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Die Geschichte von Adam und Eva kann mich immer noch überraschen. Eine neue Perspektive finde ich besonders spannend: Die des Evolutionsbiologen Carel van Schaik und des Historikers Kai Michel. In ihrem Buch „Das Tagebuch der Menschheit“ lesen sie die Bibel als Erinnerungen alter Kulturen.
Laut den Forschern zeigt sich in der Geschichte von Adam und Eva, wie die Menschen als Nomaden gelebt haben. Sie sind mit den Jahreszeiten umhergezogen und haben sich von dem ernährt, was die Natur ihnen geboten hat. Die Erde, die Bäume und ihre Früchte waren allen zugänglich.
Doch die Zahl der Menschen hat immer mehr zugenommen und so hat sich alles geändert. Die Menschen haben begonnen, Felder anzulegen und Gärten zu bewirtschaften. Und wer viel Arbeit in einen Garten steckt, will die Früchte auch für sich behalten.
Hier kommen Adam und Eva ins Spiel: Stellen wir uns Eva als eine Nomadin vor, die auf einen solchen Garten trifft. Sie sieht die Früchte und will sich stärken. Doch plötzlich wird sie mit einem neuen Gebot konfrontiert: „Von diesem Baum darfst du nicht essen.“ Für eine Nomadin muss das absurd geklungen haben. Eva kümmert sich nicht um diese seltsame Regel und pflückt die Frucht.
Die Konsequenz in der Bibel kennen wir: Adam und Eva müssen den Garten verlassen. Ein Engel vertreibt sie aus dem Paradies.
Archäologisch übersetzt lautet die erste Lektion der neuen Zeit: Es gibt Privatbesitz. Adam und Eva stehen symbolisch für den Übergang vom „Alles gehört allen“ zum „Das ist meins“.
Hier wird es theologisch interessant. Denn in der Bibel ist es nicht ein Mensch, der den Garten besitzt, sondern Gott. Die Erde ist Gottes Eigentum. Wir Menschen sind nicht die Besitzer, sondern nur die Pächter.
Wenn die Erde aber nicht unser Besitz ist, können wir sie auch nicht unter wenigen aufteilen. Gott hat den „Garten“ erschaffen, damit alle gut darin leben können.
So verstehe ich diese alte Geschichte der Bibel. Sie fordert uns heraus, darüber nachzudenken: Wer hat heute eigentlich Zugang zu den Früchten der Erde – und wer wird durch Zäune und Regeln ausgeschlossen? Mich inspirieren Adam und Eva dazu, wieder mehr wie die frühen Nomaden zu denken: Lasst uns die Erde als einen gemeinsamen Garten nutzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43733Sind die reichsten Menschen der Welt glücklich? Fühlen sie sich sicher und können ihren Reichtum genießen? Nein, sagt der amerikanische Autor Douglas Rushkoff. Er hat einige getroffen und interviewt, und er war erstaunt. Rushkoff sagt: „Merkwürdigerweise fühlen sie sich machtlos, obwohl sie zu den mächtigsten Menschen gehören, die ich je getroffen habe.“ In seinem Buch „Survival of the Richest“ beschreibt er, dass reiche Menschen nach außen hin frei wirken, denn sie reisen im Privatjet und können sich alles leisten. Doch die Sorge vor Chaos und Katastrophen treibt bei ihnen seltsame Blüten. Manche kaufen sich Inseln und errichten riesige Bunkeranlagen. Sie horten Gold und Edelsteine. Aber sind sie glücklicher? Offenbar nicht. Sie fragen sich den ganzen Tag, wem sie eigentlich vertrauen können.
Vielleicht liegt das daran, dass wir Menschen etwas anderes benötigen. Wir sind darauf angelegt, in Beziehungen zu leben. Das Fachwort dafür lautet Reziprozität – Wechselseitigkeit. Es bedeutet: Ich gebe, und ich nehme. Jeder braucht den anderen, und das macht uns zufrieden.
Die Archäologie kann das bestätigen: Unsere Vorfahren wussten genau, dass niemand allein überleben kann. Selbst der beste Jäger konnte sich verletzen und war darauf angewiesen, dass ihn andere pflegen. Ohne die Gruppe hätte niemand den nächsten harten Winter überstanden. Privatbesitz hat kaum eine Rolle gespielt; man hat geteilt, hat Beziehungen aufgebaut und einander unterstützt – nicht nur aus Nächstenliebe, sondern um zu überleben. Die Formel war simpel: Nur wenn wir zusammenhalten, leben wir gut. Das hat uns über Jahrtausende geprägt.
Diese einfache Erkenntnis vermisse ich in unserer heutigen Gesellschaft. Das Credo lautet eher: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Jeder schließt seine eigene Versicherung ab, jeder soll privat für die Rente sparen. Aber worauf verlasse ich mich dann am Ende wirklich? Die Superreichen besitzen viele Milliarden, doch vertrauen nicht einmal ihren eigenen Leibwächtern.
Wahre Sicherheit – und auch Lebensfreude – entsteht durch das Gefühl der Verbundenheit. Wenn ich weiß: Da sind Menschen, die es gut mit mir meinen, und mit denen ich es gut meine. In meinem Dorf, meiner Nachbarschaft oder in der Verwandtschaft. Wo bin ich bereit, zu helfen und Hilfe anzunehmen? Keiner lebt für sich allein – nur gemeinsam gelingt gutes Leben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43732Eine Kollegin hat mir ihr Leid geklagt. Sie sagt: „Ich liebe meinen Mann, doch die Beziehung belastet mich gerade. Auf den ersten Blick ist alles normal: Er geht zur Arbeit, räumt die Spülmaschine aus und kümmert sich um die Kinder. Doch sobald es Abend wird und er sich vor den Computer setzt, taucht er ab in eine dunkle Welt.“
Ihr Mann schaut Video um Video, gefüllt mit schlechter Laune und düsteren Prognosen. Dort erklären selbst ernannte Experten, welche Pläne die EU angeblich gegen die Bevölkerung schmiedet, wie Impfkampagnen uns krank machen sollen und so weiter. Ihr Mann ist überzeugt: „Ich weiß, was wirklich passiert. Ich lasse mich nicht hinters Licht führen. Ich durchschaue das falsche Spiel.“
Ich habe mir diese Videos auf YouTube auch schon angesehen. Das Muster ist immer ähnlich: Die ersten Minuten klingen logisch und viele Fakten stimmen. Doch dann bricht es: Plötzlich kommen die großen Verschwörungstheorien. Es wird mit Zahlen, Daten und Statistiken um sich geworfen, bis niemand mehr durchblickt. Natürlich gibt es in der Politik Dinge, die schieflaufen. Aber hier wird bewusst übertrieben, gelogen und Angst geschürt.
Der Mann meiner Kollegin läuft den ganzen Tag mit finsteren Gedanken durch die Welt. Doch er ist kein Einzelfall. Viele Menschen in unserer Gesellschaft haben das Vertrauen verloren – in die Politik, die Polizei, die Schulen, die Kirchen und andere Institutionen. Studien zeigen, dass diese Menschen enorm belastet sind. Zwar fühlen sie sich schlauer und kritischer als der „Rest“, weil sie glauben, die Wahrheit zu kennen. Aber was hilft es ihnen? Sie warten jeden Tag auf die Apokalypse.
Ich weiß nicht, was ich meiner Kollegin raten soll. Sie hofft einfach, dass ihr Mann irgendwann wieder auf andere Gedanken kommt und positiver in die Zukunft blickt.
Ich glaube, wir brauchen ein gewisses Grundvertrauen, um gut leben zu können. Wie bauen wir dieses Vertrauen als Gesellschaft wieder auf? Das ist eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit. Denn diejenigen, die uns versprechen, mit all den „Lügen“ aufzuräumen, meinen es selten gut mit uns. Sie schüren nur weiter Angst. Echte Lösungen sehen anders aus. Lösungen entstehen dann, wenn wir einander vertrauen und uns fragen: Was kann jeder von uns beitragen, damit die Zukunft ein Stückchen menschlicher wird?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43731Das katholische „Schuldbekenntnis“ geht mir im Gottesdienst nicht so leicht über die Lippen. Da heißt es: „Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken.“ In Worten zu sündigen – das kann ich mir vorstellen: lügen oder schimpfen. In Werken auch: zuschlagen oder zerstören.
Aber wie kann ich bitte „in Gedanken“ sündigen? Da habe ich mich schon als junger Mensch innerlich gewehrt. Die Gedanken sind doch frei! Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was in meinem Kopf passiert. Da darf mir keiner reinreden.
Andererseits merke ich, was passieren kann, wenn ich meine Gedanken einfach laufen lasse. Gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit. Ich ärgere mich über die Politik. Ich bin enttäuscht, wenn sich Freunde nicht melden. Und ich hadere mit mir selbst. Wenn ich so denke, sehe ich überall nur noch Probleme. Kennen Sie das auch? Diese Gedankenschleifen?
Wenn ich düster denke, färbt das auch darauf ab, wie ich rede und handle. Mal zynisch, mal schlecht gelaunt. Da hat das Schuldbekenntnis schon recht: Alles fängt im Kopf an.
Was kann ich tun, um nicht in diese Falle zu tappen? Vor rund 500 Jahren hatte dazu jemand eine Idee: Ignatius von Loyola, ein spanischer Adeliger. Nach ein paar Jahren als Ritter hat er sich ganz dem Glauben und der Spiritualität verschrieben.
Ignatius schlägt vor, jeden Abend auf den Tag zurückzublicken. Dabei geht es ihm um einen liebevollen Blick auf sich selbst: Ich schaue aufmerksam und liebevoll auf das, was heute war. Ich kann den Tag - Stunde für Stunde - an mir vorbeiziehen lassen. Ohne zu beurteilen, sondern einfach wahrnehmen. Er nennt es: das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit.
Heute Abend will ich mir dafür eine Viertelstunde Zeit nehmen. Handy weglegen, vielleicht eine Tasse Tee kochen. Ich atme durch und bringe alles vor Gott. Das war mein Tag. Da dürfen alle schwierigen Momente vorkommen. Doch fast immer werde ich auch schöne Momente entdecken. Und ich stelle mir die Frage: Wofür bin ich dankbar?
Das kann helfen, nach und nach einen neuen Blick auf das eigene Leben zu gewinnen. Wäre doch schade, wenn mir viel Gutes begegnet, doch abends erinnere ich mich nur noch an die Probleme. Da hilft es, den Tag in Ruhe und mit Dankbarkeit anzuschauen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43730Schon immer wollte ich einmal die Pyramiden von Gizeh in Ägypten sehen. Dieses gigantische sagenumwobene Weltwunder der Antike. In diesem Jahr hat sich der Wunsch endlich erfüllt. Bereits vorher hatte ich gehört, wie groß das Gelände um die Pyramiden herum sein soll und man sich besser einen Guide bucht, um weniger verloren herumzuirren. Schwer vorstellbar, dass ich mich zwischen diesen riesigen Baudenkmälern hätte verlaufen können, aber der Tipp hat sich als sehr berechtigt herausgestellt.
In einem Café hat uns der Guide zuerst alles Mögliche über die Pyramiden erzählt: zur Geschichte, zu den verwendeten Steinen und natürlich auch zu der immer noch ungeklärten Frage, wie die Pyramiden eigentlich gebaut wurden. Trotz fundierter Theorien fehlt bis heute eine eindeutige Erklärung. Na klar: es heißt ja auch Welt-Wunder. Dieses Geheimnis um die Pyramiden fasziniert mich, es macht mich aber auch unruhig: ich möchte das Geheimnis lieber gelüftet wissen.
Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass es Aliens waren, die das Werk vollbracht haben. Aber das überzeugt mich nicht. Schon eher kann ich Überlegungen zu ausgetüftelten Rampensystemen nachvollziehen. Am Ende seiner Ausführungen zu den Erklärungsmöglichkeiten sagt der Guide dann noch folgenden Satz: „Ihr Christen glaubt: Gott versetzt Berge, wir glauben: Gott baut Pyramiden“. Ich musste lachen. Was für ein verrückter Gedanke. Der hat zwar ein bisschen einstudiert gewirkt – so, wie das bei diesen Führungen mit den Lachern eben manchmal ist. Aber vielleicht ist ja was dran.
Der Gedanke „Gott versetzt Berge“ steht tatsächlich in der Bibel und stammt von Jesus. Genauer gesagt, heißt es dort: Der Glaube kann Berge versetzen. Jesus meint damit: Trau dem Glauben etwas zu. Vertrau auf Gott, auch wenn Berge dir in deinem Leben die Sicht verstellen. Hör nicht auf, mit dem Undenkbaren zu rechnen, nur, weil es unwahrscheinlich ist. So habe ich auch den ägyptischen Guide verstanden. Er hat Gott viel zugetraut. Mit Augenzwinkern.
Seit meiner Reise grüble ich darüber nach, wie es um mein Zutrauen steht. Statt zu staunen über das Geheimnis der Pyramiden und die Möglichkeit von Gottes Eingreifen, wollte ich eine eindeutige Erklärung. Ich könnte mir immer weiter den Kopf darüber zerbrechen. Gerne will ich aber wieder lernen, mich über die Geheimnisse auf dieser Erde zu freuen. Die Pyramiden halten ein Fenster des Staunens offen: in dem ich mit Wundern rechne, mit Unglaublichem und mit Gott. In meinem Leben und überall auf dieser Welt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43749Rilke, wohin man sieht. Gerade erst haben im letzten Jahr zahlreiche Seminare an Universitäten, Gesellschaften und Zeitungen das Jubiläum zum 150. Geburtstag des großen Dichters gefeiert. 2026 schließt sich nahtlos das Gedenkjahr zu Rilkes 100. Todesjahr an.
Ich weiß noch, wie wir in der Schule so manches Gedicht von ihm gelernt haben. Wir mussten dann das Versmaß untersuchen und die richtigen Betonungen unterstreichen. Zu Rilke selbst habe ich mir damals gemerkt: er stammte aus Böhmen und war Katholik. Und mittlerweile weiß ich, wie zentral der christliche Glaube für ihn gewesen ist. Rilke hat mit dem Christentum gerungen. Vor allem die Person Jesus Christus als Sohn Gottes war für ihn gedanklich schwer zu anzunehmen.
Zeit seines Lebens ist Rilke dennoch in der Auseinandersetzung mit den Texten des Alten und Neuen Testaments geblieben. Er hat über den Glauben nachgedacht, über Gott. Und Rilke hat von Gott gesprochen. Das spiegelt sich in seinen Gedichten wider. Rilke hat für viele Anlässe gedichtet: Feste, Jahreszeiten, Gedanken zum Leben und seinem Ende. Auch zum neuen Jahr hat er Zeilen aufgeschrieben. Das Gedicht beginnt so:
„Wir wollen glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist“.
Das gefällt mir. Vor allem ein Wort macht mich nachdenklich: „gegeben“. Für die Geschichte des Christentums ist das ein wichtiger Gedanke. Schon immer haben sich Menschen damit auseinandergesetzt, in welchem Verhältnis unser Handeln zum Handeln Gottes steht. Das Wort „gegeben“ betont die Passivität des Menschen dabei. Ein schwer zu vermittelnder Gedanke in unserer Zeit, in der die Selbstverantwortlichkeit und Selbstbestimmung des Menschen für sein Leben oft an erster Stelle stehen.
In einem Brief hat Rilke auf die Frage, ob er an Gott glaube, einmal entschieden geantwortet: mit menschlichem Bemühen sei das überhaupt nicht möglich. Stattdessen müsse man damit rechnen, dass Gott sich in „unbeschreiblicher Hinreißung“[1] eröffnet. Als Evangelische hört sich das für mich vertraut an: Der Glaube ist mir geschenkt, er ist „gegeben“. Davon bin ich überzeugt. Das schließt mein Ringen mit dem Glauben und mit Gott ein. Auch der Zweifel ist gegeben. Ich versuche, im Gespräch mit Gott zu bleiben. Zu beten. Auch wütend und kritisch.
Dabei sind mir Rilkes nachdenkliche Gedichte eine Stütze. Manches jedenfalls liest sich wie ein Gebet. Auch das zum neuen Jahr:
„Wir wollen glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist“.
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[1] Zitat: Aus einem Brief Rilkes an Anita Forrer, 22.-24. März 1920. Nachzulesen in: Rainer Maria Rilke – Anita Forrer, Briefwechsel, hrsg. v. Magda Kerény, Frankfurt am Main 1982.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43748Und schon geht der Januar wieder seinem Ende entgegen. Dabei kommt es mir wie gestern vor, dass ich noch mit tausenden anderen Menschen im Fußballstadion in Mannheim Weihnachtslieder gesungen habe. Das war Mitte Dezember. Ich habe es da deutlich gespürt: Weihnachten rückt näher. Aber einmal geblinzelt und dann ist es auch schon wieder vorbei: das Warten, die Feststimmung, die Lieder.
Ich könnte es jetzt aber auch nicht mehr. Heute nochmal „Stille Nacht“ singen? Es käme mir seltsam vor. Dabei sind wir offiziell noch mittendrin: Weihnachten ist noch nicht vorbei. Zumindest gilt das für den kirchlichen Kalender. Dort dauert Weihnachten ganze 40 Tage lang. Heute ist also gewissermaßen der 29. Weihnachtsfeiertag. Der Hintergrund für diese Zeitrechnung steht im Lukasevangelium. Nach dem berühmten Bericht über Jesu Geburt wird in der Erzählung ein jüdisches Gesetz aufgegriffen. Es besagt: Eine Frau soll sich 40 Tage nach der Geburt eines Sohnes im Tempel rituell reinigen. In unserem Kalender fällt dieser Reinigungstag auf den 02. Februar. Manche sprechen auch von Mariä Lichtmess oder dem Tag der Darstellung des Herrn. Er beschließt den Weihnachtsfestkreis. Bis dahin ist noch ein bisschen Zeit.
Was zwischen der Beschneidung Jesu und dem Reinigungstag passiert, erfahren wir im Lukasevangelium nicht. Ich stelle mir vor, wie sich Maria und Josef auf die neue Situation als Eltern einstellen. Vermutlich erleben sie von Tag zu Tag viele „erste Male“. Der erste bewusste Blickkontakt mit ihrem Baby, der erste Spaziergang, die erste Angst um das eigene Kind.
Die Frage nach dem „zum-ersten-Mal“ passt gut zum Jahresbeginn. Welche „ersten Male“ habe ich 2026 bereits erlebt oder vielleicht überlebt? Das erste Erfolgserlebnis, der erste Streit des Jahres, der erste Januar ohne einen geliebten Menschen.
Vielleicht ist es diese Vergegenwärtigung des Anfänglichen, was von Weihnachten bleibt. Jesu Geburt markiert für Viele einen grundlegenden Beginn. Auch für mich. Darin finde ich all die kleinen und großen Anfänge aus meinem Leben wieder. Die, vor denen ich mich fürchte und die, die ich herbeisehne. Beides wird auch dieses Jahr mit sich bringen. Ich möchte es weiterhin versuchen: anfänglich zu leben. Neues auszuprobieren. Mich überraschen zu lassen. Herausforderungen annehmen … Und wer weiß: vielleicht gelingt in diesem Jahr zum allerersten Mal etwas, was bisher unmöglich schien. Das Jahr ist ja noch jung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43747„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Diesen Satz habe ich einmal bei einem Vortrag gehört. Er hat sich mir eingeprägt und beschäftigt mich immer noch. Erst einmal klingt das nämlich ziemlich verrückt. Kein Mensch kann doch im Nachhinein etwas an seiner Kindheit ändern! Ihr ein nachträgliches Glück verpassen, das es in Wirklichkeit kaum gegeben hat. Wie soll das möglich sein?
„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Der Satz stammt ursprünglich von dem amerikanischen Psychiater und Psychotherapeuten Milton H. Erickson. Erickson war ein herausragender Arzt, der wichtige Impulse für die Psychotherapie entwickelt hat. Interessanterweise hat er selbst von außen betrachtet keine wunderbare Kindheit erlebt. Er hat als Kind unter Legasthenie gelitten und wurde deshalb verspottet. Eine Zeitlang dachten seine Eltern, dass er geistig zurückgeblieben sei. Später, als Jugendlicher, erkrankte er an Kinderlähmung und war lange bewegungsunfähig an Bett und Rollstuhl gefesselt. Ausgerechnet dieser Mann sagt: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben!“
Ich finde, dass gerade die Herausforderungen, denen Erickson ausgesetzt war, seinen Satz glaubwürdig machen. Hier spricht jemand, der weiß, wovon er redet. Ich glaube: Erickson möchte, dass Menschen wissen, dass sie ihrer Lebensgeschichte nicht hilflos ausgeliefert sind. Es gibt die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln. Aus einem unglücklichen Jungen mit Schulschwierigkeiten und einer schweren Behinderung ist so ein bedeutender Wissenschaftler geworden. Erickson hat für sich entdeckt: Es gibt mehr als die abwertenden Urteile anderer Menschen. Ich bin in der Lage, mein Leben und mich wertzuschätzen! Jedes Leben ist kostbar!
Ich weiß nicht, ob es mir gelungen wäre, aus eigener Kraft diese freundliche Sicht auf mein Leben zu entwickeln, dem eigenen Unglück zum Trotz. Milton H. Erickson hat gewusst, dass nicht jeder aus eigener Kraft die Perspektive wechseln kann. So hat er als Therapeut anderen geholfen. Als Christin freue ich mich darüber hinaus über göttliche Sehhilfe beim Perspektivwechsel. Ich glaube daran, dass Gott auch im größten Chaos meines Lebens etwas entdeckt, was es wert ist, glücklich genannt zu werden. Sein liebevoller Blick hilft, eine freundliche Perspektive auf das eigene Leben zu entdecken. Gott sagt: Komm, es ist nie zu spät. Schau hin. Du hast Glück! Du darfst nämlich: leben!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43711Mein Nachbar findet, dass „die jungen Leute“ heute zu sehr an sich denken. Das missfällt ihm. Ich kann seine Einschätzung nicht teilen. Die jungen Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe, wirken auf mich sehr engagiert. Manche haben sogar erfolgreiche Berufstätigkeiten aufgegeben, um stattdessen Theologie zu studieren. Das Pfarramt erscheint ihnen sinnstiftender als eine Tätigkeit, die sich vor allem finanziell auszahlt. Ich kann das nur bestätigen: Es trägt viel zur eigenen Sinnerfahrung bei, wenn ich etwas für das Ganze beitragen kann, von dem jeder Mensch schließlich selbst ein Teil ist.
Auch außerhalb der Kirche engagieren sich viele Menschen für unsere Gesellschaft.
Zum Beispiel bei der Feuerwehr. Es freut mich, dass die Freiwilligen und Berufsfeuerwehren gerade bundesweit einen Mitgliederboom verzeichnen. Die bedrohliche gegenwärtige Lage bewegt viele junge Menschen offenbar gerade nicht zu einem Rückzug in die private Komfortzone. Die jungen Leute sagen sich: Wir wollen etwas tun. Wir sind nicht hilflos den Verhältnissen ausgeliefert, wir können mitgestalten, jede und jeder vor Ort.
Ich habe Einblick in und Respekt vor dieser gemeinnützigen Aufgabe, denn ich bin mehr als zwanzig Jahre lang die ehrenamtliche Feuerwehrpfarrerin von Mainz gewesen. Ganz im Gegensatz zur Einschätzung meines Nachbarn sind mehrere hunderttausend junge Menschen in den Kinder- und Jugendfeuerwehren überall in Deutschland aktiv und lernen, wie sie im Notfall das Hab und Gut von Menschen und deren Leib und Leben retten können. Ich weiß sehr gut, dass das eine anstrengende und anspruchsvolle Ausbildung erfordert und man im Einsatz viel riskiert – manchmal das eigene Leben. Dennoch sagen diese jungen Leute: ich bin dabei!
Diese Menschen machen die wohltuende Erfahrung: Wer etwas für andere Menschen leistet, belohnt sich selbst mit Sinnerfahrung. Nicht zuletzt erfahren sie Gemeinschaft und erleben, wie gut es tut, wenn man sich gegenseitig unterstützen kann. Auch wenn die Aufgabe anstrengend ist und man sich manchmal aufraffen muss, nach der Schule oder der Arbeit noch mit den anderen zu üben.
Als Christin erlebe ich es so: Wenn ich entdecke, dass Gott sich mit meiner Geburt etwas für diese Welt gedacht hat, dann kann mich das sehr glücklich machen. Sehr viel glücklicher, als nur um den eigenen Bauchnabel zu kreisen. Ich glaube, dass sich Gott bei jedem Menschen etwas gedacht hat. Und ich glaube, dass es dieser Welt guttut, wenn möglichst viele Menschen herausfinden, was genau ihr eigener Auftrag für die Welt sein könnte.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43710„Kennen Sie das: einen Lebens-Wunsch?“, das frage ich gerade alle möglichen Menschen, die mir über den Weg laufen. Ich habe die These gehört, dass es auf dem Weg zu einem erfüllten Leben wichtig sei, eigene Wünsche zu kennen. Ich bin neugierig, was die Leute antworten. Und neugierig darauf, ob mich das auf die Spur meiner persönlichen Antwort auf meine Frage bringen könnte.
Eine Frau, die ich frage, wirkt verblüfft. „Ein Lebens-Wunsch? Danach hat mich noch nie jemand gefragt!“ Sie überlegt konzentriert und antwortet mit viel Überzeugung in der Stimme: „Ich bin zufrieden mit allem, was ich jetzt bin und habe.“ Sie denkt noch einmal nach und ergänzt: „Tatsächlich, ich würde nichts anders machen. Was soll ich mit einem größeren Auto? Das fährt auch nur auf vier Rädern. Und ein Pool im Garten? Der macht nur Arbeit. Also: Mir geht’s gut! Ich bin zufrieden!“ Sie wirkt richtig glücklich.
Ich überlege, ob ihre Antwort auch meine Antwort sein könnte. Ich habe mir tatsächlich noch nie ein Haus mit Pool gewünscht und denke gerade eher darüber nach, wann ich mich von meinem Auto trennen kann. Und wie sieht es mit meinen großen Lebens-Wünschen aus? Und was ist mit den Wünschen, die sich nicht erfüllt haben? Ich wollte ans Theater, auf ganz großen Bühnen stehen. Doch letztlich hat mich die Frage nach Gott nicht losgelassen und ich habe mein Theologiestudium fortgesetzt. Die Sache mit dem Theater hat nicht funktioniert. Heute habe ich ein Abo und sitze gemütlich im Parkett, statt auf der Bühne aufzutreten. Und privat? Meine erste große Liebe hat mich für meine damalige beste Freundin verlassen. Das tat ziemlich weh. Und heute? Ja, ich bin zufrieden mit allem, was ich jetzt bin und habe. Trotz aller Rückschläge, die es in meinem Leben – wie in jedem Leben – auch gegeben hat.
Ich stelle im Rückblick fest: Es gibt so viel, für das ich dankbar bin. Beim Stöbern nach Lebensträumen entdecke ich neben geplatzten Seifenblasen vor allem, wie viel mir im Leben geschenkt worden ist. Und auch die Antworten anderer Menschen sind so inspirierend! Es ist etwas dran an der These, dass die Frage nach dem Lebenswunsch zu einem erfüllten Leben beitragen kann. Wie wunderbar, dass sich in einem Menschenleben so viele Träume erfüllen! Der Schlüssel ist die Dankbarkeit! Die Dankbarkeit für das eigene, kostbare Leben. Dieses Leben an sich ist alles andere als selbstverständlich. Es ist selbst – ein Traum!
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