höhe. Der Vater holt ein feines Messer und schneidet eine hauchdünne Scheibe vom Kuchen des Mädchens ab. Die legt er auf den Teller des Jungen. Der ist zufrieden, hatte er doch recht: Seine Schwester hatte viel mehr zugeteilt bekommen als er! Dafür fängt die Kleine nun an zu weinen und will ihren Kuchen gar nicht mehr haben. Papa ist so ungerecht!

Während der Junge zufrieden seinen Kuchen isst, wiegt der Vater seine weinende Tochter. Bis die so weit ist, dass sie doch ein Stück von ihrem Kuchen isst.

So oder so ähnlich haben wir das wohl alle als Kinder erlebt – und dann wieder als Eltern oder Großeltern, oder bei den Nichten und Neffen. Und schmunzeln jetzt als Erwachsene: Ja, so sind Kinder eben.

Nein. So sind Menschen. Die Großen nicht anders als die Kleinen. Unsere Nachrichten sind voll von Konflikten. Menschen streiten sich wegen gefühlten oder tatsächlichen Ungerechtigkeiten. Weil das Erwachsene sind, wird das vielleicht ernster genommen als bei Kindern. Aber das Gefühl dahinter ist doch ähnlich: Ich bin zu kurz gekommen! Mir wird was weggenommen! Keiner hört mir zu! Wenn ich nicht laut werde, beachtet mich keiner!

Und noch etwas ist ähnlich. Wie nannte der Kleine seine Schwester: „die“. Ich muss schon sagen, das Wort höre ich oft von Erwachsenen. Die machen doch eh, was sie wollen! Die stopfen sich die Taschen voll, und wir müssen’s bezahlen! Aber man darf ja gar nichts mehr sagen, dafür sorgen die schon!

Für „die“ kann man einsetzen: die Regierung, die Politiker, „die da oben“; oder: die Flüchtlinge, die Bauern – irgendwas davon stimmt immer.

Sind wir also nicht weiter als kleine Kinder? Nun, in einer Hinsicht sind Kinder vielleicht sogar weiter. Sie wissen nämlich: Wir gehören zusammen. Wir sind eine Familie. Und es wird auch wieder gut.

Davon erzählt die Bibel schon am Anfang: Alle Menschen sind eine große Familie. Und sie setzt noch eins drauf: In der Bibel steht nämlich, wie Gott aussieht. Gott können wir zwar nicht sehen. Aber wenn ich wissen will, wie Gott aussieht, dann muss ich mich eigentlich nur umschauen. So wie die Menschen um mich herum, so wie Sie oder ich: So sieht Gott aus. Denn wir sind alle Gottes Bild. So steht es in der Bibel. Auch ganz am Anfang.

Nicht die also. Wir! Du und ich.

Meine Güte, denke ich – so viele Gottesbilder! Männer und Frauen: davon spricht schon die Bibel. Das ist die einzige Unterscheidung, die sie macht. Eine Unterscheidung, aber kein Wertunterschied. Es sind wirklich alle gleich viel wert! Jung und Alt, dick und dünn, schwarz und weiß, gesund und krank, reich und arm, hässlich und schön, klug und weniger klug. Erst alle zusammen würden ein Bild von Gott ergeben. Aber alle zusammen ergeben dieses Bild tatsächlich. Freilich gehören dazu auch alle, die einmal gelebt haben. Und alle, die einmal leben werden. Wir können es also einfach nicht fassen!

So viele verschiedene Menschen. Da gibt es natürlich auch unzählige verschiedene Meinungen. Verschiedene Interessen, verschiedene Erfahrungen. Und natürlich gibt es dann Streit. Aber wie bei den kleinen Kindern in meinem Beispiel bleibt dieser Streit in der Familie. Die ganze Menschheit ist eine riesengroße Familie, sagt die Bibel. Alle sind miteinander verwandt. Alle gehören zusammen. Wie unterschiedlich wir auch sind, wir gehören alle zusammen! Unsere Unterschiede sind kein Grund, deshalb Krieg anzufangen. Sie sind kein Grund für Rassismus.

Die jüdische Holocaust-Überlebende Margot Friedländer hat gesagt: „Wir sind alle gleich – es gibt kein christliches, muslimisches, jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Ihr habt alle dasselbe. Wir kommen alle auf diese Art und Weise auf diese Welt. Wir sind Menschen, nichts anderes. Seid doch Menschen!“

Ja, Streiten ist menschlich. Aber Streit will gelernt sein! In der jüdischen Tradition ist Streit ganz wichtig. Die Rabbinen, die großen Gelehrten, die waren überzeugt: Erst der Streit hilft uns, die Wahrheit zu erkennen. Nach und nach erkennen wir dann, worum es geht. Aber damit sind wir nie fertig.

Darum gibt es in der Bibel verschiedene Geschichten darüber, wie die Welt und die Menschen entstanden sind. Darum gibt es vier verschiedene Evangelien.

Es gibt nicht die eine Wahrheit. Darum gibt es auch keine vollkommene Gerechtigkeit. Wenn wir versuchen, einem gerecht zu werden, gibt es oft neue Ungerechtigkeit. Neues Leid.

Aber wir sind alle Gottes Bild. Wir haben alle unseren kleinen Anteil an der Wahrheit. Tragen wir das zusammen!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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SWR2 Lied zum Sonntag

07JAN2024
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Musik 1

So könnte es klingen, wenn der Himmel die Erde besucht. Stimmen wie von weit her, aus der Höhe – und doch rasch geerdet.
“O nata lux de lumine, Jesu redemptor saeculi.” – “O Licht, aus dem Licht geboren, Jesus, Erlöser der Welt.” Ein alter lateinischer Hymnus. Die Musik ist von Thomas Tallis, einem englischen Komponisten des 16. Jahrhunderts.
“Licht, aus dem Licht geboren”: Der Himmel sendet sein Licht auf die dunkle Erde, und die Erde wird hell, noch im letzten Winkel.

Musik 2

„Jesus, nimm barmherzig Lobpreis und Gebete der Bittenden an.“
Wenn Menschen von der Erde zum Himmel schauen, dann mischen sich Anbetung und Klage. Es ist so dunkel auf der Erde. Leid und Gewalt, Angst und Zerstörung, Not und Bitterkeit. Kalt und einsam ist es, in der Welt und in den Herzen. Die Stimmen gehen nach oben. Und ein Instrument mischt sich ein, das eigentlich gar nicht in Tallis‘ Komposition gehört: ein Saxofon, hier als Stimme der Hoffnung.

Musik 2

Der Himmel besucht die Erde … und die Erde streckt sich nach dem Himmel aus, greift zu, hält fest, will die neue Hoffnung nicht mehr loslassen. Es kann doch noch gut werden. Kann es nicht doch noch gut werden? Was bleibt am Ende von Weihnachten, was bleibt von der Hoffnung auf das neue Jahr?
Jesus ist vom Himmel auf die Erde gekommen. Wir werden die Glieder seines Leibes.

Musik 2

Wir gehören zum Leib Christi, das bleibt von Weihnachten. Wir sind Jesu Arme, Beine, Augen und Mund. Wir sind Teil von Gottes Hoffnung für die Welt. Diese Hoffnung tragen wir ins neue Jahr. Schmerzen und Wunden – die gehören dazu. Ebenso wie Anmut und Schönheit. Schwäche ebenso wie Stärke.

“O nata lux de lumine – O Licht, aus dem Licht geboren, Jesus, Erlöser der Welt.”

Das Licht ist zur Welt gekommen, der Himmel hat die Erde besucht, um zu bleiben. Und das Licht wird stärker. Überall, wo ein Mensch hofft.

Musik 1

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O nata lux (Thomas Tallis)
Komponist
M: Thomas Tallis
T: Unbekannt; im Manuskript benutzte deutsche Übersetzung: René Strasser
(http://www.hymnarium.de/hymni-ex-thesauro/hymnen/326-o-nata-lux)

Musikquellen
Musik 1:
O nata lux de lumine. Hymnus zu 5 Stimmen (Vokalensemble a cappella); Tallis, Thomas; Unbekannt; Stimme pur: The Tallis Scholars. English Choral Masterpieces – Reflecting Byrd; The Tallis Scholars; Phillips, Peter

Musik 2:
O nata lux de lumine. Hymnus zu 5 Stimmen. Bearbeitet für Vokalensemble und Saxophon; Tallis, Thomas; Unbekannt; ...; When Sleep Comes; Forshaw, Christian; Tenebrae; Short, Nigel

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SWR4 Sonntagsgedanken

24DEZ2023
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Und: alles fertig für Heiligabend? Steht Ihr Baum schon? Vielleicht schon länger? Nadelt er sogar schon? Haben Sie alle Geschenke? Auch schon alles eingepackt? Das Abendessen vorbereitet?

Ich nerve Sie mit meinen Fragen? Entschuldigen Sie bitte! Ich will Ihnen wirklich keinen Stress machen. Ganz im Gegenteil!

Bevor Sie anfangen zu kochen und was Sie sonst für heute Abend noch vorbereiten müssen – bevor es also doch stressig wird: Da lade ich Sie heute Morgen ein, einen Moment innezuhalten. Und falls Sie heute keinen besonderen Stress haben, weil doch niemand kommt: Dann lade ich Sie gerade ein, auf diesen Moment zu achten. Und wenn da ein Gefühl von Einsamkeit nagt: das einfach mal eine Weile beiseitezuschieben. An diesem Heiligmorgen. So nenne ich diesen Morgen einfach mal.

Einen Heiligmorgen gibt’s nicht jedes Jahr. Das ist schon was Besonderes, wenn Heiligabend auf einen Sonntag fällt. Wenn man nicht noch auf den letzten Drücker durch die Geschäfte hetzt. Sondern wenn eigentlich schon der Morgen was abkriegt vom Heiligen Abend. Eine Schippe Sternenglanz. Was auch immer Sie also heute beschäftigen mag – achten Sie auf diesen warmen Glanz, der heute Morgen schon durchschimmert.  Von den Sternen, die erst später leuchten werden.

Noch ist es nicht ganz so weit. Wir warten noch. Das passt aber zu diesem Tag. Denn eigentlich ist ja heute der vierte Advent. Und Advent – das heißt Ankunft. Christus kommt. Aber noch ist er unterwegs. Wir warten.

Warten, das ist ja eher unbeliebt. Man denkt an Schlangestehen, volles Wartezimmer. Man ärgert sich über die verlorene Zeit und ist in Gedanken schon ganz woanders. Aber Warten am Heiligmorgen, Warten auf den Sternenglanz, der kommen wird und von dem ich jetzt schon ein bisschen erhasche: Das könnte ein gutes Warten sein. Ein Warten, das seinen eigenen Sinn hat. Warten darauf, dass es gut wird. Dass alles heil wird.

Ob sich das Warten lohnt? Vielleicht. Hoffentlich! Der Advent ist keine Zeitverschwendung, sondern Zeit für Hoffnung. Jetzt ist der Morgen, jetzt ist der neue Tag. Jetzt liegt etwas vor uns.

Diesem Glanz spüre ich an diesem Heiligmorgen nach. Ich merke, dass noch etwas vor mir liegt. Obwohl ich auch spüre, dass ich älter geworden bin und mehr Zeit hinter mir liegt als vor mir. Aber was weiß ich schon, was noch kommt! Und wenn ich keine besonderen Erwartungen mehr habe – was weiß ich, ob ich mich da nicht tüchtig irre! Ich ziehe mir eine warme Decke über die Schultern und will mit offenen Augen und Ohren warten. Mit wachen Sinnen für meine Umgebung. Den Sternenglanz suchen, der sich da versteckt. Jetzt, am Heiligmorgen. Einen Moment nur sehen, hören, spüren.

Vergangene Advents- und Weihnachtstage ziehen vorbei. Jeder lässt etwas Besonderes zurück. Und ich merke, es ist nicht einfach vergangen. Jetzt ist es ja da: lebendige Erinnerung! Stimmen, Bilder, und: ja, Sternenglanz. Auf den Gesichtern. In Stuben, die es so nicht mehr gibt. Sternenglanz in meinem Herzen. Auf meinem Mund, in meinen Augen.

Der Heiligmorgen ist ein Moment voller Geschenke. Manche sehe ich nur, wenn ich nach innen schaue. Vielleicht bin ich aber auch von ihnen umgeben: von Momenten, in denen ich zufrieden bin, wo jemand ein gutes Wort für mich hat oder eine liebevolle Geste. Sie mögen eher klein wirken, diese Geschenke. Vielleicht sogar armselig. Jedenfalls nicht ausreichend, um alles gut zu machen. Aber das macht nichts. Ihren Glanz und Schimmer haben sie doch.

Und sie haben eine wichtige Botschaft, diese Geschenke am Heiligmorgen: Gib die Hoffnung nicht auf! Lass dich nicht unterkriegen! Vergiss über dem Schweren oder sogar Schrecklichen im Leben nicht das Schöne. Vergiss es vor allem dann nicht, wenn das Schreckliche überhandnehmen will. Halte dich fest an dem Schönen. Lass dich davon stark machen!

Und hör‘ nicht auf, nach vorne zu schauen. Heute ist ja auch der vierte Advent. Da heißt es, hoffnungsvoll zu warten auf das, was noch kommt. Und es gibt schon Zeichen, dass da noch was kommt. Die fallen oft nicht direkt ins Auge. Aber sie sind da. Glücksmomente, hier einer und dort einer, zwischendurch, versteckt – doch wenn ich auf ihren Glanz achte, dann finde ich sie.

Und deshalb habe ich Sie eingeladen, heute Morgen einen Moment innezuhalten. Weil dieser Morgen schon etwas abkriegt vom Glanz von Heiligabend: eine Schippe Sternenglanz, von den Sternen, die heute Abend leuchten werden.

In der Bibel beschreibt der Apostel Paulus den Glanz von Heiligabend so: „Als die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, in der Welt erschienen ist, machte er uns selig.“

Freundlichkeit. Menschenliebe. Seligkeit. Das sind Stichworte für den Heiligmorgen. Darauf dürfen wir warten, voller Hoffnung. Und nach vorne schauen! Denn das ist es, was kommt.  

Ich wünsche Ihnen einen schönen Heiligmorgen! Und heute Abend einen gesegneten Heiligabend!

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SWR2 Lied zum Sonntag

26NOV2023
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Musik

„Lacrimosa dies illa“ – ein Tag voller Tränen. Wenn Tränen alles sind, was noch geht. Kennen Sie solche Tage?
„Lacrimosa dies illa“ – wörtlich heißt das: „Tränenreich ist jener Tag“. Gemeint ist der Tag des Jüngsten Gerichts. Das ist vielleicht noch lange hin. Oder es ist jetzt. Trauer hat kein Zeitgefühl. Für sie ist jetzt der Tag der Tränen. Der Tag, an dem sich alles auflöst, was einen Sinn hat.

Musik

„Lacrimosa dies illa“. Ein Stück aus dem Requiem von Guiseppe Verdi. Der Totenmesse des großen Opernkomponisten. Als junger Mann hatte Verdi Frau und Kinder verloren. Und für den christlichen Glauben nicht viel übrig. Aber sehr viel für die Liebe. Gerade für die Liebe, die Tränen weint, die unter Tränen singt. Für die tiefe, unstillbare Sehnsucht nach Trost.
Der weiche, sanfte Gesang der Liebe kann Wunden schließen. Er findet Wege zu einem erstarrten Herzen, er baut Brücken über Brüche und Risse. Auswege, wo eigentlich nichts mehr zu sehen ist. Stimme, wo keine Worte mehr hinreichen. Vielleicht lösen die Tränen, was nicht erlöst werden kann. Ist Gottes Platz dann nicht zwischen all den Tränen?

Musik

Diese Aufnahme gibt ein Konzert aus Stuttgart unter Leitung von Hellmuth Rilling wieder. Zwei Tage später hat er die Aufführung in Berlin wiederholt – es war der 11. September 2001. In die Vorbereitung des Konzerts platzten die Nachrichten vom Terroranschlag auf das World Trade Center in New York. Die Verantwortlichen haben sich damals entschieden, die Musik trotzdem aufzuführen. Als Musik gegen das Entsetzen. Als Gesang, wo die Worte fehlten oder fehl am Platz waren. Tränen aber nicht.
Wie nahe uns das alles in diesem Jahr wieder ist! Und wie tröstlich zu hören: Gott verstummt nicht, wo wir vor Schreck erstarren. Wo uns nichts bleibt als Tränen. Und wo die Worte nicht reichen, da wird Gott vielleicht singen.

Musik

Verdis Musik ist voller Liebe. Darin ist Raum für Gott. Nicht für den strafenden, aber für den liebenden. Den Gott des Trostes. Der eines Tages alle Tränen abwischen wird. Dann wird nur noch Platz für Freudentränen sein.

Musik

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Lacrimosa dies illa aus der Messa da Requiem von Guiseppe Verdi
Komponist
T: trad. Sequenz Dies irae aus der Totenmesse
Dies irae: aus: Messa da Requiem für 4 Soli, Chor und Orchester; Verdi, Guiseppe; Brüggergosman, Measha; Remmert, Birgit; O'Mara, Stephen; Schelomianski, Michail;Festival Chor und Festival Orchester des Europäischen Musikfestes; Rilling, Helmuth; Live-Aufnahme 09.09.2001 Stuttgart, Liederhalle, Beethovensaal

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SWR4 Sonntagsgedanken

08OKT2023
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Welcher Weg führt zum guten Leben? Und wie weit ist das? Da gibt es ja leider keine Schilder wie: „Bad Kreuznach 55 km“, „Neckargemünd 9 km“, „Maulbronn 3 km“. Die gibt es schon deshalb nicht, weil sich wohl jeder Mensch etwas anderes vorstellt unter „gutem Leben“.

„Hauptsach gudd gess!“ sagen sie im Saarland. Da merkt man die Nähe zu Frankreich! Obwohl: ein gut gedeckter Tisch, nette Leute drum herum – der Morgen wird lang oder der Abend sehr spät: dass das gutes Leben ist, darauf können sich bestimmt viele einigen! Überhaupt: Familie, Freunde, alle um einen Tisch. Zusammen sein mit Menschen, die mir am Herzen liegen. Man ist einen Herzschlag auseinander, keine paar Kilometer! Dafür braucht es keine Hinweisschilder!

Bloß: Wenn es so einfach wäre – warum ist es dann in Wirklichkeit oft so kompliziert? Warum ist der Weg oft so weit? Die Leute, die uns nicht liegen, die sind oft so weit entfernt, die Gräben so tief … Ach, was sag ich: Manchmal ist auch der Weg zu den Freunden furchtbar weit! Und manchmal schafft man den Weg selbst in der eigenen Familie, im eigenen Haus nicht …

Ein überflüssiger Streit, eine dumme Rechthaberei, die liegen dann dazwischen. Meistens über irgendeine völlig unwichtige Kleinigkeit. Die aber in dem Moment wichtiger scheint als alles andere. Wichtiger als die Liebe, als die Freundschaft, wichtiger als das jahrelange, vertraute Zusammenleben. Da endet der Weg dann – wie ein richtiger Weg vor einem Abgrund, einem hohen Berg oder einem breiten Fluss.

Dann stellt sich die Frage plötzlich doch wieder: Wie geht’s hier zum guten Leben? Wie weit ist das? Und wie überwinde ich die Hindernisse am besten? Mit den Ratgeberbüchern dazu kann man eine ganze Bibliothek vollstellen. Dabei sind die Ratgeber im Internet noch gar nicht mitgezählt!

Da überlege ich mir: Die meisten von uns haben doch irgendwann mal die Zehn Gebote gelernt. Könnte es damit nicht gehen? Nicht töten, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis ablegen, nicht haben wollen, was anderen gehört – darauf könnten sich doch die meisten verständigen, oder nicht?

Na ja, sagt da jetzt vielleicht einer. Kommt wieder drauf an, was du unter „gutem Leben“ verstehst. So mit Moral und Geboten kommst du doch nicht weit in dieser Welt. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Ohne Ellenbogen geht es einfach nicht.
Dir wird im Leben nichts geschenkt, bestätigt eine andere. Sorg erst einmal dafür, dass es dir gut geht. Dann kannst du dich um andere kümmern. Aber stimmt das? frage ich mich. Ist das nicht der beste Weg dafür, sich nur um sich selbst zu kümmern? So nach dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist doch an alle gedacht?! Ist das der Weg zum guten Leben?

Die 10 Gebote in der Bibel sind als Regeln fürs Leben gemeint. Vielleicht denken Sie jetzt: Ach, da kommt die Kirche wieder mit der Moral um die Ecke. Die alte Spaßbremse. Die Spielverderberin.

Klar, ein Spiel soll Spaß machen. Und damit es allen Spaß machen kann, braucht es Spielregeln. Und die Spielregeln in der Bibel, die hat übrigens nicht die Kirche erfunden! Die stehen in der jüdischen Bibel – die hat die Kirche als Teil ihrer Bibel übernommen. Und die Juden, die feiern an diesem Wochenende ein fröhliches Fest: Simchat Tora, Freude an der Tora, Freude an Gottes Weisung mit all ihren Geboten und Geschichten.

Ein Freudenfest für die Spielregeln des guten Lebens! Eine Party für die Regeln, mit denen an alle gedacht wird!
Erst dann ist es doch ein richtiges Fest. Wenn alle mitfeiern können. Wenn niemand traurig bleiben muss, wenn niemand Angst haben muss. Erst das ist doch wirklich gutes Leben! Alle werden satt, alle haben Spaß. Vielleicht schaffen wir das nie so ganz. Doch wir versuchen es immer wieder. Gerade in den wirklich großen Festen. Den Volksfesten. So wie dem Münchner Oktoberfest, das vor ein paar Tagen zu Ende gegangen ist.

Leider geht gerade auf solchen Festen immer wieder einiges schief. Menschen schlagen über die Stränge und schaden anderen und sich selbst. Das wissen wir – und freuen uns trotzdem jedes Jahr wieder neu auf das große Fest. Unsere Feste sollen uns für alles entschädigen, was sonst nicht so gut läuft. Das klappt natürlich nicht. Aber wir versuchen es immer wieder.

Genau das ist der Punkt, wo wir Regeln brauchen. Gebote. Wegweiser. Das Fest ist erst ein richtiges Fest, wenn alle wirklich mitfeiern können. Wenn keine Angst und kein Kummer die Freude trübt. Das Spiel macht erst Spaß, wenn sich alle an die Regeln halten. Ich finde, das ist eine richtig gute Idee: ein eigenes Fest für die Regeln!

Welcher Weg führt zum guten Leben? Ich glaube sicher: kein Weg, den ein Mensch nur für sich geht. Das gute Leben – das ist nichts nur für einen oder für wenige. Die Bibel erzählt immer wieder davon, wie Gott Menschen aus Angst und Leid befreit. So fängt schon das erste Gebot an: „Ich bin dein Gott, der ich dich aus Ägypten befreit habe, aus der Sklaverei.“ Das ist der Weg. Das Fest ist erst ein Fest, wenn alle mitfeiern können. Wenn keiner zurückbleibt.

So wünsche ich Juden und Jüdinnen heute ein schönes Fest der Freude an der Tora! Und uns allen einen gesegneten Sonntag!

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SWR2 Lied zum Sonntag

01OKT2023
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Spricht Gott heute zu mir? So wie die Bibel erzählt, dass er mit Menschen gesprochen hat? Und wenn ja, wie kann ich ihn hören? Auch dann, wenn ich mich gerade über etwas ärgere, wenn ich Sorgen habe – oder einfach nicht gestört und beansprucht werden will. Wenn ich Gott vertröste: Morgen vielleicht. Oder nächste Woche. Aber bitte nicht heute …
Da höre ich diese Bitte: „Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket euer Herz nicht!“

Musik: Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket euer Herz nicht!

Dieses Stück ist aus einer Psalmvertonung von Felix Mendelssohn. Der 95. Psalm ist ein einziger Aufruf an das biblische Volk Israel, Gott zu loben. Da unterbricht der Psalmbeter den Lobpreis. Er erinnert an einen Vorfall aus der Geschichte des Volkes. Das war in der Wüste, in Massa und Meriba. Dort haben die Israeliten mit ihrem Schicksal gehadert. Wütend haben sie Mose beschimpft: Hier ist kein Wasser! Nur Wüste! Wären wir doch in Ägypten geblieben!
Gott sorgt zwar dafür, dass sie Wasser bekommen. Aber schließlich kommt es so weit, dass Gott wütend sagt: Dann sollen sie doch in der Wüste bleiben!
So weit soll es nicht wieder kommen. Deshalb fleht der Beter: Lernt aus den Fehlern der Vergangenheit! Macht es diesmal anders! Heute, wenn ihr Gottes Stimme hört, verstockt nicht wieder euer Herz!

Musik: Wie zu Meriba geschah, wie zu Massa in der Wüste, da mich eure Väter versuchten, dass ich schwur in meinem Zorn: Sie sollen nicht zu meiner Ruhe kommen! Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket euer Herz nicht!

„Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket euer Herz nicht!“ Das will auch ich mir gesagt sein lassen: Wenn Gott heute zu mir spricht, dann will ich hören. Mich unterbrechen lassen. Will auch die Wüstenzeiten ertragen. Mein Herz soll nicht hart und starr werden darüber!

Gewiss: Lobpreis kommt auch mir nicht immer leicht über die Lippen. Zu vieles verschließt mir Herz und Ohren. Aber auch dann soll ich hören. Gerade dann.
Gottes Stimme ist oft nur leise. Viel leiser als die Geräuschkulisse unserer Welt. Doch sie geht direkt ins Herz. Hier und heute.

Musik: So verstockt euer Herz nicht! Heute verstocket euer Herz nicht!

Mein Herz darf weich werden. Und sich öffnen. Weit öffnen – und Gottes Stimme einlassen. Sie wird meinem Herzen wohl tun. Wird es stark machen, nicht starr. Fest, nicht hart. Weit, wo es noch eng ist. Und dann werde ich Gott antworten. Mit meinem Tun – und mit meinem Lobpreis.

Musik: Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstockt euer Herz nicht!

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Musikquelle
„Heute, so ihr seine Stimme höret“ (Felix Mendelssohn, Psalm 95)

Komponist
T: Bibel, Psalm 95
M: Felix Mendelssohn
Musik: M0089685; 01-012; Nr. 5: Heute, so ihr seine Stimme höret. Soli und Chor aus: Kommt, laßt uns anbeten. Psalm 95 für Soli, Chor und Orchester, op. 46; Mendelssohn Bartholdy, Felix; Bibel, AT; Sans, Daniel; Chamber Choir of Europe; Württembergische Philharmonie Reutlingen; Matt, Nicol

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SWR2 Lied zum Sonntag

20AUG2023
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Musik

Ein Lied ohne Worte. Aber nicht ohne Inhalt. Eine Seelenbotschaft. Worte reichen dafür nicht. Sie sind auch nicht nötig. Das Lied erreicht die Seele auch so.
Die ersten Zuhörer im Januar 1916 in Moskau haben das Lied offenbar sofort verstanden. Es wurde in vielen Bearbeitungen bekannt. Damals hat es die Sängerin Antonina Neschdanowa gesungen, Sergei Rachmaninow hatte es für sie geschrieben. Es trägt den Titel „Vocalise“. Dieser musikalische Fachausdruck bedeutet: Ein Stück, das ohne Worte gesungen wird. In der Aufnahme, die ich Ihnen heute mitgebracht habe, singt es Anna Moffo.

Musik

Ein Lied wie nicht von dieser Welt. Für mich könnte Gottes Stimme so klingen. Zärtlich, zart; wie von ganz ferne und doch ganz nah. Eine Stimme, die mir direkt in Herz und Seele singt. Die meinen Alltag unterbricht. Ich halte inne und frage mich: Was tue ich eigentlich gerade?
So hat Gott bei seinem Gang durchs Paradies Adam und Eva gefragt: Mensch, was tust du? Mensch, wo bist du? Mensch, hörst du?
Gott spricht vom ersten bis zum letzten Kapitel der Bibel. Darum nennt man die Bibel „Gottes Wort“. Ich höre sie mit den Stimmen vieler Menschen, auch meiner eigenen. Doch wie klingt Gottes Stimme? Ich weiß nicht, wie Sie sich Gottes Stimme vorstellen. Meiner Vorstellung kommt dieser Gesang sehr nahe:

Musik

Gottes Liebeslied an Gottes Welt. In einer Sprache, die alle Menschen verstehen. Einer Sprache ohne Worte. Der Herzenssprache. Es gibt auf der Welt jetzt nur diesen Gesang.
Doch es ist ein trauriges Liebeslied. So wie die Geschichte vom verlorenen Paradies etwas Trauriges hat. Mensch, wo bist du? Mensch, was machst du? Mensch, was hast du getan?

Musik

Ich höre eine Klage. Vielleicht auch eine Anklage: Was habt ihr gemacht aus dieser Welt? Dieser Welt, in der ich euch meinen Garten geschenkt hatte?
Doch Gottes Lied zeigt auch, wie Gott zu uns steht. Immer noch. Selbst die Trümmer von Gottes Welt haben davon ein Echo bewahrt. Und werden sich eines Tages wieder zusammenfügen. Vielleicht zu einem Traum von einem Garten. Oder von Gottes Stadt. Strahlend und schön. Dort wischt Gott alle Tränen ab. Und singt. Heute, wenn ihr Gottes Stimme hört: Verstockt eure Herzen nicht!

Musik

 

Vocalise (Sergei Rachmaninow)

Musik: Vocalise, op. 34 Nr. 14 bearbeitet für Sopran und Orchester, Anna Moffo

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SWR4 Sonntagsgedanken

09JUL2023
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Sie werden gleich einen Spruch von mir hören, da müssen Sie stark sein – zumindest wenn Sie aus Schwäbisch Gemünd kommen. Oder aus Oppenheim. Oder aus dem Markgräfler Land. Oder vom Hunsrück. Es ist völlig gleich. Stellen Sie sich bitte vor: Jemand baut sich irgendwo auf und tönt: „Was kann aus Schwäbisch Gemünd schon Gutes kommen?!“ Oder aus Oppenheim. Egal. Woher Sie halt sind.

Es gibt ja Orte und Gegenden, die haben einfach ihren Ruf weg. Oder zwei Dörfer liegen schon immer im Klinsch miteinander. Nennen wir sie hier einfach mal Ahausen und Bedorf. „Was kann aus Ahausen Gutes kommen!“, spottet der aus Bedorf. Dem Ahausener schwillt der Kamm. Und er haut zurück: „Bedorf! Kennen wir doch! Die waren doch immer schon bekloppt dort!“ Ärmel werden hochgekrempelt. Steine aufgehoben. Ja, man kennt sich, und man weiß, was man von den anderen zu erwarten hat: nichts. Über die Dörfer Ceheim und Deweiler gibt es vielleicht Sprüche wie: „Durch Ceheim kannste gehn – durch Deweiler musste laufen!“ In solchen Sprüchen hört man förmlich die Steine fliegen, die faulen Eier zerplatzen, hört, wie die Mistgabel vom Haken genommen wird.

Kennen Sie das? Haben Sie vielleicht auch solche Lieblingsfeinde? Menschen, die bei Ihnen und bei denen Sie gar keine Chance haben? Wie gesagt, man kennt sich. Man weiß, was man von denen da zu erwarten hat: nichts. Nie. In alle Ewigkeit nicht. Sodom und Gomorrha waren noch besser als Bedorf oder Deweiler!

Womit wir in der Bibel wären. Da gibt es diesen Spruch nämlich auch. Da sagt einer zu seinem Kumpel: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ Nathanael heißt er. Und sein Kumpel Philippus wollte ihn gerade überreden, mitzukommen. „Da ist einer“, sagt Philippus, „den musst du dir unbedingt anhören! Auf den haben wir gewartet! Wie der reden kann! Da bleibt dir die Spucke weg! Er kommt übrigens aus Nazareth.“ Und da sagt Nathanel: „Nazareth, ja?! Pf! Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen!“ Darauf Philippus einfach: „Na, komm doch mit und guck es dir an!“

Ja, klar, hier geht es um Jesus. Der war eben nicht in Jerusalem im Königsschloss geboren. Der kam aus so einem Kuhkaff und Provinznest. Da hätten sie abends die Bürgersteige hochgeklappt, wenn sie Bürgersteige gehabt hätten. Nazareth … Geht’s noch?! Was kann denn von da Gutes kommen!

Meine Güte, und jetzt stelle ich mir vor, das wäre damals dabei geblieben! Die Nathanaels hätten sich durchgesetzt und Jesus gar nicht erst angehört! Und viele sind ja auch dabei geblieben. Die waren sich einfach sicher: Die aus Nazareth, die kennt man, von denen braucht man nichts zu erwarten.

Aber zum Glück gab es welche wie Philippus. Welche, die gesagt haben: „Kommt! Guckt’s euch an!“

Ich höre immer wieder, wie Leute sagen: „Ich glaube nur, was ich sehe!“ Ich meine, es ist genau anders herum: Eigentlich sehen wir Menschen nur das, was wir glauben. Das, wovon wir überzeugt sind. Das, was wir kennen.

Die aus Bedorf – das sind alles Idioten. Das weiß man doch. Oder man weiß doch, dass man von denen aus Ahausen nichts zu erwarten braucht. Was soll aus Ahausen schon Gutes kommen?

Ein anderes Beispiel: Die Titelrolle im neuen Disneyfilm „Arielle, die Meerjungfrau“ wird von einer dunkelhäutigen Schauspielerin gespielt. Als das vor ein paar Jahren bekannt wurde, haben sich viele empört. Eine schwarze Meerjungfrau?! Nein, die war doch sonst immer hellhäutig! So kennt man das doch – so muss es doch immer bleiben!

Das, was ich kenne, gibt mir Vertrauen. Daran glaube ich. Davon bin ich überzeugt. Wenn es plötzlich anders ist, dann geht das gar nicht! Ein Messias aus Nazareth oder eine schwarze Meerjungfrau: Das geht doch einfach nicht! Das war doch immer schon klar! Und da kommt Philippus und sagt: „Komm! Guck’s dir an! Komm erst einmal gucken und hören. Dann kannst du immer noch dagegen sein.“

Das finde ich sehr klug. Und sehr entspannend. Philippus ist ein guter Freund. Er empört sich nicht über Nathanael. Er argumentiert nicht. Er lädt ihn einfach ein.

Ja, es ist schon so: Ich sehe, was ich glaube. Ich weiß doch: So ist es! So und nicht anders!
Anstatt dass ich richtig hinsehe und mitbekomme, wie es wirklich ist. Dafür brauche ich einen Philippus, der mir nicht gleich die Freundschaft aufkündigt. Der zwar sieht, wie ich mich in meinen Vorurteilen verrenne. Aber der ruhig bleibt und mich einfach mitnimmt – damit ich selbst sehe, und zwar auch ganz in Ruhe.

So kann ich sehen, wie es wirklich ist. Ich muss trotzdem nicht alles gut finden, aber ich verrenne mich auch nicht in vorgefassten Meinungen. Nathanael ist mitgegangen. Er hat sich selbst angeschaut, ob aus Nazareth nicht doch etwas Gutes kommen kann – und das hat sein Leben verändert. Deshalb: Augen auf! Schauen wir, was Gutes kommt – egal woher!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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