Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

07MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Im Monat Mai wird in der kath. Kirche besonders Maria, der Gottesmutter gedacht – oder zumindest wurde ihrer besonders gedacht, in früheren Zeiten mit Maiandachten und festlich geschmückten Marienaltären.

Es waren vor allem Theologinnen, die in den letzten Jahrzehnten den Blick auf Maria geweitet haben: Denn mit einem sehr traditionellen Marienbild wurden oft alle anderen Frauen klein gemacht und klein gehalten.

Ein Beispiel: Am 25. März feiert die katholische Kirche das so genannte „Hochfest der Verkündigung des Herrn“. Das Fest nimmt Bezug auf den Beginn des Lukas-Evangeliums:

Maria begegnet dem Engel Gabriel, der ihr die Geburt Jesu ankündigt. Maria antwortet auf das, was ihr der Engel sagt mit „Es geschehe!“

Diese biblische Erzählung lässt sich ganz unterschiedlich lesen: Das „Es geschehe!“ wurde in der Geschichte immer wieder bemüht, um Frauen sittsam und gefügig zu halten.

In dieser Bibelstelle steckt aber auch eine revolutionäre Kraft. Denn das zeigt der Text schon in Stil und Struktur: Maria wurde als „Prophetin“ berufen; sie schickt sich voller Selbsthingabe, aber auch sehr selbstbewusst in ihre Aufgabe. Am Ende der Erzählung verkündet sie, dass Gott „die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht“.

Mich hat ein Vortrag begeistert, den die Theologin Elżbieta Adamiak vor Kurzem in der Katholischen Akademie in Freiburg gehalten hat; sie lehrt Theologie an der Technischen Universität Kaiserslautern-Landau, ist aber auch eine der bekanntesten und renommiertesten feministischen Theologinnen ihres Heimatlandes Polen.

Für Elżbieta Adamiak bezeugen die Marien-Geschichten der Evangelien eine große Kraft: Sie erzählen von einer jungen jüdischen Frau, die Mutter wird, aber eben auch von der ungeahnten Kraft, mit der Maria in der so genannten Verkündigungsszene mit dem Engel Gabriel ihre Entscheidung trifft.

Diese unbeschreibliche Kraft hat über Jahrhunderte Frauen, und auch Männer stark gemacht.

So passt das auch sehr gut mit dem Monat Mai als Marienmonat: Maria steht für die lebensbejahende Kraft des Frühlings oder umgekehrt: die lebensbejahende Kraft des Frühlings steht für Maria.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44360
weiterlesen...
06MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„unbegreiflich“, hatten sie Ende April in Trier plakatiert, an allen Einfahrten in die Stadt, auf großen Werbeflächen, wo sonst meist die Stadt auf eigene Highlights hinweist: „unbegreiflich: ich hoffe“. Das war das Motto, die Einladung zu zehn Feier-Tagen, zum Bistums-Fest rund um den Trierer Dom. „HeiligRock-Tage“ heißt das – weil die Kirche hier in Trier ja „das letzte Hemd von Jesus“ aufbewahrt und seit tausend Jahren verehrt – kaum zu begreifen schon das: warum soll jemand sich um ein zweitausend Jahre altes Untergewand kümmern. Sogar seine Echtheit steht ja in Zweifel.

Und da passten die zehn Tage Bistumsfest gerade dieses Jahr ganz gut: alles oder fast alles steht in Frage; Zweifel und Kritik sind an der Tagesordnung. Kriege und Umwelt-Zerstörung, Angst und Tod bestimmen den Alltag. Unbegreiflich, dass da von Hoffnung geredet wird; dass sogar behauptet wird: ich hoffe, tatsächlich. Unbegreiflich. Da scheint jemand mit dem Rücken zur Wirklichkeit zu stehen. Verweigert sich den wirklichen Fragen und Problemen.

Für mich war das anders – immer wieder, zehn Tage lang; da mitten in Trier, das natürlich seinen alltäglichen Gang ging, mit Pflasterarbeiten auf dem Hauptmarkt, mit Baustellen rundum, mit kleinen und großen Skandal-Geschichten in der LokalZeitung, mit meinem normalen Rentner-Alltag auch und mit den täglichen Problemen im Haushalt und auf den Straßen. Auch bei den HeiligRock-Tagen stellte sich die oft so unbegreiflich hässliche Wirklichkeit der Welt immer wieder ein – etwa beim Abendlob im Dom: da sprachen Realschülerinnen von ihren Fragen und Ängsten; ein bisschen wie im Poetry Slam fragten sie nach Krieg und Hunger in der Welt, nach der neuen Wehrpflicht, nach der Zukunft ihrer eigenen Rente… Beim Blaulicht-Gottesdienst suchten Polizistinnen und Sanitäter, Soldaten und Pflegerinnen nach neuer Kraft für ihren Dienst an den Menschen. Eine Kunstinstallation brachte die Menschen in Berührung mit Kindern in der Ukraine – wie sie um Väter weinen, wie sie in Metro-Stationen zur Schule gehen – und das Friedensgebet erinnerte an den 24. Februar vor vier Jahren, als Putins Armeen die Ukraine überfallen haben und an den grauenhaften Krieg seither.

Unbegreiflich, angesichts all solcher Übel zu hoffen, dass Gott für die Welt und für die Menschen eine bessere Zukunft will? Ja: unbegreiflich, unerklärbar, oft genug. Aber wer an den Gott glaubt, der Jesus aus dem Tod in ein Neues Leben holt, hofft eben auch mit Blick auf all das Bedrohliche. Ich hoffe – und höre es gern, wenn Ingo Zamperoni nach vielen schrecklichen Tagesthemen mich und alle einlädt: Bleiben sie zuversichtlich!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44356
weiterlesen...
05MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Das Trierer MartinsKloster stammt aus dem Mittelalter; statt der Mönche leben im alten Gemäuer inzwischen Studentinnen und Studenten der Trierer Hochschulen. Ein Erweiterungs-Bau steht im Innenhof; und da gibt es jetzt eine ausdrückliche Erinnerung an den Namenspatron, eben den heiligen Martin. Martin von Tours war der römische Reiteroffizier, der ja seinen Soldatenmantel mit einem Bettler geteilt hat; danach ist er Christ geworden und schließlich Bischof von Tours an der Loire. In der damaligen römischen Hauptstadt Trier ist er wohl wenigstens zweimal gewesen – und hat von da vermutlich weniger gute Erinnerungen mitgenommen. Bischof Martin hat nämlich – das alles spielt im vierten Jahrhundert – versucht, dem römischen Kaiser in den Arm zu fallen. Die Bischofskollegen hatten den angeblichen Ketzer Priscillan angeklagt und auch schon verurteilt; der Kaiser sollte und wollte ihn hinrichten lassen. Martin fand das keine gute Lösung im innerkirchlichen Streit – den hätte er lieber ohne Gewalt beigelegt.

Bischof gegen Kaiser in der damaligen Hauptstadt Trier: das erinnert mich ein wenig an Papst Leo, der dem Präsidenten im Weißen Haus in Washington DC widerspricht. Dafür wird er unflätig abgekanzelt; dabei hat der Papst doch ganz recht, wenn er friedliche Lösungen fordert, möglichst ganz ohne Gewalt!

Der heilige Martin in Trier – daran erinnert also eine kleine Ausstellung im neuen Studi-Wohnheim im alten Kloster. Und macht es damit zu einem Haltepunkt auf dem Martinus-Weg, der von Szombately in Ungarn über viele Martins-Orte nach Tours führt – von Martins GeburtsOrt bis in seine BischofsStadt, quer durch Europa. Diese „via sancti Martini“ hat der Europa-Rat zur „Kulturroute Europas“ erhoben. Was der EuropaRat dazu online erklärt, klingt fast ein bisschen wie Predigt: „Die Sankt-Martin-Route steht für den Wert des Teilens, symbolisiert durch die wohltätige Tat des Heiligen…“ Und: „Tatsächlich ist das Teilen zu einer moralischen Notwendigkeit geworden, um die Menschheit angesichts der Herausforderungen zu bewahren, die mit Globalisierung, Bevölkerungsexplosion und Schädigung der Umwelt verbunden sind.“ Ganz ähnliches hält der Papst doch dem US-Präsidenten und allen anderen entgegen…

Heute feiert der Europa-Rat seinen Europa-Tag – erinnert an den „Vertrag von London“vom 5. Mai 1949. Mit dem großen Ziel, in ganz Europa die Menschenrechte zu schützen, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fördern und die zwischenstaatliche Völkerverständigung zu beflügeln.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44355
weiterlesen...
04MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Morgen, am 5. Mai ist wieder der europäische Protest-Tag   zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Das macht klar: da ist immer noch viel Luft nach oben. Protesttag für Gleichstellung – es braucht mehr als freundliche Aufrufe und Appelle. Immer noch sind Menschen benachteiligt oder ausgeschlossen, weil sie eine körperliche oder geistige oder seelische Beeinträchtigung haben – egal, ob seit ihrer Geburt oder durch eine Krankheit oder ein Unglück.

Als unser ältester Sohn Johannes zur Schule kam, hatte er großes Glück: die Grundschule damals hätte ihn überfordert. Er war ein wenig langsamer als alle anderen – körperlich und geistig; er hatte ein paar kleinere Fehlbildungen an Händen und Füßen… Johannes war eben ein bisschen anders. Zum Glück hatte gerade ein Schuljahr vorher seine Grundschule ihre erste „Integrationsklasse“ eingerichtet. Für fünf Kinder mit und fünfzehn Kinder ohne Behinderungen waren zwei Lehrerinnen und eine Sozialpädagogin da. Und jetzt eben auch für Johannes – er war einer der fünf mit ganz verschiedenen Handicaps. Ein sehr buntes Bild.

Schwer gerührt waren Eltern und Lehrerinnen, als nach einer guten ersten Woche eins von den fünfzehn Kindern „ohne“ zu Hause eine dringende Frage hatte: Wann kommen denn jetzt die Behinderten (so hat man das damals gesagt…), die mit mir zusammen in die Schule gehen sollen? Ihm war schlicht entgangen, dass die schon seit dem ersten Tag dabei waren. Ohne weiter aufzufallen – obwohl doch etwa der Rollstuhl kaum zu übersehen war. Und obwohl alle immer Rücksicht nehmen mussten, weil Johannes bei manchen Sachen bisschen länger brauchte – ganz zu schweigen davon, dass die Klassenkameradin mit den Gehhilfen beim Fangen- oder Versteckspielen auf dem Schulhof nur zuschauen konnte oder der nicht hörende Kamerad eine ganz andere Ansprache brauchte.

Die Kinder hatten keine Behinderungen gesehen und schon gar keine Behinderten. Für sie waren da Kinder und Kinder – und dass du manchmal bestimmte Sachen erst noch lernen musst, wussten sie ja von sich selbst…

Ja – Menschen mit Handicap oder Beeinträchtigung oder Behinderung brauchen oft ein wenig oder auch sehr viel Unterstützung und Begleitung; aber sie sind Menschen wie du und ich – Gottes geliebte Töchter und Söhne. Wer sie ausschließt oder benachteiligt, wer ihnen Hindernisse in den Weg legt oder Barrieren wegzuräumen vergisst, schließt gleich auch sich selbst aus der Gemeinschaft aus. Dagegen protestiert der Protesttag – und manche Städte und manche Kirchen machen drumherum eine ganze Woche der Inklusion. Vielleicht auch bei Ihnen in der Nähe!?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44354
weiterlesen...
02MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor ein paar Wochen habe ich mit dem Chor, in dem ich singe, ein Probenwochenende im Schwarzwald verbracht. Wir hatten strahlenden Sonnenschein und eine unglaubliche Rundum-Aussicht. Aber der Blick nach unten ins Tal konnte das Wolkenmeer vor unseren Augen nicht durchdringen. Eine riesige Wattelandschaft, aus der nur ein einzelner Kirchturm herausgeschaut hat.

Natürlich wusste ich genau, was sich unter der Wolkendecke verbirgt. Dazu kenne ich die Landschaft gut genug. Aber nichts von der vertrauten Landschaft war zu sehen. Als wir dann wieder zurückgefahren sind, nach unten ins Tal, sind wir mitten in dem Dunst gelandet, der sich kurz zuvor noch als flauschiges Wattemeer gezeigt hat. Inversionswetterlage nennen die Meteorologen dieses Phänomen. Gewissermaßen eine Umkehr von unten und oben. Nicht wie meistens, wenn wir in der Stadt schönstes Wetter haben. Und sich ganz oben die Wolken wie ein Schirm über die Landschaft wölben. Aber manchmal dreht sich eben alles um. Oben ist es dann warm und sonnig. Unten ist es neblig und kühl. Wenn ich da mittendrin stecke, habe ich höchstens eine Ahnung von dem herrlichen Wetter, in das ich eintauchen kann, wenn ich mich in die nahegelegene Berglandschaft aufmache. Doch allein schon die Aussicht darauf, dass das möglich ist, beflügelt mich.

Die ersten Christinnen und Christen haben ihr Leben mit dieser Unterscheidung von Ansicht und Aussicht gedeutet. Sie haben eine Inversionswetterlage auch in ihrem Leben herbeigesehnt. Unten: Verfolgung, Ausgrenzung, Armut. Und natürlich: Die Sehnsucht danach, dass sich an dieser Situation oben etwas ändert. Diese Sehnsucht allein schon hat sie zuversichtlich gemacht. Hat ihnen innere Flügel verliehen, um den Niederungen ihres Lebens zu entkommen. „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden! Was noch ausstehen könnte in meinem Leben.“ Das schreibt ein Briefautor im Neuen Testament. Ich kann also zwei unterschiedliche Blicke auf mein Leben werfen. Den einen, der sieht, wie es gerade ist. Und den andern, der mir ein Bild vermittelt, wie ich mein Leben doch auch sehen könnte. Indem ich den Nebel hinter mir lasse. Und meinen Blick von oben auf mein Leben richte. Wie wir bei unserem Wochenende im Schwarzwald. Diese Inversionswetterlage ist in der Natur ein beeindruckendes Erlebnis. Im Leben ist sie ein großes Glück!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44330
weiterlesen...
01MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

An vielen Orten sind sie mir schon ins Auge gefallen: Große Gebäude mit imposanten Eingangsportalen, hohen Fenstern, manchmal sogar mit Spitzbögen und Maßwerk. Große, hohe Räume, die mich an eine Kirche erinnern. Früher wurden in diesen Räumen Zahnräder produziert. Oder Motoren zusammengesetzt. Heute sind Museen eingezogen. Oder sie werden als Konzerthallen genutzt.

Als Kathedralen der Arbeit werden solche Gebäude manchmal bezeichnet. Weil sie in ihrem Äußeren, in ihrer Architektur an Kirchengebäude erinnern. Entstanden um die vorletzte Jahrhundertwende. Oder auch ein paar Jahrzehnte später.

Die haben die Architektur einfach an den Kirchenbau angelehnt, heißt es. Das stimmt. Manchmal waren es sogar dieselben Architekten. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Mit dem Bau der Kathedralen der Arbeit ist auch eine Botschaft verbunden. Wer arbeitet, das wollten diese Gebäude sagen, tut etwas Erhabenes. Dient mit seinem Einsatz einem größeren Ganzen.

Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, lohnt es sich, über die Bedeutung von Arbeit nachzudenken. Arbeit ist in erster Linie Broterwerb. Manchmal geschieht sie unter ganz schön happigen Bedingungen. Schon auf der ersten Seite der Bibel ist das nachzulesen. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“ So ist es Jahrtausendelang geblieben. Dass Arbeiten aber auch unter menschenwürdigen Bedingungen geschieht und zu einem fairen Lohn, daran will jeder 1. Mai erinnern.

Martin Luther hat in der Arbeit tatsächlich etwas von einem Gottesdienst gesehen. „Man muss nicht Pfarrer oder Mönch werden, um Gott zu dienen“, sagt er einmal in einer Predigt. Sondern „ich soll das tun, was mir vor die Füße gelegt wird.“ Deshalb darf Arbeit auch nicht dazu missbraucht werden, Menschen auszubeuten. Oder sie unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten zu lassen.

Ich muss meine rechte Arbeit finden. Und die dann auch tun dürfen. Kathedralen der Arbeit gibt es dann nicht nur in großen Industriegebieten. Jeder Ort, an dem ich mich engagiere, kann so zu einer Kathedrale oder zumindest zu einer Kapelle der Arbeit werden. Mein Büro, meine Küche, meine Werkstatt, mein Schreibtisch. Und plötzlich ist der 1. Mai gar nicht einfach nur ein weltlicher Feiertag. Es ist ein Tag der Würde aller Menschen, die arbeiten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44329
weiterlesen...
30APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor einigen Wochen wurde bei unseren Nachbarn eingebrochen. Am helllichten Tag. Sie haben den Eindringling erwischt und festgehalten. Die Polizei war in wenigen Minuten da. Wir haben das alles hautnah mitbekommen. Es hat sich herausgestellt, dass der Einbrecher über eine nicht abgeschlossene Terrassentür ins Haus gekommen ist. Ehrlich gesagt: Ich lasse unsere manchmal auch unabgeschlossen - wenn ich nur schnell zum Briefkasten gehe. Oder Brötchen zum Frühstück hole.

 

Aber etwas hat sich jetzt fundamental geändert. Dass da jemand einfach in ein Haus eindringt, das habe ich mir irgendwie vorstellen können. Aber doch nicht im Nachbarhaus. Oder gar bei uns. Die Vorstellung „nicht bei mir“ -die ist jetzt weg. Wenn ich aus dem Haus gehe, bleibt keine Tür mehr so, dass jemand von außen einfach hineingehen kann. Ich schaue auch nach den Fenstern. Die müssen zumindest im Erdgeschoss geschlossen sein. Wenn jemand wirklich einbrechen will und womöglich die Gegend vorher ausspioniert hat, wird es am Ende wenig nutzen. Es ist eher so eine Art Schutzinstinkt, der durch den Einbruch geweckt worden ist. „Wenn der Hauseigentümer wüsste, wann ein Einbrecher kommt, würde er sich schützen und wach bleiben, um Schaden von sich und seinem Haus abzuwehren.“ Mit diesem Satz antwortet Jesus, als er gefragt wird, wann all das eintreten wird, was er ankündigt. Jesus spricht vom Kommen des Menschensohnes, von schrecklichen Ereignissen am Ende der Zeit. Ich könnte auch sagen, Jesus geht’s um die Zeit, in der es darauf ankommt, dass wir wissen, was wir zu tun haben. Was jetzt für uns dran ist.

 

Sein Rat lautet, dass wir wach und achtsam leben sollen. Eben wie ein Hausherr, der seine Augen offenlässt, um nicht von einem Einbrecher überrascht zu werden.  Mit offenen Augen und Ohren durch’s Leben gehen. Wachsam sein mit allen Sinnen. Darauf kommt es eigentlich jeden Tag an. Und in diesen herausfordernden Zeiten erst recht. Darauf achten, wie ich glaubwürdig leben kann. Wie ich den Gefährdungen der Demokratie und der Würde meiner Mitmenschen begegne. Wie ich merke, was nicht guttut. Mir. Und anderen. Selbstbestimmt soll ich leben. Und mit dem nötigen Vertrauen, dass es jemand gut mit mir meint. Ganz schön aktuell finde ich diesen Ratschlag von Jesus. Ich will ihn beherzigen. Und auch ein wenig besser auf mein Haus aufpassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44328
weiterlesen...
29APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Zusammen mit 17 anderen Leuten sitze ich in einem Meditationsraum auf einem Gebetsbänkchen, andere sitzen auf Stühlen oder Kissen im Kreis. Wir werden zu geistlichen Begleiterinnen und Begleitern ausgebildet. Das tägliche Schweigen morgens und abends bildet das Fundament.
In der Mitte ist eine Bibel aufgeschlagen. In einer Schale steht eine Kerze und beleuchtet den ansonsten dunklen Raum. Der Gong einer Klangschale ist erklungen und ab jetzt werden wir 30 Minuten lang schweigen.

Während der ersten Minuten im Schweigen kratzt meine Hals und ich unterdrücke mühsam ein Husten, um die anderen nicht zu stören. Unruhig rutsche ich auf meinem Gebetsbänkchen hin und her. Die Füße haben noch nicht die richtige Position gefunden und der rechte Oberschenkel zwackt auch noch. Einatmen ausatmen. Ich brauche noch ein paar Minuten, bis ich ruhiger werde. Erst dann kann ich mich wie vorgesehen auf meinen Atem konzentrieren. Ich lasse meine Gedanken los und mache in mir Platz für das Licht der Kerze und für die Stille.

Wer im Berufsalltag und auch sonst im Leben viel redet, plant, gestaltet, macht und tut, dem fällt das Ruhig werden so wie mir vermutlich erst einmal schwer. Aber ich habe im Laufe der Zeit gelernt, es zu genießen. Endlich einmal nichts tun müssen, nichts sagen müssen, nichts wissen müssen. Einfach nur sein. Dieser Zustand stellt sich ein, wenn ich mich ganz auf meinen Atem konzentrieren kann.

Am Ende der Schweigezeit klingt wieder der Gong. Ich verneige mich und bin dankbar für die geschenkte Zeit. Es ist eine stille Auszeit mit mir, mit der Gruppe und in manchen Momenten auch mit Gott. Ich fühle mich danach leichter und irgendwie erfrischt. Eine kurze Zeitspanne bin ich befreit von Gedankenspiralen, Sachzwängen und dem Versuch, endlich alle Punkte auf der Todo-Liste abzuarbeiten .

Solche Stilleübungen haben Mönche und Nonnen schon seit den Anfängen des Christentums praktiziert und jeden Tag neu geübt. Deshalb heißen diese Übungen Exerzitien. Der Begriff kommt vom lateinischen Wort „exercitium“ und bedeutet nichts anderes als üben, üben, üben. Jeden Tag aufs Neue. Denn tatsächlich gelingt das Schweigen auch nach langer Übung an keinem Tag wie am nächsten.
Und dennoch gibt es in fast allen religiösen Traditionen Schweigezeiten und Rituale, die in die Stille führen. Sie laden dazu ein, in sich zu hören, still zu werden und eine kleine Auszeit vom Alltag zu genießen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44263
weiterlesen...
28APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein Student sitzt mir gegenüber an meinem runden Beratungstisch. Er packt gerade seinen Schreibblock in seinen Rucksack, greift nach seiner Jacke und ist schon fast im Gehen. Dann dreht er sich noch einmal um und fragt: „Ist es möglich, von Ihnen gesegnet zu werden?“ Gerade hat er mir von seiner Prüfungsangst erzählt. Er ist ein kluger und nachdenklicher junger Mann. Einer, der eigentlich viel weiß, aber all sein Wissen vergisst, wenn er in einer Prüfungssituation steckt. „Es ist wie ein dunkles Loch, in das ich falle“, hat er mir erklärt. „Mein Kopf fühlt sich dann ganz leer an und ich kann einfach nicht auf mein Wissen zugreifen.“

Schon als Schüler hat er Angst vor Klausuren gehabt . Wie sich das anfühlt und was er bisher dagegen versucht hat, davon hat er mir berichtet.  

Dann haben wir gemeinsam geübt, wie er zukünftig solche Blackout-Momente durchbrechen könnte. Mit bewussten Atemübungen, mit genügend Essen und Trinken und dem Selbstbewusstsein, mitten in der Prüfung ein Fenster aufzumachen, wenn er sich komisch fühlt. Aber es geht ihm nicht nur darum, seine Ängste zu minimieren, sondern auch darum, diesem dunklen Loch etwas Positives entgegenzusetzen. Als Konfirmand hat er den Segen am Ende eines Gottesdienstes schätzen gelernt. Er hat sich in solchen Momenten gestärkt und sicher gefühlt.

Segnen heißt auf Latein „benedicere“, das bedeutet Gutes sagen, Gutes wünschen. Und wenn Gott in den biblischen Geschichten jemanden segnet, dann spricht Gott dem Gesegneten Wohlbefinden zu: dem Körper, dem Geist und der Seele. Und wenn Menschen heutzutage andere Menschen segnen, dann bitten sie darum, dass Gottes Segen wirken möge.

Und so segne ich den Studenten am Ende unserer Sitzung. Wir stehen beide und meine Hände berühren leicht seinen Kopf. Das kennt er von seiner Konfirmandenzeit und er hat es mir erlaubt.  „Sei gesegnet und behütet auf all deinen Wegen!“, spreche ich ihm zu. Und mit einem Lächeln geht er seiner Wege. Einige Wochen später kommt er wieder in meine Sprechstunde. Eine mündliche Prüfung muss er wiederholen. Wieder hat ihn die Prüfungsangst blockiert. Aber bei den schriftlichen Klausuren haben ihm die Atemübungen, viel Wasser und ausreichend Essen geholfen, aus dem negativen Gefühlssog auszusteigen. Und er ist sich ganz sicher: Gottes Segen ist bei ihm und wirkt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44262
weiterlesen...
27APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich sitze auf einer Bank auf dem Spielplatz in meiner Nachbarschaft und esse Eis. Überall juchzen und kreischen Kinder. Große und kleine flitzen auf und ab und hin und her, andere spielen versonnen in der Sandkiste oder klettern auf den Kletterturm. Ein Mädchen übt auf einem kleinen grünen Rad Fahrradfahren. Sie kann es schon ganz gut, auch wenn das Fahrrad manchmal noch wackelt. Hin und her, vor und zurück dreht sie ihre Kreise. Und immer wieder versucht sie die Aufmerksamkeit ihrer Mama zu bekommen. „Mama schau mal!“, ruft sie unverdrossen. Aber die Mama schaut nur auf ihr Handy und blickt nicht auf. Bis die Kleine direkt vor der Mama stehen bleibt und ziemlich laut und erbost ruft: „Nun schau doch endlich mal! Ich muss dir was zeigen!“
Erst da schaut die Mama auf und sieht ihre Tochter an.

Gesehen werden ist bei kleinen Kindern genauso wichtig wie bei Erwachsenen. Auch ich möchte gesehen werden. Nicht von oben herab, nicht verächtlich oder bewertend, sondern aufmerksam und respektvoll. Wenn ich so angeschaut werde, dann schenkt mir das die Gewissheit, dass mich jemand wahrnimmt und ernst nimmt. Angesehen werden verleiht Ansehen.

So ist es auch Zachäus aus dem Neuen Testament gegangen. Er ist ein Außenseiter im Dorf, weil er als Zollbeamter mit der römischen Besatzungsmacht kollaboriert und öfter mal was in die eigene Tasche wirtschaftet.
Als es heißt, dass Jesus von Nazareth in sein Dorf kommt, klettert er auf einen Baum. Er will Jesus unbedingt sehen. Gleichzeitig will er nicht gesehen werden. Aber als Jesus ins Dorf kommt und unter dem Baum vorbeigeht, schaut er hoch und spricht Zachäus direkt an: „Zachäus, komm vom Baum herunter! Mit dir möchte ich später zusammen essen!“
Die anderen Leute sind empört, denn auch sie hätten Jesus gerne eingeladen und haben schon alles vorbereitet. Aber Jesus hat seine Wahl getroffen: Er schaut den Außenseiter an und spricht mit ihm. Der klettert in Windeseile vom Baum herunter, läuft nach Hause und bereitet ein Essen vor. Und Jesus kommt später tatsächlich zu ihm. Die Begegnung bedeutet Zachäus viel. Er fühlt sich gesehen. Und nachdem Jesus sich verabschiedet hat, ist er wie verwandelt. Er beschließt, seinen Besitz zu verkaufen und den Betrogenen das Vierfache an Geld zurückzuzahlen.

Auch die kleine Fahrradfahrerin ist stolz weitergefahren, nachdem die Mama ihre Fortschritte angeschaut und sie gelobt hat. Angesehen werden verleiht Ansehen, im Kleinen wie im Großen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44261
weiterlesen...