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SWR Kultur Wort zum Tag
Das hat mich dann doch ganz schön kalt erwischt! Mit einer15-köpfigen Reisegruppe habe ich die Ausgrabungsstätten in Pergamon besichtigt. Der einheimische Reiseführer sagt: „An der Stelle, an der Sie jetzt stehen, stand der antike Zeus-Altar.“ Und dann plötzlich in meine Richtung: „Ich denke, jetzt müssen Sie etwas sagen. Sie sind doch der Pfarrer!“ Gänzlich unvorbereitet, an einer Stelle, an der einst einem antiken Gott gehuldigt wurde, den ich auch nur aus den Sagen des klassischen Altertums kenne. Und von dem ich bisher nur vom Pergamonfries in Berlin zumindest eine Ahnung hatte. Und jetzt plötzlich die Erwartung einer Spontanpredigt an diesem Ort.
Was mir noch eingefallen ist: An einem Zeus-Altar wurde überhaupt nicht gepredigt. Da wurden Opferfeiern abgehalten, um den höchsten griechischen Gott milde zu stimmen. Ich habe kurz nachgedacht und habe dann über die Vielfalt der Religionen gesprochen. Über die Buntheit der Formen, mit Gott in Verbindung zu kommen. Und natürlich auch darüber, dass wir heute zum Glück versuchen, mit Menschen anderer Religionen ins Gespräch zu kommen. Damit Religionen Konflikte entschärfen. Und sie nicht zur Quelle von neuerlichen Auseinandersetzungen werden.
Im Nachhinein habe ich mir gewünscht, ich hätte mehr Zeit zum Überlegen gehabt. Gerne hätte ich nämlich auch davon gesprochen, wie froh ich bin, dass es in meiner religiösen Prägung keinen Himmel gibt, der nur ein Spiegelbild der vielfachen Beziehungsmuster auf der Erde ist. Neben Zeus und seiner Hera gibt es in der griechischen Götterwelt so viele Götter und Halbgötter, dass einem schwindlig werden kann. Dazu jede Menge Konflikte und Intrigen. Mir genügt der eine Gott, der „andere Götter neben sich“ nicht nötig hat und dessen Ebenbild der Mensch ist. Einen Gott, den es nicht in fernen himmlischen Sphären hält, weil es ihn zu den Menschen hinzieht. Wie gut, dass es auch in anderen Religionen Menschen gibt, denen ihre Mitmenschen, die Natur und der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit wichtig sind. Auch wenn sie sich in vielem von meinem Glauben unterscheiden. Den Austausch mit ihnen halte ich für wichtig. Um sich gegenseitig besser zu verstehen - in einer Haltung des Respekts, aber auch getragen von meinem eigenen Glauben. Aber vor einem Zeus-Altar muss ich hoffentlich so schnell nicht mehr reden!
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„Nächste Station: Himmelreich!“ Dieses Mal hat mich die Ansage im Zug noch einmal ganz anders erreicht als sonst. Ich hab sie ja schon öfter gehört auf der Fahrt mit der Höllentalbahn in den Schwarzwald. Aber bei dieser Fahrt vor wenigen Wochen hat die Ansage bei mir noch einmal eine ganz andere Wirkung ausgelöst. Wie eine Zusage, dass sich alles in Luft auflöst, was mich in den Tagen zuvor beschäftigt hat. „Nächste Station: Himmelreich!“ Was für eine schöne Ankündigung, dachte ich. Wie einfach doch alles sein könnte!
Auf dieser Fahrt sind mir diese drei Worte also nicht nur als Ortsangabe für den nächsten Halt erschienen. Mir kamen sie plötzlich vor wie ein tröstender Satz für die Gegenwart, nicht als eine Vertröstung auf das Ende der Zeit.
Vieles, was mir da durch den Kopf gegangen ist. Nicht nur die belastenden Nachrichten, die mich jedes Mal aufgewühlt zurücklassen. Auch Unerledigtes, das sich auf meinem Schreibtisch angesammelt hat. Gespräche, die längst dran sind und mir Druck machen. Aber keine Sorge! „Nächste Station: Himmelreich!“ Wie eine kleine Predigt hat das für mich geklungen. Eine Zusage, die es gut mit mir meint. Mit der Botschaft: Der erste Tag in eine bessere Zukunft ist nicht irgendwann. Sondern womöglich schon heute, bei der nächsten Station. Wenn ich anfange wegzuräumen, was da alles im Weg liegt. Wenn ich beherzt anpacke, was getan werden muss. Wenn ich anfange, mit meinen bescheidenen Mitteln, das Gesicht der Welt im Kleinen zu verändern.
Ich muss mich also mit meinen Hoffnungen nicht vertrösten lassen auf einen fernen St. Nimmerleinstag. Nein! „Nächste Station: Himmelreich!“ Ich bin dann ganz vergnügt weitergefahren und wusste: Nicht nur die erste Station, die den Namen „Himmelreich“ trägt, könnte mir den Weg dahin eröffnen, sondern jede nächste Station. Im Zug und auch auf meinem ganz persönlichen Weg durch den Tag und durch mein Leben.
Ein Satz, den Jesus gesagt hat, setzt meine Gedanken auf der Zugfahrt ins rechte Licht. „Das Himmelreich“, sagt Jesus da, „kommt nicht so, dass ihr sagen könnt: Hier ist es. Oder da. Es ist einfach schon mitten unter euch.“ (Lukas 17,20+21) An jeder Station. Ich muss nur aussteigen und mich auf die Suche machen. Da kann ich die Spuren entdecken, die mir helfen, den Weg ins Himmelreich zu finden. Und Menschen, die mich auf diesem Weg unterstützen und begleiten.
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Auch in diesem Sommer haben wir wieder in einer Kirche gewohnt. Zwei Wochen lang. Meine Frau und ich machen das jeden Sommer, schon über viele Jahre. Auf der Insel Hiddensee, westlich von Rügen. Es ist nur ein kleines Kirchlein. Aber es ist jedes Mal von Neuem etwas Besonderes, unter seinem reetgedeckten Kirchendach zu wohnen. Unten, im Erdgeschoss, ist der Kirchenraum. Und wenn man die kleine steile Treppe hochgeht, steht man in einem Zimmer mit Tisch und Stühlen, Bett und Küchenzeile.
Kaum haben wir morgens die Eingangstür der Kirche geöffnet, kommen auch schon die ersten Besucher. Sie kaufen Ansichtskarten im Vorraum oder setzen sich einfach auf einen der Stühle im Kirchenraum, genießen die Stille oder beten. Andere singen aber auch. Ganz Mutige setzen sich an die Orgel und spielen ein paar Akkorde oder sogar eine Choralmelodie. Meist ahnen sie nicht, dass ihnen oben jemand zuhört. Manche bringen ein Instrument mit und üben: Flöte, Geige, Gitarre. Als es draußen einmal richtig geschüttet und gestürmt hat, haben wir ein paar Jugendliche in der Kirche übernachten lassen. Und wenn jemand das Bedürfnis nach einem Menschen hat, der einfach nur einmal zuhört, dann ist das meine Aufgabe als Kirchenbewohner auf Zeit.
Dieses Kirchlein ist viel mehr als nur ein Ort für Gottesdienste. Es ist ein Lebensort. Ein geschützter Ort, an dem die Menschen, die kommen, für sich sein können und mit Gott. Kein Wunder, dass dieses Kirchlein auch einen entsprechenden Namen hat: Auf Plattdeutsch: Uns Tauflucht – unsere Zuflucht. Unsere Zuflucht auch für mich und meine Frau, die wir unter dem schützenden Dach wohnen und leben dürfen.
„Herr, du bist unsere Zuflucht für und für“, lese ich in einem alten Lied, einem Psalm der Bibel. Ein Haus, ein Kirchlein, das so viele Lebensmöglichkeiten bietet, ist also wahrhaftig mehr als irgendein Haus. Es ist ein Gotteshaus. Weil es sich als Ort erweist, an dem es mir leichter fällt als anderswo, Gott zu spüren, seine Menschenfreundlichkeit zu erleben, einen Schutzraum für die Seele zu finden. Und wenn man Glück hat, auch für den Leib. Fürs Kochen, Essen, Schlafen, Lesen. So wie uns das in diesem Sommer wieder vergönnt war. Ich wünsche Ihnen, dass Sie in Ihrem Leben auch immer wieder einen Raum der Zuflucht finden. Einen Ort, an dem es Ihnen leichtfällt, Gott zu spüren.
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Es klopft am Fenster. Weit nach Mitternacht. Wir sitzen noch in kleiner Runde im Wohnzimmer zusammen. Vor dem Fenster steht ein uns unbekannter Mann. Das Licht seiner Stirnlampe schimmert uns entgegen. Meine Frau öffnet das Fenster. Freundlich lächelnd streckt der Mann uns die Zeitung entgegen. „Ich hab gesehen, dass bei Ihnen noch Licht brennt“, sagt er dann. „Da hab ich gedacht, heute drücke ich Ihnen die Zeitung mal persönlich in die Hand!“ Und schon ist er wieder fort. Wir sind sprachlos. Mit vielem haben wir gerechnet. Nur nicht damit, dass der Zeitungsausträger uns zu nächtliche Stunde die Zeitung persönlich übergibt. Sonst steckt sie ja jeden Morgen im Briefkasten.
Für den Rest der Zeit, in der wir in unserer Runde noch zusammensitzen, ist der Zeitungsausträger unser Thema. Er gehört zu der Sorte von Menschen, deren Dienstleistung wir sehr schätzen und vermissen würden, wenn sie nicht kommt, die wir aber in aller Regel nie zu Gesicht bekommen. Vielleicht hat’s ihn gefreut, einen seiner Kunden einmal persönlich zu sehen. Die meisten schlafen ja sonst. Oder er hat einer spontanen Regung nachgegeben, einfach mal mit einer kleinen Überraschung aufzuwarten. Jemandem etwas Gutes zu tun. Denn gutgetan hat uns die kleine freundliche Geste ja schon.
„Auch wenn’s nur die Zeitung war“, denke ich, „es hatte etwas von einem kleinen Engelsdienst. Er war einfach kurz da, hat Gesicht gezeigt, sich anschaulich, erkennbar gemacht. Hat etwas Hilfreiches hinterlassen. In diesem Fall etwas ganz Schlichtes, Lapidares, und ist dann einfach wieder verschwunden. Auf ein kurzes Stück meines Weges hat er sein Licht fallen lassen, ihm Glanz verliehen. Mehr müssen sie gar nicht tun, die Engel. Rudolf Otto Wiemer hat die Engel in einem Gedicht einmal so beschrieben: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein, oft sind sie alt und hässlich und klein, die Engel.“ Und er dichtet weiter: „Vielleicht ist einer, der gibt Dir die Hand, oder er wohnt neben Dir, Wand an Wand, der Engel.“ Vielleicht ein wenig hoch gegriffen, im Zeitungsausträger gleich einen Engel zu sehen. Aber Engel müssen ja nicht gleich die ganze Welt retten. Manchmal reicht es, ein kleines Licht ins Leben eines anderen Menschen fallen zu lassen. Und sei’s nur das Licht einer Stirnlampe.
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Ob ein Mensch als Erwachsener in der Bibel liest, entscheidet sich vor allem zwischen seinem 4. und 14. Lebensjahr. Dabei lesen heute immer weniger Leute in der Bibel. Am häufigsten noch Menschen ab 70. Und Männer mehr als Frauen. Das habe ich auf einer Tagung erfahren. Dort wurde eine wissenschaftliche Untersuchung zur Nutzung der Bibel in Deutschland vorgestellt. Fast alle, die befragt wurden – Menschen aller Konfessionen und Überzeugungen - halten die Bibel für wichtig. Obwohl nur noch die Hälfte der Menschen überhaupt eine besitzt. Ein Drittel der Menschen schaut mindestens noch einmal im Jahr hinein. Immerhin!
Natürlich sind solche Untersuchungen immer mit Vorsicht zu genießen. Vor allem, wenn darum geht, sie zu interpretieren. Aber ich mache mir schon meine eigenen Gedanken, warum gerade die Menschen über 70 am meisten in der Bibel lesen. Unter anderem sicher deshalb, weil sie in einer Zeit aufgewachsen sind, in der die Bibel und die Kirche noch eine größere Rolle gespielt haben. Vielleicht hängt das auch noch mit den kleinen Lebensbilanzen zusammen, die mit zunehmendem Alter mehr werden. Ich bin dankbar, dass sich in meinem Leben sehr viel Schönes ereignet hat. Und erinnere mich an Bewahrung und an Glück. Sucht nach einem Sinn Umgang mit Krisen, Brüchen, die es in jedem Leben gibt. Da liegt der Griff zur Bibel im Regal womöglich wieder näher. Gerade auch für Männer, die diese Themen vorher womöglich erfolgreicher verdrängt haben.
Es könnte aber noch einen weiteren Grund dafür geben, dass ältere Menschen eher in der Bibel lesen. Der hängt mit dem anderen spannenden Ergebnis der Untersuchung zusammen. Dass sich meistens schon zwischen dem 4. und 14. Lebensjahr entscheidet, ob jemand in seinem späteren Leben auch zur Bibel greift. Die Mehrzahl der Menschen, denen die Bibel heute etwas bedeutet, hatten in dieser frühen Lebensspanne zum ersten Mal etwas mit der Bibel zu tun. Das war bei denen, die heute als ältere Menschen in der Bibel lesen, sicher eher der Fall als bei den Kindern, die heute zwischen 4 und 14 Jahre alt sind. Da steckt also eine ganz schön große Herausforderung drin. Gerade auch für Eltern und Großeltern. Nämlich die, etwas weiterzugeben von dem, was anderen ihnen als Kinder vermittelt haben.
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Die Ergebnisse der Untersuchung der Universität Leipzig kann man im Internet finden:
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SWR Kultur Wort zum Tag
In einem großen, wassergefüllten Brunnenbecken steht ein Vulkan. Um den Krater herum tanzen fünf bronzene, beinahe lebensgroße Figuren. Eine hat ein Mikrophon in der Hand und singt. Am Fuß des Vulkans steht ein Klavier aus Granit. Der Klavierspieler mit Hufen an den Füßen. Mitten im Wedding in Berlin habe ich diese Skulptur entdeckt. Sie hat mich gleich in ihren Bann gezogen.
Ich hab‘ mich dann kundig gemacht. Seit 1988 gibt es diesen Brunnen. Die Skulptur in seiner Mitte heißt „Tanz auf dem Vulkan“. Entworfen hat sie die Künstlerin Ludmilla Seefried-Matejkova. Die Skulptur im Brunnen zeigt ihren Blick auf die Lage der Menschheit: Sie tanzen und feiern. Und nehmen gar nicht wahr, wie nah sie am Abgrund stehen. Die Figur am Klavier, die die Gruppe so sorglos leben und tanzen lässt, ist ein Satyr – ein menschlich-tierisches Mischwesen aus der griechischen Mythologie. Aus dem Gefolge des Dionysos. Wie ein Verführer wiegt er die Menschen in Sicherheit. Und lässt sie dem Abgrund entgegentaumeln.
Und wohl gemerkt: Der Brunnen ist schon 40 Jahre alt! Heute haben wir uns noch viel näher an den Abgrund herangetanzt. Schade, habe ich gedacht, dass man an einem Kunstwerk nichts verändern kann. Wäre mir das erlaubt, würde ich es gerne weitergestalten. Auf der anderen Seite des Vulkans, dem Klavierspieler gegenüber, würde ich einen Engel platzieren. Er ist dabei, ein Netz über den Krater des Vulkans zu spannen. Die Situation der Menschheit ist nicht einfacher geworden. Aber das Netz würde verhindern, dass die Tanzenden in den Krater hineintaumeln.
Meinen Glauben verstehe ich wie dieses Netz. Er ändert zunächst nichts am Zustand der Welt. Aber er ahnt und hofft: Ich bin gehalten. Wenn ich in die Irre gehe. Wenn ich taumle. Wie von einem unsichtbaren Netz. Darauf verlasse ich mich. Wie die Menschen, die in der Geschichte nach der Sintflut der Zusage Gottes vertrauen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Ich verstehe das nicht als Beschwichtigung. Sondern als Angebot, in meinem Leben mit diesem Netz zu rechnen. Und mit der Möglichkeit, dass am Ende Gott am Klavier sitzt. Und uns nicht dem Verderben, sondern dem Leben entgegentanzen lässt.
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Ich sitze im Bahnhof von Erfurt am Gleis. Eine Frau setzt sich neben mich. Schnell kommen wir ins Gespräch. Ich erwarte den üblichen kleinen Small Talk. Aber das Gespräch wird sehr schnell, sehr ernsthaft. Und mit einem Mal bringt mir die Frau in wenigen Minuten ihre ganze Lebensgeschichte zu Gehör. Es ist die schnellste Lebensbeichte, die ich je erlebt habe. Sie gipfelt in dem Satz: „Die letzten sieben Jahre waren für mich verlorene Jahre.“ Der Frau ist wirklich viel weggebrochen in den letzten Jahren. An materieller Sicherheit. Und an persönlichen Beziehungen. Zu ihrem Mann. Und ihrem Sohn.
Sieben verlorene Jahre? Sofort muss ich an die sieben mageren Jahre in der biblischen Josephsgeschichte denken. Da sagt Joseph dem ägyptischen Pharao voraus, dass auf sieben reiche Erntejahre sieben schlechte, magere Jahre folgen werden. Mit der Konsequenz, dass die Menschen in den sieben fetten Jahren Vorräte anlegen können, von denen sie in den sieben mageren Jahren leben können.
Genau darum war’s mir in dem Gespräch mit der Frau am Gleis gegangen. Mit ihr auf ihre Ressourcen zu schauen, auf die Vorräte aus früheren Jahren, von denen sie jetzt noch zehren könnte. Ganz ohne entlastende Wirkung schien unser Turbo-Austausch dann auch nicht gewesen zu sein. Voll dankbarer Worte hat mich meine Gesprächspartnerin ziehen lassen. Ich fuhr davon. Sie blieb am Gleis zurück. Was für intensive Minuten waren das. Die Bank am Gleis als kurzfristig eingerichteter Beichtstuhl.
Sieben Lebensjahre von dem vernichtenden Urteil zu befreien, sie seien am Ende nur verlorene Jahre gewesen. Ganz fremd ist mir dieses Gefühl nicht. Auch ich kenne Tage, die mir im Rückblick als verloren erscheinen. Wenn ich am Ende eines Tages feststelle, dass das, was ich mir vorgenommen hatte, nicht gelungen ist. Aber dann entdecke ich manchmal doch noch einen Weg, dem Tag etwas abzugewinnen. Auch wenn einiges anders gelaufen, als ich es mir vorgestellt habe. Aber die anderen Spuren, auf die er mich geführt hat, haben womöglich auch ihren Sinn gehabt. Und ein schlechter Tag ist leichter zu ertragen, wenn ich mich erinnere, wie gut der letzte gewesen ist.
Ich müsste, so denke ich, von den Tagen, die mich zufrieden zurücklassen, immer auch etwas in meine kleinen Lebensscheunen einlagern. Um andere Tage besser überstehen zu können. Damit kein Tag ein verlorener bleiben muss.
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Ich hab’s nicht so mit Geistern und Hexen. Und auch in der kommenden Nacht werde ich hoffentlich gut schlafen. Trotz der Walpurgisnacht und all ihrem Spuk. Aber natürlich erinnere ich mich an die ländliche Welt meiner Kindheit. Dort wurden in dieser Nacht immer ein paar Gartentore ausgehängt und irgendwo versteckt. Manchmal konnte man auch eine Sitzbank oben auf einer Garage wiederfinden. Eigentlich nur Streiche von ein paar Jugendlichen. Der letzte Rest einer Vorstellung von dunklen Mächten, denen es darum geht, alles Vertraute und Gewohnte durcheinander zu wirbeln. Und vermutlich werden wir morgen früh wieder von unschönen Szenen hören. In manchen Städten verwandelt sich in dieser Nacht die Lust auf Streiche leider in Exzesse und Zerstörungswut.
Sind sie also doch noch irgendwie wirksam – diese Mächte, die alles verhexen und durcheinander wirbeln wollen? Die gegenwärtige Weltlage will es einen ja fast glauben machen. Und die Hexenmeister der Gegenwart zündeln allemal mehr und gefährlicher als die harmlosen Geisterwesen, deren Geschichten sich um die Walpurgisnacht ranken. Walpurga - eine Äbtissin aus dem 8. Jahrhundert -, nach der diese Nacht benannt ist, hatte mit Spukgeschichten übrigens auch nichts am Hut.
Ich beschwöre heute die Gegenkräfte zu dieser aktuellen Hexenmeisterei. Ganz praktische, politische. Dazu zähle ich: Sich zeigen und Position beziehen. In Gesprächen, in Demonstrationen, manchmal vielleicht auch in Leserbriefen. Meine stärkste Gegenkraft erwächst mir aus meinem Glauben. Gerade weil ich‘s nicht mit Hexen habe, wird mir immer wieder klar, dass die vermeintlich so mächtigen Hexenmeister des Bösen in der Gegenwart, die Putins, die Trumps und wie sie alle heißen, auch nur mit Wasser kochen. Dass sie zwar über Macht, aber über keine besonderen Kräfte verfügen. Nein, ich möchte sie nicht ernster nehmen, als es ihnen zusteht. Weil sie eben nicht die Herren der Welt sind. Ihre Macht ist begrenzt. Und ihre Zeit ist endlich. Ich vertraue da lieber dem, den die Kirche als ihren Herrn bekennt. Daraus gewinne ich eine bleibende Zuversicht, die nicht nur gebannt auf die nächste Nacht starrt, sondern auf alle Tage und Nächte, die noch folgen. Auf die Zeit, die in Gottes Händen liegt. Im Moment wird sie ganz schön strapaziert, meine Zuversicht. Aber sie hält fürs erste. In der Walpurgisnacht. Und danach auch.
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Eigentlich haben wir den Vater mit zwei Kindern auf unserer Radtour nach dem rechten Weg fragen wollen, aber er kannte sich in der Gegend auch nicht besser aus als wir. Als wir gerade weiterfahren wollten, sagte er zu seinen beiden Kindern: „Schaut mal, die haben noch richtige Fahrräder wie früher. Ohne Elektromotor!“ Da hab‘ ich mich gefühlt, als wäre ich gerade auf dem Weg, ausgestopft ins Museum befördert zu werden. Ertappt als Fortbewegungs-Dinosaurier! Lebendiger Nachkomme des Freiherrn von Drais und seinem Laufrad.
Die Erfahrung, womöglich bald ins Museum abgeschoben zu werden, beschleicht mich manchmal auch auf einem ganz anderen Feld: Dem meines Gottesglaubens. Zwar habe ich noch keinen Vater getroffen, der zu seinen Kindern sagt: „Schaut mal, der glaubt noch an Gott, wie meine Oma früher!“ Aber in einer plural gewordenen Welt fahren die Menschen auf ganz verschiedenen Fahrrädern durch die Gegend. Das „Gottesfahrrad“ ist dabei nur eines von vielen.
In seinem Buch „Gott fährt Fahrrad“ bringt der niederländische Schriftsteller Maarten´t Hart Gottes Anwesenheit in der Welt mit dem Bild des Fahrradfahrens in Verbindung. * In seinem kindlichen Gemüt deutet er die leichte Unbeschwertheit, mit der ihm ein Radfahrer entgegenkommt, als Bild für Gott. Als Kind weigert er sich, sich von einem Fremden auf dem Lenker des Fahrrades mitnehmen zu lassen. Später deutet er das als Entscheidung gegen Gott.
Wahr daran ist für mich: Auch mein Glaube an Gott ist keine Erfindung der Moderne. Nicht abhängig von High Tec und Hochgeschwindigkeit. Wie das schlichte Rad, das Maarten `t Hart mit Gott in Verbindung bringt. Mein Glaube ist etwas, das aus alten Zeiten an mich gekommen ist. Durch meine Eltern. Durch andere Menschen, die mich geprägt haben. Durch eine Kirche, in der jeder und jede auf den Schultern von denen steht, die vorher gelebt und geglaubt haben. In der Bibel wird von einer „Wolke der Zeuginnen und Zeugen“ gesprochen. „Sie haben schon früher empfangen, womit wir uns heute in der Welt zurechtfinden können.“ Ob das auf Dauer mit einfachen alten Fahrrädern geht, oder ob wir andere Hilfsmittel des Glaubens brauchen, wird jede Generation, jeder glaubende Mensch für sich selbst entscheiden müssen. Das Museum, in dem Glaubende vor sich hin verstauben, kann derweil aber ruhig erst einmal geschlossen bleiben.
* Maarten ´t Hart, Gott fährt Fahrrad, Piper München 2008
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„Wenn ich ganz ehrlich bin: Die Kirche vermisse ich nicht!“ Im ersten Moment hat mir dieser Satz meiner Physiotherapeutin fast die Schuhe ausgezogen. Dabei hätte mich so eine Bemerkung eigentlich nicht überraschen dürfen. Untersuchungen zur Kirche gibt es schließlich zuhauf. Sie kommen alle zu ähnlichen Ergebnissen. Aber dieses Mal war es eben ein Originalton. Von einer sympathischen Frau, mit der ich schon mehrmals über meinen Beruf gesprochen hatte. Und natürlich auch über die Kirche. Dieses Mal hatte sie mich gefragt, wo es in ihrem Wohngebiet eigentlich eine Kirche gibt. Ich konnte ihr gleich mehrere nennen. Aber die sind ihr bisher noch gar nicht aufgefallen. Sie sagt: „Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt in einer Kirche gewesen bin!“ Und dann, quasi als Krönung: „Wenn ich ehrlich bin: Ich vermisse sie auch nicht!“
Nach meinem ersten Schock hat uns ihre ehrliche Bemerkung ein offenes Gespräch beschert. Ich habe verstanden: Es haben sich bei ihr in den letzten Jahren einfach keine Berührungspunkte zur Kirche mehr ergeben. Keine Beerdigung. Keine kirchliche Trauung im Freundeskreis. Ein Trauritual aber schon. Das habe ihr gefallen. „Warum?“, frage ich? „Ja, das ist doch ein großer Schritt!“, sagt sie. „Mehr als nur zusammenzuziehen. Da muss doch ein Segen her!“ Jetzt waren wir aber mittendrin. Sie vermisst nichts. Aber es muss doch ein Segen her! Jetzt stand ich wieder mit beiden Füßen fest in meinen Schuhen drin.
Wie kritisch oder distanziert Menschen auch zu Kirche und Religion stehen: Beim Thema Segen gibt’s meistens uneingeschränkte Zustimmung und große Neugier. Segen braucht der Mensch! Sonst würde er wohl doch etwas vermissen. Kirche nein. Oder nicht unbedingt. Aber Segen ja! Dieser Satz stimmt mich zuversichtlich. Denn ich drehe ihn am liebsten um. Wo’s um Segen geht – wo Segen nachgefragt wird, da ist für mich Gott im Spiel. Da ist für mich Kirche. Verborgen vielleicht. Etwas windschief womöglich. Manchmal eher als Ruine. Aber im Grundriss immer noch erkennbar. Denn der Segen ist für mich das Grundgerüst der Kirche. Ob in der vertrauten geprägten Form wie in fast jedem Gottesdienst. Oder ganz frei und auf eine konkrete Situation hin formuliert. Also nicht: „Kirche nein. Segen ja!“ Sondern „Segen ja! – und du bist mittendrin. Mitten in der Kirche und mitten in der Welt!“ Einen gesegneten Tag wünsche ich Ihnen heute!
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