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Von sieben oder acht Menschen unterwegs auf ihrem Lebensweg erzählte der Pfarrer – jede und jeder von ihnen mit einem großen Holzkreuz auf dem Buckel; sie hatten das Jesus-Wort wörtlich genommen: Wer mir nachfolgt, sagt der im Evangelium, wer mir nachfolgt, nehme das eigene Kreuz auf sich und folge mir nach.
Also schleppen sie – und sind eigentlich überfordert. Nur einer findet sich ein bisschen schlauer – er nimmt eine Säge und sägt einfach ein Stück vom langen Kreuzbalken ab; schnell und leicht holt er die Gruppe wieder ein, die natürlich weitergezogen war, während er gesägt hat. Das – so ging die Geschichte weiter, wiederholt sich nochmal. Aber dann, o Schreck, als er wieder bei der Gruppe ankommt, stehen die am Lebens-Ende vor einer tiefen Schlucht. Wie sollen sie die überwinden?
Ganz leicht – die mit den komplett erhaltenen Kreuzen legen das ihre über den tiefen Graben und balancieren drüber. Nur der ganz Schlaue ist gelackmeiert: sein abgesägtes Kreuz ist leider zu kurz – als Brücke ungeeignet also… Schade.
Schade auch, dass die Predigt damit endete – er wollte ja mit der Geschichte sozusagen beweisen, dass eben jede und jeder in der Gemeinde das eigene Kreuz auf sich nehmen sollte.
Schade – weil eigentlich müsste die Geschichte vom Kreuz als Last und Brücke doch weitergehen, denke ich. Nämlich mit einer Frage: Wer von den fünf oder sechs, die es da über die Schlucht geschafft haben – wer von denen kommt jetzt in den Himmel, zu dem ja alle unterwegs sind? Ich würde vermuten: Die oder der eine, die von drüben zurückschaut; und zurückgeht und das eigene Kreuz noch mal über die Schlucht legt und den mit dem abgesägten Kreuz einlädt: Komm rüber – lass uns das letzte Stück gemeinsam weitergehen. Ja ja, Absägen und leichter Tragen war ein bisschen unfair. Aber wir sind doch alle eingeladen – und reich beschenkt; können miteinander teilen, sollten uns kümmern um andere: um Arme und Aussortierte, um Benachteiligte und Kranke. Und auch um Menschen, die eigentlich selbst schuld sind daran, dass ihr leichter LebensWeg an dieser Schlucht vorzeitig zu Ende wäre.
So weitergedacht lerne ich aus der Geschichte, wie Jesus das mit dem eigenen Kreuz tragen vermutlich gemeint hat: Das eigene Kreuz soll ja ganz was anderes sein als selbstgefällig eine eigene Leidens-Sehnsucht zu erfüllen; Jesus ist viel wichtiger: dass seine Leute da sind für andere Menschen. So folgen sie Jesus nach.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45311„Gott sei Dank – endlich wieder ein bisschen mehr Zeit für mich“… „Oh Gott, was für eine große Torte – wer soll die denn essen?“ Sagen viele, einfach so, ohne sich dabei mehr zu denken oder gar zu einem Glauben an einen Gott zu bekennen. Gelegentlich gehe ich darauf ein; auf „Mein Gott, stell dich doch nicht so an…“ antworte ich schon mal, dass der oder die Andere mich doch bitte altfried nennen soll statt Gott. Ja – es geht mir manchmal auf die Nerven, wie inflationär manche umgehen mit einem der heiligsten Wörter, mit Gottes Namen. Schon gut, dass selten noch jemand ihn zum Fluchen missbraucht.
Vor ein paar Jahren haben in Malaysia Regierungen und Gerichte jahrelang um ein Verbot in dieser Sache gestritten: eigentlich sollten nur Muslime „Allah“ sagen oder schreiben dürfen, wenn sie von dem höchsten Wesen sprechen, das wir eben Gott nennen. Nach einem höchstrichterlichen Urteil hat sich die Aufregung erst mal wieder gelegt.
Am Anfang hatte ein unteres Gericht erlaubt, dass auch Nicht-Muslime „Allah“ sagen dürfen – einfach, weil das eben das Wort für Gott ist, das alle kennen… Und weil das Wort „Allah“ viel älter ist als der Islam – schon auf aramäisch, wie Jesus von Nazaret gesprochen hat, heißt der Gott „alaha“, den Jesus dann Vater nennt. Hin und her – aber jedenfalls ein paar Jahre lang sollten da im fernen Osten nur muslimische Gläubige „Allah“ sagen dürfen; Inzwischen wieder liberalisiert...
Mal egal, was da politisch und religions-politisch abgegangen ist: Könnte es vielleicht interessant sein, das Wort „Gott“ hier bei uns ausschließlich für religiöse Verwendung zu reservieren? Für Christen und natürlich auch für Juden und Muslime. Aber die vielen mehr oder weniger ausdrücklichen Atheisten, die vielen Zeitgenossen, die behaupten, dass sie an gar nichts glauben: die müssten sich dann was anderes einfallen lassen als „Mein Gott“ zu sagen, oder „Gott sei Dank“. Einfach, damit wieder klar ist: Wer „Gott“ sagt, soll auch Gott meinen. Sprach-Monopol für Gläubige und für religiöse Gruppen!?
Ach nein – Wer wirklich an einen Gott glaubt, sollte das anders angehen. Natürlich weiß ich, dass oft alles andere als Gott gemeint ist, wenn jemand „Oh Gott“ sagt. Und doch öffnet dieses Wort (oder gern auch „Allah“ oder „Allmächtiger“) und jeder andere Gottesname ja zugleich immer ein kleines Fensterchen für das Wesen, das für Christinnen und Christen eben Gott heißt – Und wenn ich diesen großen schönen Namen höre: kann ich immer mal ein kleines Gebet mitschicken an Gott, an die und den ich ja glaube.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45310Bei einem Waldspaziergang sagt meine Bekannte Anna zu mir: „Herbstblätter sind die Taschentücher Gottes.“ Ich frage nach: „Wie bitte? Wie kommst du denn darauf? Blätter sind doch weder weiß noch flauschig, und außerdem hängen sie an Bäumen!“ Anna wieder: „Nein, nicht die Blätter an den Bäumen, sondern die am Boden.“ Hm, nur noch mehr Fragezeichen in meinen Augen.
Und da Anna gut beobachten kann, hat sie die Fragezeichen längst entdeckt und lässt endlich die Katze aus dem Sack. Das Bild mit den Blättern als Taschentücher Gottes hat sie von ihrer Oma. Anna erzählt: „Meine Oma hat das immer gesagt. Früher, als man noch Stofftaschentücher hatte, da waren in einer Ecke immer die Initialen eingestickt – die Anfangsbuchstaben des Vor- und Nachnamens. Bei dir wäre das also ein DF für ‚Dominik Frey‘. So hat man immer gewusst, wem das Taschentuch gehört.“ „Okay, leuchtet mir ein. Aber was hat das mit den Herbstblättern und Gott zu tun?“ Anna fährt fort: „Wenn früher ein Fürst in eine Hofdame verliebt war, dann konnte er das nicht einfach so sagen. Ging ja damals alles ziemlich verklemmt zu. Aber es gab einen Trick: Der Herr hat einfach sein Taschentuch vor die Füße der Dame fallen lassen. Und für den Fall, dass sie nicht gemerkt hat von wem es stammt, standen ja die Anfangsbuchstaben in der Ecke.“
Ach so, jetzt hat´s bei mir endlich geklingelt! Gott lässt im Herbst seine Taschentücher fallen. Und weil es mit den Initialen bei Blättern etwas schwierig wäre, baut Gott darauf, dass wir sowieso wissen, von wem sie stammen – nämlich von ihm als dem Schöpfer aller Dinge, die uns umgeben.
Und dann liegen sie da: rote, gelbe, orangene und braune Blätter. Eins neben dem anderen. Ein ganzer Teppich voller Liebesbeweise.
Seitdem mir Anna das erklärt hat, schau ich anders auf die bunten Blätter am Boden. Ich denke nicht nur: „Schön, wie bunt der Herbst ist.“, sondern: „Da hat mir jemand etwas vor die Füße gelegt. Ein kleines Zeichen. Eine Liebeserklärung vielleicht.“
Natürlich hinterlässt Gott nicht seine Initialen. Aber trotzdem kann so ein Herbstblatt etwas erzählen. Von Schönheit und Buntheit, vom Vergehen. Davon, dass nichts bleibt, wie es ist. Und vielleicht auch davon, dass Gott mitten in all dem da ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45213Mit einer Gruppe von Motorradfahrern bin ich unterwegs durchs Burgund. Ein Wochenende lang Frankreich genießen und die Seele baumeln lassen – das ist unser Plan. Das geht in dem mittelalterlichen Städtchen Vézelay besonders gut, finde ich. Es ist auf einen Hügel gebaut und ganz oben steht eine alte gotische Kathedrale. Ich war schon öfter dort. Und deshalb weiß ich: Um 18 Uhr beginnt dort oben ein Abendgebet, das sich lohnt.
Neben der Kathedrale wohnen Nonnen und Mönche. Sie nennen sich „Gemeinschaft von Jerusalem“ und treffen sich dreimal am Tag, um in der Kirche zu beten und zu singen. Und genau deshalb treibe ich meine Bikergruppe ein bisschen an. Wenig Pausen und nicht rumtrödeln. Ich möchte gerne pünktlich sein.
Kurz vor sechs parken wir direkt vor der imposanten Kirche. Wir steigen noch etwas steifbeinig von der Fahrt die Treppenstufen zum Hauptportal hinauf und öffnen die schwere Holztür. Drinnen ist es schon schummrig und riecht nach Weihrauch. Gerade lasse ich mich auf einer der knarzenden Holzbänke nieder, da gehen vorne schon die Lichter an, und das Abendgebet beginnt.
Und dann ertönt dieser Gesang - als käme er direkt aus dem Himmel, so schön klingt er. Mehrstimmig, glockenrein, ganz leicht. Diese Musik trifft mich mit voller Wucht: Ich bekomme Gänsehaut, der Stress der pausenlosen Fahrt fällt von mir ab, ein paar Tränen steigen auf. Und plötzlich bin ich einfach nur dankbar: für meine Familie, für die Natur, für diesen Ort, für die Menschen, die einst diese Kathedrale gebaut haben. Und natürlich für die, die da vorne so schön singen. Ich bin einfach nur überwältigt.
Früher dachte ich manchmal: Ordensleute sollten anstatt nur zu beten doch lieber etwas tun: Kranke versorgen, Armen helfen, Suppe für Obdachlose kochen. Und vieles davon tun sie ja auch. Aber diese Ordensleute in Vézelay haben sich besonders dem Singen verschrieben. Sie proben gemeinsam und haben Gesangsunterricht. Und das einfach so, um Gott zu loben.
Einfach so? Vielleicht gar nicht einfach so. Denn in diesem Moment in einer unbequemen Kirchenbank und meinen verschwitzten Motorradklamotten merke ich: Dieses Singen bewirkt etwas. Es verändert den Raum, und es verändert die Menschen - zumindest mich. Ein Friede breitet sich in mir aus, ich werde ruhig und dankbar und kann mich wunderbar mit Gott verbinden.
Vielleicht ist das der Dienst, den die Ordensleute von Vézelay leisten: sie singen, um Gott zu loben. Und vielleicht auch, um Menschen wie mich anzurühren und ihnen ein Stück vom Himmel zu zeigen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45212Ein Kumpel von mir möchte heiraten. Und wir beide hatten vorher einen richtig schönen Männerabend. Mit Bierchen und so. Irgendwann haben wir angefangen, uns die Vorteile vom Singledasein aufzuzählen. Und da kamen ganz schön viele zusammen: Man kann machen, was man will, die Fernbedienung gehört nur einem selbst. Und niemand räumt einem seine Sachen weg.
Bevor mein Kumpel jetzt aber seine Hochzeitspläne begräbt, dachte ich, müssen wir jetzt auch noch nach Dingen suchen, die man nicht alleine machen kann. Mein Kumpel war sofort dabei, und als erstes sagt er: „Kinder kann man nicht alleine machen.“ OK, das musste ja kommen. Aber dann haben wir auch noch andere Sachen gefunden: sich den Rücken mit Sonnencreme einschmieren zum Beispiel. Oder auf dem Spielplatz wippen. Freundschaftsbändchen ums Handgelenk binden, einen Kanon singen. Oder sich mit etwas überraschen.
Wir sind auf ziemlich viel schöne und auch ganz schön alberne Dinge gekommen. Und als das Thema langsam ausgereizt war, wird mein Kumpel plötzlich ernst und sagt: „So schwierig wie das manchmal unter uns Menschen ist mit streiten, ärgern, fies sein und ignorieren - irgendwie sind wir auch füreinander gemacht. Und ich meine jetzt nicht nur als Mann und Frau, sondern auch als Oma und Enkel, Nachbarinnen und natürlich auch beste Kumpels.“
Stimmt, wir Menschen können uns gegenseitig unglaublich auf die Nerven gehen, uns verletzen, enttäuschen und manchmal aus dem Weg gehen. Und trotzdem brauchen wir einander. Vielleicht ist es genau das, was Gott sich dabei gedacht hat, dass er uns nicht als Einzelkämpfer auf die Welt geschickt hat. Wir müssen unser Leben nicht nur irgendwie alleine über die Bühne bringen. Nein, wir sollen teilen, miteinander lachen, uns lieben und trösten, uns überraschen, einander den Rücken freihalten, und manchmal eben auch den Rücken eincremen.
Meinem Kumpel und seiner Zukünftigen wünsche ich, dass sie diese Gratwanderung zwischen Freiheit, Unabhängigkeit und aufeinander angewiesen sein gut hinkriegen werden. Meine Erkenntnis des Abends heißt: Wir brauchen uns einfach. Und das ist etwas sehr Menschliches - und vielleicht auch Göttliches.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45211Neulich habe ich eine Königin gesehen. Aus nächster Nähe. Nein, keine der Monarchinnen, die in der „Yellow Press“ so viele Seiten füllen. Nicht Camilla, Letizia, Maxima oder Mette-Marit oder wie sie alle heißen. Stattdessen: eine echte Bienenkönigin. Unser Nachbar ist nämlich Hobby-Imker. Und ein kleines Bienenvolk lebt nebenan im Garten.
Unlängst war ich dabei, als er einen der Rahmen aus dem Bienenstock gezogen hat. Da hat er uns die Königin gezeigt. Mich hat das fasziniert. Ein kleines emsiges Volk von Bienen, die mit dem gesammelten Blütenstaub immer wieder neu in den Bienenstock fliegen. Ohne die Königin funktioniert das ganz System nicht. Sie legt die Eier. Und wenn ein Volk zu groß wird, zieht sie mit einem Teil der Bienen aus. Und im alten Stock übernimmt eine neue Königin. Alles wohlgeordnet, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Das Bienen-Gemeinwesen – ein staunenswertes Wunder der Natur.
In unseren menschlichen Gemeinwesen läuft das alles nicht so glatt und eingespielt wie bei den Bienen. Die alten Königinnen und Könige sind meist verschwunden. „Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus“, heißt es im Grundgesetz. Das ist gut so! Auch wenn sich plötzlich neue „Könige“ aufschwingen. Sie träumen von altem Prunk und alter Machtfülle. Von absolutistischer Herrschaft – so, als ob diese „alten Zeiten“ für alle so wunderbar und gut gewesen wären. Und die Gegenwart schlecht. Kein Wunder, dass die Proteste in den USA meist mit dem Slogan „no kings“, keine Könige verbunden werden. Nein, wir brauche sie nicht, diese neuen Könige!
Auch Jesus hat Gottes neue Welt immer wieder mit dem Bild einer „Königsherrschaft Gottes“ verbunden. Aber das war nicht als Werbung für eine bestimmte Staatsform gedacht. Es ging Jesus um ein Gegenbild gegen alle Formen von Herrschaft, die es am Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit mangeln lassen. Um ein Bild für ein Gemeinwesen, in dem nicht das Interesse eines einzelnen die Oberhand hat, sondern die Fürsorge, die Weltzugewandtheit und die Menschenfreundlichkeit Gottes. Der heutige 3. Oktober ist doch ein guter Anlass, sich darüber zu freuen, dass wir – anders als die Bienen – auch ohne eine Königin gut miteinander leben können. Wir sollten sie schützen – die demokratische Form unseres Gemeinwesens.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45237Erst wenige Wochen ist es her, da schlendere ich mit meiner Frau entspannt über den Markt in St. Peter-Ording. Es ist Urlaub. Wir haben Zeit. Stände mit Obst und Gemüse. Brot und Käse. Auch ein paar Gebrauchsartikel. Hemden. Schuhe. Getöpfertes. Dazwischen - ein Schild: „Heilung durch Handauflegung! Keine Erfolgsgarantie!“ Hinter dem Stand sitzt ein Mann. Auf seinem Schild steht nichts darüber, was ihn auszeichnet oder legitimiert. Ich war irritiert. Wusste nicht, was ich davon halten sollte. Das Wort Handauflegung kenne ich. In der Bibel wird von Heilungen durch Handauflegung berichtet. Und ich finde es auch gut, wenn es so ein Angebot in einem geschützten Rahmen auch heute wieder gibt. Aber auf dem Markt?
Heilende Hände zwischen Obst und Gemüse. Ein sehr intimes Versprechen. Inmitten der Angebote auf einem Wochenmarkt. Ich habe mich gefragt: ist das nicht ein unverantwortlicher Umgang mit der Sehnsucht von Menschen, gesund und heil zu werden? Denn nicht einfach ein Segen wurde angeboten. Damit hätte ich besser umgehen können. Versprochen wurde Heilung – mit Rücktrittsversicherung. Ob der Mann, der hinter dem Schild gesessen hat, auch Geld verlangt hat, weiß ich nicht. Aber mir war nicht klar, mit wem er in Verbindung steht und mit welchem Hintergrund er seine Hände auflegt. Und ob er selbst sensibel genug ist, mit den Erwartungen der Menschen, die zu ihm kommen, umzugehen. Vielleicht hätte ich ihn einfach ansprechen sollen.
Die Jünger Jesu haben auch einmal eine ähnliche Erfahrung gemacht. Da hat ein Mensch böse Geister ausgetrieben. Sie wussten nicht, wer ihn beauftragt und legitimiert hat und haben Jesus gefragt, was sie davon halten sollen. Die Antwort, die Jesus ihnen gegeben hat, imponiert mir. Er hat nämlich gesagt: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns!“ Das heißt doch: Lasst ihn ruhig machen. Wenn er ein Scharlatan ist, wird sich Unmut regen. Und wenn er im Namen Gottes handelt – umso besser. Wer bin ich, ihn deswegen anzugehen oder ihm gar das Handwerk zu legen. Diese Geschichte hat mich schließlich gelassen gemacht. Ganz beruhigt war ich ehrlich gesagt nicht. Aber es war gut, meine Unruhe dem lieben Gott zu überlassen. Mit dieser Haltung habe ich schließlich schon oft gute Erfahrungen gemacht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45236Woran spüre ich, dass mein Leben gelingt? Immer wieder höre ich als Antwort: Wenn die work-life-balance stimmt. Meine Studierenden haben Sorge, dass sie ihnen verloren geht, wenn sie erst einmal im Beruf sind. Auch andere Menschen, die ihre Grenzen spüren, beklagen sich, dass sie nicht mehr stimmt – dass dieses ausgewogene Verhältnis von Arbeit und Freizeit aus dem Gleichgewicht gerät.
Ehrlich gesagt: Mit dem Ausdruck work-life-balance fremdle ich immer etwas. Ich lebe doch auch, wenn ich arbeite. Auf der anderen Seite: Natürlich, Arbeit und Freizeit – das sind schon zwei verschiedene Arten der Lebensgestaltung. Auch wenn sie sich nicht immer klar trennen lassen. Zumal, wenn man, wie ich einen Beruf ausgeübt hat, in dem diese Grenze ohnedies nie ganz eindeutig gewesen ist. Da lagen das Schöne und das Belastende immer sehr nahe beieinander.
Um hier etwas klarer zu sehen, habe ich mich auf die Suche gemacht. Was meint das – Balance? Eine Schaukel kam mir zuerst in den Sinn. Ganz daneben bin ich mit diesem Bild nicht gelegen. Denn das lateinische Wort bilanx bezeichnet tatsächlich eine Waage. Lanx bedeutet Schale. Und bi meint zwei Schalen. Vor Gerichtsgebäuden findet sich oft eine Skulptur der römischen Göttin der Gerechtigkeit: Justitia hat die Augen verbunden und hält eine solche Waage mit zwei Schalen in ihren Händen. Damit wägt sie beide Standpunkte ab. Und fällt dann ihr hoffentlich gerechtes Urteil.
Auch in der Bibel spielt das Bild der Waage oder des Wiegens immer wieder eine Rolle. Da sollen aber nicht Früchte gewogen werden, sondern unsere Taten. Beide Male geht’s ums Ernten. In Feld und Garten. Oder in meinem Leben. Im Herbst, der grad begonnen hat, legt sich dieses Thema nahe. Und vielleicht kann ich auf diese Weise auch dem Bild von der „Work-Life-Balance“ noch einmal einen ganz neuen Sinn abgewinnen. Work, wäre dann alles, was ich einbringe – nicht nur an Arbeit. Auch an ehrenamtlichem Engagement. An Muße. Meine Lebensernte also! Damit fülle ich die eine Schale. Und in der anderen sammelt sich, was andere hineinlegen: Beziehungen. Liebe. Gottvertrauen. Da pendelt sich die „Work-Life-Balance“ ganz neu ein. Ich glaube: Am Ende legt Gott hinein, was die beiden Schalen in die rechte Balance bringt. Und mein Leben gelingen lässt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45235Biblische Worte klingen manchmal ziemlich altertümlich. Aus dem täglichen Sprachgebrauch sind sie verschwunden. Barmherzigkeit ist so ein biblisches Wort. Und im Lukasevangelium steht dieser Satz: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36)
Interessant finde ich, dass in dem Ausdruck Barmherzigkeit die Worte Erbarmen und Herz drinstecken. Wer barmherzig ist, öffnet sein Herz für die Not von anderen, lässt sich davon berühren und tut was. Ist empathisch, wie es auf neudeutsch heißt. Leider wird genau diese Empathie zurzeit von vielen Autokraten, Tech-Milliardären und anderen verpönt und schlecht geredet. Dabei ist das Wort Barmherzigkeit im Christentum zentral. Das zeigt vor allem die Geschichte vom barmherzigen Samariter aus der Bibel (Lukas 10). Der barmherzige Samariter ist ein Ausländer und Außenseiter der damaligen Gesellschaft. Doch ausgerechnet er sieht auf seinem Weg einen verletzten Mann am Boden liegen. Andere haben den Mann übersehen und links liegen lassen. Ohne zu überlegen, leistet der Samariter erste Hilfe, transportiert den Verwundeten auf einem Esel zu einer naheliegenden Herberge und bringt ihn dort unter. Er gibt dem Wirt Geld für die weitere Pflege des Fremden und kündigt seine Rückkehr an, um sich später selbst über den Zustand des Verletzten zu informieren.
Das nenne ich barmherzig. Also, mit dem Herzen zugewandt sein, da sein und helfen, wenn es drauf ankommt. Nicht die Risikoabwägung, nicht Pläne und Termine waren das entscheidende für den Mann, sondern die intuitive Überzeugung helfen zu müssen. Er hat´s einfach gemacht. Und dabei ist er pragmatisch, effizient und lösungsorientiert. Nicht mehr, nicht weniger. Er hat sich mit seinem Herzen anrühren lassen, ohne sich zu überfordern. Für so ein umsichtiges Handeln braucht man Herz, Kopf und Hand. Denn das eine schließt das andere nicht aus. Es gehört zusammen: Die Situation mit allen Sinnen wahrnehmen, das Nötige tun und andere dazu holen. Für die aktuelle gesellschaftspolitische Situation brauchen wir alle verfügbaren Herzen, Köpfe und Hände, um rücksichtsvoll zu bleiben, aufeinander aufzupassen und umsichtig zu handeln. Für ein lebenswertes und friedliches Zusammenleben für alle. Für mehr Barmherzigkeit.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45261Was ist richtig, was ist falsch? Was entspricht christlichen Werten, was nicht?
Wer gehört dazu, wer nicht? Solche Fragen werden in unserer Gesellschaft gerade heftig diskutiert. Vor allem in den zurückliegenden Wahlkampfwochen habe ich das besonders hart erlebt: Menschen werden in der Öffentlichkeit eingeschüchtert. Menschen, die anders sind, werden abgewertet. Und alles wird schlecht geredet, statt zusammen zu stehen und es besser zu machen.
Was ist richtig, was ist falsch? Was ist christlich, was nicht? Wer gehört dazu, wer nicht? Darüber ist vor 2000 Jahren auch in Korinth heftig gestritten worden. Der Apostel Paulus erinnert die kleine christliche Gemeinschaft daran, dass es nicht darum geht, mit Dogmen und Verboten alle auf eine Linie zu bringen und in ein Schema zu pressen. Genau das tun nämlich einige Mitglieder aus der Gemeinde damals und es kommt ständig zu Streit und zu Konflikten. Aber diese Streitigkeiten sind zermürbend und halten die Leute davon ab, füreinander da zu sein und miteinander Gottesdienst zu feiern. Paulus macht sich Sorgen.
Deshalb stellt er klar: Es geht doch darum, jede Person mit ihrer besonderen Lebensgeschichte und ihren Fähigkeiten anzuerkennen. Dann können die Leute in der Gemeinde friedlich zusammenleben und gemeinsam etwas aufbauen, das für alle gut ist. Paulus ist überzeugt: Es macht eine Gemeinschaft attraktiv, wenn sie gastfreundlich ist und Menschen willkommen heißt. Wenn Leute miteinander essen und trinken, wenn sie Feste feiern und Menschen in ihren Unterschieden respektieren. Schließlich fasst er es so zusammen: „Alles, was ihr tut, lasst in Liebe geschehen!“ (1. Kor 16,4). Betrachtet andere mit Wohlwollen und achtet sie so, wie sie sind. Das ist die Grund-DNA des Christentums. Denn wenn Menschen sich akzeptiert fühlen, dann denken sie auch gerne mit, gestalten mit, packen mit an und suchen nach machbaren Lösungen. Genau das ist in unserer zerstrittenen Gesellschaft gerade dringend nötig. Und tatsächlich erlebe ich in meinem Umfeld viele Menschen, die diese aggressive und bedrohliche Grundstimmung ablehnen und sich lieber positiv für das Gemeinwohl einsetzen. Und da kommen christliche Grundwerte ins Spiel:
Mit Respekt und Menschlichkeit können wir gemeinsam Krisen überstehen und Herausforderungen angehen. Alleine schaffen wir das nicht.
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