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Ich persönlich habe es nicht so mit dem Weihnachtsmann. Mit dieser Figur konnte ich nie etwas anfangen, das war mir immer zu kitschig, zu amerikanisch. Da fliegt so ein weißbärtiger alter Mann mit Rentieren und einem Schlitten durch die Gegend und bringt Geschenke. Das ist nichts für mich, bei uns ist immer am 6. Dezember der Nikolaus gekommen und an Weihnacht selber das Christkind. Aber es hat sich scheinbar – ich will nicht sagen der Glaube-, eher das Bild oder die Erzählung vom Weihnachtsmann durchgesetzt. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich in der Adventszeit ins Fernsehen oder in irgendwelche Schaufenster schaue. Schade, denk ich mir da, aber es ist nun mal so. Dann kommt eben der Weihnachtsmann.
Aber dann, letztes Jahr zu Weihnachten hab ich ihn sogar tatsächlich gesehen. Ich habe ihn am Heiligen Abend dabei beobachten können, wie er Geschenke verteilt hat. Das hat mich selber am meisten überrascht, denn damit hätte ich nicht gerechnet. Ich gehe am Heiligen Abend gerne spazieren, ich mag die Ruhe, die festliche Stimmung, die aus den Häusern bis hinaus auf die verlassene Straße schwappt. Diese festliche Ruhe. Und wie ich diese Ruhe genossen habe, war er plötzlich da. Er hat ganz anders ausgesehen. als erwartet. Aber mir war sofort klar, wenn es einen Weihnachtsmann gibt, dann muss es der sein. Er war nicht dick, nicht einmal alt. Hatte keinen weißen Bart, da war auch nirgends ein Schlitten und erst recht kein Rentier. Im Gegenteil: Er war hager und jung. Hatte schwarzes Haar. Er hatte anstatt einer Kutsche, einen etwas verbeulten Lieferwagen. Er war schnell, rannte von seinem Auto zu den Häusern, warf die Pakete aber nicht in den Schornstein, sondern klingelte und übergab sie persönlich. Aber obwohl er so schnell war, war er offenbar nicht schnell genug, denn es war ja schon dunkel an diesem Heiligen Abend. In manchen Häusern hatte die Bescherung sicher schon begonnen. Aber für diesen Weihnachtsmann war noch kein Feierabend in Sicht. Seine Tour war noch nicht zu ende. Er hüpfte in sein Auto und fuhr eilig weiter. Kein Glockengebimmel, sondern das Dröhnen des alten Lieferwagens, zwei rote Lichter und Dieselgestank begleitete diesen modernen Weihnachtsmann in die Nacht. Ich blieb noch eine Weile stehen und hab ihm hinterhergesehen. Und ich bin ein bisschen traurig geworden. Alle freuen sich auf den Weihnachtsmann. Aber er bekommt von uns wahrscheinlich – wenn überhaupt- gerade mal den Mindestlohn.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43293Schaue ich auf das Geschehen in der Welt, die aktuelle Nachrichtenlage und die Einschätzungen vieler Menschen, denen ich begegne, so war das letzte Jahr ein ziemlich schlimmes Jahr. Und es ist ja noch gar nicht vorbei. Wo man hinschaut Kriege und Krisen und düstere Erwartungen.
Blicke ich aber auf mein persönliches Leben, so war es ein richtig gutes Jahr. Mir ist eigentlich alles gelungen. Ich habe eine Firma gegründet, was für mich eine riesige Herausforderung war - es ist alles gut gegangen. Ich habe dabei ganz neue Fähigkeiten und Talente in mir entdeckt, Dinge geschafft, die ich nie für möglich gehalten hätte. Auch privat ist mir so viel Gutes widerfahren. Alte Freunde haben sich wieder gemeldet und ich hatte viele schöne Erlebnisse. Und bei allem hatte ich das Gefühl, als sei da jemand, der auf mich aufpasst. Als gäbe es einen treuen Begleiter, der mir in allen Lagen, auch und gerade in schwierigen Situationen zur Seite steht. Ich betone das, weil ich das zum ersten Mal in meinem Leben wirklich so empfunden habe. Natürlich muss ich bei diesem Gefühl dann an Gott denken. Es sieht ganz so aus, als wäre Gott die ganze Zeit bei mir gewesen.
Wenn das so ist, dann muss ich mich zugleich aber auch fragen: Warum eigentlich? Ich bin kein besonderer Mensch, ich bin nicht besonders gut, nicht besonders gläubig, fromm schon gar nicht. Gleiche ich meinen Lebenswandel mit dem Sündenregister der Kirche ab, dann lande ich bestenfalls im unteren Drittel. Es gibt also nichts, das es rechtfertigt, dass ich in diesem Jahr so beschenkt worden bin, wenn zur gleichen Zeit Menschen verhungern, ermordet oder vertrieben werden. Während all das Elend auf der Welt passiert, scheint mir die Sonne aus dem – sie wissen schon. Das geht alles nicht zusammen. Das ist nicht gerecht. Dennoch ist es so. Dennoch bin ich der Günstling.
Offenbar ist es so, dass der liebe Gott mir bislang und vor allem in diesem Jahr, ein gutes Leben schenkt. Und das ganz unverdient, ich habe nichts dafür getan. Vermutlich klingt das komisch, aber ich glaube, das muss ich aushalten. Ich habe keinen Einfluss auf seine Entscheidungen.
Vielleicht kommt es auch gar nicht darauf an, warum mir so viel Gutes widerfährt, sondern was ich mit dem Guten mache. Vielleicht habe ich nur einen Vertrauensvorschuss bekommen. Als würde Gott sagen: Da hast Du – und jetzt mach mal. Mach es gut!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43292Ich mache gerne Sport. Vor allem Radfahren und Klettern haben es mir angetan. Und ich bin auch ganz gut, habe in beiden Sportarten ein gewisses Können und ein gewisses Talent. Ich kann ohne großes Training morgens schön radeln oder einen leichten Fels hochsteigen. Das strengt mich nicht sonderlich an, ich bin da in meinem Wohlfühlbereich. Wenn ich aber mehr will, wenn ich eine bestimmte Zeit Fahrradfahren will oder einen bestimmten Schwierigkeitsgrad klettern, dann wird es ungemütlich. Dann muss ich dafür was tun. Dann muss ich trainieren, üben, meinen Lebenswandel anpassen. Und das, ist oft unbequem. Um weiterzukommen, muss ich also meinen Wohlfühlbereich verlassen. Ich glaube, das ist in vielen Bereichen so: In unseren sozialen Interaktionen, im Beruf oder bei allen Hobbies. Wir haben in vielen Dingen eine gewisse Grundbegabung. Wenn ich weiterkommen will und mich entwickeln will, dann muss ich mich aber anstrengen. Und genauso, scheint es mir, ist es mit meiner Beziehung zu Gott. Vor allem in unserer Wohlstandswelt, haben wir uns oft so einen Wohlfühlgott zurechtgelegt. Gott ist gut und Gott ist lieb und er liebt uns immer alle. Und weil er alle immer liebt, kann ich machen, was ich will. Der liebe Gott stört mich nicht sonderlich dabei. Im Gegenteil, ich kann ihn immer heranziehen, um mich besser zu fühlen. Das funktioniert ganz gut. Wenn ich aber weiter will, wenn ich tiefer gehen will, wenn ich eine ernstere Beziehung haben will, dann muss ich mich anstrengen. Dann muss ich mich mit Gott, mit dem Glauben und letztendlich auch mit mir selbst und meiner Weltsicht auseinandersetzen. Mich den Widersprüchen stellen, mich dem stellen, was mich abstößt.
Warum ist die Welt so ungerecht, wenn Gott angeblich gerecht ist? Warum soll es gut sein nicht zu lügen oder am Freitag kein Fleisch zu essen? Was ist der Sinn des Ganzen?
Was bedeutet für mich Spiritualität?
Diese Auseinandersetzung ist anstrengend, schmerzhaft, oft einsam und macht häufig überhaupt gar keinen Spaß. Sie hat nichts mit wohlfühlen zu tun. Aber, ich denke, sie lohnt sich. Wie es sich für mich lohnt körperlich fit zu sein, hilft es auch sich geistig und geistlich fit zu machen. Aber, wie gesagt, das ist eben mit Aufwand verbunden. Ich glaube aber, man muss den Wohlfühlgott hinter sich lassen, um sich dann wirklich mit Gott wohlfühlen zu können. Es ist zu wenig auf dem Status stehenzubleiben, dass Gott uns alle immer liebt. Obwohl er das natürlich tut.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43291Was für ein Pech! Ich wollte zu einer Veranstaltung gehen und alle Parkplätze waren schon besetzt. Nur einen kleinen Grünstreifen gab es noch – der würde für mich schon ausreichen, dachte ich. Doch kaum stand ich darauf, steckte ich fest. Da lag nämlich ein großer, flacher Stein, den ich übersehen hatte, und jetzt kam ich mit dem Auto weder vor noch zurück. Ich stieg aus und fühlte mich völlig hilflos.
Da kam ein Mann auf mich zu, der mein Ungeschick mitbekommen hatte. Er meinte: „Vielleicht kriegen wir es mit einem Wagenheber hin“. Aber wo war der nur? Der Mann fand ihn und mit gemeinsam Kräften bekamen wir das Auto innerhalb von ein paar Minuten wieder frei. Mit so viel spontaner Hilfsbereitschaft hätte ich nicht gerechnet, aber der Mann meinte: „Wenn ich was kann, helfe ich gern“.
Der Satz ist mir nachgegangen.
Tatsächlich erlebe ich das auch so. Wenn ich andern mit meinen Fähigkeiten weiterhelfen kann, fühlt sich das gut an. Zu spüren, hier kann ich positiv etwas bewirken. Das stärkt auch mein Selbstvertrauen.
Umgekehrt fällt es nicht immer leicht, andere um Hilfe zu bitten, vor allem dann, wenn ich denke: ich müsste es alleine schaffen. Wie stehe ich denn vor den andern da? Falle ich ihnen nicht zur Last? Und wie stehe ich vor mir selbst da? Bedürftig zu sein, das kratzt manchmal am Stolz. Ich möchte unabhängig sein, meine Dinge selbst regeln.
Hilfe brauchen und anderen eine Hilfe sein – beides gehört für mich zusammen. Es tut nicht gut, nur auf eines festgelegt zu sein. Dass ich immer wieder auf Hilfe angewiesen bin, lehrt mich dankbar für meine Mitmenschen zu sein und ihre Fähigkeiten zu schätzen. Eine Hilfe für andere zu sein, macht mir bewusst, was ich für andere tun kann, und lässt mich manchmal über mich selbst hinauswachsen.
Das gilt auch für meinen Glauben. Ich darf Gott um Hilfe bitten, wenn ich nicht mehr weiterweiß – und sei es in einem kurzen Stoßgebet. Aber mein Glaube ermutigt mich auch, meine eigenen Fähigkeiten ernst zu nehmen und sie (für andere) einzusetzen. Im Geben und Empfangen entsteht so ein Netzwerk, das mich mit anderen verbindet und das unser Leben reicher macht. Mal fällt mir das eine leichter, mal das andere. Ich bin gespannt, welche Herausforderung als Nächstes kommt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43418Wenn sie in der U-Bahn sitzen, schauen die meisten auf ihr Handy oder sie lesen Zeitung. Aber neulich saß eine Frau neben mir, die las in der Bibel. Die erste Seite hatte sie aufgeschlagen: Buch Genesis, 1. Kapitel. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie das macht. Hat sie die Bibel und vielleicht auch den Glauben erst ganz neu entdeckt, oder macht sie das oft und ist ganz vertraut mit den Texten der Heiligen Schrift? Lauter Fragen gingen mir durch den Kopf, Aber ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen.
Ich lese auch öfters in der Bibel, und die ersten Sätze sind mir sehr vertraut:
Bereschit bara Elohim et haschamayim we’et ha’arets…
Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr, und Finsternis lag über der Urflut und der Gottesgeist schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht und es wurde Licht.
Ich habe die Bibel für mich entdeckt, als ich noch ein Kind war. Wir hatten zu Hause eine Schallplattensammlung mit sämtlichen wichtigen Erzählungen der Bibel. Sie waren wie ein Hörspiel mit verschiedenen Sprechern und Musik inszeniert und ich habe diese Geschichten oft und oft gehört. Vor allem die Stimme Gottes war sehr eindrücklich für mich – ich habe sie noch heute im Ohr. Kraftvoll, väterlich und klar. Dieser Gott – so empfand ich es als Kind – stand weit über uns Menschen und zugleich waren ihm die Menschen wichtig. Dass er die Welt erschaffen hatte, bedeutete, dass ich in dieser Welt zuhause sein konnte. Es war ja seine Welt.
Ich bin dankbar, dass ich den Schatz biblischer Geschichten schon als Kind entdecken konnte und sie seither in mir trage. Natürlich ist im Laufe der Zeit vieles dazu gekommen an Wissen, an Reflexion, natürlich auch an Fragen. Die biblischen Texte sind Zeugnisse einer langen vergangenen Zeit. Vieles ist uns heute fremd und doch geht es um die Fragen, die Menschen immer beschäftigt haben: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Welche Kräfte bestimmen die Welt? Gibt es ein gutes Ende?
In der Bibel zu lesen, hilft mir, meine Erfahrungen und die Welt zu deuten. Mit der Bibel erscheint sie mir in einem besonderen Licht. Auch wenn mir vieles in der Welt Angst macht und Sorgen bereitet, ist sie Gottes Welt und bleibt deswegen für mich ein Hoffnungsort.
Wie es wohl der Frau in der Bahn mit dem Bibellesen ergeht? Ich weiß es nicht. Aber ich wünsche ihr, dass sie dabei für sich eine Lichtspur entdeckt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43417Zum Advent gehört für mich ein Adventskalender, der mir dabei hilft, mich auf Weihnachten vorzubereiten. Jeden Tag ein Gedanke, ein Bild, eine Geschichte oder auch eine süße Überraschung, die ich hinterm Türchen entdecken kann.
Besonders schön ist es, wenn der Kalender eine persönliche Note hat, weil er von jemandem für mich ausgesucht oder gestaltet wurde. Dann steckt in jedem Türchen die Geste: ich denk an dich. Und umgekehrt macht es auch Freude, so einen Kalender für jemanden zu machen. Das wissen nicht nur Eltern und Großeltern. Das ist auch unter Freunden schön, oder für größere Gemeinschaften.
Deswegen haben wir uns in meiner Gesamtkirchengemeinde dazu entschlossen, einen digitalen Adventskalender auf unserer Homepage zu gestalten. Neben einigen besinnlichen Texten war die Idee auch, sichtbar zu machen, wieviel Engagement es innerhalb unserer Gemeinden gibt und was alles getan werden muss, damit Weihnachten gefeiert werden kann.
So gibt es hinter den Türchen einiges zu entdecken: etwa Frauen, die Adventskränze flechten und den Gewinn ans Kinderhospiz stiften. Jugendliche, die sich als Nikoläuse für Familien zur Verfügung stellen. Kinder, die sich auf die Sternsingeraktion vorbereiten. Köchinnen und Köche, die zum gemeinsamen Essen für alle einladen, Kirchenchöre, die für ihren Auftritt proben….
Dabei geht es nicht nur um die „eigene“ Gemeinde, die man vielleicht kennt, sondern auch um die anderen drum herum. Es ist spannend mitzubekommen, was andere tun und so über den eigenen Kirchturm hinauszuwachsen.
Dieses Vorhaben hat uns deutlich mehr Zeit und Mühe gekostet als ursprünglich gedacht. Bis alle Beiträge zusammen waren, waren etliche Mails und Anrufe nötig, aber das hat mich auch in Kontakt gebracht mit Menschen, die ich bis dahin nicht gekannt habe. Es ermutigt mich immer in meinem eigenen Engagement, wenn ich andere treffe, die sich ebenfalls dafür einsetzen, dass unsere Welt menschlich wird und bleibt. Und die gibt es ja Gott-sei-Dank nicht nur in den Kirchen, sondern in vielen Communities.
Der Advent erinnert daran, dass Gott in unserer Welt ankommen will. Das ist für mich die Hoffnung, die all die großen und kleinen menschlichen Bemühungen um Mitmenschlichkeit und Solidarität, um Frieden und um Gerechtigkeit verbindet. Ich bin oft überrascht zu sehen, wie viele Ideen und Initiativen es gibt, manchmal ganz in meiner Nähe. In einer Zeit, die ja auch von vielen Ängsten geprägt ist, gibt mir das Hoffnung.
Ich will daher die kommende Adventszeit nutzen, um das Gute zu entdecken, das um mich herum geschieht – sei es hinter einem Türchen oder auch sonst.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43416Was mir gefällt an den langen Winternächten: Ich bin schon wach, wenn es Tag wird. Ich stehe im Dunkeln auf und kann bei klarem Wetter vom Fenster aus oder auf dem Weg zur Arbeit zusehen, wie das erste Licht der Sonne auf immer mehr Dächer und Fenster, Straßen und Bäume fällt und alles zu leuchten beginnt. Dann denke ich an eine Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann: „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein“. Und am allerschönsten: einen Sonnenaufgang unmittelbar mitzuerleben.
Neulich hatte ich dieses Glück. Und nicht ich alleine - auch eine Horde Grundschulkinder war dabei, zufällig bin ich in sie hineingeraten. Es war auf meiner morgendlichen Joggingrunde; ich biege gerade auf den im Osten über der Stadt liegenden Platz ein, da stürmen von der anderen Seite über eine Treppe die Kinder nach oben, erstaunlich wach auf ihrem Klassenausflug. Wir kommen im selben Moment auf der Mitte des Platzes an, und über dem Schwarzwald geht rund und golden die Sonne auf. Auf einmal stehen wir im Licht, die Kinder und ich, der Platz und die Bäume.
„Halleluja!“ ruft ein Junge aus der Gruppe, unbefangen und laut. Ein paar Kinder lachen.
Ich laufe weiter, der Sonne entgegen und mit diesem Halleluja im Herzen. Selber ist es mir nicht über die Lippen gekommen, dieses Wort zum Lob Gottes aus der hebräischen Bibel, aber nun, da es mir von diesem Jungen zugerufen worden ist, beflügelt es mich.
Halleluja. Ja! Die letzte Silbe ist im Deutschen eine wunderbare Bekräftigung und Zustimmung – im Hebräischen steht sie für den Gottesnamen. „Jahwe“ sagen manche, doch eigentlich wissen wir nicht genau, wie er ausgesprochen wird, der Name Gottes. Denn aus Respekt, aus Ehrfurcht sprechen jüdische Gläubige Gottes Namen nicht aus.
Und „hallel“ heißt Loblied, Jubelgesang – wie auf Deutsch das Stammeln und Lalleln sagt das Wort: so überwältigt bin ich, so beseelt, dass ich meine Gefühle kaum artikulieren kann. Da ist etwas so schön, dass es mich umhaut. Die Sonne geht auf, und ich bin dabei. Ich bin geflasht, plötzlich von einem Licht getroffen, warm, vielversprechend, verheißungsvoll. Morgenlicht leuchtet, ein neuer Tag beginnt.
„Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes“, heißt es in einem Psalm. Morgen, am 1. Advent, hat er seinen Platz im evangelischen Gottesdienst. Der Sonnenaufgang spricht zu mir: Gott stellt die Welt in ein neues Licht, verlässlich. Erleuchtet sie und mich auch heute wieder. Gott spricht nicht nur in Wörtern. „Es bricht an der schöne Glanz Gottes. Unser Gott kommt und schweigt nicht.“ Da will ich wach sein. Das will ich hören.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43343Jetzt im Herbst bieten mein Kollege Detlef und ich Wanderungen „in die Nacht hinein“ an. Drei Stunden gehen wir da mit einer Gruppe schweigend durch den dunklen Wald über Freiburg. Das Herbstlaub raschelt, mal spüren wir Regentropfen auf Gesicht und Händen, mal leuchten Mond und Sterne durch die Bäume.
Ich erlebe zweierlei: Ich bin ganz für mich – und ich fühle mich in der Gruppe geborgen.
Ich spüre, wie sich mit jedem Schritt meine innere Unruhe verläuft. Der ganze Alltagskram wird unwichtig, meine Glieder werden locker und müde. Schön finde ich dieses Dunkel, das mich leicht in die Nachtruhe finden lässt.
Ach, so könnte es bleiben, denke ich im letzten Augenblick, bevor ich einschlafe: Decke über den Kopf, und die kommenden nasskalten Tage einfach verschlafen. In einen tiefen, langen Winterschlaf eintauchen und erst in einer helleren Zeit wieder aufwachen. Manchmal träume ich davon: Der unfreundlichen Wirklichkeit den Rücken kehren und mich einfach gefangen nehmen lassen vom tröstlichen Dunkel des Schlafes.
Und ich vermute, so ist es auch Petrus gegangen. In der Apostelgeschichte lese ich: Petrus schläft tief und fest und mit großer Ruhe, geradezu selig. Dabei liegt er in einer Gefängniszelle. Als Jesus-Nachfolger ist er verhaftet worden, am nächsten Morgen droht ihm ein Prozess und womöglich eine harte Strafe. Wie kann einer da schlafen?
Da trat ein Engel des Herrn herein, berichtet die Apostelgeschichte [Kap 12], und Licht erhellte den Raum. Der Engel weckte Petrus mit einem Stoß in die Seite und sagte: »Schnell, steh auf!« Dabei fielen Petrus die Ketten von den Händen ab. Dann sagte der Engel: »Wirf deinen Mantel über und folge mir!« Und Petrus reibt sich die Augen und geht mit.
Ausgeträumt, mein Lieber, meine Liebe!, macht dieser robuste Engel dem Petrus und mir klar. Du bist befreit vom Unheil, vor dem du dich gefürchtet hast! Du bist frei für das, was vor dir liegt. Keine Angst also: Raus aus Schlaf und Traum, rein in den neuen Tag. Ja, es ist noch dunkel. Aber es wird heller werden. Raus darum aus der Jahresend-Depression, rein in die klare kalte Morgenluft. Mit dem Winter kommt Weihnachten. Engel sind in der Nähe, immer; aber besonders zur Weihnachtszeit.
Mein Engel im Dunkeln – das kann eine beherzte Stimme in mir sein.
Manchmal ist es auch ein Rotkehlchen vor dem Fenster, das mich von meiner Trägheit befreit, eine überraschende Nachricht im Radio oder die muntere Kollegin.
Ich werde wach und neugierig auf das, was mich heute erwartet. Ich glaube: ich bin behütet.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43342Es ist morgens kurz vor sieben; die Zeit, zu der ich meistens aufstehe. Und ich bin müde. Kopfschmerzen, Augenbrennen, alles fühlt sich dumpf und schwer an.
Mein Schlaf und ich, wir haben so eine On-Off-Beziehung. Und schuld daran bin jedenfalls nicht ich … Ich liebe ihn, meinen Schlaf, er ist mein Freund! Und ziemlich unzuverlässig. Mal kommt er abends genau dann, wenn ich auf ihn gewartet habe, nimmt mich in die Arme, ganz ruhig, ganz zart und warm und fest. Dann entspanne ich mich, schlafe ein - und sieben Stunden später, wenn der Wecker klingelt, ist alles gut. Ja, es gibt Nächte, da ist alles gut zwischen mir und meinem Freund, dem Schlaf.
Leider sind das nicht so viele, jedenfalls deutlich weniger als die anderen. In denen warte ich. Ich warte und wache. So ist das mit mir und dem Schlaf: ich bin glücklich, wenn er nachts da war. Oft fehlt er mir, bis ich morgens aufstehe, und die Welt ist überhaupt nicht in Ordnung - meine kleine genauso wenig wie die große ganze.
Dass Menschen sich nachts herumwälzen, ist nicht erst ein Thema unserer katastrophal beschleunigten Gegenwart. Und nicht schlafen können ist auch nicht einfach ein privates Problem; eine um sich greifende Schlaflosigkeit spiegelt, was gesellschaftlich aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wenn es außen still wird, wird’s innen laut. Die Nachrichten des Tages stecken als Unruhe in den Gliedern, ihre Bilder flackern im Herzen. Wir leben in einer unfriedlichen Welt, und sie lebt in uns im Dunkel der Nacht. Die private Not steht im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Krisen.
Davon erzählen Chatgruppen von Schlaflaboren und Texte der Bibel. Gott warum sind es so viele, die mich bedrängen?, bricht es aus jemand heraus, aufgeschrieben in Psalm 3, einem „Morgenlied in böser Zeit“. Sie sagen über mein Leben: das wird doch nie von Gott befreit. (Ps3,2a.3) Wenn ich das lese, denke ich: Ja, der kennt schlaflose Nächte, äußeren Unfrieden und innere Unruhe. Das sind Worte auch für meine Schlaflosigkeit. Ich suche weiter und finde in Psalm 4 den Satz: In Frieden kann ich mich niederlegen und einschlafen. Denn Du, Ewiger, lässt mich sicher wohnen, auch wenn ich allein bin. (Ps. 4,9). Das merke ich mir für den Abend als Gebet um himmlische Hilfe für mich und alle Schlaflosen in der beunruhigten Welt. Ich lege mich nieder und vertraue. Die Nacht geht vorüber, auch wenn mein Freund der Schlaf sich nicht blicken lässt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43341Es gibt nicht wenige Leute, die haben schon genug von Weihnachten, lange bevor es Weihnachten ist. Zu viel „Stille Nacht“ und „O, Tannenbaum“ schon im Vorfeld: in Fußgängerzonen, in Supermärkten und auf Weihnachtsmärkten. Zu viel über Balkone kletternde Nikoläuse. Zu viel Lichtgirlanden in den Vorgärten.
Ich kann sie gut verstehen. Ich mag ja auch nicht, wenn die Pointe einer Geschichte, schon lange bevor sie zu Ende erzählt ist, vorweggenommen wird. Bei Weihnachten scheint man sich daran gewöhnt zu haben, dass die Pointe bereits Wochen vor dem Fest abgebrannt wird wie eine Wunderkerze. So dass am Fest selber nur noch ein Häuflein Asche übrigbleibt. Und Erschöpfung lange vor den Feiertagen.
Ich versuche mich dem zu entziehen. Indem ich die alten Traditionen des Wartens ernst nehme. Und sie, wo es möglich ist, wiederbelebe. Den Adventskranz, auf dem – Woche für Woche - eine Kerze nach der anderen entzündet wird. Den Adventskalender, an dem sich - Tag für Tag - eine weitere Tür öffnet. Die Adventslieder, die mich ins Warten einüben. Später dann das Schreiben eines Wunschzettels, mit dem ich auf Überraschungen gefasst bleibe. Das Schmücken des Weihnachtsbaumes, der erst am Fest selbst zum Strahlen kommen wird. So bleibt meine Neugier ungestillt. Und gelassen verbindet sich meine Erwartung mit dem Geschehen der Heiligen Nacht.
Ich glaube nämlich, dass Warten Können verändert. Was ich erwarte, verändert meine Haltung. Von dem, was ich erwarte, strahlt etwas ab an Glanz und Vorfreude in meine Gegenwart. Aber eben so, dass keine Ermüdung und Übersättigung entsteht.
In einem alten Kirchenlied heißt es: „Wir warten dein, o Gottessohn, und lieben dein Erscheinen. Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen; du kommst uns ja zum Segen.“
Erwartungsvoll leben! Das ist für mich die Herausforderung. Nicht die Vorfreude abbrennen wie trockene Tannenzweige. Sondern so warten, dass sichtbar wird, worauf wir warten. Den Kopf nicht hängen lassen, wie es in dem Lied heißt. Sondern das Haupt erheben und nach vorne schauen.
Ich finde, das ist eine gute und passende Haltung - jetzt, wo die Adventszeit beginnt.
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