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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

02FEB2023
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Vorm Sportstudio sind auf einmal alle Parkplätze belegt. Der Trainer meint: „Lauter gute Vorsätze. Das wird schon bald wieder leerer.“

Viele Menschen nehmen sich immer wieder etwas vor, nicht nur im Januar-  ich auch. Zum Beispiel: immer den Schlüssel an dieselbe Stelle legen. Oder immer früh loskommen, damit ich nicht hetzen muss. Viel nehme ich mir vor für die Gesundheit, nicht alles gelingt. Der Tag heute lässt mich neu darüber nachdenken.

Er heißt Mariä Lichtmess, und in Frankreich heißt der Tag in Anlehnung an Kerzenlicht La Chandeleur. Außerdem ist das der sogenannte Tag des Crêpe. Auch in Frankreich ist dieser Tag vierzig Tage nach Weihnachten ein Lichterfest: Aber warum werden an diesem Tag Crêpes gemacht? Manche vermuten, weil Pfannkuchen wie eine Sonne aussehen, und damit ursprünglich eine Bitte um ein sonniges Jahr mit viel Getreide verbunden war. Ich liebe Pfannkuchen, aber bisher haben sie für mich nicht zur Liste von guten Vorsätzen gehört. Eher zum Scheitern von Vorsätzen – wenn ich nicht widerstehen kann.

Ob man deswegen unzufrieden ist oder sich mit einem Pfannkuchen tröstet -  ich finde, dieser Lichtertag heute ist eine gute Sache, um mit Vorsätzen und mit Scheitern umzugehen. Denn ein Pfannkuchen ist eine runde Sache und kann mich daran erinnern, auch wenn´s nicht rund läuft: Nicht aufgeben! Und bei allen Vorsätzen die Basis nicht vergessen: Beim Pfannkuchen der Teig, der auch ohne viel Aufhebens satt macht. Was mir sonst noch gelingt, an Puderzucker oder Apfelmus, an Schokoladigem oder Salzigen, das wird im Jahr immer wieder neu zu schauen sein. Der Tag des Crêpe erinnert mich: wenn die Basis stimmt, dann ist viel Spielraum möglich. Meine Vorsätze kommen als Bonus dazu.

Ich will mir Gutes vornehmen und trotzdem gnädig bleiben mit mir und anderen.  Und dabei kann Gott meine Vorsätze mit viel Gnade umhüllen. Mit seiner Hilfe wird es gut, wie ein Liedvers es sagt: „Gott wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein“ – wenn das nicht nach einem guten Pfannkuchen klingt!

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01FEB2023
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Die heilige Brigid von Kildare. Heute ist ihr Tag, denn heute vor 1500 Jahren soll sie gestorben sein. Sie ist Schutzpatronin von Irland. Sie macht deutlich, dass Religionen ganz anders sein können. Nämlich tolerant, offen, dankbar und menschlich -  und nicht, indem sie Menschen ausschließen oder Macht suchen.

In Irland lebten die Kelten. und in der Zeit von Brigid wurde das Christentum immer einflussreicher. Das hat zu der Frage geführt: wer gehört dazu und wer nicht?

In dieser Zeit wurde die Druidentochter Brigid Christin und ist bis heute in die Geschichte eingegangen als Heilige, aber auch als Göttin, Poetin, Heilerin. Man weiß nicht viel über sie. Sie soll Wasser in Bier verwandelt haben und vieles mehr – eine Fülle von Legenden. Was aber tatsächlich stimmt, ist vielleicht dieses: Die Kelten haben in Jesus Christus ihr Licht erkannt, ohne alles über Bord zu werfen, was ihnen vorher wichtig gewesen ist.

Besonders die Natur ist ihnen immer schon heilig gewesen und wäre es nach ihnen gegangen, hätte sie nie derart ausgebeutet werden dürfen. Für sie ging es nicht um Unterdrückung und Macht, sondern sie haben in Jesus Gottes Liebe, und Heilung und ein Miteinander von Mensch und Natur gesehen. Brigid ist auch bekannt geworden für ein Licht, ein ewiges Feuer – aber vieles hat anderen Menschen, die Macht suchten, nicht gepasst. So ist dieses Feuer der Brigid ausgelöscht worden. Aber nicht für immer: vor 30 Jahren ist es in Afrika auf einer Konferenz zu Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechten wieder angezündet worden.

So, wie die Bibel sagt, das Gottes Liebe niemals aufhört, so brennt auch ihr Feuer weiter. Das Gute lässt sich nicht unterkriegen - auch mit Macht und Intoleranz nicht. Menschen überall auf der Welt entdecken die keltische Spiritualität wieder neu. Und erkennen, wie sehr wir Teil der Natur sind, und dass wir -  wie Brigid -  ohne Schubladendenken einfach suchen können, was der Schöpfung und dem Frieden dient.

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31JAN2023
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Meine Kinder haben neulich mal wieder gepuzzelt. 1000 Puzzleteile! Erst einmal war nur der Rand fertig. Immerhin! Aber wie das Leben so spielt, war dann keine Ruhe mehr zum Puzzlen und das unvollendete Werk wurde wieder zerstört. Man konnte kaum ahnen, dass es das Schloss Neuschwanstein werden sollte.  1000 bunte kleine Puzzleteile und wieder sieht es aus, als wäre nichts zusammenhängend. Ich musste an den englischen Ausdruck falling into pieces denken: alles fällt in Stücke. Wie in einer Situation, in der nichts mehr passt. Wenn sogar der Rahmen zu Bruch geht - das, was einem Halt gegeben hat.

So war es für einen Mann, den ich im Krankenhaus kennengelernt habe. Sein Vater war gerade verstorben und er hat sich gesorgt, wie es für die Mutter weitergehen sollte. Gerade hat man das Leben im Griff, hat sich seinen Rahmen zusammengepuzzelt, und dann fällt alles auseinander. Wie kann da wieder etwas zusammengefügt werden? Das scheint in so einer Situation unmöglich.

Im Englischen gibt es aber auch den gegenteiligen Begriff: Falling into place. Zusammengefügt werden. Gleichsam wie durch Zauberhand passt etwas zusammen. Manchmal erlebe ich das: Wo erst der Boden unter den Füssen weggezogen worden ist und etwas zerbrochen ist, da geschieht etwas und zwei Puzzlestücken passen unverhofft zusammen. Ein Anfang! Für diesen Mann waren es zwei Erfahrungen. Eine Nachbarin ist zu einer unerwarteten Helferin geworden. Sie besucht die Mutter nun jeden Tag.  Und er selber als Sohn, der seinen Vater sehr vermisst, hat beim Aufräumen ein Buch gefunden. Darin hatte der Vater seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben. Immer wieder scheint es beim Lesen so, als würde der Vater direkt zu ihm sprechen.

Das Leben ist nicht heil und das Puzzle nicht vollständig, das wird es vielleicht erst nach unserem Tod sein. Aber für ihn ist Gott sei Dank etwas Heilsames passiert– Fragmente fügen sich zusammen. So kann ich es auch hoffen mit Blick auf die vielen kleinen Puzzleteile bei mir zuhause: Da kommt etwas zusammen. Und das Bild wird schön werden.

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30JAN2023
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Ein Kollege hat mir erzählt: Kurz bevor er aus dem Pfarrhaus seiner Gemeinde weggezogen ist, ist ein Nachbar angekommen und hat ihm eine meterlange Liste präsentiert. An der Haustür hat er seine persönliche Liste von Kränkungen vorgetragen, Papier um Papier. Ein nicht gefegter Bürgersteig war ebenso dabei wie zu langes Glockengeläut, ein zu flüchtiger Gruß ebenso wie falsches Parken. Gut 10 Jahre hat er fast jeden Tag aufgeschrieben, was ihn ärgert. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, die Liste zum Übeltäter zu tragen.

Im Deutschen gibt es ein Wort dafür, das heißt „nachtragend“. Wenn ich nachtragend bin, habe ich oft viel und lange an etwas zu tragen. Ich werde es nicht los und trage es mit mir rum. Manchen hilft es, etwas zu Papier zu bringen. Bei diesem Mann aber hörte das Nachtragen damit auch nicht auf. Mein Kollege war erschüttert: Einen so verbitterten Menschen hatte er selten erlebt. Nachtragende Gefühle, die können in einer Seele wirken wie Gift, schleichend, ohne dass einer es merkt.

Es gibt allerdings ein gutes Gegengift. Vergebung. Wenn ich vergebe, dann kann ich die Last ablegen, die ich nachtrage. Und die guten alten Qualitäten wie Barmherzigkeit, Nachsichtigkeit, Güte und Vergebung im Herzen pflegen. Und wenn es wirklich einen Grund zur Beschwerde gibt, ist auch dieses wichtig: Miteinander zu reden. Auch Wut darf man haben – aber möglichst nicht jahrelang anstauen. Damit ein Nachbar nicht irgendwann aus allen Wolken fällt, dass ein Anderer einen solchen Groll angesammelt hat, und so viele Kränkungen nachträgt. Statt verbittert zu werden besser früher miteinander reden. Ab und zu räumt das manches Missverständnis aus dem Weg, und spart Tinte und Papier.

Ich habe durch diese Geschichte selber angefangen zu schauen, wo ich nachtragend bin. Wo ein Gespräch, eine Geste oder etwas Nachsicht helfen könnte. Und ich hoffe, dass ganz andere Listen entstehen könnten – über das, was wir jeden Tag auch Gutes einander schenken, und wie wir aufrichtig und barmherzig miteinander umgehen können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36982