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26FEB2024
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„Sie muss sich besser an die Regeln halten“ – das sagt mir die Erzieherin meiner Tochter. Meine Tochter ist acht Jahre alt und geht nach der Schule immer in den Hort. Sie fühlt sich dort wohl – aber offensichtlich „schafft sie es nicht, sich an die Regeln zu halten“: Trödeln auf dem Schulweg, Quatsch machen beim Mittagessen…

Ich verspreche der Erzieherin, mit meiner Tochter darüber zu reden. Und das tu ich auch. Ich sage ihr: „Ich verstehe dich – mir ging das früher auch immer so. Aber versuch halt mal nicht so zu trödeln…“

Aber meine Tochter gibt sich damit nicht zufrieden: „Warum? Warum soll ich mich an all die doofen Regeln halten?“.

„Regeln sind halt Regeln“ – aber das greift viel zu kurz. Das wusste auch schon Don Bosco – der war Priester in der Zeit der Industrialisierung. Damals mussten Kinder einfach funktionieren. Da hat sich niemand groß Zeit genommen für sie. Don Bosco aber fordert mehr. Er will, dass Kinder Regeln nicht nur befolgen, sondern sie auch verstehen. Kinder sollen den Sinn hinter all den Strukturen erkennen. Nur wenn sie den Sinn verstehen, können sie selbst auch sinnvoll die Welt mitgestalten. Und darum geht’s doch: Dass Gott uns diese Welt überlassen hat, damit nicht nur die alten, erwachsenen Leute die Verantwortung dafür übernehmen. Sondern auch die Kinder und Jugendlichen. Und vor allem die haben doch das beste Gespür dafür, was gerecht und ungerecht ist – aber dabei brauchen sie eben noch Unterstützung, all das zu verstehen, was in dieser Welt so passiert.

Meine Tochter und ich denken zusammen nach, warum es die ganzen Regeln in ihrem Hort gibt. Sie versteht, warum es wichtig ist, auf die anderen Kids Rücksicht zu nehmen. Dass es auch dazu gehört, pünktlich zu sein und in Ruhe Mittagessen zu können. Und dieses Gespräch ist ein guter Anfang für das, was da bald noch auf uns zukommt: die Pubertät.

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25FEB2024
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„Selig sind die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden“ – das sagt Alexej Nawalny vor dem Moskauer Gericht. Heute, genau drei Jahre später, ist er tot.

Wo Nawalny  gestorben ist, weiß man: in Putins Straflager. Wie bzw. woran, ist bis jetzt unbekannt.

Für den russischen Präsidenten Putin war der Aktivist und Oppositionspolitiker Nawalny einer, vor dem er sich gefürchtet hat.

Denn Nawalny hat sich immer wieder öffentlich gegen das autoritäre System Putins geäußert und Moskaus Krieg gegen die Ukraine kritisiert. Er hat immer wieder davon gesprochen, dass wir es im Leben oft mit Ungerechtigkeiten zu tun haben, doch dieser Krieg die schlimmste sei: die bewaffnete Ungerechtigkeit.

Und trotzdem – trotz dem Krieg, trotz seiner Gefangenschaft – glaubt er daran, dass sein Durst nach Gerechtigkeit gestillt werden wird. Er hat immer wieder betont, dass sein Glaube an Gott ihn motiviert, sich für die Wahrheit und Gerechtigkeit einzusetzen. Seine Handlungsanweisung: „Selig sind die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden“.

Dieses Zitat stammt aus der wohl bekanntesten und wichtigsten Rede Jesu – seiner Bergpredigt. Dieses Zitat klingt wahnsinnig schwülstig in modernen Ohren, aber es ist aktueller denn je: Jesus verspricht den Menschen, dass ihr Durst nach Gerechtigkeit gestillt wird – dass es sich lohnt, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen, denn – so Nawalny – die „Kraft liegt in der Gerechtigkeit“.

Nawalny hat in seiner Gefangenschaft immer wieder betont, dass er davon überzeugt ist, dass er genau auf der richtigen Seite steht. Dass es für ihn keinen besseren und wichtigeren Auftrag gebe, als jenen aus Jesu Bergpredigt. Sich einzusetzen FÜR die Gerechtigkeit und FÜR die Wahrheit, und dabei niemals aufzugeben – in dem Glauben und Vertrauen daran, dass Gott immer auf der Seite derer sein wird, die sich dafür einsetzen. Und er hofft, dass auch nach seinem Tod die Menschen den Glauben an diese Gerechtigkeit nicht aufgeben.

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24FEB2024
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Seit Neustem nennt mich eine Freundin immer Pfarrerin Lucy. Obwohl ich eigentlich Anna heiße und auch mein Nachname nicht im Entferntesten nach Lucy klingt. Lucy, das ist die rotzfreche Besserwisserin aus der Comic-Clique um Charlie Braun: die Peanuts.

Lucy, das ist die, die nie um eine Antwort verlegen ist und Charlie recht selbstbewusst die Welt erklärt.

Auf die Frage, ob Lucy meint, dass Gott mit ihr zufrieden ist, antwortet sie völlig selbstüberzeugt: „Was bleibt ihm anderes übrig?“

Ich habe diesen Comic gelesen und musste an meine Freundin denken. Die macht sich gerade viel Gedanken darüber, wie sie ein besserer Mensch sein kann. Die kann noch was von Lucy lernen, dachte ich und schickte ihr diesen Comic. Seitdem nennt sich mich Pfarrerin Lucy.

Und auch wenn Lucy rechthaberisch, dominant und zeitweise echt egoistisch ist, finde ich diesen Spitznamen ziemlich cool.

Ich trete zwar nicht, wie Lucy, als Hobby-Psychologin auf, aber als Pfarrerin, sind meine Ratschläge schon manchmal gefragt. Und ich bewundere, wie Lucy Glaubens- und Sinnfragen ganz ohne das ständige Zweifeln beantwortet.

Der Zeichner von den Peanuts und Lucy, Charles M. Schulz hat mal erzählt, Lucy wäre seine sarkastische Seite. Und ich habe das Gefühl Lucy ist alles, was wir uns nie erlauben würden zu sein. Trotzig, motzig, von sich selbst überzeugt, gehässig und gnadenlos ehrlich. Eigenschaften, die wir bei uns selbst eher versuchen im Zaum zu halten. Denn in einer Welt voller Lucys möchte niemand leben.

Trotzdem kommt jetzt mein ungefragter Pfarrerinnen-Lucy-Rat: Seinen Motzgefühlen ab und an freien Lauf zu lassen und sich verhalten, als sei man perfekt und die Welt könne einem nichts anhaben, ist ab und an, etwas, dass wir uns selbst erlauben sollten. Denn es fühlt sich großartig an.

Es grüßt herzlich, Pfarrerin Lucy.

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23FEB2024
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Ich stehe im Bestattungswald und muss grinsen. Mitten in einer Beerdigung. Die Beerdigung hatte eigentlich ganz normal begonnen: Es ist die Bestattung einer Frau, die viele liebgehabt haben.

Es ist Januar und kalt. Doch die Bäume formen sich wie eine Kathedrale um uns herum und geben ein Stückchen Wärme und Geborgenheit. Eine schlichte Urne umringt von weißen Blümchen steht vor einem Kreuz. Ein Bild der Toten zeigt sie lachend auf einem Motorrad.

Ich spreche Worte über ihr Leben. Worte aus der Bibel. Wir beten und hören Musik. Und dann soll es zum Grab. Genauer gesagt zu einem Baum im Wald. Dort wird die Urne bestattet.

Der Trauerzug läuft los, tiefer hinein in den Wald. Der Mitarbeiter des Bestatters, ein älterer Herr, trägt die Urne. Wir laufen eine Weile und er hält an einem Baum. Dort ist offensichtlich ein Urnengrab ausgehoben, doch der Sohn der Verstorbenen hält inne: Das ist nicht der ausgewählte Baum. Das ist nicht unser Grab.

Schock beim Urnenträger. Sowas ist ihm noch nie passiert. Er hatte es nicht weiter nachgeprüft, und nun hat er nicht mal die Nummer des richtigen Baumes im Kopf. Trotz Kälte läuft ihm Schweiß die Schläfe hinunter. Er wird rot und schüttelt andauernd den Kopf.

Nach und nach merken alle Beteiligten, dass da was nicht stimmt und hektisch wird im Handy nach der Baumnummer gesucht. Plötzlich fangen alle an, Witzchen zu reißen. Es ist eine gelöste - fast heitere Stimmung. Wir laufen mehr als 20 Minuten durch den Wald – lange in die völlig falsche Richtung. Und es ist irgendwie lustig. Auch der Bestattungsmitarbeiter entspannt sich irgendwann. Und dann tatsächlich: wir finden den Berg-Ahorn für die Urne. Die Menschen, die vorher noch mit hängenden Gesichtern am Andachtsplatz standen, haben jetzt alle ein Lächeln im Gesicht. Und ich auch.

Und ich mag mir vorstellen und glauben, dass die Verstorbene im Himmel, beim Anblick unserer Grab-Schnitzeljagd herzlich gelacht hat. Sie, mit uns zusammen. Das tat gut.

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22FEB2024
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„Gott ist tot!“, ruft der Zweitklässler Samuel laut in den Klassenraum. 
„Huch“, denke ich. Wo kommt das plötzlich her? Ich bezweifle, dass Samuel den Philosophen Nietzsche kennt. Der hat das mal gesagt: „Gott ist tot“

Wie kommt mein 2. Klässler also da drauf?

„Gott ist tot!“ Samuel wiederholt vehement seine Aussage und ich bin gespannt auf seine Erklärung. „Ja, Gott ist doch im Himmel! Also ist er tot. Denn alle Toten sind im Himmel.“

Um ihn herum kräftiges bejahendes Nicken der anderen Kinder. Es scheint sie für alle vollkommen logisch.

Nur Lisa meldet sich und sagt: „Meine Mama hat gesagt, meine Oma ist im Himmel und lebt jetzt mit Gott und Jesus da oben.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu. „Also ist meine Oma nicht richtig tot und Gott auch nicht. Sie leben im Himmel“

Schweigen. Jetzt sind alle irgendwie ratlos. Ist Gott nun tot oder lebendig? Und was hat Jesus nochmal damit zu tun?

So sieht eine typische Reli-Stunde aus. Das eigentliche Thema ist vergessen und ich befinde mich mit meinen Schülern mitten in einer spannenden theologischen Fragestellung. Ich liebe das!

Und habe besonders in diesen Situationen den Eindruck: Die Kinder nutzen den Reli-Unterricht, um eigenen Fragen nachzugehen.

Gegner des christlichen Reli Unterrichts behaupten ja, er würde die Kinder manipulieren und ihnen den Glauben aufzwingen.

Ich bin vom Gegenteil überzeugt. In Reli lernen die Kinder logische Schlüsse zu ziehen, aus dem, was sie von Erwachsenen über Gott gehört haben. Das zeigt das Beispiel von Samuel und Lisa:  Sie zweifeln. Sie stellen in Frage. Sie glauben nicht alles und sie denken selbst. In Reli ist der Ort für die großen Sinn-Fragen, die alle Menschen haben. Wie schön, dass unsere Kinder Raum und Recht bekommen, ihre Fragen zu stellen. Und ich dabei sein darf, wenn sie Antworten suchen.

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21FEB2024
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Es ist zum verrückt werden: jedes Mal, wenn ich eine längere Pause habe - also Urlaub oder ein verlängertes Wochenende und ich dann wieder zu arbeiten anfange, habe ich das Gefühl: Ich kann nix mehr! Gar nix!

In mir schreit es laut: Ich bin völlig ungeeignet für diesen Job. Die Leute werden mich bald alle als Hochstaplerin entlarven. Mein Examen habe ich nur mit sehr viel Glück bestanden und im Grunde habe ich keine Ahnung, von dem was ich da täglich tue. Hilfe – ich bin eine Mogelpackung!

Als ich das einer Freundin anvertraue, weiß sie sofort, wovon ich spreche. „Ich habe das auch! Und vielen anderen Menschen geht es genauso.“ Sie erklärt mir, dass dieses Gefühl sogar einen Namen hat: Imposter-Syndrom. So heißt es, wenn man, entgegen allen Fakten, nicht an die eigenen Fähigkeiten und Erfolge glaubt und denkt alles sei unverdient. Andere viel begabter als man selbst.

Aha. Imposter-Syndrom also. Und wie sollte ich jetzt damit umgehen?
Meine Freundin, die sich schon länger mit der Thematik auseinandergesetzt hatte, hat ein paar Tipps parat, wie sie das handhabt, wenn das Hochstaplersyndrom so richtig reinkickt:

Und zwar, hängt sie besonders positive Rückmeldungen in Emails oder Briefen, an den Kühlschrank oder die Büro- Pinnwand. So kann sie sich das Lob für ihre gute Arbeit immer wieder vor Augen führen.

Außerdem redet sie mit anderen über ihre Angst, nicht zu genügen. Denn dabei stellt sie fest, dass sie mit dieser Angst nicht alleine ist.

Sie vermeidet es sich zu vergleichen und wenn sie etwas erfolgreich abgeschlossen hat, dann feiert sie sich selbst ganz bewusst.

„Und weißt du, was mir am meisten hilft?", erzählt sie mir weiter, „dass ich im Innersten weiß, mein Wert bei Gott, hängt nicht von meinen Leistungen ab. Gott misst anders als wir Menschen. Bei ihm gibt es weder Hoch – noch Tiefstapler, nur Menschen, die er lieb hat!“

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20FEB2024
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Eine Freundin von mir postet neuerdings alles, was sie Gott sagen will in den sozialen Medien.

Katja erzählt Gott von ihrem Tag, ihren Sorgen und das, was sie an der Arbeitskollegin nervt. Sie macht Witze, ist oft sarkastisch und stellt schonungslose Fragen. Sie dankt Gott für Schwarzwälder Kirschtorte und fragt sich, ob Gott wohl am 8. Tag Staub wischen musste.

Und was ich lieb: Sie nennt Gott immer: Großer.
„Großer, ich hab Dir was zu sagen.“
„Großer, das ist doch nicht Dein Ernst?!“ So, oder ähnlich, fangen ihre Gott-Gespräche an.

Am Anfang hab ich mich ein wenig über diese Anrede gewundert – aber sie erklärte mir, dass sie aufgrund des Kirchenlieds: „Großer Gott wir loben Dich“, als Kind immer davon ausgegangen war: Großer sei der Vorname Gottes. Großer Gott - So wie Karel Gott.

Mit Gott gesprochen hat sie schon immer, sagt sie. Mindestens dreimal am Tag. Und als sie bei einer Pfarrerin auf Insta sah, dass diese jeden Abend einen Segen als Gespräch postete, war sie überrascht, dass es noch jemanden gab, der ohne festgefahrene Gebetsregeln mit Gott sprach. So entstand dieses Ritual. Und ich freue mich, dass sie mich und viele andere dran teilhaben lässt.

Ihre Worte sind so voller Vertrauen. Sie spricht Gott ganz persönlich an – Kein klassisches: Herr oder Vater. Nah und trotzdem nicht distanzlos. Auch nicht respektlos. Wie eine echte Freundin, die sich nicht verstellen muss. Sie lässt all ihre Gefühle raus. Da ist kein Anstands - oder „benimm Dich“ - Filter. Stattdessen eine Intimität, die mich anrührt und mir sehr gefällt.

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19FEB2024
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Da ist sie wieder: Frau Morgen- Panik!
Oh, ich mag sie gar nicht, diese nicht eingeladene Gästin, die gerne morgens zwischen 4 und 6 unter meine Bettdecke kriecht und sich auf meine Brust legt. Da macht sie es sich bequem und sorgt für Herzrasen und Chaos im Kopf. Plötzlich ist alles schlimm. Mein Leben ein einziges unlösbares Problem. Kleinigkeiten werden riesig. Ich bekomme kaum noch Luft. Es gibt nur noch Kummer und Sorgen - keine Hoffnung.
Frau Morgen-Panik begleitet mich schon seit ich Kind bin. Genauer gesagt, seit ich zur Schule gehe. Und sie verschwindet immer erst dann, wenn ich aufstehe. Lustig, denn genau vor dem Aufstehen und Leben habe ich ja so schreckliche Angst.

Frau Morgen -Panik ist ne echte Nervensäge und das Schlimme ist: Sie hat Geschwister. Andere haben mir erzählt, sie kennen noch Herrn Abend-Sorge und die Nacht-Hexe. Unangenehme Gestalten. Doch, es gibt Wege mit ihnen zurechtzukommen.

Bei mir hat es mehr als mein halbes Leben gedauert, bis ich gelernt hatte mit Frau Morgen-Panik umzugehen. Heute hat sie kaum noch Macht über mich. Ich weiß, wie ich sie austricksen kann. Deswegen bin ich bin seit vielen Jahren Frühaufsteherin, denn ich weiß außerhalb des Bettes, hat sie nur noch wenig zu sagen. Ihre Kraft kommt aus der Dunkelheit. Sobald ich Licht mache, mich bewege und Musik anstelle, ist sie weg. Ist ihr dann wohl zu anstrengend.

Außerdem habe ich mir morgens angewöhnt, Gott darüber zu informieren, dass ich jetzt wach bin und dringend seine Unterstützung brauche. Dann suche ich ein kleines Etwas, über das ich mich freuen kann.
Das kann das Katzenschmatzen meiner Haustiger sein oder der Anblick meines lieblings-schiefen Baumes. Manchmal einfach nur der warme Kaffee. Total banal. Aber mir hilfts. Ja, mir hilfts ein Bild von meiner schmatzenden Katze zu machen und es in meinen Status zu stellen. „Katzenschmatzen am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen!“ Total albern. Aber wirksam.

Es ist ein antrainierter Optimismus, der nach und nach zu echtem Optimismus wurde. Frau Morgenpanik schaut immer noch regelmäßig vorbei. Aber ich nehm mir nicht mehr so viel Zeit für sie.

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18FEB2024
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Ciara war nicht so recht zufrieden und glücklich mit sich und der Welt. Denn sie hat es nicht so ganz einfach gehabt in der Schule. Ich lernte Chiara kennen, als ich Ihre Reli-Lehrerin war.

Im Reli Unterricht war sie ganz anders. Nicht unzufrieden, sondern mit Begeisterung und Leidenschaft bei der Sache. Jede Bibelgeschichte sog sie in sich auf und konnte alles nacherzählen. Am meisten mochte sie die Geschichten von Jesus.

Eines Tages klingelte es bei mir am Pfarrhaus und Ciara stand vor der Tür. „Frau Schimmel, ich will getauft werden. Sie müssen mich taufen!“ Ich fand die Idee sehr schön und erklärte ihr, dass wir erst noch mit ihrer Mutter sprechen müssten. Dann schickte ich sie weg.

Doch Ciara konnte es nicht schnell genug gehen. In jeder Relistunde stand sie an meinem Pult und fragte: „Wann machen wir das mit der Taufe“ und klingelte noch einige Male am Pfarrhaus.

Und dann war es so weit: An einem sonnigen Juli-Tag stand ich mit Ciara und ihrer Familie im See. Ciara stand kerzengerade vor mir. Sie blickte mir direkt in die Augen.

Ich nahm dreimal Wasser aus dem See und taufte sie im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Ich zeichnete ihr mit dem Taufwasser ein Kreuz auf die Stirn. Ciara antwortete mir mit ihrem Taufspruch aus Psalm 139, den sie selbst ausgewählt hatte: „Ich danke Dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind Deine Werke. Das erkennt meine Seele.“

Nie habe ich einen Menschen würdevoller dastehen sehen als Ciara an diesem Morgen im See. Himmelselig stand sie da. Es war, als hätte sich dieser Satz wie Goldglanz auf sie gelegt. Als stünde es jetzt mit Glitzer auf ihrer Stirn. „Ich bin wunderbar – wunderbar gemacht“.

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17FEB2024
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Was wäre ich im Winter ohne Eiskratzer? Aufgeschmissen! Denn ich vergesse so oft am Abend, dass ich diese silberne Schutzmatte über meine Windschutzscheibe legen muss. Am nächsten Morgen muss ich dann halt kratzen.

Ich fluche natürlich erstmal, weil diese paar Minuten Eiskratzen eigentlich immer meinen eh schon knappen Zeitplan zerschlagen. Aber hinterher hat mir mein zugefrorenes Auto was Wichtiges über Gott und mein Leben beigebracht. Auch bei mir in meinem Alltagstrott gibt es immer mal wieder Sachen, die wie festgefroren sind. Das kann eine starre Gewohnheit sein, die sich irgendwie eingeschlichen hat, obwohl ich sie nie bewusst haben wollte. Dass ich mich abends nur noch auf die Couch schmeiße und nichts mehr mache, zum Beispiel. Oder dass ich zu oft Tiefkühlpizza esse.

Manches fällt in meinem Alltag hinten runter, obwohl es mir eigentlich wichtig ist. Zum Beispiel mal eine Sporteinheit dazwischen zu schieben oder eben mehr Gemüse zu essen, auch wenn das eine ganz schöne Schnibbelei ist. Oder auch was für meine Seele tun: dass ich immer wieder am Tag mal mit Gott connecte. Immerhin komme ich ja aus seinen Werkhallen.

Da kommt für mich die Fastenzeit ins Rennen, die gerade angefangen hat. Die Fastenzeit ist für mich wie ein Eiskratzer. Mit Gott an meiner Seite kratze ich mein Leben wieder frei. Und so bereite ich mich auf Ostern vor. Weil ich nicht will, dass in meinem Leben was festfriert. Deswegen verzichte ich freiwillig auf was Gewohnt-Liebgewordenes, um für mich wieder klar zu kriegen, was ich will. Lieber will ich unterscheiden können, was wichtig und was nicht wichtig ist. Denn: Ich will wieder klarer sehen können!

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