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Schön, dass Sie heute morgen zuhören – Ihre freie Entscheidung; gerade eben oder irgendwann, als Sie SWR Kultur eingestellt haben. Ob der Mensch wirklich einen freien Willen hat oder ob irgendwie doch alles vorherbestimmt ist, fragen sich manche ja immer wieder mal.
Gehirnforscher haben gemessen und herausgefunden, dass das Gehirn schon in Aktion ist, bevor der Mensch sich entscheidet, jetzt den rechten oder den linken Zeigefinger zu bewegen. „Vorherbestimmt“ sagten sie – „jedenfalls nicht frei bewusst entschieden“… Kann sein – wenn es nur um ein Fingerzucken geht.
Freier Wille und menschliche Entscheidungsfreiheit: das ist aber natürlich bisschen was Größeres. Ob wir Urlaub im Zelt oder in der Hütte machen wollen – am Meer oder in den Bergen: vorherbestimmt? Na klar: Solange die Kinder klein waren und im Sand deutlich besser spielen konnten als im Gebirge: da war die Entscheidung klar. Weil das Argument einfach so eindeutig war. Und unsere Lust auf Bergwandern und Klettern und Alpenglühen und Jagertee: konnten wir aufschieben.Aber vorherbestimmt? Unfrei?
Dass jemand sich für die Eine oder den Anderen entscheidet: So viele Zufälle, so viel hormonelle Vorgänge, so viel Familien-Geschichte spielen da mit – aber unfrei – oder vorherbestimmt?
Und ja: wie ein Mensch aufgewachsen ist, ob sie oder er liebevolle Eltern hatte oder schreckliche und brutale: das alles hat auch Einfluss auf den weiteren Lebensweg, da bereiten sich viele Entscheidungen schon vor für oder gegen etwas oder jemand, für oder gegen dies oder das … Hilfreich, wenn gute und verständnisvolle Menschen an deiner Seite sind oder auch Fachleute, ein Arzt oder eine Beraterin, die aus manchen Fallen heraushelfen, die du seit Kindertagen herumschleppst.
Aber im Grunde – und das sagt übrigens auch die Bibel, gleich am Anfang: Im Grunde ist der Mensch frei. Kann sich sogar gegen den eigentlich allmächtigen Gott entscheiden; wie Eva und Adam in der Erzählung mit der Schlange und der Frucht vom Baum der Erkenntnis. Sie entscheiden sich gegen Gottes ausdrückliches Verbot – ganz frei und ohne dass Gott eingreift. Wer weiß: hätten sie das gewusst, dass ihnen dann der Tod droht, hätten sie sich vermutlich gegen die Schlange und ihre Verführung entschieden.
Aber seitdem wissen die Menschen Bescheid und können sich ganz frei entscheiden – manche leider für das Böse; und alle anderen für das Gute oder für das Bessere… hofft altfried rempe, Trier, von der katholischen Kirche.

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21MAI2024
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Wählen sie mal im Internet die Seite der US-Regierung US.gov. Alles in Englisch – und ein einziger Schalter, mit dem sie alle Inhalte auch in Spanisch kriegen. Jedenfalls auf den ersten Seiten: eins zu eins – Spanisch ist eben die Einwanderungs-Sprache in den Vereinigten Staaten.

Amerika – du hast es besser! Europa dagegen: das pure Chaos. Die EU-Seite gibt es in vierundzwanzig Sprachen plus Russisch und Ukrainisch. Welcher Aufwand – das alles zu übersetzen damit man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen kann.

Wer in den USA dabei sein will, muss sich auf die eine Sprache einlassen. Unsicher, ob das immer noch so funktioniert – aber es war eine Grund-Bedingung für die Vereinigten Staaten. Mit diesem Gründungs-Mythos wollten die frommen Gründungsväter der USA auch ganz bewusst das hinter sich lassen, was für sie und für die Bibel angefangen hat mit dem Turmbau zu Babel.

Da wollen die Menschen wie Gott werden; sie bauen einen Turm bis zum Himmel. Aber Gott zerstört den Menschen-Tempel-Turm und verwirrt ihre Sprache. Keiner versteht mehr den anderen (und mancher nicht mal mehr sich selbst…).

Das ist Mythos, natürlich; aber mit einer Wahrheit drin: den Menschen fehlt so oft das Verständnis füreinander. Und das erklärt die Geschichte vom Turmbau in Babel eben so: Es liegt daran, dass irgendwie jeder Mensch sein will wie Gott.

Die biblischen Geschichten am Sonntag, am Pfingstfest, die erzählten genau das Gegenteil. Gottes Geist kommt auf die Freundinnen und Freunde des Jesus von Nazaret. Und die reißen Türen und Fenster auf und gehen raus aus ihrer Angst.

Ganz Jerusalem hört, wie sie von ihrem Meister Jesus erzählen, der ermordet wurde und jetzt lebt; sie haben ihn gesehen. Dafür loben sie Gott. Und jede und jeder versteht sie.

Schon das ist ein Wunder – weil Jerusalem nämlich damals schon fast so multikulti war wie heute: Internationale WallfahrtsTage waren damals gerade. Und trotz der vielen verschiedenen Vaterländer und Muttersprachen: wo Gottes Geist am Werk ist, da verstehen die Menschen sich gegenseitig – und können miteinander reden statt gegeneinander loszuschlagen.

Das wäre mein Wunsch, auch noch kurz nach Pfingsten und für immer: Etwas mehr gemeinsamer Geist für alle! Könnte viele Probleme zwischen Menschen und Menschengruppen lösen – und auch im Heiligen Land helfen. Und auch Europa würde sich endlich besser verstehen trotz seiner mindestens vierundzwanzig Sprachen.

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18MAI2024
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Seit 800 Jahren liegt es malerisch am Rhein, das Schloss Beuggen direkt an der Schweizer Grenze. Heute erstrahlt es in frischem Glanz und ist ein Erholungsort für die Bessergestellten unserer Gesellschaft. Aber vor 200 Jahren war das Schloss fast ganz zerfallen – und dennoch begann gerade damals das vielleicht eindrücklichste Kapitel seiner langen Geschichte. Denn 1820 hat Heinrich Christian Zeller dieses Schloss zum Rettungshaus für arme Kinder und Jugendliche umgewandelt und damit eine Bewegung begründet, die in ganz Deutschland Schule gemacht hat. Heute ist Zellers Gedenktag, und ich freue mich, von ihm für unsere Gegenwart zu lernen.

Zeller wird in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren, die erst bei Tübingen und dann in Ludwigsburg wohnt. Der Vater ist ein angesehener Jurist. Doch die Schulzeit ist für den klugen, aber ruhigen Zeller eine Qual. Schläge sind an der Tagesordnung, und die Kinder werden vor der ganzen Klasse bloßgestellt, wenn sie ihre Aufgaben nicht gut lösen.

Zeller tritt in die Fußstapfen des Vaters, studiert Jura und beginnt, als Anwalt zu arbeiten. Seinem Naturell und seiner christlichen Prägung entsprechend hat er jedoch gar kein Interesse daran, für seine Mandanten einen Sieg zu erringen. Schließlich sieht auch der Vater ein, dass aus dem Sohn kein guter Jurist wird, und erlaubt ihm, Lehrer und Schulinspektor in der Schweiz zu werden. Doch dann gibt Zeller diese gesicherte Stellung auf und beginnt das große Abenteuer seines Lebens: den Aufbau einer Schule für „verwahrloste“ Schüler. 1820 bekommt er dafür Schloss Beuggen zur Verfügung gestellt und unterrichtet nach seinen eigenen Grundsätzen. Der Tag beginnt mit einer Andacht, und diese besteht nicht in einer abstrakten Belehrung, sondern in einem Gespräch mit den Schülern. Ebenso wie die angehenden Lehrer erhalten auch die Schüler eine handwerkliche Ausbildung. Und die Rute bleibt dort, wo sie hingehört – nämlich draußen.

Was Heinrich Christian Zeller geleistet hat und wie konsequent er seinen Weg gegangen ist, beeindruckt mich auch heute noch. Weil er dafür die Muster seiner eigenen Kindheitserfahrungen verändert hat. Indem er das nicht weitergegeben hat, was er an übergroßer Härte selbst erfahren hat. Sondern aufgrund von schlechten eigenen Erfahrungen eine neue Umgangsweise für kommende Generationen entwickelt hat. Offener, im echten Gespräch miteinander und ganzheitlich. – Aus Glaubenszuversicht eigene negative Kindheitserfahrungen in positive Muster umzuwenden: Darin will ich selbst zum Schüler des großen Lehrers und Schulgründers Zeller werden.  

Pfarrer Martin Wendte aus Ludwigsburg von der Evangelischen Kirche 

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17MAI2024
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Mehrmals im Jahr flattert ein Werbeprospekt auf meinen Schreibtisch, in dem kleine Mitgebsel angepriesen werden. Geschenke, die ich als Pfarrer bei Besuchen mitbringen kann. Da ist für jede Zielgruppe etwas dabei: Es gibt Teetassen mit pausbäckigen Puttenengeln für das gehobene Alter. Aber ich kann auch Windelpackungen bestellen mit dem Aufdruck: Einfach spitze, dass Du da bist. Besonders mag ich einen kleinen Fisch aus ganz weichem Holz. Er dient mir als Handschmeichler. Der Fisch war eine Art Geheimzeichen der ersten Christen. Denn im griechischen Wort für Fisch: Ichthys verstecken sich die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus. Den Fisch aus dem Werbeprospekt habe ich in meiner Hosentasche, und da liegt er dann neben dem Portemonnaie und dem Smartphone. Reibt sich ein bisschen an beiden. Und wenn ich mit der Hand in die Hosentasche greife, erinnert mich der Holzfisch daran, dass ich nicht zuerst dem Geld gehöre oder meinem Handy, sondern vor allem auch Gott.

Die letzte Ausgabe von diesem Werbeprospekt hat etwas Neues im Angebot: ein Kreuz, vielleicht 15 Zentimeter hoch. Und der Clou: Es ist fast unsichtbar. Ein schmaler Draht bildet den Umriss eines Kreuzes nach, und dieser schmale Draht steht auf einem durchsichtigen Glasboden. Sonst nichts. Ein fast unsichtbares Kreuz.

Ich habe mir eins bestellt und es auf meinen Schreibtisch gestellt. Ich muss schon ganz genau hinschauen, um es überhaupt zu sehen. Ansonsten verschwindet es zwischen allem anderen, was auf meinem Schreibtisch so herumsteht: meiner alten Teekanne. Dem neuen Laptop. Und den vielen bunten Notizzetteln, vollgeschrieben mit Dingen, die ich heute noch dringend erledigen muss.

Ich schaue auf das fast unsichtbare Kreuz und denke mir: So ist es vielleicht auch, wenn ich anderen Menschen begegne. Vieles fällt mir direkt ins Auge: die Kleidung und die Frisur. Es ergeben sich die ersten Gespräche über Pläne und über das, was im Alltag noch zu erledigen ist. Doch wenn ich genauer hinhöre, dann entdecke ich vielleicht auch bei meinem Gegenüber den Umriss eines Kreuzes. Etwas, das beinahe verschwindet zwischen all dem Offensichtlichen. Und was doch da ist. Ein fast unsichtbares Kreuz, das mein Gegenüber mit sich trägt: eine Not, eine Sorge, eine Angst. Ich freue mich, wenn ich diese Umrisse wahrnehmen kann. Und wenn sie sich im Gespräch nach und nach füllen.

Ein fast unsichtbares Kreuz, das mein Gegenüber trägt. Ich will heute genau hinschauen, damit ich es entdecke zwischen allen Plänen und Anforderungen des Alltags.       

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16MAI2024
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Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel“ – Dieser poetische Satz mit seinem starken Hoffnungsbild hat sich mir eingeprägt: „Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel.“ Er stammt von  Serij Zhadan, einem der berühmtesten gegenwärtigen Schriftsteller der Ukraine. Der Satz ist umso eindrücklicher, wenn man weiß, aus welcher Situation heraus es entstanden ist. Zhadan wurde 1974 in der Ostukraine geboren, als Kind hat er noch die Sowjetunion erlebt. Später engagiert er sich mit wilder Entschlossenheit für den Demokratisierungsprozess und kämpft bei der „Orangenen Revolution“ auf dem Maidan in Kiew 2014 mit. Und nun erlebt er den Krieg mit Russland im Osten seines Landes.

Das Herz der kleinsten Schwalbe ist stärker als der Nebel“: Zhadan hat diesen Satz 2020 geschrieben, als der große Krieg von Russland aus noch nicht losgegangen war. Aber der kleine Krieg war schon da, die Krim war bereits besetzt, von 2014 an. Und an der Grenze zu den russisch besetzten Gebieten wurde täglich geschossen. Zhadan setzt sich hin und schreibt Gedichte. Sie sind oftmals von Vögeln bevölkert. Er schreibt: Singende Vögel, leidenschaftliche Tenöre unserer Stimmlosigkeit/ihr habt gesungen, während die Kiefern an der Grenze leuchteten/Ihr müsst Klagelieder singen für die, die man in den Schützengräben beerdigt.

Inzwischen stochert die ganze Welt im Nebel. Nicht nur in dem, den die Raketen hinterlassen, sondern auch in einem Nebel der politischen Ratlosigkeiten: Waffenlieferungen ja oder nein? Wann welche?  „Ja, das Herz der kleinsten Schwalbe IST stärker als der Nebel“. Kein Mensch soll sich im Nebel verlieren. An den Herausforderungen des Lebens scheitern. Den Mut verlieren.

Zhadan verbindet seine Hoffnungsbotschaft mit der Aufforderung, sich für die Menschen einzusetzen, denen es schlecht geht. Für die einzustehen, die vom Schlimmsten bedroht sind. Die Zeile nach unserem Vers lautet: „Die Seele des hoffnungslosesten Vogels verdient unsere Sorge.“  - Vor vier Wochen hat Serij Zhadan aus seiner eigenen Aufforderung eine radikale Konsequenz gezogen. Er, der Poet und Friedenspreisträger, hat sich freiwillig beim Militär gemeldet. Um als ukrainischer Soldat zu kämpfen. Und auf diese Weise die Schwächsten in seinem Heimatland zu schützen. Damit gibt er an mich die Frage weiter: Wie kann ich heute Sorge tragen um die Seele des hoffnungslosesten Vogels?  

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15MAI2024
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Woraus besteht die Welt? Gibt es den einen Stoff, der allem zugrunde liegt? Jahrhundertelang haben Menschen angenommen, dass es vier Grundelemente gibt, die nicht weiter teilbar sind: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Die schönste Beschreibung dazu liefert Ovid in seinen Metamorphosen: „Vier erzeugende Stoffe enthält das ewige Weltall. Zwei von ihnen sind schwer, und es drängt sie beständig nach unten, weil ihr Gewicht sie belastet: Die beiden sind Erde und Wasser. Ebenso viele entbehren der Schwere; sie streben, weil nichts sie presst, in die Höhe: die Luft und das Feuer, das reiner als Luft ist. Aber obwohl sie räumlich getrennt sind, wird dennoch aus ihnen alles und alles zerfällt in sie.“

Feuer, Wasser, Erde, Luft. Das waren die elementaren Stoffe, die der Mensch zum Leben gebraucht hat. Bis die Wissenschaft im 19. Jahrhundert das Atom entdeckt und die Elemente sich vervielfacht haben.

Mich fasziniert das Denken in diesen alten Kategorien von Feuer, Wasser, Erde und Luft. Ich glaube, dass es uns helfen kann, den Blick wieder mehr auf die großen Kreisläufe in der Natur zu richten: auf die Zusammenhänge, die wir an so vielen Stellen missachtet und zerstört haben. Und im Gespräch mit anderen gehe ich gerne der Frage nach, welchem dieser vier Elemente sich jemand zuordnen würde: Bist du ein bodenständiger Typ, ein Schollenmensch oder eher ein Luftikus? Wofür brennst du und was lässt dich dahinschmelzen? Fängst du leicht Feuer? Oder hast du nah am Wasser gebaut? Was gibt dir Auftrieb, was beflügelt dich?

Als Christin glaube ich, dass Gott es ist, der die Welt im Innersten zusammenhält. Und in der Bibel wird erzählt, dass er sich in allen vier Grundelementen zeigt: Im Feuerschein und in einer Wolkensäule, im Beben der Erde und als lebensspendende Quelle. Ich glaube, dass er mich teilhaben lässt an diesen großen Kräften, mich buchstäblich in meinem Element sein lässt. So wie Jochen Klepper es einmal gesagt hat: „Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott ein Tropfen in der Glut, ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein Vogel, dessen Schwinge ruht. Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.“

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14MAI2024
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Versteckt am Längenbach bei Bad Liebenzell im nördlichen Schwarzwald liegt die Maisenbacher Sägmühle. Sie ist ein schönes Ziel für eine Wanderung, die ich am heutigen Tag des Wanderns gerne empfehle. Die Mühle liegt in malerischer Umgebung, und in dem denkmalgeschützten Gebäude ist auch ein Wassermuseum eingerichtet, das Sonntag nachmittags geöffnet hat.

Ein bekanntes Volkslied behauptet ja, dass der Mensch sich die Wanderlust direkt vom Wasser abgeguckt hat, denn: „Es steht nicht still bei Tag und Nacht, ist stets auf Wanderschaft bedacht, das Wasser.“ Eine Mühle, ein Müller, das Wasser und das Wandern – hier gehören sie noch ganz eng zusammen. Im Wassermuseum in der Maisenbacher Sägmühle habe ich aber noch mehr gelernt: Nämlich, dass Wasser auf seiner Wanderschaft niemals den geraden Weg nimmt. In Bächen und Flüssen schlängelt es sich durch die Landschaft, und selbst an Fensterscheiben laufen die Regentropfen in Kurven hinab. Verwirbelungen sind gut für die Wasserreinigung, und in geraden Rohren verliert Wasser an Energie und wird ganz schnell schal.

Ich glaube, dass ich auch von dieser Eigenschaft des Wassers profitieren kann, wenn ich sie mir mehr zu eigen mache: Das Mäandern für mich entdecke, mir häufiger erlaube abzuschweifen – zu Fuß und auch in Gedanken. Dann komme ich vielleicht nicht auf dem schnellsten und direkten Weg ans Ziel, aber vielleicht komme ich stattdessen frischer und gesünder dort an. Denn auf den Nebenwegen, die ich oft nur als lästige und überflüssige Umwege abtue, liegt womöglich ganz viel Potential. Und vielleicht geben mir solche Abschweifungen in Wirklichkeit viel mehr Energie als sie mir rauben.  

Für Flüsse steht fest: In begradigten Flussläufen herrscht eine höhere Fließgeschwindigkeit, aber auch eine gesteigerte Hochwassergefahr. Dort, wo Flussläufe renaturiert worden sind und das Wasser wieder mäandern darf, wie es nun einmal seine Art ist, ist die Natur widerstandsfähiger. Wäre doch schön, wenn das bei uns Menschen auch klappen würde! Geschwindigkeit rausnehmen und lustvoll mäandern.

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13MAI2024
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Zum Geburtstag habe ich ein kleines Postkartenbuch geschenkt bekommen. Es besteht aus 15 Postkarten mit Sprüchen über das Lesen, über Bücher und über das Leben an sich. Auf einer dieser Karten steht: „Gott sei Dank gibt es nicht nur die Bibel!“ Als passionierte Leserättin stimme ich diesem Satz aus ganzem Herzen zu. Ich bin ja ständig auf der Suche nach neuem Lesestoff und verbringe viele Stunden des Jahres in Bibliotheken und Buchläden. Wenn es da nur die Bibel gäbe, wäre ich komplett aufgeschmissen.

Auch in einem übertragenen Sinn gehe ich voll mit: Gott sei Dank gibt es nicht nur die Bibel. Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, in denen Wissenschaftler um ihr Leben bangen mussten, weil sie etwas entdeckt hatten, das sich nicht durch ein biblisches Zitat hat belegen lassen oder sogar einzelnen Aussagen widersprochen hat. Gott sei Dank haben die meisten Christen heutzutage einen aufgeklärten und kritischen Umgang mit ihrer Heiligen Schrift gelernt, und die Texte sind ihnen trotzdem lieb und teuer. Der Theologe Heinz Zahrnt hat es für mich treffend auf den Punkt gebracht: „Wir sollen die Bibel zwar beim Wort, aber um Gottes willen nicht wörtlich nehmen. Denn Gott hat uns sein Wort gegeben, nicht seine Wörter.“ Gott sei Dank gibt es die Bibel!

Nur in einer Hinsicht löst der flotte Spruch aus meinem Postkartenbuch auch einen kleinen Schmerz in mir aus. Denn die Bibel mag zwar das meistgedruckte und am weitesten verbreitete Buch der Welt sein, aber ich frage mich: Wer liest eigentlich noch darin? Wer greift auf der Suche nach einer spannenden Geschichte, nach einem guten Rat, nach anregender Lektüre und sinnvollem Zeitvertreib zu diesem Buch? Zu Zeiten, als sie noch das einzige Buch im Haus war, hat sie ja auch das Lesebuch ersetzt, und Kinder haben mit den biblischen Geschichten lesen gelernt. Was passiert heute mit all den Bibeln, die zu Taufen, zur Konfirmation und zur Hochzeit in zielgruppengerechter Aufmachung verschenkt werden? Martin Luther hat sich einmal gewünscht, dass die Bibel nicht nur ein Lesebuch sei, sondern zu einem echten Lebebuch werden soll. Vielleicht kann ich seinen Wunsch ja auf den Kopf stellen. Und mir wünschen, dass die Bibel wieder zu einem Lesebuch wird. Nicht nur für Kinder. Und ich bin mir sicher: Das Leben kommt dann ganz von allein.

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11MAI2024
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"Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ So sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen. Haben Sie diesen Satz auch schon so oft gehört? Und natürlich „sieht man nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“. Immer wieder müssen die weisen Sätze von Antoine de Saint Exupéry herhalten, wenn Menschen keine eigenen Weisheiten einfallen. Vor allem bei standesamtlichen Hochzeiten höre ich sie immer wieder. Ich denke manchmal, die ansonsten eher nüchterne Zeremonie soll dadurch etwas Feierliches bekommen und vor allem soll der Ehe damit ein Sinn zugesprochen werden. Aber funktioniert das mit immer gleichen Geschichten ohne Bezug auf einen Schöpfer, einen göttlichen Grund?

Die klassische „Sinn-Agentur“ war bei Eheschließungen und an anderen Schlüsselmomenten des Lebens die Kirche. Und in solchen Momenten wird mir auch wieder deutlich, warum das so ist. Der Glaube an Gott gibt unserem Leben einen Sinn, die Lehre Jesu und die Geschichten der Bibel geben mir Deutungsmuster für das, was im Leben passiert. Wir Menschen suchen zeitlebens nach Sinn und finden ihn darin, dass wir kein Zufall und keine Laune der Natur sind, sondern von Gott geschaffen und gewollt. Sein Sohn Jesus hat uns gelehrt, unser Leben für andere einzusetzen und ihm so einen Sinn zu verleihen.

Es ist sogar wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich die Einwohner wohlhabender Länder schwerer tun mit der Frage, was ihrem Leben einen Sinn gibt als etwa Menschen aus ärmeren Teilen der Welt. Denn ein Gefühl von Sinn spendet hauptsächlich der Glaube. Je reicher und gebildeter die Bevölkerung, desto mehr mache man den Sinn des Lebens an der Selbstverwirklichung des Einzelnen fest, so die Forscher. An die sinnstiftende Kraft des Glaubens reichten Individualität und Bildung aber nicht heran.

Unsere Zeit braucht Widerstand gegen die Sinnlosigkeit mehr denn je. Sie ist so verbreitet wie nie zuvor. Menschen, die an ihr erkrankt sind, finden Heilung darin, dass diese nicht das letzte Wort hat und darin, dass sie gebraucht werden. Sinn ist heilsam wie eine Medizin und nichts möchte Gott mehr als Menschen, die heil sind und auch anderen helfen können, heil zu werden.

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10MAI2024
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Ich lese: „Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.“ So steht es auf einer babylonischen Steintafel aus ca. 1000 Jahren vor Christi Geburt. Ein Beweis dafür, dass es zu allen Zeiten pessimistische Stimmen gab über die „Jugend von heute“.

Viele Jahrhunderte später war die Kriegsgeneration entsetzt über die 68er und ihre wilde Musik. Diese wiederum waren entsetzt über die mehrheitlich unkritische, nur nach Konsum strebende „Generation Golf“ und heute besteht der Gegensatz zwischen den sogenannten Babyboomern und der Generation Z, die in aller Munde ist. Ich bin selbst drin in dieser Auseinandersetzung – mit 52 Jahren als Vater zweier Töchter. Und auch bei meiner Arbeit fordert mich diese Generation mit ihren anderen Werten und Ansichten.

Was kann man denn über die „Gen Z“, wie sie auch genannt wird, sagen? Erstmal: Sie ist immer online. Das reale Leben ist mit dem digitalen verschmolzen. Das geht einher mit enormem Leistungsdruck, weil die jungen Menschen sich permanent über Social Media mit dem (vermeintlich) schönen Leben der anderen vergleichen, sich schlecht fühlen und getroffene Entscheidungen wieder in Frage stellen. Überhaupt: Es gibt viel zu viele Möglichkeiten, zu viel Information und zu wenig Zeit, um in Ruhe über Entscheidungen nachzudenken. Egal ob es also um eine Verabredung oder einen neuen Job geht. Jede Entscheidung ist nur ein Zwischenstand, bis womöglich etwas Besseres kommt.

Aber ist dies wirklich so schwer verständlich? Mir scheint das allgemein menschlich zu sein und in dieser Generation lediglich noch etwas stärker zugespitzt als dies früher der Fall war.

Der beste Weg ist ins Gespräch zu gehen und Wege suchen, uns gegenseitig zu verstehen. Dann werden beide Seiten merken, dass viele unserer Werte gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Wir Alten können Stärken fördern, das Positive sehen und die Kritik der Jungen an uns heranlassen – Zukunft gemeinsam gestalten muss das Motto sein!

Der Jugendforscher Simon Schnetzer sieht dann auch eine Eigenschaft der Gen Z, die vielleicht unerwartet kommt und uns Ältere mit ihr zusammenbringen kann: Sie sucht die Geborgenheit der Familie. Dieser Rückhalt ist ihr extrem wichtig, da so viele Beziehungen heute nur digital gepflegt werden, im realen Leben oft nicht belastbar sind. Wer nimmt dich in den Arm, wenn es dir schlecht geht und ein Like nicht hilft? Gerne jemand von uns Boomern.

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