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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

29AUG2025
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Anfang dieses Monats hat Präsident Trump die Chefin des amerikanischen Amtes für Arbeitsstatistik entlassen, eine höchst kompetente langjährige Beamtin. Der einzige Grund für die willkürliche Entscheidung offensichtlich: ihm passten die veröffentlichten Zahlen der Arbeitslosen nicht, er will Erfolgsmeldungen um jeden Preis. Da wiederholt sich die uralte Geschichte: man bestraft den Überbringer der unangenehmen Botschaft; die selbst aber will man sich vom Leibe halten, sie täte weh und erforderte den Blick in den Spiegel. Genau so ging es dem mutigen Propheten, den wir Johannes den Täufer nennen. Der predigte damals ungeschminkt und fernab vom Machtzentrum Jerusalem in der Wüste: er las den Mächtigen dort die Leviten und taufte die Leute zum Zeichen ihrer Umkehr und Erneuerung.  Später in Galiläa musste er dem Fürsten Herodes Gottes Strafe androhen; der hatte seinem Bruder die Frau ausgespannt und lebte in wilder Verbindung, absolut gegen göttliches Gesetz und gegen königliche Vorbildpflicht. Aber statt die Kritik des Johannes ernst zu nehmen, ließ Herodes ihn ins Gefängnis werfen und später hinrichten. Heute gedenkt die Kirche dieses jüdischen Märtyrers, dem Vorläufer Jesu.

Vermutlich war Jesus zunächst ein Hörer und Schüler dieses Johannes, vielleicht dann sogar sein Assistent. Jedenfalls kam er immer wieder auf diesen mutigen und rechtschaffenen Mann zu sprechen. Sein Schicksal ließ Jesus nicht gleichgültig. Beide verbindet die feste Überzeugung, dass Gottes Reich, Gottes Weltherrschaft nahe ist. Beide waren überzeugt, dass das Unrecht in der Welt nicht ungestraft bleibt und dass es letztlich doch keine Zukunft hat.  Denn Gott ist gerecht und wirkt.   Bei Gewaltanwendung knickten sie nicht ein. Gerade heraus nannten sie Unrecht beim Namen und standen ein für Gottes Willen. Sie lebten aus der Vision, dass Gottes Weltherrschaft ständig schon im Kommen ist; er lässt jene aufstehen und auferstehen, die sich seiner Gerechtigkeit annehmen. 

Ich finde es schön, solche Menschen als himmlische Begleiter zu haben. Johannes hat damals diesem Jesus den Weg bereitet, warum sollte er es nicht auch heute bei mir tun? Ich bin nicht Alexej Nawalny oder Maximilian Kolbe, die ebenfalls mit dem Leben bezahlten. Ich brauche schon Rückenstärkung, wenn ich in der S-Bahn den Mund aufmachen will, wenn Ausländer angepöbelt werden.  Von größeren Einsätzen ganz zu schweigen. Heute, da wir Johannes des Täufers und seines Mutes gedenken, bin ich einfach dankbar, dass wir nicht bei null anfangen müssen. Wir sind umgeben von Menschen, die es vor uns gewagt haben, anständig zu sein und mit Gottes Gegenwart zu rechnen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

28AUG2025
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Gleich in der ersten Ansprache kam Papst Leo auf den Augustinerorden zu sprechen, dem er selber angehört. Tief geprägt ist er von diesem Augustinus, dem genialen Nordafrikaner aus dem heutigen Tunis. Von ihm übernahm der Papst auch das Motto für seinen eigenen Dienst, ziemlich aktuell auch für heute:“ in illo uno unum / in diesem Einen sind wir eins“. Oder etwas ausführlicher übersetzt: „in ihm, der eins ist mit sich und allem und Gott, sind wir eins“. Damals im Zerbrechen des römischen Reiches und der begonnenen Völkerwanderung eine brandaktuelle Maxime: Einheit in Vielfalt, wirkliche Verbundenheit aller Geschöpfe untereinander und mit Gott, Zusammengehörigkeit also und nicht egoistische Ausgrenzung.  Gemeint mit dem Einen ist natürlich Christus: in ihm hat sich Gott mit jedem Menschen gleichsam vereinigt, wie das letzte Konzil sagte, er ist der Inbegriff des Friedens. Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild, und Christus dabei ganz besonders.

Was ich bei Augustinus besonders sympathisch finde: er ließ sich Zeit mit seiner Christwerdung; er liebte das wilde Leben; von dem, was man so Heiligkeit nennt, keine Spur. Er lebte während der Studien in Karthago und hatte eine Lebensgefährtin, die er später freilich schnöde zurückließ – gewiss kein Ruhmesblatt.  Ehrgeizig und sinnenfreudig, war Augustinus auf schnelle Karriere aus, und das gelang dem Hochbegabten auch. Kaum 30-jährig wurde er in Mailand Lehrer und schnell Professor. Konsequent auf Wahrheitssuche, ließ sich Augustinus nicht mit halben Antworten abspeisen. Unermüdlich durchstreifte er fragend die damaligen Sinnangebote, bis er dann endlich fündig wurde und sich taufen ließ.

 „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ – kaum ein Satz wird so oft zitiert wie dieser aus den großartigen Bekenntnissen des Augustinus, der ersten Autobiografie der Menschheit und nicht zufällig ein einziges Gebet.  Gott, „du bist mir innerlicher als ich mir selbst, du bist mir höher, überlegener als ich selbst ...“. Tiefste Innerlichkeit im eigenen Leben und entschiedenste Mitverantwortung für die Weltverhältnisse gehören bei Augustinus zusammen, vielleicht war er der wirkmächtigste aller christlichen Theologen: Seelsorger und Bischof, Kirchenpolitiker und Startheologe. Vor allem war er ein liebender Mensch, ergriffen und ergreifend. Heute ist der kirchliche Gedenk- und Namenstag für diesen Heiligen. Wie gut, dass wir solch himmlische Begleiter haben.

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SWR Kultur Wort zum Tag

16JUL2025
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Der biblische Psalm, der mir der liebste ist, beginnt so: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Er vergibt dir all deine Schuld und heilt alle deine Krankheiten. Er rettet dich mitten aus Todesgefahr und krönt dich mit Güte und Erbarmen. Er gibt dir in deinem Leben viel Gutes – überreich bist du beschenkt.“ (Ps 103 Genfer Übersetzung). Eine tolle Zusage und Zuversicht. Klar, das klingt zunächst reichlich übertrieben; zu schön, um wahr zu sein. Aber ganz realistisch ist gleich auch von Krankheit und Schuld die Rede, sogar von Gevatter Tod. Von Schönfärberei also keine Spur, aber dennoch pure Lust aufs Dasein statt Schwarzseherei. Die ganze Realität wird ins Gebet genommen. Alles ist überglücklich in das Licht einer strahlenden Güte getaucht. Und das ist nur der Anfang, es folgen weitere zauberhafte Bilder von der Lebensmacht namens Gott. „So hoch der Himmel über der Erde ist, so überragend groß ist seine Güte über allen, die ihn lieben und ehren. Wie Vater und Mutter ihren Kindern liebevoll zugewandt sind, so begegnet Gott allen, die mit ihm rechnen und ihn ernst nehmen. Er weiß ja, was wir für Geschöpfe sind.“

Diese Verse sind mir besonders ans Herz gewachsen. Ein richtiges Kontrastprogramm zum üblichen „wie du mir, so ich dir“. Man spürt förmlich, wie diese Psalmverse die üblichen Mechanismen von Verrechnung und Vergeltung radikal durchbrechen. Die Fachleute sprechen plastisch auch von Sprengmetaphern. Da werden die gängigen Muster von Vorwurf und Erwartung durchkreuzt. Dass wir Mist bauen und schuldig werden, ist als fast selbstverständlich vorausgesetzt.  Nicht die Schuld ist das Problem, sondern das fehlende Vertrauen auf solche Schöpfergüte. Dieser Gott ist die Großzügigkeit in Person, nichts als freigebendes Zuvorkommen. Kein Wunder, dass jemand, der ihm glaubt, in einem anderen Psalm sagt: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Nicht auszudenken, wie die Welt aussehen würde, wenn wir aus dem Hamsterrad von Schuld und Vergeltung heraus träten. Und wenn ich aufhören könnte, mich schlechtzureden oder mir Vorwürfe zu machen.

Ja, „lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir schon Gutes getan hat“. Das sind Sätze fürs Leben, für jeden Tag. Man sollte die Psalmen essen, meinte einmal Dorothee Sölle, also nicht nur lesen, nein gut kauen und einverleiben. Es ist Kraftnahrung, es fördert die Lebensfreude und auch den Dank. Und sie öffnen die Augen. Schwarzseher und Unkenruferinnen gibt es ja genug. Also auf zum Psalmenfrühstück.

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SWR Kultur Wort zum Tag

15JUL2025
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„Aller Augen warten auf dich, du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit. Du tust deine milde Hand auf und erfüllst alles, was lebt, mit Wohlgefallen“ - mit diesem Tischgebet bin ich groß geworden. Kein Löffel Suppe, kein Bissen ohne diese Worte zuvor. Solch ein Innehalten ist nicht nur ernährungsmäßig gesund und bringt Ruhe an den Tisch und ins Herz, es stiftet auch Gemeinschaft. Einmal am Tag wenigstens so über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, tut gut. Einmal am Tag so zum Ausdruck zu bringen, dass das Dasein nicht selbstverständlich ist, dass wir ständig Beschenkte sind, ist sinnvoll. Das kann schon früh am Morgen sein, gleich zum Frühstück, und natürlich bei jeder Mahlzeit.

„Aller Augen warten auf dich“ - dieses Tischgebet stammt aus dem schönsten Gedicht- und Gesangbuch der Menschheit, den biblischen Psalmen (Psalm 104). Da findet sich dieses Loblied auf die Schöpfung und ihre Bewahrung: „Du, mein Gott, groß und erhaben bist du …, in Licht hüllst du dich wie in ein Gewand, den Himmel spannst du wie ein Zeltdach aus.“ So heißt es gleich zu Beginn, und dann werden Kosmos und Natur besungen, die Welt der Tiere und der Menschen: „wie zahlreich sind doch deine Werke … Alle Lebewesen warten auf dich, du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit.“  Welch eine Freude über den Reichtum der Schöpfung, welch ein Vertrauen in jene schöpferische Lebensenergie, ohne die wir nicht wären.

Vor allem dieses „alle Lebewesen warten auf dich“ hats mir angetan. Und die Konzentration auf die Vorgänge von Nahrung und Essen.  Wir sollten die biblischen Psalmen essen, meinte deshalb einmal Dorothee Sölle, sie sind Grundnahrungsmittel. Beten sei wie Essen: etwas zu uns nehmen, was guttut und Kraft gibt. Dieser Psalm auf die Großzügigkeit Gottes und den Reichtum der Welt kann mit beidem erfüllen: mit größtem Dank für das Dasein in dieser wunderbaren Welt, und mit Beschämung über den weltweiten Skandal von Egoismus und Geiz. Immer noch wäre ja weltweit genug für alle da und niemand müsste hungern; wenn wir nur teilen könnten und nicht raffen müssten. Dass doch endlich alle satt werden und die Speise finden, die ihnen schmeckt. Diesen Tag mit einem Psalmenfrühstück zu beginnen, ist also eine mutige Sache, und kann auch eine Zumutung sein.

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SWR Kultur Wort zum Tag

14JUL2025
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Die einen schwören auf Müsli, andere brauchen ein Ei oder Wurst, die meisten auch Kaffee oder Tee. Das Frühstück ist wichtig, jedenfalls bald am Tag die entsprechende Energiezufuhr. Das gilt auch für Geist und Seele. Morgens die Augen aufzuschlagen, ist ja nicht selbstverständlich; gut durch den Tag zu kommen, auch nicht. Früher war deshalb ein Morgengebet selbstverständlich, ein Kreuzzeichen oder ein Bibelvers, in jedem Fall ein Ritual wie das Frühstück, ein geistlicher Vitaminstoß für den neuen Tag und zu seiner Begrüßung.

Unter den erprobten Nahrungsmitteln christlicher Überlieferung stehen die biblischen Psalmen ganz oben, wunderbare Verdichtungen bewährter Gottesbeziehung. Man solle sie essen wie Brot oder Müsli, meinte Dorothee Sölle einmal. Gut beißen und kauen, gut einspeicheln und verdauen – das gibt Kraft. Heute Morgen blieb ich im Psalm 68 an folgenden Versen hängen: „Ein Vater für die Waisen, ein Anwalt für die Witwen ist Gott im Heiligtum dieser Welt. Gott schenkt vereinsamten Menschen ein Zuhause. Gefangene führt er in Freiheit und Wohlergehen“ (Ps 68,6; Genfer Übersetzung). Schon beim Lesen schmeckt mir das gut, betend erst recht spüre ich Lebenswärme und Ermutigung. Allein der Vers: „Gott schenkt den vereinsamten Menschen ein Zuhause“ – dieser Satz rührt mich. Ich denke an die extreme Wohnungsnot hier im Lande und im Lebenshaus Erde, ich denke an meine eigenen Einsamkeiten.

In solch einem Psalmenfrühstück kommen also ganz konkrete Stimmungen auf den Tisch. Auch handfeste Probleme, an denen wir uns die Zähne ausbeißen. Das Schöne und das Schwere wird ins Gebet genommen. „Laudes“ nennt man das in der kirchlichen Überlieferung, also Lob und Preis.  Wir danken fürs Aufstehen und Dasein, wir schauen in den bevorstehenden Tag – und alles wird an jenes Geheimnis adressiert, ohne das wir nicht wären - an die höchste Instanz, den Schöpfer aller Dinge, die Lebens- und Wirkkraft in allem.  

Solch ein Psalmenfrühstück ist Gold wert, die Zeit dafür lohnt sich. Und das manchmal so sehr, dass einem dann auch tagsüber dieses goldene Mantra wieder einfällt: „Gott schenkt den vereinsamten Menschen ein Zuhause“.

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SWR Kultur Wort zum Tag

21MAI2025
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Neuerdings ist viel von seltenen Erden die Rede. Das sind Erze, die z.B. für die Herstellung von Handys oder Elektroautos dringend gebraucht werden. Mir gefällt der Ausdruck, lässt er doch das Kostbare und Wichtige dieser Rohstoffe ahnen. Und zugleich lässt er mich fragen, warum nicht   Einzahl: eine einzige seltene Erde im Ganzen?  Dass es diese Mutter Erde im Universum gibt, ist ja erst recht ein seltenes Kabinettstück. Jeder Fleck Erdboden, auf dem wir so verlässlich stehen, ist ja bei Licht besehen nicht selbstverständlich. Jede Handvoll Erde im Garten ist kostbar.  Jetzt, wo die Versteppung und Verwüstung der Erde immer gefährlicher zunimmt, gilt es das umso mehr zu würdigen und zu schätzen. Wir leben nicht im Himmel, sondern auf Erden, irdisch durch und durch.

In diesen Tagen zwischen Ostern und Pfingsten ist viel vom Heiligen Geist die Rede, jedenfalls unter Christenmenschen. “Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein“ - als wären wir von allen guten Geistern verlassen und hätten nichts nötiger als diese gute, göttliche Energie. Wer in die Welt schaut, könnte in der Tat zu dieser deprimierenden Diagnose kommen. Denn mit Geist ist nicht eine weltabgehobene Kraft gemeint, schon gar nicht etwas bloß Verkopftes. Nein, es geht um die Musik im Ganzen, um die ganz konkrete irdische Wirklichkeit, darum, wie wir die Welt gestalten und was uns antreibt. Gottes Geist erdet. Das lässt sich an der Lebensart Jesu erkennen. Die Leute spürten, wes Geistes Kind er ist. Wir alle wissen zutiefst, was gut ist und guttut. Nichts ist nötiger als guter, heiler und heiligender Geist.

Das lateinische Wort für Erde heißt humus. Es geht um jene Erde, die wir im Garten in die Hand nehmen, auf der wir stehen, ja die wir sind. „Staub bist du, und zum Staube kehrst zurück“, lautet der alte ernüchternde Satz, mit dem wir in den Schoß der Mutter Erde zurückkehren.  Und das lateinische Wort für Demut heißt humilitas, irdisch werden und auf den Boden der Tatsachen kommen. Nicht herum spinnen und hoch hinauswollen, nicht herum jammern und das Irdische schlechtmachen. Nein, der Heilige Geist erdet den Himmel und himmelt die Erde an, er macht menschlich, mitmenschlich und zutiefst irdisch.  Seltene Erden. Seltene Erde. Komm, Heiliger Geist, gib uns Erdnähe und Bodenhaftung.

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SWR Kultur Wort zum Tag

20MAI2025
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Einmal fragte ich Franz Kamphaus, den verstorbenen Bischof von Limburg: „hast du eigentlich Bilder für das, was im Tod auf Dich zukommt, und wo wir hingehen.“ Lange schwieg er und dann sagte er wie von weit her: „Feuer“. Ich war total überrascht, wir haben es nicht weiter besprochen, aber mir wurde immer klarer: da spricht ein Begeisterter. In seinem Leben und Wirken brannte das Feuer jener großen Leidenschaft, die Christenmenschen Glaube nennen. „Verkündet den Armen die frohe Botschaft von Jesus“ – das war das Motto seines Lebens und dafür brannte er. Es ist eine Lebensfrage für jeden von uns: wofür brenne ich, wovon bin ich begeistert, worauf hoffe ich?

Jetzt in diesen Tagen zwischen Ostern und Pfingsten muss ich oft daran denken: dringend bitten wir Christen um das Feuer des Heiligen Geistes. „Dich sendet Gottes Allmacht aus im Feuer und im Sturmes Braus, du öffnest uns den stummen Mund und machst der Welt die Wahrheit kund“. So heißt es in einem alten Pfingstlied. „Entzünd in uns des Lichtes Schein, gieß Liebe in die Herzen ein, stärk unsres Leibs Gebrechlichkeit mit deiner Kraft zu jeder Zeit.“

Aber ehrlich gesagt: das deutsche Wort „Geist“ klingt so vergeistigt, so abgehoben und luftig. Viele können damit nichts anfangen. Ich übersetze „Geist“ hier gerne mit Energie, es geht ja um eine göttliche Wirkmacht, die Menschen bewegt und begeistert, wie Bischof Kamphaus.  Nicht zufällig haben wir derzeit das Thema „Sonnenenergie“ auf der Tagesordnung. Dieser Feuerball namens Sonne ist eine wunderbare Energiequelle. Kein Zufall, dass unsere Vorfahren in den Religionen diesen himmlischen Licht- und Wärmespender zum Symbol gemacht haben für alles, was Licht und Leben schenkt. „Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf in unserer Zeit“. In der pfingstlichen Bitte an den Heiligen Geist geht es um Lebensenergie. „Entzünde das Feuer deiner Liebe in uns „, beten wir dann.  Sonnenenergie auf den Dächern der Häuser und Balkone, vor allem aber in unseren Herzen und Beziehungen. Wie bei Bischof Kamphaus heißt es im Kirchenlied: „Entflamme Sinne und Gemüt, dass Liebe unser Herz durchglüht, und unser schwaches Fleisch und Blut in deiner Kraft das Gute tut.“ 

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SWR Kultur Wort zum Tag

19MAI2025
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Längst gehören die Windräder in deutsche Landschaften. Ob an der See oder im Schwarzwald oder auf den Höhen entlang des Rheintals. Wind ist ein wichtiger Energielieferant geworden. Und im Prinzip ist das ja nicht neu: Ohne frische Luft kein Leben, im großen nicht und nicht im kleinen. Die alten Windmühlen erzählen noch davon, und mit jedem Atemzug machen wir von der Luft Gebrauch. Auf und Abwinde im Segeltörn des Lebens, und immer die Kunst, die eigenen Segel richtig in den Wind zu stellen und Flauten möglichst zu vermeiden.

Warum erinnere ich an solche Wunder der Natur und Technik? Sie helfen mir, das Geschenk des Heiligen Geistes zu würdigen. Jetzt in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten sind wir Christen besonders dabei, um diese göttliche Energie zu bitten. „Komm, Heiliger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit Deiner Kraft“ heißt es z.B. in einem uralten Lied. In einem anderen wird gesungen: „Atme in uns, Heiliger Geist.“  Christen nehmen also Jesus beim Wort; er selbst ist leider nicht mehr da, so handfest wie Sie und ich; er ist vorausgegangen, aber er hat eine gewaltige Hoffnungsspur hinterlassen, mehr noch: er hat eine unschätzbare Perspektive eröffnet. Heiliger Geist, das meint die Ausstrahlung Jesu, die Kraft in seinem Vermächtnis., ihn selbst. Wie der an Gott glaubte und sich den Mitmenschen zuwandte, wie er Unrecht und Lüge beim Namen nannte und dafür sogar mit seinem Leben bezahlte – unfassbar diese Energie. Es geht also um Frischluftzufuhr der besonderen Art, um jenen frischen Wind, den die Leute damals schon zu spüren bekamen – eben heiligen Geist, einen guten schöpferischen. Komm Schöpfer Geist, hilf uns auf in all der Erschöpfung, lass uns durch- und aufatmen.

Niemand kann sich den Heiligen Geist vorstellen, aber die Sache mit der Windkraft und dem Atem hilft mir ungemein. Das spüre ich bei jedem Durch- und Aufatmen. Frische Luft, guter Geist – welch ein Geschenk. Im schönsten Gebet, das ich kenne, „Komm, herab, o Heiliger Geist“, heißt es in einer der zehn wunderbaren Strophen: „Ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein und gesund.“ Ich kenne Menschen, die das täglich beten. Es schenkt ihnen Kraft in Krisen und Krankheit, es vertieft die Freude am Leben, und den Mut dazu, gerade im Altwerden. Kurzum:  es tut unendlich gut.

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SWR Kultur Wort zum Tag

12MRZ2025
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Anfang April vor 80 Jahren ist der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hingerichtet worden, nach fast zwei Jahre Haft „wegen Zersetzung der Wehrkraft“. Dabei kämpfte er nur für die Absetzung der Nazi-Herrschaft und eine gerechtere Welt. „Widerstand und Ergebung“ waren sein Leben, so hat man seine tiefsinnigen Gefängnisschriften überschrieben. Darin findet sich folgendes Gedicht mit der Überschrift „Christen und Heiden“, eine Art Lebenssumme des Christlichen. Dicht wie ein Telegramm sind diese drei Strophen.

„Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, / flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, / um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.“

Schon dieser Anfang gibt zu denken, denn viele heute gehen nicht mehr zu Gott, in ihrer Not nicht und nicht in ihrem Glück. Am Sprichwort „Not lehrt beten“ ist freilich doch mehr dran, als man denkt. Denn selbst wer an Gott nicht mehr glauben kann oder will, an einen allmächtigen schon gar nicht, braucht Adressaten - für seine Nöte und Bitten und wohl auch für das ebenfalls wichtige „Danke“. 

„Menschen gehen zu Gott in Seiner Not, / finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, / sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod, / Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.“

Mit dieser zweiten Strophe kommt überraschend gleich die Wende: nicht unsere Not, sondern Seine. Abschied vom allmächtigen Gott, dem Alles-Könner und Alles-Macher. Von Gottes Ohnmacht ist da die Rede, und dass er oder sie eine Schwäche hat für uns und die Welt: Gott selbst in Not ist. Hier im Rheingau, wo ich lebe, gibt es einen alten Wallfahrtsort „Not Gottes“; da pilgern die Leute zum Schmerzensmann Jesus, er „trägt die Sünden der Welt“ und schafft sie weg. Dieser Gott sucht Mitliebende, Mitarbeitende, Mitleidende.  Und dann die dritte Strophe:

„Gott geht zu allen Menschen / in ihrer Not, / sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot, / und vergibt ihnen beiden.“

So übernimmt Gott selbst die Regie, und das im Geben und Vergeben, wie es seine Art ist. Das nennen wir Christen dann Ostern, den Anfang der wahren Welt mitten schon in der noch falschen. Dafür hat Bonhoeffer gelebt, das ist das Geschenk des Christlichen, Grund der Hoffnung für alle. Aus Gottes Vergebung zu leben und sie zu bezeugen, das ist es.

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SWR Kultur Wort zum Tag

11MRZ2025
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„Die Furcht vor der Freiheit“ heißt das Buch, vor 80 Jahren auf Deutsch erschienen und immer noch brandaktuell. Geschrieben hatte es der deutsche Psychoanalytiker Erich Fromm. Als Jude musste er vor den Nazis fliehen. Noch während des Weltkrieges damals wollte er genauer verstehen, warum so viele Deutsche dem braunen Verführer namens Hitler gefolgt sind. Und überhaupt: was sind „die Gründe für die totalitäre Angst vor der Freiheit“?  Woher diese verbreitete Neigung, andere hochzujubeln oder zu verteufeln? Warum sich hinter anderen verstecken?  Erich Fromm analysiert die Ich-Schwäche dahinter, die Angst vor eigener Verantwortung und letztlich die Weigerung, wirklich erwachsen zu werden. Zwar habe der moderne Mensch wahnsinnig viel erreicht, aber irgendwie sei da diese Angst vor der eigenen Courage, die Angst vor einem wirklich eigenständigen Leben.

Drei Fluchttendenzen macht der große Zeitdiagnostiker aus. Zuerst die Flucht ins Autoritäre. Wo man sich selbst hilflos und überfordert fühlt, sind andere willkommen, die Sicherheit versprechen und die angeblich glasklar wissen, wo es langgeht. Erich Fromm findet dahinter sehr viel eigene Unsicherheit; weil man und frau sich selbst nichts zutrauen, kommen sie nicht aus der Deckung, ihnen fehlt die Kraft zur eigenen Meinung.

Zweitens die Flucht ins Destruktive. Man jammert oder flucht über andere, weil man sich selbst nicht gut findet und nicht klarkommt. Da wird dann alles niedergemacht, was den eigenen Wünschen im Wege ist. Erich Fromm hat diese Tendenz zum Zerstörerischen an der Biografie Hitlers veranschaulicht. Wo viel Demütigung und Enttäuschung erlitten wurde, entstehen Ressentiment und Rachsucht. Und letztendlich manifeste Gewalt.

Und drittens die Flucht ins Konformistische: man passt sich an, man möchte nicht auffallen. Die Kunst, Ich zu sagen und Flagge zu zeigen, bleibt ungelernt. Jede wirkliche Veränderung wird so zur Bedrohung, man passt sich lieber an und trottet mit.

Wie es anders ginge, hat Erich Fromm selbst in seinem Bestseller „Die Kunst des Liebens“ beschrieben. Sich lieben zu lassen und ein positives Selbstgefühl zu entwickeln, lautet da die Einladung.  Und verbunden damit: die Lust am Anderen, die Fähigkeit zu Beziehung mit ihnen. So wie man um einen anderen Menschen wirbt und freit. Meine Freiheit lebt ja von der Anerkennung deiner Freiheit, und umgekehrt. „Die Kunst des Liebens“ also – darauf kommt es an.

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