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SWR2 Wort zum Tag

10DEZ2022
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Das war ein wirklich ehrgeiziges Ziel. Bis 2020 sollten zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands zu großen Wildnisgebieten werden. Ein zu ehrgeiziges Ziel. Zwei Jahre später ist noch nicht mal ein Prozent erreicht. Obwohl es noch ehrgeizigere Ziele der EU gibt. Denn in Europa sollen bis 2030 zehn Prozent streng geschützte Gebiete ausgewiesen werden. In jedem Land der EU.

Wildnisgebiete sind solche streng geschützten Gebiete. Es sind große Landflächen, aus denen sich der Mensch zurückzieht. Klar, Menschen dürften diese Gebiete besuchen. Sich darin erholen. Ursprüngliche, wilde Landschaften erleben. Aber viel mehr geht es hier um die Tiere und Pflanzen. Gerade die, die sonst keinen Platz zum Leben mehr finden. Das Ziel: Die biologische Vielfalt zu erhalten und zu schützen.

Der Plan erinnert mich an die Geschichte mit der Arche. Eine riesige Flut, so erzählt es die Bibel, bedroht alles Leben. Da baut Noah ein unglaublich großes Schiff und bringt die ganze Vielfalt der Welt darin unter. Und tatsächlich, die gesamte Erde wird überflutet. Noah rettet Menschen und Tiere. Und als das Wasser wieder zurückgeht, da öffnet sich die Arche. Und auf der Erde beginnt das Leben neu. Heute sind die Wildnisgebiete unzählige kleine Archen.

Warum aber überhaupt sollen wir überhaupt Tiere und Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen schützen? Ich halte mich da an die biblischen Texte. Sie erzählen von der Schöpfung, in der alles, was lebt, einen Platz haben darf. Statt einer Vorherrschaft des Menschen gibt es hier ein Miteinander des Lebendigen. Man könnte sagen: Ganz egal, ob Baum oder Regenwurm, Fliegenpilz oder Bakterie, Mensch oder Mücke, hier bekommt jeder das Recht auf Leben.

Heute ist klar: der Lebensstil der Menschen weltweit führt dazu, dass viele Lebewesen keinen Platz mehr haben. Manche Tierarten sind unwiederbringlich verloren, andere gibt’s nur noch im Zoo, manche Pflanzen nur noch in Kühlkammern. Mit den Wildnisgebieten könnten wir Menschen der Ursprungsidee der Schöpfung gerecht werden. Auch ein ehrgeiziges Ziel. Aber ich finde, dass es sich lohnt.

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09DEZ2022
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Advent heißt Ankunft. Und wohl für die meisten ist klar, was da ankommen soll: Jesus. Und für viele noch mehr: Frieden, Ruhe, Harmonie. Nicht zu vergessen: Liebe. Weihnachten heißt ja nicht umsonst ‚Fest der Liebe‘.

Fest der Liebe. Das hört sich naiv an. Klar, es gibt Liebe in der Welt und zwischen Menschen. Aber im Moment dominieren doch Kriege und Terror, steigende Gaspreise und Existenznot, Coronaangst und Inflation. Von Liebe ist da wenig zu sehen.

Fest der Liebe. Das kann ich aber auch sehr realistisch verstehen. Die Adventszeit sagt ja nicht, dass die Liebe sicher kommt. Sie sagt vielmehr: Die Welt braucht Liebe. Wenn die Liebe fehlt, dann ist alles finster und kalt, langweilig und farblos. Dem Leben und Handeln, dem Denken und Glauben fehlt etwas, wenn die Liebe fehlt.

Ernesto Cardenal, ein Dichter und Priester aus Nicaragua, meditiert das in seinem »Buch der Liebe«. Er sagt: Alle Lebewesen lieben sich. Es gibt keine Wahl bei der Liebe. Liebe gehört zum Menschen, sie ist das Ursprüngliche. Konflikte treten nicht auf, weil sich Menschen hassen. Sie treten auf, weil Menschen nicht verstehen wollen, dass sie einander lieben. Cardenal sagt: Grausamkeit ist eine ziellose Liebe. Hass ist unerfüllte Liebe. Liebe ist das Grundgesetz aller freien Wesen. Denn lieben heißt, sich selbst zu geben, sich zu teilen, sich mitteilen zu können. Liebe ist der Kern des Lebens. Und die ganze Welt ist eine Einladung zu lieben.

Wer könnte dieses Grundgesetz der Liebe deutlicher machen, als ein Kind? Ein Kind zeigt, was Cardenal meint: Menschen sind auf die Liebe angewiesen. Sie können gar nicht ohne Liebe leben. Für ein Kind ist es egal, was ich kann oder bin. Dem Kind ist es egal, ob ich einen guten Job habe und andere mich achten. Ein Kind ist nur an einem wirklich interessiert: geliebt zu werden. Wie jeder Mensch auch. Und dieser Gedanke könnte ankommen, im Advent. Das Bewusstsein, wie wichtig die Liebe für alle Menschen und die ganze Welt ist.

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08DEZ2022
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„Unbefleckte Empfängnis“. Das Fest, das die Katholische Kirche heute feiert, irritiert. Unbefleckt – was soll das schon heißen?

Ganz grundsätzlich: Es geht um etwas Alltägliches – ein Kind wird gezeugt, empfangen, wie es etwas altertümlich heißt? Die Rede ist von Maria, der Mutter Jesu. Deshalb spielen auch ihre Eltern Joachim und Anna eine wichtige Rolle. Denn das ist der Clou der Geschichte: Die beiden sind alt, haben bisher keine Kinder bekommen – und werden wohl kinderlos sterben. In vielen Kulturen gilt Kinderlosigkeit als Problem. Keine Nachkommen, das heißt: Keiner wird für mich im Alter sorgen, ich bleibe allein, niemand ist für mich da. Bis heute ist Kinderlosigkeit für viele Menschen und Paare ein großes Leid.

Anna und Joachim sind so alt, dass es ein Wunder wäre: diese Schwangerschaft. Doch es passiert. Anna wird mit Maria schwanger. Und ohne sie wüssten wir nichts von Jesus und dem christlichen Glauben.

Aber, und hier kommt der Begriff „Unbefleckt“ ins Spiel, wenn Maria ein ganz normaler Mensch ist, wie kann sie dann Jesus, den Sohn Gottes, zur Welt bringen? Darüber haben Theologen jahrhundertelang gestritten. Die Lösung: Maria selbst wird schon ‚unbefleckt‘, ohne alle Sünde, empfangen. Damit wird sie, wie es in der Bibel heißt, zur „reinen Magd“, die Jesus gebären kann.

Ich übersetze das für mich so: Maria ist ein Mensch, der von Anfang an offen für Wunderbares, Anderes, für Gott ist. Und wenn sie Jesus zur Welt bringt, dann muss auch sie etwas Besonderes sein. Aber noch was finde ich wichtig: Anna und Joachim, Maria und Josef, heute tritt sozusagen die ganze Verwandtschaft von Jesus auf den Plan. Er fällt nicht vom Himmel, sondern ist Teil einer Familie. Dazu gehören eben Eltern auch Großeltern. Die Unbefleckte Empfängnis ist damit das Fest der Generationen. Es macht deutlich, dass wir Menschen nur in Zusammenhängen leben können, dass wir Menschen brauchen, die uns auf die Welt bringen und umsorgen. Nur dann können Menschen im Sinne Gottes handeln und leben.

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07DEZ2022
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Es gibt Männer, die hören einfach nicht auf zu beten! Rund um die Uhr: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, wie bei einem Gebetsmarathon.

Es sind Männer aus Konstanz oder Offenburg, vom Kaiserstuhl oder aus dem Odenwald. Aus ganz unterschiedlichen Orten kommen sie, um in einer kleinen idyllischen Kirche in der Nähe von St. Peter bei Freiburg zu beten. Der Ausblick dort ist herrlich und die Atmosphäre eine ganz besondere.

Schon seit 67 Jahren gibt es die sogenannte „Gebetswache“ auf dem Lindenberg. Das klingt womöglich seltsam, aber der Anlass war damals ganz konkret. Im Jahr 1955 hat der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer eine Reise nach Moskau unternommen. Er hat über die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus Russland verhandelt. Ein paar Männer haben sich dann zusammengetan, um für das Gelingen dieses schwierigen Unterfangens ununterbrochen zu beten.

Man kann nun darüber streiten, ob Beten hilft oder nicht. 1955 ist es jedenfalls geglückt. Die letzten Kriegsgefangenen durften wieder in die Heimat zurück.

Nach dem Erfolg Adenauers dachten die Männer aber nicht: „Jetzt ist es genug mit dem Beten. Jetzt hören wir auf.“ Sie haben weitergemacht und seither kommen immer weiter Männer zum Beten auf den Lindenberg.

Warum es nur Männer sind? Hinter der Aktion steckt das katholische Männerwerk. Ein Verband nur aus Männern, der diese Aufgabe damals zu seiner eigenen gemacht hat und immer weiterführen will.

Den Männern ist wichtig, dass einfach immer jemand da ist, der betet. Sie beten um persönliche Anliegen, um Kraft bei Schicksalsschlägen und Krankheiten, zum Beispiel in der Familie oder bei Freunden. Besonders beten sie für den Frieden.

Auf dem Lindenberg steht so etwas wie eine „Dauerverbindung zu Gott“. Natürlich suchen Menschen überall Verbindung zu Gott, und ich bin überzeugt, Gott hält zu allen Orten überall Verbindung. Trotzdem ist es schon etwas Besonderes, wenn irgendwo ununterbrochen gebetet wird.

Ich glaube, das braucht es. Denn man könnte zynisch werden und sagen: „Auch wenn Menschen für den Frieden auf der Welt beten, das wird nie etwas!“ Man könnte aufgeben und die Hände in den Schoß legen. Dass diese Männer ständig beten, ist ein Zeichen der Hoffnung. Und es ist nicht das einzige!

Immer wenn Menschen, egal ob Kinder, Frauen oder Männer, nicht aufhören zu beten, ist das für mich ein Lichtblick. Sie machen mir Mut, dass auch ich dranbleibe, dass ich weiter vertraue, zuversichtlich bleibe und eben nicht aufgebe.

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06DEZ2022
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Eine Handvoll Nüsse und ein paar Lebkuchen vor der Haustür, ein Schokolädchen am Arbeitsplatz oder eine Mandarine im Schuh. Das sind die Klassiker heute am Nikolaustag. Sie sind auch schön. Gerade Kinder lieben es, wenn ein „Nikolaus“ ihnen Geschenke und Süßigkeiten mitbringt.

Nächste Woche aber gibt es eine Aktion, die nicht so klassisch ist und bei der es auf dem ersten Blick untypisch für den Nikolaus zugeht: Die findet am nächsten Wochenende statt. Und die, die beschenkt werden, sind keine Kinder, sondern gestandene Männer, genau genommen: LKW-Fahrer. Für sie gibt es nicht nur Schokolade und Mandarinen, sondern vor allem Aufmerksamkeit und auch noch Zeit.

Das Ganze spielt an der Autobahnraststätte Hegau auf der A81 in der Nähe von Singen. Da klopft dann ein Nikolaus an LKW-Türen und verteilt Geschenktaschen an LKW-Fahrer. Sie sind als kleines Dankeschön gedacht, denn die Fernfahrer haben einen wichtigen und auch harten Beruf.

Es bleibt aber nicht nur bei den Mandarinen und der Schokolade. Ehrenamtliche der katholischen Arbeiternehmerseelsorge verteilen auch Duschgutscheine und sind zum Reden da. Auch Dolmetscher werden vor Ort sein. Viele Fernfahrer stammen ja aus Osteuropa, und da ist die Verständigung nicht einfach. Diese Männer werden oft übersehen. Sie sind wochenlang unterwegs, weit weg von ihren Familien. Sie arbeiten hart und lang für viel zu wenig Geld und stecken manchmal in betrügerischen Strukturen fest.

Ich finde diese ungewöhnliche Nikolausaktion toll. Sie erinnert mich daran, was auch dem Heiligen Nikolaus wichtig war. Es gibt ja viele Legenden, die sich um diesen Bischof von Myra aus dem 4. Jahrhundert ranken.

Am bekanntesten ist die Legende mit den Goldklumpen. Nikolaus kommt nachts am Haus einer armen Familie vorbei und wirft ihnen heimlich drei Goldklumpen durch das offene Fenster. Und niemand soll es gesehen haben, dass er es war.

Nikolaus hat die Menschen um sich herum wahrgenommen. Ohne sich selbst dabei ins Rampenlicht zu stellen, hat er ihnen einfach geholfen.

Diese selbstlose Geste ist zeitlos. Vielleicht hat sie gerade deswegen bis heute überlebt. Und vielleicht spricht diese Geste auch heute eine Sprache, die alle verstehen.

Wie schön, dass es heute an so vielen Orten Nikoläuse gibt. Und am Wochenende sogar auch auf der Autobahnraststätte.

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05DEZ2022
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Hat Kaffeeduft etwas mit Gott zu tun? „Ja“, sagt Urban Federer. Er ist Abt des Klosters Einsiedeln und erklärt:

„Eigentlich hatte ich persönlich Kaffee lange nicht gerne, aber der Geruch des Kaffees, welcher am Morgen durch ein Haus zieht, lässt in mir die Erwartung von Genuss und Gemütlichkeit entstehen und ich würde wahrscheinlich kaffeesüchtig, wäre er im Mund so gut wie in der Nase.“

Und dann beschreibt Urban Federer noch etwas, und darin steckt der Clou. Er fragt sich:

„Warum aber soll der Duft in der Nase, meine Erwartung des Kaffees weniger wert sein als das Getränk im Gaumen? Für die Mystiker war schon immer klar, wie wichtig die menschliche Sehnsucht in der Beziehung zu Gott ist: Nicht etwa erst das Leben nach dem Tod bringt uns Gott näher, sondern bereits unsere Sehnsucht nach ihm.“[1] 

Das klingt vielleicht kompliziert, aber vermutlich ist Abt Urban an etwas Wahrem dran. Ich ahne, was er meint, wenn er von dem großen Wort „Sehnsucht“ spricht und davon, dass sie allein schon so wertvoll sein kann. Ich kenne das: Wenn ich mich auf etwas besonders freue, das noch kommt, kann das ein starkes Gefühl sein.

Zum Beispiel wenn ich auf einer Reise im Zug sitze, es kaum erwarten kann anzukommen und das Ziel bereits schon durch das Fenster sehen kann. Oder wenn mich ein Freund besucht, den ich schon lange nicht mehr getroffen habe, und ich ungeduldig die Tage zähle, bis er kommt.

Das, wonach ich mich sehne – davon merke ich schon so viel. Ein Stückchen von dem geht schon in Erfüllung.

Für Abt Urban Federer war der angenehm aromatische Kaffeeduft im Raum so ein Zeichen dafür. An ihm merkt er, dass der echte Kaffee da ist. Dann spielt es gar keine große Rolle, dass er den Kaffee nicht trinken mag. Er hat, wenn er den Kaffee riecht, schon einen großen Teil des Kaffees genossen.

Ich muss nicht warten, bis ich Gott irgendwann so richtig erlebe. Ich kann jetzt schon auf ihn hoffen und ihn herbeisehnen. Wenn ich mich so an Gott anhänge, kann er für mich jetzt schon eine Stütze sein, mir jetzt schon helfen, das Gute und Richtige zu tun. Er kann dann jetzt schon in der Welt sein.

Die Adventszeit ist die perfekte Sehnsuchtszeit, vier Wochen lang.

 

[1] Federer, Urban: Quellen der Gottesfreundschaft. Mit Abt Urban durch das Kirchenjahr, Paulusverlag, Einsiedeln/Schweiz 2018.

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