Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


17SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Sie ist so etwas wie ein weiblicher Superstar des Mittelalters: Hildegard von Bingen. Zu ihrer Zeit im 12. Jahrhundert ist sie vieles gewesen: Klosterfrau, Dichterin, Komponistin, Ärztin, Seelsorgerin. Die deutsche Benediktinerin ist eine ausgezeichnete Theologin, deren Gedanken neue Maßstäbe gesetzt haben. 2012 ist sie von Papst Benedikt zur Kirchenlehrerin erhoben worden.

Der 17. September, also heute, ist ihr Gedenktag.

Hildegard von Bingen gilt als eine der bedeutendsten Frauen der Geschichte.

Heute wird sie häufig werbewirksam als esoterische Kochbuchautorin und Erfinderin sanfter Heilmethoden vermarktet. Aber tatsächlich ist sie eine Universalgelehrte. Sie hat zwei Klöster gegründet. Das ist für eine Frau im 12. Jahrhundert außergewöhnlich gewesen. Sie hat drei umfangreiche theologische Schriften hinterlassen, aber auch geistliche, philosophische, musikalische und naturkundliche Werke.

Hildegard hat sich unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass sie ihr Kloster auf besonders „menschenfreundliche“ Weise geführt hat: Sie hat darauf geachtet, dass es den ihr anvertrauten Schwestern gut geht, dass sie sich gesund ernähren und sich nicht über die Maßen selbst kasteien, wie dies in anderen Klöstern der Fall gewesen ist. Sie hat sich um Kranke und anderweitig Leidende gekümmert. Sie hatte ein ganzheitliches Verständnis von Biologie und Medizin.

Hildegards religiöse und politische Bedeutung beruht vor allem auf ihren Visionen – und darauf, dass diese schon früh Anerkennung der offiziellen Kirche gefunden haben. Sie selbst hat sich gern als „ungebildet“ bezeichnet. Aber weil sie sich für ihre theologischen Aussagen immer wieder auf Visionen berufen hat, hat sie diese gegen die damals herrschende Lehrmeinung der Kirchenmänner abgesichert. Der Meinung, dass Frauen nicht zu theologischen Erkenntnissen in der Lage seien.

Ihr selbstbewusstes und charismatisches Auftreten hat sie zu einem leuchtenden Vorbild für Frauen gemacht. Wahrscheinlich wäre sie als erste Feministin bezeichnet worden, wenn es dieses Wort schon damals gegeben hätte.

Hildegard hat sich selbst „Posaune Gottes“ genannt. Und ich finde, das trifft es gut: die Posaune, ein Instrument, das Gottes Werke dankbar preist. Wobei das Preisen bei Hildegard auch darin besteht, die Schöpfung und ihre Geheimnisse erfahren zu wollen. Was sich in diesem wunderbaren Satz von ihr zeigt: „Und wo im Menschen die Frage nicht ist, da ist auch nicht die Antwort des Heiligen Geistes“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33921
16SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Das habe ich als Kind immer gern gemacht: Eine Pusteblume pflücken, sie noch einmal anschauen und dann pusten. Und schon ist nur noch der Stängel da. Und überhaupt dieses Wunder: Löwenzahn. Erst blühen sie leuchtend gelb. Dann werden sie auch Butterblumen genannt. Wenn dann die Blüten welk werden, verwandeln sie sich in diese wundersamen Pusteblumen. Die Samen der Pflanze bekommen kleine Schirmchen zum Fliegen. Wie sich alles wandelt – wie schon ein kleiner Windhauch alles verändert! Nicht nur der Pusteblume geht es so.

In einem Psalm im Alten Testament der Bibel heißt es:

Ein Mensch ist vergänglich wie das Gras,

er blüht wie die Blume auf dem Feld:

Ein heißer Wind kommt – schon ist sie fort.

Der Ort, wo sie stand, weiß nichts mehr von ihr. (Ps 103,15-16)

Dass es auch mir selbst so gehen soll, das ist schon schwerer verdaulich. Mein menschliches Leben soll sein wie Gras? Irgendwann einfach nicht mehr da? Natürlich weiß „man“ das, aber schön fühlt es sich irgendwie nicht an. Vielleicht sogar ein bisschen beängstigend.

Vieles wird deshalb darangesetzt, dieses beängstigende Gefühl zu vertreiben. Möglichkeiten dazu gibt es genug.

Etwas anderes ist es, sich diesem „Sein wie Gras“ zu stellen. In einem anderen biblischen Buch tut das der sogenannte "Prediger". Er beschreibt es so: „Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch." (Koh 1,2)

Er hat beobachtet, was Menschen auf der Erde tun und kommt für sich zum Schluss, dass alles vergeblich ist. Es kommt ihm vor wie das Jagen nach dem Wind. (Koh 1,14) Er entschließt sich, das Leben zu genießen und glücklich zu sein. Aber selbst das kommt ihm vergeblich vor. (Koh 2,1)

Meine Erfahrungen sind da schon anders. Besonders wenn ich an Wiesen entlanggehe und die vielen verschiedenen Blumen sehe, genieße ich mein Leben. Ich bin glücklich, wenn ich diese Schönheit sehe. Und auch, wenn der Windhauch über die Pusteblume bläst, ist es nicht vergeblich, dass die Butterblume so leuchtend gelb geblüht hat.

„Das alles hat Gott schön gemacht zu seiner Zeit.“ (Koh 3,11) So sagt Kohelet an anderer Stelle. Wie auch: "Überdies hat er die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt." (Koh 3,11). Die Vergänglichkeit des Augenblicks und die Unergründlichkeit der Ewigkeit: Offenbar gehören sie zusammen. Verstehen kann man das nicht. Aber: Ich möchte dem Windhauch nachspüren, den Augenblick kosten, der mir heute geschenkt ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33920
15SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Du kannst doch nicht nur von Luft und Liebe leben!“

Sicher gut gemeint, aber auch irgendwie überflüssig, dieser Hinweis, wenn Menschen zusammen essen und eine Person nur wenig Appetit zu haben scheint. Natürlich weiß jeder, dass wir nicht nur von „Luft und Liebe“ leben, sondern von Brot und einem Dach über dem Kopf.

Aber könnte es nicht guttun, etwas mehr davon zu erleben, wie es ist, „von Luft und Liebe“ zu leben? Wenn ich den alten Schöpfungsmythos lese, ganz am Anfang der Bibel, so erfahre ich: Gott haucht dem Adam, dem ersten Menschenwesen, seinen Atem ein. So wird der Mensch zu einem „lebendigen Wesen“.

Dass der Atem zwar zu mir aber nicht mir gehört, erfahre ich in jedem Augenblick. Denn ich kann ihn nicht festhalten, ich kann mir auch keinen Vorrat anlegen. Wie in einer Litanei, einer ständigen Wiederholung, muss ich Luft holen. Es ist also wie eine „unablässige Luftlitanei“. die durch mich hindurchgeht, der Atem allen Lebens.

Die Dichterin Rose Ausländer lässt die Luft selbst sprechen:

Die Luft sagt

ich bin Luft

Alles was atmet

atmet mich ein und aus

gehört mir

Ich gehöre

Euch eine Weile.

„Alles was atmet“, das erinnert mich an den letzten Vers des Psalms 150 im Alten Testament der Bibel: „Alles was Odem hat, lobe den Herrn!“, heißt es dort. Von der Luft zu leben, die mich durchströmt, das kann der Ursprung allen Gotteslobs sein. Loben als das Urwissen davon, dass Wolken, Luft und Winde kein Besitz sind, sondern unendlich kostbare, kostenlose Erfahrung.

Der Psalm führt viele Instrumente zum Loben auf: Posaunen, Pauken und Zimbeln. Nicht jeder versteht sich darauf. Aber der Atem, die „unablässige Luftlitanei“, ist immer da. Wenn wir es nur zu schätzen wüssten!

Ich bin sehr froh, dass durch umweltbewusstes Handeln und ökologische Maßnahmen die Luft schon viel sauberer geworden ist. Und ich bin überzeugt davon, dass da noch mehr geht. Meine Art zu handeln soll jeden Tag dazu beitragen.

Denn: Ohne Luft können wir nicht leben.

„Alles, was atmet, lobe den Herrn“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33919
14SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Jeden Freitag um 15.00 Uhr: In dem Ort, in dem ich wohne, läuten die großen Glocken. Und in vielen anderen Kirchen auch. Der Glockenschlag zu dieser Stunde erinnert an die Todesstunde Jesu, an sein Sterben am Kreuz.

Kreuze zieren so manchen Berggipfel. An vielen Wegen stehen Feldkreuze. Andere tragen das Kreuz an einer kleinen Kette um den Hals.

In meinem Büro habe ich auch ein Kreuz hängen. Vor ihm halte ich meine Gebetszeiten.

Manchmal frage ich mich, wievielen Menschen wohl die Bedeutung des Kreuzes noch bewusst ist. Oder ob es für manche nicht auch so eine Art religiöser Einrichtungsgegenstand geworden ist oder eine wirkungslose Selbstverständlichkeit, ein Schmuckstück? Dabei ist es doch das grausamste Instrument gewesen, mit dem einem Verurteilten das Leben genommen wurde. Von daher ist es schon auch nachzuvollziehen, dass manche Menschen nichts mit diesem Zeichen anfangen können oder es gar ablehnen.

In den Kirchen feiern wir heute, am 14. September, das Fest des Kreuzes. Es geht darauf zurück, dass die Kaiserin Helena im Jahr 325 das Kreuz Christi wiedergefunden haben soll. Erst danach wurde es zum Symbol der Christen. Für mich ist das Kreuz ein hoffnungsvolles Zeichen. Ich glaube, dass Jesus mich durch sein Leiden am Kreuz und durch seinen Tod erlöst hat. Gleichzeitig ist es für mich auch eine Erinnerung, das Leid in der Welt nicht aus dem Blick zu verlieren. Und da gibt es viel Leid. Da denke ich an die fürchterlichen Überschwemmungen vor ein paar Wochen. Viele Menschen dort wissen immer noch nicht, wie es weitergehen kann. Ich bin dankbar für die vielen Menschen, die dorthin gefahren sind und geholfen haben.

Ich denke auch an die Corona-Pandemie, die immer noch nicht überwunden ist. Die Pflegekräfte in den Krankenhäusern sind nach wie vor im Einsatz, besonders auf den Intensivstationen. Und fast täglich müssen sie erleben, dass sie manchmal doch nicht helfen können. Sehr erschüttert hat mich der Bericht einer jungen Frau, die in den letzten 16 Monaten ihren Vater, einen Freund und auch noch ihre Mutter durch Corona verloren hat.

Da bleibt mir jedes Wort im Hals stecken. Das, was ich in diesen Momenten nur tun kann, ist da sein, zuhören, die Hand halten, auch miteinander schweigen und weinen, die Sprachlosigkeit und die Verzweiflung miteinander aushalten. Und auch ein Gebet sprechen.

Wenn ich dann zu Hause bin, setze ich mich vor mein Kreuz im Büro und halte Jesus meine leeren Hände hin. Und meistens spüre ich dann, dass ich neue Kraft finde im stillen Sitzen vor dem Kreuz. Heute auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33918
13SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Zerzaust die Haare. Die Straße voller Blätter. Ein Rauschen in der Luft.

Im Herbst, wenn der Wind weht, lassen Kinder gerne ihre Drachen steigen.

Wenn er allerdings zum Sturm wird, und dabei seine ganze Kraft und Gewalt zeigt, kann er Angst und Schrecken auslösen.

Zwiespältig ist es, das Wehen des Windes zu erfahren. Und manchmal unheimlich. Kein Wunder also: Wenn wir dem Wind ausgeliefert sind, spüren wir, dass wir das Leben nicht in der Hand haben. Es ist ein Gefühl „schlechthinniger Abhängigkeit“; so hat es der Theologe Friedrich Schleiermacher ausgedrückt. Für ihn das Wesen von Religion.

Dass Gott selbst sich im Wind zeigen kann, hat in vielen Religionen Ausdruck gefunden. Auch in der Bibel. Im Anfang der Schöpfung ist „Tohuwabohu“. Und „Braus Gottes“ über den Wassern. So hat der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber versucht, den hebräischen Charakter der Bibel in die deutsche Sprache zu fassen. Was ist das für ein „Braus Gottes“, der die Erde und den Himmel, das Land und das Wasser werden lässt? Der den Menschen ein lebendiges und atmendes Wesen sein lässt? Es ist Gottes guter Geist. Er bewirkt das neu Werden und er ist kreativ tätig. Immer wieder wird er als Brausen des Windes dargestellt.

Auch Jesus nimmt das Bild vom brausenden Wind auf, als in der Nacht ein Mann zu ihm kommt und ihm Fragen stellt. Dieser Mann hatte ein Gespür dafür, dass Jesus eine tiefe Verbindung mit Gott hat. Und er möchte mehr darüber erfahren. Was hat es auf sich mit diesem besonderen Lehrer? Wie kann er so viele Menschen begeistern? Und Jesus spricht vom Wind: „Der Wind

weht, wo er will, du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.“ (Joh 3,8) So ist es, sagt Jesus, wenn ein Mensch von neuem geboren wird, auch wenn er längst erwachsen ist. Die Spuren solchen Neu-Werdens sind zu spüren, auch wenn sie nicht zu sehen sind.

Wo der Wind hindurchfährt, da wird etwas neu. Der Braus Gottes ruft nicht nur am Anfang ins Leben. Heute könnte es ein Anfang sein, die Sehnsucht nach diesem Wind zu spüren. So wie die Dichterin Hilde Domin es vielleicht verstanden hat:

„Wer es könnte

die Welt hochwerfen

dass der Wind

hindurchfährt."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33917
31JUL2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Wer seinen eigenen Weg geht, dem wachsen Flügel“. Diesen Satz aus dem Buddhismus habe ich auf einer Karte gesehen. Der abgebildete Weg führt über einen Holzsteg mit Geländer zu einem Leuchtturm. Vielleicht ist damit die Erleuchtung gemeint, die Menschen suchen.

Seit fast anderthalb Jahren frage ich mich immer wieder mal, was mein Weg mit und durch die Pandemie ist. Ich frage mich auch, wie wir unser Leben gestalten können, wieviel Abstand und wieviel Miteinander jetzt möglich und nötig ist. Ich bin mir durchaus unsicher, ob jetzt die richtige Zeit ist, im Urlaub ins Ausland zu fahren oder ob, wenn überhaupt, Urlaub in Deutschland der bessere Weg ist.

Fast jeden Tag bin ich mit unserem Hund unterwegs. Wenn ich zurück komme, fühle ich mich meistens richtig gut. Stark. Getreu dem Motto ‚Mach deinen Körper stark‘. Denn mit einem starken Körper bin ich ja auch meinen seelischen Belastungen besser gewachsen.

Doch in letzter Zeit fühle ich mich manchmal so ganz anders. Neulich dachte ich beim Laufen an die Geschichte von den Fröschen, die in den Milchtopf gefallen sind. Der eine meint, alles Strampeln ist vergeblich. Und geht unter. Der andere strampelt und strampelt bis die Milch zu Butter geworden ist und er aus dem Topf springen kann. Ich fühle mich manchmal wie der erste Frosch. Alles erscheint dann so sinnlos. Natürlich weiß ich, welchen Sinn es hat, dass ich die AHA-Regeln befolge. Aber mein Gefühl sagt mir: Das ist alles zu viel. Das schaffe ich nicht. Das schaffen wir nicht. Und ich denke an so viele, die ihren Sport oder ihr Hobby lange nicht ausüben konnten: Tanzen, Schwimmen, Fußball oder andere Mannschaftssportarten oder das Singen. Sie alle haben es schwer. Oder wie mag es wohl den Menschen gehen, die nun schon seit einem Jahr in einer kleinen Wohnung wohnen oder gar keine Wohnung haben.

Ich denke an die Menschen in den Flüchtlingslagern. Zum Beispiel die Menschen aus Burundi, die in Tansania Zuflucht gefunden haben. Und die nun auf engstem Raum und unter ganz schlimmen Bedingungen leben müssen. Denn in ihrer Heimat gibt es nicht enden wollende politische Unruhen. Und Covid 19 fragt auch dort nicht nach Ländergrenzen.

Ich schaue nochmal auf die Karte mit dem Leuchtturm und dem eigenen Weg, auf dem einem Flügel wachsen. Sie erinnert mich an das erste Schöpfungslicht. Dieses Licht hat mein Leben hervorgebracht. Gott hat uns geschaffen als Menschen, lebensfähig. Ausgestattet mit allem, was wir zum Leben brauchen, und frei. Und auf unseren Wegen, die wir zu gehen haben, sind wir begleitet von Gottes Licht und Gottes Liebe.

Das hilft mir, mich nicht unterkriegen zu lassen – auch nicht von der Pandemie.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33608
29JUL2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Heute ist der kirchliche Gedenktag von Martha. Kennen Sie nicht? Sie ist die Aktivere von zwei Schwestern, von der die Bibel erzählt (Lk 10, 38-42). Sehr unterschiedliche Schwestern: Martha hat immer etwas zu tun. Sie schmeißt den Haushalt, bewirtet die Gäste und kümmert sich wahrscheinlich um alles. Ob sie arbeitssüchtig ist – ich weiß es nicht. Die biblische Martha ist die Tatkräftigere – Ihre Schwester Maria dagegen ist ganz anders, eher nachdenklich und besonnen. Sie nimmt sich Zeit zuzuhören. Als der berühmte Rabbi aus Nazareth die beiden einmal besucht, da weiß sie nichts Besseres zu tun als sich wie eine Thoraschülerin zu Füßen des Lehrers niederzulassen. Das ist zu ihrer Zeit für Frauen gar nicht vorgesehen.

Die geschäftige Martha aber bringt das in Rage: Sie protestiert, sie beschwert sich bei ihrem Gast, sie verlangt, dass auch ihre Schwester gefälligst mal mit anfasst, um ihn zu bewirten. Doch Rabbi Jesus reagiert ganz anders, als sie erwartet hat. Martha geht in ihrer Hausfrauenrolle auf, ihre eigenen Bedürfnisse stellt sie oft zurück. Maria dagegen will die Chance nutzen, um dazuzulernen, um Gott und die Welt besser zu verstehen. Jesus meint, Maria habe das Bessere erwählt. Damit fällt sie als damalige Frau aus der Rolle, doch das gefällt offenbar dem besonderen Gast.

In Maria und Martha begegnen uns zwei Seelen, die vielleicht in so mancher Brust wohnen: von Frauen wie von Männern. Arbeit und Muße: beides ist wichtig - aber alles zu seiner Zeit! Nur: dass der Arbeitssüchtige sich gerade nicht mehr die Zeit zum Ruhen, Rasten und Bedenken nimmt - vielleicht weil er es gar nicht mehr kann. Er sieht die Stoppschilder und Rastplätze am Straßenrand nicht, sondern rast vorbei, bis er aus der Kurve getragen wird oder erschöpft am Weg liegenbleibt. Maria dagegen weiß, was an der Zeit ist: Zuhören, sich ansprechen lassen, in Beziehung treten.

Entschleunigung heißt, sich Zeit nehmen für wichtige Dinge, die sonst leicht in der Geschäftigkeit des Alltags untergehen. Ruhe zum Beispiel, und sich Zeit für die Begegnung mit anderen Menschen nehmen. Heute ist auch der erste Tag der Sommerferien in Baden-Württemberg. Vielleicht eine Chance mal runter zu schalten, - so erwählen auch wir von Zeit zu Zeit einen „besseren Teil“. In diesem Sinne: Achten Sie auf sich und auf das, was für Sie gerade an der Zeit ist, an Tun oder auch an Gelassenheit, damit der heutige Tag und hoffentlich auch die ganze Ferienzeit für Sie gut wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33607
28JUL2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Überleben. Wie geht das? Überleben trotz widriger Umstände. Wie dies mit Hilfe von Johann Sebastian Bach gelingen kann, das hat James Rhodes erlebt. Er ist heute ein bekannter Konzertpianist. Seit er fünf war, ist er jahrelang sexuell missbraucht worden. Niemand hilft ihm - weder Eltern, noch Lehrer. Was ihn schließlich rettet, ist die Musik. Nicht irgendeine, sondern die von Johann Sebastian Bach. Der kleine James beginnt, Klavier zu spielen. Der Lehrer merkt es sofort: Das Kind ist talentiert. Warum er sich ansonsten so komisch benimmt, weiß niemand. Und das Trauma wirkt weiter. Bereitet ihm seelische und körperliche Qualen. Er hört auf, Klavier zu spielen als er 18 ist, wird Heroin abhängig, ritzt sich, kommt in die Psychiatrie. Dort allerdings beginnt dann das Happy End:

Er hört Klavierstücke von Bach. Und er fragt sich, wie kann jemand so etwas erschaffen? Wenn das möglich ist, dann ist die Welt nicht einfach nur ein Ort mit schrecklichen Menschen. Es muss etwas Größeres und Besseres geben. Er beschließt, weiterzuleben und Konzertpianist zu werden. Und er hat es geschafft! Spielt vor ausverkauften Sälen.

Wie schafft es Bach, tief traumatisierte Menschen mit seiner Musik zu erreichen? Die einfache Antwort: Auch er ist traumatisiert, auch für ihn ist die Musik lebensrettend gewesen. Wir wissen wenig über Bach, aber eins wissen wir. Er wird mit zehn Jahren Vollwaise. Da hat er bereits zwei seiner Geschwister verloren. Unendlicher Schmerz – von Geburt an immer umzingelt vom Tod, der ihm seine Liebsten entreißt. Von seinen 20 Kindern sterben zehn – seine erste Frau stirbt und später ihre Schwester, die mit ihm und den Kindern und seiner zweiten Frau zusammenlebt. Doch er gibt nicht auf. Was ihn rettet, ist die Musik.

James Rhodes hat viel Glück gehabt, er hat Heilung gefunden. Nicht immer geht es so gut aus. In manchen Fällen ist das Trauma des sexuellen Missbrauchs so stark, dass einfach kein Weg zur Heilung zu führen scheint. Da macht es mich traurig, dass Menschen anderen nur zur Befriedigung des eigenen Triebes solches Leid antun und Leben zerstören.

Wo kommt das Licht bei Bach her? Die Hoffnung, die Zuversicht? Der Glaube an ein besseres Morgen hat ihn die richtigen Töne finden lassen, Melodien, die eine therapeutische Bedeutung haben können. Sie wirken. Und die von Bach offensichtlich besonders intensiv.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33606
27JUL2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Irgendwo auf seinem Weg zwischen Beerscheba und Haran holt ihn die Dunkelheit ein. Er macht sich draußen ein Lager und schläft todmüde ein. Im Traum sieht er eine Leiter, die vom Boden bis in den Himmel hinein reicht. Engel steigen auf und ab auf dieser Leiter. Von oben spricht Gott ihn an. “Jakob, das Land, auf dem Du liegst, wird Dir gehören. Und Du wirst viele Nachkommen haben. Ich, Dein Gott, werde Dich immer beschützen.“ Jakob ist erstaunt, dass Gott für ihn da ist. Schließlich ist er auf der Flucht gewesen, weil er seinen Vater und seinen Bruder betrogen hatte.

Dieser Traum, der lässt Jakob auch nicht los, als er aufwacht. Er erschauert. Und sagt sich: Hier ist Gott, und ich habe das nicht gewusst. Für Jakob steht außer Frage: Gott kann sich uns auch durch Träume mitteilen. Nie würde er auf die Idee kommen, zu sagen: Das war doch bloß ein x-beliebiger Traum.

Träume haben eine besondere Würde. Sie können mit ihrer Energie mein Leben verändern. Sie können mir Hoffnung und Zuversicht für meinen weiteren Weg schenken.

Die Geschichte von Jakob und seinem Traum, sie ist schon tausende Jahre alt und in der Bibel aufgeschrieben. Es ist Gott selbst, der die Entfernung zu uns überbrückt. Uns auf diese Weise berührt. Uns nahe kommt.

Eine wunderbare Geschichte. Auch ich habe immer wieder das Gefühl, dass Gott mich berührt. Nicht in einem so großen Traum. Aber wenn ich Gewissheit spüre für meinen Weg und überzeugt Ja sagen kann. Und ja: Ich habe mich berühren lassen.

Weil Gott mich berührt hat, habe ich mich entschieden, mich an ihm fest zu machen. Angefangen als Kind im Religionsunterricht, im Gottesdienst als Messdiener, bis hin zu meiner Entscheidung, Priester zu werden.

Sich fest machen, das ist eines der hebräischen Ur-Worte, die wir in unserer deutschen Sprache mit „glauben“ übersetzen. Ich habe es in meinem Leben nie bereut, mich an Gott fest gemacht zu haben. Jeden Tag spüre ich. dass ich einen festen Halt im Auf und Ab des Lebens habe. Dieser Halt ist eine Geborgenheit, eine feste innere Gewissheit. Ich bin Priester geworden. Und ich bin es gerne. Jeden Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33605
26JUL2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Alles wird gut! Bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe! Der Kunde ist König! Ihr Wunsch ist uns Befehl!“ Mit Sätzen wie diesen bin ich und sind sicher auch viele von Ihnen groß geworden: Am Ende wird alles gut und wir bekommen, was wir uns wünschen. Dass das Leben kein Wunschkonzert und auch kein Ponyhof ist, habe ich dann so nach und nach erst verstanden. Die Erfahrung ist: Es wird nicht alles gut! - Manches bleibt schwierig, schwer oder ärgerlich und mitunter kann es einem sogar richtig schlecht gehen. Ich denke da an die Flutkatastrophe der vorletzten Woche. Vielleicht ist manches schon wieder aufgeräumt. Viele haben jedoch alles verloren, was sie hatten. Da wird eben nicht alles gut. Ich denke an eine junge Frau, die mit drei kleinen Kindern die Diagnose Krebs im Endstadium bekommen hat. Sie wird ihre Kinder wahrscheinlich nie groß werden sehen.

Eines der Merkmale unseres Glaubens ist ja, dass wir auch mit Leid umgehen, manchmal Schweres aushalten müssen, aber auch immer wieder dagegen ankämpfen. Wir vertrauen darauf, dass uns Gott im Leid nicht allein lässt. Überall gibt es zum Glück Menschen, die lieber Nachteile oder sogar den Tod in Kauf nehmen, als sich Unrecht zu beugen, Bosheit gut zu heißen oder die Wahrheit zu leugnen. Im christlichen Kontext nennen wir sie Märtyrer.

Einer der bekanntesten Märtyrer unserer Zeit ist der evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer. Er hat sich als Christ für die Menschen eingesetzt und hat furchtlos dem Unrecht widersprochen, dass die Nazis über die Welt gebracht haben. Dafür ist er hingerichtet worden.

Auch Oscar Romero, der Erzbischof von San Salvador ist ein Märtyrer. Er ist für soziale Gerechtigkeit und politische Reformen in seinem Land eingetreten und hat sich damit in Opposition zur damaligen Militärdiktatur in El Salvador gestellt. Deshalb wurde er am Altar im Gottesdienst ermordet.

Manchmal geht es eben nicht gut aus, aber es ist dennoch gut, solche Geschichten nicht zu vergessen. Vielleicht gibt es noch einen, der ganz zuletzt aus Bösem noch Gutes machen kann. Auch wenn wir nicht in der Situation sind, solche Märtyrer zu werden, brauchen wir manchmal die Courage zu widersprechen, zur Wahrheit zu stehen, anderen Menschen beizustehen und dabei auf eigene Vorteile zu verzichten. Auch gemeinsam wird zwar nicht alles gut, aber es wird vielleicht erträglicher und zugleich zu einem Zeichen, das anderen Mut macht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33604