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28JUL2026
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Siebzigjährig ist er gestorben, vor 350 Jahren, der evangelische Pfarrer Paul Gerhardt. Seine Gedichtgebete, schon zu seinen Lebzeiten geschätzt, werden längst weltweit gesungen. Über die Zeiten hinweg machen sie Freude und schenken Orientierung und Zuversicht. Das liegt natürlich wesentlich an der Musik, aber was wären sie ohne den Text?

„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, / der allertreusten Pflege des, der die Herzen lenkt. / Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo dein Fuß gehen kann.“ Welch achtsames, zärtliches Bild: Meine höchst persönliche Schrittfolge wird hier in den Blick genommen, meine Wegsuche. Schon die biblischen Psalmen wussten um die Gefahr, man könnte stolpern oder auf die Nase fallen. Gut vorankommen ist nicht selbstverständlich. Und was alles kann unser Herz kränken und unser Leben sauer und bitter machen.  Da schreibt einer, der den 30-jährigen Krieg miterlebt hat und schwerste Schicksalschläge zu verkraften hatte. Frau und vier der fünf Kinder sind früh verstorben, mit Kurfürst und Kirche gab es Ärger genug. Umso entschiedener und dankbarer der Blick auf die Ordnung der Schöpfung trotz allem, die „allertreueste Pflege“. Damit ist nicht nur die Großwetterlage gemeint, sondern ganz persönlich mein Fuß, mein Schritt in diesen Tag, mein kleines Leben. Welch mutiges, schönes Bild von einem Gott, der mich pfleglich begleitet und im Großen wie im Kleinen mitgeht.

Eine besondere Alltagsgefahr sieht Paul Gerhardt darin, dass unsereiner sich dauernd Sorgen macht und allzu oft mit dem Kopf durch die Wand will. Damit freilich bekommt der Tag etwas Anstrengendes und Bedrohliches, das Leben wird unnötig schwer. Klar, das Leben ist nichts für Feiglinge, und rosig ist die Lage auch nicht. Aber das soll kein Grund sein zu Resignation oder Trübsinn. Ganz im Gegenteil, zu größerem Gottvertrauen: man darf auch mit dem Guten rechnen.  Gleich in der zweiten Strophe heißt es: „Mit Sorgen und mit Grämen / und mit selbsteigner Pein / lässt Gott sich gar nichts nehmen, / es muss erbeten sein.“ Das ganze Leben ins Gebet nehmen, angefangen mit diesem Tag – so lautet die Glaubenssumme Paul Gerhardts. Und so werden seit über 300 Jahren seine Lieder gesungen: „empfiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, / der allertreuesten Pflege des, der alles lenkt“.  

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27JUL2026
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Zu den schönsten Morgenliedern, die ich kenne, gehört das von Paul Gerhardt, dem dichtenden evangelischen Pfarrer. Vor 350 Jahren ist er gestorben. „Lobe den Herren. Der unser Leben, das er uns gegeben, / in dieser Nacht so väterlich bedecket / und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket. Lobe den Herren.“ Ganz selbstverständlich wird das eigene Leben als Gottesgeschenk betrachtet, noch ist das Bildwort vom sorgenden Vater und guten Herrn nicht hinterfragt, und das Aufwachen am Morgen ist weit mehr als nur ein biologischer Vorgang, nämlich ein Aufgeweckt-, nein ein Auferwecktwerden. All das, was unsereiner heute Morgen schon erlebt hat, ist ja nicht selbstverständlich. Es ist Anlass zum Staunen und Danken. Lobet den Herren. Jeder Morgen ist ein Geburtstag.

Wunderbar buchstabiert das die nächste Strophe durch: „Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können / und Händ und Füße, Zung und Lippen regen, / das haben wir zu danken seinem Segen. Lobe den Herren.“ Als würde man sich beim Aufwachen die Augen reiben und wie noch träumend feststellen: o ich lebe noch, ich erblicke das Licht der Welt wortwörtlich, alles noch da, alle Glieder noch dran und erstaunlich beweglich, mit Hand und Fuß, mit Haut und Haar.  Immer wieder kommt der dichtende Pfarrer dabei auf das Bild vom Weg, vom Lebensweg. Also nicht nur „Zung und Lippen“, sondern „Händ und Fuß, also konkrete Schritte: „Gib , dass wir heute, Herr, durch dein Geleite / auf unsern Wegen unverhindert gehen und überall in deiner Gnade stehen.“

Die zehn Strophen dieses Morgenliedes sind ein einziges Staunen über den Tagesanfang, über das geglückte Erwachen. Denn es hätte auch ganz anders kommen können. Immerhin schaut der betende Dichter auf den 30-jährigen Krieg zurück, eine Hölle für ganz Mitteleuropa damals. Das tiefe Gottvertrauen, das hier Sprache gefunden hat, muss sich eben gerade in schwierigen Situationen bewähren; das Lied lässt sich nicht schmusig heruntersingen. Es kommt aus sehr konkreter Lebens- und Glaubenserfahrung. Alles, so unterstreicht es, „haben wir zu danken seinem Segen“.  Segnen kommt von Signieren, mit eigener Unterschrift bestätigen. Ja, an Gottes Segen ist alles gelegen. Auf ihn ist Verlass. So möge dieser Tag mit Zuversicht beginnen und mit dem staunenden Dank eines Paul Gerhardt - „dass wir unsere Sinnen noch brauchen können. Lobe den Herrn“.

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25JUL2026
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Da stehen meine Frau und ich mit unseren Rädern mitten auf dem Radweg und beratschlagen, wie’s weitergehen soll mit unserer Tour. Aber der Platz unserer Beratung ist nicht gerade optimal gewählt. Wenn jetzt ein anderer Radfahrer käme, geht’s mir durch den Kopf, hätte er allen Grund, sich über uns zu beschweren. Und tatsächlich: Wie aus dem Nichts erscheinen schon zwei Radfahrer. Zu spät, um den Radweg noch freizugeben. Ausgerechnet sind es auch noch zwei Polizisten auf Rädern. Sofort war mir klar: Jetzt würden wir eine geharnischte Ansprache Verkehrserziehung zu hören bekommen.  Doch weit gefehlt: „Wo wollen Sie denn hin?“ fragt der eine ganz freundlich. „Können wir ihnen helfen?“ Und nach kurzer Zeit sind wir mit den nötigen Infos für die Weiterfahrt ausgestattet. „Noch einen schönen Tag! Und gute Fahrt!“ wünschen sie uns und radeln davon. Und wir stehen immer noch mitten auf dem Radweg.

Irgendwie bin ich irritiert. Ich hatte mit einer anderen Reaktion gerechnet. Schließlich standen wir ja wirklich im Weg. Die Polizei als Freund und Helfer, das ist doch ihr Geschäft, könnte man denken. Das stimmt. Aber mir geht‘s um etwas anderes. Nämlich um den Ton der zwischenmenschlichen Kommunikation. Und da ist meine Erfahrung halt leider zusehends die, dass da etwas ganz grundsätzlich ins Rutschen gekommen ist. Freundlichkeit erlebe ich eher als Mangelware. Wenn ich im Weg stehe, werde ich in ziemlich ruppigem Ton zur Seite gebeten oder gleich einfach weggerempelt. Es ist doch verrückt, dass Freundlichkeit mich mittlerweile beinahe aus der Fassung bringt! Normalität als Ausnahme. Oft kein Kopf und keine Zeit mehr, eine berechtigte Bitte in einem freundlichen Ton an den Mann oder an die Frau zu bringen.

Noch schneller als die Freundlichkeit ist ein altes Wort aus unserer Sprache verschwunden. In der Übersetzung Martin Luthers lautet eine Bitte des Apostels Paulus: „Eure Lindigkeit lasset kundwerden allen Menschen“ (Philipper 4,5) „Lindig“- ich liebe dieses Wort! Aus dem Mittelhochdeutschen kommt es. Lindig meint sanft, freundlich, weich. Und wie schön, wenn es gelänge, es wieder etwas mehr mit Leben zu füllen. So, wie’s die beiden Polizisten mit mir und meiner Frau gemacht haben. Ich will selber auch gerne dazu beitragen, etwas mehr Lindigkeit in die Welt zu bringen.

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24JUL2026
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Nach längeren Bauarbeiten ist die Fahrradstraße vor unserem Haus jetzt wieder freigegeben. Seitdem fahren wieder unzählige Menschen mit ihren Rädern direkt an unserem Vorgarten vorbei: Zum Tiergehege, zum Baggersee oder zum Zeltmusikfestival. Man spürt: Viele Menschen haben darauf gewartet, dass sie diese Strecke wieder nutzen können.

Viele, die radelnd vorbeikommen, unterhalten sich miteinander. Laut, damit sie sich gegenseitig auch hören. Wenn ich im Garten sitze, kann ich Bruchstücke aus Unterhaltungen sehr gut verstehen. Es sind nicht mehr als Wortfetzen, Halbsätze, Fragen und Antworten. „…hätten wir doch eher abbiegen müssen.“ „Ich hab’s einfach gemacht!“ „Schau mal, da wohnen …“ „Darauf hatte ich gerade gewartet!“

Ein paar Wörter, die ich gut verstehen kann. Und dann sind die beiden, die sich da unterhalten haben, auch schon wieder weg. Manchmal versuche ich dann, mir den größeren Zusammenhang irgendwie vorzustellen. Die Wortfragmente könnten der Widerschein von etwas sein, dem viel größere Bedeutung zukommt. Ich kann’s bestenfalls erahnen.

Eigentlich, denke ich, erlebe ich hier im ganz Kleinen etwas, das mein Leben auch im Großen ausmacht. Wenn ich mich unterhalte, dann erfahre ich etwas von diesem Menschen. Es ist auch nur eine Momentaufnahme, ein Bruchstück aus einer viel umfangreicheren Geschichte. Dann trennen sich unsere Wege schon wieder. Manchmal sind es wirklich nur ganz kurze Begegnungen. Ein anderes Mal kann eine Beziehung über Jahrzehnte Bestand haben. So ist das: ein anderer Mensch begegnet mir, spricht mich an, löst Gefühle in mir aus. Lebensgeschichten überschneiden sich, kommen sich nahe. Und dann – plötzlich - spielen sie an getrennten Orten weiter.

Man kann die Kreise hier noch weiterziehen: Im großen Gang der Menschheitsgeschichte ist es mit meinem Leben als Ganzes nicht anders. In der Abfolge der Generationen und dann eben in meiner eigenen, ganz persönlichen Geschichte. In den Beziehungen, die mich ausmachen. In dem, was ich in meiner kleinen Welt bewirken kann. Das Schöne ist für mich: Auch wenn ich in diesem Kosmos nur Fragment bleibe, verglühe ich nicht einfach. Ich bleibe aufgehoben. Bewahrt. Aus meinen Versatzstücken wird ein Ganzes. Bei Gott. Davon lebe ich.

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23JUL2026
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Seit einigen Monaten benutze ich eine Vogelstimmen-App. Wenn ich mich morgens an den Frühstückstisch im Garten setze, bekomme ich schon nach wenigen Minuten zehn verschiedene Vögel angezeigt, die gerade zu hören sind. Ist das nicht großartig?

Inzwischen kann ich schon eine ordentliche Zahl an Vögeln nur an ihrem besonderen Gesang unterscheiden. Ich weiß, wie der Bienenfresser aussieht und die Mönchsgrasmücke. Ich kenne den Ort, an dem man jeden Abend Nachtigallen hören kann, und weiß, wo die Schwarzkehlchen zu hören sind. Und ich freue mich, wenn sich der Distelfink ab und zu zeigt.

Es ist ein bunter Kosmos der Lebendigkeit, in den ich jetzt täglich eintauche. Nicht nur unterschiedliches Aussehen und andere Vogel-Stimmen nehme ich wahr. Ich entdecke auch verschiedene Gewohnheiten beim Verhalten, beim Flug und beim Singen. Ja, in mir werden durch die verschiedenen Vogelstimmen auch unterschiedliche Emotionen geweckt. Manche Vögel faszinieren mich, wie das Amselpärchen, das uns jeden Tag auf der Terrasse besucht. Andere Vögel gehen mir auch auf die Nerven.

Seit ich die Vögel neu entdeckt habe, bekommt für mich ein Satz, den Jesus gesagt hat, plötzlich ein ganz anderes Gewicht: „Seht die Vögel unter dem Himmel an. Sie säen nicht, sie ernten nicht und sie legen sich keine Vorräte an. Aber Gott sorgt für ihre Nahrung und lässt sie leben. Wenn schon die Vögel bei Gott im Blick sind, wie viel mehr gilt das dann auch für euch!“

Die Vögel als Vorbilder für uns Menschen! Nicht in dem, was sie tun, sondern in dem, was ihnen zugestanden wird; indem, wie Gott für sie sorgt. Sie erfahren besondere Wertschätzung, ohne dass sie sich dafür besonders anstrengen müssen. Wenn das schon für die vergleichsweise kleinen Vögel gilt, dann gilt es auch für uns Menschen.

Dieselbe Achtsamkeit, die ich mir von anderen wünsche, sollte ich der ganzen Schöpfung angedeihen lassen. Jeder Baum, der gefällt wird, alles, was wir Menschen tun, um den Lebensraum von Vögeln zu reduzieren, wirkt auf uns Menschen zurück. Nicht nur langfristig, in der drohenden Dezimierung ihrer Artenvielfalt, auch kurzfristig. Denn wenn ich einen Vogel plötzlich nur noch vereinzelt höre oder gar nicht mehr, wird die Welt ärmer an Schönheit und an Vielfalt, an einem Farbtupfer im bunten Gewand der Schöpfung.  Vielleicht habe ich heute Glück und meine Vogelstimmen-App zeigt mir eine elfte Vogelstimme beim Frühstück an. 

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22JUL2026
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Was mir am Sommer gut gefällt: das mediterrane Flair, wenn Fenster und Balkontüren offenstehen. Man kann munteres Geplauder hören, Gesprächsfetzen, Stimmen und Geräusche aller Art. Die drei kleinen Mädchen von nebenan. Der pensionierte Lehrer, der seiner Frau aus der Zeitung vorliest. Der Musiker, der hin und wieder auf seinem Akkordeon spielt. 

Mir gefällt das. Meistens jedenfalls. So erlebe ich eine lebendige Nachbarschaft. Und ich lerne Menschen - besser noch als über ihre Gesichter - über ihre unterschiedlichen Stimmen kennen.  

Von einer ganz besonderen Stimme erzählt eine Geschichte im Alten Testament. Vom jungen Samuel. Der hält sich zur Ausbildung im Tempel auf, wo der alte Eli sein Mentor ist. Eines Nachts hört Samuel, wie jemand ihn ruft. Er meint, es sei der alte Eli. Samuel steht auf und geht zu ihm. Aber Eli verneint, er hat ihn nicht gerufen.

„Leg dich nur wieder hin“, sagt der Alte. Aber dann wiederholt sich derselbe Vorgang noch einmal. Als es ein drittes Mal passiert, wird dem alten Eli klar: unmöglich, dass es sich bei der Stimme um eine menschliche Stimme handelt. Also sagt er dem Jungen: „Wenn es noch einmal passiert, dann musst du genau aufpassen und hinhören! Denn Gott will dir etwas sagen.“

Genau hinhören - die verschiedenen Stimmen unterscheiden, hören, was Gott will - das muss Samuel lernen. Denn, das sagt diese kleine Episode, auf das Unterscheiden der Stimmen kommt es an. Im Leben wie im Glauben.

Zu fragen: welche der Stimmen um mich herum bietet Orientierung? Welche führt vielleicht in die Irre? Und welche vermehrt nur den Geräuschpegel um mich herum?

Das setzt voraus, dass ich aufmerksam hinhöre. Und mich anrufen lasse von dem, was mich in der Tiefe berühren will. Von der Stimme Gottes.

Manchmal klingt sie ganz unscheinbar und leise. Schwingt mit in der Frage eines Kindes. Manchmal begegnet sie mir in der Notiz einer Zeitungsmeldung. Manchmal in der Melodie eines Liedes, das meine Stimmung zum Guten wendet.

In der Bibel heißt es von Gott: „Heute, wenn ihr meine Stimme hört, dann verschließt eure Herzen nicht“.  

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21JUL2026
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Das war ein erhellender Artikel, auf den ich kürzlich gestoßen bin. Der Autor geht der Frage nach: Wie konnte es so weit kommen, dass die Demokratie in Gefahr ist? Dass es in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern, so starke rechtpopulistische Strömungen gibt?

Nein, sagt er, es liegt nicht, wie viele meinen, in erster Linie an den Versäumnissen der Politik. Es liegt daran, dass sich in der Gesellschaft grundlegende Orientierungen geändert haben. Die sozialen Medien. Sie haben einen enormen Einfluss darauf, wie Meinungen entstehen und Menschen beeinflusst werden. Sie belohnen vor allem die mit Aufmerksamkeit, die besonders provokativ und aufgeregt daherkommen. Und das hat Auswirkungen darauf, wie wir miteinander umgehen.

Dahinter verbirgt sich, und das ist die Beobachtung, eine Orientierungskrise und ein Werteverlust größeren Ausmaßes. Ein Nährboden für den grassierenden Rechtspopulismus, für den drei Erkennungsmerkmale kennzeichnend sind: Empathielosigkeit, Hybris und Daueraufgeregtheit.

Also: Mangelndes Mitgefühl mit anderen, die schwächer sind. Die Pose der Überlegenheit, besser zu sein als die anderen. Schließlich: das ständige Hüpfen auf neue Skandale.

Einen klaren Gegenpol bildet dagegen eine Haltung, die der Autor im Christentum findet. Er nennt sie „die schönsten Früchte des Christentums“, nämlich: Empathie. Demut. Und Gelassenheit.

Mir gefällt dieser Dreiklang. Empathie, das heißt, Mitgefühl zeigen und leben. Andere nicht als Feinde und Bedrohung sehen, die es auszugrenzen gilt.

Demut, das heißt, sich nicht über Andere erheben. Sondern anderen Menschen mit Respekt und Freundlichkeit begegnen.  

Und schließlich: Gelassenheit. Weil ein gelingendes Leben nicht allein von mir und meinem Tun abhängt. Sondern ich manches dem überlassen darf, dem ich meine Leben verdanke.

Ich finde, das sind gute Prüfsteine für den christlichen Glauben: Empathie, Demut, Gelassenheit. Sie zeigen eine Perspektive, die von vorschnellen Erklärungsmustern wegführt. Und statt allgemeiner Politikerschelte jeden Einzelnen in die Verantwortung ruft.

Lesehinweis: Andreas Püttmann, Rechtspopulismus: Eine Bewegung von Narzissten. Blätter für deutsche und internationale Politik 6/2026

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20JUL2026
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Zu den Vergnügungen des Sommers gehört es für mich, die Wolken zu betrachten. Am liebsten die weißen am blauen Himmel. Wenn sie wie Federkissen über mich hinweg ziehen und ständig ihre Form wechseln. Aber auch dann, wenn sie sich dunkel zusammenballen und einen Regenschauer oder ein aufziehendes Gewitter ankündigen.

Neuerdings kommt noch ein literarisches Lesevergnügen dazu. Kürzlich habe ich das Büchlein entdeckt „Die Geschichte der Wolken“ von Hans Magnus Enzensberger. Eine schöne Entdeckung! „Gewaltlose Himmelskünstler“ nennt Enzensberger die Wolken. Und findet in ihren flüchtigen Formen etwas, wovon Menschen lernen könnten. Mit leiser Ironie beschreibt er ihre ständigen Verwandlungen, ihr Kommen und Verschwinden, ihr Gehen und Vergehen. Wie lächerlich dagegen aller menschliche Hochmut, der sich für ewig und unvergänglich hält!

Eine der gedanklichen Lieblingsübungen von Enzensberger war es übrigens, das berühmte Zitat von Karl Marx auf den Kopf zu stellen. Er meinte: die Philosophen, die haben die Welt nur verschieden verändert. Es komme aber darauf an, sie zu verschonen! Ein guter Gedanke, finde ich. Denn angesichts von Naturausbeutung und Schöpfungsvergessenheit, von Kriegen und Klimawandel kommt es in der Tat darauf an, die Kunst der Selbstbegrenzung und der Welt-Verschonung zu lernen und zu praktizieren.

Ich bin übrigens ziemlich sicher, dass sich Enzensberger bei seinem Faible für Wolken auch von dem berühmten Lied von Paul Gerhardt hat inspirieren lassen. Wo es gleich in der ersten Strophe heißt: „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“

Wolken sind für Paul Gerhardt weit mehr als nur ein Gleichnis für das menschliche Leben. Der Zug der Wolken ist für ihn ein Hinweis auf Gottes Wirken und auf das Vertrauen, das ich in sein Handeln setzen darf.

Ich finde, beide Gedanken ergänzen sich gut. Dass ich versuche, die großen Worte von Selbstbegrenzung und Weltverschonung im Alltag in kleine Schritte umzusetzen. Im Vertrauen darauf, dass daraus ein guter Weg wird für die Zukunft.

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18JUL2026
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„Wie viele Geschlechter gibt es eigentlich?“ Wer diese Frage stellt, landet oft mitten in einem emotionalen Minenfeld. Die einen sagen: „Mann und Frau, fertig aus!“ Die anderen sagen: „Nein, wir müssen weiterdenken.“ Denn es gibt Menschen, die sich als queer oder divers erleben; Menschen, die sich in den klassischen Kategorien weder zuordnen können noch wollen.

Ich gebe offen zu: Mir fällt es manchmal gar nicht so leicht, da den Überblick zu behalten. Und das, obwohl ich eigentlich jedem Menschen so begegnen möchte, dass er sich akzeptiert fühlt.

Oft heißt es, diese Debatte sei ein modernes Phänomen. Doch wer einen Blick in die Geschichte des frühen Christentums wirft, stellt fest: Fragen zur Rolle des Geschlechts wurden schon vor fast zweitausend Jahren diskutiert. Damals drehte sich die Debatte allerdings um einen Punkt, der heute eher vergessen scheint: Hat auch die menschliche Seele ein Geschlecht? Sind wir auch nach dem Tod, im ewigen Leben, noch männlich oder weiblich?

Das war damals mehr als ein Gedankenspiel, sondern hatte ganz praktische Folgen: Wenn die Seele nämlich geschlechtslos ist, warum sollte eine Frau dann nicht auch Priesterin werden können? In der frühen Kirche gab es dazu also verschiedene Ansichten. Und noch im Jahr 1994 hat Papst Johannes Paul II. ein apostolisches Schreiben dazu aufgesetzt. Für ihn war klar: Der Mensch ist eine Einheit von Leib und Seele, weshalb die Geschlechtlichkeit die ganze Person prägt. 

Doch was meinen Sie: Sind wir im Jenseits vielleicht eher wie Engel – ohne männliche oder weibliche Seiten?

Manche sind genervt von solchen Fragen, andere fühlen sich sogar provoziert. Ich habe schon oft die Sorge gehört, dass wir das Miteinander der Geschlechter unnötig problematisieren, wenn wir zu viel infrage stellen.

Ich versuche, mich davon ein Stück weit frei zu machen. Ich verstehe diese Diskussion eher als eine philosophische Suche: Was macht uns Menschen eigentlich aus? Was trägt uns?

Denn die Frage nach dem eigenen Geschlecht berührt die Tiefe meiner Persönlichkeit. Sie ist ein Baustein dessen, wie ich mich selbst verstehe und wie ich verstanden werden will.

Darum lohnt es sich – auch aus einer christlichen Perspektive – im Gespräch zu bleiben. Und zu sehen: Wir sind nicht die Ersten, die nach Antworten suchen. Die Geschichte zeigt uns, dass es schon immer ganz unterschiedliche Wege gab, Menschsein und Geschlecht zu deuten.

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17JUL2026
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Stellen Sie sich vor, Sie werfen hundert Legobausteine in einen Raum. Auch nach unzähligen Würfen wird daraus keine schöne Burg oder ein Bauernhof entstehen. Ordnung entsteht nicht allein durch Zufall. Und doch behaupten viele Menschen: Alles ist aus Zufall entstanden.

Erst ein Urknall, durch den Millionen Legosteine hinausgeschleudert wurden. Dann die Evolution als eine Kette von Zufällen, die nach sehr langer Zeit bis zu uns Menschen führt.

Der Schweizer Physiker Gerd Ganteför will daran nicht mehr glauben. Ganteför hat viele Jahre als Professor für Physik in Konstanz gelehrt und ist durch und durch Naturwissenschaftler.

Ganteför sagt: „Reiner Zufall kann die Entstehung des Universums nicht erklären. Denn damit überhaupt etwas entstehen kann, müssen bestimmte Naturgesetze bereits vorhanden sein. Diese Naturgesetze sind erstaunlich genau aufeinander abgestimmt.“

Schon kleinste Abweichungen würden dazu führen, dass keine Planeten und kein Leben entstehen könnten. Das Universum wäre dann nur ein wilder Brei aus Energie.

Für Ganteför ist diese Feinabstimmung ein Hinweis darauf, dass mehr dahintersteckt als bloßer Zufall. Er vermutet, dass dem Universum eine geistige Wirklichkeit zugrunde liegt. Eine Art Intelligenz oder ordnendes Prinzip.

Informationen, so sagt er, seien letztlich grundlegender als Materie. Doch woher kommen diese Informationen? Wer oder was sorgt dafür, dass aus Chaos Ordnung entstehen kann?

Die Überlegungen von Ganteför finde ich spannend. Mit ihm würde ich gerne über ein paar Texte aus der Bibel sprechen. Denn in der Bibel ist von einer göttlichen Weisheit die Rede — auf Griechisch Sophia.

Gemeint ist eine Weisheit, die allem zugrunde liegt. Eine Kraft, die ordnet, verbindet und Leben ermöglicht. Sie geht auf Gott, den Schöpfer, zurück. Zugleich erscheint die Sophia als eigenständig.

Diese Weisheit ist mehr als bloße Information. Sophia schafft Zusammenhänge. Sie stiftet Sinn. Sie bringt Ordnung hervor. Sie ist für mich das Gegenstück zum blinden Zufall.

Ich weiß nicht, ob Gerd Ganteför etwas mit Sophia anfangen könnte. Ob es für ihn eine heiße Spur wäre. Aber mich beeindruckt, dass Menschen, die sich intensiv mit dem Universum beschäftigen, immer wieder an einen Punkt kommen, an dem sie fragen: Gibt es hinter allem eine höhere Weisheit? Einen geistigen Ursprung?

Wenn ich darauf eine Antwort suche, dann helfen mir die alten Texte zur Sophia, zur göttlichen Weisheit. Diese steht nicht einfach wie ein Urknall am Anfang, sondern durchdringt auch heute noch das ganze Universum.

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