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SWR2 Wort zum Tag

17AUG2022
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Ich gehe gerne Bergsteigen. Und wenn ich dann oben bin, auf dem Gipfel, bin ich glücklich. Für einen kurzen Moment ist alles in Ordnung. Ich habe mich bewegt, spüre meinen Körper, der Kopf ist klar, ich fühle mich vollkommen gut und zufrieden. Dann, so nach einer halben Stunde packe ich zusammen und steige wieder ab. Das gute Gefühl bleibt noch eine Weile, aber irgendwann ist es verflogen.

So ein Gipfel ist ein Ziel. Und wenn ich oben bin, bin ich angekommen. Wenn ich mein Ziel erreicht habe. Aber ich bleibe dort nicht, ich gehe weiter. So empfinde ich es auch im Leben überhaupt. Jedes Ziel, das ich erreiche, ist nur vorläufig. Ein Zwischenschritt. Jedes Ziel wird zum Ausgangspunkt für ein neues Ziel. Ich glaube nicht, dass es ein wirkliches Ankommen gibt. Später dann, im Jenseits vielleicht, aber darüber kann ich nicht viel sagen. Dieses vorläufige Ankommen und wieder Aufbrechen ist eine Grunderfahrung meines Lebens. Es ist etwas, das mich ausmacht. Und deshalb tue ich mir auch mit klaren Antworten schwer. Wenn jemand kommt und mir die Welt erklärt, dass sie so oder so ist und nicht anders, da werde ich skeptisch und ziehe mich zurück. Denn ich habe gelernt, dass die Welt immer anders ist. In jedem Lebensabschnitt, in jedem Lebensgefühl zeigt sie sich mir anders. Und wenn ich meine, etwas verstanden zu haben, dann ist das nur eine neue Grundlage dafür weiter zu gehen. Selbst wenn ich mir bei etwas ganz sicher gewesen bin, hat das nie lange gehalten.

Auch mein Glaube hat sich gewandelt. In allen Phasen meines Lebens, sei es als Kind oder als Jugendlicher, hatte ich ein anderes Verständnis von Gott und eine andere Beziehung zu ihm. Und deshalb habe ich auch manchmal mit meiner eigenen Kirche zu kämpfen. Manchmal ist sie mir zu stur. Als hätte sie einfach aufgehört sich weiter zu entwickeln. Als hätte sie jede Flexibilität verloren. Flexibilität, nicht Beliebigkeit. Ich meine damit nicht, dass sie keinen Standpunkt vertreten sollte. Aber manchmal erscheint mir ihr Bild von Gott als zu starr. Und das widerspricht eben meiner eigenen Erfahrung.

Ich empfinde Glauben als einen inneren Prozess, der auch offen ist. Manchmal wünsche ich mir, dass er klar und eindeutig wäre. Aber das ist er für mich nicht. Oft ist er unsicher, oft zweifle ich, oft widerspricht er sich. Ich kann nicht einfach irgendwelche festen Wahrheiten übernehmen. Denn ich glaube, dass das Leben - wie auch Gott - immer mehr ist, als ich es von meinem momentanen Blickwinkel aus sehen kann.

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16AUG2022
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Ein Freund hat mir gesagt: Andi, Du brauchst wieder eine Frau in deinem Leben. Also hat er mich überredet, mich auf einer Dating Plattform anzumelden. Auf so einer Plattform im Internet werden einem Kurzprofile von potentiellen Partnern oder Partnerinnen vorgestellt. Wenn ich auf dem Smartphone nach links wische, dann bekunde ich mein Desinteresse, wenn ich nach rechts wische, mein Interesse an einer Person. Wenn zwei Interesse aneinander signalisieren, kann man in Kontakt treten. Ich finde das an und für sich schon recht speziell. Aber mir ist noch etwas anderes aufgefallen. Denn häufig haben Frauen geschrieben, dass sie keine „Altlasten“ haben oder sich einen Mann wünschen, der seinerseits keine Altlasten hat. Ich nehme an, auch viele Männer schreiben das. Ich habe zunächst gar nicht verstanden, was damit gemeint ist. Ich habe erst gedacht, da geht es um finanzielle Schulden oder so etwas, bis mich jemand aufgeklärt hat. Zum einen geht es offenbar darum, dass man seine letzte Beziehung überwunden und verarbeitet hat. Zum anderen sind damit scheinbar auch Kinder aus früheren Partnerschaften gemeint. Und das fand ich doch ein bisschen schwierig: Kinder als Altlasten. Das ist geschmacklos. Mir scheint, mit „Altlasten“ ist hier eher etwas ganz Grundsätzliches gemeint. Alles, was in der Vergangenheit war, was man mit anderen Menschen, mit früheren Partnern erlebt hat, das alles soll eine alte Last gewesen sein. Etwas, das weg muss. Nur wenn man mit dem Alten abgeschlossen hat, gelingt etwas Neues.

Ich bezweifle, dass das so radikal möglich ist. Und ich glaube nicht, dass ich das will. Ich glaube nicht, dass ich das, was ich in meinem Leben durchgemacht habe, einfach löschen oder verdrängen kann. Ich kann lernen damit umzugehen, wenn es etwas Schlimmes war, aber es bleibt immer Bestandteil meines Wesens. Des Menschen, der ich eben im Laufe der Jahre geworden bin. Wenn mich ein Mensch wirklich interessiert, ich Liebe für ihn entwickle, dann kann ich - ja muss ich auch - seine Vergangenheit mit einbeziehen. Ich bin 42. Auch ich bin beschädigt und nicht auf alles stolz, was in meinem Leben so gewesen ist. Das ist einfach so. Bei jedem von uns. 

Nach drei Tagen habe ich mich wieder abgemeldet. Weil die Plattform einfach nichts für mich gewesen ist. Ohne sie zu verurteilen, ich weiß, darüber entstehen viele gute Bekanntschaften und Beziehungen. Ich habe mir dann aber ein Herz gefasst und die gute alte Methode angewendet und eine Frau angesprochen, die mich fasziniert hat. In dem Moment war es mir egal, ob sie irgendwelche „Altlasten“ mit sich herumträgt. Ich wollte sie kennenlernen. Diese Offenheit zu spüren, hat mir gut getan.

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15AUG2022
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Vor einigen Wochen habe ich auf einmal eine Verhärtung in meiner Brust ertastet. Ich habe das nicht sonderlich beachtet, aber Freunde haben mich gebeten zum Arzt zu gehen. Das habe ich dann auch gemacht. Weil in meiner Familie schon Brustkrebs vorgekommen ist, bekam ich schließlich eine Überweisung zum Gynäkologen. Das hört sich vermutlich etwas komisch an. Viele wissen das nicht, aber Männer können auch Brustkrebs bekommen.

Ich habe lange im Krankenhaus gearbeitet und bin vielen Menschen mit einer Krebsdiagnose und anderen schweren Krankheiten begegnet. Aber selbst bin ich in meinem Leben bisher nie schwer krank geworden. Gott sei Dank. Und da habe ich nun diese Überweisung gehabt, mit meinem Namen drauf - und darunter: Verdacht auf Mamma CA – also eben Brustkrebs. Und plötzlich war alles anders. Plötzlich war ich in dem „System Krankenhaus“ drin. Nur diesmal von der anderen Seite. Das ist aber nur das Eine, das Äußerliche, gewesen. In meinem Inneren bin ich auch in ein anderes System geraten. In das System der Angst. Denn der erste Gedanke, der gleich nach dem Gedanken an den Krebs gekommen ist, war der ans Sterben. Sofort. Da hat es keinen Zwischenschritt gegeben.

Ich habe mir schon oft überlegt, was ich alles will, wenn ich einmal krank werden sollte. Dabei hat mir die Zeit als Krankenpfleger sehr geholfen: Dass ich nicht alles mit mir machen lassen will. Dass ich mich nicht ans Leben krallen will, denn irgendwann ist es vorbei und das will ich akzeptieren.

Das alles hat auf einmal keine Bedeutung mehr gehabt. Mit dem Verdacht auf Krebs in der Hand. Ich war selbst überrascht, wie schnell das gegangen ist. Und dass ich bei diesem Thema bisher beinahe überheblich gewesen bin. Von außen lässt es sich leicht über Krankheit philosophieren. Wenn es um den eigenen Körper geht, dann wird alle Theorie grau und blass. Dann wird es praktisch. Ich bin bereit gewesen alles zu tun, um wieder gesund zu werden.

Ich habe Glück gehabt. Es ist nur ein Abszess gewesen, der nicht einmal behandelt werden musste. Aber ganz kurz habe ich diese Angst zumindest im Ansatz erfahren. Ganz kurz war ich in eine Welt hineingeworfen, in der viele Menschen täglich leben.

Ich will jetzt nicht über Trost, Mitleid oder Hoffnung reden. Mit bloßen Worten aus der Ferne bleibt das zu abstrakt. Ich möchte nur meinen Respekt ausdrücken. Allen Menschen, die täglich

mit so einer schweren Krankheit leben müssen. Womöglich dem Tod ins Auge schauen. Vielleicht klingt das Wort Respekt hier etwas seltsam. Aber es ist das, was ich empfinde. Wenn man es schafft

in diesem Gefühl zu leben, das ich nur am Rande erfahren habe. Weiterzuleben, wenn die Bedrohung und die Angst jeden Tag da sind. Ich kann mir gar nicht ausmalen wieviel Kraft, Mut und Lebenswillen hierfür aufgebracht werden müssen.

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