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SWR3 Gedanken

07OKT2022
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„Carpe diem!“ Hört man oft: Man soll jeden Tag leben, als sei es der Letzte. Jeden Tag auskosten, und das beste aus ihm rausholen. Nur so wird mein Leben unverwechselbar ist eben wirklich mein Leben, das niemand sonst hatte.

Ehrlich gesagt, hört sich das für mich ziemlich anstrengend an. Ich kann das wahrscheinlich gar nicht. Inzwischen habe ich auch ein Alter erreicht, da bin ich manchmal froh, wenn ich morgens wenigstens gut aus dem Bett komme, wenn ich den Abend zuvor zu intensiv gelebt habe. Jeden Tag leben, als wäre es der letzte, hört sich auch erschreckend nach Intensivstation an.

Mein Freund Uli hat vor kurzem mal gesagt: Lebe jeden Tag so, als wäre es ein Sonntag. Das klingt erstmal ganz gechillt und locker. Aber das ist auch das Problem: Es gibt nämlich ziemlich viel zu tun.

Nein, meinte Uli, es geht nicht darum nichts zu tun, sondern den Tag so zu verstehen, dass er aus Gottes Hand kommt. Ich muss den Tag nicht machen. Er ist da und ich geh in ihn hinein. Und lass mich überraschen.

Das gefällt mir. Ich muss dem Tag gar nicht meinen Stempel aufdrücken, sondern ich darf die Spuren Gottes im Tag entdecken. Der Tag und mein Leben sind auch so einzigartig – und auf jeden Fall wird mein Leben unverwechselbar sein. Ich muss das gar nicht machen, ich darf das schlicht und einfach erleben, wenn ich jeden Tag lebe, als wäre es ein Sonntag.

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06OKT2022
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Kann man eigentlich Christ sein und Soldat? Immerhin hat Jesus gesagt: „Wer dir auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin.“ Schwierige Frage. Das kann einen schon zerreißen.

Frau Major Tina Behnke sagt aber: „Doch, das geht!“ Ein Filmteam hat über sie eine Doku gedreht. Und da sieht man sie eben nicht nur mit den Kameraden durchs Gelände laufen, sondern auch wie sie ihre Hochzeit mit ihrem Mann und der Familie in einer Kirche feiert.

Natürlich fragt die Filmemacherin die Soldatin: Wie geht das zusammen? Christsein und Soldatin? Tina Behnke unterscheidet: Für sie gibt es einmal die Logik und Notwendigkeit als Soldatin und dann gibt es das Leben als Frau, Mutter und Lebensgefährtin. „Im soldatischen Kontext wäre das sicher eine naive Vorstellung, die andere Wange hinzuhalten.“, sagt sie.

In etwa so hat das auch Martin Luther damals gesagt, als ihm ein Soldat diese Frage gestellt hat. Kann ein Soldat Christ sein? Und auch Luther hat unterschieden: Es gibt eben den Bereich des Berufs und den des persönlichen Lebens. Und die Bereiche muss man manchmal trennen, weil sie nach unterschiedlichen Prinzipien funktionieren. Aber Menschen können darauf vertrauen: Gott ist in beiden Bereichen dabei: Im Beruf und im persönlichen Leben. Die Seele des Menschen ist ja auch in beiden Bereichen dabei. Also versuchen Soldatinnen und Soldaten in ihrem Beruf Christinnen und Christen zu sein, auch wenn ihre Aufgabe im Ernstfall ist, Gewalt anzuwenden. Das ist alles andere als einfach.

Soldatinnen und Soldaten gehen ein Risiko ein. Ein Risiko für Leib und Leben und für die Seele. Gott wird das Risiko nicht verhindern, aber ihn bei sich zu wissen gibt hoffentlich Mut und bewahrt davor, zu zerbrechen.

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05OKT2022
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Hand geben und Entschuldigung sagen. Das lernen Tom und Ali, im Kindergarten nebenan, wenn sie aneinandergeraten sind. Eigentlich sind sie beste Freunde, aber jetzt hat Tom Ali… oder war es umgekehrt? Der Erzieher bekommt es nicht mehr heraus. Aber das Gespräch nimmt erstmal den Dampf raus. Und dann kommt eben der berühmte Satz: „Und jetzt gebt euch die Hand und sagt Entschuldigung“. Mit unsicherer Miene schütteln sie kurz die Hand. Und schnell verschwindet jeder von ihnen in eine Ecke des Gartens.

Ich erzähle diese kleine Geschichte, weil heute Jüdinnen und Juden sowas wie einen großen Entschuldigungstag feiern. Den Tag Jom Kippur. Er wird auch Versöhnungstag genannt. Es ist ein sehr ernster Festtag, an dem religiöse Juden den ganzen Tag fasten. Und der ganze Tag ist eigentlich ein einziger Gottesdienst. Mit sich und Gott im Reinen sein, das ist der Anfang. Manche nehmen dann diesen Tag auch zum Anlass sich ganz konkret mit jemandem zu versöhnen, mit dem sie zerstritten waren.

Tom und Ali sind sich den ganze Tag aus dem Weg gegangen. Vielleicht haben sie über ihren Streit nachgedacht. Vielleicht hat es ihnen wirklich leid getan? Ali ruft am Nachmittag zum Abschied jedenfalls „Tschüss, Tom!“ Und rennt zu seinem Vater, der ihn abholt. Morgen werden sie wieder miteinander spielen. Sich versöhnen ist nicht leicht. Macht aber frei.

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04OKT2022
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Kolja ist ein großer schwarzer Hund und der liegt jetzt ganz ruhig auf dem Boden zu unseren Füßen. Als ich zu Familie Domski zum Taufgespräch gekommen bin, war er sehr aufgeregt und hat laut gebellt. Jetzt ist er ruhig. Inzwischen haben wir Kaffee getrunken und nach allen Formalitäten und Informationen rund um den Taufgottesdienst erfahre ich auch etwas über die Familie.

Eigentlich ist die Taufe ja ein fröhliches Ereignis, aber Frau Domski erzählt mir ganz schön viel über familiäre Schwierigkeiten: Unglücke. Krankheiten, Todesfälle.

Ich merke, dass mich das nicht kalt lässt und frage: „Wenn das so ist, dann haben sie sicher auch ein etwas schwieriges Verhältnis zu Gott und zur Kirche, oder?“

Frau Domski wiegt den Kopf hin und her. „Ja, manchmal da bin ich ganz schön wütend auf Gott!“, sagt sie irgendwann und nippt am Kaffee. „Aber in der Kirche fühle ich mich immer ruhig! Das finde ich richtig klasse, weil ich da still werde. Die Gedanken rasen dann auch nicht mehr so.“

Ich habe schon oft gehört, dass Menschen Kirchen wegen ihrer Ruhe schätzen, aber Frau Domski bringt mich noch auf etwas Anderes. Die Kirche gibt einem Ruhe und wenn man ruhig ist, kann man sich auch besser mit Gott unterhalten. Gerade dann, wenn man auf ihn sauer ist.

„Ja, das stimmt“, sagt Frau Domski, „aber wenn man ruhig ist, ist man ja auch nicht mehr so sauer, oder?“ Ich trinke einen Schluck Kaffee, nicke und sehe, wie Kolja, der schwarze Hund, ganz ruhig daliegt.   

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03OKT2022
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Ost und West wachsen zusammen. Auch bei den Kirchen. Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Osten Deutschlands sagen. So wie bei uns, wird es auch bei euch werden. Ihr werdet kleiner werden, bis wir in ganz Deutschland gleich wenige sind.

Im Osten haben manche aus dieser Not eine Tugend gemacht und richtig gute Ideen entwickelt. Zum Beispiel in Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt.

Die Kirchengemeinde in Eisleben hat gerade mal 1000 Gemeindemitglieder muss sich aber um drei mittelalterliche Kirchen kümmern. Die Alternative wäre, die Kirchen verfallen zu lassen oder zu verkaufen. Aber wer will schon eine Kirche kaufen, die man dann teuer renovieren muss, weil das Denkmalamt da noch ein Wörtchen mitzureden hat.

Also hatten sie in Eisleben für zwei Kirchen besondere Ideen: In der Nikolaikirche stehen jetzt mehr als 20 schwarze Schränke. Die sehen aus wie mittelalterliche, schwarze Türme. Ein Kreuz ist vorne auf den Schranktüren zu sehen. Denn die Nicolaikirche wird inzwischen ausschließlich als Beerdigungskirche genutzt und in den Schränken findet die Urne nach der Trauerfeier ihre Ruhe. Der Platz in einem der Urnenschränke kostet natürlich Geld. Und damit kann die Kirche erhalten werden. Es gibt über 1000 Plätze.

Und noch schöner finde ich, was die Kirchengemeinde aus der Taufkirche von Martin Luther gemacht hat. Die wurde nämlich auch renoviert. Dort findet man nun einen Taufbrunnen in der Mitte der Kirche. Hier können auch bequem Erwachsene oder Jugendliche getauft und dabei ganz untergetaucht werden.

Klasse, wenn man solche innovativen Ideen hat und so trotz schwieriger Aussichten nicht den Mut verliert. Mir ist das jedenfalls ein Vorbild.

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02OKT2022
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Manchmal möchte ich am liebsten den Kopf in den Sand stecken: der Bauernverband hat nämlich in diesem Jahr erneut über unterdurchschnittliche Ernten geklagt. Also noch eine Krise – zu allen anderen – dazu.

Gut, dass jetzt Erntedank ist. So heißt der Sonntag heute! Und gerade, weil das Jahr für die Bäuerinnen und Bauern so schwierig war, bin ich besonders dankbar, dass sie dennoch ihre Ernte eingefahren haben, damit wir genug zu essen haben. Danke, dass sie nicht den Kopf in den Sand gesteckt haben, sondern dass sie ausgesät haben, gepflegt haben und das was da war, geerntet haben. 

In einem alten Kirchenlied, das wir im Erntedankgottesdienst singen heißt es: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ 

Das heißt für mich: Das Pflügen und das Aussäen müssen wir schon selbst machen. Da hilft es nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Den Kopf braucht man nämlich, um neue Ideen zu entwickeln, damit auch unter schwierigeren Bedingungen der Mais wächst. So war das auch, als es vor über 200 Jahren, 1816, ein Jahr ohne Sommer gab. Eine richtige Hungersnot lähmte damals das Königreich Württemberg.

Und dann hat man zwei Sachen erfunden. Als erstes eine landwirtschaftliche Schule, damit man mit solchen Situationen besser zurechtkommt. Die Universität Hohenheim in Stuttgart gibt es heute noch. Und als zweites ein großes Erntedankfest zwei Jahre später, das heute auch noch unter dem Namen Cannstatter Wasen bekannt ist.

Also: nicht den Kopf in den Sand stecken. Sondern in gebrauchen und dann Gott danken, für das, was draus geworden ist.

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