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SWR3 Gedanken
Was für ein wunderschönes lila Blütenmeer! Das Mohnfeld bei uns am Dorfrand ist was ganz besonderes, denn normalerweise kennt man den Mohn ja in rot und nur so vereinzelt am Wegrand.
Blaumohn dagegen blüht lila, und meistens gleich in ganzen Feldern.
Ich bin mit meiner Freundin dorthin spaziert und kaum sind wir dort, kommen noch andere. Ein frisch verliebtes Pärchen macht Selfies, ein Rennradfahrer hält an und staunt einfach nur.
Der Bauer aus unserem Nachbarort pflanzt den seltenen Blaumohn an, für Mohn-Öl oder die klassischen Mohnsamen, die man für Mohnschnecken und -brötchen braucht.
Verrückt, wie dieses Mohnfeld auf mich wirkt. Die lila Farbenpracht beruhigt mich, und es steigt dieses Gefühl in mir auf: „Wie schön, dass wir jetzt grad da sind!“
Meine Freundin meint: „Lang blühen die nicht mehr, schau, die ersten Blütenblätter fallen schon ab!“
Vielleicht macht genau das diesen Moment am Mohnfeld aus:
Du stehst davor und begreifst: diese Blüten sind so empfindlich, sie verblühen bald, und gleichzeitig ist die Frucht mit den Samen so prall gefüllt. In einer Kapsel stecken bis zu tausend Mohnsamen.
Was für ein Bild für das Leben, denn da ist es ja ganz ähnlich: die schönen Momente, in denen alles in dir aufblüht, gehen schnell vorbei. Und was in jedem einzelnen Leben steckt: das sind tausend Möglichkeiten. Tausend Entscheidungen, tausend Gefühle, tausend Chancen mich zu entfalten.
Diese herrlichen lila Mohnfelder! In manchen Gegenden blühen sie noch bis Mitte Juni! Also nichts wie hin, und Mohnfeld und Leben bestaunen!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44610SWR3 Gedanken
Hunderte weiße Baumwollfäden in einer Kirche. Manche sind von der Kirchendecke bis runter auf den Boden gespannt, andere laufen längs durchs Kirchenschiff.
Ich stehe im Freiburger Münster. Wie schön das Sonnenlicht durch die bunten Kirchenfenster reinkommt und mit den weißen langen Fäden zusammenspielt. Es sieht toll aus!
Sofort muss ich an eine Szene aus meiner Jugend denken. Da war ich schüchtern und hatte Angst vor allem, was neu war. Mit Freunden bin ich damals zu einer Jugendfreizeit gefahren und war unglaublich nervös. Ich bin mit einem dicken Kloß im Hals auf der Rückbank gesessen, während die anderen im Auto lustig rumgealbert haben. Und dann hat sich am Horizont die Sonne in den Gewitterwolken gebrochen und wunderschöne Lichtfäden an den Himmel gemalt. Da bin ich mutig geworden und habe begriffen: Ich bin nicht allein. Der Himmel beschützt mich, da gibt es eine Verbindung. Gott ist da.
Daran denke ich, als ich im Freiburger Münster stehe und wieder so ein wunderschönes Lichtspiel sehe. Die Künstlerin Elke Maier nennt ihre Installation „sichtbar-unsichtbar“.
Der Himmel und alle Himmelskraft werden wirklich manchmal sichtbar. In ganz zarten Momenten, wenn Himmel und Erde sich verbinden. Wenn ich meinen verstorbenen Papa ganz nahe fühle, oder wenn mich jemand mit meinen Bedenken versteht, einfach so, und ich dann wieder denken kann: „Es wird wieder gut werden.“
Und manchmal verbinden sich Himmel und Erde, wenn zwei sich lieben und sich gegenseitig einfach nur gut tun.
Der Himmel kann sichtbar werden: mitten im Leben und auch bei den hunderten weißen Baumwollfäden im Freiburger Münster.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44609SWR Kultur Lied zum Sonntag
Unser Lied zum Sonntag heute Morgen ist ein Gospel, der gefühlt schon immer da war. In ihm ist so viel Lebensfreude zu hören, aber auch Kämpfergeist. Und ich verbinde diesen Gospelsong mit einer wahren Kultszene der Filmgeschichte.
Im Film „Sister Act 2“ leitet Whoopy Goldberg alias Sister Mary Clarence ihren neu gegründeten Schulchor. Es ist ihr erster Auftritt bei einem Chorwettbewerb, sie singen „Oh happy day“ und der damals erst 15jährige Ryan Toby tritt als Solist auf. Die ersten Töne klingen noch schüchtern.
Oh happy day, o happy day,
when Jesus washed, when Jesus washed my sins away.
Und genau jetzt kommt im Film Whoopy Goldberg ins Spiel. Sie holt den jungen Ryan direkt neben sich und stimmt eine simple Tonübung an. Was erst irritiert, und dabei auch fast banal klingt, ist der entscheidende Schritt. Denn die leidenschaftliche Chorleiterin weiß, dass die jungen Leute vor ihr so viel mehr können! Sie müssen sich nur trauen! Es dauert nur zwei, drei Tonleitern lang, und schon klingt der traditionelle Gospel viel leidenschaftlicher.
Lalalalala (Wdh.)…
Oh happy Day, o happy Day,
when Jesus washed, when (my) Jesus washed my sins away.
„Welch glücklicher Tag, wenn Jesus meine Sünden wegwäscht!“ Der Text ist alt, immer wieder wurde er bearbeitet. Und die berührendste Bearbeitung entdecke ich an der Stelle, die wir eben gehört haben. Wenn der jugendliche Ryan ganz spontan ein kleines Wort vor Jesus einfügt: „my“. „When my Jesus washed my sins away.“ Mein Jesus.
Menschen können sich viel mehr entfalten, wenn sie an sich ranlassen, was Gott verspricht. Dass Schuld bei ihm überhaupt keine Rolle mehr spielt, sondern nur, dass Gott jedem Menschen unendlich viel zutraut.
Hören Sie wie viel Schwung die Jugendlichen im Chor nun finden. Wenn sie zu klatschen beginnen und der junge Ryan dann in den höchsten Tönen regelrecht jubiliert.
He taught me how to fight an pray, fight and pray.
And he taught me how t live rejoicing every day.
Oh happy Day when Jesus washed…
Vor zwei Jahren haben sich die Schauspieler von damals 30 Jahre nach der Filmpremiere zu einem Wiedersehen getroffen. In den Videoaufnahmen sieht man einen Chor voller strahlender erwachsener Menschen. Sie alle werden sicher auch Tage erlebt haben, die ganz und gar nicht „happy“ waren. Das Leben lässt einen immer wieder kämpfen.
Aber Menschen können Kraft tanken, wenn jemand sie in ihrer Leidenschaft packt und was für ein Segen, wenn dann eine da ist, wie Sister Mary Clarence. Eine, die das aus mir herauskitzelt, Gott mir mitgegeben hat.
Welch „happy days“, wenn das gelingt!
I´m talking about the happy days…
oh Happy Day!
Quellen: Oh happy day, Edwin R. Hawkins, Ryan Toby, Archiv-Nr. M0096012 01-004
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44359SWR3 Gedanken
Gerhard hat mich schon x-mal beeindruckt.
Wie er sich mit Mitte achtzig nach einer heftigen Krankheit wiederhochgerappelt hat! Oder wie er immer wieder seine Runde geht, damit er beweglich bleibt. Und jetzt habe ich wieder was Neues über Gerhard erfahren.
Er geht regelmäßig ins Gefängnis und feiert dort Gottesdienst. Er ist katholischer Priester und macht das zusammen mit dem Gefängnisseelsorger dort. Alle paar Wochen betet und singt Gerhard mit den „Kerlen“. So nennt Gerhard die Insassen, und das klingt fast schon kameradschaftlich.
Die JVA in Offenburg ist ein großer Männervollzug, und Gerhard erklärt mir: „Weißt du, in der ersten Schicht kommen die Männer aus der U-Haft in die Kapelle. Da gibt es viel Wechsel, da kenne ich keinen. Und dann kommen die Lebenslänglichen, da sind schon ein paar bekannte Gesichter dabei.“
Und dann erzählt Gerhard weiter: „In jedem Gottesdienst laden wir die Gefangenen ein, nach vorne zu kommen und eine Kerze anzuzünden. Das sind solche dünnen Kerzen, die man in eine große Schale mit Sand steckt. Da sind alle immer ganz still. Das ist so ernsthaft, und so persönlich. Da muss ich immer staunen.“
Gerhard ist mit seinen 88 Jahren nicht naiv. Er weiß, was er macht: er lädt Menschen in Haft dazu ein, sich zu besinnen, und dabei mit Gott und sich selbst in Kontakt zu kommen. Vielleicht geht das in so einem kurzen Moment. Das macht nicht wieder gut, was passiert ist, aber es ist wahrhaftig.
Und genau deswegen geht Gerhard regelmäßig ins Gefängnis und ermöglicht damit jedes Mal ein Stück mehr innere Einsicht.
Gerhard hat mich schon x-mal beeindruckt.
Wie er sich mit Mitte achtzig nach einer heftigen Krankheit wiederhochgerappelt hat! Oder wie er immer wieder seine Runde geht, damit er beweglich bleibt. Und jetzt habe ich wieder was Neues über Gerhard erfahren.
Er geht regelmäßig ins Gefängnis und feiert dort Gottesdienst. Er ist katholischer Priester und macht das zusammen mit dem Gefängnisseelsorger dort. Alle paar Wochen betet und singt Gerhard mit den „Kerlen“. So nennt Gerhard die Insassen, und das klingt fast schon kameradschaftlich.
Die JVA in Offenburg ist ein großer Männervollzug, und Gerhard erklärt mir: „Weißt du, in der ersten Schicht kommen die Männer aus der U-Haft in die Kapelle. Da gibt es viel Wechsel, da kenne ich keinen. Und dann kommen die Lebenslänglichen, da sind schon ein paar bekannte Gesichter dabei.“
Und dann erzählt Gerhard weiter: „In jedem Gottesdienst laden wir die Gefangenen ein, nach vorne zu kommen und eine Kerze anzuzünden. Das sind solche dünnen Kerzen, die man in eine große Schale mit Sand steckt. Da sind alle immer ganz still. Das ist so ernsthaft, und so persönlich. Da muss ich immer staunen.“
Gerhard ist mit seinen 88 Jahren nicht naiv. Er weiß, was er macht: er lädt Menschen in Haft dazu ein, sich zu besinnen, und dabei mit Gott und sich selbst in Kontakt zu kommen. Vielleicht geht das in so einem kurzen Moment. Das macht nicht wieder gut, was passiert ist, aber es ist wahrhaftig.
Und genau deswegen geht Gerhard regelmäßig ins Gefängnis und ermöglicht damit jedes Mal ein Stück mehr innere Einsicht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43954SWR3 Gedanken
Wie kann ich mir Gottes Liebe vorstellen? Es gibt eine Geschichte aus Japan, als ich die gehört habe, hab ich verstanden, wie das mit Gottes Liebe sein könnte.
Das Ganze hat sich vor ungefähr fünfzehn Jahren zugetragen, und es ist nicht erfunden, sondern wirklich so passiert. Der Mann Toshiyuki und seine Ehefrau sind zu dem Zeitpunkt schon dreißig Jahre verheiratet. Da verliert Toshiyukis Frau ihr Augenlicht und ist so verzweifelt, dass sie nur noch einsam in ihrer Wohnung sitzt. Toshiyuki möchte seine Frau aufmuntern, und macht etwas Unglaubliches. Er baut aus Liebe seinen gesamten Bauernhof um, er verwandelt den Milchbetrieb in einen riesigen Blumengarten. Er gräbt um und sät und sät. Zwei Jahre lang.
bDann ist der Garten fertig und es wird Frühling. Obwohl Toshiyukis Frau das gigantische pinke Blumenmeer rings um ihr Haus nicht sehen kann, lebt sie wieder auf. Denn sie kann überall die Liebe ihres Mannes riechen. Überall duftet es nach wunderschönen Blumen.
Und genau so stelle ich mir Gott vor: Er ist so kreativ wie Toshiyuki. Und wir Menschen sind wie seine Frau, wir können seine Liebe nicht sehen. Aber wir können was von ihr erahnen, zum Beispiel wenn ich einen Menschen treffe, mit dem sich einfach alles leicht anfühlt, wenn mich ein Melodiefetzen oder ein einziger Gitarrenakkord berührt, oder bei einem Geistesblitz oder einer Regung, die sich nach echter Zuneigung anfühlt.
Und jetzt im Frühling kann man Gottes Liebe vielleicht sogar erschnuppern.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43953SWR3 Gedanken
Was für ein Wow-Effekt: Wenn du zum ersten Mal durch die neue Brille schaust, und die neue Stärke perfekt passt. Das ist wie eine „Augendusche“!
Dann sehe ich am Waldrand wieder einzelne Bäume, sogar Baumstämme und Äste, und vorher war da einfach nur Grün. Und ja, der Klassiker: ich kann die Verkehrsschilder wieder viel früher erkennen. Alles ist so, als ob mir jemand die Augen geduscht hätte.
So eine „Augendusche“ wünschte ich mir noch viel öfter, als nur alle paar Jahre bei der Optikerin, nicht nur für die äußerlichen Augen, auch für die inneren. Ich wünschte, ich könnte damit ein bisschen was wegspülen, was meinen Blick auf andere trübt oder verzerrt.
Vielleicht würde ich dann bei der Frau, die im Workout immer neben mir turnt und so abweisend ist, mehr sehen können. Vielleicht, dass sie sich jedes Mal extrem aufrappeln muss, weil ihre Sorgen so groß sind und sie deswegen keine Kraft mehr für freundlichen Smalltalk hat. Oder bei der unfreundlichen Arzthelferin würde ich vielleicht erkennen, dass sie mit Kopfschmerzen aufgewacht ist und jetzt trotzdem irgendwie durchhalten muss.
Von allein kriege ich das meistens nicht hin, also bete ich zu Gott und bitte: „Gott spüle weg, was meinen Blick bequem und unscharf macht. Hilf mir, dass ich nicht bei dem bleibe, was ich zuerst sehe, sondern dass ich auch auf das schaue, was unsichtbar dahinter liegt. Wenn das schwer wird, dann verlass mich nicht.
Und Gott, danke, dass du selbst wie mit frisch geduschten Augen auf mich schaust. Nicht prüfend oder beurteilend, sondern mit Augen, die voller Liebe sind.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43952SWR3 Gedanken
Der wichtigste Ort der Welt soll in Spitzbergen liegen – ganz oben in Norwegen.
Es ist vielleicht deshalb der „wichtigste Ort“, weil dort Saatgut aus aller Welt gesammelt wird. Schon seit fast zwanzig Jahren. Dieser Saatgut-Tresor im ewigen Eis ist so faszinierend friedlich. Denn da sind Saatkörner aus Nordkorea neben denen aus Südkorea eingelagert, und fast alle Länder der Welt haben schon Saatgutproben ihrer wertvollen Getreide-, Obst- oder Gemüsesorten dort hingebracht.
Das alles für den Fall, dass einmal ganze Kontinente zerstört werden, oder die Erde für lange Zeit unbewohnbar ist. Dann sollen unsere Nachfahren wieder an Saatgut gelangen können. Zumindest darin scheinen wir Weltbewohner uns einig zu sein: dass sich auch nach den schlimmsten Katastrophen ein Neuanfang lohnt.
Aber es reicht nicht, nur das Saatgut aufzubewahren, es braucht noch mehr. Was – das kommt in einer Geschichte zum Ausdruck. Sie ist für mich genauso hoffnungsvoll und stark wie dieser Saatgutspeicher in Spitzbergen. Die Geschichte geht so:
Ein junger Mann hatte einen Traum von einem ganz besonderen Laden. Hinter der Theke stand ein Engel. Hastig fragt der Mann ihn: „Was verkaufen Sie?“ Darauf der Engel: „Alles, was Sie wollen!“ Der junge Mann beginnt aufzuzählen: „Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege, bessere Bedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika und … und …“ Da fällt ihm der Engel ins Wort: „Entschuldigung, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur das Saatgut.“
Das eine ist es also das Saatgut zu sammeln, das andere es in die Erde zu setzen und aufblühen zu lassen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43951SWR3 Gedanken
„Übernächstenliebe“ – dieses Wort hab ich schon länger im Kopf, aber jetzt erst hab ich wirklich begriffen, wie diese Liebe konkret aussehen kann, die weitergeht als nur zum Nächsten neben mir. Wegen Bruno, Hilde und Freddy. Das sind drei Menschen aus meinem Dorf.
Bruno ist extrem rege in Sachen Ortsgeschichte. Er hat mich regelrecht bearbeitet, dass ich Klassenfotos von meinen Töchtern fürs Dorfarchiv rausrücke. Datenschutzmäßig musste erst alles geklärt sein, aber dann hat sich Bruno gefreut und gemeint: „Siehst du, so können die Leute in hundert Jahren nachschauen, wer mal hier gelebt hat. Das ist doch was!“
Und Hilde macht sich in Sachen „Übernächstenliebe“ schon mal bei ihren jungen Vereinskolleginnen unbeliebt. Wenn die überlegen, ob sie fürs nächste Vereinsfest massenweise Deko-Material bei so einem Billigversandhändler aus dem Internet bestellen. Da kontert Hilde: „Ihr wisst aber schon, was das für Verbrecherfirmen sind!“ Massenweise Billig-Päckchen aus China, das geht für Hilde gar nicht. Weil sie eben immer auch an ihre Enkel und Ur-Enkel denkt.
Und dann ist da noch Freddy, der als frischgebackener Förster-Meister leidenschaftlich gerne Bäume pflanzt. Letzten Herbst hat er bei uns im Garten drei neue Bäume gesetzt und mich danach glücklich angestrahlt und gemeint: „Jeden Tag eine gute Tat! Diese Bäume tun der Erde gut.“ Und jetzt will er mich davon überzeugen, dass in der anderen Ecke von unserem Garten, doch auch noch Platz für ein, zwei Kirsch- oder Apfelbäume ist.
Wie gut, dass die drei so unermüdlich sind: Bruno, Hilde und Freddy.
Denn jedes sorgfältig archivierte Foto, jedes nicht bestellte Päckchen aus China und jeder gepflanzte Baum ist auch ein Stück Übernächstenliebe - ein Stück Liebe zur nächsten und übernächsten Generation.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43950SWR3 Gedanken
Alfred Delp war einer, der genau wusste, was er wollte. Er war Priester aus Mannheim und Widerstandskämpfer im NS-Regime. Jetzt soll er ein „Seliger“ werden. Das ist fast so etwas wie ein „Heiliger“, ein offizielles Vorbild in der katholischen Kirche.
Wie Alfred wohl ausgesehen hat? Auf meinem Bildschirm erscheint so ein leicht verschwommenes Schwarz-Weiß-Foto. Da ist er vielleicht Mitte dreißig. Am Hemd leger ein paar Knöpfe offen, Hosenträger, im Hintergrund ein See. Alfred ist beim Segeln, und er lacht offen in die Kamera. Schon als Vierzehnjähriger war er super selbstbewusst. Er ist katholisch geworden, weil er sich mit seinem evangelischen Pfarrer gestritten hat. Und Alfred war ein Denkertyp, ein paar Jahre Lehrer, später Journalist. Er konnte beides, das Leben leicht nehmen und genießen, aber er war auch kompromisslos. Vor allem wenn es um Politik und soziale Fragen ging.
In seiner Wohnung haben geheime Treffen stattgefunden, und zusammen mit seinen Verbündeten hat er Pläne geschmiedet, wie Deutschland politisch nach Hitler organisiert sein könnte. Da war er als studierter Philosoph genau der Richtige.
1944 haben die Nazis Alfred Delp in Berlin ermordet, seine Asche wurde einfach auf den Feldern ausgestreut. Niemand sollte irgendwo Spuren von ihm finden. Aber dieser Plan der Nazis ist nicht aufgegangen. An Alfred Delp denken immer noch viele. Es gibt Schulen, die nach ihm benannt sind, oder Pflegeheime und Fördervereine.
Er ist ein starkes Vorbild. Wenn einer so entschieden, mutig und ernsthaft lebt, dann hat das schon viel mit „selig“ zu tun!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43949SWR3 Gedanken
Seit ich ein einziges Foto gesehen habe, denke ich anders über das Thema Prostitution. Ich bin viel entschiedener dagegen, dass alles so bleibt wie es ist. Deswegen wähle ich heute eine der Parteien, die sich dafür einsetzen, dass Prostituierte besser geschützt werden!
Ich habe das Foto in einer Ausstellung mit dem Titel „gesichtslos“ entdeckt. Die Bilder sind noch zwei Wochen lang in Offenburg zu sehen, und entstanden sind sie in Mannheim. Dort hat der Fotograf Hyp Yerlikaya Frauen jahrelang mit der Kamera begleitet, zusammen mit der Beratungsstelle „Amalie“.
Auf dem Foto ist im Vordergrund ein 20-Euro-Schein zu sehen, angelehnt an so eine schlichte weiße Gesichtsmaske, wie man sie vielleicht von Theaterplakaten kennt. Und im Hintergrund sieht man verschwommen eine Frau stehen. Sie ist leicht bekleidet und schaut aus dem Fenster.
Ich habe dieses Foto gesehen und verstanden: wenn eine Frau als Prostituierte arbeitet, dann verliert sie ihr Gesicht, kaum jemand möchte sie wirklich sehen.
Außer den Frauen und Männern in den Beratungsstellen. Sie helfen, wenn eine Frau aussteigen möchte, auch wenn das fast nicht zu schaffen ist.
Unter dem Foto mit dem Geldschein lese ich, was eine Prostituierte in Mannheim zu ihrem Leben sagt: „Das Schönste ist, wenn sie dir das Geld geben. Dann weißt du, du siehst sie nie wieder.“
Ich frage mich: was sind schon 20 Euro? Dafür, dass ein Mensch einen anderen Menschen nur für sich benutzt.
Auch wenn es noch so schwierig, beunruhigend oder beklemmend ist, darüber müssen wir sprechen. Und ich bitte alle Politikerinnen und Politiker, die heute gewählt werden, dass sie diese Frauen nicht vergessen!
Denn auch sie haben eine Würde und ihr ganz persönliches Gesicht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43948