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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

24MAI2022
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„Altern ist ein außergewöhnlicher Prozess, bei dem Sie zu der Person werden, die Sie immer hätten sein sollen.“ Das ist ein Satz von David Bowie. Ich habe ihn von einem Patienten gehört, der gerade einen Zeh verloren hat.  Es ist schlimm für ihn. Er muss mit vielem klarkommen, auch damit, sehr eingeschränkt zu sein.

Und er sagt: „Die Zeit vor der Operation, die war am Schlimmsten. Wochenlang hat sich alles im Kopf gedreht und ich habe über Gott und die Welt nachgedacht.  Und ich habe mich gefragt, was David Bowie wohl meinte, als er sagte: „Altern ist ein außergewöhnlicher Prozess, bei dem Sie zu der Person werden, die Sie immer hätten sein sollen.““

Der Mann ist nicht wirklich alt, er hat die 60 gerade überschritten. Und meint: „Ich habe gemerkt, wie oberflächlich ich oft gewesen bin. Früher, da war ich mit allem möglichen beschäftigt, wollte weiterkommen und mir war so vieles andere ganz egal. Es ging um mich, ums Geldverdienen und mein Glück, was auch immer das ist. Jetzt lieg ich hier im Krankenhaus und habe viel Zeit, und frage mich: Wofür habe ich das alles gemacht? Was ist wirklich wichtig im Leben?“

„Altern ist ein außergewöhnlicher Prozess, bei dem Sie zu der Person werden, die Sie immer hätten sein sollen.“  Auch ich frage mich:  Als welche Person hat Gott mich denn gedacht?  Was hält mich davon ab, zu dieser Person zu werden? Der Patient hat noch ein paar Jahre zu arbeiten. Mit Handicap und vielleicht reifer. Seine Gesundheit, die wird nicht wieder völlig gut. Aber er ist ER, auch mit Krankheit. Und er meint: „Vielleicht bin ich mir selber sogar mehr auf die Spur gekommen.  Es tut gut, nicht mehr den ganzen Ehrgeiz zu haben, sondern zu merken, worauf es wirklich ankommt.“

Am Ende sagt er: „Wenn andere mich bedauern, werde ich sagen, ich habe was verloren, aber ich habe auch was gewonnen. Ich habe gelernt, nicht aufzugeben. Und gespürt, dass es guttun kann, mit Gott zu sprechen. Gerade jetzt waren bestimmte Menschen wichtiger denn je - und helfen mir, weiterzumachen und mehr der Mensch zu werden, der ich sein darf. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen, von Gott geliebt.“

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23MAI2022
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Ich glaube es nicht.  Hier war ich doch schon mal. Ich weiß nicht, warum mir das wieder passiert.  Ich ahne es, dass die Richtung falsch ist. Trotzdem höre ich auf das Navi und das sagt: Abbiegen. Es dauert nicht lange, da weiß ich - das war´s nicht. Ich fahre im Kreis und versuche es erneut. Immerhin sehe ich dabei auch einiges Neues: Dass hier ein netter Brunnen ist, das wusste ich gar nicht, und den Bäcker hier an der Ecke, den kannte ich auch nicht. Trotzdem: ein blöder Umweg! Hoffentlich komme ich noch pünktlich zum Termin.

Ein Lehrer von mir, der sagte es so: Umwege erweitern die Ortskenntnis.  Netter Spruch, aber manchmal sind Umwege einfach nur ärgerlich. Als ich mich mal verirrt habe beim Joggen, da war das gar nicht lustig. Und als ich mal im Nebel einen Vortragsort nicht fand, da konnte ich mich auch nicht über den Umweg freuen.

Zu Fuß, mit Fahrrad oder im Auto; Irrwege und Umwege gibt es. Auch im echten Leben. Zum Beispiel, wenn eine Beziehung anders verläuft als gewollt. Oder eine Arbeit braucht eine anstrengende Neuorientierung. Manchmal irre ich mich. Oder habe mich verkalkuliert. Lebenswege sind nicht immer glatt oder führen geradewegs zum Ziel. Und dann denke ich an diesen Lehrer. Denn sein Spruch bleibt bei allem Ärger trotzdem wahr: Umwege erweitern die Ortskenntnis. So habe ich es zumindest in meinem Leben erfahren: Als ich mich im Studium noch einmal für ein anderes Fach entschieden habe, da habe ich zuerst gedacht: Ich habe Zeit verloren.

Dass ich manches davon später gut gebrauchen konnte, wurde mir erst viel später klar. Oder eine Zeit der Krankheit. Völlig unnötig und schwer. Aber im Nachhinein kann ich sagen: mein Körper wollte mir was sagen. Versuch es mal anders – für mich ein Umweg, der mich woanders hingeführt hat als zunächst gewollt, aber nicht unnötig war.

An dem Tag im Auto, ja -  da habe ich ziemlich geschimpft, weil der Umweg mich aufgeregt hat. Aber nach meinem Termin und nach dem ganzen Stress, da bin ich zu dem neuentdeckten Bäcker gefahren und habe mich mit einer frischen Brezel an den schönen Brunnen gesetzt. Und habe gedacht: wäre ich nicht falsch gefahren, wäre mir ganz schön was entgangen.

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