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SWR3 Worte

07OKT2022
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Erling Kagge ist ein Abenteurer und Extremwanderer, Südpol, Mount Everest, New Yorks Kanalisation, gerne bis zur Erschöpfung. Er meint:

Es kann durchaus absurd erscheinen,
sich freiwillig Kälte, Hunger und Unsicherheit auszusetzen,
aber es ist kein Spiel mit dem Tod.

Es ist das Gegenteil.
Es geht darum das Leben auszukosten.
Bevor ich aufbreche, ergreife ich jede mögliche Initiative, um das Risiko zu minimieren.

Wenn ich dann die Sonne untergehen sehe,
über eine tiefe Gletscherspalte trete,
über einen Stacheldrahtzaun klettere, um in einen Eisenbahntunnel zu gelangen,
oder einem hungrigen Eisbären Auge in Auge gegenüberstehe,
habe ich das Gefühl,
in meinem eigenen Leben präsent zu sein.

Das Paradies ist wieder dort, wo ich bin.
Es gibt nichts Bedeutenderes in diesem Moment als das Leben.

Erling Kagge, Gehen. Weiter Gehen. Eine Anleitung

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06OKT2022
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Der Filmkritiker und Autor Bela Balasz geht spazieren:

Ich gehe manchmal stundenlang durch die Felder mit der Empfindung
Immer tiefer und tiefer einzudringen.
Wohin?

Das kann man nicht benennen.
Und auf einmal fühle ich:
Jetzt bist du da.
Wo?

Das kann ich nicht sagen.
Es ist, als wäre ich eingetreten in eine Runde, die mich kennt.
Die Berge schauen mich an ruhigen Blicks,
und die Bäume winken ganz leise.
Wie der verlorene Sohn bin ich heimgekehrt,
und ein Ernst durchleuchtet mich,
der mich nirgends anderswo überkommt.

Er ist klarer als jede Freude und härter als jeder Schmerz.
Er ist mein reinster Zustand.
Ich bin angekommen zu mir selbst.
Da blicke ich mich um mit dem Gefühl des Neu-Beginnens.

Bela Balász ein Baedeker der Seele. Und andere Feuilletons aus den Jahren 1920 – 1926. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36255
05OKT2022
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Der Schriftsteller Ingo Schulze erkennt mit seiner kleinen Tochter das Wunder des Lebens:

Durch die Sonnenbrille war der Himmel so blau wie in Italien,
und die Kiefernäste waren Pinienzweige.
Für ein paar Sekunden muss ich eingenickt sein – und erwachte,
als Franziska dicht an meinem Kopf vorbeirannte.
Sie lachte, ja juchzte.
Sie lief so schnell, dass ich glaubte sie würde gleich hinfallen,

Franziska blieb stehen, streckte den Arm vor und rief: ‚dahs ihs?‘
Es war ein vollkommen makelloses Stück Orangenschale.
‚Eine Orangenschale‘, sagte ich.
‚Wahs?‘ fragte sie
Eine Orangenschale wiederholte ich und gleich nochmal eine Orangenschale.

Und plötzlich begriff ich: eine Orangenschale.
Franziska … hatte woran auch immer gemerkt;
dass ich ihr endlich die richtige Erklärung gegeben hatte.

Beide betrachteten wir die Orangenschale und mit ihr das Wunder,
dass es die Orangenschale und uns und alle und alles gab,
das ganze Wunder eben.

Schulze, Ingo: keine Literatur oder Epiphanie am Sonntagabend. Aus Schulze, Ingo: Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36254
04OKT2022
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Der Schriftsteller Sandor Marai wusste, dass wir nicht leben können ohne das Unnütze: die Schönheit, die Blumen:

Blumensprache

Plötzlich merken wir,
dass die Wohnung die Welt, das Leben voller Blumen ist.
Eine sonderbare, unmenschliche Pracht!
Sie verhüllt etwas Ermattetes und Böswilliges,
Muffiges und Tödliches, das Leben,
und sie verfügt über Millionen von Wörtern.

Ich kenne nur die Urbegriffe:
Die Rosen, die Nelken, die Primeln…
So mault der leicht entflammbare Sommer.
Spricht in der Blumensprache zu uns.
Und was will er sagen?
Für einen kurzen Augenblick,
zwischen Leben und Tod,
teilt er uns etwas mit.

Er sagt:
‚Die Welt ist nicht nur eine nützliche,
sondern auch eine überflüssige.
Atme, erinnere dich, verschwende.
Schönheit ist Überfluss.
Fühlst du das?‘
Ja ich schaue mich um,
staune, sehe und fühle es.

Für morgens und abends. Das soll dir bleiben. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36253
03OKT2022
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Zwischen Armut und Frauenfeindlichkeit wuchs die Mexikanerin Sandra Cisneros auf – dennoch mittendrin findet sie Gott. Sie schreibt:

Man kann nie zu viel Himmel haben.
Du kannst einschlafen und himmeltrunken aufwachen,
und der Himmel kann dir Geborgenheit geben,
wenn du traurig bist.

Hier bei uns gibt es zu viel Traurigkeit und nicht genug Himmel.
Auch Schmetterlinge sind selten, genau wie Blumen
Und die meisten Dinge die schön sind.
Trotzdem nehmen wir, was wir kriegen können, und machen das Beste draus.
Darius, der ungern zur Schule geht, (…)
der manchmal bescheuert und meistens albern ist.
Darius….zeigte heute in den Himmel, weil die Welt voller Wolken war,…
Seht ihr die Wolke da, die dicke Wolke da? Fragte Darius, seht ihr die?

Die eine neben der, die wie Popcorn aussieht….. Seht ihr die?
Das ist Gott, sagte Darius. Gott?, fragte irgendeine von den Kleinen.
Gott, sagte er, und es war ganz einfach zu kapieren.

Cisneros, Sandra: Das Haus in der Mango Street.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36252
02OKT2022
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Ein Gebet für den Frieden vom Theologen Kurt Marti:

Wir preisen Dich, Göttin Gott,
die Du nie eine Waffe gebrauchst,
die Du Tote ins Leben erweckst,
Feinde als Geschwister entlarvst.

Wir bitten Dich, Göttin Gott,
steck uns mit deiner Liebeskraft an,
weck Gefühl in uns und Mitgefühl,
gib uns Mut gewaltlos zu sein.

Wir danken Dir, Göttin Gott,
die du Lust am Lebendigen hast,
die du gegen Vernichtungen kämpfst
für den Sieg der Gerechtigkeit.

DU. Rühmungen, Kurt Marti

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36251