Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

12JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eine Konferenz in Berlin. Neben dem Tagungsprogramm hab ich mir viel vorgenommen, will jede freie Minute optimal ausnutzen. Wenn man schon mal in der Bundeshauptstadt ist! Aber die Schlange vor dem Museum ist ewig lang, und ehrlich gesagt, bin ich doch auch ziemlich müde. Also gebe ich mein ehrgeiziges Kulturprogramm auf und lasse mich einfach so durch die Straßen treiben. Und finde mich plötzlich im Grünen wieder.

Ich bin überrascht: Da wächst ein Roggenfeld mitten in der Stadt. Ein Straßenschild hilft mir: „Bernauer Straße.“ Ja, hier stand früher die Mauer, hier verlief der Todesstreifen, der mit Gewalt den Lebenszyklus einer Millionenstadt abwürgen sollte. Die aufsteigenden Bilder schnüren mir die Kehle zu. Mitten im sommerlichen Roggenfeld steht die Kapelle der Versöhnung. Ein schlichter Stampflehmbau aus Holz und Lehm, zu zwei Dritteln aus Bruchstücken der Vorgängerkirche gebaut, die 1985 gesprengt worden ist.

Spontan folge ich dem Impuls, die raue Wand zu berühren. Die Verletzungen zu spüren, die diesem Material eingeschrieben sind. Und ihnen gleichzeitig die Hand aufzulegen wie eine alte Heilerin. Später erzählt mir der Pfarrer, der hier arbeitet, dass viele Besucherinnen das tun. Berühren, um berührt zu werden. Anfassen, was sonst nur schwer zu begreifen ist. Jeden Mittag wird hier in vielen Sprachen das Vaterunser gebetet. Seit zwei Jahren auch auf Russisch und Ukrainisch. Jeden Tag.

Ich setze mich auf einen Stuhl und lasse den kargen Raum auf mich wirken. Die Kantorin erzählt stolz von der kleinen Orgel auf der Empore: Vier Register rufen mit je landestypischen Klangfarben die ehemaligen Besatzungsmächte in Erinnerung: Frankreich, Großbritannien, die USA und Russland. Was für ein kraftvoller Ort! Aus dem Roggen draußen wird tatsächlich Brot gebacken. Und Saatgut in 13 Länder verschickt, die einmal hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Hinter der Kapelle liegt immer noch ein Stück NiemandsLand. Aber es ist kein Todesstreifen mehr, sondern ein Garten mitten in der Stadt. Er gehört niemandem, ist für alle da. Wer will, kann hier Gemüse anbauen. Oder Rosen züchten. Die verletzte Seele baumeln lassen. Und spüren, wie ein großes Wort vorsichtig Wirklichkeit wird: So ist Versöhnung. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40280
weiterlesen...
11JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Sie trägt einen roten Mantel und roten Lippenstift. Das Bundesverdienstkreuz erster Klasse und der Verdienstorden des Landes Berlin sitzen ihr wie kleine Schmetterlinge auf dem umgelegten Mantelkragen. Sie ist eine zierliche Frau mit silbergrauem Haar. Ihr Alter versteckt sie nicht. Sie ist 102 Jahre alt. Das stärkste Leuchten geht von ihrem Gesicht aus.

Margot Friedländer ist gerade auf dem Titelbild der deutschen Vogue abgebildet. Mit diesem fantastischen Foto ist für sie ein 90 Jahre alter Traum in Erfüllung gegangen. Denn schon mit 15 wollte sie Schneiderin und Modedesignerin werden. Mode- und Reklamezeichnen hat sie dafür gelernt. Und an den Wochenenden im Café Wien am Berliner Kurfürstendamm gesessen und die elegant gekleideten Frauen bewundert. Das war 1936. Sie sagt: „Ich hatte große Pläne. Ich wollte selbst Kleider entwerfen.“

Doch dann kam alles ganz anders. Die Nationalsozialisten setzen immer mehr Repressalien gegen ihre jüdischen Mitbürgerinnen durch. Margot ist Jüdin. Zerstört werden nicht nur ihre Träume, sondern die ganze Existenz. Mutter und Bruder ermordet. Sie selbst im KZ Theresienstadt inhaftiert. In diesem Lager, das auf Vernichtung ausgerichtet ist, lernt sie einen Mithäftling kennen und lieben. Gleich nach der geglückten Befreiung wandern die beiden in die USA aus. Als ihr Mann dort nach 64 Jahren Zweisamkeit stirbt, will sie, damals 88 Jahre alt, unbedingt nach Deutschland zurück. Und lebt jetzt schon seit 14 Jahren wieder in ihrer Heimatstadt Berlin. In dieser Zeit hat sie über tausend Besuche in Schulen gemacht. Erzählt von ihren Erfahrungen in Nazideutschland und von den Gefahren des gegenwärtigen Antisemitismus. Ihre Botschaft ist so schlicht wie ergreifend: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen. Seid vernünftig.“

So spricht eine Frau, der alles genommen wurde, ohne jede Verbitterung. Ihr Blick auf die Welt ist versöhnlich, voller Weisheit und Wärme. In jedem Wort, das sie sagt, steckt positive Energie.  „Sagt Eure Meinung! Seid wachsam! Seid Menschen!"  Ich wünsche ihr, dass sie noch lange leuchten darf. Rot. Wie die Liebe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40279
weiterlesen...
10JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Gaia – so heißt eine spektakuläre Kunstinstallation des britischen Künstlers Luke Jerram. Es ist eine sieben Meter große, detailgetreue Abbildung unseres Planeten. Eine Kugel, die über den Betrachtern schwebt. Gefertigt nach Weltraumfotos der NASA. Benannt nach der griechischen Göttin Gaia.

Gaia verkörpert in der antiken Mythologie die Erde als Ganze. Sie steht für die Grundlage, den Mutterboden von allem, was lebt.

Wer die Kunstinstallation anschaut, so der Künstler, erlebt einen ähnlichen Effekt wie die Raumfahrer, als sie zum ersten Mal die Erde aus dem Weltall gesehen haben. Das, was man später als den „Overview-Effekt“ bezeichnet hat: ein Gefühl der Ehrfurcht und Ergriffenheit vor der unendlichen Weite des Alls, in dem die Erde nur ein kleiner blauer Punkt ist.

Und plötzlich wird klar, wie fein alles Leben aufeinander abgestimmt und miteinander verbunden ist. Wie schön, aber auch wie verletzlich der Planet Erde ist.

„Von da oben“, so hat es einer der Astronauten gesagt, „siehst du nur die natürlichen Grenzen, nicht die von den Menschen geschaffenen. Dies war eine der tiefsten, emotionalsten Erfahrungen, die ich jemals hatte.“

Ich denke, dieser Blick aus der Ferne, den die Kunstinstallation vermittelt, hilft auch zu sehen, wie destruktiv oft menschliches Verhalten in der Nähe ist. Ich denke an die Friedlosigkeit auf unserem Planeten. Die zahllosen Konflikte, Rivalitäten und Machtkämpfe.

Dabei könnte die Erkenntnis doch die sein: Wir sind Teil eines großen Ganzen. Von Mutter Erde, oder, wie Christen sagen würden, Teil der Schöpfung Gottes. Der Blick in die Tiefen des Universums zeigt, wie kostbar und zerbrechlich unsere Insel des Lebens im unendlichen Kosmos ist.

So dass ein neues Verantwortungsgefühl befördert wird: den zerbrechlichen und kostbaren Planeten zu hüten für künftige Generationen. Und bewohnbar zu erhalten.

Übrigens: die Ausstellung „Gaia“, die bereits durch viele Städte in Amerika, China und Europa getourt ist, wird vom 13. September bis 6. Oktober in der Karlsruher Stadtkirche zu sehen sein. Vielleicht haben Sie ja die Möglichkeit, sie dort anzuschauen.

 

Ausstellungshinweis unter: www.gaia-in-karlsruhe.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40234
weiterlesen...
09JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich war vielleicht zehn Jahre alt, als mir mein Vater einen Leuchtglobus geschenkt hat. Groß wie ein Fußball. Mittels der eingebauten Glühbirne konnte man Erdteile und Ozeane zum Leuchten bringen. Was für ein wunderbares Geschenk!

Plötzlich war die Erde nicht mehr flach wie auf den Seiten meines Diercke Schulatlas. Jetzt konnte ich sehen, dass der Planet ein großes rundes Ganzes ist.

Und das war ja nur ein winziger Vorgeschmack auf das, was Jahre später kommen sollte. Als die ersten Astronauten die Erde auf einer Umlaufbahn umkreisten. Und fantastische Fotos vom blauen Planeten zurück zur Erde schickten.  

Einer der ersten Astronauten, Ron Garan, berichtet damals davon. „Wenn wir auf die Erde aus dem Weltraum herabschauen“, sagt er, „sehen wir diesen erstaunlichen, unbeschreibbar schönen Planeten – der wie ein lebender, atmender Organismus aussieht. Aber gleichzeitig sieht er sehr verletzlich aus.“      

Menschen haben plötzlich eine Anschauung davon gewonnen, wie unendlich weit und schön der Kosmos ist. Und wie verbunden das eigene Leben mit dem Leben im Universum.

Aber man muss sich nicht auf eine Umlaufbahn schießen lassen, um die Schönheit der Schöpfung zu erkennen. Wache Augen genügen. Wie sie der lateinamerikanische Dichter Ernesto Cardenal hat, wenn er schreibt: „Die ganze Schöpfung ist die Schönschrift Gottes und in seiner Schrift gibt es nicht ein sinnloses Zeichen. Der Schriftzug der Meteore am Himmel, der Flug der Zugvögel in den Herbstnächten, die Jahresringe im Stamm einer Zeder, alles sind Zeichen, die uns Botschaften übermitteln. Wir müssen nur verstehen, sie zu lesen.“

Mir geht es so, dass ich dazu morgens nur das Fenster aufmachen muss. Die Schwärze der Nacht ist verflogen. Ich lasse die kühle Morgenluft ins Zimmer, freue mich am Zwitschern der Vögel und genieße das Glück eines jungen Morgens.

Und begreife: Ich lebe auf dem blauen Planeten, auf dem alles miteinander verbunden ist. Zerbrechlich und verletzlich ist er. Wie ich selber auch. Darum will ich ihm begegnen, wie man Verletzlichem und Zerbrechlichem begegnet. Behutsam und mit Empathie.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40233
weiterlesen...
08JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eins meiner Lieblingsbücher, die ich als Kind gelesen habe, waren die „Schönsten Sagen des Klassischen Altertums“ von Gustav Schwab. Besonders begeistert hat mich die Geschichte des Titanen Prometheus. Er war einer, der den Menschen besonders zugetan war.

Prometheus schenkt nämlich den Menschen das Feuer. Damit – so der Mythos – hat er die menschliche Zivilisation begründet.

Inzwischen müsste er diese Tat allerdings bitter bereuen. Meint der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem jüngsten Buch „Die Reue des Prometheus“. Denn das Geschenk des Feuers habe sich als höchst ambivalent erwiesen.

Was zur Kultivierung der Welt hätte dienen sollen, habe der moderne Mensch zum exzessiven Abfackeln der unterirdischen Wälder eingesetzt. So seien die Menschen der Neuzeit zu Brandstiftern geworden: „Über ihren Feuerstellen“, so Sloterdijk, „ihren Motoren, ihren Hochöfen, ihren Kraftwerken, ihren Schlachtfeldern sammeln sich Rauchwolken, die alles andere als Gutes bedeuten“.

Mir wird bewusst, wie anders das biblische Konzept in der ökologischen Krise der Gegenwart lautet. Es steht gleich am Anfang der Bibel in der Schöpfungsgeschichte. Da übergibt Gott den Menschen den Garten der Schöpfung mit einem doppelten Auftrag. Nämlich: die gute Schöpfung – wie es wörtlich heißt – „zu bebauen und zu bewahren.“

Darin steckt beides: weiterzuentwickeln, was uns gegeben ist. Und die nicht erneuerbaren Schätze der Natur, wo immer möglich, zu schonen. Wenn ich versuche, das in konkretes Verhalten zu übersetzen, dann vielleicht so:

Ich lasse das Auto öfter mal stehen und gehe zu Fuß. Ich entdecke die Faszination der Nähe, statt das Reisen in die Ferne. Zum Einkaufen nehme ich ein Netz oder eine Tasche mit, statt Plastiktüten zu benutzen. Und wie wäre es beispielsweise, im Sommer, statt Wäschetrockner den Charme der Wäscheleine wiederzuentdecken?

Schließlich können nicht nur Menschen ihr Burn-out erleben. Auch die Schöpfung im Ganzen kann irgendwann ausgebrannt sein.

Die Figur des Prometheus erinnert mich daran. Und mehr noch der biblische Auftrag, die Schöpfung nicht nur zu bebauen. Sondern auch zu bewahren!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40232
weiterlesen...
06JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor ein paar Tagen war bei uns der Strom weg. Im ganzen Ort. In machen Straßen gab es erst nach 24 Stunden wieder Licht und warmes Wasser. Supermarkt zu, Tankstelle außer Betrieb, Kühlschränke stehen still und das Licht bleibt aus. Ich muss zugeben, da musste ich mich erst mal orientieren. Gerade als am Abend immer noch kein Strom da war. Wo sind die Kerzen und Streichhölzer? Wie gehen wir mit den Sachen aus der Kühltruhe um? Wo kann ich das Fußballspiel doch noch sehen? Auf einen so langen Stromausfall war ich überhaupt nicht vorbereitet.

Für mich war das Ganze aber eher ein Abenteuer. Alles halb so wild. Zumal dann auch der Strom wieder kam. Für manche war das anders. Für Kranke, die auf Sauerstoff angewiesen sind und dafür eine Maschine brauchen. Im Supermarkt: Da haben sie die komplette Ware aus Gefriertruhen und Kühltheken entsorgt. Ein riesiger Schaden.

Mir ist wieder klar geworden, wie selbstverständlich ich viele Dinge in meinem Leben und um mich herum nehme. So selbstverständlich, dass ich gar nicht darüber nachdenke. Sie sind einfach da – wie der Strom oder das Wasser, das aus dem Hahn fließt. Und dann denke ich, dass ich zu oft vieles für zu selbstverständlich nehme. Beziehungen, Sonnenaufgänge, Freundschaften, Musik, ein frischer Windzug im Sommer. Ich muss nur die Augen aufmachen.

Vielleicht ist es sogar dieses scheinbar Selbstverständliche, das das Leben erst reich und rund macht. Vieles davon fällt mir einfach zu. Der laue Sommerabend. Die singenden Vögel am Morgen. Um anderes aber kann ich mich kümmern, kann Freunde anrufen, ein Treffen ausmachen, mal genau hinhören auf das tolle Lied im Radio. Kann sehen, wie viele Menschen das Land am Laufen halten und dadurch mein Leben möglich machen. Mich macht das dankbar. So dankbar, wie ich war, als der Strom dann wieder kam.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40223
weiterlesen...
05JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Einen Augenblick nicht aufgepasst und schon ist es passiert. Der Lenker schlägt um und ich stürze vom Fahrrad. Zum Glück geht alles glimpflich aus. Ein paar Abschürfungen und blaue Flecken. Geht wieder vorbei. Aber ich hab mal wieder eine Lektion in Sachen Schwerkraft gelernt. Die in vielen Situationen mein Leben beeinflusst. Wenn ich in den Bergen wandern gehe. Auf einem schmalen Grat in den Abgrund sehe. Oder wenn mir das Glas Wasser aus den Händen fällt und klirrend zerbricht. Schwerkraft ist überall.

Der britische Physiker Issac Newton hat die Schwerkraft, die Gravitationskraft, umfassend naturwissenschaftlich beschrieben und berechnet. Schwerkraft ist nach Newton die Anziehungskraft zwischen zwei Massen. Newton formuliert das ausführlich in seinem grundlegenden Werk Principia. Das erschien genau heute vor über 300 Jahren, am 5. Juli 1687. Hier gelingt es Newton, die Schwerkraft auf der Erde zu erklären. Und er kann auch erklären, wie die Bahn der Planeten um die Sonne zu Stande kommt. Oder wieso es Ebbe und Flut gibt. Durch die Kräfte, die zwischen Erde und Mond wirken.

Schwerkraft ist noch mehr. Sie ist auch der Grund, warum Menschen auf der Erde überhaupt leben können.

Schwerkraft ist allerdings wegen ihrer universalen Bedeutung auch ein grandioses Bild für menschliches Leben. Schon morgens zeigt sich das. Aufstehen fällt manchmal schwer. In die Gänge kommen. Die Müdigkeit abschütteln. Aber auch das Gewicht von Verantwortung kann einen richtig belasten. Sorgen tragen für Kinder oder Enkel, im Beruf bestimmte Pflichten erfüllen, all das kann einen bedrücken. So kann die Schwerkraft auch als Metapher für Hindernisse und Herausforderungen verstanden werden. Die muss ich überwinden, wenn ich meine Ziele erreichen will.

Schwerkraft ist damit beides: Sie schafft Lebensgrundlagen und hält die Welt und das Universum zusammen. Und sie fordert Tag für Tag heraus. Widerstände zu überwinden, sich zu entwickeln, das Gewicht des Lebens zu stemmen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40222
weiterlesen...
04JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Feiern, Fanfaren, Paraden. Heute gibt’s in den USA das volle Programm. Independence Day, Unabhängigkeitstag. Wie jedes Jahr am 4. Juli seit 1776. An diesem Tag gründeten sich die Vereinigten Staaten von Amerika. Grundlage dafür ist die Verfassung. Sie bündelt vor allem zwei zentrale politische Ideen: Alle Menschen sind gleich und unabhängig erschaffen und alle besitzen unveräußerliche Rechte. Klingt heute vertraut, ist aber im 18. Jahrhundert ein spektakuläres Programm.

Bitter ist daran, dass Unabhängigkeit und Gleichheit für alle dann doch nur auf dem Papier gelten. Frauen werden weiter zurückgesetzt. Indigene bleiben rechtlos. Die Rassentrennung gilt noch bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Die Idee von Freiheit und Gleichheit ist viel, viel älter als die US-Verfassung. Sie gehört untrennbar zum jüdischen und christlichen Glauben. So erzählt die Bibel: Die ersten Israeliten leben in der Sklaverei. In Ägypten müssen sie Zwangsarbeit leisten. Da tritt Mose auf. Fordert vom Pharao die Freilassung seines Volkes. Als der sich weigert, ergreifen die Israeliten die Initiative. Sie revoltieren gegen ihre Unterdrücker. Brechen aus. Unterstützt werden sie von Gott. Die Bibel beschreibt so Gott als Garanten der Freiheit. Gott und Freiheit: zwei Seiten einer Medaille.

Die US-amerikanische Verfassung wie der jüdisch-christliche Glaube setzen auf Freiheit und Gleichheit. Doch die Geschichte der USA wie die des Christentums zeigen auch: Freiheit erklären und Menschen zu befreien ist das eine. Aber Freiheit muss immer wieder neu erkämpft werden. Gerade von und für die, die unterdrückt und diskriminiert werden. So müssen bis heute Menschen in Gesellschaft und Kirchen für ihre Freiheit kämpfen. Vor allem Menschen, die nicht ins Schema passen: Wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihres Handicaps, ihrer politischen Überzeugungen. Der Unabhängigkeitstag heute erinnert daran, dass Freiheit nicht nur erklärt, sondern auch gelebt werden muss.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40221
weiterlesen...
03JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Viele Menschen glauben nicht an Gott, weil sie ihn nicht sehen können. Das geht auch Christen so. Und sogar ein Heiliger hatte Zweifel an Jesus. Er wollte erst sehen und anfassen, bevor er das mit der Auferstehung glauben konnte. Es ist einer der engsten Vertrauten Jesu, der Jünger Thomas. Er glaubt nicht so recht, was die anderen Jünger ihm nach der Kreuzigung berichten: „Thomas, als du gerade weg warst, ist uns Jesus erschienen. Er hat uns Mut gemacht und Frieden gewünscht. Er ist tatsächlich auferstanden. Er war hier bei uns.“ Thomas verlangt Beweise: „Erst wenn ich mit eigenen Augen seine Kreuzigungswunden sehe und sie berühren kann, dann glaube ich das.“

Vielen Menschen geht es heute genauso: Sie glauben nur, was sie auch tatsächlich sehen. Obwohl: Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich auch glaube, ohne zu sehen: Ich glaube zum Beispiel meiner Hausärztin, der Tagesschau, meistens auch dem Kfz-Mechaniker. Die Forschung geht davon aus, dass Sie und ich höchstens 10 Prozent unserer gesamten Erfahrungen selbst gemacht haben, also selbst gesehen, gehört, gespürt. Beim Rest verlassen wir uns auf irgendwelche Quellen, die uns vertrauenswürdig erscheinen: Eltern, Lehrer, Fachleuten, Google oder Wikipedia.

Ich vertraue zum Beispiel auch der alten biologischen Erkenntnis, dass es Luft gibt. Ich atme sie. Sie tut mir gut, wenn sie frisch ist, manchmal ist sie auch dick. Wenn sie dünn wird oder wegbleibt, dann bin ich mir besonders sicher, dass es sie geben muss. Aber sehen kann ich die Luft nicht.

Und Gott? Auch da verlasse ich mich auf alte Erfahrungen. In der Bibel haben Menschen seit Jahrhunderten aufgeschrieben, wie sie Gott in ihrem Leben gespürt haben. Und ich habe inzwischen auch eigene Erfahrungen gemacht. Ich habe mich begleitet gefühlt, aber auch schon verlassen. Das macht mich irgendwie sicher: Gott ist da – auch wenn ich ihn nicht sehe.

Ach ja, die Sache mit Thomas hatte noch ein spektakuläres Ende: Jesus ist tatsächlich eine Woche später nochmal erschienen, er kam sogar durch die verschlossene Tür ins Hauptquartier der Jünger. Er bietet Thomas an, seine Wunden zu berühren, aber Thomas winkt ab. Er hat genug gesehen und sagt nur völlig überzeugt: „Mein Herr und mein Gott!“ Und Jesus antwortet ihm und damit auch mir und Ihnen: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40212
weiterlesen...
02JUL2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Schlafen und tot sein ist ein bisschen ähnlich. Schlafen hat allerdings ein weitaus besseres Image als Sterben. Mit dem Sterben tun sich viele schwer. Aber ich weiß, dass das auch fürs Schlafen gilt. Bei manchen rattert nachts das Gedankenkarussell los, oder sie finden keine angenehme Position, weil etwas schmerzt.

Ich kann Gott sei Dank gut schlafen. Und deshalb hat Schlafen für mich etwas Göttliches. Wenn ich mich nach einem langen Tag ins Bett fallen lasse, mich in Kissen und Decke kuschle, wenn ich merke, wie sich meine Muskeln entspannen, wie ich loslassen kann – geistig und körperlich, dann ist das manchmal für mich wie ein kleiner Blick ins Paradies – so schön.

Es heißt ja, der Tod sei des „Schlafes Bruder“. Liegt ja auch nahe, denn wenn man schläft, ist man auch ein bisschen wie tot. Vielleicht ist es auch andersrum: Wenn man tot ist, ist es ein bisschen wie Schlafengehen. Und dann bekommt der Tod sogar etwas Tröstliches. Endlich kann ich alles sein lassen. Mein Körper, der sein Leben lang viel geleistet hat, darf endlich abschalten. Aber auch so vieles, das mich im Geist beschäftigt und umtreibt, darf zur Ruhe kommen: Grübeleien, Konflikte, Schuldgefühle oder Ärger.

Das Zauberwort heißt „loslassen“. Das fällt mir hier im Leben unheimlich schwer. Meine Kinder, wenn sie selbständig werden, liebe Menschen, wenn sie von mir gehen. Und Krankheiten und Ungerechtigkeiten wäre ich gerne los, sie kleben aber wie lästige Kletten an mir. Im Tod ist Loslassen sozusagen verordnet, es kommt von allein. Ich lasse alles Irdische hinter mir. Schwer macht es, dass ich es nicht selbst in der Hand habe, aber das macht es gleichzeitig auch leichter.

Wenn ich sterbe, dann lege ich Geist und Körper vertrauensvoll in Gottes Hände. Diese stelle ich mir vor wie eine große und bequeme Matratze, die mich aufnimmt. Ich entspanne und freue mich auf Ruhe. Und weil Ruhe auf Dauer wohl ein bisschen langweilig wäre, freue ich mich auch aufs Aufwachen in Gottes Hände. Darauf, dass ich Neues entdecken werde, dass ich tiefer verstehe und Zusammenhänge erkennen kann, dass ich in guter Gesellschaft bin mit Freunden und Verwandten, dass ich auf ganz neue Weise lieben kann und geliebt werde und vielleicht auf noch viel, viel mehr.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40211
weiterlesen...