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09APR2024
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Rebekka ist unzufrieden. Regelmäßig postet sie in ihrem Status Bilder oder Sprüche, die klar machen, dass sie es anders will in Deutschland. Da wehen dann immer viele Deutschland-Flaggen.
Ich mag Rebekka und bin verunsichert. Ich stehe menschlich und politisch woanders, und durch ihre Postings wird sie mir irgendwas zwischen fremd und unsympathisch.
Das finde ich schade, deshalb habe ich mir ein Herz gefasst und sie angesprochen. „Ich sehe Deine Postings. Bist Du so unzufrieden? Was ist denn los?“ Und sie antwortet: „Ja klar. Du nicht?“ Ich bin erstaunt: „Nein, bin ich nicht. Guck doch bitte, was wir haben, wie wir leben. Da kann ich gar nicht unzufrieden sein. Klar, es gibt immer Dinge, die ich anders machen würde oder anders haben will. Grundsätzlich bin ich aber so glücklich, in einem demokratischen, freien Land zu leben. Das hat für mich unermesslichen Wert.“
Und dann kommt der Satz, der seitdem zwischen Rebekka und mir steht. Rebekka sagt: „Das ist ja eben nicht so. Man darf ja nicht mehr alles sagen. Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass die Ausländer alles kriegen und sich die Zähne machen lassen, und wir sehen müssen, wo wir bleiben.“

Man wird ja wohl noch sagen dürfen… Nein, darf man nicht. In Deutschland darf man bestimmte Dinge nicht sagen. Durfte man übrigens noch nie.
Es sind unfassbar viele Menschen umgebracht worden, weil man „ja wohl noch sagen durfte“, dass die und die an unserem Elend schuld sind. Nein, darf man wirklich nicht.

Es erschreckt mich, dass braune Ideologien und nationaler Egoismus wieder stärker werden.
Und: Ich habe Angst, dass uns rechtes Denken langfristig wieder in einen Krieg führt. Weil andere Staaten in dieser Denke nicht Verbündete sind, sondern Feinde. Die AfD will Deutschland aus der EU holen. Dabei hat die EU nach dem Zweiten Weltkrieg Frieden bei uns und in Europa garantiert. Haben die Rechten das vergessen? Oder ist ihnen das egal?
Immer, wenn man sich über andere stellt, gerät das Leben in Schieflage. Und was dabei herauskommen kann, wissen wir ja. Dabei geht es mir nicht um Schuld, sondern um Verantwortung. Wir sind verantwortlich dafür, dass in Deutschland noch länger als 70 Jahre Frieden ist. Wir müssen uns darum kümmern, dass alle, die nach uns kommen weiter in Frieden leben können.
Nie wieder ist jetzt. Dieser Hashtag spricht mich total an. Jetzt ist es an der Zeit aufzustehen und zu zeigen, dass freies Leben in einem demokratischen Land das höchste Gut ist.

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08APR2024
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Es gibt uns jetzt seit 100 Jahren. Mit „uns“ meine ich: Kirche im Radio. Unsere Verkündigungssendungen sind seit 100 Jahren im Radio zu hören, und das heißt: Kurz, nachdem das Radio überhaupt auf Sendung gegangen ist, waren wir in Deutschland mit dabei. Die Kirchen wurden damals von den Radiosendern sogar danach gefragt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Es ging vor allem darum, die Menschen moralisch zu unterstützen und ihnen was Gutes, was Religiöses zu sagen. Viele von der Kirche waren damals allerdings erstmal skeptisch: „Das Wort Gottes im Dudelfunk?“ - das war einigen Kirchenmännern zuviel. Aber dann ging es trotz aller Bedenken los. Und seitdem läuft sie bis heute, die kirchliche Verkündigung im Radio. Mit einer Unterbrechung während des Zweiten Weltkrieges. Da durften die Kirchen irgendwann nicht mehr senden, weil das dem Naziregime zu gefährlich war. Aber nach Kriegsende haben die Alliierten die Verkündigung direkt wieder ins Programm aufgenommen - auch um den Frieden zu stärken. Also: wir haben Jubiläum und Grund zu Feiern.

Unsere Sendungen sind gleichzeitig geschätzt und umstritten. Wir kommen ja auch anders daher als das normale Programm von SWR2 beispielsweise. Wir liefern unsere Beiträge von außen zu und können ganz persönlich erzählen, was uns an Gott oder am Glauben wichtig ist. Der Sender kann das nicht, weil er neutral bleiben muss. Und das ist gut und wichtig so. Trotzdem versuchen wir natürlich ins Programm zu passen. Daran arbeiten wir auch immer mit den Verantwortlichen der Welle. Und was uns echt freut: viele Hörende warten morgens auf unsere Sendungen und schreiben uns, dass sie extra einschalten und wie wichtig wir ihnen im Tagesablauf sind.
Ich weiß schon: Manchmal nerven wir. Aber hin und wieder wollen wir auch nerven, und müssen es sogar. Gerade mit Themen, die aktuell brennen. Wir können nicht anders. Das liegt auch daran, dass wir uns auf Jesus berufen. Er hat einige Leute damals auch genervt. Hat den Finger in die Wunde gelegt und gezeigt, wie es anders und besser laufen kann. Dafür ist er getötet worden. Das ist eine interessante Verbindung. Karfreitag erinnert sich die Kirche daran, dass Jesus getötet worden ist. Und an Karfreitag 1924 ging die erste deutsche Kirchensendung im Radio „on Air“.

Ich finde es wichtig, dass im Radio auch Religion vorkommt und damit Gott.  
Der Theologe Johann Baptist Metz hat mal gesagt: „Die kürzeste Definition von Religion ist: Unterbrechung“. Ja, wir sind eine Unterbrechung. Und ich finde jede Unterbrechung ist wichtig, in der Menschen hören: Du bist gut und von Gott geliebt!

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06APR2024
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Wir sind gute Freunde. Ab und zu machen wir zusammen Musik. Dann harmonieren wir gut miteinander. Wenn wir aber dann über Gott und die Welt diskutieren, sind wir ziemlich verschiedener Meinung.

Neulich haben wir darüber gesprochen, dass unser Grundgesetz in diesem Mai 75 Jahre alt wird. Eine große Errungenschaft nach den Zeiten der Nazi-Diktatur. Darin sind wir uns einig! Und auch darin, dass diese demokratische Errungenschaft heute bedroht ist. Und es jede Anstrengung wert ist, sie zu verteidigen!

Was wir allerdings unterschiedlich einschätzen: warum sich das Grundgesetz in seiner Präambel ausdrücklich auf Gott bezieht. Da steht ja: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen hat sich das deutsche Volk dieses Grundgesetz gegeben.“

Mein Freund meint, diesen Gottesbezug brauche es in einer säkularen Gesellschaft nicht. Er ist Naturwissenschaftler und denkt ganz rational. 

Ich meine: bei dem Bezug auf Gott geht es nicht um irgendeine Art ideologischer Überhöhung. Sondern, wie es der Verfassungsrechtler Horst Dreier sagt: „In Verantwortung vor Gott soll immer auch heißen: Wir nehmen nicht für uns in Anspruch, dass wir jetzt die letzte Wahrheit präsentieren... Sondern wir sind uns bewusst, dass das gewissermaßen Menschenwerk ist. Und Menschenwerk kann immer auch fehlbar sein.“

Ich finde es großartig, dass das Grundgesetz diese Grenzziehung vornimmt. Gegenüber einer Inthronisation von Instanzen, Parteien oder Machthabern, die beanspruchen, das allerletzte Wort zu haben. 

Durch den Gottesbezug, so verstehe ich es, bleibt der oberste Platz unbesetzt. Unbesetzt für etwas, das nicht greifbar oder definierbar ist. Eine Chiffre für Transzendenz sozusagen.

Und gerade das räumt mir als einem gläubigen Menschen genauso weltanschauliche Freiheit ein wie meinem Freund. Oder allen anderen, die nicht an Gott glauben wollen oder können.

Zusammen mit meinem Freund werde ich also auch in Zukunft mit Begeisterung musizieren. Und beide werden wir uns gemeinsam darüber freuen, dass unser in die Jahre gekommenes Grundgesetz ein Dach ist, unter dem Gläubige wie Ungläubige, Männer wie Frauen, Christen wie Juden und Muslime sich frei bewegen können. Und ihren Glauben frei leben dürfen.

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05APR2024
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Es sind Sätze, die mir nachgehen. Sätze über den Hass und seine Auswirkungen. Der Schriftsteller Heinrich Mann hat sie im Deutschland der 1930er Jahre geschrieben. Wie die Nationalsozialisten ein ganzes Volk erobert haben:

„Die Nazis“, schreibt Heinrich Mann, „würden dieses Volk niemals erobert haben, hätten sie sich nicht des Hasses bedient. Der Hass war ihnen nicht nur das Mittel hochzukommen, er war der einzige Inhalt ihrer Bewegung.“ Und: „Der Antisemitismus verrät einen Fehler im inneren Gleichgewicht einer Nation“.

Heinrich Mann war einer der ersten, der früh und in großer Klarheit die Bedrohung heraufziehen sah. Wie Hass, der sich ungebremst in einer Gesellschaft ausbreitet, in die politische Katastrophe führt. 

Seine Worte sind erschreckend aktuell, wenn ich sehe, wie aufgeladen und feindselig zuweilen der Umgang im gesellschaftlichen Miteinander geworden ist.

Was aber schützt vor dem Hass? Heinrich Mann hoffte, die Tradition der Aufklärung und des Geistes. „Wer Tradition hat“, so schreibt er, „ist sicher vor falschen Gefühlen. Tradition befähigt uns zur Erkenntnis, und sie macht uns geneigt zur Skepsis und zur Milde.“

Skepsis und Milde. Ein schönes Paar, finde ich. Zugleich ein Lebensentwurf, der für mich verkörpert ist in der Haltung einer Christusfigur, die der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen geschaffen hat. An vielen evangelischen Kirchen ist er zu sehen: der segnende Christus.

Dieser Christus ist einerseits skeptisch: gegenüber hohlen Worten und drohenden Gebärden. Aber er verkörpert auch die Milde und Sanftmut derer, die er in der Bergpredigt seligpreist.

Wenn ich am Schreibtisch sitze, steht in meiner Nähe eine Nachbildung dieses segnenden Christus. Sie verströmt eine gelöste und friedliche Aura, in die ich mich gerne hineinziehen lasse.

Die Theologin Dorothee Sölle hat heilsame Worte gefunden über den segnenden Christus, in dieser besonderen Verbindung von Skepsis und Milde:
»den hass macht er müde“ schreibt sie, „die übermüdeten bringt er zum atmen, die zitternden zum schlafen, die träumenden zum handeln, und die handelnden zum träumen.« 

Literaturempfehlung: Heinrich Mann, Der Hass, Deutsche Zeitgeschichte, Essays, Fischer. Taschenbuch 1983

 

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04APR2024
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Vor einhundert Jahren ist der Schriftsteller Franz Kafka im Alter von vierzig Jahren gestorben. Eine seiner Geschichten ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Da erzählt einer von einer langen Reise, zu der er aufbricht:

Ich befahl, mein Pferd aus dem Stall zu holen. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte den Diener, was das bedeutete. Er wusste nichts und hatte nichts gehört.
Beim Tor hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitet der Herr?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“
„Du hast keinen Essvorrat mit“, sagte er. „Ich brauche keinen“, sagte ich, „die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme.“

Der Erzähler, das wird sofort klar, bricht nicht zu einer Urlaubsreise auf. Es geht um die ungeheure Reise eines ganzen Lebens. Als Jude sind Kafka die Geschichten der hebräischen Bibel vertraut. Da gibt es auch diesen ungeheuren Aufbruch des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten. Endlose Wege durch die Wüste. Da hilft kein Proviant, den man mitgebracht hat. Also muss ich unterwegs etwas Nahrhaftes finden.

Weil der Weg endlos erschienen ist, begann das Volk an Gott zu zweifeln. Da ließ Gott, so erzählt die Bibel, Manna vom Himmel fallen. Manna war eine besondere Speise. Man konnte sie nicht aufheben. Sie reichte immer nur für einen einzigen Tag.

Auch in Kafkas Geschichte sagt der Erzähler: Ich muss verhungern, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Ich kenne das auch. Dass ich täglich neu finden muss, was ich brauche - an Motivation, an Kraft und an Energie.

Jeden Tag bin ich angewiesen darauf, dass jemand mit mir teilt, was er hat. An Wissen, an Erfahrung, auch an Wasser und Brot. Und umgekehrt: dass andere schätzen, was ich beisteuern kann.

Dann kann ich los gehen. Ins Ungewisse, aber voller Vertrauen, dass Gott mich finden lässt, was ich für diesen Tag brauche.

Vielleicht mit so einem Gebet: „Ich bitte dich, Herr, um die große Kraft, diesen kleinen Tag zu bestehen. Um auf dem großen Wege zu dir, einen kleinen Schritt weiterzugehen.“

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03APR2024
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Das ist einfach ungerecht! Mit Schülerinnen und Schülern habe ich das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg diskutiert. Und die Schüler konnten sich gar nicht damit anfreunden, dass am Ende alle Arbeiter den gleichen Lohn bekommen – egal, ob die den ganzen Tag oder nur ein paar Stunden gearbeitet haben. Einfach ungerecht fanden sie das.

Gewundert hat mich das eigentlich nicht. Die Vorstellung von Leistungsgerechtigkeit, nachdem jeder gemäß dem Wert seiner Leistung entlohnt wird, ist bei uns gesellschaftlich ziemlich weit verbreitet.

Aber wenn ich zum Beispiel mal Gehalt und Boni eines Vorstandes der Deutschen Bahn mit dem eines Lokführers vergleiche, frage ich mich schon, ob das gerecht ist. Leistet der Manager so viel mehr als andere „normale“ Angestellte. Ist das wirklich gerecht? Viele Menschen empfinden das zumindest nicht so.

Also dann vielleicht doch lieber einer Form der Bedarfsgerechtigkeit, wie sie bei den Arbeitern im Weinberg stark gemacht wird. Denn darum geht es im Kern: Jeder soll so viel bekommen, damit es für ihn und seine Familie zu einem guten Leben reicht – unabhängig von seiner Leistung.

Aber auch das finde viele Menschen ungerecht, nicht nur meine Schüler.
Ja, was ist gerecht? Darüber könnte man sicher tagelang diskutieren.

Das Problem ist: DIE eine Gerechtigkeit gibt es nicht. Und gerade deshalb muss man immer wieder diskutieren; Leitplanken ausloten, an denen man sich orientieren kann und soll. Und ich glaube, da sind wir alle gefordert.

Der Theologe Gerd Theißen schreibt über Gerechtigkeitsvorstellungen in der Bibel:
„Das Gerechtigkeitsmotiv verpflichtet alle zur Gerechtigkeit. Nicht nur den König, sondern das ganze Volk ist verantwortlich dafür,
dass der Schwache geschont,
der Fremde respektiert,
der Arme unterstützt wird.“[1]

Ich glaube, das ist etwas ganz Wichtiges: Nämlich, dass die Verantwortung für Gerechtigkeit und füreinander nicht abgeschoben wird. Man ist selbst mitverantwortlich dafür, dass es gerecht oder eben ungerecht zugeht.

Denn Gerechtigkeit lässt sich nicht nur durch die Politik oder Gesetze regeln. Klar, manches könnte man sicher auch von dort aus in bessere Bahnen lenken. Aber insgesamt ist es doch ein höchst komplexes Geschehen, Bedingungen zu schaffen, in denen es so gerecht wie möglich zugeht. Ich glaube, da können wir uns alle einbringen und Verantwortung füreinander übernehmen.

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[1] Gerd Theißen, Glaubenssätze, Gütersloh 2012, S. 266.

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02APR2024
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April, April. Gestern wurden wahrscheinlich wieder viele Leute in den April geschickt: Mit falschen Behauptungen veräppelt und reingelegt. Angeblich hat diese Tradition einen christlichen Hintergrund. Der 1. April soll der Geburtstag des Judas sein. Der hat Jesus mit einem Kuss an die Römer verraten, ihn also übel reingelegt, und somit seine Hinrichtung eingeleitet.

Der Hintergrund des Aprilscherzes ist also gar nicht witzig. Überhaupt geht es in der Bibel selten lustig zu. Das wirkt offensichtlich nach. Insbesondere Protestanten wird oft eine gewisse Ernsthaftigkeit nachgesagt.

Aber ich kann und will mir einfach nicht vorstellen, dass Jesus immer nur ernst gewesen ist. Vielleicht war es einfach zu selbstverständlich, dass er gelacht und gescherzt hat, als dass die Autoren der neutestamentlichen Erzählungen das erwähnenswert fanden.

Und ein paar Hinweise darauf, dass es auch bei Jesus und seinen Freunden nicht immer nur dröge und gesittet zugegangen ist, finden sich schon:
„Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.“ (Markus 10,25)

Dieser Satz von Jesus hat einen ernsthaften Kern. Es geht um die Verteilung von Reichtum. Aber es ist auch ein völlig übertriebenes Bild. Klar, dass das zur damaligen Zeit größte Nutztier nicht durch so eine kleine Öffnung wie ein Nadelöhr passt. Das Bild, das man sich im Kopf davon macht, wirkt lächerlich. Absurd.

Humor ist in alten Texten nicht unbedingt immer gleich als solcher zu erkennen. Was als lustig empfunden wird, variiert über die Jahrhunderte stark. Auch Jesus zeichnet gedankliche Bilder, die überzogen und absurd sind. So funktioniert Humor heute auch noch.

Es wird auch erzählt, dass Jesus gefeiert hat. Auf einer Hochzeit zum Beispiel. Da hat er ja sogar Wasser in Wein verwandelt. Also wenn es da nicht lustig zugegangen ist, weiß ich auch nicht…

Aber warum ist es mir eigentlich so wichtig, ob Jesus gelacht oder Witze gerissen hat, ob er gefeiert hat?

Es macht ihn für mich nahbar, menschlich, wenn ich mir vorstelle, dass er gelacht und gefeiert hat. Er kommt mir so nähe, als ein Jesus, bei dem es nur um den Ernst des Lebens ging. Spaß und Humor macht mein Leben heller und fröhlicher. Es hilft mit, auch die Absurditäten und schwierigen Tage zu ertragen. Nicht nur Anfang April.  

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30MRZ2024
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Totenstille. Das verbinde ich mit dem Tag heute. Trotz aller Hektik, die vielleicht angesichts der Ostertage herrscht. Totenstille: Ein Karsamstagswort. Für den Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag, zwischen Tod und Auferstehung.

Totenstille. Ein Gefühl, das ich aus anderen Situationen kenne.

Erste Situation: In der Grundschule. Es ist eine meiner ersten Erinnerungen. Ich mache in der zweiten Klasse eine Bemerkung. Was ich sage? Keine Ahnung. Aber es war wohl aus der Kategorie „Erst gesprochen, dann nachgedacht“. Auf jeden Fall wurde es plötzlich totenstill. Ein peinlicher und beschämender Moment.

Zweite Szene: Nachts in der Kirche. Viele Jahre habe ich die Karwoche in der Jugendbildungsstätte eines Klosters verbracht. Die Nacht von Karfreitag auf Karsamstag verbrachten wir im riesigen Chor der romanischen Kirche. Dort befinden sich bis heute einige alte Gräber. Erkennbar an den steinernen Grabplatten im Fußboden. Eines der mittlerweile leeren Gräber war geöffnet. Drumherum tauchten einige Kerzen die Basilika in ein warmes Licht. Es herrschte Totenstille. Zeit, um über Tod und Leben nachzudenken. Ein berührender Moment.

Dritte Szene: In meinem Elternhaus. Mein Vater liegt im Sterben. Meine Geschwister und ich wechseln uns an seinem Bett ab. Wir halten Wache. Bis früh am Morgen. Und dann höre ich plötzlich: Nichts. Es ist totenstill. Ein trauriger Moment. Was mich tröstet: Dass ich an seiner Seite sein durfte.

Totenstille. Das Wort steht für Situationen, in denen Wesentliches passiert. Das gilt auch für den Karsamstag heute – ein Tag im Schwebezustand. Zwischen Karfreitag und Ostermorgen. Ein Tag ohne Gottesdienst. Die Kirchenglocken schweigen. Das Leben wird langsam.

Die Totenstille an diesem Tag trägt für mich viele Gesichter. Und kommt mir so nahe. Ich kann mich an die vielen Momente der Stille in meinem Leben erinnern. Und ich kann aus der Stille, die den Tod Jesu an diesem Tag umgibt, Kraft schöpfen. Ich spüre: Jede Stille kann mit Leben gefüllt werden. Kann sich ganz unverhofft wandeln. Indem ich mich erinnere. Indem ich sie mit anderen teile. Indem ich mich von ihr begleiten lasse.

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28MRZ2024
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Essen und Trinken: Lebenswichtig. Das ist gerade heute unübersehbar. Weltweit hungern über 700 Millionen Menschen. Eine unfassbare Zahl. Aber der Hunger hat auch ein ganz konkretes Gesicht. Zwei Beispiele. Laut Welthungerhilfe stirbt alle dreizehn Sekunden ein Kleinkind an den Folgen von Hunger. Und der UNO-Menschenrechtsrat berichtet von brutalen Misshandlungen ukrainischer Soldaten in russischer Gefangenschaft: Vor lauter Hunger würden sie Würmer, Seife oder Hundefutter essen.

Essen und Trinken: Lebenswichtig. Das wissen auch die Religionen der Welt. Denn in praktisch allen Glaubensrichtungen gibt es Essensvorschriften, Fastenzeiten, Tischgebet, Speisevorschriften oder die Opferung von Nahrungsmitteln.

Auch der christliche Gründonnerstag hat mit Essen und Trinken zu tun. Kurz bevor Jesus stirbt, isst er zum letzten Mal gemeinsam mit seinen Freunden. Sie teilen Brot und Wein. Grundnahrungsmittel sozusagen. Eine komplette Mahlzeit. Und zugleich mehr. Brot und Wein erzählen von der Kunst des Menschen, die Natur zu verwandeln. Getreide wird angebaut, die Körner werden gemahlen, mit Wasser und Gewürzen und vielem mehr vermischt und dann ausgebacken. Auch Trauben werden angebaut. Und in vielen kunstvollen Arbeitsschritten entsteht aus ihnen Wein in unzähligen Geschmacksrichtungen.

Brot und Wein: Nahrungsmittel, die erzählen, dass Verwandlung möglich ist. Dass sich etwas radikal verändern kann. Anders wird. So wie Menschen sich verändern können. Auch davon erzählt die Geschichte Jesu. Menschen erleben diesen Jesu, werden von ihm gesehen, berührt, angesprochen – und verändern sich und ihr Leben. Blinde können sehen, Kranke werden gesund, egozentrische Menschen öffnen sich für andere. Und auch Jesus selbst wird sich verwandeln. Aber davon erzählt erst der Ostermorgen.

Essen und Trinken: An Gründonnerstag machen sie deutlich, wie nötig es ist, dass Hunger gestillt wird. Hunger nach Nahrung, nach Verwandlung, nach Leben.

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27MRZ2024
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Jetzt auf Ostern zu wird in den Kirchen die Passionsgeschichte Jesu gelesen. Wir lassen uns mitnehmen auf die Zielgerade seines Lebens, es ist ein Drama, das sich zuspitzt. Christsein heißt, sich davon berühren lassen und Jesu Weg nachgehen. Ja, das nimmt einen mit, wortwörtlich. Passion heißt ja beides: Leiden und Leidenschaft. Wofür brenne ich? Compassion ist die Haltung, sich in Mitleidenschaft ziehen zu lassen und Mitgefühl zu zeigen. Aber warum dieses Leiden Jesu? Warum überhaupt so viel Unrecht und Not in der Welt? Und wie kommen wir in eine Leid-überwundene, ja Leid-freie Welt? Solche Jahrtausendfragen sind nicht ruhig zu stellen. Von Jesus wird überliefert, dass er mit dieser Frage sogar starb: „Mein, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gerade in diesen Fragen blieb er auf Gott bezogen und ließ nicht locker. In seinem kurzen Leben hat er sich eingesetzt für gerechtes, gottgemäßes Zusammenleben – nein nicht nur eingesetzt, er hat dafür gekämpft und es beispielhaft auch wahrgemacht. Hat er sich nicht mit Ausgestoßenen zusammengesetzt und viele heil gemacht? Hat er nicht darauf verzichtet, zurückzuschlagen, als man ihn in die Zange nahm? Konfliktscheu jedenfalls war er nicht.

Eines seiner verrücktesten Programmworte lautet: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen.“ (Lk 12,49) Jesus als Brandstifter, das ist ein ungewohntes Bild für seine Gottesleidenschaft. Gerechtigkeit und Frieden sind in seinem Munde nicht faule Worte, sondern handfeste Taten. Da geht er mitten in Jerusalem Richtung Tempel, immerhin die religiöse und politische Machtzentrale, und mit dem Tempelschatz so etwas wie die Bundesbank. Das alles wird kaputtgehen, es hat keine Zukunft! So die Prophezeiung dieses Brandstifters aus Nazareth. Die Erzählung von der Tempelreinigung malt plastisch aus, wie aggressiv Jesus da aufräumt, geballte Gottesleidenschaft und nicht ohne Folgen. Neu aufgebaut werden muss das Haus des Gebetes, als Zentrum für Gerechtigkeit und Feindesliebe. Dafür steht er ein, dafür brannte er, dafür nahm er sogar den Tod in Kauf, eben mit der Frage, die zum Gebet wird: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“ Die Gewissheit, dass Gottes Gerechtigkeit das letzte Wort behält, macht ihn frei. Seine Gottesleidenschaft für eine gewalt- und leidfreie Welt wird zum Osterfeuer. Das gilt es zu entzünden.

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