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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

28NOV2020
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Wenn Freundschaften sich langsam verflüchtigen, tut das weh. Aber vielleicht sind solche Abschiede manchmal auch normal und gut?

Ich habe mal einen Satz gelesen der sinngemäß Folgendes sagte: „Freunde sind wie Figuren in einem Buch. Sie begleiten einen einige Kapitel und dann beginnt ein neues Kapitel und man schlägt eine neue Seite auf“.

Dieser Satz hat finde ich etwas Trauriges aber auch Beruhigendes. Der Satz „Freunde fürs Leben“ stimmt manchmal, aber eben nicht immer. Da bleiben andere dann auch mal zurück. Und das muss nicht immer was Schlechtes sein. Man kann eben immer nur mit einer begrenzten Anzahl von Menschen intensiven Kontakt pflegen. Der Abschied von Freunden ist oft schleichend. Man redet und sieht sich seltener, irgendwann schläft der Kontakt dann ganz ein. Vor allem im Rückblick ist das dann manchmal schmerzhaft. Aber dennoch ist das doch immer noch besser als ein klarer Schnitt, als das „Zerbrechen“ der Freundschaft – oder?

Der Figur Hiob in der Bibel geht es schon so. Als er schwere Schicksalsschläge erleben muss, kommen Freunde, die ihm helfen wollen sein Leben zu verstehen. Leider hilft ihr Rat ihm nicht weiter. Da gehen sie schließlich wieder. Diese Kapitel seines Lebensbuches werden geschlossen. Später in seinem Leben hat Hiob neue Freunde die ihn ein neues Stück seines Weges begleiten.

Freunde verlassen einen oder man lebt sich auseinander – das ist wohl normal. Im Fluss des Lebens lässt sich das leichter tragen, glaube ich. Kein Knall, kein Fall, sondern ein wehender Abschied in Liebe und Respekt auf unterschiedlichen Lebenswegen.

So großes Leid, wie Hiob es erleben mußte, ist mir Gott sei Dank bisher erspart geblieben. Aber auch ich habe schon Freunde verloren und neue Gefährten gefunden.
Neue Kapitel mit Zeit und Raum für Anfänge. Vielleicht nur für einen kurzen Abschnitt, vielleicht aber auch noch einige Kapitel länger. Und so kann ich in Liebe, Dankbarkeit und mit einem Hauch Melancholie zurückblicken.

Das ist es, was den Abschiedsmonat November auszeichnet. Auch mal Zeit zu haben das ein oder andere Kapitel zurück zu blättern im Lebensbuch. Manchmal kann man wieder anknüpfen an alte Freundschaften.

Schöne Stunden beim „Schmökern“ wünscht Ihnen Florian Gärtner, Landau, Ev. Kirche

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27NOV2020
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Herbst heißt Abschied. Durch die Jahreszeiten sind wir ja eigentlich geübte Abschiednehmer. Und doch fühle ich mich bei Abschieden oft, als wäre ich immer noch ein Anfänger. Aber zum Glück habe ich auch die Erfahrung der Wiederkehr.

Nicht das ich Abschiede liebe, aber ich weiß im Lauf der Jahreszeiten wechseln sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter ab und folgen aufeinander. Nach Abschied, Ruhe und Starre jetzt im November kommt wieder Aufbruch und Genuss im Frühling und Sommer.

Mein Kollege aus Korea drückte es besonders verheißungsvoll aus. Er sagte anstatt Frühling - „Aufbruch“. Es kommt wieder ein Aufbruch!

Diese Gewissheit im Abschied macht mir so manchen tristen Novembertag erträglicher. Und oft denke ich dann an das Versprechen das Gott gegeben hat:
„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Gen 8,22)

Dieser Satz trägt mich durch den November,  durch den ganzen Herbst. Durch die Jahreszeit des Abschiedes. Auf die Saat folgt die Ernte, auf den Sommer der Winter und nach der Nacht kommt wieder ein Tag.

Dieser Rhythmus, die Regelmäßigkeit trägt mich durch das Jahr und macht es mir leichter Abschied zu nehmen. Und so wird man zum Profi im Abschiednehmen im Laufe des Jahres. Mir hilft das Versprechen Gottes, auch in Abschieden das Besondere und Schöne wahrzunehmen.

Die bunten Blätter im Herbst, aber auch im übertragenen Sinn zum Beispiel das Erwachsenwerden der Kinder. Was sich für mich eher wie ein Abschied anfühlt, ist für die Kinder ein sich Weiterentfalten. Sie entwickeln ihre Persönlichkeit, sie blühen auf. Und nicht mehr lange, dann können sie ihren Weg selbständig gehen. Abschied ist eben auch Aufbruch. Ohne Abschied kein Anfang.

Und so ist das Jahreszeitenrad irgendwie auch wie ein Zirkeltraining für Aufbruch und Abschied. Manchmal schmerzhaft und mit Muskelkater verbunden, aber dennoch stärkend für den Lebenskreislauf.

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

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26NOV2020
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Als er 14 war, freute er sich darauf, bald 16 zu werden. Als er 16 war, konnte er seine Volljährigkeit kaum erwarten. Die Zwanziger waren eine gute Zeit, frei und unbeschwert. Es folgten Kinder und die Erwartung, dass sie größer und selbständiger werden. Nun, mit Mitte vierzig, hat sich etwas verändert. Holger wartet immer weniger. Oder besser: er erwartet immer weniger – dafür nimmt er Abschied.

Irgendwann, so hat er mir gesagt, wurde ihm klar, dass das Warten auf das was kommt ihm ganz die Sicht auf das Jetzt versperrt hat. Erst jetzt, in der Mitte seines Lebens – er meinte so nett „Nenn es halt Midlifecrisis“ – wurde ihm klar, dass er nun eher auf das Ende „wartet“. Er wirkte gar nicht ängstlich oder depressiv, als er das gesagt hat.

Ich denke er meinte damit, dass alles, worauf er früher gewartet hat nun erreicht ist und sich in der eigenen Biographie jetzt der Blick auf das eigene Ende richtet – auch wenn er hofft, dass es noch lange dauert bis dahin.

Außerdem ist ihm klar geworden, dass er sich doch von einigem verabschieden muss: „Jüngster Minister werde ich nicht mehr. Bester Fußballspieler auch nicht. Von all dem kann ich Abschied nehmen“.

Aber auch das klang aus seinem Mund irgendwie nicht traurig, eher realistisch und ruhig. Als ich ihn darauf angesprochen habe, lächelte er und sagte: „ Ja, weißt du, erst habe ich viel gewartet – nun ist einiges schon vorbei – jetzt kann ich vielleicht lernen das „Jetzt“ zu sehen. Das hier und jetzt ohne die Verantwortung für das Gestern und das Morgen zu vergessen.“

Ich war ziemlich beeindruckt. Früher hatte ich Holger eher gehetzt, ja getrieben erlebt. Jetzt klangen seine Worte eher schon weise, ja er hatte etwas Entspanntes. Und ich habe mich an den Prediger Salomo erinnert. Seine Worte sind in der Bibel überliefert: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“ (Prediger 3,1).

Es gibt für alles die richtige Zeit. Diese Weisheit macht das Abschiednehmen leichter. So kann man intensiver in der Gegenwart leben.

Bei Holger jedenfalls scheint es so          und gerade deshalb haben wir seinen 45sten wild und ausgelassen gefeiert. Als wenn es kein Morgen gäbe – so wie früher.

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25NOV2020
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Frauen auf der ganzen Welt leiden unter Gewalt: Sie werden für vermeintliche Fehler verprügelt oder sogar ermordet, verstümmelt oder vergewaltigt. Auch bei uns in Deutschland. 

Und offensichtlich war das schon immer so. Sogar die Bibel erzählt folgende Geschichte: Einmal war Jesus im Tempel. Er hat dort gepredigt und viele Leute waren da, um ihm zuzuhören. Plötzlich hörten sie Lärm: Eine Gruppe von Lehrern und Gelehrten kommen auf Jesus zu. Sie ziehen eine Frau mit sich. Als sie bei ihm ankommen, schreien sie wütend: „Wir haben die hier erwischt, als sie ihrem Ehemann fremdgegangen ist. Sie muss gesteinigt werden – so will es das unser Gesetz!“ Die Umstehenden haben genickt und zustimmend gerufen. Manche haben sich schon nach Steinen gebückt. Die Frau hatte vermutlich Todesangst. In jedem Moment könnte der erste Stein sie treffen.

Da richtet sich Jesus auf. Mit lauter Stimme durchbricht er den Lärm: „Hört damit auf! Wer noch nie im Leben einen Fehler gemacht hat, der werfe den ersten Stein.“ Da haben einige ihr Steine fallengelassen. Sie haben sich umgeschaut und schließlich haben sie murrend den Platz verlassen, einer nach dem anderen.

Diese Geschichte ist fast 2000 Jahre alt – doch das Thema ist noch immer aktuell:
Auch in unserem Land heute ist jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen, sagt die Polizeistatistik. Die Dunkelziffer ist wohl noch viel höher, was auch daran liegt, dass nicht jeder Übergriff lebensbedrohlich ist oder sichtbar durch blaue Flecken und gebrochene Knochen. Auch psychische Gewalt, wie Stalking oder Belästigung verletzen tief und dürfen deshalb nicht verharmlost werden.

Heute, am 25. November, ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Menschenrechtsorganisationen nutzen ihn, um auf das Thema aufmerksam zu machen, damit wir alle hinschauen und zuhören, wo Frauen und Mädchen Gewalt erfahren – und dann Hilfe suchen oder einschreiten, wo wir es können.

So wie Jesus. Der hat die Not der Frau gesehen, das Unrecht benannt und sie vor der rasenden Wut der Männer beschützt. Er hat ihr damit das Leben gerettet. Für mich ein Vorbild – auch noch heute.

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24NOV2020
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Am Sonntag ist es so weit: Wir können die erste Kerze am Adventskranz anzünden. Die Vorfreude darauf werde ich schon heute so richtig auskosten, wenn ich meinen Adventskranz binde. Mit duftendem Tannengrün, dicken Kerzen und glitzernden Kugeln.

Dabei war der Adventskranz ursprünglich ganz spartanisch. Ein Mann namens Johann Hinrich Wichern hatte vor etwa 180 Jahren die Idee dazu. Wichern war Pfarrer und kümmerte sich sehr um notleidende und verwahrloste Kinder. Er gründete ein Kinderheim für sie in einem großen Bauernhaus im Hamburg. Den Kindern ging es dort gut, aber trotzdem erschien ihnen der Winter dunkel, kalt und unendlich lang. Immer und immer wieder haben sie gefragt „Wann wird es denn endlich Weihnachten?“

Da hatte Wichern die Idee: Er holte ein altes Wagenrad aus der Scheune und steckte darauf Kerzen: kleine rote für die Tage bis Weihnachten und dazwischen vier große weiße Kerzen für die Adventssonntage. Jeden Tag konnten die Kinder eine Kerze mehr anzünden. Der dunkle Advent wurde so heller und heller, das Warten auf Weihnachten immer kürzer und die Vorfreude größer.

Mit den Jahren hat sich der Adventskranz verändert: Die kleinen Kerzen ließ man weg. Und statt eines Wagenrads wurden Kränze aus Tannenzweigen gebunden – duftend und grün, als Zeichen des Lebens, während die Natur draußen eher karg und tot scheint.

Noch später kamen dann Kugeln und Kitsch hinzu. Und ich muss sagen: Ich mag das. Es spiegelt das Kerzenlicht noch heller und bringt den Glanz und die Freude von Weihnachten schon jetzt ein bisschen näher.

Gerade in diesem Jahr brauche ich das. Wo der Advent so anders wird und wir auf so vieles verzichten müssen. Sorgen und Ängste haben den tristen November noch dunkler gemacht. Da sehne ich mich besonders nach der Freude der Weihnachtsbotschaft: Christus, das Licht der Welt, wird geboren und macht das Leben hell:
Vor 2000 Jahren im dunklen Stall. Vor 180 Jahren für die Kinder in Wicherns Bauernhaus. Und für mich – auch in dieser dunklen Zeit. Die Kerzen am Adventskranz erinnern mich daran.   

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23NOV2020
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Heute vor 100 Jahren kam der Dichter Paul Celan zur Welt in Czernowitz in der Bukowina. Er war Jude – wie seine Eltern. Als 1941 deutsche Truppen in seiner Heimat einmarschiert sind, wurde die Familie zunächst in ein Ghetto gesperrt. Etwas später kam Celan in ein rumänisches Arbeitslager, seine Eltern wurden ins KZ deportiert.
Als er nach Kriegsende zurückkehrte, fand er das Haus seiner Eltern leer. Der Vater war im Lager ums Leben gekommen, die Mutter wurde erschossen.

Dieser Verlust und die unvorstellbaren Schrecken, die Celan in den Ghettos und Lagern gesehen hatte, haben ihn nie wieder losgelassen. Er hat sich gefragt: „Wie konnte so etwas möglich werden? Wo war da Gott?“. Auch in seinen Gedichten, stellt er sich diese Frage. Eines berührt mich besonders. Da heißt es: 

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.

Für mich heißt das: Gibt es etwa gar keinen Gott, der die Menschen geschaffen, geknetet hat? Ist da einfach niemand? Denn: Wenn es einen Gott gibt, dann hätte er doch diese Verbrechen verhindern müssen.

Immer wieder stellen sich Menschen diese Frage. Ich mir manchmal auch, wenn ich an die Kriege und Verbrechen denke, die noch heute überall auf der Welt begangen werden. Eine echte Antwort darauf finde ich nicht.

Aber einen Trost: Ich glaube als Christin daran, dass Gott das Leid kennt. Er hat ja selbst mitgelitten, als sein Sohn am Kreuz gestorben ist. Ich glaube deshalb: Gerade in der größten Not ist Gott den Menschen ganz nah.

Paul Celan konnte das nicht glauben. Aber trotz allem dichtet er weiter: „Gelobt seist du, Niemand.“ Er spricht diesen Niemand direkt an, als ob das sein Name wäre, als ob da doch einer wäre. Paul Celan nennt ihn nicht Gott, aber er hofft, dass dieser Niemand ihn hört und das Leiden der Menschen sieht, sodass sie mit all dem Schrecklichen in der Welt nicht allein sind. Vielleicht ist schon das sein Trost.

 

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