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15JUN2024
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Wie leben wir mit nicht erreichten Zielen? Mit dem Unerfüllten im Leben?
Wenn ich in Tübingen über die Neckarbrücke gehe und mein Blick auf den runden gelben „Hölderlinturm“ fällt, kommt mir manchmal ein Gedicht von Friedrich Hölderlin in den Sinn. Er hat es dort – schwach und erschöpft vom Leben –  auf ein Stück Holz geschrieben: 

Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Hölderlin hat 36 Jahre lang da in einem kleinen Turmzimmer gelebt. Er hat deutlich gespürt, wie sein Leben gelinde gesagt „unerfüllt“ geblieben ist. Ein Erfolg im Beruf war ihm verwehrt. Weder als Wissenschaftler noch als Dichter fand er zu seinen Lebzeiten groß Anerkennung. Der Verlust seiner großen Liebe „Susette Gontard“ hat ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben. Enttäuscht und zerplatzt sind auch seine politischen Hoffnungen, die er als Student mit seinen Freunden hatte. Gemeinsam hatten sie gedacht, mit der Französischen Revolution bricht ein Reich der Freiheit und des Friedens an. 

Nach einer schweren seelischen Krankheit hat ihn schließlich der Schreinermeister Zimmer und seine Familie aufgenommen, in ihrem Haus am Neckar. Dort findet Hölderlin nach allen diesen Niederlagen und Verletzungen so wunderbar milde Worte für die eine Hoffnung, die weiterträgt:
Gott kann auch mein Leben einst „ergänzen“, mit allem, was auf der Strecke geblieben ist: „Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden“.

Wie verschieden sind doch „die Linien des Lebens!“ Manches gelingt, anderes bleibt auf der Strecke, bei manchem stößt man an Grenzen. Wie gehe ich damit um – mit dem Nicht-Erreichten – im Beruf, in der Familie, im öffentlichen Engagement? Mich anstrengen – auf Teufel komm raus?! „Komm, da geht noch was. Das schaffst Du schon!“. Aber kann ich das überhaupt? Und muss ich das wirklich?

Hölderlin ist mir in vielem ein Seelsorger geworden.
Seine Dichter-Worte stärken meinen Glauben und trösten mich:
Ich kann im Leben an Grenzen stoßen und Ziele nicht erreichen.
Ich kann auch scheitern. Und kann dann mit dem Unerfüllten weiterleben.
Ich kann ein Fragment bleiben – und muss nicht komplett werden. Ja, ich kann dazu stehen – ohne Verdruss, ohne Selbstvorwürfe. Mit der Hoffnung: Gott wird einst ein Ganzes daraus machen, die unvollendet gebliebenen Linien weiterziehen.

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14JUN2024
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Wenn ich vor dem Kindergarten auf meinen Enkel warte, höre ich immer mal wieder diese Frage: „Arbeitest Du wieder? Oder bist Du noch Zuhause?“ Wo ich diese Frage höre, versetzt mir das einen Stich ins Herz.

Wer einmal kleine Kinder versorgt hat – für einen Tag, für eine Woche – oder auch nur für ein paar Stunden, – der weiß, wie viel Energie das kostet. Einen Haushalt führen: für Essen sorgen, die Wäsche waschen, Einkaufen.
Ein Betrieb mit etlichen Betriebszweigen ist das!
Und wie müde und erschöpft ist man danach.
Aber auch: Wie schön und erfüllend kann das sein.

Es ist freilich gut und wichtig, wenn in Kitas und Schulen Erziehende anständig bezahlt werden. Und es gibt immer wieder neue Ideen, wie man Mütter und Väter für ihre Erziehungs-Leistung finanziell entlasten und honorieren kann: Kindergeld, Elternzeit – und dergleichen mehr.

Nur wäre es für mein Empfinden fatal, wenn alle unsere Mühen und Anstrengungen auf die eine Dimension reduziert werden: Gibt es dafür Geld? Als Arbeit kann dann nur noch gelten, was bezahlte Lohnarbeit ist. Und als wichtige Arbeit, wofür es richtig viel Geld gibt.

Die Bibel kennt noch andere Dimensionen und andere Wege, wie Menschen zu lebenswichtigen Dingen kommen, ohne dafür Geld zu zahlen. Es heißt einmal im Buch Jesaja:
„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!
Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst!
Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ (Jes 55,1)

Kaufen ohne Geld? Gratis? Wie soll das denn gehen?
Bei Jesaja ist damit ein Eintauschen auf dem Markt gemeint, ohne Geld.
Menschen tauschen Dinge und Dienstleistungen, so würde man heute wohl sagen, ohne zu zahlen.
Da und dort gibt es heute solche Initiativen, die das wiederbeleben.
In Repair-Cafés z. B. wenn ich nicht damit klarkomme, wie ich eine defekte Lampe repariere. Ich kann die mitbringen. Und es gibt technisch versierte, die mir dabei helfen oder es für mich machen. In derselben Zeit kann ich anderen bei der Fahrradreparatur helfen. Es gibt auch „Tauschbörsen“, wo Hilfeleistungen zum Tausch angeboten werden: „Das kann ich, was kannst Du?“ Im Tausch z. B. Gartenarbeit gegen Nachhilfe. Oder Knöpfe annähen und Hemden bügeln, gegen Einkaufen und Autowaschen.

Ich denke nicht, es ginge alles leichter ohne Geld. Keineswegs! Doch diese vorindustrielle Sicht auf Arbeit und Erwerb aus der Bibel hält an der Vorstellung fest: Im Leben ist vieles unverzichtbar und anerkennenswert und richtig Arbeit, was kein Geld kostet. Hoffentlich auch in Zukunft.

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13JUN2024
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Kennen Sie das Wort „Putzteufel“? Es wird abschätzig meistens Frauen nachgesagt, die mehr putzen, als andere das für nötig halten.  D e r „Putzteufel“ ist männlich. Und ich fühle mich durchaus angesprochen: Wenn ich einen Schnipsel Papier auf dem Boden sehe und den sofort zum Mülleimer bringe. Doch das betrifft nur Äußerlichkeiten.

Mir geht es heute in erster Linie um die „Putzteufel“ in uns. Die in den Gedanken, Gefühlen und Ansichten von Menschen aufräumen wollen. Die mit dem Kehrbesen im Kopf auf der Suche nach „schmutzigen Gesinnungen“ sind:
„Was denkst du über Geflüchtete? Wie über die vergangenen Coronamaßnahmen?
Wie über Klimaschutz oder Gendern?“

Keine wirklichen Fragen sind das dann. Sie sind gepaart mit Tabus und Denkverboten: „Bist du auch so verrückt?“ – „Mit denen redet man nicht!“ – „Denen geht man besser aus dem Weg!“ „Die lädt man nicht mehr ein.“ Ich denke, die Versuchung ist zur Zeit groß, bei solchen „Putzteufeleien“ mitzumachen.

Mir fällt auf: Im Wort „Putzteufel“ steckt der Teufel – eine religiöse Dimension. Führt zu Gesinnungsputzteufeln eine religiöse Spur?

Jesus hat einmal gesagt: Es kommt nicht auf die äußere Reinheit eines Menschen an, sondern auf die Innere! Es kommt auf das an, was ein Mensch fühlt und sagt! (Markus 7)

Christen haben das oft zum Anlass genommen, Überzeugungen und Äußerungen ihrer Mitmenschen zu durchleuchten. Mal waren es radikale Calvinisten zu Zeiten der Reformation in Genf, mal war es die Inquisition als großer kirchlicher Machtapparat.
Später auch staatliche Stellen, wie zB die Staatssicherheit in der DDR.
Mit Verhören und Strafen; mit Seelenqualen, die das für Andersgesinnte bedeutet hat.

Ich denke, Jesus wollte mit seiner Aussage, „es kommt auf das Innere im Menschen an, das gerade Gegenteil. Er hielt Kontakt zu Ausgegrenzten, die man für religiös und unrein erklärt hat. Er hat abweichende Ansichten nicht dämonisiert oder verurteilt.
Er hat argumentiert. Auch scharf. Und dabei versucht, die Anderen zu verstehen. Auch seine Widersacher. Auch die Abweichler in den eigenen Reihen, wie Judas oder Petrus.

Darum könnte die Stimme des Evangeliums heute wohl auch so lauten:
Vermeidet jede Form von Putzteufelei!
Egal ob jung oder alt: Erklärt Andersdenkende nicht vorschnell zu Staatsfeinden oder zu Verrückten. Wo Menschen so abgestempelt werden, steckt der Teufel drin. Das verhärtet Menschen und stiftet Unfrieden. Ich will das Putzteuflische in mir dämpfen - die Freiheit der Anderen aushalten. Mit Jesu Stimme im Ohr: „Selig sind die Sanftmütigen und Barmherzigen!“

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12JUN2024
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Menschen freuen sich aus ganz unterschiedlichen Gründen und auf unterschiedliche Weise. Mir scheint, die unterschiedlichen Freude-Typen bilden sich bereits in der Kindheit heraus. Der eine freut sich eher still für sich, die andere will in ihrer Freude die ganze Welt umarmen. Wahrscheinlich hat schon der kleine Caspar David Friedrich eher versonnen in den Sonnenuntergang am Meer geschaut und den großartigen Anblick eher still im Herzen bewegt, während Franz Beckenbauer am meisten Spaß hatte, wenn er mit anderen Jungs zusammen gekickt und ein Tor geschossen hat. Einschließlich lautstarkem Jubel. Jedenfalls kann ich mir das gut vorstellen.

Was für ein Freude-Typ man ist, bekommt man daher am besten heraus, wenn man sich an die eigene Kindheit erinnert. Was hat damals so richtig Freude gemacht? Und wie hat es sich damals angefühlt? Manche Menschen denken vielleicht an Weihnachten und an ein besonderes Geschenk, das sie damals beglückt hat. Der Puppenkinderwagen, die Märklin-Eisenbahn, das erste eigene Fahrrad: Was für eine Freude! Andere erinnern sich an ein festliches Essen, z.B. anlässlich der Konfirmation. Ich weiß noch heute, Jahrzehnte später, was es da zu essen gab und wie schön es war, mit meiner Familie zu feiern. Und, klar, auch im Mittelpunkt eines Festes zu stehen.

Das Schöne ist, dass man solche Freuden-Quellen wieder zum Sprudeln bringen kann, auch wenn man schon längst den Kinderschuhen entwachsen ist. „Geh aus mein Herz und suche Freud“ hat schon Paul Gerhard gedichtet, und mit diesem sinnreichen Hinweis kann ich mich auf Quellensuche begeben. Was hindert mich daran, einem Fußballverein beizutreten. Wenn ich mich zu alt fühle zum Kicken – meine Lieblingsmannschaft freut sich über einen neuen Fan beim Heimspiel. Ich kann mich auch auf den Weg zum nächsten Fluss oder See machen und mich dort stillvergnügt ein paar Stunden zum Sonnenuntergang hinsetzen. Dafür muss einfach Zeit sein. Wenn ich mich über einen Puppenwagen oder ein Fahrrad gefreut habe, dann wäre es doch eine gute Idee, damit ein Kind in der Familie zu beschenken. Geteilte Freude ist bekanntlich die schönste Freude, da kann man Weihnachten auch im Juni feiern. Sicher gibt es auch jemanden, der gerne mit mir richtig gut essen gehen möchte, um das Leben zu feiern.

So gesehen haben wir unsere Freude durchaus ein gutes Stück in der eigenen Hand. Wir können sie zumindest aktiv suchen: geh aus mein Herz, und suche Freud. Paul Gerhard meinte, dass die Freude, die ich auf einer solchen Entdeckungstour finde, ein Gottesgeschenk ist. Wie auch immer diese Freude sich konkret zeigt. Da kann ich ihm nur zustimmen.

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11JUN2024
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In der Dankbarkeit wird die Freude persönlich. Diesen Satz habe ich neulich aufgeschnappt und mir gleich aufgeschrieben. Er gehört zu der Sorte Sätze, die mich spontan beeindrucken und auf den zweiten Blick dann irritieren. Denn: Was soll das bedeuten: In der Dankbarkeit wird die Freude persönlich?

Etwas persönlich nehmen ist in der Regel ja eher negativ besetzt. Ich nehme etwas persönlich und bin dann beleidigt oder zornig. Meine Seele ist dann insgesamt ärgerlich, ich nehme das ganze persönlich. Freude ist jedoch nicht negativ. Kann ich sie persönlich nehmen, so wie einen Vorwurf oder einen kritischen Hinweis? Vielleicht meint der Satz ja, dass ich mich intensiver freuen kann, wenn ich meine Freude persönlich nehme. Mit einer Freude, die meine Seele so ausfüllt wie mein Zorn und mein Beleidigt-Sein. Nur halt positiv. Ich nehme meine Freude persönlich. Ich bin ganz erfüllt von ihr.

Weiter gefragt: Ist eine solche Freude ohne Dankbarkeit unpersönlich? Ich kann mich doch auch einfach so freuen, ohne jemandem dafür dankbar zu sein, und das betrifft mich doch auch persönlich, einfach, weil ich es bin, die sich freut. Doch offenbar hängt beides enger zusammen, als ich zunächst gedacht habe.

Denn es stimmt ja: Ich bin dankbar, wenn etwas nicht selbstverständlich ist, sondern besonders. Ein großes oder kleines Lebensglück unterbricht meinen Alltag. Das kann ein unerwarteter Anruf sein, oder, manchmal ganz banal, ein Parkplatz, den ich in einer zugeparkten Gegend finde, wenn ich es gerade ziemlich eilig habe. Oder, viel aufregender, ein Kuss, oder eine herzliche Umarmung. Ein Gewinn oder eine Prüfung, die ich geschafft habe. Das kann ich alles so hinnehmen und mich auch darüber freuen. Wenn ich jedoch dankbar bin, dann mache ich meiner Seele klar:

Es ist ein Geschenk, dass ich das gerade erleben darf. Selbst, wenn ich – wie bei einer Prüfung – viel dafür getan habe: Zuletzt ist es ein Geschenk. Wenn ich dafür dankbar sein kann, dann gewinnt meine Freude eine andere Qualität. Sie strahlt nach außen aus. Merkwürdigerweise gerade dadurch, dass ich sie persönlich nehme.

Also tatsächlich: In der Dankbarkeit wird die Freude persönlich.

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10JUN2024
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Geteilte Freude ist doppelte Freude – so das Sprichwort. Dem kann ich nur zustimmen! Wir Menschen sind Resonanzwesen und leben im und vom Austausch anderen. Schon Neugeborene sind in der Lage, Mimik nachzuahmen. Wenn Papa die Zunge herausstreckt, dann ahmt das Baby ihn nach. Kein Lebewesen imitiert so mühelos wie der Mensch – und ist so sehr angewiesen darauf, dass andere reagieren. Kinder lernen nur, gut mit ihren Gefühlen umzugehen, wenn Erwachsene sie ernst nehmen und mitfühlen. Leider merken sie auch schon sehr bald, dass es nicht so einfach ist mit der Resonanz. Wenn sie mit einem selbstgemalten Bild aus dem Kindergarten kommen, Mama oder Papa aber nur einen flüchtigen Blick darauf werfen und zwar „Ganz toll, mein Schatz!“ sagen, in Wirklichkeit aber gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt sind. Oder wenn sie einen großen Kinderkummer haben und die Erwachsene meinen, dass Kinder sich halt nicht so anstellen sollen.

Was bei Kindern jedoch noch ganz selbstverständlich funktioniert – Sie freuen sich mit anderen, lassen sich von einer Begeisterung mühelos anstecken – das ist leider bei Erwachsenen keineswegs mehr selbstverständlich. Es ist wirklich nicht leicht, jemanden zu finden, der meine Freude von Herzen teilen mag. Schnell kommt da statt Mitfreude Neid auf. Oder man hat ein schlechtes Gewissen wegen des eigenen Glücks und behält, was einen freut, lieber für sich.

Menschen, die sich wirklich mitfreuen können, sind daher kostbar. Auf einer Tagung hat mir ein Wissenschaftler neulich von seiner Tante Waltraud erzählt. Waltraud aus Castrop-Rauxel hat er immer angerufen, wenn er über irgendetwas richtig glücklich war. Sie war der einzige Mensch, von dem er sicher wusste, dass sie sich aufrichtig mit ihm freut. Waltraud war Feuer und Flamme, wenn ein Anruf kam. Sie hat immer interessiert nachgefragt und war richtig begeistert über jeden Erfolg und selbst über kleine Glücksmomente. Waltraut, sagt der Wissenschaftler, war ein echter Glücksfall für mich. Ein Gottesgeschenk. Leider ist Waltraud irgendwann gestorben. Aber noch in der Erinnerung strahlt nach, wie gut sie dem Mann getan hat, und noch die Erinnerung an die geteilte Freude ist schön.

Ich wünsche Ihnen einen Menschen wie Waltraud. Der sich mit Ihnen freuen mag und kann. Einen Menschen, mit dem Sie erleben können, dass geteilte Freude tatsächlich doppelte Freude ist.

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08JUN2024
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Vor 100 Jahren, genau am 11. Juni, ist Franz Kafka beerdigt worden, gerade mal 41­-jährig. Noch bis zu seinem Tod hatte der schwer kranke Dichter Korrektur gelesen für den Druck seiner Geschichte „Der Hungerkünstler“. Wie so oft ein Vermächtnis der besonderen Art, unschwer sind autobiografische Bezüge auszumachen, und alle, die sie lesen, bekommen das zu spüren, „als wär‘s ein Stück von mir“. 

Dieser seltsame Hungerkünstler mit seiner Show ist schon lange mit dem Zirkus unterwegs, aber irgendwie hat man ihn fast vergessen. Jetzt bei der Inventur stößt man auf den völlig Erschöpften und will ihn entsorgen; Platz muss her für einen Tiger, und „der hat das Leben im Gebiss“, wie es heißt.  Auf die Frage, warum er denn überhaupt auf das Essen verzichte, antwortet dieser Hungerkünstler mit den Worten: „weil ich hungern muss, ich kann nicht anders“ – und weiter: “weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.“

Die Speise finden, die mir schmeckt – die also satt macht und den Lebenshunger wirklich stillt.  Man braucht nur mal junge Vögel im Nest mit ihren ständig offenen Schnäbeln zu betrachten, aber natürlich können wir uns mit dem Blick auf ein Baby an unsere eigene Geschichte erinnern.  Es geht nicht nur um Nahrungszufuhr allgemein.  Auf den Geschmack kommen, ist ja nicht nur ein kulinarisches Geschehen und eine ästhetische Angelegenheit; es hat mit mir persönlich und meiner Lebensart zu tun.  Wer in Erregung z.B.  herausschreit „das schmeckt mir nicht“, äußert damit höchstes Missfallen und Unbehagen. Er lässt sich nicht abspeisen. Kafkas Hungerkünstler gibt sich mit Ersatzprodukten nicht zufrieden, er lässt sich seinen Hunger nicht ausreden. Er ist ein Widerständler mitten im Zirkus einer Bedürfnisgesellschaft, die ihren Hunger stets betäubt.

Der Hungerkünstler Kafkas steht stellvertretend für alle, die real hungern und Nahrung brauchen. Er steht Pate für alle, die sich ihren spirituellen Hunger nicht nehmen lassen. Denn der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. „Selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, sie werden gesättigt werden“.

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07JUN2024
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Ein Satz wie ein Bergkristall, klar und scharf und mit innerem Licht: „Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd verborgen bleiben können. Eine der Ausdrucksmöglichkeiten dafür ist der Glaube an einen persönlichen Gott.“  Franz Kafka hat diesen Satz ihn im Dezember 1917 geschrieben, in der vielleicht glücklichsten Zeit seines Lebens.  Seit wenigen Monaten weiß der 34jährige durch einen dramatischen Blutsturz, dass er an Tuberkulose erkrankt ist, und er ahnt wohl auch schon, dass er daran sterben wird, am 3. Juni 1924 tatsächlich, vor 100 Jahren. Er ist zur Erholung auf dem böhmischen Land in Zürau bei seiner Lieblingsschwester Ottla, vieles ordnet sich neu in ihm und kommt sogar zur Ruhe. Die förmlich ererbte Lebensangst scheint wie gebändigt.

Aus der Lektüre Schopenhauers ist ihm der Gedanke des Unzerstörbaren wichtig geworden:  in jedem Menschen gebe es so einen letzten Grund. Dass ich da bin, ist nicht zu leugnen, dass ich irgendwie da sein will, auch nicht. Da ist ein Tiefenvertrauen, mindestens ein guter Verdacht. Kafka ahnt und lernt: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.  „Ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem“ als Basis von allem, und das längst vor allem Denken und Wissen. Manche sprechen von Urvertrauen. Mag es noch so angeknackst sein, gäbe es nicht wenigstens etwas davon, wir würden es auf Dauer nicht aushalten. Es ist wie bei der Gesundheit: was sie einem wirklich bedeutet, wird uns erst in der Krankheit bewusst. Bis dahin war sie verborgen. „Etwas Unzerstörbares“, wirklich tragfähig und verlässlich.  Es hat mit dem zu tun, was Menschen Gott nennen. Aber Kafka bleibt da erfreulich diskret. Es geht ja um das Intimissimum des Menschen, um die Lebensfrage: worauf sich verlassen, im Leben und im Sterben?

Die Geschichten, Aphorismen und Tagebücher Kafkas sind ein faszinierendes Medium, um sich dem All-Tag zu stellen.  Wer gar an einen persönlichen Gott zu glauben vermag, kann dadurch tiefer erfahren, welch unglaubliches Geschenk das ist, welch ein Schatz, z.B. das Beten. Und wer nicht glauben kann, wird gestärkt mit der Frage aller Fragen umgehen: worauf ist Verlass, im Leben und im Sterben, und jetzt?

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06JUN2024
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„Dass es uns an Glaube fehle, kann man nicht sagen. Allein die einfache Tatsache unseres Lebens ist in ihrem Glaubenswert gar nicht auszuschöpfen.“ Diese These stammt von Franz Kafka, dem vielleicht klarsten und abgründigsten Schriftsteller deutscher Sprache. Ein erstaunlicher Satz, denn öfter ist ja das Gegenteil zu hören: „ich glaub nix, mir fehlt nix“. Dass es da gar einen Überschuss an Glauben geben soll, ist wirklich eine kühne Aussage. Vor drei Tagen war Kafkas 100.Todestag.  Als er vom unerschöpflichen Glaubenswert des Lebens schrieb, hatte er schon den Befund Tuberkulose zu verkraften, damals meist tödlich und dann auch für ihn. Und trotzdem diese kühne Notiz: Glaube ist genug da, schier unerschöpflich. „Man kann doch nicht nicht-leben.“

Klar ist sofort: Kafka meint hier nicht religiösen Glauben oder gar den kirchlichen. Natürlich schwingt seine jüdische Prägung mit. Aber vor allem ist es eine ganz alltägliche Erfahrung, auch heutzutage.  Ohne Vertrauen kein Leben, ohne Vertrauensvorschuss keine Initiative und letztlich kein Schritt vor die Tür und kein Atemzug. Wir könnten auch von Urvertrauen sprechen, von Lebensglauben. „Es wird schon werden“. „Man muss auch mit dem Guten rechnen“. „Es wird schon nicht so schlimm“.  Wie auch immer die alltäglichen Trost-Sprüche heißen – sie alle laufen auf Ermutigung hinaus. „Man kann doch nicht nicht-leben“.   Selbst wenn man sich tragischerweise das Leben nehmen wollte, müsste man sich immer noch aktiv dazu entscheiden.

Eigentlich gibt es nur eine einzige Existenz-Frage, meinte später der Kafka-Leser Albert Camus: „Warum bleiben Sie am Leben?“ Eben, weil darin dieser Glaube steckt, dieser unbändige Lebenswille, dieses Tiefenwissen um den Schatz des Daseins. Leben heißt, darauf vertrauen, dass es gut ausgeht. Dass ich heute Morgen aufgewacht und aufgestanden bin, ist ja keineswegs selbstverständlich.  In jeder Handlung steckt ein Glaubensakt. Mit jedem Atemzug mache ich Gebrauch von einer Zusage und erwidere sie, mag die Luft auch noch so knapp werden. Kafka hat Recht: wir Menschen sind gläubiger als wir denken. Und das hat guten Grund. Religiöse Menschen nennen ihn Gott.

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05JUN2024
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Meine Schwägerin hat MS. An Fasnacht hat sie es gewagt und ist zum ersten Mal mit dem Rollstuhl zum Feiern losgezogen. Zusammen mit ihrer Clique, die sie ermutigt und zwischendurch geschoben hat.
Viele Leute haben sie zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gesehen oder überhaupt erst von ihrer Krankheit erfahren. Und die Reaktionen waren der Hammer. Von vorsichtigen Nachfragen, wie jetzt so alles ist, über ermutigende Worte bis hin zu total übergriffigen Gefühlsausbrüchen. Das war für meine Schwägerin das Anstrengendste, wenn sie das Gefühl hatte, andere noch trösten zu müssen, weil sie im Rollstuhl sitzt. Oder sich anzuhören, wie traurig die anderen für sie sind und auszuhalten, dass die neben ihr fast zusammenbrechen.

Das Erstaunlichste war, dass sie ganz viel angefasst worden ist. Und zwar von Menschen, mit denen sie gar nicht viel zu tun hat, die sie kaum kennt. Viele haben ihr die Hand auf die Schulter oder den Rücken gelegt oder sogar über den Kopf gestreichelt. Das finde ich schon ungefragt bei einem Kind schräg, aber bei einer erwachsenen und lebenserfahrenen Person?

Wir haben uns nachher darüber unterhalten und festgestellt, dass behindert Sein oft heißt, dass die Augenhöhe verloren geht. Plötzlich ist die behinderte Person irgendwie nicht mehr gleichwertig. Meine Schwägerin sagt, dass viele mit ihr wie mit einem Kind sprechen, ungefragt ganz persönlich werden, oder sie eben einfach anfassen.
Mir ist das in einem anderen Zusammenhang auch aufgefallen: bei einer Preisverleihung hat eine Frau mit Down-Syndrom den Hauptpreis bekommen. Und obwohl sie Mitte 20 ist, ist sie selbstverständlich geduzt worden. Andere erwachsene Preisträgerinnen wurden gesiezt.

Mir gehen -leider auch durch die Krankheit meiner Schwägerin- immer wieder die Augen auf. Den Leuten um mich herum auf Augenhöhe zu begegnen, ist so wichtig.

Meine Schwägerin muss nämlich häufig selbst für die Augenhöhe sorgen. Sie muss sehr klar sagen, was geht und was eben nicht. Das sind manchmal richtig nervige oder komplizierte Situationen.

Sie sagt: kurz durchatmen und dann offen miteinander sprechen. Dann funktionierts auch mit der Augenhöhe.  

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