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SWR3 Gedanken

10DEZ2022
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Zu Beerdigungen kommen immer weniger Leute. Seit Corona hat sich dieser Trend noch verschärft. Zum einen, weil Menschen im Alter oft vereinsamen. Zum anderen aber auch, weil alte Menschen den Angehörigen nicht zur Last fallen wollen – nur kein Aufwand, nur kein Wirbel um meine Person. Ich finde es aber gerechtfertigt, zum Abschied noch etwas Wirbel zu veranstalten. Eine Beerdigung ist schließlich eine Feier, um jemanden zu verabschieden.

Auch wenn jemand in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr viel unterwegs war – das war ja nicht immer so. Verstorbene hatten auch ein Leben vor ihrer letzten Phase, und das war oft ganz lebendig: ein Familienmensch, der bei jeder Gelegenheit den Grill angeworfen hat, ein Hotelrezeptionist, der die Pianobar liebte, eine Sportlerin mit einem extra Zimmer für Medaillen und Pokale, eine Kaktuszüchterin, ein Büttenredner, eine Pilzsammlerin, ein Bademeister – da wird das pralle Leben abgebildet. Bei der Beerdigung dann aber der krasse Gegensatz: Kaum Leute, deprimierende Musik und eine Trauerhalle, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat.

Vor ein paar Wochen habe ich eine tolle Beerdigung erlebt. Ein junger Mann war gestorben, die Kapelle war randvoll, und es lief Techno-Musik. Freunde haben gemeinsame Erlebnisse erzählt und an eine Wand geschrieben. Sie haben sogar den Sarg getragen. Es wurde Jacky-Cola aus Dosen getrunken und gebetet. Den Angehörigen hat es so gut getan, dass der Verstorbene noch einmal gewürdigt wurde und dass so viele dabei waren. Sie waren echt froh, dass sie ihn ordentlich verabschieden konnten – genau so, wie es zu ihm gepasst hat.

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09DEZ2022
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Manchmal reicht ein einziger Tag aus, um die Welt völlig zu verändern, um alles auf den Kopf zu stellen. Der 24. Februar war so ein Tag, als Russland die Ukraine angegriffen hat. Oder der 11. September 2001 - als Terroristen zwei Flugzeuge ins World Trade Center gesteuert haben. Und der 9. November ´89 war für die Deutschen so ein Tag. Da ist die Mauer gefallen. Innerhalb eines Tages kann sich die Welt verändern – zum Schlechten oder zum Guten.

Das gilt auch für Einzelne. In nur wenigen Momenten kann aus einem vermeintlich gesunden Menschen ein totkranker werden. Aus einer Gleichgültigen eine Verliebte. Oder aus einem, der trauert, einer der hofft.

Ein Spruch bringt das ganz gut auf den Punkt: „Weißt du, wie man Gott zum Lachen bringt? Erzähl ihm einfach, was du morgen vorhast.“ Ja, alles ist so zerbrechlich. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass es nicht Gott ist, der mein Leben steuert. Ich bin es selbst.

Auch wenn ich über mein Leben entscheiden kann, ich habe es trotzdem nicht in der Hand. Ich lebe eigentlich ständig eine Handbreit neben der Katastrophe oder neben dem Glücksfall. Sich deshalb verrückt zu machen bringt nichts. Aber sich dessen bewusst zu sein und ein bisschen Vorsorge treffen – das schon. Äußerlichkeiten oder Streitereien nicht so wichtig nehmen. Dinge klären, die endlich geklärt sein sollten. Mich ab und zu mit Gott verbinden. Und mich bemühen, mehr zu genießen: die schönen Momente, die kleinen Dinge und vor allem Selbstverständlichkeiten.

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08DEZ2022
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Experten streiten schon lange darüber, ob die Erzählung vom Exodus in der Bibel wirklich so passiert ist. Dass also die versklavten Israeliten - angeführt von Moses - aus Ägypten geflohen sind, dass sie die ägyptischen Streitwagen abschütteln konnten, weil sich

vor ihnen das Meer geteilt hat, und dass sie 40 Jahre durch die Wüste geirrt sind, bevor sie schließlich im gelobten Land ankamen. Hört sich alles ganz schön abenteuerlich an.

Für mich spielt es keine Rolle, ob es wirklich so war. Mir macht die Erzählung so oder so Mut. Mut aufzubrechen aus ausweglosen Situationen. Ägypten steht für alles, aus dem ich raus muss, um frei zu bleiben: Beziehungen, die mir die Luft abschnüren, Arbeitsverhältnisse, die mir Druck machen, Wohnsituationen, in denen ich nicht wirklich zu Hause bin.

Wenn ich daran etwas ändern möchte, kostet das meistens viel Kraft. Und wenn ich es geschafft habe, den ersten Schritt zu tun, dann gibt es da noch die feindlichen Streitwagen. Umstände oder Menschen, die´s mir schwer machen. Geldnöte oder jemand, der sagt: „Das klappt doch nie!“

Aber vielleicht teilt sich auch bei mir das Meer. Ungeahnte Kräfte oder Unterstützer, die mir überraschend helfen. Und trotzdem könnte der Weg durch die Wüste so richtig einsam, steinig oder schweißtreibend werden. Vielleicht sehne ich mich irgendwann auch nach früher, als alles scheinbar besser war.

Wenn so ein Auszug gelingt, dann werde ich mit neuer Freiheit belohnt. Und wenn nicht? Dann kann ich wenigstens darauf bauen, dass mein Gott sich mit Exodus auskennt. Dass er zu solchen Aufbrüchen in die Freiheit immer wieder sagt: „Ja, da bin ich dabei.“

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07DEZ2022
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Wissen Sie noch – die Ice Bucket Challenge? Es ist gut 6 Jahre her, seit sich viele mehr oder weniger Prominente selbst einen Kübel Eiswasser über den Kopf gegossen haben, das ganze gefilmt und gepostet. Oliver Pocher hat´s getan, Mark Zuckerburg, Matthias Schweighöfer, auch Mario Götze, und sogar ein Sprecher vom „Wort zum Sonntag“ live vor der Kamera. Es sind auch viele lustige Sachen dabei passiert: ausgerutscht, den Kübel nicht mehr vom Kopf bekommen oder die Badehose ist verrutscht.

Die Aktion hatte damals ja einen tieferen Sinn. Mit der Aktion wurden Spenden gesammelt, um die Nervenkrankheit ALS besser behandeln zu können. Der Physiker Stephen Hawking hat die zum Beispiel gehabt.

Das Ganze war damals umstritten und wurde sogar ein bisschen belächelt. Aber jetzt ist klar, dass sich die Eiswasserduschen wohl doch gelohnt haben. In den USA wurde im Oktober ein neues Medikament zugelassen, das den Verlauf dieser Krankheit aufhalten kann. Das war nur dank der Spenden aus der Ice Bucket Challenge möglich. 115 Millionen Dollar sind dabei zusammen gekommen.

Wie kreativ doch immer wieder Menschen auf der ganzen Welt Spenden sammeln und sich für einen guten Zweck einsetzen: Spendenlauf, Flohmarkt, Charity-Bingo, Eintüten im Supermarkt, Bastelbazar, Crowdfunding, Benefizkonzerte, Suppenverkauf oder eben die Ice Bucket Challenge. Solche Spendenaktionen machen mir jedes Mal Mut, dass wir Menschen nicht nur egoistisch und ungerecht sind, sondern dass in den meisten von uns eben doch der berühmte gute Kern steckt.

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06DEZ2022
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Heute um die Mittagszeit schleiche ich wieder heimlich durch die Hintertür in den Kindergarten. Ich werde den alten Samtvorhang um die Schultern legen und den Wattebart verfluchen: erstens weil das Gummiband hinter den Ohren einschneidet, und zweitens weil ich ständig Flusen zwischen den Zähnen habe.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie der Nikolaus zu mir selbst gekommen ist. Meine Gefühlswelt war immer ein wilder Mix: einerseits hab ich mich auf die Süßigkeiten gefreut, andererseits hatte ich ganz schön die Hosen voll vor der Rute und den peinlichen Offenbarungen aus dem Goldenen Buch.

Irgendwie passt diese Mischung zu dem, was vom echten Bischof Nikolaus überliefert wird. Einerseits soll er die Güte in Person gewesen sein. Er hat einmal eine ganze Stadt vor dem Hungertod gerettet, indem er einem Schiffskapitän eine Getreideladung abgeschwatzt hat. Aber er konnte auch ruppig werden. Immer dann nämlich wenn es darum ging, Unrecht aus der Welt zu räumen. Einem Henker ist er mal ganz schön grob gekommen. Hat ihn und seinen korrupten Gouverneur beschimpft und davon gejagt, weil sie gerade dabei waren Unschuldige hinzurichten.

Mal knurrig und mal herzensgut - aber immer hat der Original Bischof Nikolaus einem Ziel gedient. Und das scheint der wahre Kern der Legenden und Geschichten zu sein: Er hat Menschen zu ihrem Recht verholfen.

Ich glaube, ich werde nachher im Kindergarten wieder mal ein sehr sanftmütiger Nikolaus sein. Ohne Rute – dafür aber mit einem Samtvorhang um die Schultern und Watteflusen zwischen den Zähnen.

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05DEZ2022
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Unsere Katze Alva ist gestorben. Das war super traurig. 18 Jahre lang war sie bei uns. Das erste Wort unseres Sohnes war nicht Mama oder Papa, sondern Alva. Ich erinnere mich daran, wie ich sie nach dem Essen um ihren gemütlichen Mittagsschlaf beneidet habe. Oder wie entspannend es war, wenn sie bei mir auf die Brust gelegen ist, und ihr Schnurren durch meinen ganzen Körper ging.

Und dann fragt mein Sohn: „Papa, kommt Alva in den Himmel?“ Ich habe natürlich sofort „ja“ gesagt, um ihn zu trösten. Aber dann hat es bei mir gerattert, denn aus meinem Theologiestudium hatte ich noch dunkel Thomas von Aquin in Erinnerung, ein großer Theologe aus dem 13. Jahrhundert. Der hätte gesagt: Nur Menschen haben eine unsterbliche Seele, denn nur sie haben ein Bewusstsein für Vergangenheit und Zukunft, können also logisch denken und sprechen.

Aber ich bin ja auch Theologe, und zwar einer aus dem 21. Jahrhundert. Und deshalb muss ich hier widersprechen. Auch Tiere können sprechen, denken, sich erinnern und planen. Wenn ich nur an die vielen unterschiedlichen Laute unserer Alva denke. Oder wie sie vor manchen Dingen Angst hatte, andere wiederum geahnt hat, noch bevor sie eingetreten sind. Außerdem heißt es ja, dass Gott alles, was er erschaffen hat, auch liebt. Warum sollte er dann irgendjemandem den Himmel vorenthalten?

Wenn der Himmel ein Ort der Liebe und der Erlösung sein soll, dann gehört Alva dort hundertprozentig hin. Nicht unbedingt körperlich - mit ihrem schwarzen Fell und dem weißen Fleck am Hals – aber ich werde sie an ihrer Art erkennen: wie sie mich entspannt hat, wie sie mir Energie gegeben hat, wie sie mir bedingungslos vertraut hat und wie ich sie geliebt habe.

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04DEZ2022
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Wenn Kinder erwachsen werden, ist es für die Eltern oft schwer, sie gehen zu lassen. Heute ist Barbara-Tag, und die Legende der Heiligen Barbara beginnt damit, dass ihr Vater sie nicht ziehen lassen will. Er sperrt sie sogar ein - in einen hohen Turm.

Wie Barbara darauf reagiert, dürfte vielen Eltern heute bekannt sein: sie macht jetzt erst recht einen auf rebellisch. Aber statt sich ein Tattoo stechen zu lassen oder nächtelang wegzubleiben möchte Barbara sich taufen lassen. Christin zu werden hatte damals nämlich was Verwegenes, weil die Christen eine Art Untergrundorganisation waren. Und tatsächlich war das so gar nicht nach dem Geschmack von Barbaras Eltern. Ihr Papa zieht die Reißleine und liefert Barbara dem christenfeindlichen Statthalter aus. Der lässt sie foltern. Aber Barbara überlebt und bleibt entschiedene Christin. Sogar noch, als sie durch ihren eigenen Vater enthauptet werden soll. Die alten Legenden übertreiben manchmal wirklich.

Ich lerne aus der Legende, dass es schwierig ist, seine Kinder umbiegen zu wollen. Und dass es auf jeden Fall besser ist, sie in Liebe ziehen zu lassen als sie einzusperren.

Ein Barbara-Brauch verdeutlicht das sehr schön: Es ist üblich, heute Kirschbaumzweige zu schneiden und ins Wasser zu stellen. Um die Weihnachtszeit werden sie dann blühen. Für alle Eltern mit pubertierenden Kindern kann das heißen: Wir sollten für eine gute Basis sorgen und uns in einer schwierigen Phase gar nicht so sehr einmischen - auch wenn wir das gerne täten, weil die Kinder vielleicht unbeholfen oder widerspenstig sind. Aber es ist wie mit den Kirschzweigen: irgendwann blühen die meisten auf – und das fast von allein.

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