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SWR Kultur Wort zum Tag
Immer noch zählen wir unsere Jahre nach Christi Geburt, auch 2026. Gewiss: Viele sagen heutzutage lieber „nach der Zeitenwende“ - aber das trifft ja den Punkt nicht minder. Besonders in Zeiten, wo wir uns dringend die Änderung der Verhältnisse zum Besseren wünschen, und alle spüren, dass es so nicht weiter gehen kann. Die ersehnte Zeitenwende vom Auftreten Jesu Christi her zu datieren, ist eine zweifellos mutige Geschichte, keineswegs selbstverständlich und auch für das jetzt begonnene Jahr von größter Bedeutung. Heißt das doch, dass die letzten 2000 Jahre trotz allem Mist auch sehr viel Gold ans Licht gebracht haben – und nicht nur die. Das Dasein von Anfang an ist ein Gesamtkunstwerk voller Segen, nie dankbar genug zu bestaunen und zu würdigen. In der Zeitrechnung nach Christi Geburt liegt auch ein Versprechen und damit eine Hoffnung: dieser Jesus mit seinem Gott ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Es gibt keine gottlose Zeit mehr, täglich lässt sich neu anfangen in seinem Namen. „Wenn Gott für uns, wer ist dann noch gegen uns?“ fragte schon der Apostel Paulus mit Recht. (Röm 8,31) Diese Gewissheit ist mit dem Namen Jesus Christus verbunden. Sein Geburtstag ist nicht nur ein einmaliger Glücksfall, sondern eine unerschöpfliche Ressource zum Jahreswechsel und zum täglichen Leben.
Jochen Klepper hat recht mit seinem Lied: „Die Menschenjahre dieser Erde sind alle nur ein tiefes Bild, dass uns dein heilges ‚Es werde‘ am Anfang aller Zeit enthüllt. Allein in diesem Schöpfungswort besteht, was Menschen tun, noch fort. / Wir wissen nicht den Sinn, das Ende. Doch der Beginn ist offenbar. Nichts ist, was nicht in deine Hände am ersten Tag beschlossen war, und leben wir vom Ursprung her, bedrückt uns keine Zukunft mehr.“* Ja, von der Geburt her leben, von unserer eigenen und von der Jesu Christi. Ist doch damit die Zusage verbunden, dass wir selbst neu geboren werden: unser wahres Selbst kommt ans Licht und der Weltfrieden wird sichtbarer. „Nach Christi Geburt“ ist eben nicht nur eine Zeitansage, es ist ein Lebensprogramm: endlich in Christus zur Welt kommen, endlich wohlauf und in Ordnung sein. Er ist ja längst gekommen, sonst wären wir nicht und nichts. In Kleppers Lied steht dazu der jubelnde Dank: „Und was du schickst, ob Glück, ob Angst, / zeigt stets, wie du nach uns verlangst.“
* Liedgedicht „Der Herr ist nahe“, in Jochen Klepper: Das Ziel der Zeit. Die gesammelten Gedichte, Neustadt an der Orla 2013, 87f
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Noch klingen Neujahrswünsche nach, noch ist etwas zu spüren von den freien und festlichen Tagen um Weihnachten und Jahreswechsel. Noch habe ich Jochen Kleppers bekanntes Kirchenlied im Ohr: „Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. / Nun von dir selbst in Jesus Christ die Mitte fest gewiesen ist, führ uns dem Ziel entgegen.“ (Gotteslob Nr. 257) Welch tiefes Vertrauen, welch zuversichtliche Orientierung auf ein klares Ziel – und mitzitternd das Wissen, wie schwierig alles ist. „Dieses Jahres Last“ hat 1938 einen konkreten Namen: Judenverfolgung durch die Nazis, und Kleppers Frau war Jüdin, beide dadurch mit den zwei Töchtern in erheblichen Schwierigkeiten schon. Umso beschwörender die Bitte um bessere Verhältnisse, die Hoffnung auf Gottes wirkende Treue. Dreh- und Angelpunkt dabei ist Weihnachten: Erschienen ist da die Menschenfreundlichkeit Gottes, und die ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen; auf die kann man sich immer verlassen. Weihnachten ist nicht nur ein kalendarisches und liturgisches Datum, es gibt die Musik fürs ganze Jahr vor. Und jedes Kirchenlied, allesamt gesungene Gebete, ist vertrauensvoll angesungen gegen widrige Verhältnisse. Es gibt keinen Grund zu resignieren und zu schweigen, auch heute nicht.
Dieses Lied zum Neuen Jahr zieht seine Kraft sogar aus der nüchternen Einsicht, dass all unser Tun vergänglich ist, auch das Böse. Das freilich bliebe ein schwacher Trost, wenn es seit Weihnachten nicht diese besondere Zusage gäbe gemäß Kleppers Lied: „Da alles, was der Mensch beginnt, vor seinen Augen noch zerrinnt, sei du selbst der Vollender. Die Jahre, die du uns geschenkt, wenn deine Güte uns nicht lenkt, veralten wie Gewänder.“ Jeder Augenblick trägt das Wasserzeichen von Gottes führender und fügender Gegenwart – die aber will erbeten und gelebt, ersungen und auch erlitten sein. „Wenn deine Güte uns nicht lenkt“ - das heißt ja auch: wenn wir uns von deiner Güte nicht lenken lassen. Die christliche Zentralbotschaft „Erschienen ist die Menschenfreundlichkeit Gottes“ will täglich gehört und gelebt sein. Welch gutes Vorzeichen am Anfang eines neuen Jahres - diese alles bestimmende Grundüberzeugung. Dank und Bitte zugleich: „Der Du allein der Ewige heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt im Fluge unserer Zeiten: bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten!“
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Früher hatte man mehr Zeit. Da feierte man Weihnachten vierzig Tage lang. Erst am zweiten Februar, an Mariä Lichtmess, wurden die Krippen abgebaut und die Christbäume entfernt. Dass Christus geboren wurde, war so umwerfend, dass man mehrere Wochen brauchte, um das einigermaßen zu verkraften. Zu groß war die Freude, zu unglaublich das Ereignis: „Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget, / sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget“ - so heißt es in einem der schönsten Weihnachtslieder, vom evangelischen Mystiker Gerhard Tersteegen (Gotteslob Nr. 251). Und weiter: „Gott ist im Fleische. Wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen.“ Himmel und Erde werden da als Zeugen aufgerufen, und können sich vor Freude nicht einkriegen.
Nein, ich will die Uhr nicht zurückdrehen. Das Weihnachtsfest liegt längst hinter uns, fast zwanzig Tage schon. Das Neue Jahr hat schon wieder Fahrt aufgenommen. Aber ehrlich gesagt: ich bin mit Weihnachten noch nicht fertig, ganz im Gegenteil. Nicht nur, dass solche Liedverse nachklingen und schöne Erinnerungen da sind. Die Botschaft selbst ist so aktuell, dass ich sie ins Neue Jahr mitnehmen möchte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden“ – was könnte wichtiger sein? Dass mit diesem Jesus endgültig der Durchbruch geschafft ist, ist ja wirklich unglaublich. „Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden“, dichtete Tersteegen. Frieden ist möglich geworden, überall und jederzeit abrufbar. Freundschaft ist das grundlegende Beziehungsmodell, nicht Rivalisieren und Kriegen. Ja, Weihnachten ist nicht nur ein Datum im Kalender, es ist das Vorzeichen zuversichtlichen Lebens. Recht hatten unsere Vorfahren, wenn sie fortan alles „nach Christi Geburt“ datierten – als wär‘s der Notenschlüssel zum ganzen Jahr, eine Art Wasserzeichen für jeden Tag.
Freilich: Zur Weihnachtsgeschichte gehört auch, was wohl alle zu spüren bekommen: Menschwerden ist nichts für Feiglinge, und der Lebensweg Jesu war nicht ohne. Auch seine Geburt wird schon vom Kreuz her erzählt, und beides im Licht von Gottes Schöpfertreue und Auferweckungskraft. Der Lebensweg zur österlichen Vollendung kann sehr mühsam sein. Billiger ist schon Weihnachten nicht zu haben. Das zu erfahren und zu leben, ist jeder Tag eine Chance, eine gesegnete.
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„Behutsam leise nimmst du fort die Dämmrung von der Erde,/ sprichst jeden Morgen neu dein Wort: es werde, es werde“. Dieses Lied zum Tagesbeginn ist mir besonders lieb. Zum Weltjugendtag 2005 in Köln gedichtet, nimmt es zärtlich ins Gebet, was anscheinend selbstverständlich jeden Tag geschieht: das Aufwachen. Völlig abrupt oder doch besser gemächlich tauchen wir auf und erblicken das Licht der Welt. Als würde eine Augendecke langsam weggezogen, damit wir uns an den neuen Tag und die neue Welt gewöhnen. Noch Dahin-Dämmern hat zwar seinen besonderen Reiz, die Augen noch ein paar Momente geschlossen halten und nur mit allen Sinnen das Da-Sein spüren. Aber dann der ganze Augenaufschlag und der Sprung aus dem Bett und in den Tag.
Das Lied, selbst leise behutsam, verbindet dieses all-tägliche Geschehen es mit den biblischen Geschichten von der Schöpfung: Gott spricht sein „es werde, es werde“. In der Tat: das morgendliche Erwachen ist ein Schöpfungsvorgang, ein neuer Tag voller Möglichkeiten. Mit dem Augenaufschlag spricht oder springt uns Neues an. Auch das schon Bekannte und Gewohnte kann angeschaut und bewältigt werden. Und immer die göttliche Botschaft darin: „es werde, es werde“. Da drückt sich eine Lust am Leben aus. Wie ein werbender Lockruf oder eine ausdrückliche Einladung. Schau nicht zurück, ruh dich im Bisherigen nicht aus. Und vor allem: sag nicht, es bleibt alles beim Alten; wage den Werdeschmerz wie bei jeder Geburt. Es ist ein neuer Tag, neues Glück, neue Chancen. Auch wenn alles so aussehen sollte wie gestern und vorgestern – du kannst es heute neu sehen, du kannst dich selbst, deine Hoffnung und deinen Alltag neu entdecken und gestalten, mit neuen Prioritäten z.B., mit neuer Geduld und Liebe. „Es werde, es werde“ – ein Schöpfungswort, eine göttliche Ermutigung zum Leben.
„Es werde Licht an diesem Morgen, in dem das Alte neu erstrahlt, erscheinen wird, was noch verborgen,/ in Farben bunt das Leben malt.“ So geht die erste Strophe weiter. Und auch die drei folgenden singen einladend von diesem schöpferischen „es werde, es werde“. Eigentlich haben sie genau das im Sinn, was wir einander ständig wünschen: einen guten Tag.
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Gut geschlafen? Eines dürften wir heute Morgen alle gemeinsam haben - mit Ausnahme derer die, aus der Nachtschicht erst nach Hause kommen: wir sind aufgewacht, genauer noch: wir sind aufgeweckt worden. In jedem Fall war es die innere Uhr, vielleicht auch der Wecker, womöglich eine zärtliche Berührung oder schlicht der schnöde Pflichttermin. Ja, wir sind aufgewacht hinein in den Tag, wir sind aufgeweckt aus dem Schlaf. So konkret ist das gemeint mit der Auferweckung der Lebenden und der Toten. Heraus dem Schlaf, der ja als des Todes Bruder gilt. Heraus aus der Nacht. Auferweckt, um das Licht der Welt zu erblicken. Gerade jetzt im Totenmonat November, wo die Tage immer kürzer werden, ist das eine aufregende Sache, eigentlich ein ständiges Wunder. Statt „gut geschlafen“ könnte ich also auch fragen: „Bist du schon da, bist du schon aufgewacht und aufgeweckt?“ Gibt es etwas Schöneres als einen aufgeweckten Menschen, ganz da und bereit für den Tag, so kurz oder schwer der auch werden mag? Und wie schade, wenn man mit dem falschen Fuß aufgestanden ist und nicht so recht hineinkommt ins Licht und ins Leben.
Es ist kein Zufall, dass diese Bildrede von der Auferweckung biblisch in den Mittelpunkt christlicher Hoffnung rückt. Gott, „der du Jesus aus den Toten erweckt hast“, so lautet das älteste Osterbekenntnis. Man jubelt darüber, wie treu und verlässlich dieser Gott ist: nicht nur aus Ägypten und Babylon, Inbegriff aller Gewaltsysteme, rettet er. Auch aus dem Todesschlaf. Jesus ist den Glaubenden der „Aufgeweckte“ schlechthin, in allem hellwach für Gottes Gegenwart. Jeder Tagesbeginn ist schon ein kleiner Ostertag. In einem uralten Hymnus heißt es: „Christus, du bist der helle Tag,/ dein Glanz durchbricht die dunkle Nacht./ Du Gott des Lichtes kündest uns/ das Licht, das wahrhaft glücklich macht.“ In jedem Fall freue ich mich, dass ich heute Morgen aufgeweckt wurde und aufgewacht bin, und so diesen Tag beginnen darf.
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„Seht, golden steigt das Licht empor,/ da schwindet hin die dunkle Nacht/ die unsern richtungslosen Schritt/ hart an des Abgrunds Rand gebracht.// Des neuen Tages heitres Licht/ dringt tief in unsere Seele ein/ und macht, von Arglist, ungetrübt,/ des Herzens Streben klar und rein.“ So beginnt eines der uralten Morgengebete, die ich auch heute gern spreche: ein Hymnus auf das Morgenlicht, ein Staunen über die Sonnenstrahlen trotz so viel Dunkel. „Morgenstund hat Gold im Mund“, hoffentlich. Immer geht es um das Zusammenspiel von draußen und drinnen: Licht in der Natur und Erleuchtung im Herzen, Klärung und Aufklärung. Deshalb betont die dritte Strophe: „Von Aug und Zunge, Mund und Hand/ bleib jede böse Regung fern;/ so führe uns der neue Tag/ aus Finsternis zum Licht des Herrn.“ Jeder Sonnenaufgang also eine große Chance, jeder Tag der erste von den letzten, die uns noch bleiben.
In diesen alten Hymnen auf das Licht der Welt wird ganz selbstverständlich schon in der Früh an den Abend gedacht: „Und jener letzte Morgen einst,/ den wir erflehn voll Zuversicht,/ er finde wachend uns beim Lob/ und überströme uns mit Licht.“ Eine kühne Vorstellung ist das, aber höchst realistisch: dieser Morgen heute ist der erste von denen die noch kommen. Und die sind befristet. Die Sterbestunde möge wie eine Morgenstunde sein, wie ein Sonnenaufgang im Abschied, um das Licht der neuen Welt zu erblicken. In einem Hymnus des spanischen Dichters Prudentius heißt es: „Wenn unser letzter Tag sich neigt,/ dann wehre, Herr, der Finsternis/ und führe uns in deiner Huld/ zum Licht, das keinen Abend kennt.“
Wir sind mitten im November, nicht zufällig der Monat des Totengedenkens. Das Jahr geht zu Ende, die Tage werden kürzer, die Winterzeit beginnt, manche werden richtig trübsinnig oder gar krank, weil ihnen das Licht fehlt. Da ist jeder Sonnenaufgang wie eine Medizin. Leben heißt eben immer auch, sterben lernen. „Und jener letzte Morgen einst, er finde wachend uns beim Lob“, voller Mut und Zuversicht also. Nicht zufällig verspricht der christliche Glaube die Auferweckung, ganz wörtlich wie heute Morgen: aufgeweckt zum neuen Tag. Das morgendliche Aufwachen wird so zur kleinen Momentaufnahme schon für das große Erwachen am letzten Tag: der „finde wachend uns beim Lob und überströme uns mit Licht“.
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In einer alten jüdischen Geschichte fragt der Rabbi: „Wann beginnt der neue Tag?“ Blöde Frage, kann man denken, ist doch klar: wenn die Nacht rum ist, wenn der Wecker klingelt, wenn die Sonne aufgeht. Das weiß der nachdenkliche Rabbi natürlich auch. Doch wie bei jeder echten Frage wird etwas Neues angepeilt, über das schon Gewusste und Selbstverständliche hinaus, deshalb gibt es ja auch keine dummen Fragen. Die Antwort des Rabbi hat es in sich: Der neue Tag beginnt, sagt er, „wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blickst und deine Schwester oder deinen Bruder erkennst. Doch bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“ Eine Antwort, die mich jedes Mal neu umhaut.
Bis dahin ist es Nacht bei uns, und das stimmt ja auch. Wenn ich mich den Tagesnachrichten aus der Ukraine, aus Gaza oder dem Südsudan überlasse, dann sieht es tatsächlich finster aus. Wenn ich den Zynismus der großen Weltpolitik mitbekomme, werde ich ratlos bis wütend. Manche sagen, die Welt sei derzeit am Taumeln. Was bisher Halt gab ist am Rutschen – politisch, sozial, auch religiös, und überhaupt. Ein Grundgefühl von drohendem Verlust frisst sich voran, als ginge es überall bergab. Das Schwarz-Weiß-Denken nimmt zu, die Stimmungen sind schnell gereizt und aggressiv gegeneinander. Dabei wäre es so einfach, wie der Rabbi sagt: dem anderen Menschen, der mir heute begegnet, wirklich ins Gesicht sehen und in ihm die Schwester erkennen, den Bruder: ob schwarz oder weiß, ob alt oder jung, ob faszinierend schön oder grenzwertig komisch, ob Aus- oder Inländerin - „alle Menschen werden Brüder“ - und Schwestern. Wenn wir diese Haltung nicht doch noch mehr in die Tat umsetzen würden. Entweder rücken wir zum globalen Dorf zusammen mit gleichberechtigter Bevölkerung oder das Ganze geht hoch wie beim Vulkanausbruch. Entweder Licht und der Blick in das fremde Antlitz, mit all der Bedürftigkeit und Schönheit darin, oder weiterhin „die im Dunklen sieht man nicht“. Der Rabbi hat Recht!
Der neue Tag, das ist nicht einfach der Sonnenaufgang kalendarisch heute am 11. Oktober, nein: es ist die Chance, dass die Schöpfung erwacht auf dem Gesicht des Mitmenschen. Und das hängt auch von unserem Blick ab, von offenen Sinnen und Gedanken. Man sieht nur mit dem Herzen gut.
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Für alles und jedes gibt es Beratung, und das ist gut so. Vom Beipackzettel für die Medikamente bis zum Arbeitsamt oder für Ehe und Familie. Offenkundig geht es oft so kompliziert zu, dass wir professionellen Rat brauchen und hoffentlich auch suchen. In früheren Zeiten gebrauchte man dafür ein altmodisches Wort: nicht nur von Kenntnis und Wissen war die Rede, sondern von Weisheit. Heute würde man vielleicht sagen: professionell und spirituell. Jüngst las ich den tollen Satz: „Weise ist ein Mensch, der von jedem etwas lernt“ - und der entsprechend etwas zu sagen hat, und zwar zum Leben im Ganzen.
Die jüngst verstorbene Margot Friedländer war solch ein weiser Mensch. Die Judenverfolgung in Deutschland überlebt, kam sie im hohen Alter aus dem Exil in den USA zurück und ging hier in die Schulen und an die Öffentlichkeit: sie wollte und konnte die Essenz ihres Lebens weitergeben: „Werdet Menschen“, sagte sie. Und nur ganz verhärtete Leute konnten sich ihrem Charme entziehen, ihrer Lebenserfahrung und ihrer Weisheit, ihrem offenen uralten Gesicht.
Im biblischen Buch der Weisheit lese ich im sechsten Kapitel: „Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit; wer sie liebt, erblickt sie schnell, wer sie sucht, findet sie … Wer sie am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe, er findet sie vor seiner Türe sitzen.“ (Weis 6,12.14) Welch goldenes Wort gleich für den Tagesanfang: was wir suchen, sitzt vor der Haustür. Wir wissen ja längst, was gut ist und gut tut. Bloß müssen wir es oft erst anderswo suchen und erfragen, und oft kann Beratung durch andere äußerst hilfreich sein, nein, nicht Beratung nur, sondern Begleitung. Wenn es da Klick macht und einleuchtet, sehen wir urplötzlich, was wir längst schon wissen. Warum denn sonst ist ein ehrliches Lob Balsam für unsere Seele? Warum tun Nachsicht und Vergebung gut? Und warum freuen wir uns am Schönen und Guten? Warum helfen wir, wenn jemand hinstürzt, fast automatisch? Es ist uns ins Herz geschrieben. Für die Bibel ist klar, dass da immer Gott im Spiel ist. Die Frau Weisheit ist von Anfang an seine Assistentin. Jetzt, heute Morgen, sitzt sie vor meiner Haustür. Ich kann sie befragen, ich kann sie in diesen Tag hinein um Begleitung bitten. „Werdet Menschen“, sagt sie. Staunt, dass ihr schon seid, was ihr werden sollt: Mitmenschen, Mitgeschöpfe.
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Die Bibel hat schon Recht: “Jeder Tag hat genug eigene Plage“, auch heute (Mt 6,34). Aber ebenso realistisch dürfen wir doch ergänzen: jeder Tag ist auch für eine schöne Überraschung gut. Man darf den Tag auch vor dem Abend loben, jetzt schon, selbst wenn ein Berg von Arbeit und Problemen vor mir liegen sollte. Einer, der das lernte und lebte, war Dag Hammarskjöld. Deshalb schaue ich gern in seine innere Glaubenswerkstatt, sein Tagebuch. Da notiert er einmal: „Jeder Tag der erste.—Jeder Tag ein Leben. Jeden Morgen soll die Schale unseres Lebens hingehalten werden, um aufzunehmen, um zu tragen und zurückzugeben.“ Dieses Bild von der Schale unseres Lebens gefällt mir. Offen sein für das, was kommt. Womöglich klingt manches von gestern noch nach, vielleicht war die Nacht nicht so gut, und man konnte nicht schlafen, aber jetzt liegt ein neuer Tag vor uns, mit all seinen Routinen und Überraschungen. Dieser Dag Hammarskjöld hat das zum Ritual gemacht: abends gut abschließen, und jetzt auf in den neuen Tag, offen und zupackend, vor allem zuversichtlich und mit viel Vertrauen. Das Bild von der leeren Schale klingt vielleicht ein bisschen idyllisch nach Kaffeekränzchen oder Teetrinken, aber Hammarskjöld war ein illusionsloser Realist, ein Arbeitstier könnte man sagen. Bloß mittendrin, als Grundhaltung von allem war ein innerer Friede, eine reine Empfänglichkeit. Dieser Mystiker der großen Weltpolitik wusste sich im Dienst eines Höheren, er vertraute dem Wirken Gottes. Seine Ein-Tages-Spiritualität finde ich sehr lebenspraktisch. Als wär‘s heute der erste Tag: was da auf mich zukommt, ist einmalige Chance, die will ich nicht verpassen. Selbst wenn es die übliche Routine wäre, heute ist heute und nur heute. Jetzt am Morgen also gilt es, die leere Schale dieses Tages hinzuhalten, „um aufzunehmen, um zu tragen, um zurückzugeben“.
Eine Mystikerin früherer Zeiten, Mechthild von Hackeborn, hat das vor gut 700 Jahren mal so beschrieben: „Wenn der Mensch wüsste, was er an einem einzigen Tag alles Gutes erleben und tun kann! Dann würde sich sein Herz, sobald es erwacht, mit großer Freude füllen: dass da ein Tag angebrochen ist, an dem er für Gott leben und sich entfalten kann. Und die Freude würde sein Herz so weit machen, dass er den ganzen Tag über zu allen Dingen, die er zu tun und zu ertragen hat, größeren Eifer und mehr Stärke hätte.“ Jeder Tag voller Chancen, dem ich dann hinhalten kann die Schale des Lebens, des Überlebens aller.
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Heute, am jüdischen Sabbat, will ich an eine wunderbare Frau erinnern, mit der ich oft im Gespräch bin. Etty Hillesum ist ihr Name, eine hellwache lebenshungrige Niederländerin. Aufgrund einer Lebenskrise beginnt die frisch gebackene Juristin Anfang 1941 ein Tagebuch - für mich eines der größten Bücher des 20. Jahrhunderts, nicht nur ein faszinierendes Dokument der Zeitgeschichte, sondern der bewegende Blick in eine spirituelle Lebenswerkstatt. „Ich will die Chronistin dieser Zeit sein“, so lautet der Titel. Der letzte Eintrag darin nach 19 Monaten ist typisch für die empathische Kraft des Ganzen: „Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein“ – geschrieben in den schrecklichen Zeiten der Nazi-Besetzung und Judenverfolgung.
Am 26. August 1941, also vor fast genau 84 Jahren, notiert die suchende Etty: „In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.“ (132) . Und ganz am Schluss ihrer Aufzeichnungen heißt es, wie im Rückblick auf den intensiven Weg des Tagebuchs: „Was war das im Grunde für eine seltsame Geschichte von mir: Von dem Mädchen, das beten lernte. Es ist meine intimste Gebärde, intimer als jede Gebärde mit einem Mann.“ (693). Ja, diese junge Frau hat Gott entdeckt und ist ein betender Mensch geworden. Im Herbst 1943 ist sie in Auschwitz ermordet worden, nicht einmal 30-jährig.
„Hineinhorchen“ – dieses deutsche Wort war für Etty Hillesum besonders wichtig. In der Tat ein Codewort authentischer Spiritualität. Im September 1942 notiert sie: „Eigentlich ist mein ganzes Leben ein einziges unablässiges `hineinhorchen`, in mich, in andere, in Gott. Und wenn ich sag: `Ich horch hinein `, dann ist es eigentlich Gott in mir, der ` hineinhorcht`. Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste im anderen horcht. Von Gott zu Gott.“ (658) Ich kenne keine genauere Umschreibung dessen, was man Mystik nennen könnte – nicht in großen Worten oder auf besonderen Höhenflügen, sondern in der ganz banalen Alltagstreue.
Übrigens wusste zu Lebzeiten Etty Hillesums praktisch niemand von ihrem Tagebuch, aber sie tat vielen gut und strahlte Zuversicht aus. Unsereinem bleiben wenigstens ihre Texte, eine wahre Schatzkammer voller Sabbatkraft.
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