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SWR3 Gedanken
Was für ein Wahnsinns-Projekt! In Meßkirch im Schwäbischen bauen sie den „Campus Galli“, eine mittelalterliche Klosteranlage. Und zwar so richtig mittelalterlich. Also ohne Kran und Motorsägen, nur mit Muskelkraft und dem Know-how von vor über tausend Jahren.
Nach den ersten zwei Stunden dort bin ich richtig nervös geworden, weil ich meistens drei, vier Sachen auf einmal mache, und hier ging es ganz anders zu. In der ersten Laube arbeitet Ernst. Er stellt einfach nur Wasserfässer her, oder besser gesagt: ein Wasserfass. Denn wenn man alles von Hand macht, braucht das seine Zeit. Ein paar Meter weiter drechselt Juliane so einen Griff aus Holz, den man für einen Hammer braucht.
Die letzte Station ist bei Finnja. Sie spaltet aus Fichtenbaumstämmen solche Holzschindeln, mit denen dann Dächer gedeckt werden. Ich frage sie: „Wie viele Schindeln schaffst du am Tag?“ Sie zuckt mit den Schultern und meint nur: „In diesem Sommer habe ich vier Baumstämme vor. Die hat unser Wald hergegeben.“
Ernst, Juliane und Finnja wissen alle drei nicht, ob sie die komplett aufgebaute Klosteranlage mal sehen werden. Und genau das ist es, was mich auf dem Campus Galli nervös gemacht hat. Wie fokussiert die Leute dort arbeiten und wie bescheiden sie einfach nur ihren Part im großen Ganzen übernehmen.
Ich wünschte ich könnte wenigstens ein bisschen auch so leben. Weniger getrieben und weniger „alles auf einmal“. Mit mehr Klarheit und mehr nach dem Motto Schritt für Schritt, oder Besenstrich für Besenstrich.
Finnja und die anderen kennen ihr Ziel: die Klosteranlage. Und ich überlege welches eigentlich meins ist.
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Mit meiner Mutter bin ich in eine neue Welt abgetaucht, in die Welt der chronischen Wunden.
Meine Mutter ist 83 und hat ein „offenes Bein“. Also heißt es jetzt mehrmals die Woche zur Ärztin oder zum Wundspezialisten. Außerdem ärztliche Verordnungen besorgen, den zweiten Haustürschlüssel für den Pflegedienst und Desinfektionsmittel.
Dass so was eine Rennerei ist, wissen alle, die einen älteren Menschen begleiten. Und dann ist da diese Wunde, die einfach nicht heilen will - das zermürbt. Der Wundspezialist erklärt mir, dass es Wunden gibt, da findet man nie wirklich raus, warum die überhaupt da sind.
Ich schaue meine Mutter an, wie sie so verzweifelt auf dem speziellen Behandlungsstuhl im Wundzentrum sitzt. Sie braucht jetzt ganz viel Hoffnung.
Die Pflegerin gibt ihr ein bisschen davon. Sie meint: „Ich creme ihr Bein jetzt erstmal ein. Das tut gut.“
Es gibt eine alte christliche Hoffnung, die ich noch nie so begriffen habe wie jetzt. Es ist die Hoffnung, dass Gott heilt und die Vorstellung, dass er selbst Wunden verbindet. Und zwar Wunden, die ich in mir drin habe, und Wunden, die man sehen kann. Manche direkt, und manche auch erst wenn wir gestorben sind.
Jetzt beginnt die Pflegerin mit dem Verbinden. Liebevoll legt sie eine spezielle Wundauflage auf, dann kommt noch ein Polster und dann wird gewickelt und gebunden, mit gekonntem Griff.
Da entdecke ich Gott. Er verbirgt sich in dieser Pflegerin, in ihren Händen, in ihrer zuversichtlichen Art und ihrem geschulten Blick. Und damit kommt wieder Hoffnung: dass Wunden, die schon lange da sind, endlich heilen.
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Was tun, wenn man eine Stunde Zeit überbrücken muss? Und dann noch in einem langweiligen Kaff, in dem eben die Autowerkstatt ist, wo meinem Auto neue Reifen aufgezogen werden.
Eigentlich hatte ich einen klaren Plan: ich wollte die Zeit effektiv nutzen. Aber irgendwie hat das nicht so ganz geklappt. Eigentlich wollte ich beim Bäcker einen Kaffee trinken und am Laptop was arbeiten. Dann hat mir aber erstmal ein nettes Schild einen Strich durch die Rechnung gemacht: „Hofladen – freitags geöffnet“. Da Freitag ist, zieht es mich rein. Drinnen unterhalten sich zwei ältere Männer lautstark und lachen, es gibt frisches Bauernbrot und Hefezopf. Ich kaufe ein bisschen was ein und gehe dann einfach mal weiter. Es gefällt mir mich so leiten zu lassen, von dem, was es da alles in diesem unscheinbaren Ort zu sehen gibt. Da ist ein gepflegtes Lokal, nebendran eine Kirche, dann ein Barbershop. Und drei Häuser weiter entdecke ich einen kleinen Schuppen mit Schaufenster, da bietet jemand abgefahrene Street-Art-Bilder an.
So langsam groove ich mich ein und lasse mich treiben. Am Ende lande ich beim Friedhof. Da ist es schön. Zwei ältere Frauen mit Gießkannen sehen mich kritisch an, sie kennen mich nicht. Ich bleibe trotzdem. Die Sonne, die Kirchenglocken, die würdevollen Gräber, das alles beruhigt mich. Und dort hinten in der Ecke steht ein so schönes verwunschenes kleines Haus. Da zu leben, das stelle ich mir malerisch vor.
Und schon ist die Zeit rum und ich laufe zurück zur Werkstatt. Die Stunde Zeit ist völlig anders gelaufen, als ich geplant hatte. Es war nichts Großartiges und nichts Effektives, aber ich habe in einem scheinbar langweiligen Kaff eine Menge gesehen. Weil ich meinen Plan losgelassen hab und mich einfach ganz absichtslos habe treiben lassen.
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Man kann ein bisschen Gott im Leben finden. Darum geht´s in einer Geschichte von Susanne Niemeyer. Es ist die Geschichte von der Kiste Goldstaub, und sie ist schnell erzählt:
Gott hat die Welt gemacht und ist ziemlich zufrieden damit. Es geht den Menschen wunderbar, sie sind so beschäftigt: mit Karriere machen, Cocktails mixen, Autos tanken und Joggen.
Im Prinzip ist alles so prima, dass sich die Menschen schlichtweg nicht mehr an Gott erinnern. Das findet Gott so mittelmäßig, und deswegen macht er Schnips und zack, steht da eine große Kiste mitten auf der Erde, oben drauf ein Aufkleber mit „Heilig“. Gleich kommen die ersten zwei Menschen und lupfen neugierig den Deckel, sieht aus wie Goldstaub. Sie nehmen gleich je eine Handvoll mit. Und sie sind nicht die einzigen, das machen am Ende alle so.
Daheim angekommen, wollen sie den Staub irgendwo reinfüllen, man weiß ja nie, wofür man den mal gebrauchen kann. Aber von wegen. Ein Atemzug reicht, und hat er sich in alle Ecken verteilt. Funktioniert also nicht, dass man das Heilige in eine Tupperbox reinpackt.
Aber man kann es doch finden, wenn man ein bisschen genauer hinsieht und nach so einem gewissen Glänzen Ausschau hält. Die eine findet es in einem langersehnten Wiedersehen, der andere in einer Stunde erholsamem Schlaf, die nächste im Fieber der Begeisterung und wieder andere am Esstisch, wenn alle zusammensitzen.
Gottes Glänzen kann überall aufblitzen, und wenn, dann hebt es dich ein Stückchen über den Alltag. Es ist wie ein Fizzelchen des Heiligen und Gott will damit sagen: „Ich bin auch noch da.“
Aus Susanne Niemeyer: Mut ist... Kaffee trinken mit der Angst, Herder Freiburg, 4. Auflage.
SWR3 Gedanken
Ein Jugendlicher als Heiliger? Das gibt es, und zwar so richtig „hochoffiziell“. Heute Morgen wird der junge Carlo in Rom heiliggesprochen. Das hört sich natürlich fromm an und irgendwie auch altmodisch. Obwohl Carlo gar nicht altmodisch war - fromm aber schon.
Carlo Acutis war ein italienischer Junge aus Mailand, der nur 15 Jahre alt geworden ist. Er hatte Leukämie und ist 2006 an der Krankheit gestorben. Letztes Jahr war ich an seinem Grab in Assisi. Da liegt der Leichnam von Carlo in einer Kirche in einem Glassarg. Es war seltsam ihn so präpariert da liegen zu sehen, in Jogginganzug und Sneakers. So ein junger Mensch in seinem jugendlichen Outfit passt einfach nicht in einen Sarg. Viele junge Leute waren dort und haben mit ihrer Hand den Sarg angefasst und Kerzen angezündet.
Carlo soll eine echte Seele von Mensch gewesen sein. Er hat geholfen, wo er nur konnte, in seiner Klasse, wenn jemand ausgegrenzt wurde oder in seiner Stadt, in Mailand, wo es so viele Wohnungslose gibt. Carlo war außerdem ein Genie am Computer, in den 2000er Jahren hat er einen Internetauftritt über Glaubensthemen aufgezogen. Das war damals neu. Carlo hat immer offen über seinen Glauben gesprochen.
Er hat mal gesagt: „Das Leben ist ein Geschenk! Und solange wir auf diesem Planeten sind, können wir unseren Level der Nächstenliebe steigern.“
Man kann die Sache mit den katholischen Heiligen ja so oder so sehen. Ich kann verstehen, wenn Leute skeptisch sind, ich bin es auch. Aber dass der junge Carlo heute in Rom so viel Ehre abkriegt, das zeigt: auch Jugendliche können so beeindruckend leben, dass andere sie am Ende sogar als heilig empfinden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42841SWR Kultur Lied zum Sonntag
Hildegard Knef wäre in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden. Ihr Chanson „Für mich soll´s rote Rosen regnen“ hat so viel Kraft. Ich kann darin hören, wie eine Frau ihr Leben voll auskosten möchte, wie sie mit beiden Händen danach greift. Als wollte sie sagen: „Ich will keine Chance ungenützt lassen. Hier ist mein Platz, den will ich haben, der steht mir zu.“
1) Mit sechszehn sagte ich still „Ich will,
will groß sein, will siegen,
will froh sein, nie lügen“
Mit sechzehn sagte ich still „Ich will,
will alles oder nichts.“
Für mich soll´s rote Rosen regnen
mir sollten sämtliche Wunder begegnen…
Hildegard Knef war sicher kein „Good-Girl“. In dem Sinne, dass sie versucht hat es immer allen recht zu machen. Bei „Good Girls oder Boys“ dreht sich alles drum, immer nett zu sein, immer verlässlich, immer geräuschlos. Hildegard Knef hat anders gelebt. Sie war ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus, denn sie wollte nach dem Zweiten Weltkrieg als Frau selbstbestimmt leben. Für so eine Freiheit war damals fast kein Raum. Die Zeit war knöchern und die moralischen Vorstellungen eng. Hildegard Knef hat das nicht abgehalten, sie hatte große Träume.
2) Für mich soll´s rote Rosen regnen
mir sollten sämtliche Wunder begegnen.
Das Glück sollte sich sanft verhalten,
es soll mein Schicksal mit Liebe verwalten.
Hildegard Knef hatte in ihrem Leben viele Sorgen. Gescheiterte Ehen, eine schwere Erkrankung, und sie selbst hat von sich gesagt, dass sie vieles bereut. Ich bewundere den Mut dieser Frau und ihren unbändigen Willen immer wieder aufzustehen. Das war kein purer Egoismus oder keine übertriebene Selbstliebe, die gibt es ja auch. Hildegard Knef hat immer mit sich gerungen, und ist an dem, was sie, und nur genau sie wollte, dran geblieben.
3) Und heute sage ich still
Ich sollt mich fügen, begnügen,
ich kann mich nicht fügen
kann mich nicht begnügen
will immer noch siegen
will alles oder nichts.
Für alle, die sich selbst hinten anstellen und zu oft selbstlos sind, für die alle soll dieses Lied heute Morgen ganz besonders klingen. Und dazu hole ich die Sängerin Hildegard Knef vor mein inneres Auge. Wie sie aufrecht und selbstbewusst am Mikrofon steht und singt. Es fällt mir leicht mir vorzustellen, dass sie mir zuzwinkert, wenn ich allen meinen Mut zusammen nehme und auch mal trotzig einstehe für das, was mir wichtig ist. Wie sie mir zunickt, wenn ich offen sage, was ich denke, zum Beispiel „Ich will, ja, ich will.“
4) Ich will, ich will.
Quellen: 1) M0737592 AMS (Südwestrundfunk)Hildegard Knef, Orchester Hans Hammerschmid, Studioproduktion 1968
2) M0557996 AMS (Südwestrundfunk) Für mich soll´s rote Rosen regnen, Lehn, Erwin, Südfunk-Tanzorchester, Aufnahme vom 8.1.1969 Villa Berg Stuttgart SDR
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Nur eine halbe Stunde lang bin ich in dieser Ausstellung. Dann muss ich wieder raus, nichts wie raus in die Sonne und an die frische Luft.
Die Ausstellung heißt „Was ich anhatte“. Ich habe sie mir in Offenburg angesehen, in einer Beratungsstelle. Da waren in drei kleinen Räumen zwölf Kleidungsstücke oder ganze Outfits ausgestellt. Und zu jedem Kleidungsstück gab es persönliche Notizen. Zwölf Geschichten von Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.
Die Botschaft der Ausstellung ist eindeutig: Jetzt sprechen die Opfer. Sie sind stark, laut und vor allem: Sie sind nicht schuld.
Wie oft hab ich schon solche bescheuerten Sprüche gehört wie: „Der Rock war halt kurz, da muss sie sich nicht wundern.“ Was für ein Quatsch!
In der Ausstellung stehe ich vor dem weißen Sportshirt mit Schweißflecken und einer ausgeleierten Leggins von Joana, der es nach dem Training in der Sporthalle passiert ist. Und gleich daneben schaue ich mir den langen schwarzen Rock mit dem schlichten Pullover von Mireille an. Mireille hat dazu aufgeschrieben: „Es war nach der Betriebsfeier. Er war mein Kollege, so einer, den jeder mag.“
Und im Raum nebenan hängt ein geblümtes Sommerkleidchen über einem viel zu großen Kleiderbügel. Das Mädchen, das das Kleid getragen hat, heißt wie ich, Ruth.
„Was ich anhatte“: Das sind nur zwölf Kleidungsstücke mit zwölf Geschichten.
Ich habe es nicht geschafft sie alle zu lesen. Aber ich habe begriffen: Es ist völlig egal, was eine Frau anhatte. Sie ist nicht schuld. Schuld ist immer der Täter. Deswegen sind diejenigen ganz besonders stark, die allen Mut zusammen nehmen und nicht mehr länger schweigen. Die Hilfe holen. Sei es für sich selbst oder für jemand anderen.
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016, www.hilfetelefon.de
Männerhilfetelefon: 0800 1239900, www.maennerhilfetelefon.de
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Dass alles Mögliche einen ökologischen Fuß-Abdruck hinterlässt, weiß ich längst. Sneakers, Jeans, Obst von weit weg… Aber jetzt hab ich neu begriffen, dass auch alles, was ich online an Infos aus dem Netz ziehe, einen heftigen Hintergrund haben kann. Denn auch alles Digitale kostet Ressourcen – und nicht nur Strom.
Hinter jeder KI zum Beispiel können sich üble Strukturen verstecken: ausbeuterische Arbeitgeber oder Menschen, die bei ihrer Arbeit leiden. ChatGPT, gemini und DeepSeek funktionieren nur, weil sogenannte Datenarbeiter in Kenia oder auf den Philippinen Übermenschliches leisten. Sie bringen mit menschlicher Intelligenz den Computern die künstliche bei.
Rachel aus Nairobi zum Beispiel. Sie ist so eine Daten- oder Klickarbeiterin. Sie arbeitet für ein KI-Subunternehmen, ohne Vertrag und mit wahnsinnig hohen Zielvorgaben. Wenn sie ihre 100 Videos am Tag nicht schafft, gibt es Druck. Dann wird Rachel einbestellt und ihr wird mit Kündigung gedroht. Also strengt sich Rachel immer mehr an, füttert ihren Laptop täglich bis tief in die Nacht mit Daten.
Es ist verrückt: damit eine KI Texte schreiben kann, müssen Menschen endlos Texte bearbeiten. Und damit Autos autonom fahren können, müssen irgendwo Frauen und Männer Milliarden Verkehrsdaten einspeisen.
Wer sich genauer informiert, kriegt schnell raus, dass diese Klickarbeiter schuften wie Sklaven. Aber sie sind Menschen, und ich als Mensch frage: Will ich wirklich, dass Menschen wie Maschinen arbeiten müssen, damit Maschinen arbeiten wie Menschen?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42526SWR3 Gedanken
Gott ist mein Schwarzlicht. Das denke ich, weil mein weißes Shirt gerade so schön leuchtet und die Socken meiner Tochter. Ich bin beim Schwarzlicht-Minigolf und stehe zwischen knapp zwanzig bunt schimmernden Golfbahnen, um mich rum ist es ziemlich dunkel. Gerade schlägt meine Tochter unseren kleinen gelb leuchtenden Minigolfball über eine blaue Leuchtpyramide, und wir jubeln.
Die Atmosphäre in der Halle ist spacig, und wegen des ultravioletten Lichts strahlen bei den paar Leuten um uns rum die lustigsten Sachen. Bei der Frau neben mir leuchtet das Weiße im Leopardenmuster ihrer Shorts besonders schön, bei dem Typ zwei Bahnen weiter der weiße Aufdruck auf der Cap.
Schwarzlicht lässt die Details leuchten, und so stelle ich mir das bei Gott auch vor: dass er nämlich die Sachen so richtig zur Geltung bringt, bei denen ich klar bin und eindeutig. Die weißen Sachen in mir drin sozusagen. Denn ich bin überzeugt: Gott hat ein ganz besonders großes Interesse für genau diese Seiten an mir. Er stellt das in sein besonderes Licht, wo ich besonders entschieden bin. Wenn ich einfach nur dankbar bin, oder aus größter Überzeugung Nein zu was sage.
Kurz bevor wir mit unserer Minigolf-Session fertig sind bemerke ich noch ein leuchtendes Detail im Schwarzlicht. Es ist der reparierte Schneidezahn meiner Tochter. Wenn sie lacht, dann leuchtet ihr aufgesetzter Ersatzzahn besonders hell.
Auch das passt in meiner Vorstellung super zu Gott: dass er das, was irgendwie gekittet ist und mal kaputt war, ganz besonders zum Strahlen bringen kann.
Ich mag diesen Vergleich: Gott ist mein Schwarzlicht.
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Neuerdings kann man Verstorbene als Avatare weiterleben lassen. Wenn ich also genügend Fotos, Videos und Audios von meinem Vater hätte, dann könnte ich mir so eine digitale Version von ihm anschaffen. Ich könnte seinen Avatar dann was fragen und seine Stimme hören, obwohl mein Vater seit gut zwei Jahren gestorben ist. Für manche ist das in ihrer Trauer hilfreich, so ein virtuelles Bild zu haben. Für mich wäre das nichts. Denn das wäre nicht mein Vater. Es wäre nur eine Dauerschleife von ihm, quasi die Summe aller seiner Jahre, ohne frische Gedanken und überraschende Veränderungen.
Jetzt ist meine Tante gestorben, die letzte Schwester meines Vaters, die noch gelebt hat. Nach der Beerdigung hab ich mit meinem Bruder überlegt: „Meinst du mein Vater und unsre Tante reden jetzt mehr miteinander?“ „Bestimmt!“ lache ich.
Mir gefällt das, wenn ich mir mein Vater und seine Geschwister so zusammen im Himmel vorstelle. Wie sie sich treffen und sich dabei bestimmt weiter entwickeln. Ob sie es schaffen alte Konflikte beizulegen, ob sie sich endlich so richtig aneinander freuen und manches aneinander besser verstehen lernen? Ich kann mir das gut vorstellen.
Bei der Beerdigung meiner Tante hat der Pfarrer am Grab die ganze Familie gesegnet. Und das hat ganz anders geklungen als die Sache mit den Avataren. Der Pfarrer hat gebetet: „Eure liebe Paula sei in Gottes Hand geborgen. Gesegnet seid ihr, damit ihr sie ziehen lassen könnt. Denn sie lebt jetzt weiter mit Gott.“
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