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SWR3 Gedanken

17AUG2022
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Ein Jahr lang jeden Monat einfach so tausend Euro aufs Konto kriegen. Das gibt´s. Über tausend Mal in Deutschland.

Dahinter steckt der Verein „Mein Grundeinkommen e.V.“. Er finanziert sich aus Spendengeldern und verlost jeden Monat sogenannte Bedingungslose Grundeinkommen. Das Vereinsteam will rauskriegen, wie sich das Leben mit Grundeinkommen verändert.

Viola hat ihr Grundeinkommen vor drei Jahren gewonnen und heute sagt sie: „Es war das tollste Jahr meines Lebens. Ich habe wieder gelebt.“ Viola ist alleinerziehende Mutter, und Geld ist bei ihr immer knapp. Mit Grundeinkommen hat sie sich viel freier gefühlt und immer wieder ihre Familie zu sich eingeladen. Sie schwärmt: „Ich konnte sagen: Kommt zu mir! Ich koche was Schönes.“

Oder Stephan. Er arbeitet in einer Großbäckerei und schiebt ewig Überstunden. Trotz Grundeinkommen hat er seinen Job nicht gekündigt, aber es hat sich trotzdem viel verändert. Stephan sagt: „Früher war ich immer wie so ein überspannter Bogen, der jeden Moment reißen konnte. Jetzt gehe ich viel entspannter an die Sachen ran.“ Stephan gönnt sich auch ein paar schöne Dinge: ein Wasserbett, in dem er endlich besser schläft und eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Stephan geht es seit seinem Jahr mit Grundeinkommen viel besser.

Das sind nur zwei Geschichten von über tausend. Hoffentlich erreicht der Verein sein Ziel, und die Idee vom Bedingungslosen Grundeinkommen wird noch viel bekannter. Und hoffentlich diskutieren die Leute darüber, auch in der Politik. Ob es irgendwann tatsächlich was wird steht in den Sternen.

Unabhängig davon: „Mein Grundeinkommen e.V.“ ist schon jetzt ein echter Beitrag, dass es bei uns etwas gerechter zugeht.  

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16AUG2022
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Christine steht im Spielwarengeschäft und will zwei Kuscheltiere für ihre Kinder kaufen. Sie fragt die Verkäuferin: „Haben Sie etwas Ungewöhnliches? Es darf auf keinen Fall etwas Normales sein.“

Christine ist meine Freundin und es gibt einen besonderen Grund warum sie unbedingt einen Koalabären kaufen will oder einen kuscheligen Nasenbären. Christine erklärt es so: „Gerade sind ungewöhnliche Zeiten und für ungewöhnliche Zeiten bekommen meine Kinder von mir ungewöhnliche Kuscheltiere.“

Christine hat zwei Hirntumore, die zum Glück gutartig sind, aber doch steckt sie in einer langen Krankheitszeit. Dabei bleibt sie trotzdem zuversichtlich und versucht immer das Gute zu sehen. Sie sagt: „Es ist wie es ist. Ich weiß, dass mich das alles stärker macht und meinen Mann und die Kinder auch.“

Das klingt leicht gesagt, und ich weiß, dass Christine auch ihre schweren Stunden hat, wo sie sich ganz weit unten fühlt. Aber sie schafft immer wieder etwas ganz wichtiges: sie sieht ehrlich was sie braucht und kann es auch denen sagen, die für sie da sind: der Dorfhelferin, die zuhause hilft, den Eltern und Freunden, die ständig mit anpacken.

In der Bibel gibt es einen Satz, an den muss ich denken, wenn ich Christines Geschichte erzähle. Es ist ein Satz, den Paulus geschrieben haben soll. Da lässt er Gott selbst sagen: „In den Schwachen ist meine Kraft mächtig.“

Natürlich ist das nicht immer so. Es gibt auch viele, denen es einfach nicht gut geht und die unendlich leiden. Sie haben gar keine Kraft mehr und brauchen die Kraft der anderen. Trotzdem gibt es auch die vielen Christines, die eigentlich schwach sind, aber mit ihrem Mut anderen so viel geben.

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15AUG2022
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Seilbahnfahren ist herrlich! Am allerschönsten ist es in einem altmodischen Sessellift. Mit dem über kleine Bäche und Baumwipfel gondeln, dafür schwärme ich.

Seilbahnfahren ist einfach erholsam und es ist für mich wie Beten. Beides verbindet mich mit oben. Oft ist es so, dass wenn ich mir Zeit für Gott nehme, ich wieder klarer sehe, in welcher Landschaft meine Seele unterwegs ist. Ich kriege so eine Draufsicht auf mein Leben, mit der ich mich oft besser sortieren kann. Wenn ich zum Beispiel abends müde ins Bett falle: da ist oft noch vieles in meinem Kopf, und ich brauche einen Moment zum Abschalten. Dann hole ich kurz in Gedanken Gott dazu und mir wird bewusst, dass eigentlich vieles gut ist: dass ich ein Bett habe und ein Zuhause, wo ich mich zurückziehen kann. Wenn ich abends so bete, ist das, als ob ich wieder einen neuen Überblick kriege und der tut mir meistens ganz gut.

Es gibt noch was, was Seilbahnfahren und Beten verbindet: beides ist Vertrauenssache. Ich brauche nur reinsitzen und die anderen machen lassen. Auch bei Gott muss ich nicht alles selbst tun. Ich atme auf, wenn ich es schaffe ein bisschen loszulassen. Auch wenn ich es nicht immer sehe: Gott macht in meinem Leben was.

Und das Beste ist: ich bete nie allein. So viele andere machen das auch. Heut Morgen in den Klöstern, Kirchen oder Moscheen. Im Büro, in der Straßenbahn, im Wald oder im Auto. In Krankenhäusern und am Sterbebett. Die vielen Anderen, die auch irgendwo beten, kann ich zwar nicht sehen, aber sie sitzen auch mit in der Seilbahn und verbinden sich mit oben.

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14AUG2022
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Es ist Feuerwehrfest in unserem Dorf und das ist immer ein Traum für Kinder: mit Pommes und Eis, mit Hüpfburg und Feuerwehrautos. Außerdem gibt es Kinderschminken, und das ist für meine drei Töchter das Highlight.

Die Frau, die das macht, heißt Ramona und sie schminkt die Kinder mit Hingabe. Sie taucht ihre verschiedenen Pinselchen in Eisprinzessinnen-Blau, in Meerjungfrauen-Grün und jedes Kind bekommt auch ein bisschen wertvollen Glitzer.

Ramona fasziniert mich. Sie macht die Kinder hübsch, und das nicht hoppla hopp, sondern in aller Ruhe. Ramona selbst hat sich auch schön gemacht. Sie trägt lange blonde Haare, tolle Ohrringe und ihre Fingernägel sind verrückt. Es sind perfekt gestylte Nägel mit filigranen orangenen und roten Flammen drauf. Das sind richtige kleine Kunstwerke.

Ich sehe Ramona, wie sie sich schön gemacht hat und wie sie andere schön macht, und schlagartig weiß ich: das hat so viel mit Würde und Respekt zu tun. Es tut einfach gut, wenn Zeit und Mittel dafür da sind, dass man sich oder andere zurecht macht, sich schick anzieht oder sogar schminkt.

Wie Ramona die Kinder schminkt, das hat für mich was Göttliches. Denn so stelle ich mir Gott vor: dass er mein Leben bunt macht und es ab und zu sogar glitzern lässt. Wenn es auf einmal zauberhaft schön ist und mich eine wunderbare Landschaft berührt oder eine liebevolle Geste.

Ich kann auch viel von Gott erkennen, wenn sich jemand fürs Schöne einsetzt. Zum Beispiel Ramona und die vielen anderen, die voller Hingabe andere zurechtmachen. Die Friseurinnen, die älteren Menschen zu Hause die Haare schneiden, die Pfleger in den Altenheimen oder die Betreuerinnen, die denen helfen, die sich alleine nicht schön machen können. Diese Menschen bringen Farbe und Glitzer ins Leben, und: Würde.

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