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SWR2 Wort zum Tag

02FEB2023
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„Früher war mehr Lametta“. Ob Loriot wirklich recht hatte mit dieser Behauptung? Unsere Eltern fanden Lametta zu altmodisch. Also lieber Strohsterne und Goldpapier-Teile. Bei den Großeltern aber: ja, da war viel Lametta am Baum. Aber früher noch mehr..:?

Was ich jedenfalls sagen kann: Früher war länger Weihnachten. Wirklich: bis zur letzten Reform des Kirchenkalenders hat die Weihnachtszeit bis zum zweiten Februar gedauert. Bis heute also, sozusagen. Fest Darstellung des Herrn. Gern auch Maria Lichtmess genannt. Vierzig Tage nach der Christnacht.

Das Kirchenjahr feiert ja immer wieder das Leben des Jesus von Nazaret mit – und heute ist dran, was die Bibel aus seinen ersten Monaten berichtet: Nach vierzig Tagen sollten jüdische Eltern ihren erstgeborenen Sohn in Gottes Hand geben – weil alles Erstgeborene Gott gehört. Und das tun Maria und Josef mit dem Jesuskind. Außerdem war für die Mutter mit dieser Zeremonie – modern gesprochen – so etwas wie die MutterschutzZeit zu Ende. Und für die Kirche die weihnachtliche Fest-Zeit.

Gefeiert wird der Tag aber immer noch – in vielen Kirchen als das letzte Lichterfest in winterlicher Zeit. Da erinnern sich die Christenmenschen an die Szene im Tempel, damals: Ein uralter Mann, Simeon heißt er, war täglich zum Beten dort; und jetzt nimmt er das Jesuskind sozusagen in Empfang und verabschiedet sich zugleich: Jetzt kann ich in Frieden sterben; ich habe dieses Kind gesehen – das Heil der Welt, das Licht für die Völker… Diese Geschichte aus dem Lukas-Evangelium machen viele Gemeinden am zweiten Februar wieder sichtbar; bei uns haben alle im Gottesdienst gesegnete brennende Kerzen in der Hand und nehmen sie auch mit nach Hause.

Früher haben wir die Lichtmesskerze zu Hause immer angezündet, wenn ein Gewitter drohte – irgendwann im Jahr, meist im Sommer. Das war ein wenig Kinderglaube: als ob der Segen von Weihnachten Haus und Familie und Nachbarschaft schützen könnte vor Blitz und Donner. Heute fände ich das ein bisschen magisch – zur Sicherheit hatten wir ja Blitzableiter auf dem Dach. Aber weil das Licht der Kerzen bei Gewitter uns nochmal an Gottes Nähe erinnerte, war Weihnachten damals noch länger. Früher eben – auch ganz ohne Lametta.

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01FEB2023
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Der alte Herr ist sehr alt und krank – eigentlich ist klar, dass er sein irdisches Leben bald verlassen wird. Er hat schon keinen wahrnehmbaren Kontakt mit seiner Umwelt mehr. Und jetzt hat er auch ganz aufgehört zu trinken und zu essen. Die jungen Leute aus der Familie erinnern sich, dass er doch so katholisch war – und müssten wir nicht dafür sorgen, dass da noch mal der Pastor kommt und dieses Öl… Wie heißt das nochmal? Irgendwas mit „Letzte Ölung“ oder!?

Gut, dass gerade das Pflege-Team hereinkommt. Die wissen doch sicher Bescheid. „Ob der Onkel wohl gewollt hätte…“  „Sie meinen, dass er die Krankensalbung bekommen will!?“ Die Pflegerin ist Muslima; kennt sich aber aus mit den katholischen Wörtern. Da fällt ihr der Kollege schon ins Wort: „Nein nein, war doch erst im November – das gilt noch vier Monate!“

Bei aller Tragik, fand ich das doch auch ein bisschen komisch. Weil: die Schwester, die aus einem ganz anderen Glauben kommt, würde natürlich dafür sorgen, dass der alte Mann auch in seinen letzten Tagen Gottes Kraft und Segen bekommt – dafür steht ja die Krankensalbung. „Ist einer unter euch krank, dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben.“ Ziemlich konkrete Anweisungen im biblischen Jakobus-Brief.

Und wenn der oder die Kranke es nicht mehr selbst tun kann, soll eben jemand aus der Umgebung dafür sorgen, dass die Gemeinde sie oder ihn salbt und über sie betet… Wobei: Biblisch ist damit die Hoffnung verbunden, dass Gebet und Salbung die Kranken eher stärkt und gesund machen soll. Öl ist schließlich ein uraltes Heilmittel – wird übrigens gerade wieder mal neu entdeckt. Und dass die antiken Ring- und Faustkämpfer sich komplett eingeölt haben, damit sie dem Gegner keinen Angriffspunkt bieten: dieser Gedanke war sicher auch im Spiel.

Öl und Segen also: kein Gedanke an „Letzte Ölung“; eher „Mit Gottes Kraft heilen“ oder sogar „auf dem letzten Weg schützen“ … Und – da bin ich wieder bei der tragikomischen Szene im Pflegeheim: die Krankensalbung hat natürlich weder ein Mindesthaltbarkeitsdatum noch eine Gültigkeits-Dauer. Der alte Onkel hätte sie gern noch einmal empfangen können; er ist dann aber doch schon friedlich zum letzten Mal eingeschlafen. Dass Mitglieder seiner Familie und das Pflegeteam bis zuletzt bei ihm waren, hat er vielleicht ja auch noch gespürt; und sicher ist er jetzt bei dem Gott, dem er sein Leben anvertraut hatte.

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31JAN2023
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„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch nach dem Grund der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Diese Stelle aus dem ersten Petrusbrief stand über der Todesanzeige meines kürzlich verstorbenen Theologieprofessors. Der Satz ist so etwas wie das Grundprogramm seines theologischen Schaffens und auch aller, die diese „Wissenschaft von Gott“ betreiben.

Immer weniger jungen Menschen wollen heute aber Theologie studieren. Während ich meinem Professor noch in einem fast vollbesetzten Hörsaal zu folgen versuchte, reicht heute für die Vorlesungen ein größerer Seminarraum – zumindest an den katholischen Fakultäten. Mich hat das Theologiestudium mit einer Vielzahl von relevanten Disziplinen konfrontiert und in verschiedenen Bereichen kompetent gemacht: Neben dem Verständnis von Philosophie und der Theologie im engeren Sinn lernte ich mit klassischen Sprachen umzugehen, Texte in ihrer Überlieferung zu erforschen, geschichtliche Zusammenhänge besser zu verstehen. Pädagogische Inhalte, juristisches Denken waren ebenso Teil davon wie gesellschaftliche Ethik und juristisches Denken im Kirchenrecht.

Für immer mehr Menschen heute spielen Religion und Kirche kaum noch eine Rolle. 2022 waren es mehrere Hunderttausend Menschen, die nicht mehr offiziell Teil der katholischen und evangelischen Kirche sein wollten. Auf katholischer Seite spielen dabei auch die lange Zeit vertuschten Skandale eine wesentliche Rolle. Aber machen massenhafte Kirchenaustritte auch die Theologen als „Experten für Religion“ überflüssig?

Der Freiburger Theologieprofessor Magnus Striet wundert sich, "was es für die kulturelle Gegenwart unseres Landes bedeutet, wenn es immer weniger Deutungskompetenz auf dem Feld des Religiösen geben sollte. Gerade weil sich die Gesellschaft immer weiter pluralisiert und Religion keineswegs verschwindet, braucht es Menschen, die gesprächsfähig sind.“

Ich selbst erlebe immer wieder, dass ich aus dem Freundes- und Bekanntenkreis angefragt werde, wenn es um Fragen von Religion und Frömmigkeit geht – und dies eben auch von Menschen, die mit der Kirche „nicht viel am Hut haben“, wie man so schön sagt. Spiritualität und Grundfragen des Lebens bleiben trotzdem und wir laufen Gefahr, dass dazu nur noch diejenige etwas sagen, die einfache religiöse Antworten vorziehen und vom kritischen Nachdenken über den Glauben wenig halten. Religiösen Fundamentalismus gibt es genug auf der Welt. Wer jedoch seinen Glauben verantworten und erklären möchte, muss stets bereit sein können, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach dem GRUND der Hoffnung fragt, die ihn erfüllt.

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30JAN2023
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„Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.“ Ein mir bekannter Kirchenmusiker sang vor kurzem diese uralte Melodie. Es sind Worte, die in der katholischen Liturgie der Begräbnisfeier ihren Platz haben. Die Mutter eines engen Freundes haben wir zu Grabe getragen und ich war mitten in der Trauerfamilie, mit der ich befreundet bin.

Es war ein sehr intensiver Tag für mich, denn ich wurde wieder hineingenommen in dieses Geheimnis von Tod und Sterben, das mich schon oft fasziniert hat. Als im Lauf des letzten Jahrzehnts meine beiden Eltern starben, war ich selbst so betroffen, dass es mir schwergefallen ist, in die Tiefe dieses Geheimnisses hineinzugehen, dieses Faszinosum zu spüren.

Jetzt aber, bei dieser Beerdigung, merkte ich wieder, wie sich das Leben an diesem Punkt intensiviert und verdichtet. Die Verstorbene war eine einfache Frau und ihre ganze Biographie war geprägt von Arbeit und Sorge um die Familie. Mir ist wieder klar geworden, wie wenig akademische Bildung zählt, wenn das Leben zu Ende geht und zu Ende ist. Was zählt, sind Eigenschaften, wie sie die Verstorbene ausgezeichnet haben: Großzügigkeit, Herzensgüte, die Fähigkeit zu verzeihen und zu lieben. Jetzt zeigte sich, dass das die Dinge sind, die die Größe eines Menschen ausmachen. Aber brauchen wir erst den Tod, um dies festzustellen? Nicht unbedingt, aber es verdichtet sich im Tod, was ein Mensch wirklich war und was ihn ausgezeichnet hat. Der Tod ist für uns Menschen ein Skandal, weil er letztlich völlig unbegreiflich ist und es uns verborgen bleibt, was da passiert. Aber er führt uns auch in eine Tiefe, die wir im Alltag oft nicht erreichen.

Die Verstorbene war ein sehr gläubiger Mensch und ich habe mich gefragt, ob das ein Grund war, warum sie sich in Frieden von allen Freunden und Familienmitgliedern verabschieden konnte, bis zum letzten Tag ihres Lebens. Und was ihr Mann, ihre Kinder und Enkel sich von ihr erzählten, wie dieser gute Geist die Familie miteinander verknüpft hat, das hat mich tief beeindruckt. Ihre Zuversicht möchte ich gerne mit ihr teilen, diesen Glauben, dass es nach dem irdischen Leben einen guten, weiteren Weg gibt.

So würde ich es mir auch wünschen, wenn auch in meiner Begräbnisfeier einmal jemand singt: „Zum Paradies mögen Engel dich geleiten“

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