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SWR3 Gedanken
Die anderen haben irgendwie ihr Leben besser im Griff. Das denke ich mir wirklich richtig oft. Wenn ich sehe, wie gut andere Arbeit und Freizeit unter einen Hut bekommen. Ganz zu schweigen davon, wie es ist, auf Insta die Bilder und Reels von aktiveren oder gelasseneren Menschen zu sehen.
Ja, die anderen haben ihr Leben auf jeden Fall besser im Griff.
Ich weiß: Ich sehe nur Ausschnitte der Anderen, auch sie hadern und zweifeln. Und trotzdem: Während ich mich vergleiche, verliere ich langsam den Blick für das, was eigentlich da ist. Für meinen eigenen Rhythmus. Für das, was ich kann und habe. Für die Menschen und die Liebe, die sich in meinem Leben fest eingenistet haben.
Deshalb übe ich immer wieder, aus diesem ständigen Vergleichen auszusteigen. Nicht aus Überlegenheit, sondern aus Erschöpfung. Und dabei hilft mir besonders meine Freundin. Wenn wir zusammen sitzen, erzählen wir uns, was gerade wieder schiefgeht, und lachen gerne und verzweifelt drüber. Über unser Chaos und diesen Eindruck, dass alle anderen ihr Leben besser im Griff haben. Spoiler: Haben sie natürlich nicht. Oder nicht mehr als wir. In diesem Moment wird mir dann immer klar: Es ist gar nicht nötig, alles im Griff zu haben. Wichtig ist nur zu spüren: Ich bin gut so, mit all dem Chaos, das eben zum Leben dazu gehört. Ich bin genug.
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„Wenn es doch endlich wieder Frühling wird“ Das denke ich mir grad echt täglich. Die Tage sind meistens grau und der Blick in die Nachrichten macht so gar nichts heller. Aktuell habe ich einfach ne ganz schöne Durststrecke – in der Familie sind alle krank, mein Sozialleben liegt auf Eis und die Aufgaben stapeln sich wild.
„Ja, wenn es doch endlich wieder ruhiger, friedlich und warm wird. Dann geht’s mir besser, dann hab ich bestimmt mehr Energie, dann wird alles wieder leichter…“ Das hoffe ich zumindest.
Und dabei merke ich: Ich knüpfe meine Hoffnung an Bedingungen. Und das möchte ich auf gar keinen Fall!
Was mir in solchen Durststrecken hilft, ist der Psalm 23. Der beschreibt Gott als einen Hirten; einen treuen Begleiter, der mich über jeden Wegabschnitt meines Lebens hinweg begleitet – ausnahmslos. Auf den ersten Blick ist es ein ganz schön kindlich-naives Bild – dass Gott uns als guter Hirte wie kleine Schäfchen hütet. Aber der Psalm erzählt uns noch viel mehr: Dass, wie finster es auch ist, er da ist und mich tröstet. Was mir daran so gefällt: Gott schreibt mich NICHT ab. Er vertröstet mich auch nicht billig auf ein später. Kein „bald wird’s besser“, kein „irgendwann scheint auch wieder die Sonne, warte nur“. Sondern sieht mich, meine Situation und spricht mir zu: Egal, wie es grad läuft, was grad bei dir abgeht, ich bin da. Und du bist nicht allein.
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„Ach, diese Wokeness…“ Kaum ein Wort rollt aktuell so genervt über die Zungen wie der Begriff Wokeness. Für viele ist dieser Begriff mittlerweile ein Schimpfwort – und wird tragischer Weise für alles und alle benutzt, die sich für Menschenrechte, Minderheitenschutz oder soziale Gerechtigkeit einsetzen
– gern verbunden mit Bildern von „arroganten“, „linken“, „versifften“ Eliten. Das ist nicht nur verzerrend, sondern historisch falsch.
Denn „woke“ stammt aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1930er-Jahre und bedeutet schlicht: wach sein. Wach für Unrecht. Wach für Diskriminierung. Wach für die Realität von Menschen, die nicht gehört werden. Es ging darum, nicht wegzusehen, wenn andere systematisch benachteiligt werden.
Aus christlicher Perspektive ist genau das kein modischer Trend, sondern ein Kernanliegen des Glaubens. Die Bibel ist voll von Aufforderungen, hinzusehen, zuzuhören und Partei zu ergreifen: für die Armen, die Fremden, die Ausgegrenzten. „Wach sein“ heißt im christlichen Sinn: das Leid anderer nicht zu relativieren, sondern ernst zu nehmen.
Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort, wo Weltpolitik endet: im Alltag. Beim Zuhören. Wenn Menschen von Alltagsrassismus erzählen – davon, ständig angestarrt, angesprochen oder auf ihr Aussehen reduziert zu werden. Dann geht es nicht darum zu diskutieren, ob das „wirklich so schlimm“ ist. Sondern darum, ihre Erfahrung ernst zu nehmen. Wach zu bleiben. Nicht abzustumpfen. Das ist keine Ideologie – das ist Verantwortung.
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Diesen Sommer war ich viel mit dem Fahrrad unterwegs. Unter anderem in Holland. Was mir dort auffällt: An jeder Ampel gibt es einen Countdown. Der zählt die Zeit runter, bis es grün wird und ich mit dem Fahrrad weiterdüsen darf: Ich kann zuschauen, wie die grüne Ampel immer näher rückt.
Irgendwie beruhigt mich das. Denn Warten kann ich gar nicht gut. An der Supermarktkasse ist es okay — da schau ich zur Ablenkung aufs Handy. Aber wenn beim Arzt unklar ist, ob alles ok ist mit meinem Körper oder ich behandelt werden muss. Dann drehe ich innerlich fast durch. Dann fühlt Warten sich für mich an wie Ohnmacht: Ich kann in dem Moment nix machen. Und das macht mich wütend.
Was ich inzwischen gelernt habe: Wut ist meistens ein Zeichen, dass mir etwas wichtig ist – und ein Signal, dass es gut wäre, jetzt die Kontrolle abzugeben. Das gelingt mir nicht immer. Dann schreie ich ins Kissen, bete oder schreibe alles auf, was mir durch den Kopf geht. Das hilft: Gefühle rauslassen. Um dann – langsam – zuzulassen, dass ich nichts machen kann.
Wenn ich mal wieder auf was warte, zähle ich runter — nicht die Sekunden an der Ampel — sondern meine eigenen, bis ich ruhig werde. Und dann wird das Warten zu einer Pause für mich. In der ich atme, Wut zulasse und sich womöglich etwas ordnet. Und ich dann gestärkt weiterdüsen darf.
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„Seid ihr auch alle brav gewesen?“ So begrüßt der Nikolaus jedes Jahr bei uns im Viertel die Kinder. Die Kinder stehen dann ganz aufgeregt da: Herzklopfen, leise Kicherer, manche gucken verstohlen auf ihre Hände – haben sie vielleicht doch einen kleinen Streich gemacht?
Als Kind habe ich genau das selbst auch erlebt: diese Mischung aus Spannung, Freude und einem Hauch Angst. Seid ihr auch alle brav gewesen? Klang damals wie heute für mich nach: Macht ihr auch das, was Erwachsene von euch erwarten? Ich finde das unpassend, wenn ein fremder Nikolaus sowas Kinder fragt. Denn der echte Nikolaus damals, der Bischof vor anderthalbtausend Jahren, der Menschen freikauft, Armen hilft und gegen Unrecht handelt, der hat das nie gefragt. Seine Geschenke waren keine Belohnung fürs Bravsein, sondern für die, die es schwer haben, für die, die nicht in die Norm passen, für die, die mutig sind.
Vielleicht ist das die Botschaft, die uns Nikolaus heute erzählt: Heilig sein heißt ganz oft, nicht brav, sondern mutig zu sein. Nicht nur das zu tun, was von einem erwartet wird, sondern für andere einzustehen, für Gerechtigkeit, für Menschlichkeit.
Daran ich denken, wenn ich heute Abend die Stiefel meiner Kinder fülle: dass ich sie nicht fülle, weil sie „brav“ sind, sondern dafür, dass die beiden mutig sie selbst sind. Und ich finde, das kann auch ein Nikolausgedanke für alle sein, die heute Abend einen Stiefel füllen: für die, die kleine oder große Wege gehen, um Gutes zu tun, auch wenn es niemand sieht.
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Mein Opa ist ein geselliger Mensch gewesen. Einer, der sich im Brauhaus zuhause gefühlt hat: zwischen Stimmengewirr, Gelächter und dem Klang von Gläsern. Er hat laut diskutiert, viel gelacht und die Gemeinschaft geliebt. Als Kind habe ich ihn oft dort erlebt. Er ist Bauingenieur gewesen und hat am Abend alle Leute bei deftigem Essen zusammen an einen Tisch gebracht. Wie anstrengend der Tag auch gewesen ist, er hatte die Gabe, alle zum Lachen zu bringen. Deshalb sitze ich auch heute noch gerne in so einem Brauhaus. Ich schaue den älteren Leuten zu, wie sie reden, lachen, einfach zusammen sind – und denke an ihn. Dort, mitten im Leben, spüre ich die Sehnsucht nach meinem Opa besonders. Weil ich mich ihm dort ganz nahe fühle.
Trauer sucht sich solche Orte. Orte, die nicht unbedingt leise oder feierlich sein müssen. Für viele ist der Friedhof ein guter Platz. Ich merke: Meine Trauer braucht auch Raum im Alltag – genau dort, wo mein Leben stattfindet. Dort, wo ich Erinnerungen teile mit meinen geliebten Verstorbenen.
Denn ehrlich gesagt fällt es mir schwer, im Alltag überhaupt traurig zu sein. Ich gestehe mir das oft nicht ein, weil ich ja gut funktionieren will – meinen Job gut machen, zu Hause danach schauen, dass alles läuft. Trauer macht mich langsamer, verletzlich. Und genau deshalb schiebe ich sie manchmal gerne einfach zur Seite. Dabei ist es mir so wichtig, auch mal richtig traurig sein zu können.
Deshalb braucht meine Trauer ihren Ort, ihren Moment, ihren Platz – mitten im Leben. So wie ich ihn manchmal im Brauhaus finde, wenn ich an meinen Opa denke.
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„Provozieren, das ist wie ein Orgasmus.“[1] Das sagt ein Mann, der im Internet als Troll unterwegs ist. Er beleidigt, hetzt, macht andere wütend – und genießt genau das Gefühl, wenn Menschen verletzt werden und ausrasten. Ich finde das erschreckend. Dass Wut für manche zur Befriedigung werden kann.
Trolle sind wie Hacker unserer Gefühle. Sie greifen uns dort an, wo wir empfindlich sind. Und wenn wir aufspringen, haben sie gewonnen. Wenn mich jemand beleidigt, egal ob analog oder digital, dann fällt es mir total schwer, ruhig zu bleiben. Aber vielleicht ist genau das der erste Schritt: ruhig zu bleiben. Nicht, weil mir alles egal ist, sondern weil ich mich nicht manipulieren lassen will.
Und dann: Haltung zeigen. Ohne Aggression, mit Grenzen. Sachlich und ruhig. Aber deutlich. Hass im Netz ist laut, aber er kommt meist nur von wenigen. Die vielen, die anders denken, sind oft mehr – aber sie bleiben still.
Vielleicht liegt genau darin die Verantwortung, wenn mir Hass im Netz begegnet: diese leisen Stimmen zu stärken. Mit Worten, die aufklären statt verletzen. Mit Geduld, Respekt und Nächstenliebe. Uns nicht vom Hass anstecken lassen, sondern bewusst entscheiden, wie wir reagieren.
Denn Nächstenliebe bedeutet in diesen Fällen, sich nicht provozieren zu lassen – und trotzdem nicht wegzuschauen. Sie heißt: den Menschen sehen, auch wenn sein Verhalten abstößt. Für Wahrheit und Fairness einstehen, ohne selbst unfair zu werden.
So schützen wir uns selbst – und gleichzeitig das Miteinander. Damit das Netz nicht nur laut ist, sondern menschlich bleibt.
[1] Aus: „Hass im Netz. Ich bin der Troll“, erschienen am 8.9.2014 in der FAZ
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Ich sehe auf Insta ein Foto von einer Parkbank. Auf der Rückenlehne steht: „Für Thomas. Damit er immer einen Platz auf dieser Erde hat. Und damit alle, die ihn kannten, einen Ort haben, wo sie ihm nah sein können.“ Seine Freundinnen und Freunde haben die Bank gekauft und das drauf geschrieben. Thomas war jung, viel zu jung, als er gestorben ist. Und trotzdem ist da jetzt etwas, das bleibt: ein Platz zum Erinnern. Zum Innehalten. Zum Weiterreden. Denn manchmal hilft genau das – sich hinzusetzen und leise weiterzusprechen. Als wäre er noch da.
Wie gut, dass es diese Parkbank gibt. Weil Trauer oft sprachlos macht. Weil wir nicht wissen, wohin mit all dem, was wir noch sagen wollen. Diese Bank ist ein Ort dafür. Ein Ort, an dem Erinnerungen Platz haben dürfen. An dem seine Freundin Platz nehmen kann, um sich ihm näher zu fühlen. Oder seine Kumpels sich treffen, um gemeinsam an ihn zu denken. Eine Bank, an der, was war, nicht einfach vergeht. Wo Menschen sich gegenseitig erzählen können, wer Thomas war, was er geliebt hat, wie er gelacht hat.
Und vielleicht spürt man dort auch etwas von dem, was bleibt, wenn Worte fehlen – dieses leise Gefühl von Nähe, das sich nicht erklären lässt. Vielleicht ist genau dort auch Gott: Wo Menschen sich hinsetzen, um zu erinnern, um zu lieben, um nicht zu vergessen. Da ist Leben. Da ist etwas Heiliges.
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Hand aufs Herz: Wer hat bei Ihnen zu Hause den Adventskalender gefüllt? Wer backt die Plätzchen, organisiert das Weihnachtsfest, denkt an Nikolaus, Geschenke, Deko und Essen? Wenn Sie jetzt an eine Frau denken, dann liegen Sie wahrscheinlich richtig. Denn in vielen Familien sind es immer noch die Frauen, die im Dezember den Überblick behalten – und dafür sorgen, dass alles läuft. Advent – das ist ja eigentlich die Zeit der Besinnung. In Wirklichkeit ist es aber für viele die Zeit der Belastung. Weil alles schön werden und niemand enttäuscht werden soll. Weil so viele Erwartungen mitschwingen.
Vielleicht ist es an der Zeit, den Advent neu zu denken. In zweierlei Hinsicht: Als Zeit des Loslassens – und des Übernehmens.
Loslassen heißt: Ich muss nicht alles perfekt machen. Nicht jedes Geschenk, nicht jedes Menü, nicht jede Stimmung. Ich darf auch mal was vergessen, darf müde sein, darf’s einfacher halten. Weil Advent nicht bedeutet, alles zu schaffen – sondern offen zu sein für das, was kommt.
Und Übernehmen heißt in diesem Jahr: Ich schau hin, wer bei uns die meiste Last trägt. Und frage: Wo kann ich mit anpacken? Vielleicht heute mal die Plätzchen backen, das Geschenk besorgen, oder einfach sagen: „Lass, ich mach das.“
Echte Besinnung passiert nicht zwischen Geschenkpapier und Lichterglanz, sondern da, wo wir fairer miteinander umgehen. Wo jemand spürt: Ich muss das hier nicht alles allein tragen. Oder: Ich sehe, wieviel du machst und packe nun auch mit an.
Advent heißt ja: Warten – auf jemanden, der die Welt ein bisschen besser macht. Und das beginnt mitten unter uns.
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Bei uns zieht jedes Jahr am ersten Advent jemand ein. Eine Wichtelin. Sie heißt Alva. Und sie bringt ihre eigene Tür mit, einen winzigen Briefkasten und sogar einen Mini-Vorgarten. Schon Wochen vorher haben meine Kinder Postkarten an sie geschrieben: „Liebe Alva, ziehst du dieses Jahr wieder bei uns ein?“
Heute war’s soweit. Die Tür hängt. Alva ist zurück. Und ab jetzt schreibt sie jeden Tag kleine Briefe. Manchmal mit Quatsch, manchmal mit kleinen Aufgaben oder Geschichten. Und ganz nebenbei hilft sie uns Ungeduldigen, auf Weihnachten zu warten.
Klar, das ist keine klassische Weihnachtstradition. Und mit Jesus hat das auf den ersten Blick auch nicht viel zu tun. Aber nur auf den ersten Blick.
Denn Alva macht genau das, was Advent eigentlich bedeutet: Sie schafft Erwartung. Sie schenkt uns kleine Momente der Vorfreude, indem sie meine Kinder zum Lachen bringt. Abends legen die Kinder ihr kleine Briefe in den Briefkasten; und morgens stürmen sie als erstes ins Wohnzimmer um zu sehen, was Alva ihnen für eine Tagesaufgabe gibt: Aufschreiben, was sie alles Tolles am Tag erleben, jemandem ein Kompliment machen oder einfach mal laut einen Witz in der Schule erzählen. Die Wichtelin macht unseren Advent zu einem Ausnahmezustand. Und der heißt: Leben schätzen und lieben lernen.
Meine Kinder wissen übrigens, dass es Alva in echt gar nicht gibt. Sie wissen, dass Mama und Papa dahinterstecken. Und sie wissen auch, worum es an Weihnachten wirklich geht: Dass manchmal etwas ganz Kleines kommt – still, unscheinbar – und plötzlich wird alles heller. So wie durch eine kleine Tür, die sich öffnet und Hoffnung hereinlässt.
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