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22FEB2024
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Wer ist ein heutzutage ein Held? Wer beim Fußball einen entscheidenden Elfmeter hält. Ein LKW-Fahrer, der sein brennendes Fahrzeug noch durch den Tunnel fährt, damit da Feuer-Inferno ausbricht. So unlängst geschehen in Thüringen im Rennsteig-Tunnel.
Von Soldaten hieß es früher und heißt es wieder, sie seien Helden: Wenn sie bei einer Militäraktion besonders erfolgreich gewesen sind. Oder ihr Leben im Kampf für ihr Volk verloren haben. Helden mit Orden und staatlichen Auszeichnungen.

Für mich gibt es noch andere Helden. Oft sind es Heldinnen. Ich begegne ihnen auf dem Weg zum Bahnhof. Da komme ich nämlich am Kindergarten vorbei und denke: Was die Erzieherinnen da heute wieder leisten!
Jeder, der selber Kinder begleitet, weiß, wie anstrengend das ist.
Ich tue mich schon mit zwei kleinen Enkeln schwer, bin nach ein paar Stunden richtig erschöpft.
Und den Erzieherinnen in der KiTa und den Lehrern in der Schule gelingt das in großen Gruppen. Tagein, tagaus. Unfassbar!
Für mich sind sie wirklich Heldinnen und Helden des Alltags. Auch, weil sie oft Streit schlichten müssen. Denn Zoff gibt es unter Kindern und Jugendlichen genug.

In einer rabbinischen Schrift wird Rabbi Natan ein Wort zugeschrieben, das dieses Heldentum so auf den Punkt bringt. Es heißt da: „Wer ist ein Held? Der den Feind in einen Freund verwandelt.“*

Darum ging es auch Jesus, als er das Gebot „Liebet eure Feinde!“ (Mt 5,44) denen gab, die in seinem Namen unterwegs sind. Wie das geht? Die Feinde lieben? Aus Feinden Freunde machen? Ein einfaches Rezept gibt es dafür sicher nicht. Schon gar nicht für Soldaten, die zum Kriegsdienst gezwungen sind. Aber mir fällt eines auf: Verfeindungen beginnen häufig damit, dass man über Andere schlecht spricht. Über Nachbarn, Verwandte oder Kolleginnen und Kollegen. Ich ertappe mich selbst dabei:
Es gelingt mir immer wieder nicht, nur Gutes hervorzuheben – oder den Mund zu halten.

Ich spüre, wie das den Frieden in mir stört. Auch deswegen werden meine Gebete um Vergebung immer länger.
Es kommt darauf an, das Gute im Anderen zu sehen und auszusprechen.
Das gilt auch für verfeindete Völker. Auch und erst recht zwischen Völkern, die im Krieg gegeneinander sind. „Wer ist ein Held?“, fragt Rabbi Natan. Seine Antwort: „Der den Feind in einen Freund verwandelt.“* Es braucht auf dieser Welt zurzeit offenbar viele solche Heldinnen und Helden – in der Nähe und in der Ferne.

* Avot de Rabbi Natan (AdRN), 23

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21FEB2024
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Da sitzt er bei der Pressekonferenz: Jürgen Klopp, die Trainerlegende des Fußballs. Der 2015 mit seinem Charisma und seiner Kompetenz von Dortmund nach Liverpool ging. Um einen Verein ganz neu aufzubauen. Einen Verein, der einen großen Namen gehabt hat, aber schon lange keine großen Erfolge mehr. Doch mit Jürgen Klopp sind die Erfolge wiedergekommen: der Gewinn der Champions League und dann, nach über 30 Jahren und mindestens genauso heiß ersehnt, 2021 die englische Meisterschaft. Gegen Pep Guardiola und die Übermannschaft Manchester City. Da sitzt also einer der erfolgreichsten Fußballtrainer der Gegenwart und sagt: „Ich habe da langsam nicht mehr die Energie für. Ich kann das nicht mehr immer und immer wieder machen. Und ich schulde Euch wenigstens die Wahrheit über diese Dinge.“

Einer, dem immer alles gelungen ist, spricht von seinen Grenzen. Davon, was er nicht mehr lange kann. Ich frage mich: Was ist eigentlich die größere Leistung von Kloppo: sein Team so fit zu bekommen, dass sie gemeinsam die Champions League gewinnen? Oder dann öffentlich zu sagen: „I am running out of energy – ich habe keine Energie mehr?“ Hier sind meine Grenzen. Hier geht es für mich nicht mehr weiter. Das schaffe ich nicht mehr.

Ich will das gar nicht gegeneinander ausspielen. Aber mich beeindrucken die Sätze dieser Pressekonferenz genauso wie die großen Erfolge. Dass er seine Grenzen so gut wahrnehmen kann. Und dann öffentlich benennt. Das ist Selbstreflexion auf Champions-League-Niveau. Ausweis einer eigenen inneren Meisterschaft. Es ist ein Ausweis von Stärke, sagen zu können, dass man gerade nicht stark ist. Gerade für einen starken Menschen ist es ein Ausweis von Stärke, die eigenen Grenzen zu erkennen. Denn das ermöglicht, Hilfe und Kraft von außen anzunehmen. Und die brauchen wir alle, egal, wie stark wir sind.

Woher hat Jürgen Klopp diese ganz eigene Stärke? Das hat er bei der Pressekonferenz nicht gesagt. Aber an anderer Stelle hat er darauf hingewiesen, dass er überzeugter Christ ist. Aus seinem Glauben lebt. Vielleicht kennt er den Satz aus der Bibel, in dem Gott sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Wenn ich mir und anderen meine Schwäche und meine Grenzen eingestehe, öffne ich mich für Gott, damit er mir neue Kraft gibt. Und so frage ich mich: Wo bin ich heute so stark, dass ich die Grenzen meiner Stärke erkenne? Und öffentlich benenne – in der Familie oder bei der Arbeit? Mit Gottes Hilfe: Wo mache ich heute den Kloppo?

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20FEB2024
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Vor ein paar Wochen habe ich mit meiner Konfirmandengruppe Ewigkeitskisten gebastelt. Ewigkeitskisten sind Schuhkartons, in die die Jugendlichen ihre eigenen Vorstellungen der Ewigkeit hineinbasteln.

Dazu gibt es buntes Papier und goldene Pappen, Wollknäule in den verschiedensten Farben, Knet und Kleber. Zuerst wurde viel gekichert.  Aber dann haben unsere Konfirmanden immer ernsthafter damit angefangen, ihren Vorstellungen der Ewigkeit Gestalt zu verleihen. Und als wir einander nach einer Stunde die Ergebnisse präsentiert haben, haben wir darüber gestaunt, wie unterschiedlich die Ewigkeitskisten geworden sind. Aber eins hatten sie alle gemeinsam: Die Ewigkeit ist wunderschön. 

Eine Kiste glänzt vor lauter Goldpapier: nicht nur der Boden des Schuhkartons, sondern auch die Wände sind ganz golden ausgestaltet. In der Mitte auf dem Boden findet sich ein Tor aus gelbem Knet, und ein Weg aus glänzendem Tonpapier führt dorthin. Eine Jugendliche sagt: „Wir haben einmal gehört, dass wir wie in ein helles Licht hineingehen, wenn wir sterben. So als ob Gottes Herrlichkeit überall da ist. Aber wenn man dann wirklich tot ist – geht man nochmal woanders hin. Wie durch ein Tor. Da wird alles in mir hell, von Gott her.“

Eine andere Kiste hat einen ganz anderen Ansatz: Sie zeigt nicht den Himmel, sondern die Erde. Dazu teilt sie den Boden des Schuhkartons in vier Bereiche. Berge sind dort zu sehen und das Meer. Ein kleiner Wald und ein Haus. Und ein Weg, der alle vier Bereiche miteinander verbindet. „Das sind die Lieblingsorte des Toten“, sagt eine Jugendliche, „vielleicht ist die Ewigkeit ja eher eine Art von Reise. Man begibt sich nochmal an die Orte, die einem besonders wichtig waren. Und entdeckt die Lieblingsorte von anderen Menschen.“

Ich mag die Idee dieser Kiste. Dass die Ewigkeit für uns nicht nur ein fester Ort bei Gott ist. Nicht nur helles Licht im Himmel und Goldglanz. Sondern, dass ich in der Ewigkeit in Bewegung bin.

Dadurch bekommt auch mein jetziges Leben mehr Gewicht. Es ist, als ob der Goldglanz der Ewigkeit bereits hier manchmal aufleuchtet. In einer schönen Situation, bei einer wunderbaren Begegnung mit einem anderen Menschen. Und auch dann, wenn ich traurig bin über den Tod eines Menschen – vielleicht ist dieser Tote heute an seinem Lieblingsort? Es tröstet mich, dass ich mich dem Toten nahe fühle - und dass er zugleich umstrahlt ist vom Goldglanz Gottes

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19FEB2024
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Vor hundert Jahren war das eine echte Sensation: Die US-Amerikanerin Margaret Mead ist im Alter von gerade einmal 23 Jahren auf die kleine Inselgruppe Samoa in den südlichen Pazifik gereist. Ohne Begleitung. Sie hat dort einige Jahre lang gelebt und mit heranwachsenden jungen Frauen Gespräche über ihre Rolle in den traditionellen Gesellschaften geführt. Das daraus entstandene Buch hat das Verständnis menschlicher Verhaltensweisen stark beeinflusst und ist ein echter Bestseller geworden. Denn Margaret Mead hat herausgefunden, wie stark Menschen durch ihre jeweilige Kultur und Gesellschaft geprägt sind. Auch in der grundlegenden Frage, was uns Mensch zu Menschen macht.

Als sie später eine berühmte Professorin war, hat eine Studentin diese grundlegende Frage aufgenommen und sie einmal gefragt, was ihrer Meinung nach das erste Zeichen der Zivilisation ist. Wo also die Trennlinie zu ziehen ist zwischen tierischen und menschlichen Verhaltensweisen.

Die Studentin hatte wohl erwartet, dass Mead über das Feuer sprechen würde oder über Angelhaken, Tontöpfe und Schleifsteine. Aber nein, Mead hatte einen ganz anderen Ansatz. Sie hat gesagt: „Das erste Zeichen, das uns sicher zeigt, dass wir es mit Zivilisation zu tun haben, ist ein Oberschenkelknochen. Genauer: ein gebrochener und wieder verheilter Oberschenkelknochen. Warum das so ist? Nun, ein Tier stirbt, wenn es sich das Bein bricht. Denn wenn Tiere sich ein Bein gebrochen haben, können sie nicht mehr vor einer Gefahr fliehen. Sie können auch nicht zum Fluss gehen, um etwas zu trinken oder nach Nahrung zu suchen. Als Tier mit gebrochenem Bein bist du nur noch Fleisch für andere umherstreifende Tiere. Kein Tier überlebt einen Beinbruch lange genug, damit der Knochen heilen kann.

Ein gebrochener Oberschenkelknochen, der verheilt ist, ist dagegen ein Beweis dafür, dass sich jemand die Zeit genommen hat, bei dir zu bleiben. Auf dich aufzupassen. Er hat deine Wunde verbunden, dich in Sicherheit gebracht und dich während der Genesung betreut.Und genau das ist der Beginn der Zivilisation: Jemand anderem zu helfen, wenn er in Schwierigkeiten ist.“

Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Antwort heutzutage umstritten. Aber ich nehme den Impuls gern auf, der in der Position von Margaret Mead liegt: Jede menschliche Zivilisation gründet darin, dass wir einander helfen. Wenn jemand sich ein Bein gebrochen hat oder das Herz. Wir werden dadurch zu Menschen, dass wir einander unterstützen in Situationen der Not. Ich finde: In einer Gesellschaft, die über zunehmende Verrohung klagt, ist die Entdeckung von Margaret Mead aktueller denn je.  

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17FEB2024
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„Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ – so hieß es noch Anfang der Woche in der Karnevalszeit. Aber vielleicht fängt da alles erst an. Weil man den harten Fakten ins Auge schaut: aus dem Staub machen, gilt nicht mehr. Diese vierzig Tage jetzt auf Ostern zu sind jedenfalls eine besondere Zeit. Sie bietet die Chance, sich mit dem Ziel des eigenen Lebens auseinanderzusetzen: was ist vorbei, worauf lebe ich hin, und mit welchem Kompass?

Ich lasse mich dabei von einer jungen Frau inspirieren, deren Tagebuch mich nicht loslässt.  Etty Hillesum wurde 1943 in Auschwitz ermordet. In finsteren Zeiten also blieb sie doch geprägt von einer umwerfenden Zuversicht, ungemein hilfsbereit und sprühend von Lebensfreude trotz allem. Das Tagebuch verrät den Grund: sie hatte Gott gefunden, den Lebensbrunnen in sich selbst und in allem. „Hineinhorchen“ ist nun das Leitwort ihres Lebens, dem innersten Geheimnis nachspüren. Im September 1942 notiert sie sich: „Eigentlich ist mein Leben ein einziges unablässiges ‚Hineinhorchen‘ , in mich selbst, in andere, in Gott. Und wenn ich sage: ‚Ich horch hinein‘, dann ist eigentlich Gott in mir, der ‚hineinhorcht‘. Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste im anderen horcht.“ 

Genauer kann man nicht sagen, worauf es ankommt. Für mich sind ihre Gedanken eine kostbare Begleitmusik jetzt in der Umkehr-Zeit auf Ostern zu.  Da ist ein Sehnen tief in uns nach Glück, nach Gelingen, nach Frieden und Liebe. Auf jeder Seite schreibt Etty Hillesum davon, und wer wüsste es nicht. Und wie oft ist dieser Lebensbrunnen voller Sehnsucht und Hoffnung wie verschüttet vom täglichen Allerleih und vom Tanz ums goldene Ego. Besonders schön finde ich, wie genau Etty Hillesum die innere Wandlung beim Meditieren und Beten beschreibt: irgendwann, wenn wir uns wirklich Zeit nehmen und nach innen horchen, entdecken wir, dass da etwas ist, das auf mich horcht – ein Etwas und ein Jemand.  Wenn ich mich auf mein Gegenüber wirklich einlasse und ihm horchend nachspüre, komme ich ja auch aus dem Staunen nicht heraus: wie anders du bist, vielleicht sogar störend und lästig, und doch einmalig du, mir gegenüber. Ja, dieses Hineinhorchen wünsche ich Ihnen und mir für diese vorösterliche Zeit. Am Aschermittwoch hat alles erst angefangen.

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16FEB2024
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Immer öfter kommen mir Todesanzeigen ins Haus - auch von Menschen, die jünger sind als ich.  Selbst schon über 85 Jahre alt, rückt mir natürlich auch der eigene Tod immer mehr auf das Fell. Keine Sorge, ich möchte Ihnen mit diesem Thema den Morgen nicht verderben, ganz im Gegenteil.  Ich weiß, ich berühre ein Tabu. Aber irgendwie ist die Sache mit Vergehen und Sterben doch so präsent, dass es guttut, genauer hinzuschauen und darüber nachzudenken. Seit vorgestern, seit dem Aschermittwoch, steht das Thema illusionslos im Raum: „Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück“. Also, blinde Kuh spielen gilt nicht mehr, auch und gerade im Zuspruch am Morgen darf von Schutt und Asche die Rede sein. Wir wollen uns ja gerade nicht aus dem Staub machen, sondern den Tag heute begrüßen - und zwar mit dem Staub auf den Straßen und in den Zimmerecken, mit dem Haarausfall und dem Lebensalter, mit allem Drum und Dran des heutigen Tages.

Diese Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern ist besonders geeignet, auch Tabus zu berühren. Geht es doch um den Grund der christlichen Hoffnung – und das gerade nicht vorbei an Vergänglichkeit und Sterben, sondern mitten darin und hindurch. Der Tod sei unser letzter Feind, wirklich das letzte, schrieb Paulus vor bald zweitausend Jahren, und der wird nun endgültig besiegt.  Mit dem Bekenntnis zur Auferweckung Jesu ist die Gewissheit verbunden, selbst vollendet zu werden und das Lebensziel wirklich zu erreichen. Versprochen ist versprochen, Jesus steht dafür grade. Das Thema Tod gehört jedenfalls für uns Christenmenschen mitten ins Frühjahr hinein, und keineswegs nur in den herbstlichen Nebel. Frühlings Erwachen und österliche Hoffnung gehören zusammen; sie machen jeden Tag kostbar, auch den Tag heute. Es ist schließlich der erste von den letzten, die wir noch haben.

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15FEB2024
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Ein bisschen Asche ist noch auf meiner Stirn, ich habe nichts abgewaschen vom Aschenkreuz gestern Abend. Dieses Zeichen hat für mich etwas Besonderes. In meiner Kindheit hat mir die Mutter immer ein Kreuzzeichen auf die Stirn gemacht, wenn ich zur Schule ging. Auch den Leib Brot hat sie so gesegnet, bevor sie ihn anschnitt. Segnen und Signieren ist ja derselbe Wortstamm: da wird etwas gegengezeichnet und unterschrieben. Das Kreuz auf meiner Stirn, das Jesuszeichen als Signatur: nun gehören wir zusammen. Aber das Kreuz gestern ist gerade nicht aus Gold oder Silber, nicht mit Edelstein verziert - nein, aus Asche. „Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück“.  Illusionslos wird ausgesprochen und unterschrieben, was Fakt ist:  auch ich bin vergänglich, irgendwann habe ich abzudanken, bald werde ich gewesen sein, und dieser Tag heute ist schon der erste vom Resrt meines Lebens den letzten, die mir noch bleiben. Und dann: Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Das wäre nichts als eine Zumutung und auch Kränkung, wenn es eben nicht das Kreuz wäre, das Lebens- und Siegeszeichen Jesu. Mit ihm ist die begründete Hoffnung gegeben auf Vollendung und Auferstehung. Mit ihm wird alle Vergänglichkeit schöpferisch durchkreuzt.  „Du wirst auferstehen am jüngsten Tage“. Was mit Jesus schon österlich geglückt ist, blüht auch uns – so jedenfalls hoffe ich fest. Deshalb habe ich mir das Aschenkreuz nicht abgewaschen, deshalb ist mir diese Signatur wichtig auf Ostern hin, auf das Ende zu und die Vollendung. Diese Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern ist eine besondere Zeit. In diesen vierzig Tagen kann bewusster werden, was das befristete Leben so kostbar macht – die gestundete Zeit. Es ist eine Art Trainingsphase, in der wir konzentrierter einüben, was eigentlich das ganze Jahr gilt, sogar das ganze Leben.  Wir sind auf Durchreise, und jeder Tag ist unendlich kostbar - eine einmalige Chance, die Gegend zu erkunden und zu gestalten. Staub bist du, ja, aber mit der mit der Zusage auf Vollendung und Auferstehung. Es ist also Sternen- und Blütenstaub, Gottesstaub. Es ist jener Stoff, aus dem – unter hohem Druck verdichtet – Diamanten werden, wirkliche Schmuckstücke wie Sie und hoffentlich auch Ich.

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14FEB2024
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Heute Abend werde ich zur Kirche gehen und mir das Aschenkreuz auf die Stirn machen lassen. „Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück“ – so wird mir dazu gesagt. Jedes Jahr geht mir das unter die Haut - ganz ähnlich wie bei jeder Beerdigung, wenn für den aus unserer Mitte gebetet wird, der als nächster dem Verstorbenen folgen wird. „Werde ich‘s denn?“ Irgendwie tut mir diese Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit gut, und ich bin sogar dankbar dafür. Und zugleich habe ich einen Riesenrespekt und kriege Gänsehaut. Immerhin bleibt es beim Aschenkreuz ja nicht bei dem Wort vom Staub, denn es heißt weiter: „Gott aber wird dich auferwecken am Jüngsten Tage“, also zuletzt, wenn es endgültig so weit ist. Da kommt dieses großartige Gottesversprechen dazu und darauf gründend die Osterhoffnung: die Konfrontation mit dem Tod ist also nicht der Blick in das schwarze Loch, wo alles im Nichts versinkt. Christlich ist es vielmehr jenes Dunkel, das die Kehrseite ist von blendendem Licht. Wie gut doch, dass mir der Staub in Gestalt des Kreuzes auf die Haut tätowiert wird: es ist ja das österliche Gütezeichen, wie sehr auf Gottes Zusage Verlass ist. Jesus steht dafür grade als Pate und Zeuge. Ich brauche mich nicht aus dem Staub zu machen, ganz im Gegenteil: Ich darf hoffen, schon jetzt.

Aschermittwoch heute ist für Christen also ein besonderer Tag im Jahr, ein bisschen wie Karfreitag schon. Da wird der übliche Zeitablauf unterbrochen, da gilt es innezuhalten. Nein, es geht nicht immer so weiter - lautet die Ansage dieses Tages. Alles hört irgendwann auf, und wie rasant geht mein Leben vorbei. Und Achtung: wie schnell kann es zu spät zu sein. Heute am Aschermittwoch ist „alles vorbei“, das ist unerbittlich wahr. Aber eben auch: “Gott wird dich auferwecken am jüngsten Tage“. Am Aschermittwoch fängt die Osterzeit an, das Fest christlicher Hoffnung wirft seine Schatten voraus, 40 Tage lang. Umso mehr gilt es, die befristete Lebenszeit zu nutzen.

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13FEB2024
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Kennen Sie Commander Data? Ich gehöre zu den „Trekkies“ also den Fans der Serie „Star Trek“ und dort kommt einer jener Maschinenmenschen vor, den man in dem Fall nicht Roboter, sondern „Android“ nennt. Er wird von künstlicher Intelligenz gesteuert, die zur Zeit der Erfindung seiner Rolle Ende der 80er Jahre noch Projektion in die Zukunft war. Inzwischen wissen wir, wie weit die Entwicklung künstlicher Intelligenz, kurz: KI, fortgeschritten ist und sie hat in den letzten Monaten sogar Quantensprünge gemacht. Durch das Programm „ChatGPT“ ist KI zum ersten Mal in großem Stil für alle im Internet zugänglich und wird dadurch alltagstauglich. Die Seite ist so beliebt, dass sie manchmal für einige Stunden abstürzt, weil sie von zu vielen Menschen gleichzeitig besucht wird. Wohin es führen könnte, wenn KI immer mehr unseren Alltag bestimmt, macht vielen von uns Angst, weil wir fürchten, dass das menschliche dabei unter die Räder kommen könnte.

Die Erzählung von Star Trek spielt aber nicht mit der Angst vor KI und dass Androiden die Herrschaft übernehmen, sondern vielmehr mit der Frage, was künstliche Intelligenz kann und was eben nicht. Da Commander Data keine Emotionen empfindet, versucht er im Laufe der Zeit, diese zu imitieren. Er zeigt sich neugierig darauf, was menschliches Empfinden, was Lachen, Schmerz, Liebe oder Langeweile ist und was es mit einem macht.

Star Trek macht daraus unterhaltsame Episoden, die mich schon damals zum Nachdenken gebracht haben. In ihnen kommen die großen Fragen unserer Existenz plötzlich wieder auf den Tisch, die eigentlich in den Hintergrund geraten waren in einer Welt, die zunehmend ohne Religion, ohne die Frage nach Gott auszukommen scheint. Wir erkennen, dass Menschsein eben genau dort weitergeht, wo künstliche Intelligenz stehen bleibt: beim Funktionieren. Wenn wir dieser Tage Karneval feiern, tun wir dies eben nicht vor allem deswegen, weil es für uns eine Funktion hat. Wir feiern das Leben, und zwar völlig zweckfrei. Feiern hat, wenn man es zu Ende denkt, keinen Zweck. Es verweist auf unseren göttlichen Schöpfer, der kein Funktionsgott ist sondern vielmehr Grund unserer ganzen Wirklichkeit. Und dadurch macht er uns frei. Mit ihm können wir den Funktionalismus überwinden, der die künstliche Intelligenz bestimmt. Mehr noch: In seinem Sohn ist er sogar ganz Mensch geworden – etwas, was Commander Data nie gelungen ist.

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12FEB2024
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Sind Sie heute auch im närrischen Kostüm unterwegs? Bei einem Rosenmontagsumzug vielleicht? Im Rheinland, in Rheinhessen und im schwäbisch-alemannischen Fastnachtsland kocht heute ja die karnevalistische Seele auf dem Siedepunkt. Bei meiner Arbeit habe ich viel mit internationalen Studierenden zu tun und versuche somit Jahr für Jahr, Menschen aus anderen Teilen der Welt zu erklären, was da eigentlich bei uns passiert in der fünften Jahreszeit. Das geht gar nicht anders, als auf die danach beginnende Fastenzeit zu verweisen und auf das Osterfest an deren Ende – also auf den religiösen Hintergrund, der das jecke Feiern erst ins Leben gerufen hat. Vor diesem scheint es dann auch einen Sinn zu ergeben, was da passiert – auch für jemand, dem das bisher völlig fremd war. Einmal noch so richtig das Leben feiern, bevor das Fasten beginnt. Unabhängig vom religiösen Kontext haben Karneval und Fastnacht natürlich ihre eigenen Bräuche und Dynamiken entwickelt und tun dies weiterhin.

Ich jedenfalls liebe es, mich mit Freunden zusammen in dieses Treiben hineinzustürzen, zu tanzen, zu feiern und Lieder zu singen, die gerade und eben auch nur in dieser Zeit ihren Platz haben. Aber: Geht das nur im Zusammenhang mit dem Aschermittwochsgottesdienst, bei dem ich mir nach den närrischen Tagen das Aschekreuz auf die Stirn zeichnen lasse? Ist Karneval auch noch in einer komplett säkularen Welt vorstellbar? Ich frage mich immer wieder, ob alle diese religiösen Bräuche, die unsere Kultur prägen und auch Feste wie Ostern und Weihnachten, auch dann noch prägend sein können, wenn die Bezüge zu Gott ganz wegfallen sind.

Als gläubiger Mensch bin ich aber froh, dass sich dieses Feiern und ausgelassen sein auf etwas bezieht, das über unser Tun und Machen hinausweist. Für mich gehört es zusammen: das bunte, verrückte Leben auf den Straßen, bei den Umzügen, in den Hallen und Kneipen und der Glaube daran, dass da einer ist, der wohlwollend darauf schaut und sich mit uns freut. Wenn wir das Leben feiern, feiern wir auch seinen Schöpfer. Und wenn wir das zusammen tun, zeigt sich seine schöpferische Kraft viel mehr, als wenn wir alleine sind.

Da ich der kölschen Sprache nur singend mächtig bin, will ich ins Hochdeutsche übersetzen, wie die Band Kasalla das ausdrückt, was mir in diesen Tagen aus der Seele spricht: „Auf die Liebe und das Leben, auf die Freiheit und den Tod. Komm wir trinken auch mit denen, die im Himmel sind. Alle Gläser hoch!“

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