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13MAI2022
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„Bevor die Sonne sinkt“. So beginnt ein Abendlied. Natürlich ist es jetzt noch eine Zeit lang hell und die Sonne scheint. Trotzdem beginnt jetzt schon der Abend. Und auch die Nacht ist nicht mehr weit weg. Ich mag dieses Lied gerne, weil es mir viele Anregungen gibt für das Ausklingen des Tages.

Schon der Titel zeigt mir einen guten Weg. „Bevor die Sonne sinkt.“ Das bedeutet für mich, jetzt schon auf den Tag zurückzublicken und den Tag zu bedenken. Nicht erst, wenn es komplett dunkel ist und ich eigentlich bloß noch müde und kaputt bin und keine Kraft mehr habe.

Viele Stunden habe ich an diesem Tag erlebt. Ich freue mich noch einmal über das, was mir gut gelungen ist. Und ich schaue noch einmal auf das, was nicht so gut geklappt hat. Vielleicht kommt mir ja auch noch eine Idee, wie ich es das nächste Mal besser machen kann.

Die nächste Anregung ist, die Sorgen loszulassen. Das ist aber oft leichter gesagt als getan. Ich kann die Sorgen ja nicht ausknipsen, wie das Licht beim ins Bett gehen. Und doch schläft es sich bestimmt besser, wenn ich nicht ständig an meine Sorgen denken muss. Mir hilft es da, mit jemand Vertrautem darüber zu sprechen. Gute Erfahrungen habe ich auch damit gemacht, sie aufzuschreiben. Manche schreiben jeden Abend das, was ihnen wichtig ist, was sie bewegt und nicht in Ruhe lässt, in ein Tagebuch. Auch wenn ich das selbst nie geschafft habe, kann ich mir vorstellen, dass es viel Kraft gibt. Gerade auch im Rückblick zu sehen, wie viel ich schon geschafft und überstanden habe. Und es ist immer irgendwie weitergegangen im Leben.

Und dann wäre da noch, Gott herzlich zu danken. Dafür, dass ich leben darf. Dafür, dass ich Freunde habe. Dafür, dass ich eine Arbeitsstelle habe. Dafür, dass ich in Sicherheit leben kann. Dafür, dass …, so vieles geht mir da durch den Kopf, dass ich gar nicht alles sagen kann.

„Die Zeit, die du mir lässt, will ich dir Lieder singen“. Keiner von uns weiß, wieviel Zeit uns bleibt. Und da bin ich froh. Deshalb darf ich Gott danken für jeden geschenkten Tag. Das macht mich frei und bereit für das Neue, das mich morgen erwartet, wenn die Sonne wieder aufgeht.

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12MAI2022
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„IC 119 von Münster nach Innsbruck, fahrplanmäßige Abfahrtszeit 9.38 Uhr. Dieser Zug wird heute etwa 40 min später ankommen.“ Eine Ansage, die mich am Bahnhof erwischt hat. Ich habe warten dürfen.

Zuerst ein bisschen missmutig. Mit der Zeit aber immer gelassener. Schließlich kommt der Zug auch nicht früher, wenn ich mich aufrege. Es geht nach Hause. Und kein weiterer Termin am Abend. Da fällt es mir leicht.

Außerdem habe ich so Zeit durch die Gegend zu schauen und kann Leute beobachten am Bahnsteig. Etwas, was ich gerne tue. Da sehe ich so viele verschiedene Menschen. Alle haben etwas gemeinsam, warten. Und doch sind alle verschieden, wie sie damit umgehen. Echte Wartetypen:

Der Unruhige mit zusammengekniffenen Lippen. Er tippt in sein Handy. Und schaut immer wieder zur Anzeige.
Die Aufgeregte, die leise vor sich hin schimpft, vielleicht geht gerade ein Termin für ihr Bewerbungsgespräch verloren.
Und dann ist da noch der Typ, der ständig den Bahnsteig auf und ab läuft und auf die Uhr schaut, als ob die Zeit dann schneller gehen würde.

Ich selbst bin an einer Stelle stehengeblieben. Und mit der Zeit haben sich meine Gedanken geändert. Statt der Menschen auf dem Bahnsteig, sind es viele Bilder gewesen, die mir durch den Kopf gegangen sind. Fröhliche, traurige, von streitenden Menschen, von spielenden Kindern, von alten Menschen und Familien. Und ich merke, wie ich anfange mich mit Gott auszutauschen und zu beten. 
Ich bete und warte. Passt das zusammen?

In unserer heutigen eng getakteten Zeit ist für Warten eigentlich kein Platz. Man ahnt schon, dass es wahrscheinlich nicht schnell geht, wenn es etwa beim Arzt heißt: „Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz!“. Und wenn da schon acht Personen sitzen, kann es die eigentlich gute Laune trüben.

Verlorene Zeit? Oder ist es vielleicht sogar eine geschenkte Zeit?
Beim Warten kann ich nämlich etwas lesen, zu dem ich sonst nicht kommen würde. Oder ich kann über etwas nachdenken, für das ich mir sonst keine Zeit nehmen würde. Manchmal entwickeln sich auch interessante Gespräche mit den anderen Wartenden.

Und ab und zu vertraue ich Gott meine Gedanken an, mit denen ich selbst nicht weiterkomme. Schließlich habe ich ja Zeit.

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11MAI2022
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Den Sonnenuntergang anschauen. Etwas Herrliches. Zu sehen wie der Sonnenball hinter den Bergen versinkt. Das habe ich mit meinen Kindern öfter gemacht. Einmal hat mich dabei mein Sohn gefragt: „Papa, wo bleibt die Sonne heute Nacht?“ Zu Hause habe ich den Globus herausgeholt und meinem Sohn gezeigt, was mit unserer Erde passiert und was die Sonne in der Nacht macht. Dass die Erde sich immer um sich selbst dreht und dass dadurch Tag und Nacht entstehen.

„Dann fahren wir ja immer Karussell!“ Ein schöner Vergleich. Für Kinder ist Karussell fahren eine schöne Erfahrung. Sie haben den Eindruck, nicht nur sie bewegen sich, alles um sie herum scheint sich zu bewegen. Und mit diesem Bild konnte ich meinem Sohn zeigen, dass wir uns mit der Erde bewegen und die Sonne einfach still am Himmel steht. Natur, leicht zu begreifen.

Ein schöner Vergleich, ob das Alexander Gerst auch so sehen würde? Er ist als Astronaut mehrfach auf der Internationalen Raumstation ISS gewesen und hat die Erde aus 400 km Höhe sehen können. Ein blauer Planet, den er als sehr filigran und zerbrechlich empfunden hat. Er hat dann gesagt: „Ich würde mir wünschen, dass jeder Mensch einmal die Erde mit seinen eigenen Augen von oben sehen könnte. Ich bin mir sicher, dass das unseren Umgang mit den Dingen und auch mit der Erde selbst verändern würde.“  Ich bin mir sicher, dass ich genauso beeindruckt wäre, wie Alexander Gerst. Eine Erde, die so klein und zerbrechlich wirkt. Und wir Menschen, die sich manchmal so verhalten, als ob wir noch eine Ersatzerde haben würden.

Fakt ist, wir leben alle auf dieser einen Erde, egal ob in Deutschland, in Amerika, in Neuseeland oder der Türkei. Wir Menschen gehören alle zusammen, auch wenn wir manchmal so tun und so leben, als ob jeder alleine auf der Erde ist.

Und es ist die gleiche Sonne, die fest am Himmel steht. Sie scheint für jeden Menschen, überall, aber nicht zur gleichen Zeit. Jedem von uns gibt sie Licht und Wärme. Doch auch wenn sie abends untergeht, während wir unterwegs sind auf unserer Fahrt des Lebens auf dem großen Karussell der Erde, jeden Morgen erscheint sie wieder neu. Wie eine wohlwollende Kraft.

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10MAI2022
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Wir sitzen beim Abendessen. Mein Sohn sagt: "Siri, mach das Licht in der Küche an!“ Und schon dreht eine unsichtbare Hand am Lichtschalter, und es wird hell im Raum. Ob Siri, Cortana oder Alexa; die digitalen Assistentinnen, reagieren auf Zuruf. Sie werden durch Sprachbefehle aktiviert und rufen Informationen aus der gigantischen Wissenswolke ab, die um uns herum wabert. 

Dabei geht es nicht nur darum, Licht ein- und auszuschalten. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Assistentinnen Menschen das Leben erleichtern können, die sich zum Beispiel nicht gut bewegen können. Bestimmt freuen sie sich, wenn ihnen durch einen Sprachbefehl der Gang zum Lichtschalter erspart bleibt oder sie auch viele andere Aktionen auslösen können.

Allerdings kann ich auch die Stimmen verstehen, die warnen. Denn hinter Siri und allen anderen Sprachassistentinnen verbergen sich informationshungrige Unternehmen. Sie sammeln Daten im großen Stil und möchten noch viel mehr Einfluss auf uns haben.

Doch die Maschinen lösen nicht alle Probleme: Ein Problem unserer Zeit ist Einsamkeit. Wenn ich einsam bin, sehne ich mich nicht nur nach einer wohlklingenden Echostimme. Sondern ich brauche jemanden, der wirklich da ist, wo ich lebe.

Ich finde dieses Gegenüber nicht nur in Menschen, sondern auch in Gott. Von ihm heißt es in einem alten Gebet in der Bibel: "Von allen Seiten umgibst du mich, ich bin ganz in deiner Hand.“ (Ps 139,5) Ja, Gott meint es gut mit mir. Die Hand, die mich hält, ist eine schützende Hand. Mit Gott kann ich reden, wenn es dunkel ist und ich mir mehr Licht in einer Angelegenheit meines Lebens wünsche. Nicht immer bekomme ich auf meine Fragen sofort eine Antwort.

Da bin ich froh, dass es in meiner Nähe Menschen gibt, die wie Gott ein liebendes Auge auf mich werfen: der Bruder und die Schwester in meiner Gemeinde oder auch meine Familie. Und wenn ich sie anrufe, haben sie ja vielleicht eine erhellende Antwort auf meine Frage.

Siri und Gott, sie sind beide immer da. Siri antwortet mir mit abrufbarem Wissen. Und Gott antwortet mir oft durch andere Menschen, manchmal auch, wenn ich eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit in mir spüre.

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09MAI2022
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Neulich bin ich mit der Straßenbahn unterwegs gewesen. Da hat bei einer jungen Mitfahrerin das Handy geklingelt. Offensichtlich ist ihr Freund am anderen Ende gewesen. Und sie hat dann die anderen Mitfahrer vergessen. Jedenfalls habe ich sehr intime Dinge gehört, über die sich die beiden angeregt unterhalten haben. Selbst vor den neuesten Frauenarztdiagnosen hat sie nicht Halt gemacht.

Ich habe mich dann gefragt, ob dieses Gespräch nicht besser stattgefunden hätte, wenn sie miteinander zu Hause sind? Aus Gründen der Diskretion - mir und ihnen selbst gegenüber?

Diskretion spielt auch im Leben eines Pfarrers eine große Rolle. Schließlich erzählen mir Menschen bei Besuchen sehr persönliche Dinge. Deshalb gehe ich für Gespräche in der Regel zu den Menschen nach Hause. Dort sind diese persönlichen Dinge am besten aufgehoben. Die Menschen, die ich besuche, haben sozusagen einen „Heimvorteil“. Sie sind in ihrer gewohnten Umgebung, alles ist vertraut. Ich spüre, dass es den Menschen dann leichter fällt mit mir zu sprechen. Ab und zu werde ich gefragt, ob sie sich darauf verlassen können, dass alles unter vier Augen bleibt. Natürlich! Und da stelle ich mir die Frage, was die Betroffenen bereits an Vertrauensbrüchen erlebt haben.

Der jungen Frau in der Straßenbahn ist Diskretion scheinbar nicht wichtig gewesen, wie es ihrem Partner am anderen Ende der Leitung gegangen ist, weiß ich nicht. Ich habe mich jedenfalls sehr unwohl gefühlt, weil ich den Eindruck gehabt habe, etwas mitzubekommen, was gar nicht für meine Ohren bestimmt gewesen ist.

Wenn ich mich einer Person gegenüber vertrauensvoll öffne, möchte ich mich darauf verlassen können, nicht am nächsten Tag Stadtgespräch zu sein.

Aus diesem Grund bin ich als Pfarrer an das Beichtgeheimnis gebunden. Und damit eben auch an absolute Diskretion. Ich führe am liebsten Gespräche unter vier Augen, ohne Telefon und ohne Handy. Und spüre dabei, wieviel Kraft und Befreiung bei den Menschen zu spüren ist. Weil sie wissen, dass ihre Anliegen den Raum nicht verlassen, in dem wir reden. Und das Vertrauen finden, sich ganz zu öffnen.

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29JAN2022
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„Engel ohne Flügel sind da, wenn du sie brauchst, Engel ohne Flügel stehen schon vor der Sonne auf. Tag und Nacht echte Helden, sie passen auf uns auf

und schenken so viel Liebe, wir brauchen Engel ohne Flügel.“ Als ich dieses Lied von Helene Fischer im vergangenen Jahr das erste Mal gehört habe, habe ich sofort an ein Erlebnis auf einer meiner Reisen gedacht.

Vor vier Jahren in Berlin, weit weg von zu Hause, habe ich solche kennen gelernt. Ich habe eine Autopanne gehabt und da sind sie gekommen, die gelben Engel vom ADAC, wie sie liebevoll genannt werden. Zwar haben sie mein Auto nicht wieder flott machen können, weil es ein größerer Schaden war, aber wir haben zumindest ein Fahrzeug bekommen, mit dem wir wieder nach Hause fahren konnten.

Ich bin überzeugt, dass uns immer wieder im Leben Engel begegnen.

In der Bibel wird oft von Engeln erzählt, die Menschen begleiten. Etwa im Alten Testament im Buch Exodus sagt Gott in dem Bund, den er mit den Menschen schließt: „Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe. Achte auf ihn und hör auf seine Stimme.“ (Exodus 23,20-21a)

Was das bedeuten kann, habe ich in einem Text im Neuen Testament, in der Apostelgeschichte gefunden.

König Herodes hatte Petrus ins Gefängnis werfen lassen, um ihn nach dem Paschafest dem Volk vorzuführen und ihn zu töten. Er hatte schwere Bewachung angeordnet. Deshalb musste Petrus in Ketten gefesselt zwischen den Soldaten schlafen. Außerdem standen vor jeder Tür Wachen.

In der Nacht, bevor er vorgeführt werden sollte, wird Petrus mitten in der Nacht von einem Engel geweckt. Er spürt, dass seine Fesseln abfallen. Er soll sich anziehen, seinen Mantel nehmen und dem Engel folgen. Die Soldaten haben fest geschlafen und wurden auch nicht wach, als Petrus dem Engel folgte. So sind sie an allen Wachen vorbeigegangen und alle Tore öffneten sich vor ihnen. Petrus ist es vorgekommen, als ob er träumen würde. Erst als er wieder allein ist, ohne Fesseln und frei, begreift er: „Gott lässt mich nicht allein. Er hat mir seinen Engel gesandt.“

Ich finde, das ist ein sehr schöner Gedanke. Ich empfinde ihn auch als sehr tröstlich. Niemals stehe ich allein da, immer achtet jemand auf mich. Engel, mit und ohne Flügel. Das gibt mir Mut, gerade in schwierigen Situationen, wenn ich Angst habe oder Heimweh, wenn ich unterwegs bin oder mich allein fühle.

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27JAN2022
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Erinnerungen aus dunkler Vergangenheit. Der Titel eines Buches. Es enthält Zeichnungen von Ella Liebermann-Shiber. Ich gehöre zu den Jahrgängen, bei denen die Lehrer einen Bogen um die Geschichte des dritten Reiches gemacht haben. Vielleicht aus der Angst, wir könnten sie als Schüler fragen, welche Rolle sie selbst in dieser Zeit gespielt haben. Deswegen habe ich immer wieder nach Informationen gesucht und bin auf Ella Liebermann-Shiber gestoßen und ich habe mich mit ihr und ihren Bildern beschäftigt. Sie hat sie mit 17 Jahren noch im Streifenkleid und mit schwachen Händen und zitternden Knien angefertigt.

1927 ist sie in Berlin in einer jüdischen Familie geboren worden. Bereits als sechsjähriges Kind hat sie die ersten Schikanen erlebt. Monate im Versteck, im Ghetto, Deportation nach Auschwitz, auf dem Todesmarsch - ein langer Kampf ums Überleben.

77 Jahre ist es heute her, die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945. Deshalb ist heute der Holocaust-Gedenktag, er ist 2005 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen worden.

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ist das größte Vernichtungslager während des Nationalsozialismus gewesen. Etwa 1,1 Millionen Menschen sind dort ermordet worden. Insgesamt sind es fast 6 Millionen Menschen gewesen, die dem Holocaust zum Opfer fielen.

Ella Liebermann-Shiber ist am 27. Januar ´45 in Auschwitz befreit worden. Sie hat ihre schrecklichen Erlebnisse mit 93 Zeichnungen verarbeitet, zu denen sie ihre Geschichte erzählt.

Besonders beeindruckt haben mich dabei diese Sätze: „Ich zeichnete, ich porträtierte ihre Gesichter, diese mörderisch kalten Augen. Ich malte ihre Familienmitglieder, ihre Frauen, ihre Kinder. Sie hatten Frauen und Kinder daheim und mordeten Frauen und Kinder anderer Menschen in fremden Ländern.“ Für mich wird in diesen Worten die ganze Grausamkeit deutlich, die im dritten Reich passiert ist. Die absolute Verrohung der Menschen.

Was mich erschreckt ist, dass Menschen heute wieder gewaltbereiter werden. Dass Flüchtlinge als Bedrohung angesehen werden, die nur eine neue, sichere Heimat suchen. Viele scheinen nichts mehr dabei zu empfinden, wenn diese im Mittelmeer untergehen und sterben. Die Verrohung scheint schon wieder in vollem Gang zu sein. Gerade auch deshalb finde ich diesen Tag des Gedenkens sehr notwendig. Damit nicht mehr so Schreckliches geschieht, wie damals. Nie mehr wieder.

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26JAN2022
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Jesus hat mich angeschaut und ich ihn.

Nein, ich habe keine Vision gehabt. Unterwegs gewesen bin ich mit meinem Hund. Mein Weg hat mich zu einem Naturdenkmal in der Nähe von Furtwangen geführt, das den Namen „Balzer Herrgott“ trägt. Der Name kommt daher, weil dieser Platz früher ein Balzplatz der Auerhähne gewesen ist.

Heute steht dort es eine riesige Buche. An ihren Stamm wurde vor 120 Jahren eine steinerne Jesusfigur gehängt.

Sie ist das Kreuz von einem Hof gewesen. 1844 ist dieser Hof von einer Lawine zerstört worden. Dabei ist das Kreuz heruntergefallen. Junge Männer haben die Jesusfigur beim Wandern dort gefunden und mitgenommen. Am Fuß dieser damals noch jungen Buche haben sie sie abgelegt.

Um das Jahr 1900 haben andere die Jesusfigur an den Baum gehängt. So hat sie jeder sehen können, der vorbeigekommen ist.

Mit der Zeit ist der Baum gewachsen, ist dicker geworden und hat angefangen, die Jesusfigur langsam aber sicher zu umwachsen. Heute wäre von ihr gar nichts mehr zu sehen, wenn nicht ein Holzschnitzer aus der Gegend sich immer wieder um dieses Denkmal kümmern würde. Öfter schon hat er den Kopf Jesu freigeschnitten. Er hat der Figur wieder Luft verschafft.

Das muss ich auch regelmäßig, mir wieder Luft verschaffen. Da tut eine kleine Wanderung im Wald gut. Hinterher kann ich wieder freier atmen und manches auch wieder klarer sehen.

Wie schnell stellt sich das Gefühl ein, von der täglichen Terminflut erdrückt zu werden, der Eindruck, dass mir manches im wahrsten Sinne des Wortes über den Kopf wächst. Da braucht es neue Luft. Und vielleicht auch den Mut, den ein oder anderen Termin zu streichen, den Kalender eben freizuschneiden. So freue ich mich an jedem Abend, wenn ich die erledigten Aufgaben wegstreichen kann.

Jesus hat mich angeschaut und ich denke: Auch mein Glaube braucht Luft. Ich will nicht das Gefühl haben, jeden Tag ein bestimmtes religiöses Pensum leisten zu müssen. Schließlich soll mein Glaube mir doch viel mehr Freude und Kraft und Mut geben.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ So schreibt es der Apostel Paulus in einem seiner Briefe. (Galater 5,1) Damit wir nicht ersticken im Alltag und uns immer wieder Freiräume schaffen für unseren Glauben. Daran mahnt mich der Baum. Und so kann ich gelöst in den Tag gehen und aufatmen.

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25JAN2022
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Da hat es ihn vom Pferd geworfen. Und plötzlich ist alles anders gewesen. Schon als Kind hat es mich beeindruckt, was Saulus alles erlebt hat. Er hat viele Hoffnungen und Erwartungen gehabt. Groß geworden ist er in einer streng gläubigen jüdischen Familie. Er wartet vor fast 2000 Jahren darauf, dass endlich der ersehnte Messias kommt. Recht, Gerechtigkeit und Frieden soll er bringen. So schließt er sich der Gruppe der Pharisäer an.  Die leben streng nach Gottes Geboten.

Erschreckt bin ich davon gewesen, mit welchem Eifer er die junge Christengemeinde verfolgt hat. Immer wieder mal habe ich mich damals gefragt, was ich wohl machen würde, wenn mich jemand so verfolgen würde. Der Gedanke hat mir Angst gemacht. Und trotzdem habe ich es toll gefunden, dass die Christen damals nicht klein beigegeben haben. So wie Stephanus, der gesteinigt wurde, weil er über Jesus Christus gesprochen hat. Saulus hat dieser Steinigung zugestimmt.

Heute denken wir in den Kirchen an die Bekehrung dieses jungen Mannes. Die Apostelgeschichte schreibt, dass er auf dem Weg nach Damaskus gewesen ist, der heutigen Hauptstadt Syriens. Und auf diesem Weg erscheint ihm Jesus Christus als helles Licht und fragt: "Warum verfolgst du mich?" (Apg 9,4). Saulus fällt vor Schreck vom Pferd und kann nichts mehr sehen. Mein Gedanke ist gewesen: Geschieht ihm recht. Für Saulus ist es tatsächlich die große Wende seines Lebens gewesen.

Mit Hilfe anderer Christen in Damaskus kann er erkennen, was geschehen ist. Er bekehrt sich zu Jesus Christus. Und er ändert seinen Namen in Paulus.

Paulus selbst erzählt auffallend wenig von seiner Bekehrung. Es scheint mir so, dass er nicht ablenken will von dem, was ihm wesentlich und wichtig geworden ist: Jesus und sein Evangelium. Sie sind auch heute noch Fundament für christliches Leben im Alltag.

Für mich ist die Bekehrung des Paulus ein wichtiges Ereignis. Sie zeigt mir sehr deutlich, dass Menschen nicht auf ihrem Weg festgenagelt sind. Manchmal sind es große Ereignisse, die eine Wandlung auslösen. Manchmal sind es vielleicht nur kleine Erlebnisse, die gar nicht auffallen. Oft habe ich mir bereits ein Bild von einem Menschen gemacht. das jetzt ganz neu werden muss. Denn das ist sein neuer Lebensweg. Und ich muss neu Maß nehmen.

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23JAN2022
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„Wenn der Wind des Wandels bläst, bauen die einen Mauern – die anderen Windmühlen.“ Seit vielen Jahren begleitet mich dieses chinesische Sprichwort. Ich habe es das erste Mal im Lehrerzimmer einer kleinen Grundschule im Schwarzwald gelesen. Dort bin ich als Religionslehrer tätig. Die frühere Rektorin hat es aufgehängt, als sie ihren Dienst dort begonnen hat.

Mich hat dieses Wort angesprochen und es lässt mich nicht mehr los. Auf unserer Erde ist doch nichts so beständig wie der Wandel. Allein schon die Jahreszeiten wandeln sich ständig. Auch heute wird sich bestimmt etwas wandeln in unserer Welt und es kommt darauf an, wie ich damit umgehe.

Viele neue Ideen werden jeden Tag geboren. Und fast jede braucht Menschen, die sie gut finden, sie bekannt machen. Macher, die hinter der Idee stehen und mit ihrer Kraft helfen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Ohne diese begeisterten Menschen, die sehen, dass der Wind des Wandels bläst und eine Windmühle bauen, bleibt die Idee kraftlos und schwach. Mit ihnen aber geht es voran.

Ohne diese Menschen, die Ideen unterstützt haben, hätten wir keinen freien Sonntag, kein elektrisches Licht, keine Autos und Flugzeuge, auch kein Radio. Es hätte keine Demokratie gegeben bei uns, und auch meine alt-katholische Kirche gäbe es nicht, wenn nicht viele sich mit aller Kraft dafür eingesetzt hätten. Und bei uns würden bis heute keine Frauen zu Priestern geweiht, wenn uns bei der Synode 1994 der Mut zur Entscheidung gefehlt hätte. Und seit eineinhalb Jahren haben wir mit Anja Goller die erste Generalvikarin in Deutschland, die ständige Vertreterin des Bischofs.

Die tägliche Realität zeigt aber auch, dass es bei jeder guten Idee Menschen gibt, die sie ausbremsen, die alles dafür tun, diese Idee nicht Wirklichkeit werden zu lassen, die Mauern aufbauen. In den Köpfen, in den Herzen, manchmal auch mit Steinen. Hinter diesen Mauern geht dann gar nichts mehr, es bleibt alles, wie es ist.

Typische Worte, die hinter den Mauern hervorschallen, sind etwa: Das hat es ja noch nie gegeben, das haben wir alles schon probiert, das kann ja gar nicht gehen, wenn wir das machen, wird alles zusammenbrechen.

Diese Bedenken hat es auch bei der Synode 1994 gegeben. Aber die große Mehrheit der Synodalen hat damalsgespürt, dass es Zeit war, Windmühlen zu bauen und den Weg zur vollen Gleichberechtigung der Frauen auch in meiner alt-katholischen Kirche frei zu machen.

Nur durch Windmühlenmenschen geht es mit Kraft vorwärts, mit ihnen kann sich vieles wandeln, in mir, in meiner Kirche, in unserer Gesellschaft.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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