Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

22OKT2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Beinahe hätte es geknallt. Weil ein Autofahrer beim Abbiegen keinen Blinker gesetzt hatte. Kommt öfter vor. Bei vielen Autos scheint der Blinker kaputt zu sein.

Solche Fahrweisen erlebe ich leider oft. Da überholt mich einer auf der Autobahn kurz vor einer Ausfahrt und schneidet mich dann hart, weil er diese Ausfahrt nehmen will. Ein anderer drängelt und lichthupt von hinten, als ich gerade einen LKW überhole. Rechts überholen scheint für viele inzwischen normal zu sein. Von Imponiergehabe bis hin zu nächtlichen Autorennen in der Stadt ganz zu schweigen. Das Autofahren wird immer rücksichtsloser und aggressiver. Und dadurch wird es für alle immer anstrengender. Weil man inzwischen - unabhängig von den Vorschriften der Straßenverkehrsordnung - mit allem rechnen muss.

Es könnte auch anders gehen - wenn eine Grundregel das Verhalten auf der Straße bestimmen würde. In Worten des Volksmunds lautet sie: „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu.“ In der Bergpredigt formuliert Jesus es positiv: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen“ (Mt 7, 12). Das Resultat dieser Einstellung ist dann, dass ich Rücksicht nehme im Straßenverkehr. Dass ich nicht nur an mich und meinen Vorteil, sondern vom anderen her denke - was mein Verhalten für ihn bedeutet. Die hohe Schule der Rücksichtnahme wäre, dass ich die jeweilige Situation nicht nur mit meinen Augen sehe, sondern mit denen des anderen. Das kann man einüben. Gerade der Straßenverkehr bietet eine sehr gute Möglichkeit, das zu trainieren.

Und diese Grundhaltung ist auch über das Autofahren hinaus hilfreich und wohltuend. Je selbstverständlicher es für einen Menschen ist, eine Situation mit den Augen der anderen zu sehen, desto besser klappt das Miteinander - und auch er selbst hat etwas davon. Denn diese Einstellung fördert, dass wir mehr aufeinander achten und uns besser verstehen. Wäre schön, wenn dadurch das Autofahren dann auch wieder entspannter ist und mehr Spaß macht!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34131
21OKT2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Lieber Christoph, es bedeutet mir so viel, dass du für mich betest. Vielen Dank!“ Das hat mir eine Bekannte vor zwei Wochen geschrieben. Ich bete für sie, weil es ihr nicht so gut geht. Genauso wie für einen Bekannten, der privat und beruflich vor neuen Herausforderungen steht. Und ich bete für einen unserer Chorsänger, dessen Ehefrau gestorben ist und der darüber auch nach einem Jahr nicht hinwegkommt. Und für einen krebskranken Freund. In meiner Gebetsecke liegen einige Zettel mit Namen darauf. Jeden Morgen nehme ich sie in den Blick und bete für diese Menschen. Auch wenn ich im Gespräch die Sorgen oder das Leid eines Mitmenschen mitbekomme, biete ich oft ausdrücklich an, dass ich für ihn bete - das hat noch nie jemand abgelehnt, im Gegenteil.

Es tut immer gut, wenn Menschen aneinander denken. Erst recht dann, wenn es jemandem nicht gut geht - dann ist es hilfreich zu wissen, dass der andere mir innerlich nahe ist, dass er mir „einen guten Gedanken schickt“ - wie manche sagen.

Das geschieht auch bei einem Fürbitt-Gebet. Aber da geht es noch einen Schritt weiter. Wenn ich für jemanden bete, dann ist das eine ganz starke innere Verbindung von Mensch zu Mensch - weil diese Verbindung über Gott führt. Darin kommt zum Ausdruck: Dieser Mensch liegt mir am Herzen. Ich sehe seine Freuden und seine Sehnsucht, seine Sorgen und seine Not. Dabei habe ich zugleich Gott im Blick, der will, dass es jedem einzelnen Menschen gut geht. Diesem Gott des Lebens und der Liebe lege ich denjenigen, für den ich bete, besonders ans Herz. Ich bitte Gott darum, dass er ihm nahe ist - und dass der andere das spürt. Oder, um es in einem anderen Bild zu sagen: Ich lege durch mein Beten den anderen in Gottes Hände. Damit er ihn trägt und ihm Halt gibt, dass Gott ihn aufrichtet und mit neuer Lebenskraft und Lebensfreude erfüllt.

Natürlich ist das Gebet kein Ersatz dafür, dass ich einem anderen auch konkret durch Rat und Tat beistehe, so gut ich es vermag. Aber darüber hinaus ist das Fürbittgebet auch eine Weise, wie ich für den anderen da sein kann. Dadurch wird nicht nur die Verbindung zu diesem Mitmenschen vertieft, sondern auch die Verbindung von uns beiden zu Gott als der Quelle des Lebens. Probieren Sie es doch mal aus! Ich kann es nur empfehlen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34130
20OKT2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Unserem Rechtssystem wird manchmal vorgeworfen, es sei zu lax, strafe nicht hart genug und lasse die Täter zu billig davonkommen. Dass unser Strafrecht aber in Wirklichkeit einen hohen moralischen Anspruch hat und mit Verantwortungslosigkeit hart ins Gericht geht, zeigt das folgende Ereignis:

Drei junge Männer und eine junge Frau verlassen nachts betrunken eine Shisha-Bar. Auf dem Weg zum Parkhaus geht einer der jungen Männer torkelnd voraus. Er stolpert am Ufer eines Kanals. Die Freunde finden ihn wimmernd und halb im Wasser liegend. Die Frau filmt ihn mit dem Handy, auch noch als er versucht herauszuklettern und dabei vollständig ins Wasser fällt. Der junge Mann ertrinkt.

Das zuständige Gericht verurteilt zwei der Freunde zu langen Haftstrafen. Ein hartes Urteil. Das mag verwundern. Schließlich waren alle betrunken und die drei haben ja nichts getan. Doch genau das wirft ihnen der Richter vor. Sie hätten das Opfer im Stich gelassen, obwohl sie verpflichtet waren, ihm beizustehen, und dadurch sei der Tod des jungen Mannes verursacht worden. Besonders der beste Freund, der sich unter den drei anderen befand, sei zur Hilfe verpflichtet gewesen.

Ich finde dieses Urteil bemerkenswert, weil es mit den Mitteln des Rechts einen sehr hohen moralischen Anspruch erhebt. Die jungen Leute werden nicht bloß wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt. Sondern das Gericht behandelt sie wie Täter, die einen anderen in hilfloser Lage aussetzen und sterben lassen. Weder ihre Trunkenheit, noch ihre Tatenlosigkeit schützen sie vor schwerer Strafe.

Im Alten Testament steht die Geschichte von Kain und Abel, den Söhnen von Adam und Eva. Kain erschlägt seinen Bruder Abel aus Eifersucht. Als Gott von Kain wissen will, wo denn sein Bruder geblieben ist, fragt Kain: Bin ich der Hüter meines Bruders? Unsere Rechtsordnung beantwortet diese Frage ziemlich klar: Ja, ich bin der Hüter meines Bruders. Und auch der Hüter eines jeden Menschen, der sich auf mich verlassen können muss. Zum Beispiel weil ich sein bester Freund bin. Und es ist keine Entschuldigung, dass ich ja gar nichts getan habe. Auch Nichtstun macht verantwortlich. Denn ich bin nun mal der Hüter meines Bruders.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34125
19OKT2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal sind es unscheinbare Worte, die eine große Bedeutung haben. Dass zum Beispiel in der Bibel dauernd von Gott, Gnade und Liebe die Rede ist, ist nicht überraschend. Überrascht hat mich dagegen: Über 60 mal heißt es in der Bibel „Steh auf!“. Den verängstigten, mutlosen Propheten Elija bringt ein Engel wieder auf die Beine mit den Worten„Steh auf!“. Josua, der Führer Israels, liegt nach einer Niederlage auf dem Boden, mit dem Gesicht im Staub, da spricht Gott: Steh auf! Einen Gelähmten heilt Jesus mit den Worten: Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh nach Hause. Und einem toten Kind gibt er das Leben zurück, indem er sagt: Mädchen, ich sage dir, steh auf.

Diese unscheinbaren Worte „Steh auf!“ gehören für mich zu den wichtigsten der Bibel. Für die Niedergeschlagenen, die Schwachen, die Kranken, ja sogar die Toten hält die Heilige Schrift nicht bloß Trost bereit. Sondern sie ermutigt und ermuntert: Steh auf! Und nicht irgendwer sagt das. Das sagen Engel als Boten Gottes, das sagt Gott selbst und das sagt Jesus Christus an Gottes Stelle. Gott selbst will, dass die Niedergeworfenen und am Boden Liegenden wieder aufstehen, wieder Mut fassen, er will einen regelrechten Aufstand. Das gilt sogar für Jesus Christus. Gott lässt ihn nach der Kreuzigung nicht im Tod, sondern erweckt ihn wieder auf. Ich kann mir richtig vorstellen, wie Gott zu Jesus Christus sagt „Steh auf“. Und wenn Gott sagt „Steh auf“, dann ist das nicht ein bloßer Mutmacher, dann verleiht Gott auch die Lebenskraft, wieder aufzustehen.

Dieses „Steh auf“ hat für mich etwas Revolutionäres. Steh auf, nimm dein Leben wieder in die Hand, ich gebe dir den Mut und die Kraft dazu. Finde dich nicht ab mit dem, was dich niedergestreckt hat. Das ist ein frischer, ein drängender Ton, den die Bibel hier anschlägt. Und der kann gerade in Zeiten helfen, in denen vieles so belastend und niederdrückend wirkt – wie jetzt, im zweiten Jahr der Pandemie. Ein Kirchenlied sagt es so: Steh auf, bewege dich, denn schon ein erster Schritt verändert dich, verändert mich, steh auf, bewege dich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34124
18OKT2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Was für mein Christsein wesentlich ist, macht mir eine kurze Geschichte aus dem Johannesevangelium deutlich:

Jesus und seine Mutter Maria sind zu einer Hochzeit eingeladen. Offenbar ein großes Fest, bei dem ordentlich zugelangt wird. Denn irgendwann ist der Wein all. Das ist ärgerlich für die Gäste und peinlich für die Gastgeber. Die Mutter Jesu macht ihren Sohn darauf aufmerksam, er aber sagt nur: Wart`s ab. Doch dann richtet er seinen Blick auf sechs große Wasserkrüge zu je hundert Litern. Jesus lässt sie bis zum Rand mit Wasser füllen und beauftragt einen Diener, dem Hochzeitsmanager eine Probe zum Verkosten zu bringen. Der probiert und stellt fest: Er hat hier allerbesten Wein vor sich. Das Wasser ist zu Wein geworden. Die Hochzeit ist nicht nur gerettet, sie hat auch einen weiteren Höhepunkt, nämlich einen erlesenen Spitzenwein. Und davon gleich 600 Liter.

Auf den ersten Blick klingt das gar nicht fromm, und 600 Liter Wein riechen nach einem haltlosen Besäufnis. Doch die jüdischen Zuhörer haben die Geschichte sofort verstanden: Der Wein ist ein Zeichen des Friedens, denn sein sorgsamer Anbau setzt Friedenszeiten voraus. Und Wein in Hülle und Fülle, das ist ein Zeichen, dass der Messias, dass der Retter da ist. Das Hochzeitsfest ist der richtige festliche Rahmen um zu zeigen: Jetzt geht`s los, jetzt beginnt die gute Zeit für alle Menschen. Der Evangelist Johannes stellt diese Geschichte an den Anfang seines Evangeliums, weil sie den Grundton für alle folgenden Geschichten über Jesus angibt: Jetzt geht es los mit der Fülle und der Freude für alle. Und sie nimmt kein Ende.

Dieser fulminante Start ist mehr als eine schöne Geschichte. Johannes macht deutlich, was zum Wesen des christlichen Glaubens gehört: Nicht berechnende Kleinlichkeit, sondern freigiebige Fülle, randvolle Gefäße, aus denen frei in Festlaune verteilt wird. Ich bin dafür, dass diese Geschichte vor kirchlichen Treffen und Sitzungen verlesen wird. Damit bei allen Sorgen - und vielleicht auch Ängsten - klar ist, worum es beim Glauben geht: Um Fülle für alle.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34122