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SWR3 Gedanken

02FEB2023
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Toxische Beziehung – diese Formulierung höre und lese ich immer öfter in den sozialen Medien. Doch was das genau bedeutet – eine toxische Beziehung – das wissen die wenigsten. Genau deshalb hat das Frauen Netzwerk „Soroptimistinnen International“[1] aus Stuttgart eine Aufklärungskampagne gestartet. Sie heißt „Read the Signs“ – auf Deutsch: „Erkenne die Zeichen“. Die Kampagne möchte dazu beitragen, dass Frauen toxische Beziehungen erkennen, beenden oder bestenfalls gar nicht erst eingehen.

Jede vierte Frau[2] in Deutschland erlebt im Laufe ihres Lebens mindestens einmal körperliche oder psychische Gewalt; zu Hause, durch ihren eigenen Partner oder Ex-Partner; und das ganz unabhängig von Bildung, Kultur oder Alter.

Wenn ich mir diese Zahl anschaue, dann wird mir schnell bewusst: Auch mich und mein Umfeld kann das betreffen. Aber es gibt diese klaren Zeichen. Zum Beispiel wenn mein Partner mich ständig kritisiert, mir immerzu die Schuld gibt, mit Liebesentzug droht oder mich von meinen Freundinnen und meiner Familie isoliert.

Es ist auch wichtig zu wissen, an wen ich mich wenden kann, wenn ich den Verdacht habe, dass ich selbst oder eine Freundin in einer toxischen Beziehung steckt: Da gibt es zum Beispiel ein Hilfetelefon für Frauen[3], die Fraueninterventionsstelle[4], den Verein „Frauen helfen Frauen“[5] oder Frauenhäuser in der eigenen Stadt[6].

Es ist nicht nur wichtig, dass wir Frauen die Anzeichen kennen und wissen, wie wir uns helfen können. Wir müssen uns vor allem immer wieder bewusst machen: Wir sind wertvoll, wir setzen unsere Grenzen, die von allen respektiert werden müssen und wir dürfen uns auf unser Bauchgefühl verlassen: Wenn wir uns in einer Partnerschaft nicht wohl fühlen, dürfen wir uns Hilfe holen.

 

[1]https://soroptimist-stuttgart.de/

[2] Laut Bundesfamilienministerium

[3] https://www.hilfetelefon.de/beratung-fuer-frauen.html

[4] https://www.fhf-stuttgart.de/fis.html

[5] https://www.fhf-stuttgart.de/

[6] https://www.stuttgart.de/vv/leistungen/staedtisches-frauenhaus.php

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01FEB2023
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Beim letzten Besuch bei meinen Eltern frage ich meine Mutter, ob ich nicht mal ihren Mantel mit Leopardenprint anziehen darf. Als ich ihn an mir sehe – in Kombination mit meinen bunten Sneakern und der schwarzen Leggings – gefalle ich mir ziemlich gut. Und denke mir: „Das bin total ich!“ Mein Bruder läuft an mir vorbei und sagt: „Hey, das sieht cool aus, das passt zu dir!“ Auch wenn mich sein Kompliment freut, weiß ich in dem Moment ganz genau: ich werde nicht mutig genug sein, um diese Kombination zu tragen.

Ein paar Tage später erzähle ich meinen Freundinnen von dem Leopardenmantel, der mittlerweile in meinem Schrank hängt. Prompt erzählen auch sie von Kleidungsstücken, die schon lange in ihren Schränken hängen und nie zum Einsatz kommen, weil sie sich nicht trauen; weil sie sich Sorgen machen, was Andere über sie denken; weil sie befürchten, damit aufzufallen.

Wir müssen alle über uns lachen. Denn wir sind selbstbewusste Frauen, sagen was wir denken, sind aber trotzdem zu schüchtern, um klamottentechnisch auch mal was zu wagen.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir Menschen wegen ihres Aussehens sehr schnell in Schubladen stecken. Nicht umsonst heißt es: Kleider machen Leute. Und ich will eben nicht die schrille Frau im Leomantel sein. Oder vielleicht doch?

Fest steht: Mir fehlt der Mut, diese Frau zu sein. Deshalb habe ich mich mit meinen Freundinnen verabredet: An einem Abend tragen wir alle das, was schon viel zu lange in unseren Schränken darauf wartet, getragen zu werden. Und es fühlt sich gut an! Nicht, weil ich endlich auch mal die Frau im Leopardenmantel sein kann; sondern weil es entscheidend ist, in welcher Kleidung ICH mich wohl fühle, und es dann endlich mal keine Rolle spielt, was andere über mich denken.

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31JAN2023
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Karoshi – das ist das japanische Wort für „Tod durch Überarbeitung“.

Karoshi ist ein eigenes Wort für das, was vielen Menschen in Japan zum Schicksal wird: Sie arbeiten bis zu 16 Stunden, täglich, sieben Tage die Woche. Bis sie krank werden durch diese Dauerbelastung und schlimmstenfalls sterben. Weil sie körperlich und psychisch vollkommen erschöpft sind.

Ein Leben unter solch einer Dauerbelastung – diese Vorstellung finde ich wirklich furchtbar. Aber wenn ich bei mir selbst mal genauer hinschaue: Ich arbeite zwar keine 16 Stunden täglich und auch nicht sieben Tage die Woche. Aber bin nicht auch ich manchmal in einem Hamsterrad unterwegs? Eingespannt zwischen Job, Familie und Haushalt? Viel zu oft finde ich mich zwischen Terminen und To-do-Listen wieder und frage mich, was ich hier eigentlich gerade mache.

Dann tut es mir gut, das Hamsterrad mal anzuhalten, zu überlegen: Was in meinem Alltag ist wirklich wichtig und sinnvoll? Was macht mich glücklich? Und dann Auszeiten zu setzen, in denen ich Kraft tanken kann: Ein Spaziergang mit einer Freundin, eine Runde im Wald, eine lange Umarmung mit meinem Mann oder Vorlesen mit meinen Töchtern. Solche Dinge brauche ich täglich, solche Momente dürfen keine Ausnahme sein. Und trotzdem finden sie zu selten statt. Denn Dauerbelastungen sind auch bei mir, hier in Stuttgart, weit weg von Japan, ein ständiges Thema.

Ich möchte nicht, dass auch wir ein eigenes Wort für den Tod durch Überarbeitung erfinden müssen. Deshalb möchte ich mich, aber auch meine Mitmenschen um mich herum, immer wieder anhalten und daran erinnern: Wir alle brauchen eine Pause.

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30JAN2023
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Reserve – so heißt das Buch von Prinz Harry, das kürzlich erschienen ist. Und nicht ohne Grund hat er sein Buch so genannt: Weil er jahrzehntelang so ein Leben gelebt hat: Als Reserve, als Ersatz für seinen größeren Bruder William.

Es ist sicherlich nicht einfach, als Bruder des Thronfolgers erwachsen zu werden. Geschwisterbeziehungen sind ja an sich schon komplex. Geschwister sind die Menschen, die uns am längsten kennen. Mit ihnen sind wir eng verbunden. Sie sind aber auch unsere ersten Rivalen: Auf sie sind wir eifersüchtig, wenn sie mehr Aufmerksamkeit von den Eltern bekommen oder besser im Sport oder in der Schule sind. Und sie wissen am besten, wie sie uns ärgern können. Aber letztlich verbirgt sich darin auch eine große Chance: Geschwister können in einem geschützten Rahmen lernen, zu streiten, Verletzungen einzustecken oder auch auszuteilen und dann – wenn‘s gut läuft – sich auch wieder zu versöhnen.

Meine eigenen Brüder sind genauso alt wie William und Harry. Aber im Gegensatz zu den Prinzenbrüdern sind die beiden bis heute eng miteinander verbunden. Wenn ich die beiden frage, warum sie sich auch heute noch so gut verstehen, dann erinnern sie sich an ein Gespräch mit meiner Mutter. Sie hat den beiden gesagt: „Ihr habt zwei Möglichkeiten: Entweder ihr werdet harte Konkurrenten und macht euch das Leben schwer oder ihr haltet zusammen und seid doppelt so stark.“ Und so haben die beiden sich entschieden, füreinander da zu sein, anstatt sich gegenseitig fertig zu machen. Natürlich gibt es weiterhin Streit, Eifersüchteleien und Verletzungen. Aber das können die beiden – im Gegensatz zu William und Harry – unter sich, ganz privat klären und auch mal so tun, als wäre nichts gewesen – ohne, dass die ganze Welt sich in ihre Beziehung einmischt.

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29JAN2023
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Meine Tochter ist fünf Jahre alt und hat immer viele Fragen. In letzter Zeit fragt sie oft nach Gott: Wer hat Gott geboren? Und was macht der den ganzen Tag?

Ich muss schmunzeln, denn meine Tochter fragt das ganz selbstverständlich, als könne ich ihr im nächsten Moment eine passende Antwort darauf geben.

Deshalb ist sie auch unzufrieden, als ich ihr sage, dass ich nicht weiß, woher Gott kommt und was er so macht. Wenn ich ihr als Theologin versuche zu erklären, was ich über Gott weiß, unterbricht sie mich. Es interessiert sie gar nicht, was die Wissenschaft dazu sagt. Sie will wissen, was ICH dazu sage. Sie will wissen, was ich GLAUBE.

Ich sage ihr dann: „Ich glaube an Gott. Auch wenn ich nicht weiß, woher er kommt, spüre ich, dass er da ist für mich. Zum Beispiel wenn ich mit dir zusammen bin oder wir gemeinsam lachen oder beten. Manchmal fällt es mir aber auch schwer zu glauben; wenn ich traurig bin oder Angst habe; dann hoffe ich, dass Gott da ist für mich.“ In solchen Momenten wünsche ich mir, dass ich mehr wüsste über Gott.

Ich bin froh, dass meine Tochter nicht nur mit mir über Gott spricht, sondern auch im Kindergarten oder bei ihrer Oma ihre Fragen stellen kann. Dass sie nicht nur meinen Glauben kennen lernt, sondern auch den Anderer. Niemand von uns kann ihr sicher sagen, ob Gott wirklich existiert. Aber wir können mit ihr gemeinsam auf die Suche gehen. Und vielleicht können wir dann auch gemeinsam Gott entdecken.

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