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30OKT2020
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Vor ein paar Wochen habe ich von einem Freund gehört, dass er positiv auf Corona getestet wurde. Lange hat er vorher seine Frau mit einem Beinbruch versorgt. Als dann Tochter und Schwiegersohn nach einem mehrjährigen Auslandaufenthalt zurückgekommen sind, ist zuerst bei seiner Tochter das Corona-Virus festgestellt worden, kurz darauf ist auch seine Frau erkrankt. Für meinen Freund und seine Familie hat das bedeutet, dass strenge Quarantäne eingehalten werden musste. Und am letzten Tag der Quarantäne zeigte sich auch bei meinem Freund, dass er Corona-positiv ist. Das ist zuerst ein Schreck gewesen, denn am Beginn der Erkrankung weiß ja keiner, wie der Verlauf bei ihm sein wird. Und ob man nach der Genesung wieder ganz hergestellt ist. Der Einkauf und die tägliche Versorgung müssen organisiert und sichergestellt werden, denn er und seine Familie sind ja an ihr Haus gebunden gewesen. Mittlerweile sind er und seine Familie wieder genesen und wieder völlig gesund.

Mir zeigt das, dass niemand sich in Sicherheit wiegen kann. Die täglich aktualisierten Zahlen der Neuerkrankungen sprechen da eine deutliche Sprache. Jeden kann es treffen. Deshalb ist es für uns alle in dieser Zeit wichtig, uns an Regeln zu halten: Abstand, Mund-Nasen-Maske, Hygiene.

Großveranstaltungen müssen abgesagt werden, da hat auch unser Gemeindefest dazugezählt, das wir vor vier Wochen feiern wollten.

Solche Zeiten gehen nicht spurlos an Menschen vorüber. Ich habe den Eindruck, dass die Zahl derer, die einen „Corona-Blues“ haben und am liebsten ausbrechen wollen, steigt. Dabei finde ich es gerade jetzt wichtig, die Regeln zu befolgen und so die Zahl der Neuinfektionen niedrig zu halten.

In vielen Städten ist zu großen Anti-Corona-Demos aufgerufen worden und Tausende haben sich auf den Weg gemacht. „Freiheit“, ist da skandiert worden und die Mindestabstände haben meist keine Rolle gespielt, weil die Pandemie ja vorbei sei und bloß Frau Merkel uns noch an der Kandare halten würde. Ich halte dieses Vorgehen für sehr gefährlich, spielt es doch mit dem Leben der Menschen.

Obwohl Corona gefährlich ist, sind unsere Notfallstationen zum Glück nur mäßig gefüllt und das aus einem einzigen Grund: Weil viele sich an die Regeln gehalten haben.

Ein Faustschlag ins Gesicht derjenigen, die sich mit Corona infiziert und lange im Krankenhaus zugebracht haben. Corona ist sehr real und es macht absolut Sinn, sich an die Regeln zu halten, auch wenn sie mich jetzt einschränken. Ich wünsche mir, heil aus dieser Krise heraus zu kommen. Mit den Regeln ist die Chance dafür einfach größer.

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29OKT2020
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„ICE 372 von Interlaken nach Berlin, fahrplanmäßige Abfahrtszeit 8.57 Uhr. Dieser Zug wird heute etwa 40 min später ankommen.“

So ging’s mir vor kurzem am Bahnhof in Freiburg.

Also warten. Zuerst ein bisschen missmutig, weil mir klar war, dass ich zu meinem Termin in Frankfurt werde rennen müssen um pünktlich zu sein. Dann aber immer gelassener. Schließlich kommt der Zug auch nicht früher, wenn ich mich aufrege.

Leute beobachten am Bahnsteig, das ist etwas, was ich gerne tue. Da sieht man jeden Wartetyp. Den Unruhigen mit zusammengekniffenen Lippen, die Aufgeregte, die leise vor sich hin schimpft und sofort ihr Mobiltelefon zückt und aufgeregt telefoniert, den Unsteten, der ständig den Bahnsteig auf und ab läuft und auf die Uhr schaut, als ob die Zeit dann schneller gehen würde.

Ich selbst bin an einer Stelle stehengeblieben. Und mit der Zeit haben sich meine Gedanken geändert. Statt der Menschen auf dem Bahnsteig, sind es viele Bilder gewesen, die mir durch den Kopf gegangen sind. Fröhliche, traurige, von streitenden Menschen, vom Krieg in Syrien. Und im Stillen habe ich Gott um seine Hilfe gebeten, dass die Menschen dort wieder in Frieden leben können.

Beten und Warten, Warten und Beten?

In unserer eng getakteten Zeit ist für Warten eigentlich kein Platz. „Wo bleibst Du denn so lange, wir wollen doch los!“, hören viele Kinder von den Eltern.

Beim Arzt heißt es: „Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz!“.

Verlorene Zeit? So kann man es sehen. Muss man aber nicht.

Vielleicht ist es sogar geschenkte Zeit.

Beim Warten kann man etwas lesen, zu dem man sonst nicht kommen würde. Oder ich kann über etwas nachdenken, für das ich mir sonst keine Zeit nehmen würde. Manchmal entwickeln sich auch interessante Gespräche mit den anderen Wartenden.

Vielleicht haben Sie ja auch Gedanken, die Sie beschäftigen, die Sie gerne Gott anvertrauen möchten, weil Sie selbst damit nicht weiter wissen. Sagen Sie es Gott so, wie es Ihnen in den Sinn kommt. Das ist beten. Und wenn man warten muss, geht das besonders gut.

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28OKT2020
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Tosend und mächtig braust der Schlussakkord des großen Orchesters, überzeugend hält der Chor seinen letzten Ton. Jetzt winkt der Dirigent ab und nur noch der Nachhall füllt den Konzertsaal. Und dann bricht der Beifall los.

Spätestens jetzt wissen jeder Chorsänger und jede Orchestermusikerin, weshalb sie die Mühen der letzten Tage und Wochen auf sich genommen haben.

Aber seit März ist dieser Beifall verstummt. Im Februar habe ich mir noch nicht vorstellen können, dass es Monate geben wird, in denen kein einziges Konzert, kein Gastspiel, Musical oder Theater stattfindet. Dabei tut es uns Menschen gut, für eine Kulturveranstaltung aus unserem gewohnten Alltag auszusteigen und in die Welt der Musik, des Theaters einzutauchen.

Die Künstlerinnen und Künstler durften nicht proben und eben auch nicht auftreten. Mich hat es gefreut, dass einige von ihnen sehr kreativ geworden sind und zum Beispiel in Autokinos ein Konzert veranstaltet haben oder auch online Konzerte angeboten haben. Schließlich leiden die Künstlerinnen und Künstler sehr darunter, dass sie ihren Beruf quasi nicht ausüben dürfen. Denn außer für die festangestellten Künstler, und das sind die wenigsten, hat das auch bedeutet, dass ihre Einkünfte weggebrochen sind.

Die gesamte Kulturbranche liegt sozusagen am Boden und alle hoffen, dass Konzerte wieder möglich sein werden, bevor die Insolvenz eintritt. Da ist es gut, dass sich unser Staat verstärkt um die Kulturbranche kümmert und auch hier Unterstützung bereitgestellt wird. Nicht nur für die Wirtschaft.

Im Song „Hooray for Hollywood“ heißt es sinngemäß: „Der Metzger, der Bäcker, der Lebensmittelhändler, der Schreiber und viele mehr sind im Geheimen unglückliche Menschen, denn sie werden nur bezahlt für das, was sie tun, bekommen aber keinen Applaus, es gibt nichts schöneres als das Showbusiness, das Künstlersein.“

In diesen Tagen brauchen die Künstler einen langen Atem, dass sie diese Zeit überstehen, denn die Künstlerinnen brauchen Lob oder eben Beifall. Sie müssen seit Monaten darauf verzichten. Dabei ist es dieser Beifall, der sie anspornt, der sie nach neuen Herausforderungen suchen lässt. Da ist es gut, dass es jetzt vorsichtige Zeichen gibt, dass die ersten Konzerte mit wenig Publikum wieder anfangen können, natürlich mit den Hygieneregeln. Doch noch bleiben dabei viele mögliche Plätze leer.

Wenn wir mit unserem Chor und Orchester wieder einmal Beifall bekommen, dann ist für uns klar: Das nächste Mal wollen wir noch besser sein. Dafür proben wir. Natürlich mit Abstand.

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27OKT2020
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„Wenn der Wind des Wandels bläst, bauen die einen Mauern – die anderen Windmühlen.“ Seit vielen Jahren begleitet mich dieses chinesische Sprichwort.

Auf unserer Erde ist nichts so beständig wie der Wandel. Täglich wandelt sich etwas und es kommt darauf an, wie wir damit umgehen.

Viele neue Ideen brauchen Menschen, die sie gut finden, sie bekannt machen, sie Wirklichkeit werden lassen. Ohne diese Windmühlen-Menschen bleibt die Idee kraftlos und schwach. Mit ihnen aber geht es voran.

So hätte es ohne sie keine Demokratie gegeben bei uns, und auch meine alt-katholische Kirche gäbe es nicht, wenn nicht viele sich mit aller Kraft dafür eingesetzt hätten. Und bei uns würden bis heute keine Frauen zu Priestern geweiht, wenn uns bei der Synode 1994 der Mut zur Entscheidung gefehlt hätte. Und wenn in den Gemeinden Mannheim, Augsburg und Münster, in denen sich bisher Frauen als Pfarrerin beworben haben, der Mut gefehlt hätte, wären sie nicht zu Pfarrerinnen gewählt worden. Und es hat mich sehr gefreut, dass unser Bischof als seine Stellvertreterin eine Frau zur Generalvikarin ernannt hat.

Was die Rechte der Frauen angeht, ist in unserer Gesellschaft und den Kirchen noch einiges zu tun. Solange etwa Frauen immer noch weniger für die gleiche Arbeit verdienen als Männer, können wir nicht wirklich von Gleichberechtigung sprechen.

Die Realität zeigt leider auch, dass es bei jeder guten Idee Menschen gibt, die sie ausbremsen, die alles dafür tun, diese Idee nicht Wirklichkeit werden zu lassen, die Mauern aufbauen. In den Köpfen, in den Herzen, manchmal auch mit Steinen. Hinter diesen Mauern geht dann gar nichts mehr weiter, bleibt alles, wie es ist.

Typische Worte, die hinter den Mauern hervorschallen, sind etwa: Das hat es ja noch nie gegeben, das haben wir alles schon probiert, das kann ja gar nicht gehen, wenn wir das machen, wird alles zusammenbrechen.

Diese Bedenken gab es auch bei der Synode 1994. Aber die große Mehrheit der Synodalen hat damalsgespürt, dass es Zeit war, Windmühlen zu bauen und den Weg zur Gleichberechtigung der Frauen auch in meiner alt-katholischen Kirche frei zu machen.

Nur durch Windmühlenmenschen geht es mit Kraft vorwärts, mit ihnen kann sich vieles wandeln, in mir, in meiner Kirche, und in unserer Gesellschaft.

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26OKT2020
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Heute haben in den Schulen die Herbstferien begonnen. Für viele Menschen eine Woche Urlaub, Ferien, Ausruhen. Allerdings gibt es kaum noch unbeschwertes Ausruhen, weil die Infektionszahlen gestiegen sind und wir uns überall mit dem Corona-Virus auseinandersetzen müssen.

Das betrifft auch unsere Gottesdienste. Hygieneverordnungen müssen vorliegen, denn die Hygienemaßnahmen, festgelegte Plätze mit Abstand, Desinfektionsmittel für die Hände und Mund-Nasen-Masken, sind nach wie vor unverzichtbar. Manchmal ist es sogar notwendig gewesen, Leute wieder nach Hause zu schicken, weil die abstandsgerechten Plätze in den Kirchen nicht mehr ausgereicht haben.

Das hat uns in unserer alt-katholischen Gemeinde in Furtwangen dazu gebracht, wenn irgend möglich unsere Gottesdienste im Freien zu feiern. Es ist gut möglich gewesen, weil wir rund um die Kirche ein recht großes Grundstück zur Verfügung haben und so viel mehr Plätze als in der Kirche zur Verfügung stellen können. Obendrein hat es den großen Vorteil, dass wir draußen singen dürfen, während es in den Kirchengebäuden nach wie vor nicht erlaubt ist. Aber gerade das gemeinsame Singen macht für viele Menschen die Seele eines Gottesdienstes aus.

Ich finde es schon verrückt, dass Abstand halten heute das neue Zeichen der Nächstenliebe ist, mindestens 1,5, besser noch zwei Meter. Doch nur so können wir es schaffen, uns gegenseitig zu schützen.

So nehmen wir Pfarrerinnen und Pfarrer unseren Auftrag der Verkündigung eben auf eine andere Weise wahr.

Ich habe zum Beispiel immer wieder kleine Impulse zu den Sonntagen in YouTube gestellt, genauso machen es viele andere. Unser Kirchenkaffee, sonst immer im Anschluss an den Gottesdienst, findet online über die Plattform zoom statt. Da hat es mich sehr gefreut, dass diese Form des Kirchenkaffees sehr gut von der Gemeinde angenommen wird.

Statt Hausbesuchen habe ich viele Telefongespräche geführt. Die ersetzen zwar kein Gespräch, wo man sich wirklich begegnet, aber zumindest bleibt die Verbindung erhalten. Schließlich verzichten viele, die zu Risikogruppen gehören, auf einen Gottesdienstbesuch oder haben vielleicht schon seit Monaten ihre Wohnung nicht mehr wirklich verlassen.

Mir ist wichtig, Menschen immer deutlich zu machen: Wenn sie nicht mehr zur Kirche kommen können, dann kommt die Kirche zu ihnen. Und das soll auch in der Corona-Zeit so bleiben. Nur eben auf neuen Wegen.

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21FEB2020
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Bei mir steht für heute Abend kein Termin mehr im Kalender. Ich freue mich auf einen gemütlichen Abend mit meiner Frau. Wir brühen uns duftenden Tee auf und genießen dazu etwas Süßes.

Wir haben Zeit füreinander und können miteinander ein Spiel spielen. Ohne Leistungsdruck, einfach so, weil es uns Freude macht, gemeinsame Zeit zu haben. Dabei merke ich oft gar nicht, wie die Zeit vergeht. Das erinnert mich an meine Zeit als Kind. Da habe ich auch oft gespielt und habe Raum und Zeit vergessen.

Jetzt können meine Frau und ich in aller Ruhe miteinander reden. Über alles sprechen, was so lange liegen geblieben ist. Wir machen keine Planungen für die nächsten Tage, sondern sprechen darüber, was jeder von uns auf dem Herzen hat. Über fröhliche Momente, die jeder von uns erlebt hat, aber auch über das, was uns traurig gemacht hat. Über Fragen, an denen wir noch knabbern und noch keine Antworten haben. Jeder hört dem anderen aufmerksam zu und lässt ihn ausreden.

Dazu brennen Kerzen und nur wenig elektrisches Licht. Das ist für mich eine heimelige Atmosphäre.

Zeit haben füreinander, nicht mehr hinausgehen müssen in die Kälte.

Leider gelingt uns das viel zu selten. Umso mehr ist es wichtig, wenn’s einmal klappt, ganz da zu sein und nicht schon in Gedanken bei ganz anderen Dingen.

Manchmal geht es auch nur darum, die Hand des anderen zu halten und miteinander still in die Kerzen zu schauen. Zu spüren, dass meine Frau ganz für mich da ist und ich für sie.

Das gibt Kraft, gerade weil es still ist und nicht von allen Seiten alle möglichen Geräusche auf mich einstürmen.

Für mich ist dieses Zusammensein auch ein Zeichen, dass Gott uns seine Kraft schenkt, dass er uns zusammengeführt hat. Es ist nicht selbstverständlich gewesen, dass unsere Lebenswege sich gekreuzt haben. Wir fühlen uns geborgen in den Armen des Andern, aber auch in der großen Liebe, die diesen besonderen Augenblick erfüllt. Diese Momente lassen mich die Gegenwart Gottes spüren, in der Ruhe, in der Stille, und ganz ohne Hektik.

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20FEB2020
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Ich singe gerne und oft. Beim Singen komme ich auf andere Gedanken und fühle mich unbeschwert. Grundgelegt wurde das schon in meiner Grundschulzeit. In unserem Klassenzimmer hat ein Flügel gestanden und unser Klassenlehrer hat uns jeden Tag zu Beginn aufgefordert, uns drum herum zu stellen und dann haben wir gemeinsam gesungen.

Regelmäßig haben wir ein Volkslied in ein Heft geschrieben, das wir dann auswendig gelernt haben. Und in der nächsten Stunde haben wir es dann gesungen. Dadurch habe ich bis heute einen großen Schatz an Volksliedern im Kopf, zumindest die erste Strophe kann ich immer noch auswendig.

Heute höre ich ganz oft von verschiedenen Menschen, sie können nicht singen. Vielleicht hat das früher mal jemand zu ihnen gesagt. Oder sie könnten schon, trauen sich aber nicht, singen vielleicht nur unter der Dusche. Insgesamt scheint es so zu sein, dass heute weniger gesungen wird als früher.

Wenn Menschen miteinander singen, dann fühlen sie sich sicher. Ich erinnere mich da an einige Nachtwanderungen mit Kindern, bei denen sie manchmal lauthals gesungen haben. Da ist die Angst vor der Dunkelheit in den Hintergrund getreten. Ältere Menschen singen gerne Volkslieder, weil sie den Text kennen und sich sicher fühlen.

In der Kirche im Gottesdienst wird viel gesungen. Schon immer haben die Menschen das Lob Gottes in Lieder gefasst. In biblischen Zeiten werden sie Psalmen genannt. Der Kirchenvater Augustinus und auch Martin Luther haben gesagt: „Wer singt, betet doppelt.“

Heute ist so ein Tag, an dem viele Menschen den ganzen Tag singen und feiern. Je nachdem, wo Sie zu Hause sind, ist heute Weiberfastnacht, oder der schmutzige Donnerstag. Der ist der wichtigste Tag der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Seit heute morgen sind die Musikkapellen am Spielen und die Narren am Singen und Tanzen. Die Kinder sind aus der Schule befreit worden und haben am Nachmittag hier in Furtwangen wieder einen tollen Kinderumzug gemacht. Und in diesen Minuten geht bei uns gerade der Hemdglunkerumzug los, der beim Hexenfeuer auf dem Marktplatz endet, wo der letzte Meckerer verbrannt wird. Dabei wird viel gesungen. Und das wird noch viele Stunden so weitergehen.

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19FEB2020
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„Abends wenn ich schlafen geh …“ Mit diesen Worten beginnt ein Abendgebet, das Teil einer Oper ist. Hänsel und Gretel, die von ihren Eltern ausgesetzt wurden, legen sich im Wald zum Schlafen. Vorher bitten sie Gott, dass die Engel sie behüten mögen. Damit ihnen nichts geschieht.

Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer hat da andere Erfahrungen gemacht: „Gebete ändern nicht die Welt.“ Diese Erfahrung teilt er mit vielen anderen Menschen.

„Lieber Gott, mach, dass meine Mutter wieder gesund wird.“ „Lieber Gott, lass mich eine Eins in der Mathearbeit schreiben.“ „Lieber Gott, hilf, dass die Kriege auf der Welt aufhören.“ Doch die Mutter ist noch lange krank, die Arbeit wird eine Vier und statt weniger gibt es immer mehr Kriege. Die Wirklichkeit bleibt scheinbar, wie sie ist.

Manchmal frage ich mich, ob es nicht sinnlos ist zu beten. Dazu passt die folgende Geschichte:

Ein Mensch macht sich auf den Weg zu einem Weisen in der Wüste und bittet ihn: „Lehre mich beten, damit endlich ein Erfolg für mich dabei herauskommt.“ Und er bekommt den Auftrag, mit einem schmutzigen Drahtkorb Wasser zu holen aus dem Brunnen, der einige hundert Meter entfernt ist. Doch jedes Mal ist das ganze Wasser wieder aus dem Korb herausgelaufen, als der Mensch bei dem Weisen ankommt. Und der Weise schickt ihn gerade wieder mit dem gleichen Auftrag auf den Weg. Einige Male macht der Mensch das mit, aber nach dem dritten Mal platzt ihm der Kragen und er sagt zum Weisen: „Das funktioniert doch niemals. Ich kann gehen so oft ich will, in einem Korb kann ich kein Wasser holen, es läuft alles wieder heraus.“ Da sagt der Weise zu ihm: „Du hast zwar kein Wasser zu mir gebracht, aber schau dir den Korb an, er war schmutzig und jetzt ist er ganz sauber geworden. Genauso ist es mit dem Gebet. Auch wenn du beim Beten nicht die Erfahrung machst, dass du Erfolg hast, so gibt dir das Beten doch eine andere Einstellung und eine neue Ausrichtung.“ Soweit die Erzählung.

Beeindruckend an dieser Geschichte finde ich, welche Mühe der junge Mann aufwendet, um Beten zu lernen. Es ist selbstverständlich, dass man sich anstrengen muss, um Lesen und Schreiben zu lernen, Rad fahren oder Schwimmen. Aber Beten soll auf Anhieb gelingen; und falls es nicht klappt, gibt man schnell auf: „Es bringt ja doch nichts, das Beten“.

Das hat auch Albert Schweitzer so erfahren: „Gebete ändern nicht die Welt.“ Nur dass sein Satz noch weiter geht: „Aber Gebete ändern die Menschen und Menschen ändern die Welt.“

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18FEB2020
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Von Leonardo da Vinci stammt der Satz: „Binde deinen Karren an einen Stern.“

Dabei meinte er sicher nicht den Stern, den viele Autos tragen, die in Baden-Württemberg produziert werden und der sich auf Hochhäusern dreht.

Leonardo da Vinci geht es um einen anderen Karren. Und ich frage mich, an welchen Stern ich meinen Lebenskarren binde, oder anders ausgedrückt, was der Leitstern, die Perspektive für mein Leben ist.

Ich finde es außerordentlich wichtig, mich nicht einfach durchs Leben treiben zu lassen. Dabei ist es gar nicht so leicht, den Stern zu finden, der mich trägt. Der mir Ruhe verschafft, weil ich spüre: Wenn ich mich an den halte, finde ich den richtigen Weg für mich.

Schließlich stehen einem als junger Mensch viele Möglichkeiten offen. Als Pfarrer und Religionslehrer habe ich regelmäßig mit jungen Menschen zu tun. Und meine Erfahrung der letzten Jahre ist, dass junge Menschen immer weniger klar sehen, was sie wollen. „Ich weiß nicht, was ich machen will,“ höre ich immer wieder.

Dann gehe ich gerne mit den jungen Menschen auf die Suche nach dem Leitstern für ihr Leben. Wir prüfen die verschiedenen Möglichkeiten, ob sie was mit Menschen machen wollen oder eher nur mit Technik. Auch in die religiöse Richtung werfen wir einen Lichtstrahl.

Auf diese Weise bringen wir zusammen ein klein bisschen Licht ins Dunkel.

Ich war schon früh ein religiöser Typ. Alles, was mit Kirche, dem Glauben, mit der Liturgie zu tun hatte, hat mich angezogen. Und schnell war mir klar: Ich will Priester werden. Auch wenn andere meinten, dass ich eben von einem anderen Stern sei.

Dieses Bild gefällt mir. Mein Stern ist eben nicht irgendwo rechts oder links des Lebensweges. Mein Stern ist ganz oben im Himmel. Dort habe ich mein Leben festgemacht, mittlerweile seit 31 Jahren und ich habe meine Entscheidung nie bereut.

Deshalb gefällt mir auch der Wahlspruch von Joseph Hubert Reinkens so gut. Er war der erste alt-katholische Bischof in Deutschland: „Im Himmel Anker werfen.“ Sein Wappen hat ein Anker geziert, der an einem langen Seil in den Sternen liegt.

Wichtig finde ich, dabei niemals die Erdung zu verlieren. Denn hier auf der Erde findet unser Leben statt. Dem muss ich mich jeden Tag stellen.

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17FEB2020
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In dieser Woche gehen Fasnet, Fasching und Karneval in ihre heiße Phase. Auf vielen Bällen und auch auf der Straße bei den Umzügen tanzen die Menschen, singen und lachen. Deshalb ist mein Thema heute Abend das Tanzen.

Auch in der Bibel wird viel musiziert und getanzt. Nach dem Durchzug des Volkes Israel durch das Rote Meer nimmt die Prophetin Miriam ihre Pauke in die Hand und tanzt. Sie schafft es sogar, dass alle Frauen freudig mittanzen. (Ex 14,15-27;15,19-21)

An einer anderen Stelle ist es König David, der die Bundeslade, das höchste Heiligtum des Volkes Israel, nach Jerusalem bringen lässt und voller Hingabe auf dem Weg vor der Lade tanzt und hüpft. Da war er ganz intensiv dabei und hat nicht auf die Menschen geachtet, die am Weg standen. Selbst als sich später eine Frau über ihn lustig macht, sagt er: Ich habe für den Herrn, meinen Gott, getanzt und ich werde es immer wieder tun. (2 Sam 6,14-22)

Schauen Sie sich Kinder an, wenn die sich freuen, dann tanzen und hüpfen sie auch aus ganzem Herzen. Vielleicht müssen wir immer wieder das Kind in uns suchen und entdecken, das ja früher auch so begeistert getanzt hat.

Tanzen ist nichts Lächerliches, sondern da kann ich mit meinem Körper ausdrücken, dass ich meine Frau liebe; wieviel Ehrfurcht ich vor Gott habe, wie dankbar ich dafür bin, auf der Welt zu sein, und noch so vieles mehr.

Dabei ist Tanzen, gar Vortanzen, bei uns eher ein Randthema geworden. Die meisten Menschen trauen sich erst mal nicht. Viele haben Angst, sich zu blamieren oder zumindest darauf angesprochen zu werden und sich rechtfertigen zu müssen. Es fehlt vielen der Mut, weil sie gleich davon ausgehen, dass sie das sowieso nicht können.

Dabei ist Tanzen gar nichts Ungewöhnliches. In vielen Ländern Europas und der Welt wird heute noch viel öffentlich getanzt, auf Festen sind Hunderte bei Volkstänzen dabei und drücken so ihre Freude aus.

Vor einigen Jahren habe ich eine junge Frau kennengelernt, die neben ihrem Studium für das Lehramt auch Bühnentanz studiert hat. Sie trainiert eine Show-Tanzgruppe in Freiburg.

Für ein Konzert sollte auch der Chor, in dem ich singe, mittanzen.

Das Training hat mir von Anfang an sehr gut gefallen. Wie die Trainerin die Figuren entwickelt, wie sie sie vortanzt, wie sie ihre Tipps an die Tänzer und Tänzerinnen weitergibt, ist beeindruckend. Der Funke ist jedenfalls gleich übergesprungen. Es hat großen Spaß gemacht mitzuarbeiten.

Tanzen tut gut, Tanzen macht Freude, Tanzen hält fit. Fasnet, Fasching und Karneval in dieser Woche geben uns wieder die Chance dazu.

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